30.12.23

Art Gender Planet II

Härri war nicht einmal dazugekommen, an allen Wänden einen Kommentar zu hinterlassen, als Baek schon zur nächsten Etappe überleitete. Sie stellte sich in die Mitte des Raums, mehr brauchte sie nicht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und die Diskussionen zum Verstummen zu bringen. Sie wartete, bis sich ihr alle zugewandt hatten und begann dann, ihre Instruktionen zu erteilen.
«Ich bitte euch, diejenigen Sätze, Kommentare und Fragen zu markieren, die euch am meisten im Herzen liegen – sagt man so?» Kurzes, strahlendes Lächeln in die Runde.
Jemand im Hintergrund korrigierte halblaut: «...am Herzen», aber sie fuhr schon weiter.
«Nehmt euch dazu einen breiten Filzstift und setzt Punkte, im Ganzen dreizehn. Ihr dürft sie verteilen oder konzentrieren wie ihr wollt.»
Da nun bereits Bewegung entstand, weil einzelne damit begannen, einen Stift zu suchen, musste sie die Stimme für einen Moment erheben.
«Wir werden anschliessend in Gruppen gehen und so bis zur Pause weitersprechen. Bitte beendet das Gespräch ...», sie schaute auf ihre riesige Armbanduhr, «...um zehn Uhr und schreibt die zwei wichtigsten Resultate auf eines dieser grünen Blätter. Um zehn Uhr fünfzehn bis elf Uhr ist Kaffeepause.»
Miles Kellner hatte sich neben Härri gestellt und meinte:
«Sie macht das gut. Aber wieso dreizehn Punkte. Und zwei Resultate?»
«Weiss nicht. Zahlenmystik?»
Miles lachte kurz auf.
«Meinst du? Es gibt vielleicht auch Formeln bei den Moderations-Tools. Anzahl der zu gewichtenden Items zur Anzahl der Punkte, die man ...»
Härri hob die Schultern, murmelte: «Entschuldige!» und wandte sich ab. Er wollte Baeck fragen, weshalb Otto Ulich nicht da war. Da er sie in ein Gespräch mit Aurelia und Ksenjia vertieft sah, holte er sich einen Stift und begann zu überlegen. Dazu musste er sich setzen. Wenn er Aufmerksamkeit erzielen und eine grundsätzliche Diskussion zur Richtung anstossen wollte, in die man hier offensichtlich einschwenken wollte, konnte er eigentlich nur er alle seine dreizehn Punkte auf eine Stelle konzentrieren. Welchen Satz, welchen Begriff sollte er herausheben? Die «Liebe»? «Hoffnung»? Der Glaube war im ganzen Text verteilt, den konnte man nicht fassen mit einem Filzstift. Oder sollte er seine Markierung zur x-millionsten Definition von Kunst setzen: «Die Kunst ist der Ort, an dem aktuelle Wissenschaft und Technologie mit altem Wissen koexistieren»? Er spürte seine Aufregung im Bauch. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte irgendetwas in die Runde gerufen wie Tourettchen. Oder noch lieber wäre er still und heimlich abgehauen, mit dem Fahrrad irgendwo hingefahren, wo es keine Menschen gab, und keine Sprüche auf Flipchart-Bögen. Es juckte ihn im Ohr, er musste sich kratzen und um sich blicken. Baek stand nun in einem kleinen Grüppchen beim zweiten Plakat, auf dem es nach seiner Erinnerung um den «Menschen als Teil der Natur» ging. Mariette Hyoz, die Sekretärin, hielt sich dicht neben ihr, die beiden von IT, Miles und Arjeta, standen ihr gegenüber. Bruno Segesser, der Bildhauer etwas abseits daneben, zuhörend. Im Moment redete Miles auf die Chefin ein. Er war bei seinem Lieblingsthema, Härri schnappte den Begriff «next nature» auf. Er stand auf und näherte sich der Gruppe. «Natur» war auch so ein Wort, zu dem er etwas zu sagen gehabt hätte. Baek erlaubte sein Dazutreten mit einem leisen Kopfnicken, Miles war mittendrin in seinem Plädoyer.
