20.11.23

Krankes Bild

T., eine der Studentinnen, die L. in der Schlussphase ihrer Ausbildung zu begleiten hatte, traf er eines Abends noch spät in ihrer Koje im Grossraumatelier an. Es roch intensiv nach Terpentinöl. Und vom Laptop, das halb zugeklappt mitten in den Farbtöpfen, zerknüllten Lappen und als Paletten dienenden Kartonstücken stand, tönte ein blecherner Beat. Sie bemerkte sein Kommen nicht, da sie ihm den Rücken zuwandte, und er musste überlegen, wie er es anstellen könnte, sie nicht zu erschrecken. Das Bild, vor dem sie stand und an dem sie seit Wochen arbeitete, sah schlimm aus. L. zog sich leise zurück und machte einen grösseren Umweg durch die verlassenen Arbeitsplätze in T.’s Nachbarschaft, um sich ihr von vorne nähern zu können. Erst als er neben dem Metallgestell stand, das ihr als Staffelei diente, blickte sie langsam auf und sah ihn aus müden Augen an. Rang sich schliesslich ein gequältes Lächeln ab. Sie bückte sich nach einer Rolle Haushaltpapier, riss ein Stück ab, zerknüllte es zu einem Ball und begann sich damit die Finger abzureiben.
«Hallo», rief er ihr zu und deutete auf das Gerät. «Darf ich?» Und als sie nickte, hob er es hoch, klappte es auf und stellte die Musik leise. Danach schien es ihm besser, es auf dem Tisch zu platzieren. Sie sagte noch immer nichts, also trat er neben sie, und man schaute eine Weile schweigend auf das Bild. Es war ein Schlachtfeld. Offenbar hatte sie Lösungsmittel darüber geleert und heftig nachgerieben. Man konnte noch knapp die zwei Frauenfiguren erahnen, von denen die eine links am Boden kauerte und die andere in der Mitte tanzte. Oder eher: getanzt hatte, denn von ihren Beinen, die er als blau bestrumpft in Erinnerung hatte, waren nur noch zwei verschmierte Wolken übrig.
«Ich hab’s versaut», meinte sie schliesslich. «Zum wievielten Mal schon?» Sie drehte sich ab und ging zu einem Stapel von Leinwänden, die an die Kojenwand angelehnt waren, mit der Rückseite nach aussen. Die vorderste wurde umgedreht und mit schief gelegtem Kopf angeschaut.
«Ich habe auf deinen Rat gehört und gleichzeitig an diesem da gearbeitet. Immer gewechselt, wenn es bei einem geharzt hat», sagte sie. Dann, mit bitterem Spott: «Hat super funktioniert: jetzt ist auch das futsch!»
«Na, na! Ich nehme alles auf mich!», antwortete er, war aber schon intensiv am Schauen. «Stell’ es unter das andere!» Er half ihr, die Bilder so zu platzieren, dass man sie beide betrachten und vergleichen konnte. Das taten sie eine Weile ohne zu reden.
«Es ist nicht futsch», befand er dann, indem er auf die zweite, dazu geholte Leinwand deutete.
«Tatsächlich ist etwas Wichtiges besser geworden. Du hast die Figur da vergrössert und aus der Mitte genommen, nicht?»
«Ja. Aber ...» Sie verstummte wieder, trat näher an das Bild heran und deutete auf die Umgebung der Frauenfigur, die einen hellblauen Pullover über einem Rock trug, der in Farbe und Form an ein Ei erinnerte. «Sie versäuft jetzt im Hintergrund.»
«Das stimmt», gab L. zu, und überlegte. «Du könntest den Ast von der Zeder – das ist doch eine? – den müsstest du viel grösser machen. So eine Wolke aus feinen, sehr dunklen Nadeln. Wie da oben. Das könnte dann hinter ihr durchgehen und sie nach vorne schieben. Und sie umschmeicheln wie eine riesige Stola. Das dunkle, kalte Grün ginge auch gut mit ihren roten Haaren. Oder ist dir das zu sehr ...?»
Sie hatte schon ein paar Mal fast unmerklich genickt, was ihn dazu ermunterte, in seinem Rat so weit zu gehen. Jetzt murmelte sie: «Nein.» Und: «Ja, das könnte man machen, glaub’ ich.» «Ihr Blick ist toll jetzt, das musst du hüten! Das ist – vieldeutig. Frech, irgendwie. Sehr schön!»
Dann wandte er sich der anderen Leinwand zu, um die es viel mehr ging.
«Es ist krank, dieses Bild.» Nach solcher Diagnose schwiegen sie längere Zeit. Bis er fortfuhr:
«Ich kenne das, dann wirst du zornig. Und unterziehst es allerlei zornigen Kuren. Manchmal hilft es dem Patienten, vielleicht aber auch nicht. Manchmal ist es besser, zurückzugehen auf die Basics. Vernünftig zu sein und zu schauen, was denn genau schlecht ist im Moment ...»
Sie unterbracht ihn, drängte: «... am schlechtesten, meinst du? Was ist es hier, sag’s mir!»
Er antwortete betont sachlich.
