30.10.26

Pfingsten

Der Kreis von Menschen, mit denen Ben es in seiner dreijährigen Lehrzeit zu tun hatte, war beschränkt, nicht nur in der Zahl, sondern auch in dem, was man mit anderen teilte. Er hatte gelernt, manche seiner Beobachtungen und Gedanken für sich zu behalten. Ein Beispiel dafür war sein Eindruck, dass sich die Zeit beim Fahren auf dem Fluss eigentümlich verhielt. Vielleicht gab es dort die Zeit gar nicht. Es lebte, wie er beobachtet hatte, seit einer Weile eine kleine Eidechse auf ihrem Schiff. Wann und wie sie vom Land dorthin gelangt war, wusste er nicht. Sie musste über eine Planke spaziert sein, oder auf einem Drahtseil hinüber balanciert, vielleicht auf der Jagd nach Ameisen. Die Eidechse sah man nur, wenn die Arbeit an Deck keine lauten und plötzlichen Geräusche erzeugte. An die dauernde Vibration und das tiefe Brummen der Maschine oder das Schnurren des Generators schien sie sich gewöhnt zu haben. Er traf sie zuweilen an, wenn sie sich an einem ruhigen Plätzchen in der Sonne auf die Temperatur aufwärmen liess, die ihr die schnellen Bewegungen für die Jagd auf Insekten oder die Flucht vor den drei auf dem Schiff lebenden Menschen erlaubte. Vor ihm, dem Fast-Matrosen, Lehrling im dritten Lehrjahr; vor Richie, dem ehemaligen Heimjungen, der als Schmelzer erst angefangen und noch fast alles zu lernen hatte; schliesslich vor Émile Urban, dem über sechzigjährigen Ablöser-Kapitän, einem knorrigen, etwas einsam wirkenden Mann, mit dem Ben aber gut zurechtkam. Wenn er das kleine Tier sah, dachte er, dass es wohl nichts von der Reise begriff, auf der sich sein neuer Lebensraum befand. Und nicht einmal er, der von ihren Bewegungen auf den achthundertfünfzig Flusskilometern zwischen Rotterdam und Basel ziemlich genaue Kenntnisse hatte, konnte wissen, ob sich der Ort, an dem die Echse aus dem Ei geschlüpft war, von ihnen weg oder auf sie zu bewegte. Alle diese vorüberziehenden Orte – wer zog an wem vorüber? Das Schiff an der Landschaft oder umgekehrt? – schienen eine eigensinnige, den auf dem Fluss Fahrenden erst beim Anlegen zugängliche Existenz zu besitzen, ja vielleicht sogar eine eigene Zeit. Man konnte sich einbilden, dass alles, was man von weitem am Ufer erblickte, was unter fliessend wechselndem Winkel näherkam, einen unbestimmten Moment lang wie ein Bild frontal vor Augen lag und sich dann wieder entfernte, dass diese Hügel, Bäume, Häuser mit Vorgärten, die Anlegestellen, Kiesbänke und Schilfdickichte, die Industrieanlagen und Häfen, aber auch alle Menschen mit ihren kurz aufscheinenden Beschäftigungen noch lange nach der Begegnung, vielleicht für immer unverändert, genau gleich dort verharrten. So wäre die kleine Eidechse, die sich dazu entschieden hatte, auf ihre fahrende Welt zu klettern, an ihrem Heimatufer ewig jung geblieben. Wenn man sich aber vorstellen konnte, dass die Zeit am Ufer stillstand, oder sich in einer kurzen Schlaufe ewig wiederholte, dann waren ihr auch gröbere Kapriolen zuzutrauen, sobald man sich nicht auf gleicher Höhe befand und hinschaute, oder anhielt und vor Anker ging. Während man auf dem Schiff in einer eigenen, durch etliche Uhren bestätigten Zeitkapsel dahinglitt, im Rhythmus der Wachen, der abzuarbeitenden Aufträge und Pflichten, im nie endenden Lärm der Maschinen und Werkzeuge, dem Hin und Her auf dem Gangbord, mal mit, mal gegen die Fahrtrichtung, dem Auf und Ab zwischen dem Dunkel des Schiffsbauchs und der Helligkeit des Decks, akustisch begleitet von Befehls- und Verständigungsrufen, aus dem Kofferradio plärrenden Melodien und Nachrichten, spielten die Uhren an Land vielleicht verrückt und liessen alte Zeiten zurückkehren. In Remagen, wo sie bald anhalten und den Kapitän an Land gehen lassen würden, damit er über die Pfingsttage mit dem Zug ins Elsass fahren und seine Familie besuchen konnte, wäre zum Beispiel bis zu dem Moment, wo sie bei Unkel um die Kurve kämen, noch die im letzten grossen Krieg so umkämpfte Brücke zu sehen, wie im Film, den Ben einmal gesehen hatte. Oder, nach ihrem Einsturz, die verbogenen Reste der Eisenkonstruktion, die den Fluss versperrten. Und auf dem linksrheinischen Schwemmland gleich unterhalb sähe man die zwei riesigen Elendslager für die deutschen Kriegsgefangenen, die über diese Brücke getrieben worden waren, als sie noch stand, die aber schon nach kürzester Zeit wieder verschwanden wie ein Spuk. Vielleicht spränge die Zeit auch in die Zukunft und es kämen Kiesbänke zum Vorschein, und wären sogar begehbar, die normalerweise metertief unter Wasser lagen, genau hier aber von einer nie dagewesenen Dürre zeugten, oder von einem missratenen Eingriff der Wasserbau-Ingenieure. Solche Flausen bevölkerten manchmal seine Gedanken, wenn er fuhr. Aber jetzt, wo sich das Landemanöver näherte und er den Anker vorzubereiten hatte, schob er sie zur Seite und richtete seinen Blick auf das Ufer, mit dessen Zeit und Raum sich die des Schiffs bald vereinen würde, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Es herrscht Hochdruckwetter an diesem zweitletzten Maitag des Jahres 1982. Es ist so angenehm warm, dass Ben und Richie mit nacktem Oberkörper arbeiten. Der Rhein glitzert in der Nachmittagssonne und zeigt sich auch vom Pegel her von seiner freundlichsten, durchschnittlichsten Seite. Das Schiff hat bergwärts fahrend die zwischen Kilometer 640 und 636.5 genau von Nord nach Süd verlaufende Strecke hinter sich gebracht, auf welcher der Strom die Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz überquert, danach zu Beginn der langgestreckten S-Kurve zwischen Unkel und Remagen den ruhigeren Teil der Fahrrinne gesucht, um Energie und Treibstoff zu sparen. Nach Bonn hat der Schiffsführer das Steuer wieder von Ben übernommen. Die Fahrt entlang der Unkeler Kiesgründe bringt der Alte ohne Geräusche aus der Tiefe des Schiffsbodens hinter sich, was man seiner Erfahrung und dem Umstand zuschreiben kann, dass sie noch nicht vollgeladen haben. Dann, in der Mitte zwischen den Flussbögen, wo das Ende des Schwemmlandes, auf dem Unkel liegt, sich mit dem des gegenüber liegenden, zu Remagen gehörenden überschneidet, lässt er zweimal kurz das Horn ertönen, setzt dann das Schiff auf die andere Seite und kreuzt dabei die Hauptströmung, die sich von einem Prallhang, von den Basaltfelsen beim Schloss Marienfels, zum nächsten beim Erpeler Ley und Kasbach abstösst. Der Schiffsführer hat bekannt gegeben, im ruhigen Wasser zwischen den Kiesbänken und der Fahrrinne, auf Höhe von Kilometer 630, vor Anker gehen zu wollen.
Der Kapitän hat jetzt die Höhe der von ihm ausgesuchte Stelle erreicht, sie fahren etwa sechzig Meter vom Ufer entfernt. Er drosselt langsam den Motor herunter, bis das Schiff über Grund stillsteht. Mit eingeübten Handzeichen arbeitet er sich nun durch das Manöver, für das er Ben braucht, einen erfahrenen Mann auf dem Vorschiff. Als dieser den erhobenen Daumen des Kapitäns gesehen hat, löst er behutsam die Bremse und lässt die Kette herunterrasseln, wobei er genau beobachtet, wann ihre Spannung nachlässt. Als sie den Flussboden erreicht hat, gibt er ein Zeichen zur Brücke hin, worauf der Kapitän das Schiff mit noch weiter zurückgenommenem Vortrieb langsam rückwärts treiben lässt. Ben achtet darauf, dass die Kette rasch genug abgespult wird und sich mit ihrem ganzen Gewicht auf die Flusssole legt, damit sie den Anker nicht nach oben, sondern flach über den Grund zieht, wo er sich eingraben soll. Sobald er fasst, gibt es einen sanften Ruck, bevor das Schiff erneut stillsteht und sich in der Strömung, «in seinem Bett» einrichtet. Er weiss, dass Urban die Maschine zur Sicherheit noch ein paar Minuten weiterlaufen lassen und dazu verschiedene senkrechte Objekte auf dem Schiff – den nahen Fensterrahmen, einen weiter weg stehenden Flaggstock ¬– mit dem Ufer vergleichen wird, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht mehr bewegen. Er wartet auf sein erneutes Zeichen und hängt dann den Stopper in die Kette ein, um die Winde vom Zug zu befreien. Als dies geschehen ist, signalisiert er zur Brücke, dass Urban die Maschine abschalten kann. Einen Moment lang ist es still, dann hört man, dass Richie den Stromgenerator angeworfen hat.
Nun kann es dem Alten plötzlich nicht schnell genug gehen, an Land zu kommen. Die gepackte Tasche stellt er nicht einmal mehr ab, als er ihnen seine Anweisungen für die nächsten drei Tage erteilt. Die meisten betreffen Selbstverständlichkeiten, die man ihm, dem kurz vor dem Abschluss der Lehrzeit Stehenden, nicht mehr sagen muss. Sie werden ermahnt, beim Eindunkeln das Ankerlicht zu setzen, das Schiff niemals alleine zu lassen, begonnene Reparaturen zu Ende zu führen, das Beiboot sicher zu befestigen, und anderes mehr. Er werde am Montag zurücksein, dann fahre man gleich weiter. Als er fertig ist, hängen sie die eiserne Leiter in die Bordumrandung ein und lassen das Boot hinunter. Richie bugsiert es mit der Leine an die richtige Stelle und fixiert es, sodass zuerst Ben, und als dieser richtig sitzt und die Riemen eingehängt hat, der Kapitän einsteigen kann. Die Strömung zwischen Schiff und Ufer ist nicht stark, sodass sie mit schräg dagegen gestelltem Bug das Ufer fast auf gleicher Höhe erreichen. Ben setzt es mit zwei kräftig abschliessenden Zügen in den Kies, zieht die Ruder ein, schlüpft aus Schuhen und Socken und steigt aus, um das Boot noch weiter ans Ufer zu ziehen und dem Alten nasse Schuhe zu ersparen. Dieser macht sich, nach einem kurzen «Bis Montag!», sofort mit eiligen Schritten auf den Weg zum Bahnhof.
Die Hühner sieht Ben bereits jetzt. Dicke, schwarze Tupfer, verteilt auf einer Wiese jenseits des Uferwegs, und mitten drin, hochgereckt, der Hahn. Wem sie gehören, ist unklar. Er sucht die einzeln nebeneinanderstehenden Häuser ab nach einem Stall und meint, ihn etwas rheinaufwärts neben einem mit grobem grauem Verputz und einem mützenartigen Dach entdeckt zu haben. Seine Füsse sind kalt, deshalb geht er zum Boot zurück und schiebt es aus dem Kies zurück in den Fluss. Als er wieder in Socken und Schuhe geschlüpft ist, ergreift er beide Rudergriffe und stellt die Blätter für den ersten Zug rechtwinklig ins Wasser. Dabei kommen ihm die kreuzweise ausgelegten Brotstücke in den Sinn, mit dem Buschs Max und Moritz die Hühner der Witwe fingen. Er muss immer wieder den Kopf wenden, um die Richtung zum Schiff zu korrigieren, deshalb bekommt er nicht mehr den ganzen Streich zusammen, kann aber das Bild der beiden Strolche heraufbeschwören, wie sie nach dem Schmaus mit runden Bäuchen daliegen, mit je einem letzten Hühnerschenkel, der aus ihrem Mund ragt. Er will Richie von den Hühnern erzählen. Als er beim Schiff angekommen ist, muss er ein paar Mal rufen, bis der Kopf des Schmelzers über der Bordwand erscheint. Er riecht sofort, und sieht es dann auch, dass sich der Junge zur Feier der sturmfreien Bude bereits eine dicke Tüte gedreht und angezündet hat. Das kann ja heiter werden, denkt er, und muss ihm die Leine zweimal hinaufwerfen, bevor es Richie schafft, sie zu fangen und festzumachen.
«Du musst noch kochen heute», gibt er dem Jungen Bescheid, als er oben steht.
«Warum?», mault der andere, und schiebt herausfordernd sein Kinn vor. «Wir können doch machen, was wir wollen, wenn der Alte nicht da ist. Du musst ja heute auch nichts mehr schaffen, warum dann ich?»
Ben weiss, dass er solches Hinterfragen von Hierarchie und Routine augenblicklich unterbinden muss, sonst hätten sie die nächsten zwei Tage Krach und bekämen vielleicht noch grössere Probleme.
«Du kochst heute, und zwar richtig, so wie wir’s dir gezeigt haben!», schnauzt er den Lehrling an. Als dieser zusammenzuckt und ihn unsicher anschaut, ob er es auch ernst meine, hat er schon einen Plan gefasst, was die Hühner und das Abendessen am Pfingstsonntag angeht. Er legt Richie die Hand auf die Schulter, packt ihn dann im Genick und dreht ihn gegen Land.
«Siehst du das dort?»
Richie weiss zuerst nicht, was er meint, die schwarzen Tupfer sind nur knapp als Hühner zu erkennen. Gerade jetzt aber löst sich eine Gestalt vom Haus und beginnt, die Vögel zum Stall hin zusammenzutreiben. Das sieht auch er.
«Ja, Hühner ... und ...?
Ben hat ihn wieder losgelassen und grinst ihn an, zuckt mit den Schultern. Da dämmert es dem Jungen.
«Meinst du, wir könnten ...?» Er beginnt mit dem Kopf zu nicken, zuerst nur ganz fein, dann immer begeisterter. «Mhm», macht er dann und reibt sich den Bauch. Aber dann kommen ihm Zweifel.
«Kannst du das denn? Ich meine, ein Huhn abmurksen und ..., und ..., das muss man doch ...?
Ben lacht.
«Ausbluten lassen, rupfen, ausnehmen ... ja, muss man. Das ist nun mal so bei Hühnern, die wachsen nicht als Poulets an den Bäumen. Bist du dabei?»
«Ja, klar! Gleich heute Nacht?
«Nein, heute kochst du, hab’ ich dir ja gesagt. Und morgen übrigens auch, wir fangen nichts Neues an. Samstagnacht fahren wir dann rüber und holen uns den Braten. Wir machen alles zusammen, ich zeig’ dir, wie’s geht. Kochen werden wir es aber erst am Sonntag. Es wird besser, wenn es noch eine Nacht liegt vorher. Als Pfingstbraten passt das.»
Richie sieht ihn an mit Bewunderung.
«Aye aye, Sir!», ruft er dann, und reisst die Hand hoch an die Schläfe.