« ...wenn wir uns als Teil der Natur bezeichnen «wie alle Formen des Lebens, wie «alle Spezies». Dann sind wir doch wieder in dieser biologischen Definition von «nature», oder? Und dann geht’s gleich weiter zu dieser Trennung von «culture» und «nature», die doch einen Teil unserer Probleme spiegelt. Der niederländische Künstler van Vosmeer sagt: ‘Die wahre Natur ist nicht grün.’ Und da finde ich interessant, was er als Trennlinie vorschlägt zwischen Kultur und Natur, nämlich die zwischen «controllable» und «autonomous». Nach dieser neuen Definition, sagt er, gehörten die Gurken, die wir essen, zu «culture», Staus auf Autobahnen und ein wachsender Teil von Artificial Intelligence dagegen zu «nature»
Nun wurde er von Da-ra Baeck unterbrochen, die ihn über den Brillenrand ansah.
«Ja, das ist interessant, Miles. Wie man mir erklärt hat, wissen die Entwickler der aktuellen Sprachmodelle nur noch ungefähr, wie diese zu ihren Ergebnissen kommen. Die neusten Versionen der Systeme sind bereits daran, theories of mind zu entwickeln, wie sie etwa siebenjährige Kinder haben. Aber ich frage dich: steht die von uns vorgeschlagene Version des Textes wirklich im Widerspruch zu diesen Überlegungen? Du darfst gerne noch eine Korrektur oder einen ergänzenden Vorschlag einbringen.» Sie schaute wieder auf die Uhr. «Aber bitte entschuldigt mich nun, ich muss darauf schauen, dass wir den Abschluss finden vor der Pause.» Und damit war sie weg, und mit ihr die Sekretärin.
Miles hatte keine Lust mehr, weiter über das Thema zu sprechen und war verstummt. Dafür hatte der Bildhauer einen Schritt auf die andern zu gemacht und meinte:
«Mir ist der ganze Text viel zu abstrakt, ehrlich gesagt. Man muss ja nicht gleich ins andere Extrem verfallen wie Kunsthochschulen, die auf die Frontseite schreiben, sie gehörten zu den führenden in Europa. Und dass sie staatliche Hochschulen seien und institutionell akkreditiert.»
«Gibt’s das?», fragte Arjeta und schob gleich noch ein «Wahnsinn!» nach.
«Ja!», antwortete Paul. «Schaust du nie, wie sich die so auf ihren Webseiten präsentieren? Finde ich interessant. Bei einem der Beispiele, von denen ich sprach, geht es dann gleich in den Ausschreibungen der Module weiter im Stil eines Gymi-Lehrplans, so mit Kompetenzen und Du-Ansprache: «Du schaffst Grundlagen für ..., oder: «du entwickelst die und die Kompetenzen» ...Das finde ich auch blöd. Aber dass der Begriff «Grundlagen» in unserem Text gar nicht vorkommen soll, das stört mich!»
Dem konnte Härri zustimmen.
«Ja, das sehe ich auch so. Ich finde, wenn sich ein junger Mensch überlegt, ob er an unserem Institut studieren will, sollte er – oder sie – etwas Orientierungshilfe bekommen. Und da gehören für mich Aussichten auf konkrete Lerninhalte eher dazu als so abstrakte Zielansprachen wie «die unterschiedlichsten Denksysteme zusammenzubringen», was eher zu einem Philosophiestudium passen würde. Oder: «die Werte des Lebens zu schützen und zu pflegen». Das wäre ein Studium in Umweltmanagement, vielleicht Biologie, oder?»
Paul nickte, aber Arjeta wollte noch etwas anderes loswerden.
«Von wegen «nature» und «culture»: Wir sind da wirklich an einem anderen Ort als vor fünf oder zehn Jahren, da hat die Baek recht. Das KI-Genie aus Zypern, Hassounis, der ist überzeugt davon, dass mit künstlicher Intelligenz bald der Punkt erreicht sein wird, an dem sich eine «allgemeine», das heisst selbständige, unspezifische künstliche Intelligenz herausbildet, die AGI, also Artificial General Intelligence. Die wäre dann sehr nahe bei der menschlichen. Natürlich arbeiten die alle wie verrückt daran und jeder will der Erste sein, also «culture» total. Aber wie sie sich dann diese Wende vorstellen, den Eintritt in die «Singularität», wie sie das nennen, das tönt für mich eher nach «nature». Wie ein Schub in der Evolution nach einer Reihe von Mutationen. So ähnlich. Ich habe übrigens den Chatbot nach Alternativen zum neuen Titel «Art Gender Planet» gefragt. Die Antworten waren richtig hochgestochen. Art Ecology Diversity ist eine, die ich noch weiss. Und Art Diversity Symbiosis. Fand ich noch cool, eigentlich. Aber auch unser Titel gefällt mir ganz gut. Das war Aurelias Idee, nicht? Oder kam das von Baek?»