«Über die tanzenden Beine haben wir schon einmal gesprochen, weisst du noch? Du hast gemeint, dass du die nicht hinkriegst, weil du eigentlich keine Ahnung hast von Anatomie. Obwohl alle deine Bilder bevölkert sind von Figuren. Du seist viel zu wenig geübt im Zeichnen von Menschen. Ich habe dir dann gesagt, dass die daraus folgende Unbeholfenheit deiner Ausdrucksweise zu unverwechselbarem Charme verhelfe. Einer Aura von Naivität, die glaubhaft ist. Und zu einem schönen Abstraktionsgrad, der sich ohne Anstrengung ergibt. Aber damit bist du nun an einem Wendepunkt angelangt, meine ich. Naivität kann man nicht mimen, ohne dass es peinlich wird. Und diese Beine wurden dir peinlich, das sieht man. Du führst schon fast Krieg gegen sie.»
«Ja, stimmt. Und was folgt daraus? Was muss ich machen, was sind die Basics?»
Er lachte. «Beine studieren!»
Sie sah ihn ungläubig an. «Meinst du das ernst? Richtig nach Modell und so?»
«Ja. Und nach Bildern. Vor allem nach gemalten Vorbildern. Denn du wirst sehen: das Lernen von Naturalismus ist das eine. Das ist gar nicht so schwierig, eine klar umrissene Aufgabe. Das macht sogar Freude, wenn man sich darauf einlässt. Man sieht die Fortschritte, das zieht einen weiter.»
«Aber ich kann ja in meine Bilder nicht supernaturalistische Körper einbauen, das sähe grauenhaft aus! Ich zwinge so schon die unterschiedlichsten Elemente hinein. Da ist meine Art, zu abstrahieren wichtig als Klammer ...»
«Zusammen mit den Farben deiner Palette», ergänzte er, «und deiner malerischen Handschrift. Ja, richtig.» Er schaute sich um. «Kann man sich hier irgendwo hinsetzen?»
Als sie sassen, er auf einem Stuhl, den er sich geholt und so hingestellt hatte, dass er auf die Bilder schauen konnte, sie auf dem alten Sofa, das ihren Bereich im Atelier begrenzte, nahm er den Faden wieder auf.
«Eben – Naturalismus zu lernen ist das Eine. Ihn dann wieder zu verlernen, das Andere.»
«Versteh’ ich nicht!», brummte sie, und er merkte, dass er vorsichtig sein musste.
«Ich denke es mir so: Du zeichnest und malst jetzt schon so lange menschliche Gestalten, dass du sowohl reale als auch abgebildete Menschen anders anschaust als noch vor, sagen wir, zwei Jahren. Und du nimmst immer mehr auf. Beobachtest und speicherst anatomische Details, Bewegungsabläufe, individuelle Unterschiede, und so weiter. Vieles wahrscheinlich unbewusst.»
«Nein, das mache ich nicht bewusst», sagte sie, als er eine kleine Pause machte.
«Und es ist logisch», fuhr er fort, «dass dir das Gelernte nun hineinrutscht in deine Bilder.»
«Aber das müsste mir ja nicht peinlich sein!», wandte sie ein. «Ist es aber! Richtig scheisspeinlich!» Sie wurde heftig: «Die Figuren haben im Moment so etwas Ich-haftes, das mich richtig ekelt. Behindert! Ich hasse sie!» Dann beruhigte sie sich wieder und grinste ihn an. «Das ist krasser Ableismus, oder? Meinen eigenen Figuren gegenüber!»
Er wurde angesteckt von ihrem Lachen. Versuchte dann aber, wieder ernst, seinen letzten Punkt anzubringen.
«Das Reinrutschen der naturalistischen Details könnte das Problem sein. Weil dir dein Repertoire nur teilweise bewusst ist, kannst du nicht frei darüber bestimmen. Und die einzelnen Teile fügen sich nicht organisch zusammen. Wenn du dich da in ein gezieltes Lernen hineinbegibst, kannst du dich vielleicht wieder freistrampeln.»
Er behielt ihre Reaktion im Auge. Sie sah ihn aufmerksam an, darum wagte er noch eine Prognose.
«Es wird neue Probleme geben, und du wirst wieder Entscheidungen treffen müssen. Auf einem anderen Level.»

Weil er schon da war, tranken sie noch einen Fruchtsaft zusammen und er half ihr etwas beim Aufräumen. T. hatte sich dazu überreden lassen, für heute Schluss zu machen.
«Genug der Rosskur!», hatte er gesagt, und als sie ihn verständnislos anschaute: «Kennst du das nicht, die Mär von Munchs angeblicher Technik, vermurkste Bilder zu retten?»
«Kenne ich nicht», antwortete sie. «Müsste man?»
«Nein. Ja! Weiss nicht ... Ich habe als junger Maler alles verschlungen, was mit dem Norweger zusammenhing. Habe das auch gelesen, und geglaubt! Dass er seine Bilder bewusst einer «Pferdekur» unterzogen haben soll. "Hestekur" hiess das bei ihm, auf norwegisch. Er hat sich mehrere Freilichtateliers bauen lassen. Eigentlich nur ein paar hohe Bretterwände, mit einem Streifen Dach darüber. Da hat er gemalt und seine Bilder an den Wänden aufgehängt. Oder daran gestapelt. Die Möven haben draufgeschissen, Regen hat sie ausgewaschen, der Frost die Farben abplatzen lassen. Auch sonst hat er die Bilder grob behandelt. Sie zum Beispiel aus dem Fenster in den Hof geworfen, weil die Treppe eng war.»