Am Samstag kann es Richie kaum erwarten, dass sie endlich losfahren, aber Ben findet es noch zu hell. Sie haben beide einen Schnaps gehabt nach dem Abendessen. Den Tag hindurch die richtige Mischung aus Faulenzen und einem Rest an Arbeitsmoral zu finden, ist nicht leicht gewesen. Wenigstens die ausdrücklichen Aufträge des Kapitäns mussten erledigt werden, bevor dieser wieder zurückkam, und Richie tat von sich aus gar nichts in diese Richtung. Er ist auch kaum aus dem Bett zu bewegen gewesen, obwohl Ben den Wecker erst auf sieben Uhr morgens gestellt hat. Er musste laut werden um den Jungen dazu zu bewegen, Kaffee und Frühstück für sie beide vorzubereiten, während er den ersten Rundgang auf dem Schiff machte. Er hat das nächtliche Ankerlicht gelöscht und dafür den schwarzen Ball noch etwas höher hinaufgezogen, damit er gut sichtbar ist. Dann hat er Werkzeug und Material zusammengesucht für eine der Reparaturarbeiten, die er heute erledigen wollte. Ein hölzerner Fensterrahmen der Schiffsführerwohnung war angefault und er wusste schon, wie er das flicken wollte. Richie konnte er dabei nicht brauchen, darum suchte er für ihn eine Roststelle aus, die so weit entfernt lag, dass der Schmelzer nicht die ganze Zeit bei ihm auftauchen würde, um ihm etwas zu erzählen. Zum Trost hat er ihm das Kofferradio überlassen. Am frühen Nachmittag sind sie beide fertig gewesen, haben sich Stullen gemacht und die ersten Bierflaschen geköpft. Als Richie wieder mit dem Kiffen anfangen wollte, hat er ihm klargemacht, dass sie für die Hühnertour noch einen halbwegs klaren Kopf haben müssten. Er hat ihm versprochen, dass danach, wenn alles gut gegangen sei, ausgiebig gefeiert werde.
Erst um zehn Uhr abends wird es langsam dunkel. Richie lässt sich nicht mehr länger hinhalten, er hat schon das Boot heruntergelassen, während Ben noch die Dinge zusammensucht die sie brauchen: die Taschenlampe, ein scharfes Küchenmesser, ein altes Stuhlbein als Keule und grosse Einkaufstasche aus Jute, um darin das Huhn diskret wegtragen zu können.
Als sie übergesetzt haben, lässt er Richie noch ein Stück rheinaufwärts rudern für den Fall, dass sie erwischt werden. Dann wäre es, falls sie zum Boot rennen müssten, nicht so offensichtlich, woher sie gekommen sind. Sie finden auch eine Anlegestelle, wo die Böschung etwas höher ist und man das Boot vom Uferweg aus nicht sieht. Als sie ausgestiegen sind, läuft Richie sofort los. Dabei bewegt er sich wie die Karikatur eines Einbrechers, auf Zehenspitzen trabend und mit bis zu den Ohren heraufgezogenen Schultern. Ben holt ihn mit ein paar Schritten ein und reisst ihn herum.
«Spinnst du!?», blafft er ihn an. Dann erklärt er ihm, was er sich überlegt hat.
«Wir müssen ganz normal dahinspazieren, so als wohnten wir im Städtchen. Wenn wir nachher beim Stall sind und jemand kommen sollte, tun wir so, als seien wir von Kollegen zum Feiern eingeladen und hätten vergessen, wo sie wohnen. Hast du verstanden!?»
Zuerst geht alles leichter, als Ben gedacht hat. Der Stall ist nicht abgeschlossen und im Haus nebenan brennt nur in einem Zimmer Licht. Sie öffnen die Tür nur einen Spalt weit und drücken sich hinein. Ben richtet die Taschenlampe zu Boden und knipst sie an, übergibt sie dann so an Richie, der aber sofort die schlafenden Hühner anleuchtet. Er will schon den Arm des Jungen herunterreissen, doch die Hühner scheint das Licht nicht zu stören. Es sind sechs oder sieben, die nebeneinander links und rechts vom Hahn auf einer Dachlatte sitzen und alle schlafen. Man sieht die bläulich weissen Häute über ihren Augen. Richie zündet mit dem Lichtstrahl von einem zum andern.
«Welches?», fragt er flüsternd.
Ben zeigt auf eines, das den Kopf etwas vornüber und nach unten hängen lässt. So kann er zuschlagen, ohne es schon vorher ergreifen und aufwecken zu müssen. Er weiss aber, dass er schnell und entschlossen zupacken muss, wenn das Huhn heruntergefallen ist. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er Richie besser hätte aufklären müssen. Er bedeutet ihm mit einer Geste, dass er die Lampe nochmals ausschalten soll. Als es dunkel ist, beginnt er flüsternd:
«Ich haue ihm jetzt das Stuhlbein über den Schädel, dann muss ich es sofort packen und ... ich drehe ihm zur Sicherheit noch den Hals um. Es wird mit den Flügeln um sich schlagen, also mach’ dir nicht in die Hosen. Knips die Lampe nun wieder an und leuchte immer das Huhn an. Nie mich blenden, hörst du?»
Nach Bens kräftigem Hieb fällt das Huhn schlaff von der Stange. Ben ergreift es mit der Linken am Hals und dreht ihm mit der Rechten den Kopf herum, bis er ein Geräusch hört wie von einem brechenden Zweig. Erst jetzt beginnt das Huhn wie verrückt zu flattern, und obwohl er darauf gefasst war, entwischt es ihm für einen Moment. Zum Glück bleibt es am Boden, so dass er sich darauf werfen, es an den Füssen ergreifen und dann hochheben kann. Der Vogel ist schwer. Richie fuchtelt mit der Lampe herum und blendet ihn. Gleichzeitig kommt ihm in den Sinn, was er vergessen hat: dass man ein betäubtes Tier sofort ausbluten lassen muss. Richie hat die Lampe hingeschmissen und ist zur Türe hinaus abgehauen. Die Hühner auf der Stange, die bisher kaum Laute von sich gegeben haben, beginnen leise zu gackern. Ben atmet tief ein und aus. Ganz ruhig, sagt er sich, und lauscht. Draussen bleibt alles still, und auch die schlafenden Vögel sind wieder verstummt. Er überlegt, wo er dem Huhn den Hals aufschneiden soll. Bis zum Boot ist es zu weit, denkt er, dann schlägt das Herz nicht mehr und das Blut verteilt sich im Fleisch. Also gleich hier? Oder draussen? Wie kann man es nach dem Raub eines Marders oder Fuchses aussehen lassen? Kurz entschlossen greift er nach der Tasche und holt das Messer heraus.
Als er mit dem Huhn in der Tasche in Richtung ihres Landeplatzes trabt, erwartet ihn Richie auf halber Strecke. Er ist noch immer in Panik, riecht intensiv nach Schweiss und stottert, wenn er spricht. Ben beschliesst, nicht mit ihm zu schimpfen. Gemeinsam rennen sie zum Boot, stossen es aus dem Kies und setzen ab. Ben lässt den Jungen rudern, so würde er sich ehr beruhigen, denkt er. Er erzählt ihm, was er noch im Stall gemacht hat. Wie er ein paar Federn ausgerupft und verteilt habe, dann auf der Schwelle das Huhn unter den linken Arm geklemmt und ihm die Kehle durchgeschnitten. Das Blut ein wenig überallhin spritzen lassen wie ein Marder, der die Beute schüttelt. Richie rudert und bringt nicht mehr heraus als immer wieder:
«Mensch, Mensch! Wie das getönt hat ...!»
Der Junge kommt erst zur Ruhe, als sie auf der noch warmen Ladeluke nebeneinanderliegen, einen Joint hin- und herreichen und in den Sternenhimmel gucken. Das Huhn hängt wie ein zweiter, übergrosser Ankerball am Signalstock, und Ben trägt frische Klamotten, weil die andern mit But bespritzt sind und in einem Eimer mit kaltem Wasser zum Einweichen liegen. Richie gesteht Ben, dass ihn das Umdrehen des Halses, das Geräusch dabei, so erschreckt habe, dass er davonrennen musste. Sonst habe ihn die Einbruchstour nicht gestresst, behauptet er. Er habe in seiner Zeit im Heim einige Brüche gemacht mit Kollegen. Tankstellen, Kioske, einmal den Laden der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Dabei seien sie dann erwischt worden, was ihn in ein noch härteres Heim gebracht habe. Aber Tiere habe er nie quälen können, dabei habe er nie mitgemacht. Beim Töten schon gar nicht.
«Meinst du, es hat was gespürt?», fragt er.
Ben weiss es nicht. Er glaube nicht. Er sei einmal beim Eishockey kopfvoran in die Wand geknallt und ohnmächtig liegengeblieben. Davon habe er gar nichts mitbekommen. Erst beim Aufwachen hätten ihn Kopfschmerzen und Übelkeit überfallen. Nicht einmal an den Check seines Gegners habe er sich noch erinnern können. Das Huhn sei ja nicht mehr aufgewacht nach dem Schlag, und geflattert habe es wegen der Nerven, Hühner könnten auch davonfliegen, wenn der Kopf schon ab sei. Richie scheint nicht überzeugt zu sein, lässt das Thema aber fallen.
Mit den Vorbereitungen für das pfingstliche Abendessen beginnen sie am nächsten Nachmittag. Ben hat erneut darauf bestanden, dass sie zur normalen Zeit aufstehen und nach dem Kaffee ihre Aufgaben erledigen. Er lackiert den Holzrahmen, den er ausgebessert hat, und Richie muss die Stellen am Gangbord, die er am Vortag vom Rost befreit hat, mit Bleimennige streichen. Nachdem sie sich aus dem Eisschrank verpflegt haben, setzen sie in der grössten Pfanne heisses Wasser auf, um das Huhn für das Rupfen der Federn vorzubereiten. Als es kocht, leert Ben das Wasser in das verstöpselte Spülbecken und lässt es soweit abkühlen, dass er für eine Sekunde den Finger hineinstecken kann, ohne sich zu verbrühen. In der Zwischenzeit soll Richie das Huhn holen. Er hält es an den Füssen, als er zurückkommt, und schwenkt es mit der einen Hand hin und her. In der andern hält er eine Axt.
«Wir machen noch ein Foto, wie ich ihm den Kopf abhacke!»
Er ist ganz begeistert von seiner Idee. Wahrscheinlich will er damit seine Angst und den Ekel überspielen, die ihn gestern gepackt haben, denkt Ben. Er tut ihm den Gefallen und holt den Apparat. Mit Selbstauslöser machen sie ein Bild davon, wie Richie theatralisch die Axt schwingt über dem toten Huhn. Den Kopf hackt er ihm danach ab, und es klappt erst beim zweiten Schlag. Sie müssen jetzt nochmals Wasser heiss machen. Mit Holzkellen sorgen sie dafür, dass das Huhn überall untergetaucht ist. Gestern Nacht war es schnell steif geworden, jetzt ist es wieder locker und lässt sich gut bewegen. Es dauert ziemlich lange, bis sich die Federn leicht herauszupfen lassen. Mit vier Händen geht es recht schnell, aber das nasse Zeug klebt überall. Vor dem Ausnehmen muss geputzt werden, und Richie findet schon alles zu mühsam. Dann aber sieht er fasziniert zu, wie Ben, der einst hatte Koch werden wollen, das Huhn ausnimmt.

Zwei Stunden hat es nun, von Richie unter Bens Anleitung fein säuberlich zerlegt in mundgerechte Stücke, zwischen den Zwiebeln im Bier geschmort. Dazu haben sie Kartoffelstampf gemacht, in einer Mischung aus flockigem Fertigzeug und einem Rest von Kartoffeln, die schon zu keimen begonnen hatten und verarbeitet werden mussten. Es hat Geduld gebraucht, nicht zu früh mit dem Essen zu beginnen. Das Huhn war nicht mehr ganz jung, was Ben schon an der Farbe des Fleischs gemerkt und später beim wiederholten Prüfen mit der Gabel festgestellt hat. Nun aber beginnt es von den Knochen zu fallen und wird von Ben freigegeben. Sie setzen sich an den gedeckten Tisch, im Dunst ihrer Kochkunst und gerührt über die Ehre und den Aufwand, den sie sich selbst gönnen. Zum Festschmaus wird nicht zu knapp Bier und Schnaps getrunken. Sie nagen und saugen an den Knochen, um ja nichts Köstliches zu vergeuden, errichten immer neue Kartoffelberge und füllen die Stauseen mit Sauce, hantieren mit fettigen Fingern und glasigen Augen zwischen ihren Tellern und den Töpfen, zwei glückliche Strolche, die sich die Höhepunkte ihres Streichs noch und nochmals erzählend vor Augen führen. Richie ist so euphorisch, dass er bei der abschliessenden Aufräumaktion gar nicht merkt, dass Ben am Tisch sitzenbleibt, in sein Glas schaut und ihn alleine machen lässt. Die Knochen mitsamt dem abgehackten Kopf und den Füssen kippt der Schiffsjunge bei einer letzten Zigarette über Bord. Ein riesiger Wels taucht auf, saugt die Hühnerreste Stück für Stück ein und verschwindet wieder in der Tiefe. Richie hat davon nichts mitbekommen.

