8.5.26

fliegende Dinge 2

Die fliegenden Dinge ziehen mich wieder an, was wohl an der inneren Flaute liegt, die im Aussen, in der Natur durch ein tägliches Auffrischen der Bise kontrastiert wird. Beim Geburtstagsfest des Enkels, der elf Jahre alt geworden ist und seit einiger Zeit japanisch lernt, stand das asiatische Land als Thema im Zentrum. Die Hütte des Freizeitgeländes, wo der Bub gefeiert wurde, war japanisch dekoriert, die Spiele und das Essen wurden entsprechend hergerichtet. Deshalb und weil draussen wieder ein schöner mässiger Wind wehte, kamen mir die kleinen japanischen Drachen in den Sinn, die ich einst in einem Workshop gebaut und bemalt hatte, darunter einen kleinen Samurai. Diesen und noch einen zweiten rechteckigen, mit einem grimmigen Kriegerporträt, nahm ich mit, als ich auf dem Fahrrad losfuhr, um dem Kinderfest einen Besuch abzustatten. Ich wollte dem Geburtstagskind die zwei Drachen schenken, nicht in der Erwartung, dass er sie fliegen lassen würde, sondern eher als Dekoration für sein Zimmer. Vielleicht, so dachte ich, könnte ich an dem Fest eines der kleinen Geräte für eine Weile über dem Festplatz in den Himmel hängen.
Als ich die Drachen übergab und dem Buben zum Geburtstag gratulierte, nahm er mich und das Geschenk knapp zur Kenntnis. Er war beschäftigt mit sich und seinen Freunden, und mit dem dichten Programm, das seine Familie zusammengestellt und organisiert hatte. Ich befestigte die Drachen also an der Aussenwand der Festhütte, schaute den Spielen der Kinder zu und prüfte nebenbei, ob man auf dem Platz, der von Bäumen umgeben war, überhaupt einen Drachen steigen lassen könnte. Es schien mir zunächst unmöglich, weil der Wind wegen der vielen Hindernisse unstet und böig blies. Dann sah ich aber, dass jenseits des Zauns, der das Freizeitgelände umschloss, der Fussgängerweg entlangführte. Dort war das Gelände freier, vor allem zum Rhein hin, aus dessen Richtung der Wind kam. Ich nahm den kleinen Samurai wieder vom Haken, holte die Schnurspule vom Fahrrad und verliess den Festplatz, um einen günstigen Startplatz seitlich davon zu finden. Sobald ich auf dem Spazierweg angekommen war, jenseits des Zauns und der Bäume, die den Platz umgaben, spürte ich, dass hier der Wind gleichmässig und in der richtigen Richtung blies. Wenn es mir gelänge, den Drachen hier steigen zu lassen, stünde er ziemlich genau über den Köpfen der spielenden Kinder.

Eine Woche später wollte ich wieder einmal meinen ‘abstrakten schwarzen Schwan’ fliegen lassen, einen zusammenfaltbaren Drachen aus Stoff mit fast zwei Metern Spannweite. Es handelt sich um ein Modell, dessen Silhouette ich einst im Internet gefunden hatte, nur in einem einzigen Bild. Ich sah das Modell dann nochmals auf der Website eines chinesischen Drachenhändlers, konnte aber damals nicht herausfinden, von wem das Design stammt. Ich entzerrte das Bild, so gut es ging, und baute den Drachen nach, zuerst als Prototyp aus Abfallsäcken und mit Klebeband, später aus Drachenstoff mit Streben aus Carbonrohr. Es ist ein wunderbarer Drache für leichten Wind, und in der Zwischenzeit konnte ich herausfinden, dass er von einem deutschen Drachenbauer namens Carsten Dormann entwickelt worden war. Wenn der Wind etwas auffrischte, konnte ich auch schon mein altes Handy daran befestigen und Videos aus verschiedenen Höhen aufnehmen. Diese Versuche wollte ich wiederholen, aber an einem neuen Ort, auf der Birsfelder Kraftwerkinsel. Ich erhoffte mir Luftaufnahmen vom Rhein, wobei mir bewusst war, dass ich ein Risiko eingehen würde, da auf der Insel viele hohe Pappeln stehen. Ich fand aber ein Feld, wo mir die Distanz zu den Bäumen genügend erschien und der Wind durch eine Lücke einigermassen ungehindert hindurchblasen konnte. Der Wind war aber trotzdem unstet, sodass es sich als unmöglich erwies, den Drachen mit dem Ballast der Kamera zu starten. Nach einigen Versuchen gab ich es auf, entlastete den Schwan vom Gewicht und liess ihn so steigen. Er gewann sofort in der gewohnten Leichtigkeit an Höhe, überstieg die der Bäume und geriet nun in den ungebremsten Nordwind, der wie immer in letzter Zeit im Laufe des Nachmittags kontinuierlich zugenommen hatte. Ich merkte zu spät, dass ich den Drachen wieder hätte einholen sollen, da er in starkem Wind auf die rechte Seite zog, wie ich eigentlich wusste. Es geschah so schnell, dass ich nicht mehr reagieren konnte: Der Drache zog in einer raschen Kurve über die Pappeln am Ufer des Flusses, senkte sich in ihrem Luv, über dem Wasser, und schon hing die Leine in einem der Bäume fest, zuerst an einem dann an zwei Punkten des Geästs. Immerhin liess sie sich noch ausfahren und einholen, was ich abwechslungsweise tat und dabei beobachtete, wie sich der Drache verhielt. Ich hoffte, dass ich ihn entweder hinter den Bäumen im Windschatten zu Boden sinken oder aber sich in der Höhe selbst losreissen lassen könnte. Beides erschien mir bald unmöglich. Hinter den Bäumen war nur ein schmaler Uferstreifen, sodass der Drache im Rhein landen würde, und die beiden Umlenkpunkte im Geäst der Pappel wollte die Leine nicht freigeben. Ratlosigkeit. Ich versuchte, geduldig und ruhig zu bleiben, musste aber nach einiger Zeit einsehen, dass der Drache wohl verloren war. Ich überlegte, wie ich das Debakel mit Würde beenden könnte und beschloss, viel Leine zu geben und sie dann zu kappen. Dann würde der Drache noch eine Weile den richtigen Winkel beibehalten und in der Höhe entschwinden, so wie ich das einst mit Schülern im Gotthartgebiet gemacht hatten, als sich ein Drache nicht mehr einholen liess. Ich begann, Schnur zu geben, als sie sich plötzlich und mit einem Ruck aus dem einen Ast löste. Der Drache zog steil und heftig nach oben, und als ich gleichzeitig an der Leine riss, war sie auf einmal wieder frei. Lachend rannte ich mit der Spule weg von der Gefahrenzone.