«Echt? Nichts mit blauen Handschuhen und so?», fragte sie, und war wieder guter Laune.
«Nein. Man hat dann geschrieben, er habe das gezielt gemacht, um seine Bilder zu verbessern. Ihnen den Glanz zu nehmen. Einer seiner Sammler, ein gewisser Stenersen, hat das ausgebaut zu einer guten Geschichte. Er wollte belegen, dass Munch ein moderner Künstler sei, ein Wegbereiter der Moderne. So wichtig wie Cézanne, Van Gogh, oder Mondrian, was weiss ich. Einer, der den Zufall in den Malprozess einbezog.»
«Ja und? Stimmte das nicht?»
«Nein, es stimmt wahrscheinlich nicht. Eine norwegische Konservatorin hat das an fast tausend seiner Werke untersucht. Die Verwitterungsspuren, die Vogelkacke, Spuren von unsorgfältigem Umgang und so weiter, sind so in seinem Werk verteilt, dass man von einer groben Unsorgfalt ausgehen muss, der die Bilder zufällig zum Opfer fielen, oder davon verschont blieben. Auch der Ausdruck «Rosskur», oder eben "Hestekur", findet sich nirgends in Munchs Schriften.»
«Eigentlich schade», überlegte T., «die Rosskur-Geschichte ist besser.»
«Fand ich auch. Ich habe damals sogar einen Song geschrieben darüber, weil ich das so toll fand. Und weil ich auch oft gegen meine Bilder gekämpft habe.»
Jetzt war sie hellwach.
«In deiner Undergroundband?
«Ja», bestätigte er. «Das waren keine richtigen Songs, mehr Sprechgesänge. Ich schrie das eigentlich mehr. Konnte nie richtig singen. Es gibt sogar ein Video davon ...»

Zwei Tage später zeigte er den Film nicht nur T., sondern mit ihr zusammen einer Gruppe von Studentinnen, denen sie davon erzählt hatte. Er warnte sie vor der schlechten Qualität der Aufnahme. Sie hätten damals, in den Achtzigerjahren, eine VHS-Videokamera benützt, welche mit Lichtverhältnissen und Akustik in einem alternativen Clublokal schlecht zurechtkam. Die jungen Leute zuckten zusammen, als er plötzlich losschrie:
Schmeiss dich aus dem Fenster! Krankes Bild!
Rosskur! Rosskur!
Schab’ dich mit dem Messer! Krankes Bild!
Hestekur! Hestekur!
Terpentin auf dich! Krankes Bild!
Rosskur! Rosskur!

Während die Studentinnen noch kicherten und ein «Oh-mein-Gott!» nach dem andern ausstiessen, teilte er ihnen ein Blatt mit dem Songtext aus, zu dem er vor dem Abspielen ein paar Erklärungen abgab. Zu Munch, zur Legende der «Pferdekur» und zur Romantisierung des Scheiterns in der Kunst. Und zu seinem Auftritt.
«Ich habe meine Augen versteckt hinter einer hölzernen Inuit-Sonnenbrille. Das war praktisch, weil es mich geschützt hat vor den grellen Scheinwerfern. Und vor den Blicken der Leute, denn ich hatte schreckliches Lampenfieber. Wollte aber cool und gefährlich wirken. Darum auch die merkwürdigen Bewegungen. Langsam, langsam, dann plötzlich: Zack! Das hatte ich aus dem Taiji. Und ich habe immer geschrien auf der Bühne. Singen fand ich zu gewöhnlich. Zu schön, zu glatt, harmlos. Obwohl mein Gesang vielleicht noch kränker getönt hätte als das Geschrei. Aber das Singen hätte ich mir beibringen müssen. Und üben! Üben wollten wir auf keinen Fall! Wir fürchteten, dass das Können alles kaputtmachen würde. Und irgendwie stimmt das ja auch, ich habe mit T. darüber gesprochen. Die Naivität wird durch Wissen und Können angegriffen.»
«Wird sie auch zerstört?», fragte jemand aus der Runde.
Er zögerte mit der Antwort. T. antwortete an seiner Stelle:
«Sie wird verdrängt, auf ein höheres Level. Das meintest du doch, oder?»
«Ja. Wobei ich schon der Meinung bin, sie verschwinde irgendwann so weit, dass sie keine Rolle mehr spielt. Vielleich wird Naivität abgelöst durch Intuition, die ähnlich wie die Naivität überraschende, belebende Entscheidungen begünstigt. Und schräge, frisch wirkende Resultate. Letztlich trägt Intuition zu besseren Werken bei. Aber ich habe euch immer gesagt: Intuition kommt zwar aus dem Vorbewussten, fusst aber auf Wissen und Können.»
«Können wir jetzt den Film schauen?», getraute sich eine zu fragen.

Tourettchen

«Eben! – was man jetzt nicht mehr sagen darf, ist: ABER.»
L. war dabei gewesen, seine Zeichnungen und Notizen vom Vortag zu ordnen, als er K.’s Schnauben und Bellen hörte, zweimal. «Hnf – hau!», zuerst leise, vom Uferweg her. Dann laut: «Hhnff - haa-huu!», vor der Tür.