Am nächsten Morgen wacht Ben um sieben auf, weil er von weit weg jemanden schreien und pfeifen hört. Er springt auf und schlüpft in seine Jeans, rennt dann die Treppe hoch und hinaus. Mit dem Schiff scheint alles in Ordnung zu sein, aber am Ufer, woher das Geschrei kam und jetzt wieder laut wird, springt eine Gestalt umher, wedelt mit den Armen, pfeift durch die Finger und brüllt zu ihm herüber. Der Alte!
Jetzt ist auch Richie aufgetaucht, mit verstrubbelten Haaren und noch schlaftrunken.
«Was ist los?», fragt er gähnend.
Ben ist schon auf dem Weg zum Heck, zum Beiboot.
«Komm, hilf mir, ein bisschen dalli! Der Käpt’n ist zurück! Der schreit wahrscheinlich schon lange, und wir haben nichts gehört ...»
Richie hilft ihm, ins Boot zu steigen. Er sieht zum Kapitän hinüber, der noch immer mit den Armen fuchtelt und ihnen etwas Unverständliches zuruft.
«Scheisse, der ist sauer! Meinst du, er wollte um fünf losfahren? Wir wussten ja nicht, wann er genau ...
Ben rudert los. Obwohl er dasselbe denkt wie Richie, weiss er, dass der Alte die Ausrede nicht würde gelten lassen.
Noch bevor er das Boot ans Ufer setzen kann, legt der Kapitän los. Er warte seit vier Uhr morgens hier in der Saukälte, habe sich heiser geschrien, und das in seinem Alter. Aber die zwei Herren auf Bordwache hätten gepennt wie die Murmeltiere, das Schiff hätte man ihnen unter dem Arsch anzünden können, sie hätten es nicht gemerkt. Ben möchte sich entschuldigen:
«Es tut mir leid! Wir wussten nicht ...»
Urban unterbricht ihn sofort. Er habe gesagt, dass sie am Montag gleich weiterfahren würden, und gleich heisse eben, um fünf Uhr früh wie immer, damit man noch etwas aus dem Tag herausholen könne. Und nochmals packt ihn die Wut. Ob es ihm, dem Möchtegern-Matrosen, Spass mache, seinen Kapitän stundenlang am Ufer die Wacht am Rhein singen zu lassen und ihn so zum Gespött der Umgebung zu machen?

Inzwischen ist der Kapitän ins Boot gestiegen und Ben rudert los. Er ist froh, dass er einen Vorwand hat, nichts mehr zu sagen. Der Alte wird sich bald beruhigen, er kennt ihn.
Kurz bevor sie beim Schiff angelangt sind, bückt sich Urban und zieht eine schwarze Feder unter der Sitzbank hervor.
«Wo kommt denn die her?» Er schaut Ben prüfend in die Augen, dann zum Ufer, wo auf der Wiese wieder die schwarzen Tupfer zu sehen sind. Als er seinen Blick zurück auf Ben richtet, zuckt dieser mit den Schultern, kann aber ein verlegenes Lächeln nicht unterdrücken. Urban schüttelt den Kopf. Aber er schmunzelt dazu, Ben hat es gesehen.

8.5.26

fliegende Dinge 2

Die fliegenden Dinge ziehen mich wieder an, was wohl an der inneren Flaute liegt, die im Aussen, in der Natur durch ein tägliches Auffrischen der Bise kontrastiert wird. Beim Geburtstagsfest des Enkels, der elf Jahre alt geworden ist und seit einiger Zeit japanisch lernt, stand das asiatische Land als Thema im Zentrum. Die Hütte des Freizeitgeländes, wo der Bub gefeiert wurde, war japanisch dekoriert, die Spiele und das Essen wurden entsprechend hergerichtet. Deshalb und weil draussen wieder ein schöner mässiger Wind wehte, kamen mir die kleinen japanischen Drachen in den Sinn, die ich einst in einem Workshop gebaut und bemalt hatte, darunter einen kleinen Samurai. Diesen und noch einen zweiten rechteckigen, mit einem grimmigen Kriegerporträt, nahm ich mit, als ich auf dem Fahrrad losfuhr, um dem Kinderfest einen Besuch abzustatten. Ich wollte dem Geburtstagskind die zwei Drachen schenken, nicht in der Erwartung, dass er sie fliegen lassen würde, sondern eher als Dekoration für sein Zimmer. Vielleicht, so dachte ich, könnte ich an dem Fest eines der kleinen Geräte für eine Weile über dem Festplatz in den Himmel hängen.
Als ich die Drachen übergab und dem Buben zum Geburtstag gratulierte, nahm er mich und das Geschenk knapp zur Kenntnis. Er war beschäftigt mit sich und seinen Freunden, und mit dem dichten Programm, das seine Familie zusammengestellt und organisiert hatte. Ich befestigte die Drachen also an der Aussenwand der Festhütte, schaute den Spielen der Kinder zu und prüfte nebenbei, ob man auf dem Platz, der von Bäumen umgeben war, überhaupt einen Drachen steigen lassen könnte. Es schien mir zunächst unmöglich, weil der Wind wegen der vielen Hindernisse unstet und böig blies. Dann sah ich aber, dass jenseits des Zauns, der das Freizeitgelände umschloss, der Fussgängerweg entlangführte. Dort war das Gelände freier, vor allem zum Rhein hin, aus dessen Richtung der Wind kam. Ich nahm den kleinen Samurai wieder vom Haken, holte die Schnurspule vom Fahrrad und verliess den Festplatz, um einen günstigen Startplatz seitlich davon zu finden. Sobald ich auf dem Spazierweg angekommen war, jenseits des Zauns und der Bäume, die den Platz umgaben, spürte ich, dass hier der Wind gleichmässig und in der richtigen Richtung blies. Wenn es mir gelänge, den Drachen hier steigen zu lassen, stünde er ziemlich genau über den Köpfen der spielenden Kinder.

Eine Woche später wollte ich wieder einmal meinen ‘abstrakten schwarzen Schwan’ fliegen lassen, einen zusammenfaltbaren Drachen aus Stoff mit fast zwei Metern Spannweite. Es handelt sich um ein Modell, dessen Silhouette ich einst im Internet gefunden hatte, nur in einem einzigen Bild. Ich sah das Modell dann nochmals auf der Website eines chinesischen Drachenhändlers, konnte aber damals nicht herausfinden, von wem das Design stammt. Ich entzerrte das Bild, so gut es ging, und baute den Drachen nach, zuerst als Prototyp aus Abfallsäcken und mit Klebeband, später aus Drachenstoff mit Streben aus Carbonrohr. Es ist ein wunderbarer Drache für leichten Wind, und in der Zwischenzeit konnte ich herausfinden, dass er von einem deutschen Drachenbauer namens Carsten Dormann entwickelt worden war. Wenn der Wind etwas auffrischte, konnte ich auch schon mein altes Handy daran befestigen und Videos aus verschiedenen Höhen aufnehmen. Diese Versuche wollte ich wiederholen, aber an einem neuen Ort, auf der Birsfelder Kraftwerkinsel. Ich erhoffte mir Luftaufnahmen vom Rhein, wobei mir bewusst war, dass ich ein Risiko eingehen würde, da auf der Insel viele hohe Pappeln stehen. Ich fand aber ein Feld, wo mir die Distanz zu den Bäumen genügend erschien und der Wind durch eine Lücke einigermassen ungehindert hindurchblasen konnte. Der Wind war aber trotzdem unstet, sodass es sich als unmöglich erwies, den Drachen mit dem Ballast der Kamera zu starten. Nach einigen Versuchen gab ich es auf, entlastete den Schwan vom Gewicht und liess ihn so steigen. Er gewann sofort in der gewohnten Leichtigkeit an Höhe, überstieg die der Bäume und geriet nun in den ungebremsten Nordwind, der wie immer in letzter Zeit im Laufe des Nachmittags kontinuierlich zugenommen hatte. Ich merkte zu spät, dass ich den Drachen wieder hätte einholen sollen, da er in starkem Wind auf die rechte Seite zog, wie ich eigentlich wusste. Es geschah so schnell, dass ich nicht mehr reagieren konnte: Der Drache zog in einer raschen Kurve über die Pappeln am Ufer des Flusses, senkte sich in ihrem Luv, über dem Wasser, und schon hing die Leine in einem der Bäume fest, zuerst an einem dann an zwei Punkten des Geästs. Immerhin liess sie sich noch ausfahren und einholen, was ich abwechslungsweise tat und dabei beobachtete, wie sich der Drache verhielt. Ich hoffte, dass ich ihn entweder hinter den Bäumen im Windschatten zu Boden sinken oder aber sich in der Höhe selbst losreissen lassen könnte. Beides erschien mir bald unmöglich. Hinter den Bäumen war nur ein schmaler Uferstreifen, sodass der Drache im Rhein landen würde, und die beiden Umlenkpunkte im Geäst der Pappel wollte die Leine nicht freigeben. Ratlosigkeit. Ich versuchte, geduldig und ruhig zu bleiben, musste aber nach einiger Zeit einsehen, dass der Drache wohl verloren war. Ich überlegte, wie ich das Debakel mit Würde beenden könnte und beschloss, viel Leine zu geben und sie dann zu kappen. Dann würde der Drache noch eine Weile den richtigen Winkel beibehalten und in der Höhe entschwinden, so wie ich das einst mit Schülern im Gotthartgebiet gemacht hatten, als sich ein Drache nicht mehr einholen liess. Ich begann, Schnur zu geben, als sie sich plötzlich und mit einem Ruck aus dem einen Ast löste. Der Drache zog steil und heftig nach oben, und als ich gleichzeitig an der Leine riss, war sie auf einmal wieder frei. Lachend rannte ich mit der Spule weg von der Gefahrenzone.

Ich hatte bei den vielen Flugversuchen mit dem Handy und danach, als der Drache festhing, die Spule auf den Boden gelegt und die nicht gebrauchte oder wieder eingeholte Leine im Zickzack auf dem Rasen verteilt, so wie ich es einst bei einem afghanischen Drachenspezialisten gesehen hatte. Man kann auf diese Weise sehr flexibel und schnell auf die Bewegungen des Fluggeräts reagieren, die Schnur sausen lassen – wobei man aufpassen muss, dass man sich nicht die Finger verbrennt – oder sie mit ein paar grosszügigen Armbewegungen blitzschnell um ein paar Meter einholen. Meine Spulen sind zwar Nachbauten eines koreanischen Modells, das mit etwas Geschick ebenfalls recht schnell bedient werden kann, aber es braucht Übung und dazu hatte ich mir bisher nicht die Zeit genommen. Als ich jetzt nach der Befreiung und Rettung des Drachens die Schnur aufrollen wollte, verfingen sich die ausgelegten Schleifen ein paarmal in den Halmen von Löwenzahnblüten, was augenblicklich zu Knoten und dann zu ganzen Nestern aus Schlaufen und Knoten führt. Ich hatte nicht mehr die Geduld, mich mit deren Auflösung abzugeben und wickelte einfach zwei dieser voluminösen Schnurdurcheinander auf die Spule auf, um sie zuhause irgendeinmal in Ruhe aufzudröseln.
Ich unternahm das Geduldspiel schon am nächsten Tag und brauchte etwa zwei Stunden, bis ich die Leine wieder geordnet hatte. Um die verknoteten Nester aufzulösen gibt es nur eine Möglichkeit: man prüft sorgfältig, ob eines der Schnurenden, das in dem Durcheinander verschwindet, sich ein klein wenig herausziehen lässt. Sobald man Widerstand spürt, darf man auf kleinen Fall weiter daran ziehen, weil sich sonst der Knoten, der das Herausziehen verhindert, unlösbar zusammenzieht. Man nimmt also die verdichtete Stelle zwischen die Finger und zupft sie so weit auseinander, bis sich die hinausführenden Schnurenden wieder ein kleines Stück bewegen lassen. Bei Stillstand sofort wieder dieselbe Prozedur. Wenn man geduldig bleibt, lassen sich so alle Knoten wieder lösen. Weil mir das Unterfangen auch schon unmöglich erschien, kam ich auf die Idee, eines der beiden Enden, die ins Chaos führten und darin verschwanden, zu kappen. Dann könnte ich das frei gewordene Ende immer und immer wieder aus den Knoten ausfädeln, dachte ich. Dieses Ende wird aber schnell so lang, dass es lange dauert, bis man es jeweils aus einer Verschlingung gezogen hat, und es droht sich, ausgelegt auf dem Boden, zu neuen Komplikationen zusammenzutun. Wenn man dann noch meint, man müsse da und dort das Ende irgendwo im Gewühle nicht einfach herausziehen, sondern zuerst durch diese und jene Schlaufe ein- und wieder auszuführen, verschlimmert man das Problem, weil erst jetzt richtige, komplexe Knoten entstehen. Irgendwann gibt man dann auf, schneidet das Ganze wie ein Geschwür heraus und verknotet die Enden unter Verlust eines längeren Schnurstücks und mit einem Gefühl der Niederlage. Nur das Freischütteln funktioniert also, und dazu braucht es die Geduld eines Zen-Meisters.