Ich hatte bei den vielen Flugversuchen mit dem Handy und danach, als der Drache festhing, die Spule auf den Boden gelegt und die nicht gebrauchte oder wieder eingeholte Leine im Zickzack auf dem Rasen verteilt, so wie ich es einst bei einem afghanischen Drachenspezialisten gesehen hatte. Man kann auf diese Weise sehr flexibel und schnell auf die Bewegungen des Fluggeräts reagieren, die Schnur sausen lassen – wobei man aufpassen muss, dass man sich nicht die Finger verbrennt – oder sie mit ein paar grosszügigen Armbewegungen blitzschnell um ein paar Meter einholen. Meine Spulen sind zwar Nachbauten eines koreanischen Modells, das mit etwas Geschick ebenfalls recht schnell bedient werden kann, aber es braucht Übung und dazu hatte ich mir bisher nicht die Zeit genommen. Als ich jetzt nach der Befreiung und Rettung des Drachens die Schnur aufrollen wollte, verfingen sich die ausgelegten Schleifen ein paarmal in den Halmen von Löwenzahnblüten, was augenblicklich zu Knoten und dann zu ganzen Nestern aus Schlaufen und Knoten führt. Ich hatte nicht mehr die Geduld, mich mit deren Auflösung abzugeben und wickelte einfach zwei dieser voluminösen Schnurdurcheinander auf die Spule auf, um sie zuhause irgendeinmal in Ruhe aufzudröseln.
Ich unternahm das Geduldspiel schon am nächsten Tag und brauchte etwa zwei Stunden, bis ich die Leine wieder geordnet hatte. Um die verknoteten Nester aufzulösen gibt es nur eine Möglichkeit: man prüft sorgfältig, ob eines der Schnurenden, das in dem Durcheinander verschwindet, sich ein klein wenig herausziehen lässt. Sobald man Widerstand spürt, darf man auf kleinen Fall weiter daran ziehen, weil sich sonst der Knoten, der das Herausziehen verhindert, unlösbar zusammenzieht. Man nimmt also die verdichtete Stelle zwischen die Finger und zupft sie so weit auseinander, bis sich die hinausführenden Schnurenden wieder ein kleines Stück bewegen lassen. Bei Stillstand sofort wieder dieselbe Prozedur. Wenn man geduldig bleibt, lassen sich so alle Knoten wieder lösen. Weil mir das Unterfangen auch schon unmöglich erschien, kam ich auf die Idee, eines der beiden Enden, die ins Chaos führten und darin verschwanden, zu kappen. Dann könnte ich das frei gewordene Ende immer und immer wieder aus den Knoten ausfädeln, dachte ich. Dieses Ende wird aber schnell so lang, dass es lange dauert, bis man es jeweils aus einer Verschlingung gezogen hat, und es droht sich, ausgelegt auf dem Boden, zu neuen Komplikationen zusammenzutun. Wenn man dann noch meint, man müsse da und dort das Ende irgendwo im Gewühle nicht einfach herausziehen, sondern zuerst durch diese und jene Schlaufe ein- und wieder auszuführen, verschlimmert man das Problem, weil erst jetzt richtige, komplexe Knoten entstehen. Irgendwann gibt man dann auf, schneidet das Ganze wie ein Geschwür heraus und verknotet die Enden unter Verlust eines längeren Schnurstücks und mit einem Gefühl der Niederlage. Nur das Freischütteln funktioniert also, und dazu braucht es die Geduld eines Zen-Meisters.