K’s Auftauchen passte nie. Jetzt gerade gar nicht, wo L. sich schwer tat, Brauchbares vom Müll abzusondern, der zu verbrennen war. Es dauerte darum einen Moment, bis er sich von seinem Tisch lösen und zur Türe gehen konnte, vor der sich, schemenhaft zu sehen durch das geriffelte Glas, K. bereits bog und wand, als ob er sich von Fesseln befreien müsste. L. wollte ihm ja aufmachen, aber es ging nicht, weil K. sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen stemmte.
«Nicht drücken, Tourettchen!», rief er K’s Schatten zu. Der gab schliesslich nach, die Türe konnte geöffnet werden und der Besucher eintreten.
«Maler! Arschloch!», rief er dabei über L.’s Schulter hinweg ins Haus, mit lauter Knarr-Stimme. Darauf lächelte er L. freundlich an.
Er hatte einen Pickel auf der Stirn und die schwarz gefärbten Haare zeigten büschelweise in verschiedene Richtungen, wie bei Son Goku von Dragonball. Aber es schien ihm gut zu gehen. Die Augen blitzten aus Vorfreude darauf, was er alles erzählen wollte, und als sie beide eine Umarmung andeuteten, roch L., dass der Junge frisch geduscht hatte.
«Alles gut bei dir?», fragte er L., und bevor dieser antworten und seinerseits nach dem Befinden fragen konnte, begann er mit seinen Überlegungen zur Konjunktion, die nicht mehr geknüpft werden durfte.
«Eben! – dieser Gutterres, was der UNO-Chef ist, heisst zwar Sekretär, ist aber der Chef, wenn du mich fragst, der hat ABER gesagt. Und sofort von allen Seiten Seufzen und Augen zum Himmel verdrehen und Zischen und Füssescharren, schlimmer, als wenn ich durch den ALDI «Kassen-Fotze» rufe. Darfst du eben nicht sagen, was der ... Zuerst schon laut und deutlich von ihm: dass die Hamas-Brüder Mörder seien, und Schlächter, die nichts kennen würden. Kindermörder wie damals die vom Herodes. Hat er nicht gesagt, habe ich aber dran denken müssen. Eben! – und dass so etwas Terrorismus sei und in jeder Hinsicht zu verdammen. ABER. Dann kam eben dieses ABER. Viel zu früh! Dass die Barbarei nicht von ungefähr komme, nicht aus dem Nichts. Nicht aus dem Vakuum, hat er gesagt. Dass die anderen auch eine Verantwortung für das Böse hätten, das da über sie hereingebrochen sei. Und dass sie es nicht mit Gleichem vergelten dürften. Der deutsche Nebenkanzler, von dem alle denken: Schade, dass er nicht der Hauptkanzler ist!, der hat’s geschafft. Der hat es irgendwie hingekriegt, ABER zu sagen. Das kam aber viel später und tönte eher wie UND. Finden alle gut jetzt. Also: natürlich alle ausser den Palästinensern. Und den Arabern.»
L., der weniger Nachrichten schaute und las denn je, fragte:
«Und wen meinte Gutteres mit «den andern»? Die Israeli, die Regierung? Die Orthodoxen, oder die bewaffneten Siedler?
K. war schon weiter.
«Der Aussenminister der Israeli hat sofort losgedonnert: Unglaublich! Er meint uns alle, die JUDEN! Er dreht alles um, Gut und Böse, Täter und Opfer!»
L. hatte K. eine Hand auf die Schulter gelegt und schob ihn in Richtung des Tischs.
«Setz dich erst mal, ich mach uns einen Kaffee.»
Er nahm sich vor, am Abend die Tagesschau über sich ergehen zu lassen, denn er wusste, dass von K. durch Nachfragen keine weiteren Einzelheiten zu dem Vorfall zu erfahren seien. Auch nicht, wie er es bewertete, dass man nicht mehr ABER sagen durfte. K.’s Gehirn war zu voll und zu schnell, und er würde so oder so, eingeleitet durch ein kurzes «Eben!», vielleicht auch durch Gröberes, gleich zum nächsten Thema hüpfen. Sobald er ihm den Rücken zudrehte um in der Kochnische die Kaffeemaschine vorzubereiten, war es auch schon so weit.
«Aff! Gorilla Blauarsch!», knarrend – dann, mit normaler Stimme: «Eben!»
Er hatte einen der kleinen Papierstapel vom Tisch aufgenommen und begann ihn blitzschnell durchzusehen, indem er das oberste Blatt abhob, es umdrehte und prüfte, ob es auch auf der Rückseite etwas zu sehen gab, und es dann unter den Stapel schob. L. ärgerte sich.
«Leg’ das wieder hin! Das wird verbrannt.»
K. war begeistert.
«Echt? Da hat’s aber gutes Zeug drunter, die Affen da zum Beispiel ...»
L. hatte ihn am Arm gepackt und wollte ihm den Stapel aus der Hand drehen, aber K. entwand sich, machte einen Schritt zurück und blätterte. Fand das Blatt, das er gesucht hatte und warf den Rest auf den Tisch zurück, wo ein weiterer, höherer Stapel sich durch den Luftzug neigte und umfiel. L. sprang hinzu und versuchte die Papiere wieder zu richten, ohne dass seine prekäre Ordnung noch mehr gestört wurde. Er war jetzt richtig wütend.
