16.5.25

Rutschpartie

Der gute E. Für einen Chorherrn und Professbruder war es unüblich, ja fast schon unschicklich, auf die Kutsche beim Reisen zu verzichten und selbst ein Pferd zu besteigen. Er hatte aber die zwei Reittiere, eines für sich und eines für seinen Lübecker Schüler und Bediensteten, tapfer erstritten von der Herrin von Verre, die, wie er noch immer hoffte, seine Mäzenin werden und ihm ein unbeschwerteres Leben in den kommenden Jahren sichern sollte. Für den Weg von Paris zu ihrem Schloss südlich von Calais hatte sie ihm aber zuerst ein so geringes Reisegeld zukommen lassen, dass es nicht einmal für einen Fussmarsch gereicht hätte. Dazu kam ihr Bote mit nur einem Reittier an, einem ehemaligen Mietpferd, das sie unverschämt billig hatte kaufen lassen. Es lahmte und sein struppiges Fell zeugte von jahrelanger schlechter Behandlung. E weigerte sich unter diesen Umständen, dem Ruf der Fürstin Folge zu leisten und bat seinen Freund Batt, der ihr als Sekretärin diente, für den Antritt seines Dienstes mehr zu fordern. Mit angemessenem Reisegeld und zwei akzeptablen Pferden machte sich E schliesslich im Januar 1499 mit seinem jugendlichen Begleiter auf den Weg nach Norden. Dass er auf seiner ersten längeren Reise zu Pferd in die schlimmsten Winterstürme seit Menschengedenken geraten würde, wusste er zu Beginn der kommenden vier Tage nicht. An seinen Freund Montjoy schrieb er später:
Endlich sind wir da! Und dazu mit heiler Haut, obwohl sich alle Götter des Himmels und der Unterwelt gegen uns verschworen hatten. Was für eine grässliche Reise, die Taten von Herkules und Odysseus waren ein Dreck dagegen! Juno hat den Windgott gegen uns aufgehetzt – sie hasst die Dichter wirklich! – und der wütete gegen uns mit allem, was ihm zur Verfügung stand: schneidende Kälte, Schnee, Hagel, wolkenbruchartiger Regen, Nebel. Kurz: mit geballter Gewalt! In der ersten Nacht machte nach langem Regen ein plötzlich einsetzender Frost die Wege ganz holperig. Eine Unmenge Schnee kam dazu, dann Hagel, dann Regen, der sofort zu Eis wurde, sobald er den Boden, die Pflanzen oder unsere Kleider berührte. Unsre Mäntel wurden steif wie Baumrinde. Die Erde wurde von einer dicken Eiskruste überzogen, die aber nicht glatt war, sondern nur so starrte von scharfen Spitzen und Buckeln. Die Bäume waren dick glasiert. Sie bogen sich unter dem Gewicht, vielen wurden die Äste abgerissen, die Stämme gespalten oder sie lagen gar ganz entwurzelt da. Wir trafen alte Bauersleute, die schworen, so etwas in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen zu haben. Unsere Pferde mussten sich durch tiefe Schneemassen kämpfen, dann wieder durch vereistes Gebüsch. Der Boden unter ihren Hufen war bösartig und gefährlich. Bald rutschen sie unversehens nach irgendeiner Seite aus, bald brachen sie durch die scharfkantige Oberfläche und holten sich blutende Wunden an den Fesseln.
Wie meine Stimmung dabei war? Die eines verdatterten Reiters auf einem verdatterten Pferd! An der Bewegung der Ohren erkannte ich seine Angst, die sich auf mich übertrug und mir das Herz puppern liess. Ich musste an Bellerophon denken, wie er von Pegasus abgeworfen worden war, und verwünschte meine Vermessenheit, mit der ich mich und meine ganze Wissenschaft einem armen stummen Tier anvertraut hatte.
Sed audi quiddam, quod tu credes ex veris Luciani narrationibus petitum, ni mihi ipsi Batto teste accidisset. – Aber höre nun etwas, von dem du glauben würdest, es sei direkt den «Wahren Geschichten» Lucians entnommen, wenn es mir – Batt ist mein Zeuge! – nicht selbst passiert wäre.