Härri war froh, dass die Kaffeepause angesagt wurde. Er musste pinkeln gehen. Als er vor der Pissoirschüssel stand, liess er seinen Blick über die Wand gleiten, die lückenlos mit Zeichnungen und Sprüchen bedeckt war. Links über ihm war ein Klebstreifen platziert, auf dem schwarz auf weiss aufgedruckt stand: «Niemand will das!»
Auf dem Rückweg hörte er leise Ambient-Klänge aus einem der Ateliers im oberen Stock. Wahrscheinlich waren seine Studentinnen am Malen, und er musste sich zwingen, in den Sitzungsraum zurückzugehen. Da er sich alleine fühlte im halbdunkeln Korridor, machte er im Gehen ein paar Taiji-Übungen in seinem eigenen grotesken Punk-Stil. Dabei wusste er wie affig das aussah, aber es tat ihm gut. Und jetzt brauchte er einen Kaffee.

Nach der Pause wurde Otto Ulich per Video zugeschaltet. Er befand sich auf einer Vortragsreise durch Deutschland und begrüsste nun aus einem Hotelzimmer in Düsseldorf Dara Baek und «seine lieben Kolleginnen und Kollegen». Dann kam er gleich zur Sache.
«Ich erkenne im neuen Namen, den sich das Institut geben will, ebenso wie in den Textvorschlägen für die zukünftige Präsentation auf der Webseite, den dezidierten Willen, ein eigenständiges Profil zu entwickeln, das sich explizit absetzen soll von vergleichbaren Instituten anderer Hochschulen. Ich weise ja schon seit längerer Zeit darauf hin, dass sich im Kunstsystem eine Spaltung, eine Art Schisma vollzogen hat – und sich weiter fortsetzt – zwischen einer sich selbst als autonom bezeichnenden Kunst, die sich jedoch am Markt orientiert. Der Kunstmarkt wird von seiner Spitze aus dominiert von Künstlern mit Siegermentalität sowie von Sammlern und Kunstmuseen der obersten Liga. Dieser Kunst steht eine andere gegenüber, die sich als Engagement, Aktionismus und Politik versteht und sich dem Markt gegenüber sperrig bis verweigernd verhält. Sie befriedigt das Distinktionsbedürfnis der Diskurseliten, zum Beispiel der Kuratorinnen und Organisatoren von Grossevents wie die Kasseler Dokumenta oder die Biennale in Venedig. Dass die Ausbildungsinstitutionen auf diese Entwicklung reagieren würden, war absehbar. Ebenso, dass sich ihre Mehrheit eher auf der Seite der politisch engagierten Kunst positionieren würde, wie es jetzt unser Institut offenbar mit Nachdruck und, wie ich finde, auch aus guten Gründen tut. Für die marktorientierte Kunst, welche im Erfolgsfall Oligarchen sowohl unterhält als auch ihr Bedürfnis nach Distinktion und positivem Image bedient, gibt es keine spezifische Ausbildung – noch keine, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch: ein globales Schullabel, eine durch Private finanzierte Schule mit Filialen in New York, Tokyo, Shanghai, London, Paris, Berlin und Dubai, wo den Studierenden beigebracht wird, welche Interessen und Mentalitäten die Superreichen in verschiedenen Kulturen entwickeln, und wie man diese bedient.»
Nun musste sich Härri einschalten.
«Ich möchte dich etwas fragen, Otto.»
Man schob das Mikrofon in seine Nähe. Härri räusperte sich und begann nochmals.