«Mensch, K., ich war an der Arbeit gerade. Wenn du wüsstest, was mich das Aufräumen kostet, ich ...
K. schien seinen Ärger nicht zu bemerken, tat jedenfalls so, denn er plapperte munter weiter.
«Eben! Der Affe! Ich bin jetzt endlich fertig geworden mit dem blöden Blitzdämon, du weisst schon. Der muss dich mit seinen Flashs gar nicht direkt treffen, haut sie so in den Boden, dann gibt’s diese weissglühenden Kreise, sie sich – wash! – ausbreiten. Und wenn dich so einer trifft, weil du zu langsam gejumpt bist, dann ist Bye Bye Affe. Dann kannst du beim letzten Altar wieder neu anfangen. Also, ich habe jetzt herausgefunden ... das heisst, ich wusste schon, dass der Rhythmus der Kreise mit der chinesischen Musik synchronisiert ist, das hört ja jeder. Aber es gibt dann so einen Stolperer – sagt man Synkope? – und das kommt jedes Mal, bei jedem Angriff, ein bisschen später. Und als ich das raushatte, war’s auf einmal ganz entspannt. Weisst, wie ich meine? Ich habe ihn echt relaxt umgehauen mit meiner Stange. Und eben ...»
L. unterbrach ihn: «Nun setz dich doch!» Er hatte inzwischen, um sich zu beruhigen, zwei kurze Kaffees gemacht und kam zurück zum Tisch. Er blieb stehen und suchte nach einem Ort, wo er die Tässchen hinstellen konnte. K. schoss von seinem Stuhl wieder hoch und räumte zwei Papierstapel zur Seite, sehr sorgsam und konzentriert diesmal. Setzte sich dann wieder. Bevor er Luft holen konnte, sagte L. in sehr bestimmtem Ton:
«Jetzt hör mir mal zu, K.! Du erscheinst hier zu jeder Tages- und Nachtzeit, gehst immer davon aus, dass ich auch Zeit habe für einen Schwatz mit dir. Dass das «Maler-Arschloch» sowieso nie richtig an der Arbeit ist. Und wenn, dann macht er «Kunst», was keine wirkliche Arbeit ist. Was du eher als Spiel ansiehst ...»
K. war auf dem Stuhl zusammengesunken, knetete seine Fingerknöchel und sah ihn mit panisch aufgerissenen Augen an, so dass L. verstummte und bereits heftig bereute, so streng mit ihm geredet zu haben.
«Ich hab’s dir doch erklärt», stotterte K. mit dünner Stimme. «Ich meine mit diesen ... diesen Wörtern nie die Leute. Das hat mit denen nichts zu tun, die gerade vor mir stehen. Mit dir sowieso nicht! Nicht einmal mit mir wirklich. Das kribbelt im Hals und auf der Zunge, dann muss es ... Darf ich echt nicht mehr zu dir kommen?» Sein Tonfall war jetzt weinerlich.
L. wollte wieder gut machen, was er angerichtet hatte. Er zog seinen Stuhl neben den von K., legte ihm einen Arm um die Schulter und rüttelte ihn ein wenig. Entschuldigte sich.
«Natürlich darfst du kommen! Oft bin ich ja froh um eine Unterbrechung, weil ich zu wenig Pausen mache. Und ich freue mich auch jedes Mal, dich zu sehen und zu hören. Deinen Sprüngen zu folgen, deinen Kommentaren zur Lage der Welt.»
K. schnaubte zweimal: «Hnf – Hnnf!», und warf den Kopf zur Seite. L. nahm es als Ermunterung, weiterzureden.
«Ich bin neben den Schienen zurzeit. Keine Ideen – oder die falschen! Und im Institut läuft es in die verkehrte Richtung, finde ich. Aber da scheine ich der einzige zu sein. Umtaufen wollen sie es, natürlich auf englisch.»
L. merkte, dass er auf Abwege geriet und nur drauflosredete, um seine Grobheit zu überspielen. Wie K.!, dachte er, und fuhr trotzdem fort.
«Und damit ist nicht nur ein neuer Titel gemeint, sondern ein Programm. «Kunst» wird drinbleiben, immerhin. Als «Art». Dann aber soll es Zusätze geben, natürlich zwei, was dann so eine Dreifaltigkeit gibt: «Art - Gender - Planet», oder «Art - Nature - Diversity».
K. hatte sich etwas erholt und schien fasziniert. Murmelte vor sich hin.
«Geil! «Art - Sex and Rock’n Roll” – Mhm? – “Art - Space - Universe” ...
K. würde blitzschnell ein Dutzend weitere Kombinationen erfinden, befürchtete L., also unterbrach er ihn und kam auf die Schaffenskrise zurück, mit der er seine harsche, ungeduldige Reaktion von vorhin erklären wollte. Obwohl er sah, dass K. schon längst wieder an etwas Neuem war, sprach er weiter.