11.12.25

III, 19

Ich hatte damit begonnen, Artikel zu sammeln über die Wiederentdeckung der psychedelischen Substanzen für diverse therapeutische Zwecke. Mich erstaunte ihre Häufigkeit und ich fragte mich, ob sie eine zufällige Koinzidenz mit meinem Interesse für das Thema bedeutete, ob mir mein Gehirn in einem selbstverstärkenden Kreislauf aus innerem Fokus und gesteigerter, nach aussen gerichteter Aufmerksamkeit die Artikel zuspielte, oder der personalisierte Algorithmus die halluzinogenen Drogen bereits als einen meiner Lieblingsinhalte errechnet hatte. Bei sorgfältiger Durchsicht des bisher Zusammengetragenen meinte ich allerdings ein dichtes und noch zunehmendes Forschungsinteresse für LSD, Psilocybin, MDMA, Ayahuasca feststellen zu können. Für therapeutische Anwendungen im Zusammenhang mit Depressionen, Suchterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstneurosen und so weiter waren die Hürden in den USA und in Grossbritannien höher als in der Schweiz, wo es bereits Angebote mit fallbezogenen Genehmigungen gab wie jene, die Priska erlebt hatte. Psychoaktive Substanzen, so las ich, hätten es in den angelsächsischen Ländern schwerer, den schlechten Ruf und die rigorosen Verbote aus der Hippiezeit loszuwerden. Die Forschung hatte aber auch dort wieder Fahrt aufgenommen und zeigte bereits erstaunliche Resultate. Einige der Psychedelika entfalteten eine entzündungshemmende Wirkung, ohne dass sie das Immunsystem unterdrückten wie die dafür üblicherweise eingesetzten Kortikosteoride. Das machte sie interessant für die Behandlung chronischer Entzündungen einschliesslich der durch sie ausgelösten und verlängerten Krankheiten. Dabei konnte man feststellen, dass dieser Wirkungsmechanismus im Gehirn über andere Kanäle ablief als derjenige, welcher den Trip auslöste. Und folglich wurde nach Möglichkeiten gesucht, Entzündungshemmer zu entwickeln, welche die Patienten nicht als Nebenwirkung noch auf eine Reise schickten. Ebenso waren bei der Unterstützung der Plastizität des Gehirns nach Traumata oder im Alter, wo den Psychedelika positive Wirkungen zugetraut wurde, Halluzinationen unerwünscht. Es gab auch schon einen kuriosen Namen für die angepeilten Medikamente: Pipi-Drogen, pipi drugs, psychedelic-informed but psychedelic-inactive. In der Palliativmedizin, wo Psilocybin im Zusammenhang mit dem für den Sterbeprozess so wichtigen Loslassen untersucht wurde, und ebenso bei der Behandlung psychischer Erkrankungen war aber wohl die mit dem Trip verbundene Flutung des Bewusstseins keine unerwünschte Nebenwirkung, sondern Bestandteil der heilenden Wirkung. Interessant fand ich auch einen Artikel, in dem erklärt wurde, dass sich in der Evolution der Pilze die Produktion der halluzinogenen Alkaloide gleich zweimal auf chemisch verschiedenen Wegen entwickelt hätte. Dies wurde als Beleg dafür angesehen, dass diese Substanzen für die Pilze eine wichtige Funktion haben müssten, die aber noch unerforscht sei. Ich freute mich darauf, Priska von dem zu erzählen, was ich gelernt hatte. Vielleicht würde es ihr helfen, die Therapie als Gewinn anzusehen. Ich hatte das Gefühl, dass eine solche Einschätzung wichtig sei für ihren Heilungsprozess, oder, wie man bei einer Alkoholikerin vielleicht eher sagen musste, für die Stabilisierung ihres Entschlusses, trocken zu bleiben.

Zuerst einmal war sie krank geworden nach ihrem letzten Trip. Sie rief mich ein paar Tage danach an, als es ihr schon wieder besser ging. Ihre Stimme war noch heiser und sehr tief, aber das Gemüt heiter und unternehmungslustig.
«Es hat mich voll erwischt, Husten, verstopfte Nase und ein dicker Kopf. Aber jetzt geht es mir wieder gut.»
Mir kam in den Sinn, wie leicht sie gewesen war, als ich sie die Treppen hochgetragen hatte.
«Isst du genug?», fragte ich sie deshalb. Sie überhörte die Frage.
«Ich habe gerade dein Foto vom Grab angeschaut. Und weisst du, woran mich das Skelett erinnert hat? An die alte Geisterbahn vom Wiener Prater! Die haben sie renoviert und jetzt wieder auf dem Petersplatz aufgestellt. In allen Zeitungen haben sie das gebracht.» Sie war nicht zu bremsen. «Das Bild auf der Front sieht fast wieder aus wie früher, mit dem Totengerippe, das vom Balkon des Spukschlosses herunterkriecht, und dem Drachen auf der anderen Seite. Waren wir nicht mal zusammen auf diese Bahn gegangen?»
Wusste sie das nicht mehr oder tat sie nur so? Mir war es als erstes in den Sinn gekommen, als sie davon angefangen hatte. Der Hauptgrund, warum man als Halbwüchsiger mit einem Mädchen auf die Geisterbahn ging, war die Hoffnung, dass sie sich einem in der Dunkelheit in tatsächlicher oder gespielter Angst an die Brust werfen und tröstendes Streicheln und Küssen tolerieren würde. Was damals auch bei uns funktioniert hatte. Ich war zu langsam und bevor ich antworten konnte, redete sie weiter.
«Ich möchte hingehen, die Herbstmesse ist ja noch bis am Wochenende. Kommst du mit, es ist doch bei dir um die Ecke. Bitte!»

Ich war nach dem Tag, an dem ich sie in die Klinik begleitet hatte, insgeheim froh gewesen, nichts von ihr zu hören. Es hatte mich viel gekostet, ihr die Geschichte von der missglückten Bergung der Erasmusgebeine zu erzählen, weil ich mir über meine damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle zuerst selbst hatte klar werden müssen und die Symbolik, die der Vorfall für mich angenommen hatte, so schwer zu vermitteln war. Ihre spärliche Reaktion darauf hatte mich zwar in keiner Weise überrascht, aber dennoch war ich enttäuscht, dass es sie kaum zu interessieren schien, über unsere damalige gemeinsame Zeit nachzudenken und es mir nicht gelungen war, sie dafür zu gewinnen. Vielleicht tat ich ihr aber unrecht. Vielleicht dachte sie darüber nach und würde irgendwann in der ihr eigenen sprunghaft assoziativen Weise darauf zu sprechen kommen. Der Abschluss ihrer Tripserie hatte sie sichtlich stark beschäftigt und, wie man an der kurzen Erkrankung in einer Phase der Entspannung erkennen konnte, viel Energie gekostet. Jetzt war sie in einem enthusiastischen, energiegeladenen Zustand, von dem ich hoffte, dass er nicht ein manisch überdrehtes Zwischenhoch vor einem Absturz in irgendeiner Form war. Soviel meine erwachsenen Gedanken dazu, darunter regte sich aber die Erinnerung an ihr fröhliches Drauflosstürmen als Jugendliche, das seinerzeit oft Passivität und Sprachlosigkeit von meiner Seite ausgelöst hatte. Ich versprach ihr den gemeinsamen Besuch der Geisterbahn am Wochenende, nahm mir aber gleichzeitig vor, mich dadurch nicht ablenken zu lassen. Wovon genau, hätte ich aber nicht sagen können.
Ich hatte die letzten Tage genutzt um meine Bilder für das Projekt mit den Dingen weiter zu ordnen. Dabei zeigte sich, dass ich zunehmend auf meine Intuition zählen konnte bei der Auswahl und dafür keine Themen oder Kategorien brauchte. Es ging um eine gewisse Dichte sowohl in der Ästhetik als auch im Potenzial, eine Geschichte zu erzählen. Das war der Leim, der die Bilder haften liess in meiner Wahrnehmung, und hoffentlich auch in derjenigen ihrer zukünftigen Betrachter. Ich fixierte ein paar der neu ausgesuchten Fotografien mit Stecknadeln an die Wand. Drei davon hatte ich einst auf einer Reise in Hongkong aufgenommen, Bilder von winzigen, in unübersichtlichen urbanen Umgebungen installierten Altären. Ob sie der individuellen Verehrung von Ahnen gedient hatten oder einer kollektiven, in der Öffentlichkeit gelebten Alltagsfrömmigkeit gegenüber Göttern, wusste ich nicht. Besonders interessant wurden sie, wenn man sie nebeneinander betrachtete. Das gemeinsame Muster in den improvisiert wirkenden Arrangements war subtil. Einzig das mit Sand gefüllte Gefäss, in das die Räucherstäbchen gesteckt wurden, fehlte bei keinem, alle anderen Merkmale wie Anzahl, Materialität und Farbe der Opfergaben verbanden immer nur zwei der drei Installationen.
Um mir etwas Druck zu machen bezüglich einer Ausstellung, hatte ich mir die Kontaktdaten einer Fotogalerie in Kleinbasel herausgesucht, deren Betreiberin ich vor langer Zeit gekannt hatte. Auf ihrer Webseite sah ich Bilder einer aktuellen Ausstellung mit Porträts von randständigen Menschen, die Priska sicher interessieren würde. Vielleicht kannte sie sogar den Fotografen.
An der Herbstmesse war ich schon lange nicht mehr gewesen. Für meine Schwester und mich war es, wie wohl für die meisten Basler Kinder, eines der grossen Ereignisse im Jahresablauf gewesen. Als wir klein waren, warteten aufregende Erlebnisse wie das Reiten eines Pferdchens auf dem Karussell, der Kauf eines Gasballons oder von Süssigkeiten, die es sonst nicht gab, auf uns: gefüllte Lebkuchen, die «Biber» hiessen, oder fingerlange, fingerdicke in Cellophan eingepackte Schleckstengel, die man «Messmocken» nannte und unter denen jedes Kind seine Lieblinge hatte. Meine Favoriten waren weissliche mit Anisgeschmack und durchsichtig dunkelgrüne, in die kleine schwarze Rhomben, die «Wybert»-Bonbons, eingegossen waren. Meine Schwester liebte die roten mit Erdbeergeschmack, welche die Zunge am intensivsten färbten. Es gab Kartoffeln aus Marzipan, die ich mochte und meine Schwester nicht, oder das schwärzliche «Magenbrot», das nur die Erwachsenen assen. Als wir grösser wurden, suchten wir nach stärkeren Reizen. Auf die hölzerne Achterbahn, die teuerste an der Messe, lud uns, zu unserer Jahr für Jahr wiederholten Überraschung und Freude, die Grossmutter ein. Ebenso auf eine der Bahnen, deren Wagen kreisförmig zusammengeschlossen waren und über Wellen und Täler sausten. Der Sammelbegriff dafür war «Himmalaya-Bahn», aber der Grossmutter gefiel die am besten, deren Design einer Bahn der Landesausstellung von 1939 nachempfunden war und die auch gleich hiess: «Schifflibach». Die Wagen glichen kleinen Motorbooten. Das Gestänge, mit dem sie vom Zentrum aus angetrieben wurden, war durch eine grosse blaue Plane abgedeckt, und wenn sich die bewegte, sah es aus wie Wellen. Auf diesem künstlichen Meer schwammen, oder besser, rollten und hüpften aufblasbare Wasserbälle, die man zu schnappen versuchte. Und wenn man damit einen der in der Mitte mitdrehenden Körbe traf, hatte man eine Extrafahrt gewonnen. Vor der Geisterbahn schreckte ich lange Zeit zurück, und als ich mich dann endlich getraut hätte, galt mir die Bahn bereits wieder als etwas für Eltern mit kleinen Kindern, oder für jugendliche Liebespaare. Als solches war ich dann später mit Priska zusammen in eines der rot gestrichenen Wägelchen gestiegen.
Sie holte mich zuhause ab. Bevor wir loszogen, tranken wir noch Tee in meiner Küche. Priska schien sich noch immer in aufgekratzter Stimmung zu befinden und plauderte über alles mögliche, bis ich sie unterbrach und von ihr wissen wollte, wie sie den letzten Trip denn nun einschätze. Ob er das gebracht habe, was sie erwartet hätte.
«Du hast mir von der Vision erzählt, in der deine Mutter herumrannte und versuchte zu verhindern, dass euch die Luft ausgeht. Hast du noch andere Wahrnehmungen oder Träume gehabt?», fragte ich sie.
Sie reagierte zuerst etwas verärgert wegen meines dezidierten Wechsels zu einem «ernsten» Thema, dann aber schien ihr einzufallen, dass es früher immer umgekehrt gewesen war und sie mich hatte auf «das Wesentliche» stossen müssen in unseren Gesprächen. Sie machte eine feine Bewegung mit dem Kopf, ihre Stirn entspannte sich und dann lächelte sie mich an und erzählte. Es sei ziemlich farbig und laut zugegangen dieses letzte Mal. Zuerst habe sie den ornamentalen Firlefanz, in den sich die Einrichtung um sie herum verwandelt habe, als quälend erlebt. Kitschig und abstossend, diese Buntheit, die Blümchen und Schnörkel überall, wie an einer übereifrig dekorierten Tanzparty im Altersheim, nur dass sich noch alles bewegte, was eigentlich einfach ruhig hätte da sein sollen. Ein Gewoge und Geschnaufe, wie eine Sexszene in einem schlechten Film. Total lächerlich. Und so sei es weitergegangen, alles habe sie auf einmal zum Lachen gereizt, vor allem die Stimmen der Begleiter, die wahrscheinlich wie immer in ruhigem und sachlichem Ton gefragt hätten, ob alles in Ordnung sei, nun aber getönt hätten, als würden sie durch einen Wha-wha-Verzerrer reden und damit herumalbern. Auch die Ambient-Musik sei aufdringlich geworden und habe sich wie flüssiger Honig überallhin ausgebreitet. Ihr sei furchtbar schlecht geworden. Ob sie sich habe übergeben müssen, wisse sie nicht mehr. Erst als alles durchsichtig und durchlässig geworden sei, habe sie sich etwas beruhigen und entspannen können. Sie meine, dass dann diese Vision mit ihrer Familie und der herumsausenden Mutter entstanden sei. Danach habe sie wohl eine Weile gedöst oder sogar geschlafen. Und ganz zum Schluss, als die Wirkung des Stoffs schon merklich nachgelassen habe, hätte sie noch die deutliche Empfindung gehabt, die sie auch bei früheren Trips schon ergriffen habe und von der ich ihr in ähnlicher Weise erzählt hätte. Sie habe sich irgendwie «mit allem verbunden» gefühlt. Wenn man dies so ausspreche, töne es immer blöd, so banal und klischeehaft. Aber im Erleben sei es sensationell gewesen, weil es sich nicht als Verbindung ihres inneren Ichs und ihres Körpers mit «allem da draussen» angefühlt habe, sondern so, als sei sie dieses Alles, dem aussen und innen einerlei war. Dieses Mal habe sich noch der Gedanke, oder mehr die Empfindung daran gehängt, dass diesem Alles auch die Unterscheidung zwischen tot und lebendig, zwischen früher, heute und morgen nichts gelte. Sie wisse nicht, ob ihr da der Einfall gekommen sei, oder ob sich der später eingestellt habe, dass so zu sterben einfach und schön wäre.
Sie schwieg und schien abgeschlossen zu haben. Ich beschloss, ihr ein anderes Mal von den Psilocybin-Studien in der Palliativmedizin zu erzählen und schlug vor, aufzubrechen und uns die Geister reinzuziehen.