«Ich möchte gerne wissen, Otto ... Was spricht denn dagegen, dass die Kunstausbildung sich weiterhin auf die Vermittlung von Grundlagen konzentriert und es den jungen Künstlerinnen und Künstlern überlässt, ob sie ihre Kunst autonom verstanden haben oder sich politisch, aktionistisch ausdrücken wollen. Meinetwegen auch etwas dazwischen. Sollte man sie nicht die Grundlagen und das Rüstzeug für ihren je eigenen Weg erarbeiten lassen und sie darin begleiten? Zu einer Kunst mit den von ihnen gewählten Inhalten und Aussagen? So könnten sie selbst entscheiden, in welche der von dir beschriebenen Kunstwelten sie sich hineinbegeben wollen. Wir würden dafür sorgen, dass sie überall erfolgreich sein können.»
Härri wusste genau, dass er mehr zu Da-ra Baeck und Aurelia sprach als zu Ulich, und seine Äusserung war auch nur zum Schein in eine Frage gehüllt. Trotzdem antwortete ihm Ulich in der ihm eigenen, freundlich distanzierten Weise.
«Es spricht nichts grundsätzlich dagegen, Lukas. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren merken müssen, dass der Umfang und die Vielfalt dessen, was man unter dem sich immer mehr erweiternden Kunstbegriff als Grundlagen verstehen kann, dermassen in die Breite gewachsen ist, dass die Zahl der Workshops und Module manchmal kaum mehr zu organisieren war. Und logischerweise litt unter dem Bemühen nach Vollständigkeit auch die Vertiefung. Vielleicht ist also der Anspruch, alle Richtungen der Kunst in einer Ausbildung, in ein und derselben Institution abzudecken, schlicht und einfach unrealistisch geworden. Ein prononciertes Profil wie das hier vorgeschlagene sehe ich da als einen durchaus plausiblen Weg. Wer sich in Zukunft bei uns bewirbt, weiss, was sie oder er bekommt.»
Härri spürte, wie es in ihm hochkochte. Das Setting mit dem per Video zugeschalteten Kunsthistoriker, der dafür bekannt war, kontrovers geführte Diskussionen mit ein paar wohlgesetzten Argumenten entscheiden zu können, kam Härri wie ein abgekartetes Spiel vor. Ja, er traute Baek, dieser koreanischen Sphinx, einen solchen Schachzug durchaus zu! Dass alles schon im Voraus mit Aurelia und Ulich abgemacht gewesen war, die ganze Veranstaltung mit Einbezug der Kolleginnen nur der Wahrung des Scheins diente, Leitbild und Namensgebung des Instituts seien gemeinsam entwickelt und im Konsens verabschiedet worden.
Er hatte nichts mehr gesagt nach Ulichs Urteil. Mehrere seiner Kolleginnen, auch Da-ra Baek, stellten noch Fragen an den virtuellen Gast, aber Härri bekam davon nichts mit. Erst als ihm die Sekretärin seinen Becher mit Mineralwasser auffüllte und ihn fragte, ob alles gut sei, kehrte sein Geist wieder in die Wirklichkeit zurück, die ihn umgab. Ulich hatte sich verabschiedet, auf der Leinwand war ein Ablauf mit Terminen zu sehen. Baeck hatte sich daneben aufgestellt und erklärte die weiteren Schritte bis zur Inkrafttretung des neuen Namens und Leitbilds ihres Instituts. Es war noch möglich, Ergänzungen und Korrekturen einzubringen, aber nur noch kosmetisch, wie Härri feststellte. Wenn er in die Runde schaute, konnte er niemanden entdecken, der so enttäuscht und unzufrieden war wie er. Ulich hatte gesagt, zukünftige Studentinnen und Studenten würden in Zukunft wissen, was sie in der Ausbildung bekämen. Wussten die Kolleginnen und Kollegen, was sie zu vermitteln hatten? Wusste er es?
Als Baek zu einer abschliessenden Runde aufgefordert hatte und er an der Reihe war, musste er zuerst überlegen, was er sagen sollte. Dann entschied er sich für ein Zitat aus dem dicken gelben Buch, in dem er gerne las. Er richtete es direkt an seine Chefin.
«Die Worte des Ministers sind vernünftig, entschied Taizong erleichtert, wer weitere Einwände vorbringt, wird bestraft.»
Baek sah ihn mit undurchdringlicher Miene an.