«Zum Glück bleibt mir im Moment das Zeichnen, aber da muss ich streng sein. Ich habe mir schon lange verboten, Arbeiten noch am selben Tag zu vernichten, an dem sie entstehen. Aber dann, nach einer Woche oder so, weiss ich es. Dann sehe ich, was etwas taugt. Und das andere muss mir aus den Augen! Ich kann nichts anfangen mit dieser romantischen Sicht auf das Scheitern. Scheitern heisst krachend versagen. Ich hasse es, weil da nichts heil bleibt, nichts zu retten ist.»
K. sass da und blickte ihn ruhig an. Er hatte den Modus gewechselt, das sah man ihm immer an. Er hörte zu. Er kannte das.

Muss man sich entscheiden?

«Was müssen Sie? Einen wiedererkennbaren Stil entwickeln, einen style
Er kehrte immer wieder, besonders aber, wenn er wie jetzt rot anlief und engagiert sprach, also laut wurde, zur Sie-Ansprache zurück. «Entschuldigen Sie, aber das ist Schwachsinn!»
Er wühlte in einer Schublade seines Pultes und klaubte ein quadratisches schwarzes Kästchen heraus, dessen Kabel er in seinen Laptop einstöpselte. Die meisten Studentinnen warteten geduldig, nur ein paar verdrehten die Augen, bis er in einer anderen Schublade eine CD-Rom-Scheibe gefunden hatte, sie in das Fach des Kästchens einlegte und zweimal auf das Symbol klickte, das auf der Leinwand erschien.
Sie kannten, was jetzt kam. Einer seiner Götter, Michel Martin, trommelte auf einem Schlagzeug herum. In den zwei Tomtoms, unter durchsichtigen Fellen, steckten die Köpfe zweier Buben, die jedes Mal die Augen zukniffen und aufschrien, wenn sie drankamen. Auf einem Cymbal stand VIDEOS, das klickte er an. Martin vollführte einen abschliessenden Wirbel und liess das Becken zischen. Es erschien eine offene Farbstiftschachtel. Die Stifte waren angeschrieben mit den Titeln der unzähligen Videoclips, die Martin gemacht hatte. «Ihr wisst schon, es gibt noch eine zweite Seite der Scheibe, mit nochmals so vielen Clips. Fand jemand einen Stil darin? Sind zwei einander ähnlich, oder gar gleich? Erkennen Sie ein Muster, einen style
Eine traute sich.
«Es gibt doch diese Vorliebe für Parallelität. Synchronisation von Bewegungen mit dem Rhythmus der Tonspur, oder? Einmal sogar von Bildelementen, die genau im Takt der Musik erscheinen – bei der Zugfahrt, meine ich ...
L. war verstummt. Schaute ins Leere, sichtbar am Nachdenken.
«Guter Punkt!», sagte er dann. Sein grauer Schädel nickte. «Ja – touché! Aber ...», er begann zu grinsen, freute sich darauf, seinen Einwand zu platzieren. «Das ist ein Bauprinzip, das Sie da entdeckt haben, eine Kompositionsweise. Ein abstraktes Konzept. Da hinein kann er füllen, was immer er will. Inhalte, Geschichten. Formen, Farben, Kostüme, Hintergründe.»
«Aber auch das ist doch so etwas wie ein Stil!», warf ein anderer ein.
«Ist es das?» Er sprang auf, zog den Hosenbund am Gürtel hoch, schlenkerte mit den Armen. Und begann herumzulaufen zwischen Pulten und den Pfeilern, die aus der Zeit stammten, als der Raum noch eine Fabrikationshalle gewesen war. Die Zuhörer folgten seinen schnellen Bewegungen mit Augen Köpfen Oberkörpern. Sie sahen ihn angeschlagen. Die Mutige wagte sich weiter vor.
«Sagt Michel Martin nicht – in dem Intro, das Sie uns zeigten –, er habe sich entgegen des Konsenses, in der Kunst gehe es um Qualität und nicht um Quantität, für das zweite entschieden?» Sie zitierte Martins Satz, imitierte dabei dessen kruden französischen Akzent: «Ai disaidit forr quontiti
Das Lachen der jungen Leute steckte auch ihn an. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen. Die junge Frau war schneller.
«Es gibt doch diesen abendfüllenden Film von ihm: «Be Kind Rewind». Über den Laden in New York ...»
«Passaic! New Jersey!», rief jemand dazwischen.
«... OK, über den Laden in Dingsbums. Wo man VHS-Kassetten ausleihen konnte. Ein Freund des Besitzers verübt ein Attentat auf ein Elektrizitätswerk und bekommt dabei einen Stromschlag. Weil er so aufgeladen ist, löscht er alle Kassetten, als er das nächste Mal in den Laden tritt. Und dann beginnen sie, die gefragtesten Blockbusters mit primitiven Mitteln nachzudrehen, weil sie die Kundschaft nicht verlieren wollen. Sie verkaufen, oder vermieten, ihre Filme als «schwedische Kopien», und die werden zu einem Riesenerfolg. Das ist doch so unverwechselbar Michel Martin. Das würde man jederzeit als ein Werk von ihm wiedererkennen, behaupte ich.»