Das Wetter war nicht ideal für einen Besuch der Herbstmesse. Der Himmel war düster grau und es nieselte so stark, dass wir beide einen Schirm mitnehmen mussten. Wir gingen durch das Stadttor und am Botanischen Garten vorbei, als vom Petersplatz her bereits die Geräusche der Messe zu vernehmen waren. Hier gab es wenige Bahnen, darum hörte man vor allem durcheinanderredende und lachende Menschen, die Musik eines Karussells, und am lautesten das Kreischen junger Frauen aus der Geisterbahn, die mitten auf dem Platz stand. Sie war, wie so vieles, was man seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat, viel kleiner als wir sie in Erinnerung hatten. Wir blieben lange vor der Fassade stehen, deren Malerei uns als Kinder und Jugendliche so beeindruckt hatte. Wir fanden beide, dass sie recht schön restauriert worden war.
«Ich habe sie vor ein paar Jahren gesehen», sagte Priska, «da hat man eigentlich von den Figuren nichts mehr erkennen können. Alles war schwarz, nur die vergitterten Fenster der Schlossruine hat jemand mit Leuchtrot ausgemalt. Absurd sah das aus.»
Ich hatte über die Bahn nachgelesen, nachdem sie mich gebeten hatte, gemeinsam dahinzugehen. Man wisse nicht, wer dieses Bild ursprünglich gemalt habe. Wahrscheinlich sei es jemand gewesen, die oder der auch grosse Kinoplakate gemalt habe, wie sie früher an den Fassaden der Säle angebracht worden seien.
«Wie Tilly Keiser!», rief Priska aus.
Die kannte ich nicht.
«Ja, niemand kennt die. Ich habe eine Ausstellung ihres Nachlasses gesehen vor zwei Jahren. Sie war befreundet mit Max Kämpf, und manche ihrer Bilder sind besser als seine. Aber sie wurde nie bekannt als Malerin. Plakate hat sie gemalt anfangs der 1940er-Jahre, für das Kino «Uhu» in Liestal. Das gibt es schon lange nicht mehr.»
«Dies hier gäbe es auch nicht mehr ohne einen Verein, der die Bahn gekauft hat», sagte ich. «Gehen wir rein?»

Beeindruckend war noch immer die grobe Heftigkeit gewesen, mit der unser Wägelchen in die Schwenktüre krachte. Als Kind hatte mich das erschreckt, weil ich dachte, die Geister würden einen im Innern vernichten, wenn sie ihre Opfer bereits am Eingang so voller Verachtung gegenüber ihrer Zerbrechlichkeit behandelten. Im ersten Moment war dann die Dunkelheit total undurchdringlich gewesen, und das war sie auch dieses Mal. Unwillkürlich legte ich meinen Arm um Priskas Schulter und bevor ich ihn wieder zurücknehmen konnte, rückte sie näher an mich heran, darum liess ich ihn dort. Prinzip und Rhythmus der Geistererscheinungen waren ziemlich durchschaubar, das war mir schon als Jugendlicher aufgefallen. Es handelte sich auch eher um Skelette, die plötzlich auf einen zu zappelten und dabei grell von unten beleuchtet wurden, um sogleich wieder ins Dunkle zu versinken. Allerlei Geräusche wie Jaulen, Heulen oder Knurren schienen mir realistischer und klarer zu sein als damals, und auch die Abdichtung gegenüber dem Tageslicht, das früher da und dort unter den Zeltplanen hindurchgeschienen und die Illusion des Schlosslabyrinths gestört hatte, war perfekt. Am lautesten war das Gekreisch von Kindern und Jugendlichen, das aber meist fröhlich tönte und sich mit Lachen und allerlei Sprüchen mischte. Die Schienen stiegen an und plötzlich wurde man im ersten Stock aus einer weiteren Schwenktüre ins Freie der Schlossveranda geboxt, von wo aus man kurz zum wartenden Publikum heruntersah und von diesem aufmerksam gemustert und auf Anzeichen von Panik geprüft wurde. Priska und ich sahen uns kurz an, beide lachend, dann polterte schon wieder die Türe zur Seite und die Dunkelheit verschluckte uns. Verkleidete Menschen fassten uns keine an, wie wir meinten, und auch die gefürchteten feuchten Seile und Jutefetzen, die einem früher übers Gesicht gefahren waren, blieben aus. Wir vermuteten, dass die Bahnbetreiber heute vorsichtiger sein mussten, um sich nicht dem Vorwurf von Übergriffen auszusetzen.
Als wir später an einem Stand noch eine Wurst assen, erzählte ich Priska, dass ich einmal unter LSD an der Herbstmesse gewesen sei, und zwar auf dem Platz vor der Mustermesse, wo die grossen und wilden Bahnen standen. Die Farbigkeit der Lichter und die wummernde Musik habe mich zuerst in höchste Ekstase versetzt, bald aber sei mir alles zu viel geworden und der liebe Kerl, der damals den Tripsitter für uns drei Reisende gemacht habe, wollte uns auch vom Platz weglotsen, weil einer auf die Riesenschaukel gehen wollte. Es war mir so herausgerutscht, obwohl ich wusste, dass Priska von diesem Thema nichts hören wollte. Sie kommentierte es auch nicht, sondern knüpfte wieder an dem an, was sie zu ihrem letzten Trip gesagt hatte.
«Meinst du», fragte sie, «dass es, bis wir soweit sind, ein Angebot geben wird von Exit oder Dignitas oder wie sie heissen, wo man vor dem Sirup, der einen umbringt, einen Trip einwerfen kann?»

6.8.25

Die Medaille

Was ihn überraschte: es fiel ihm wieder leicht, früh aufzustehen und als einer der ersten auf der Baustelle zu sein. Oder auf der «Grabungsstätte», wie es sein Lehrmeister Chiesa oder der Anthropologe Bachmann nannten. Er musste sich nun von seiner seriösen Seite zeigen, das war ihm klar. Den Frühmorgenjob in der Börse hatte er schon vor längerer Zeit aufgegeben. Er brauchte das Geld auch nicht mehr so dringend, weil er kaum noch zu seinen Trips kam und den Lehrlingslohn nicht zuhause abgeben musste für Kost und Logis wie einige seiner Kollegen.
Heute war er sogar zu früh dran, die Tür im Bauzaun aus Schalungsbrettern, welcher die gesamte Breite der Münsterfassade abdeckte, war noch verschlossen. Er zündete sich eine Zigarette an und wartete auf den Vorarbeiter, der mit seiner Vespa angefahren kam noch bevor er fertig geraucht hatte.
«Kannst es nicht erwarten weiterzugrübeln?», fragte der Mann, der nicht zu wissen schien, was Js Aufgabe bei den Ausgrabungen war. Vom Alter her hätte er sein Vater sein können. Er trug noch den kugeligen Helm auf dem Kopf und nahm seine Kippe nicht aus dem Mundwinkel beim Reden. Er schloss auf und liess J zu dessen Verwunderung zuerst eintreten.
«Mal sehen, ob ihr heute was zu Fotografieren bekommt», brummte er, als sie beide ihre Jacken an die Haken beim Eingang hängten. Also wusste er es doch.
Obwohl sie nun schon seit Wochen hier arbeiteten, war er noch immer bei jedem Eintreten von Neuem gefesselt vom Raum, aus dem der gesamte Boden herausgerissen war. Er erinnerte ihn an den Wald in einem Bergsturzgebiet, durch den er einmal in den Ferien gestreift war. Die Säulen und Pfeiler schienen wie die Tannen dort und damals keine gemeinsame Ebene zu haben, aus der sie emporwuchsen. Sie fussten auf inselartigen, amorphen und bröselig erscheinenden Wurzelbänken. Drei tiefe Gräben, zwei auf den Seiten, einer in der Mittelachse, dazwischen lehmige, helle Flächen aus gestampftem Lehm, – aus der vor-römischen Schicht, wie er gehört hatte – führten nach vorne zur Vierung, wo das Gelände noch unübersichtlicher wurde und anstieg, gestuft und durchbrochen von geöffneten Gräbern und ruinenhaften Treppenauf- und abgängen. J liebte den Geruch von Zement, der im Raum schwebte und in den sich im Laufe des Tages andere Düfte mischen würden: Kaffee, Bier und Salamibrote. Schweiss und – obwohl er verboten war – Zigarettenrauch. Selten, wenn wieder ein Grab geöffnet worden war, roch es nach Moder und Schimmel.
Heute sollte es beim Grab mit der Nummer 45 soweit sein. Die Reste des eingedrückten Sargdeckels waren am Vortag freigelegt worden, darunter konnte man deutlich die Knochen erkennen, mit braunviolett-schwärzlichem Belag dort, wo sich Reste der Bekleidung zersetzt hatten. Seufzend hatte der Anthropologe gestern, als sie den Zwischenstand fotografisch dokumentierten, festgestellt, dass der Leichnam offenbar mit Ätzkalk bestreut worden war, wobei er auf die Stellen zeigte, an denen zwischen den Resten der Bretter ein weissliches Gebrösel zu sehen war. J wusste von anderen Gräbern, dass es sehr schwer war, durch Löschkalk verätzte Knochen am Stück zu bergen. Sie waren davor schon kaum so zu fotografieren, dass sie als menschliche Überreste zu erkennen waren. Das Grab 45 zog im Moment viel Aufmerksamkeit auf sich. J hatte den Grund dafür bruchstückhaft aus den Unterhaltungen der Erwachsenen erfahren. Bachmann hatte eine These bezüglich des hier Bestatteten, der nach einer Untersuchung in den späten 1920er-Jahren als Grabnachbar des berühmten Erasmus von Rotterdam galt. Der niederländische Gelehrte liege aber eben nicht in der Grube nebenan, wie man damals gemeint habe, unmittelbar am Fuss der Säule, an der einst seine Gedenktafel angebracht gewesen war, sondern zwei knappe Schritte davor, in der nun geöffneten Nummer 45. Der nun Auszugrabende sei der wahre Erasmus. Das andere Grab, das aus Platzmangel später dazwischen gequetscht worden war, habe übrigens die Knochen zweier Toter enthalten, die Bachmann sogar meinte, mithilfe schriftlicher Quellen identifiziert zu haben. Es handle sich um zwei Chorherren mit Namen Oeuglin, Onkel und Neffe, deren sterbliche Überreste dreissig Jahre nach Erasmus’ Tod gemeinsam begraben worden seien. Das besser erhaltene Skelett des Jüngeren sei damals vom zuständigen Anthropologen fälschlicherweise für das des Erasmus gehalten und die Behauptung mit viel Aufwand belegt worden. Sein Lehrmeister Chiesa hatte J dann noch genüsslich die Geschichte erzählt, die für grosse Aufregung und Irritation in der Fan-Gemeinde des Rotterdamers gesorgt habe. Nämlich der Befund einer schweren, an den Schienbeinkochen deutlich sichtbaren Syphilis-Erkrankung, die man nicht mit der Überlieferung vom Leben des Humanisten zusammenbringen wollte. Bachmann war entschlossen, eine neue Geschichte zu begründen.
In den letzten Tagen war J klar geworden, wieviel für die Verantwortlichen der «Grabungsstätte» auf dem Spiel stand. Chiesa, der behauptete, dies «von aussen» beobachten zu können, hatte ihm erklärt, dass es um beruflichen Ehrgeiz gehe, um Machtspiele zwischen den zuständigen Disziplinen – Archäologie versus Anthropologie, mittelalterliche versus antike Bodenforschung und so weiter –, aber auch um Zeit, die Geld bedeute. Geld fresse, das durch ein Budget begrenzt sei. Es hatte lautstarke Auseinandersetzungen gegeben zwischen dem Archäologen, der möglichst bald in die tieferen, römischen und keltischen Schichten vorstossen wollte, für die er dann allein zuständig sein würde, und dem Grabungsleiter Sabatier. Das Münster mit seinen mittelalterlichen Strukturen sei für ihn nur ein Hindernis, das ihn ärgerlicherweise von seinem Ziel trenne, warf ihm dieser an den Kopf, als er wieder einmal drängte, Bachmann solle «endlich vorwärts machen mit seinen Knochen». Der aber liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wollte seinen Erasmus finden und ausgraben, mit der unbeirrbaren Sorgfalt, die er dafür nötig erachtete.