18.12.23

Art Gender Planet

Härri war vom Geräusch des Flusses erwacht, einem gleichmässigen Rauschen, das er träumend in die Tonspur eines Films eingebaut hatte. Das Haus, in dem er früher mit seiner Frau und den zwei Kindern gewohnt hatte. Er schliesst die schwere Haustüre auf, hastig, weil er seiner Frau etwas Wichtiges sagen muss. Durch die Windfangtüre mit den geätzten Gläsern hört er schon das Wasser. Als er hineinstürzt: Ein Wasserfall anstelle der Treppe! Er muss hinter den tosenden Vorhang gelangen, kann sich aber der quälenden Unmöglichkeit entziehen, indem er aufwacht.
Als er mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor die Türe des kleinen Fischerhauses trat, suchte er nach der Quelle des Rauschens. Der ufernahe Teil des Stegs war überflutet, der vordere hatte sich zwischen den eisernen Pfosten emporgearbeitet und zeigte wie eine Sprungschanze in den Himmel. Darunter vibrierte der graue Schwimmkörper, eine Bugwelle aufwölbend wie ein auftauchendes U-Boot. Der Fluss war ockerfarben, das Wasser teigig und voll mit Holz. Knapp über die Oberfläche ragende Äste, Balken und Baumstämme flitzten mit beunruhigender Geschwindigkeit an Härri vorbei. Eine zerbrochene Palette hatte sich zwischen Pfosten und Schwimmer des Stegs verkeilt und würde bald weiteres Treibgut einfangen. Das war es, was so rauschte. Er hoffte, der Steg würde dem Druck standhalten, der Höchststand des Hochwassers war noch nicht erreicht. Es sollte noch ein paar Tage anhalten. Schon wieder!
Härri kehrte ins Haus zurück. Über den Tisch verstreut lagen die Notizen für die heutige Sitzung der Institutsleitung. Er hatte sich vorgenommen, seine Bedenken gegenüber dem neuen Leitbild deutlich zu äussern. Wobei zu erwarten war, dass er damit den Konsens der Kolleginnen stören würde, die sowohl Leitlinien als auch die neue Bezeichnung des Instituts, im Wesentlichen vorgeschlagen von Da-ra Baek als kürzlich an die Akademie berufene Chefin, begeistert aufgenommen und sich darauf eingestellt hatten, alles per Akklamation durchzuwinken. Er wollte also gut vorbereitet und mit schwer widerlegbaren Argumenten bewaffnet zu dem Anlass erscheinen. Zusätzlich zu den Randnotizen und Unterstreichungen, die er in Baeks Entwurfstext geschrieben hatte, nahm er zwei Gedanken mit, die er im Hinterkopf behalten wollte. Es waren schon fast Vorsätze. Erstens: «Halte dich fern von Illusionen!» Das war die Stimme von Fässler, seinem früheren Lehrer in Hamburg. Härri wollte sich damit in Erinnerung rufen, dass selbst dann, wenn es ihm gelänge, alle von seiner Meinung zu überzeugen und einen Text durchzusetzen, der ganz mit seiner Haltung übereinstimmte, dies doch nur in eine auf Papier und auf Bildschirmen festgehaltene Absichtserklärung münden würde. Die tatsächliche Umsetzung in die chaotische und oft von Zufällen geleitete Praxis war immer etwas anderes. Er war schon eine ganze Weile an der Akademie, hatte folglich schon mehrere solcher Anläufe erlebt. Auch er hatte einmal, als er für kurze Zeit die alleinige Leitung des Instituts innehatte, dem Betrieb auf solche Weise seinen Stempel aufdrücken wollen. Funktioniert hatte es nicht. Innovationen fanden dennoch statt, aus kollektiver Intuition, an den schriftlich festgehaltenen Setzungen vorbei, manchmal, eher zufällig, mit ihnen im Einklang. Zweitens sagte er sich: «Du bist alt, vielleicht schnallst du nicht mehr alles.» Das war Tourettchens Stimme. Er wusste, dass dies der schwierigere Teil seiner Vorsätze war: In Bescheidenheit den jüngeren Leuten zugestehen, dass vielleicht sie recht hatten, und er unrecht. Dass die Jüngeren anders in der Gegenwart lebten als er, der nur noch einen Teil ihrer Zukunft mit ihnen teilen würde. Viele von ihnen waren auf eine existenzielle Weise besorgt um die Entwicklung der Welt, von der er, im Gegensatz zu ihnen, nur noch einen Zipfel erleben würde. Da-ra Baek stand vom Alter her zwischen ihm und den jungen Dozentinnen, aber sie redete, als wüsste sie viel mehr über die Zukunft als er.