L. hatte angehalten, stand wie angeschraubt und starrte seine Schülerin an. Bewegte die Lippen, keuchte hörbar und begann dann:
«Ja ... ja, diese Menge! Die endlosen Regale, voll mit Kassetten! Mit berühmten, millionenschweren Produktionen, alle naturalistisch und opulent bis zum Erbrechen. Das nachdrehen zu wollen mit einer Handvoll durchgeknallter Kindsköpfe. Mit null Mitteln! Mit Kostümen, Kulissen aus Pappkartons und Alufolie, zusammengehalten von Kilometern des rotzfarbigen Klebebands, wie bei diesem Installationskleber aus Bern ... Quontiti! Sie haben recht! So ein Trotz! Sisyphos! Diese Frechheit, der Unmöglichkeit des Unterfangens gegenzuhalten! Selbstermächtigung! Anmassung! Mit DIY-Gewurstel, mit Punk-Allüren den Hollywood-Pomp auf die Essenz eindampfen!»
Eine andere, oft stille Frau meldet sich.
«Also doch style? Sein Stil? Wie hiess der Ausdruck? «Sweding»? Oder: «sweded movies»? Das hat sich ja dann viral verbreitet ...»
L. räusperte sich.
«Ich ...
... muss darüber nachdenken.», ergänzten die Studentinnen im Chor.
Er verzog das Gesicht. Es war unklar, ob er lächeln wollte oder Schmerzen hatte.
Wo war er wieder gelandet? Wovon waren sie ausgegangen? War es seine Idee gewesen? Die Wiedererkennbarkeit der Künstlerin, des Autors – oder eben das Gegenteil? Konnte, wollte man das: in jedem Werk, ja, bei jedem Schritt ganz von vorne, bei null anfangen? Und wenn keine neue Idee auftauchte: gar nicht erst anfangen? Schachspielen stattdessen! Oder Drachen steigen lassen, oder Cello spielen? Onanieren, trinken, lesen? Joggen, shoppen? Stundenlang Filmchen reinziehen und zocken auf dem Handy ... Oder dann lieber: sich festlegen. Sich festbeissen in eine einzige Idee, in ein Thema, ein Medium, oder wenigstens in eine Technik. Obsessionen entwickeln und pflegen! Die Sucht? Oder nur Manier? Das Dampfschiff im Urwald, Porträts aus Gemüse. FitzcaraldoArchimboldo. Flackerndes Licht, gen Himmel verdrehte Augen, Gummiarme und -hände, Licht und Schatten wie auf verknitterter Kunstseide. Fanatisch religiös werden wie der Grieche! Oder: einsame, verzwergte Gestalten von hinten. Vor Klippenabgründen, Nebelmeeren, Urlandschaften. Pferde und Männer mit Cowboyhüten vor Sonnenuntergängen. CasparDavidMalboro. Ein viel zu kleines Segelboot, angetrieben an Norwegens Küste, der Künstler verschollen? BlaueBlumeBasJanKeaton. Ziel- und endlose Kamerafahrten durch Gärten aus Rosa und Grün, zwischen Innen und Aussen, von Haut zu Schleimhaut. Bei Ambientklängen anzuschauen auf weichen Daunenkissen. WorryWillPippiVanish! Oder im Gegenteil: eine Baulücke füllen mit Stühlen, die Schuhe von Gewaltopfern in Wandnischen als Reliquien zeigen. Wie hiess Sie? SalcedoInDenWunden. KunstAusDerPerspektiveDerUnterdrückten! – Oder: blödeln! Kaugummi kauen, ausspucken, ins Gigantische vergrössern. Sich selber als UrsKerze abbrennen lassen. Quontiti? Ein Müllmurgang, ein Bildertsunami im Rückfluss erfasste ihn: einsamer Jäger in der Wildnis, Schuss. First-Nation-Gesänge zu einer Fahrt auf ölglattem Fluss, monströse Industriebauwerke. Ein alter Mann im Zwiegespräch mit einem Ibis, schlammbedecktes Liebespaar in Umarmung. Kitsch Quatsch Trauerzug mit einer eskortierten Limousine, opernhaftes Ritual vor einer Staumauer. Giesser in einem Stahlwerk dirigieren flüssiges, wild sprühendes Metall. Eine Frau erwacht mit einer Kuhmaske, zwei schwangere Frauen reiben ihre Nabel aneinander. Totes Pferd in einem Bachbett, das Gesicht einer weinenden Alten. Etwas, jemand wird geschlachtet. Kuss, startender Adler, Goldfolie auf greisen Lippen, schreiende Menschenmenge ...
«Alles gut?»
Eine Studentin stand vor ihm, berührte ihn scheu am Arm, eine zweite reichte ihm ein Glas Wasser. Er nahm einen Schluck, fing sich wieder.
«Hat sich also Henri gegen die Kunst entschieden, indem er «quontiti» gewählt hat, was meinen Sie?»
Es blieb eine Weile still, nicht weil die Studentinnen auf die Frage nichts zu sagen gewusst hätten. Eher waren sie unschlüssig, ob man sich auf das Überspielen eines solchen Blackouts ihres Professors einlassen sollte.

Superstitious

Monkeys on my back
Holding me down
Black dogs in the corner
Looking up at me
I'm superstitious, spit three times over my shoulder
I hit the ground hard
It's you
I got the fever in me


Als Reaktion auf die Geschehnisse hatten sich diese Songzeilen in seinem Gehirn eingenistet, Nene Cherrys zerbrechliche Stimme, darunter der Bass, ein einziger Ton und ein einfacher Beat. Sieben Schläge, Pause auf dem achten.