Mit Erasmus verbanden J eher unangenehme Erinnerungen. Natürlich hatten sie, noch mit dem ersten Lateinlehrer, wie ihm schien, sämtliche lateinischen Inschriften in der Umgebung der Schule besucht, was ihnen als Schüler wenig brachte, weil sie davon meist nur einzelne Wörter verstanden. Der Lehrer begründete diesen Umstand mit dem mittelalterlichen «Kirchenlatein» oder mit den zahllosen Abkürzungen der in Stein gemeisselten Würdigungen. Bei der Gedenktafel des Erasmus, der einer dieser Besuche galt, hatte er sich nur noch an den blutwurstfarbigen Stein und an die Graffiti erinnern können, welche Bewunderer frecherweise schon ab dem 16. Jahrhundert hineingeritzt und sich damit vereweigt hatten. So wurde es ihnen erklärt und gezeigt. Eines, an das er sich noch erinnern konnte, suchte und fand er wieder. Es war winzig, eingeschrieben in ein gemeisseltes und vergoldetes C: JOAÑES Crucius. J machte sich nicht die Mühe, herauszufinden, wer das gewesen war, aber der Lateinlehrer hatte es ihnen sicher gesagt: Jean de la Croix, ein wallonischer, evangelischen Geistlicher, der knapp hundert Jahre nach Erasmus gelebt hatte, sein Bewunderer gewesen und offenbar zu seinem Grab gepilgert war.
J ärgerte sich noch immer, wenn er daran dachte, dass ausgerechnet der zweite Lateinlehrer, den er gut mochte, ihm in seiner zuweilen flapsigen Art einen Übernamen angehängt hatte, von dem er behauptete, er hänge mit Erasmus zusammen: «Körperchen». Dabei hiess er Körber, und nicht Körper, was es auch gab als Name. Beide Schreibweisen hatten, wie er vom Vater wusste, mit dem Beruf des Korbmachens zu tun und gar nichts mit dem Körper, der einem mit vierzehn Jahren – so alt war er bei der unerwünschten Namensgebung – sowieso peinlich ist. Erasmus sei oft krank gewesen in seinem Leben, so der Lehrer, und dadurch zum Hypochonder geworden, ein Wort, dessen Bedeutung J bei dieser Gelegenheit in den Zusammenhang des «eingebildeten Kranken» zu bringen lernte, den sie im Französischunterricht kennengelernt hatten. Erasmus habe das Gejammer über seinen jeweiligen Gesundheitszustand aber ironisch zu mildern gewusst, indem er von seinem «Körperchen» sprach. Der Lateinlehrer schien das sehr lustig zu finden und bekam Zustimmung von Js Klassenkameraden. So blieb der Übername zu seinem Kummer eine Zeit lang an ihm kleben. Vor seinem Weggang war er aber von seinem Klassenkameraden nur noch selten so genannt worden, und nun war es für ihn Geschichte.

Der Raum der ausgeschlachteten Kirche wurde auch heute belebt von vielerlei Geräuschen. Man konnte rhythmisches Picken von Hämmern und Meisseln unterscheiden vom Kratzen und Scheuern der Besen oder vom pfeifenden Knirschen des Kieses unter Schaufeln. Ab und zu war auch lautes Poltern und Klopfen zu hören, die sich durch Echo vervielfältigten, wenn Bretter umgeschichtet oder mit Klammern zu Laufstegen und Geländern vorübergehend zusammengefügt werden mussten. Der Lärm der Arbeiten wurde von den Gewölben und Wänden reflektiert und kreuz und quer zwischen Säulen und Bögen hin- und hergeschickt, sodass man oft nicht bestimmen konnte, wo seine Quellen waren. Dazu kamen die Stimmen derer, die sich etwas zuriefen, Anweisungen, Warnungen. Aufforderungen, irgendetwas von A zu holen und nach B zu bringen. Oder eine aufgefundene Situation musste diskutiert, das weitere Vorgehen besprochen und die nötigen Anweisungen ausgegeben werden. Manche sangen oder pfiffen auch beim Schaffen ohne sich darum zu kümmern, wo sie waren. Die Heiligkeit des Ortes war suspendiert.
Js hauptsächliche Aufgabe war es, Material herumzuschleppen, in erster Linie die Ausrüstung seines Lehrmeisters Chiesa. Die Stative und Lampen waren am schwersten, gefolgt von den Taschen mit den Kameras, Objektiven und Belichtungsmessern, die der Meister aber nur ungern jemand anderem überliess. Die Grabungshelfer und selbst die Arbeiter hatten längst herausgefunden, das J immer wieder mal «nichts zu tun» hatte, also wurde er für alles eingesetzt, wozu noch ein paar Hände gebraucht wurden, oder was man gerade nicht selber machen wollte. J war es egal, sein Rücken war robust und seine Arme und Beine kräftig. Und so sah er in alle Bereiche hinein und lernte alle Menschen kennen, die zu der Unternehmung gehörten.
Er hatte es schon ein paar Mal erlebt, dass sich an einem bestimmten Ort des Raums die Energie verdichtete. Jetzt gerade ging sie von einem lauten Ausruf Bachmanns aus, der mit ausgestrecktem Arm und dramatisch deutendem Zeigefinger eine Stelle in der Grube bezeichnete, die sofort wie ein Gravitationszentrum wirkte, die verstreuten Menschen bewog, alles stehen und liegen zu lassen und sich zum Ort zu bewegen, wo Bedeutendes zu Tage getreten war. J liess sich Zeit, konnte aber schliesslich der Neugier auch nicht widerstehen und begab sich zum Grab mit der ominösen Nummer. Das wusste er schon: wenn man beim Graben auf ein Objekt von auffälliger Farbe und regelmässiger Form stösst, dann handelt es sich um etwas Wichtiges. Zwar war er belehrt worden, dass es sich immer auch um ein seiner umgebenden Schicht fremdes Ding handeln könne, aber das schien hier nicht der Fall zu sein. Das Skelett war schon beinahe vollständig freigelegt. Und nun lag da auf seiner linken Bauchseite, über den Resten der linken Hand, eine petrolgrüne Scheibe von etwa zehn Zentimetern Durchmesser. Bachmann war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber gerade war er völlig aus dem Häuschen.
«Bronze, sage ich euch! Es ist Bronze!», wiederholte er mehrmals, als würde ihm widersprochen. Aber alle, die von ringsherum in die Grube hinunterschauten, stimmten ihm zu.
«Ja, aber was ist es? Für eine Münze ist es viel zu gross, oder?», fragte einer.
«Eine Gedenkmedaille!», dozierte Bachmann. «Und wenn es die ist, an die ich denke, dann ...»
Da brach es los von allen Seiten, gleichzeitig: «Die vom Erasmus? – Meinst du, er ist es? – Mensch, dann hatte er recht! – Waren die Dinger so riesig? – Die haben sie ihm in die Hand gedrückt, aber wozu?»
Bachmann war schon wieder am Pinseln. Dann richtete er sich auf in seiner Grube, stellte sich auf ein quer verkeiltes Arbeitsbrett und sprach zu der Runde, die sich ein ganzes Stück über ihm versammelt hatte:
«Ich werde sie heute ins Museumslabor mitnehmen. Dann wissen wir es morgen!»

29.7.25

Der Film (latente Bilder)

Der Film musste noch irgendwo sein, da war ich mir sicher, als ich vor ein paar Tagen wieder einmal die Kraft und Entschlossenheit zum Aufräumen fand. Ich hatte damit begonnen, aus der mir riesig erscheinenden Sammlung von Diapositiven – abgelegt über Jahrzehnte in weit über hundert Boxen mit je zwei Magazinen à sechsunddreissig Bilder – je zwei bis fünf Dias auszuwählen, um sie in einem professionellen Geschäft digitalisieren zu lassen. Den Rest meinte ich anschliessend entsorgen zu dürfen. Bei dieser Arbeit stiess ich auf mehrere Ordner mit Schwarzweiss-Filmen und Kontaktabzügen aus der Zeit, als J noch mit seiner ersten Minolta-Kamera fotografiert hatte. Es war mir klar, dass der besagte Film nicht darunter zu finden sein würde, denn J hatte ihn nie entwickelt. Aber dann stiess ich auf eine Schuhschachtel aus Karton, in der sich neben ein paar Probeabzügen etwa ein Dutzend Filmspulen befanden, einige nackt, andere in ihren Büchschen aus Plastik oder Aluminium. Einige waren sogar mit dem Aufnahmedatum und einem Stichwort angeschrieben. Ich ging alle durch, öffnete die kleinen Behälter, ohne mich zu erinnern, wonach ich hätte suchen müssen. Bei einem der nicht angeschriebenen Filme – einem Ilford HP 5 – war die blecherne Hülle sichtbar korrodiert. Als ich das dazu gehörende Büchschen umdrehte, zuckte ich zusammen. Es war auf der Unterseite mit einem eingekratzten Kreuz markiert. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück.
T, die damals mit J zusammen die Lehre gemacht hatte – als erstes Mädchen in Basel, wie sie immer behauptete, wobei er später herausfand, dass es nicht ganz so gewesen war – T. also hatte immer Mühe damit gehabt, in absoluter Dunkelheit dazusitzen und dabei die knifflige Arbeit zu verrichten, die nötig ist, um einen Film in die Entwicklerbox zu bekommen. Was hiess, zuerst den Zelluloidstreifen zwischen die zwei gegeneinander verdrehbaren Flanken der spiralig gerillten Spule einzuführen und ihn dann mit koordinierten Bewegungen der Handgelenke und mit Hilfe der Zeigefinger in kleinen Schritten von aussen nach innen zu schieben und aufzuwickeln. T. war dabei immer in eine ungeduldige, auch ängstliche Stimmung geraten, vor sich hinredend und bald auch fluchend, weil sie nicht mehr wusste, wohin sie die notwendigen Dinge platziert hatte. Die Schere, oder den Deckel der Box. J dagegen hatte sich immer wohl gefühlt im Dunkeln.
J’s Wohlgefühl konnte ich noch immer reaktivieren, während ich nun seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in der Besenkammer unter der Treppe sass. Den winzigen, abgeschrägten Raum, in dem ich nur an einer Stelle aufrecht stehen konnte, hatte ich erstaunlich aufgeräumt vorgefunden. Er musste nur staubgesaugt werden, was ich eine halbe Stunde lang sorgfältig tat. Die winzige Arbeitsfläche, einst aus einem Brett und zwei Winkelstützen angefertigt und an der Treppenunterseite gefestigt, war noch da. Ich hatte vor dem Schliessen der Tür und dem Davorziehen des schwarzen Vorhangs alles Nötige auf dem Tischchen zurechtgelegt: Den Film, die Box mit der Spule, den Deckel, die Schere. Die Hände waren gewaschen und sorgfältig getrocknet. Nun schloss ich die Tür von innen ab und setzte mich auf den Stuhl, den ich mit den Kniekehlen erspürte. Wartete dann, bis die Nachbilder auf der Netzhaut verschwanden. Dieser Moment, bevor einem das Gehirn wieder farbige Lichterscheinungen vorgaukelt – nur um sich zu beschäftigen und weil es die Abwesenheit von Reizen nicht wahrhaben will – dieser Moment war etwas vom Schönsten, was ich kannte. Man konnte ihn verlängern, wenn man langsam und tief atmete. In den Tropen, in Afrika, hatte J als junger Mann auf Reisen die plötzliche, dämmerungslose Dunkelheit zu Beginn als bedrohlich empfunden, aber nicht aus Angst vor der Schwärze und den daraus vielleicht hervorbrechenden Gefahren, sondern weil er befürchtete, den Heimweg zu seiner Unterkunft in wenig vertrauter Umgebung nicht mehr zu finden. Ich erinnere mich noch an seine Gangart, die er sich in besonders dunklen Neumondnächten angewöhnt hatte, nachdem er sich einmal an den Rändern schräg liegender Bodenplatten aus Beton die Zehen blutig geschlagen hatte. Seitdem hob er in solchen Nächten die Füsse, indem er die Knie hochzog wie ein Sportler beim Training, auch wenn es lächerlich aussehen mochte. Es sah ihn zwar kaum jemand bei diesen Gelegenheiten, aber seine Bewegungen erinnerten ihn in peinlicher Weise an Versuche mit der «Gangart der Kraft», von der er mit sechzehn, siebzehn Jahren in den Büchern Castanedas gelesen und mit der er damals, als er noch an die Authentizität dieser Texte glaubte, experimentiert hatte. Er trug auf Reisen für den Notfall eine Taschenlampe auf sich, und bemühte sich sorgfältig, dass sie jederzeit genügend geladene Batterien enthielt. Licht zu haben, jederzeit Licht ins Dunkel bringen zu können, war ihm wie der Inbegriff der Zivilisation vorgekommen, von der aus man sich Ausflüge ins Lichtlose leisten und sich dort – mit wohligem Gruseln – sogar für eine Weile einrichten konnte. Gewisse Tätigkeiten liessen sich aber ohne Licht gar nicht verrichten: Lesen, schreiben, zum Beispiel. Und kompliziertere Dinge wie den Fotoapparat von Staub befreien oder die wund gelaufenen Stellen an den Füssen versorgen.