Wir stellen uns also vor: eine Filmszene. Eine Mischung aus Fellini, Tarkowski und Angelopoulos. Zuerst White out, die ganze Leinwand weiss, dazu das Heulen und Sausen des Sturmwinds. Als man sich schon fragt, ob nichts weiter passiere, kollert von links ein abgerissener schwarzer Ast ins Bild, bleibt zitternd hängen, bis ihn der Wind kippt und er wieder aus dem Bild gefegt wird. Da wieder alles weiss ist, merkt man zuerst nicht, dass die Kamera ganz langsam nach oben schwenkt und sich eine Art Horizont vom oberen Bildrand gelöst hat, gegenläufig zur Kamerabewegung nach unten sinkend. Eine Hügellinie, über der es – man fragt sich, wie es möglich ist – noch weisser ist. Darauf ein paar schwarze Brosamen. Nichts geschieht, dann Schnitt. Die Brosamen sind zu schwarzen Fetzen geworden, die sich langsam voneinander lösen und sich nun als zwei Pferde und zwei Menschen erkennen lassen. Die Reiter tragen weite schwarze Mäntel, die wie Fahnen im Wind ausschlagen. Die Männer sind offenbar abgestiegen und versuchen sich mit Gesten zu verständigen. Der Lärm des Sturms ist noch lauter geworden. Die Pferde haben sich dicht aneinandergedrängt und dem Wind ihre Hinterteile zugedreht. Schnitt. Nahaufnahme des Gesichts des einen Reiters, von dem man aber nur die zusammengekniffenen Augen und die spitze Nase sieht. Er trägt eine Mütze mit Ohrenklappen, die er tief in die Stirne gezogen hat, der Mund ist von einem Schal bedeckt. Ein Fausthandschuh schiebt sich von unten ins Bild, der Mann zieht sich den Schal nach unten und bewegt den Mund. Man hört, dass er seinem Begleiter etwas zurufen will, die Worte sind aber abgerissen und unverständlich. Die Kamera schwenkt und folgt seinem Arm, den er ausstreckt und mit dem er auf etwas zeigt. Erst jetzt lässt sich die Topografie der Umgebung lesen. Die Männer stehen auf einer Hügelkuppe, davor senkt sich eine weite Mulde. Weit entfernt ist im Nebel ein Schloss in der Senke zu erkennen, seitlich führt eine Pappelallee darauf zu, dahinter, als dunkler verschwommener Streifen, ein Wald. Schnitt. Man sieht den Mann, der versucht hat, sich verständlich zu machen, aus Sicht des Begleiters, dessen Kopf und Schultern im verlorenen Profil von links ins Bild ragen. Der Blick der Kamera geht über die Kuppe des einen Pferdes hinweg. Der Mann mit der Kappe hat uns den Rücken zugedreht. Man sieht, wie er unter den Sturmböen schwankt und Halt sucht, indem er sich mit seiner Rechten auf einen krummen Stock stützt. Mit der anderen Hand zeigt er auf das Schloss, dreht dem Begleiter nun den Kopf zu und versucht wieder, etwas zu sagen. Wegen der Drehung rutscht er plötzlich aus und verschwindet nach unten aus dem Bild. Schnitt. Der Mann sitzt auf seinem Hintern, den Mantel wie eine Schleppe um sich ausgebreitet. Jetzt wird er vom Wind erfasst und den Hang hinunter davongetrieben. Man hört einen Schrei. Ist er Ausdrucks seines Schreckens, oder ein Jauchzer? Er wird schnell kleiner und kleiner, aber man erkennt noch, dass er den Stock nun mit beiden Händen hält und als Steuerruder und Bremse benutzt. Dann ist er so klein geworden, dass man ihn nicht mehr sieht.