L. hatte einen Shitstorm ausgelöst mit seiner Bemerkung zu den Ritualen einer Studentin, die er als «abergläubisch» bezeichnete. An einer der regelmässigen und verbindlichen Präsentationen, bei denen die Studierenden ihre Zwischenresultate vor Kollegen und Dozentinnen verteidigen mussten, umstanden sie ein textiles Objekt, das die junge Frau in fleissiger Handarbeit gefertigt hatte. Es bestand aus einer etwa vier Meter langen, an beiden Enden spitz zulaufende Wurst aus weissem Baumwollstoff, darauf aufgenäht fingerlange Dornen, aus dem gleichen Material und ebenso gestopft. Der stachelige Wurm war in der Mitte verknotet und die beiden Enden anschliessend miteinander verdreht worden. Eigentlich fand er das am Boden liegende Objekt recht schön. Nicht wahnsinnig originell, aber ästhetisch ansprechend, wenn man berücksichtigte, dass das Material später durch etwas Glänzendes, grell Farbiges ersetzt werden sollte. Da irritierte ihn die Studentin mit der Aussage, sie habe mit dem Knoten und der zopfartigen Verdrehung einen Teppichklopfer nachbilden wollen, vergrössert und mit Stacheln versehen, um die Bedrohlichkeit des Objekts zu verstärken. «Si tacuisses – Wenn du doch geschwiegen hättest!» Die Erklärung zum Gesehenen bewirkte nicht dessen Erhellung, sondern liess es zu etwas Banalem schrumpfen. Er wollte die Situation retten, machte aber alles nur noch schlimmer mit seiner Bemerkung, das Ding erinnere ihn an die Dornenkrone, was die Studentin mit stirnrunzelndem Unverständnis quittierte. Und auch eine seiner Kolleginnen verdrehte seufzend die Augen. Wie konnte er nur, schien sie zu denken. Einer Studentin, von der er wissen musste, dass sie eine Muslima war, dieses Motiv aus der christlichen Ikonografie zur Verortung ihres Werks anbieten? Er liess sich nicht beirren. Zur näheren Erläuterung seiner Assoziation wollte er mit einem grossen Schritt über das Objekt auf die andere Seite gelangen, wurde dabei aber von der jungen Frau mit überraschender Heftigkeit am Ärmel gepackt und zurückgerissen. Man dürfe auf keinen Fall darübersteigen, rief sie laut, und ihre Stimme war auf einmal klar und bestimmt. Bei der Herstellung und Installation ihres Werks habe sie sich Regeln auferlegt und diese akkurat eingehalten. Die Zahl der Stacheln zum Beispiel, sogar die der Stiche, mit denen sie angenäht wurden, repräsentiere eine verborgene Ordnung. Der Knoten sei eine magische Struktur zur Heilung eines Traumas. Und der Raum sowohl um das Objekt als auch darüber müsse respektiert werden. Er hatte seinen Schritt längst zurückgenommen und war verstummt. Die Studentin sprach nun fast nur zu der Dozentin, die ihr mit strahlendem Lächeln und Dauernicken anzeigte, wie gut sie verstand. Bald waren sich die beiden Frauen einig, dass es hier nicht in erster Linie um das Stoffding ginge, man es im Gegenteil mit einem existenziell bedeutsamen Ritual, mit einer sich entwickelnden künstlerischen Praxis zu tun habe, von der die Präsentation als Performance Teil sei.
Suggestion, dachte er. Wenn es so wäre, hätte die junge Künstlerin doch wohl von Anfang an deutlich gemacht, wie sie mit ihrem Werk verstanden werden wollte. Aber er hütete sich, noch etwas zu sagen. Als er dann in einer Nachbesprechung unter Kolleginnen und Kollegen jene Bemerkung machte, er halte das Verhalten der Studentin für abergläubisch, was man nach seiner Meinung nicht bestärken sollte, wurde er mit Nachdruck zurechtgewiesen. Nicht nur die Dozentin, die während der Präsentation zu verstehen gegeben hatte, dass sie weder seine Meinung teilte noch seine Intervention billigte, holte nun zu einer langatmigen Argumentation aus. Auch die andern stimmten weitgehend darin überein, dass der Begriff Aberglaube immer aus der Perspektive der Macht eines vorherrschenden Glaubens dazu benützt worden sei – und wie man sehe, noch immer benützt werde – um abweichende religiöse Inhalte und Praktiken zu diffamieren und letztlich zu «überschreiben», was auf ihre Auslöschung abziele. Damit hatten sie recht, wie er zugeben musste. Trotzdem blieb sein Gefühl, dass man der Studentin keinen guten Dienst tue, wenn man sie in ihrem sonderbaren Verhalten bestärke, dieses gar stilisiere zu einer besonders wertvollen, schützenswerten künstlerischen Praxis. Er meinte, die Integration aller möglichen Äusserungen, Meinungen, Lebensformen und Kulturen in den Mainstream der Institution erfolge unter dem Diktat der diversity genannten Vielfalt oft vorschnell. Bevor Empfindungen von Fremdheit,