Die Zeit vor fünfhundert Jahren war viel dunkler als unsere. Erasmus muss von Kindsbeinen an daran gewöhnt gewesen sein, sich um Licht zu kümmern. Er wusste um dessen Unabdingbarkeit in manchen Situationen, aber auch um die Wirkungen, die Helligkeit auf unsere Seele und den Geist ausüben. Im Übergang zwischen Jugend und Erwachsenwerden, im Kloster von Stein, stahl er sich zwischen den streng geregelten Tätigkeiten, zu denen auch, eingerahmt von der letzten Abendandacht und der Frühmesse, ein paar Stunden Schlaf gehört hätten, seine private und verbotene Arbeitszeit beim Licht einer Kerze oder Öllampe und schrieb das erst viel später gedruckte Pamphlet «Gegen die Barbaren», seine Klage gegen geistige Dunkelheit, gegen das Verbot der «heidnischen» Literatur und die Unterdrückung des kritischen Lernens. Lucubratio heisst auf lateinisch die Arbeit bei Nacht, bei künstlichem Licht, und lucubratiuncula nannte Erasmus später zuweilen in scherzhaftem Diminutiv seine Werke.

Der Film war ganz eingedreht, also musste ich die metallene Kapsel öffnen. Lebhaft erinnerte Erfahrungen bewahrten mich davor, dazu die Fingernägel zu gebrauchen. Ich tastete stattdessen nach der Schere, setzte sie mit leicht geöffneten Spitzen am Rand des Kapseldeckels an und versuchte, ihn wegzudrücken. Zuerst widerstand er meiner Anstrengung, aber als ich die Kapsel etwas gegen den Spalt hin zusammenpresste, flog der Deckel davon und klingelte in der Dunkelheit zu Boden. Ich zog den Film sorgfältig aus seinem Behälter, der nun leicht klaffte, und achtete darauf, dass er sich dabei nicht entrollte, indem ich ihn mit der linken Hand so umschloss, dass ich möglichst nur die Kanten berührte. Es war erstaunlich, wie sich meine Hände in absoluter Dunkelheit erinnerten. An den Fingern meiner Rechten steckte die Schere, gleichzeitig konnte ich mit ihnen den schmalen Anfangsteil des Films ertasten, der abzuschneiden war. Dabei spürte ich am Rand des Zellulosestreifens eine Kruste – ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass der Film mit der Korrosion des Blechs der Hülle reagiert hatte. Man würde sehen, dachte ich, und begann damit, den Film in die Spule einzuführen. Er liess sich problemlos weitertransportieren, ausser zweimal, wo er wegen der Kruste am Rand steckenblieb. Ich konnte die Widerstände aber wegpulen, dann lief es wieder. Schliesslich spürte ich die leere Metallspule an meinen Daumen. Ich ertastete die Schere und schnitt sie vom Film ab, verdrehte die Räder aus Plastik noch ein paarmal gegeneinander, damit auch das Filmende sicher versorgt war. Dann griff ich nach dem Deckel der Dose, setze ihn auf das Gewinde und erkundete mit leichter Drehung, ob er geradesass und sich leicht zuschrauben liess. Als der Behälter dicht verschlossen war, konnte ich das Licht anschalten. Wie auch früher immer zögerte ich einen Moment und überlegte, ob ich an alles gedacht hätte. Dann machte ich hell.
Der Filmstreifen war nun sicher in seinem lichtlosen Behälter untergebracht. Ich hatte frische Chemikalien besorgt um ihn zu entwickeln und zu fixieren. Zusehen dabei, wie die latenten Negativbilder langsam auftauchen, kann man nicht. Obwohl ich die nötigen Manipulationen unzählige Male vollzogen hatte in meinen jungen Jahren, wollte ich sichergehen und las auf einem Beipackzettel nochmals nach. Neben der Wichtigkeit frischer Entwickler- und Fixierlösung wurde sorgfältiges und ausgiebiges Wässern zwischendurch und am Schluss betont. Um auch hier sicher zu gehen, spülte ich die Dose zum Schluss viermal, wobei ich die Anzahl der Kippbewegungen von drei auf vierundzwanzig steigerte. Dann durfte ich die Dose öffnen. Aufgeregt nahm ich die Spule heraus und sah sofort, dass sich Bilder auf dem Film befanden. Als das obere Rad abgedreht war, liess ich den Film vorsichtig in den Plastikkübel mit Wasser fallen, dem ich ein paar Tropfen Benetzungsmittel zugefügt hatte. Dann konnte ich nicht widerstehen, packte das eine Ende des Streifens und hob ihn hoch. Meine Augen suchten und fanden die zwei Bilder des Grabes sofort, obwohl sie als Negativ sehr abstrakt aussahen. Aber das feine, gegen das Fussende leicht zusammenlaufende Rechteck des Sarges war gut zu sehen. Beim Kopfteil, um das es mir wegen des Schädels ja ging, war das eine Bild durch die Korrosion angefressen. Ich liess den Film zurück ins Wasser gleiten und holte eine Lupe.

24.6.25

Rausch

Wenn ich wüsste, was ihn damals umtrieb. Die Schule, dieses seltsame, elitäre Männerbiotop, langweilte ihn fast durchgehend. Selten engagierte er sich mehr als für ein knappes Weiterkommen nötig war, wie jenes eine Mal, als er zum Erstaunen des Lehrers und der Klassenkameraden einen fulminanten Vortrag über die Verwendung von Drogen in der islamischen Kultur hielt. Wobei er sich auf die Medizin konzentrierte, die in dem Buch, auf das er sich hauptsächlich bezog, den geringeren Teil ausmachte. Aber er hielt es für besser, die hedonistischen und mystisch-transzendenten Motive der orientalischen Haschisch- und Opium-Esser nicht ins Zentrum seiner Ausführungen zu rücken, da er damals schon seine ersten Erfahrungen mit halluzinogenen Substanzen gemacht hatte, wovon einzelne Menschen in seiner Umgebung auch Kenntnis hatten.
Ausserhalb der Schule schuf er sich eine Parallelwelt, die ihn zunehmend beschäftigte und ausfüllte, oft auch in Atem hielt. Da er Geld brauchte für die stetig anwachsende Plattensammlung und die Aufrüstung seiner Musikanlage einerseits, andererseits zur Finanzierung der Trips an den Wochenenden, hatte er mit einem frühmorgendlichen Job begonnen: er putzte in einem der Gebäude der Basler Börse von halb sechs bis etwas nach sieben Uhr morgens. Seine Tour war eigentlich auf drei Stunden angesetzt, aber er legte sich ins Zeug und schaffte es in der Hälfte der Zeit. Auf dem anschliessenden Weg in die Schule traf er am Rheinsprung öfter mal auf den Lateinlehrer, der wohl seinen Wohnort kannte und sich wundern mochte, weshalb J aus dieser Richtung kam. Aber er sagte nichts dazu. So war das damals, man liess sich gegenseitig in Ruhe.

Als J seine ersten LSD-Trips einwarf, waren sie noch relativ teuer. Für einen kleine Tablette, die in einem illegalen Labor produziert worden war, zahlte er fünfzehn bis achtzehn Franken, was viel Geld war. Damit konnte man sich fast eine Langspielplatte kaufen. Dazu musste er lernen, dass man nicht wissen konnte, wie viel LSD sie enthielten, weil oft andere Stoffe beigemischt waren. Manche Pastillen liessen sich halbieren oder sogar vierteln, wobei die Verteilung der Substanz darin nicht gleichmässig war, weil sie nicht in einer professionellen Fabrikation hergestellt wurden. Nur ab und zu bekam er etwas aus den Labors der Sandoz. Da hatte er einen guten Freund, Hanspeter, genannt Hampe, der dort Laborant war. Hampe starb später leider an einer Überdosis, als das Heroin kam. Aber auf solchen Wegen wurden chemische Stoffe aus der Sandoz herausgeschmuggelt. Das war sehr reines LSD in Form kleiner, durchsichtiger Plättchen, die wie ein Stück Film aussahen und sich gut teilen liessen. Zudem fielen insgesamt die Preise, so dass die Einnahme für eine «Reise» schliesslich auf etwa fünf Franken kam.
J hat sich auch illegal betätigt. Was in seiner Stadt, in Basel, aus den Chemielabors kam, war nur sehr unregelmässig verfügbar. Da ging es wie gesagt um den Gelegenheitsklau von Laboranten, die dort gearbeitet haben. Wo aber regelmässig und in genügender Menge LSD-Trips hergestellt wurden, vor allem 1968, das war im Umkreis der amerikanischen Soldaten in Deutschland. Und der nächstgelegene Ort, wo es ein grosses Umfeld von amerikanischen Kasernen gab, war Heidelberg. Da fuhr man hin. J bevorzugte die Eisenbahn. Er kannte Leute, die machten das mit einem dicken Auto, z. B. Heinz mit seinem Chevy Impala. Der war natürlich sehr auffällig, wenn er zurückkam an die Grenze. Mit einem Riesenauto und drei, vier verwegenen Typen drin, ziemlich dumm war das. J hat sich mit einem Deutschen zusammengetan, den er gut kannte. Sie fuhren nach Heidelberg, füllten die Tabletten in einen Filzstift oder einen Caran d’Ache-Bleistift und steckten die in ihre Taschen. Da kamen die Polizisten nicht so schnell drauf. Oder was sie manchmal auch machten: den Stoff einpacken und dann in der Deutschen Bahn im Papierkorb verstauen. Denn sie wurden öfter mal gefilzt. Wenn man wie J lange Haare hatte, schauten die Beamten genau hin, weil sie ahnten, dass da was lief. Und sie wussten natürlich, dass in den Zügen aus dem Frankfurter Raum oder aus Heidelberg Drogen transportiert wurden. Wenn man es also über die Grenze geschafft hatte, wurde verteilt. Es war kein Gewinngeschäft, sie empfanden und bezeichneten es nicht als Dealen, sondern man hat vier, fünf, oder sechs Stück für sich behalten und die restlichen zwanzig mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis verkauft. Auf der Gasse. Die «Klagemauer» auf dem Barfüsserplatz war dafür beliebt, und das Café Oasis in der Greifengasse, das es heute nicht mehr gibt.
Die gekauften Portionen wurden geteilt und dann zusammen eingenommen. J und seine Freunde trafen sich an einem ruhigen Ort, spazierten zum Beispiel auf die Muttenzer Höhe, manchmal auf das Bruderholz. Oder man ging zu jemandem nachhause, wo es eine gute Musikanlage und genügend Schallplatten gab. Jemand kochte Tee und vielleicht wurde noch eine Pfeife geraucht, je nach den Leuten, die da zusammenkamen. Es handelte sich um Zweier, Dreier- Vierer-, selten auch Fünfergrüppchen. Im Wald und in der Natur konnten es bis zu zehn Personen sein. Meistens wusste jemand Bescheid, ob man die Tabletten teilen konnte oder ob man eine ganze nehmen musste, weil das LSD gestreckt war. Obwohl die Zusammensetzung der jugendlichen Gruppen immer wieder wechselte, fühlte es sich für J an wie eine verschworene Gemeinschaft, wie etwas Neues, ganz Anderes im Vergleich zu seinem Zuhause und zur Schule. Man entwickelte eine eigene Sprache für das, was man tat und erlebte. Und die Trips warfen einen um.

Er wollte sehen und hören. Ich weiss nicht, warum er sich bei seinem ersten Versuch das Kommende wie Kino vorstellte, oder wie den Besuch einer Oper. Man kennt halt nichts anderes: Er, als Beobachter und Zuhörer, als feste Bewusstseinsinsel im Zuschauerraum. Dort, auf der Bühne – und um ihn herum auch die nachbarliche Umgebung, die Logen mit gleichzeitig Teilnehmenden – findet «das Geschehen» statt, das, «was gespielt wird». Als der Rausch einsetzte, wollte er sich noch eine Weile an seine Erwartung klammern. Objektiver Beobachter bleiben, der später davon erzählen, das Erlebte irgendwie festhalten könnte. Aber es erwies sich als unmöglich, ja es schien sogar, als ob sein Widerstand – wogegen? was, wer trieb die Dynamik an? – sich auswirkte wie Böen, die in ein an sich schon lebhaftes Feuer bliesen. Hören und Sehen verging «ihm», oder vielmehr, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung blähten sich auf und vervielfältigten sich dermassen, dass es «ihn» nicht mehr gab. Jedenfalls nicht so, wie er sich kannte. Ich erinnere mich, dass ihm die Bäume eine wichtige Rolle spielten und mit ihnen eine Mischung aus Ehrfurcht und ästhetischem Genuss verbunden war. Dass sie in den Farben eines «schwarzen Regenbogens» leuchteten – es war mittlerweile Nacht geworden –, war noch ihre harmloseste Eigenheit. Sie waren in ständiger Bewegung, stürmten immer wieder als rauschende Horde in irgendeine Richtung, blieben dann stehen, oft ganz schräg. Ein allwissender Beobachter hätte vielleicht feststellen können, dass dies nur für diesen halluzinierenden Jungen so stattfand, und zwar dann, wenn er den Kopf bewegte. Die Bewegungen der Bäume waren furchtbar erschreckend und lustig. Ihre Wurzeln verbanden sich miteinander, Seh- und Hörnerven, mit denen sie alle zusammen «sahen und gesehen wurden», «horchten und gehört wurden». Die Blätter, Millionen in «schwarzem Neon» leuchtender und wie Glasröhren glöckelnder Aug-Ohren – man sah und hörte sie, man war sie, sie sahen-hörten sich und alles, sie erschufen das Gesehene und hörten das Erschaffene. Der Hügel, auf dem sich die kleine Gruppe der Berauschten befand, war zu einem Schiff von ungeheuren Ausmassen geworden. Die Stadt, deren Lichter aus der Flussebene heraufleuchteten, war ein Meer, gewoben aus edelsteinfarbigen Wellen, wobei diese Zuordnungen, zum Hügel, zur Stadt, völlig aufgehoben waren und erst post festum angestellt werden konnten. Er fuhr tatsächlich auf einem inselgrossen Schiff, auf dem Meer, dass sich in seiner Tiefe mit dem Weltall vereinte. Und er war Schiff, Meer, Weltall.