Er wappnete sich zusätzlich, indem er sich ein dunkles, fast faltenfreies Hemd aussuchte und vor dem Spiegel anzog, die kleine Plastikbürste unter den Wasserhahn hielt und sich damit die weissgrauen, struppigen Haare durchkämmte. Sie hatten die richtige Länge, so wie auch der kurz geschnittene Bart, und als er den Busch auf seinem Scheitel zu einem schräg nach hinten strebenden Kamm geformt hatte, wandte er sich zufrieden ab, langte die warme Jacke vom Haken, holte das Fahrrad aus dem Schopf und machte sich auf den Weg.
Die Akademie hatte zwei Standorte. Der eine davon war das historistische Gebäude der einstigen Kunstgewerbeschule auf der Rheininsel. Der zweite befand sich in zwei grossen Hallen einer ehemaligen Spinnerei, die man nach dem Konkurs des Unternehmens zuerst hatte verwahrlosen lassen. Später waren sie abwechslungsweise von Jugendlichen, dann wieder von der Polizei besetzt worden. Auf Druck des Parlaments und der Öffentlichkeit musste die Stadt die Anlage kaufen, worauf man sie der Akademie mit der Auflage, regelmässig öffentliche Ausstellungen zu organisieren, zur Nutzung überliess. Das war vor gut dreissig Jahren gewesen. Die «Spinnerei», wie dieser Standort, halb liebevoll, halb spöttisch noch immer genannt wurde, stand am südlichen Stadtrand in der Nähe der Eisenbahnlinie. Dorthin sollte Härri eigentlich unterwegs sein.
Weil er seine Einwände gegen Baeks Konzept in Gedanken nochmals durchging, fuhr er allerdings einem Automatismus folgend in die Richtung des alten Gebäudes und musste, als er es merkte, einen Umweg nehmen, so dass es knapp wurde, obwohl er genau das nicht gewollt hatte: verschwitzt ankommen und keine Zeit haben, sich zu sammeln vor dem Sitzungsbeginn. Nun war es wieder einmal anders gekommen, aber als er erhitzt beim Personenlift ankam, sah er zu seiner Erleichterung, dass er nicht der Letzte war.
Härri liess A. und X. den Vortritt in die Kabine, die mit ihnen drei wegen A’s. Leibesfülle und ausladender Kleidung auch schon voll war. A. trug einen weiten, schwarzgrünen Daunenmantel mit einem Pelzkragen aus grell pinkfarbigen Fasern, die wie Zuckerwatte ihr rundes Gesicht umrahmten und sich mit den offenen, metallisch dunkelrosa gefärbten Haaren vermischten. Unter dem offenstehenden Mantel, den sie beim Sprechen mit in den Taschen versenkte Händen in lebhafte Bewegung versetzte, sah man ein silbern glänzendes Top, darunter einen weissen, gestrickten kurzen Rock, der sich über ihren runden Bauch spannte. Sie hatte Härri knapp begrüsst und gleich weiter auf ihre Freundin X eingeredet, die ihr nun, eingeklemmt in die hintere Ecke des Lifts, gegenüberstand mit gerunzelter Stirn. Ihr Gesicht wurde eingerahmt von rabenschwarzen Haaren – halblang und mit akkurat geschnittenen Fransen – und wirkte wie immer bleich. Ihre Kleidung war im Wesentlichen schwarz. Ein Wolljäckchen mit zwei silbernen Broschen – Härri konnte nicht erkennen, ob sie Blumen oder Vögel darstellten –, darunter ein schwarzes T-Shirt mit verschiedensten Variationen christlicher Kreuze, weiss aufgedruckt. Der Rock gefältelt, schwarz mit feinen rosa Streifen. X. schien A’s begeistertem Bericht über irgendeine Serie nicht zuzuhören. Ihre mit Kajal umrandeten Augen starrten unter den schwarzen Brauen ins Leere.
Als sie im dritten Stock angekommen waren, stieg Härri als erster aus. Er hatte den unangenehmen Eindruck, auf der kurzen Fahrt mit dem Duft von A’s. blumigen Parfüm imprägniert worden zu sein und roch auf dem Weg zum Saal, in dem die Sitzung stattfinden sollte, verstohlen an seinen Ärmeln. Als er sah, wie beide Begleiterinnen aus dem Lift auf die Tür des Raums zustrebten, begriff er, dass Baek entschieden hatte, die Diskussion über das neue Leitbild schon jetzt im erweiterten Kreis der Dozentinnen zu führen und nicht zuerst im Vierergremium der Leitung, zu dem er gehörte, Vorentscheidungen zu treffen. Einen Stich gab es ihm, das war nicht abgesprochen! Aber wie auch schon, seit Baek seine Chefin war, fragte er sich beim Eintreten, ob vielleicht er etwas verpasst habe, denn seine Kolleginnen wirkten nicht überrascht vom Setting.
Und da sass, oder besser: tronte sie. Da-ra Baek! Noch nicht am rechten Kopfende des langen Tischs, wo bald ihr Platz sein würde, mit der ausziehbaren Projektionswand im Rücken. Sie hatte es sich, ganz und bis auf die Farbe der Knöpfe an Bluse und Hose, in Schwarz gekleidet, auf dem Sofa bequem gemacht. Die silbrig weiss gefärbten Haare verschmolzen mit der weiss gestrichenen Backsteinwand dahinter. Sie liess die Eintretenden an sich vorbeiziehen und ihre Plätze am Tisch einnehmen. Von manchen wurde sie begrüsst mit Kopfnicken und verhaltenem ‘Hallo’, andere bemerkten sie erst, als sie sassen. Härri hatte nach dem Eintreten etwas beschleunigt, weil er seine Position am Tisch nicht dem Zufall überlassen wollte. Er setzte sich mit dem Rücken zum Fenster auf den zweiten Stuhl, rechts neben dem noch leeren Platz der Chefin, und wie er erwartet hatte, kam gleich nach ihm die Sekretärin und Pförtnerin des Instituts und nahm den ersten ein. Ihre Wärme und vermittelnde Freundlichkeit würden ihm helfen ruhig zu bleiben, falls es mit Baek zu einer Konfrontation kommen sollte, so seine Hoffnung. Er packte Notizen und Stift aus dem Rucksack und blickte dann zu Baek hinüber, die noch immer auf dem Sofa sass. Woran nur erinnerte ihn diese Haltung? Sie hatte den einen Schuh abgestreift. Ihr rechtes Bein stand auf der Sitzfläche des Sofas, spitz angewinkelt zwischen dem nackten Fuss und ihrem Gesäss. Das andere Bein in entspannter Sitzhaltung, mit dem Fuss flach am Boden. Auf dem hochgezogenen Knie ruhte lässig der ausgestreckte rechte Arm, mit leicht hängender Hand wie bei einer Frau, die ihren Nagellack aushärten lässt. Die linke Hand stützte sie auf der Sitzfläche auf, bei gestrecktem Arm. Königlich sah sie aus, das musste Härri zugeben. In diesem Moment sah sie ihn durch die breitrandige Brille kurz an, nahm dann das Bein vom Sofa und stand auf. Suchte nun nach ihrem Schuh, zirkelte den Fuss hinein und kam an den Tisch. Noch im Gehen begann sie mit ihrer Begrüssung:
«Guten Tag uns allen! Ich bin glücklich, dass ihr euch den Termin einrichten konntet. Alle, die ich eingeladen habe zu dieser für unser Institut wichtigen Zusammenkunft.»
Jetzt wusste er es: Guanyin! Die Boddhisatva in der Pose, die er Tourettchen in mehreren Variationen gezeigt hatte und die jener hatte nachmachen wollen, vergeblich, weil er die Ruhe nicht hinbekam, die nötig war, um «den Mond im Wasser zu betrachten» und dabei «den Ton der Welt zu hören».