Die Dauer eines Trips war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die Dosierung wurde 1970, 1971 noch schwieriger, als der Handel kommerzialisiert und damit auch kriminell wurde. Auf einmal traf J Typen auf der Strasse, vor denen er Angst haben und notfalls davonrennen musste. LSD wurde rücksichtslos gestreckt oder mit anderen Stoffen versetzt. Beliebt war es zum Beispiel, ein wenig LSD mit viel Amphetamin oder damit verwandten Stoffen zu mischen, die eine aufputschende Wirkung hatten und auch halluzinogen wirken konnten. So wurden negative Nebenwirkungen verstärkt und es kam vermehrt zu Horrortrips, bei denen die Leute durchdrehten. Und auch ihm passierte das einmal. Wobei er es selbst gar nicht als Horrortrip erlebte, aber wie ihm danach erzählt wurde, habe er «sehr psychotisch» gewirkt. Für ihn war es einfach eine starke Erfahrung gewesen. Angstzustände hatte er sonst kaum je. Er erklärte es sich mit seiner Grundkonstitution. Wenn man einen Hang zur Paranoia hatte, wurde der verstärkt. Er erlebte Dealer, die auf dem Trip mit riesigen Augen herumliefen, panisch um sich schauten und immer meinten, die Polizei sei da. Ihre dauernde Wachsamkeit und Angst in nüchternem Zustand vereinten und verstärkten sich unter Drogen zum Horror vor dem Monster.
Kombiniert wurde der Konsum von LSD oft mit Rauchen von Haschisch, oder mit Kiffen. Und später mit Amphetamin und allen möglichen anderen Drogen. Wenn wieder etwas Neues kam, war es schlau, zuerst nur ganz wenig einzunehmen. Oder sich umzuhören und nachzufragen bei denen, die es schon versucht hatten. Von vielem musste man ganz die Finger lassen. Das Zeug hatte lustige, oft auch zynische, irreführende Namen. Einmal tauchten Tabletten auf, die relativ teuer waren und so stark in ihrer Wirkung, dass man sie vierteln konnte. Die hiessen «Peace Trips», dabei waren sie mit Strychnin versetzt. Und dann gab es die «Heidelberger Fürze», da war das LSD mit Amphetamin, mit Speed, angereichert. Dazwischen gab es eher poetische Namen wie den «Sunshine Trip», der von recht guter Qualität war. Die Tabletten hatten ihr je eigenes Design und verschiedene Farben. Etwas Besonderes waren die Fliesspapiere, worauf das LSD getröpfelt wurde, meist in reiner Qualität, weil es direkt aus den Labors kam. Diese Papiere hat man dann zerschnitten. Sie waren nicht geeignet für den Transport, weil die Droge in dieser Form flüchtig war.
Aber die Entwicklung insgesamt war verstörend. Immer öfter wurden in Js Umfeld Drogenmischungen gespritzt. Das war gefährlich, und ihm wurde klar, dass er da nicht mitmachen wollte. Er kannte Leute, die sich wahnsinnige Cocktails in die Venen pumpten. Einige überlebten das nicht oder nur noch drei, vier Jahre lang. Es war brutal und machte ihn sehr traurig. Zwei gute Freunde blieben auf der Strecke, weil ihr Herz irgendwann nicht mehr mitmachte. Und als dann noch das Heroin dazukam, zwischen 1970 und 71, wurde es noch schlimmer. Alles veränderte sich.

1.6.25

Trotz

In Js Schädel, wie er damals funktionierte, können wir nicht mehr hineinsehen. Auch ich nicht, dessen Jugendform J einst war. Seine inneren Dialoge sind mir verschlossen, ich kann sie nur ableiten aus der Art, wie ich heute innerlich mit mir selbst und meinen Projektionen spreche, von dieser Sprechweise allenfalls die Lebenserfahrung subtrahieren. Im Grunde bleibt es Erfindung. Erst recht dann, wenn es um seine Gefühlswelt geht, die ich mir aus heutiger Sicht immer etwas dumpf, verwirrt und trotzig vorstelle. Starken Schwankungen unterworfen, die er meinte, hinnehmen zu müssen, ohne sie direkt beeinflussen zu können. Dann lieber die schmerzhaften wegschieben, sich ablenken mit irgendeiner Aktion. Fussball spielen mit Freunden zum Beispiel. Rauchen, irgendein Zeug einwerfen und schauen, was passiert. Manchmal, selten, half auch zeichnen oder, seit er die Kamera hatte, auch fotografieren. Vielleicht ist mir seine innere Bildwelt noch am ehesten zugänglich. Langeweile war immer gefährlich gewesen, blieb es eigentlich bis heute. Js Trotz, gegen die Eltern, die Lehrer, überhaupt gegen alle Erwachsenen, aber auch gegenüber Gleichaltrigen, überschritt kaum je die Schwelle zwischen innerlichem Groll und widerständiger Aktion. Schämte er sich dafür, oder ist Scham mein heutiges Gefühl, das mich immer noch leise anrührt, wenn ich «an ihn» denke?

«Die Leute werden bockig», war die Diagnose einer Kulturwissenschaftlerin in einer kürzlich gesehenen Fernsehsendung. Es ging um Schuld und Eigenverantwortung. Ihre Bemerkung zielte auf Menschen, die angesichts der Folgen von Klimaerwärmung, Rückgang der Artenvielfalt und Vermüllung des Planeten mit Plastik trotzig sagen: «Was solls, ich kann das auch nicht ändern. Ich will mein Leben leben. Und wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich mir trotzdem ein dickes Auto, fliege im Urlaub in der Welt herum und geniesse es. Jetzt erst recht!»
Man erinnert sich an die drei autofreien Sonntage 1973, an die Bilder der fröhlich zweckentfremdeten Autobahnen in der Schweiz, die aufgrund der verordneten Autofreiheit von picknickenden, spielenden, Rollschuh und Velo fahrenden Familien besetzt wurden. Der Krieg im Nahen Osten hatte mit einer schockartigen Verknappung und darauffolgender Preiserhöhung den Ölmarkt durchgeschüttelt und den Industrienationen ihre Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Ländern klargemacht. Autofreie Sonntage und Appelle an die Vernunft der Bürger sollten die autobasierte Mobilität einschränken und so eine schlimmere Notlage abwenden. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise war es in der Schweiz noch möglich, die Unterschriften zusammenzubekommen für eine Initiative, die dauerhaft jeden zweiten Sonntag vom Autoverkehr befreien wollte. Sie kam nochmals zwei Jahre später zur Abstimmung und wurde trotzig abgelehnt. Eine deutlich nachhaltigere Auswirkung hatte die Krise in Deutschland, wo mit dem VW Golf ein leichtes Auto populär wurde, das nur die Hälfte des Benzins pro hundert Kilometer verbrauchte, die der seit dem Zweiten Weltkrieg dominierende Käfer benötigt hatte.

Was man als Trotzalter bezeichnet ist eigentlich das üblicherweise zwischen eineinhalb und knapp vier Jahren auftretende Autonomiebestreben von Kleinkindern. Die Äusserungen reichen vom Aussprechen des ‘Nein, ich will nicht / Doch, ich will das!’ bis zu tobsuchtartiger Verweigerung, Verhinderung, Störung, Durchkreuzung der Pläne und Anordnungen der Erwachsenen, meistens der Eltern.

Und was ist das? Im Wallis musste ein Dorf evakuiert werden, weil der Gipfel des Hausbergs drohte, auseinanderzubrechen. Jahrtausendelang hatte nie auftauendes Eis den brüchigen Fels zusammengehalten, nun musste man befürchten, dass er unter seinem eigenen Gewicht kollabieren und aufs Dorf herunterstürzen könnte. Die Bewegung des Gipfels wurde sorgfältig überwacht, eine Zeit lang schien es so, als würden die Gesteinsmassen in kleinen Portionen abbrechen und sich auf ihrem Weg nach unten verteilen, sodass das Dorf unbeschadet davonkäme. Dann aber wurde klar, dass sich der grösste Teil auf einem Gletscher staute, der zwischen Gipfel und Tal eine Terrasse bildete. Diese wurde durch das zunehmende Gewicht in Bewegung versetzt, nach unten natürlich, was zu immer grösseren Abbrüchen und Murgängen führte. Die Hoffnung der evakuierten Bewohner, die sich zwischendurch zur Vorstellung gesteigert hatte, sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren, wurde am Nachmittag vor Auffahrt zunichtegemacht, als sich der Gletscher mit einem lauten Krachen vom Felsen losriss. Die Eismassen wurden beim tausend Meter tiefen Sturz verflüssigt, mischten sich mit dem nachstürzenden Geröll zu einem riesigen gelbgrauen Ungetüm – man konnte nicht sagen, wo die Wolke in Murgang überging und umgekehrt. Das Dorf wurde verschluckt und die Masse wälzte sich noch ein Stück weit den Gegenhang hinauf. Als sich der Staub gesetzt hatte, wurde ein ockerfarbiger Schuttkegel sichtbar, der den Schutzwald und die meisten Häuser unter sich begraben hatte. Er staute bald den Fluss am Talgrund zu einem See, der die wenigen bisher verschonten Häuser überschwemmte. GLEICHZEITIG – TROTZdem – bewegten sich zur gleichen Zeit endlose Autokolonnen im Schritttempo auf ihrem Weg in den Kurzurlaub nach Süden und stauten sich mehrere Tage vor der Tunnelröhre. Die Autos in der Kolonne wogen im Durchschnitt doppelt so viel wie der erste VW Golf von 1974. Die vermehrte Sicherheit, welche die Vergrösserung den Insassen der SUVs verspricht - mittlerweile der Hälfte der Autos in der Schweiz –, geht bei einem Unfall auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, und der verringerte CO2-Ausstoss könnte bei vernünftigem Durchschnittsgewicht noch viel geringer sein. Worum geht es also? Man schaue sich nur die Schnauzen der Fahrzeuge an: trotzig aggressive Grimassen! Platz da, jetzt komme ich!

Contumacia, das lateinische Wort, hat eine ambivalente Bedeutung: es kann trotzigen Eigensinn meinen, aber auch den heldenhaften Widerstand gegen Tyrannen. Das Adjektiv contumax bedeutet trotzig, halsstarrig. Zusammen mit dem Wort für Silbe, syllaba, wird es im übertragenen Sinn zu sperrig, unpassend, sich nicht ins Metrum einfügend. Verwandt sind contumacia und contumax mit tumere, tumidus und tumor, die neben anderen Bedeutungen das Anschwellen eines menschlichen Gesichts im Zorn, vor Stolz oder Wollust bezeichnen können.
Erasmus’ Wahlspruch war (con-)cedo nulli = «Ich weiche niemandem», was trotzig tönt. Der Vorwurf, er drücke damit Sturheit und Überheblichkeit aus, wurde ihm wiederholt gemacht. Er lavierte und behauptete in seinen Erwiderungen, der Spruch beziehe sich auf den Gott Terminus, ja sei eine Äusserung dieser Symbolfigur, und nicht seiner selbst. Terminus hat nach dem Mythos den Spruch geäussert, als sein Tempel demjenigen Jupiters weichen sollte. Erasmus behauptete, sein Spruch beziehe sich auf die Deutung des Terminus als Tod, der auch niemandem weiche. Er hat sich Terminus, als Bild einer Büste des Gottes, die auf einen Grenzstein aufgesetzt ist, als ‘Brand’, als ‘Marke’ gewählt, die er auf Drucken, Gedenkmedaillen und als Siegel verwendete. Terminus wäre auch als Beschützer der Grenzen, als Vollender von Aufgaben und Lebensabschnitten lesbar gewesen. Aber Erasmus setzte ihn gleich mit dem Tod, indem er den griechischen Spruch «hora telos makrou biou» = «Bedenke das Ende eines langen Lebens» daneben setzen liess, dazu den lateinischen «mors ultima linea rerum» = «Der Tod ist die letzte Linie der Dinge». Interessant ist auch, wie Erasmus zu dem Symbol gekommen war.
Er hatte von einem ehemaligen Schüler, einem englischen Prinzen, einen Siegelring mit einer antiken Gemme aus Karneol geschenkt bekommen. In den Stein war der Kopf von Dionysos geschnitten, kein Terminus. Erasmus hat diesen Kopf aber als Terminus uminterpretiert (er gab an, ein Antikenkenner habe in dem Kopf Terminus erkannt, was Unsinn war) und sich ausdrücklich in Anlehnung an diesen Ring ein Petschaft machen lassen, das Terminus zeigt und dessen Namen trägt, dazu den Spruch «Cedo nulli». Schon das erregte Anstoss bei konservativen Theologen. Allerdings wäre der Kopf des Dionysos, als heidnischer Gott des Weins und des Rausches, noch anstössiger gewesen als Schutzpatron eines Geistlichen, der Erasmus trotz Dispens des Papstes ja blieb. Terminus war unverfänglicher. Dennoch wurde Erasmus deswegen angegriffen. Reagiert hat er mit dem Hinweis, es ginge nicht um den antiken Gott, sondern um ein ‘Memento Mori’, also um das Motto, man solle sich seiner Sterblichkeit immer bewusst bleiben.
So war sein Trotz. Der eines eher ängstlichen, harmoniebedürftigen Geistes. Wenn es hart auf hart kam, hieb er nicht auf den Tisch mit geschwollenen Zornesadern wie sein Gegenspieler Luther. Sein Trotz äusserte sich in manchmal endlosen Repliken. Er argumentierte und zündelte einfach immer weiter, am liebsten in gedruckter Form.

Ist Trotz Ausdruck von und gleichzeitig Mittel gegen Ambivalenz? Trotz schafft scheinbar klare Verhältnisse, nach innen und nach aussen. Da man eigentlich nur trotzig sein kann gegen etwas konkretes oder jemanden konkreten, wird durch Trotz eine klare Trennung gezogen zwischen mir und dem Anderen. Oder zwischen uns und den Anderen.
Ist das Trotz? Oder Resilienz? Wenn der Gemeindepäsident des verschütteten Dorfes sagt: «Auch wenn das Dorf unter einem grossen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen.»