Die Einleitung seiner Chefin hatte er nun verpasst. Bereits leuchtete von der Leinwand der Text auf, den sie alle auch auf Papier ausgedruckt vor sich liegen hatten. Härri verglich die aktuelle Version mit seiner von eigenen Kommentaren übersähten. Es waren keine Änderungen mehr dazugekommen. Rings um ihnen standen die Kolleginnen auf und rüsteten sich mit farbigen Zetteln und breiten Filzstiften aus. Erst jetzt bemerkte er die grossen Poster an den Wänden, auf denen im oberen Teil je zwei Sätze aus dem Text aufgedruckt waren. Er machte sich an den Werkstattleiter heran und fragte ihn mit einem entschuldigenden Grinsen: «Was müssen wir jetzt machen?»
«Auch nicht aufgepasst?, fragte dieser freundlich zurück. «Unsere Kommentare dazu hängen. Und gleich auch diskutieren, so «marktplatzmässig» ... Glaube ich jedenfalls.»
Härri ärgerte sich. Er hatte sich auf einen einzigen Auftritt vorbereitet, eine Art Plädoyer für einen Textvorschlag, der mehr von Nüchternheit geprägt wäre, auch von expliziten Bezugnahmen auf die zu erwartende Berufsrealität der Studienabgängerinnen. Für eine Zurücknahme auch der vielen, seiner Meinung nach zu hohen und zu diffusen Ansprüchen. Nun griff er halt zu seinen Notizen, nahm sich einen kleinen Stapel gelber Zettel – X. sah es und kommentierte: «Oh, da hat jemand einiges einzuwenden!» – und machte sich auf den Weg zum Plakat mit den ersten zwei Sätzen. Da stand:
Das Institute «Art Gender Planet» steht ein für eine Praxis der Kunst, welche sich an Werten der Vielfalt, des friedlichen Zusammenlebens und der Koexistenz mit allen Lebewesen des Planeten, der sozialen Gerechtigkeit und der Liebe orientiert. Die Praxis soll zur Substanz werden, die alles durchdringt und sowohl Materialien als auch Technologien befragt.
A. stand bereits zusammen mit X und den beiden IT-Menschen vor dem Text und las ihn laut vor, obwohl ihn sicher alle auswendig kannten. Härri entfernte sich nochmals von der Gruppe, auf der Suche nach einer Schreibunterlage, setzte sich kurz an einen kleinen Tisch in der Nähe und übertrug verkürzte Versionen der Einwände in seinen Notizen auf die gelben Papierstücke. Als er zurückkam um sie an die Wand zu heften, traten die andern zur Seite, verstummten und schauten ihm zu. Es waren vier Zettel, auf denen kaum genug Platz war für seine Kommentare.
Auf dem ersten Zettel stand:
Zum Titel: - «Gender» kommt im Text nur implizit vor. Warum dann im Titel? - «Planet»: Auf diesem uralten Planeten sind wir eine Episode, der Planet kann (und wird) gut ohne uns weiterexistieren. Ist es nicht anmassend, «für die Natur», gar «für den Planeten» zu sprechen?

Auf dem zweiten Zettel:
Zur «Koexistenz mit allen Lebewesen»: - Da wird ein ökologischer Ansatz beschworen, der sehr schwer einzulösen ist. Es gibt Kunsthochschulen in unserem Land, die viel in entsprechende Forschung investieren. Wollen / können wir das?

Auf dem dritten:
Zur «Liebe»: Was ist das? Verstehen wir alle dasselbe darunter? (Es gibt toxische Formen der Liebe!) Und: wie ist die Aussenwirkung, wenn wir so etwas auf die Startseite schreiben?

Und auf dem vierten:
Zur «Praxis als Substanz»: Der Begriff Substanz hat eine lange und komplizierte Geschichte. Was soll er für uns, heute, bedeuten? Oder geht es da um «altes Wissen», um die «prima materia» der Allchemisten etwa?

Kaum war er von der Wand zurückgetreten, als A. auf das Blatt mit der Liebe zutrat, mit einer grossen Geste darauf zeigte und eine Rede zugunsten des Begriffs hielt. Dafür war sie die zuständige Fachfrau, ohne Zweifel. Härri hatte es schon beim ersten Durchlesen des Textes für wahrscheinlich gehalten, dass sie die Liebe ins Spiel gebracht hatte. A., die immer und jederzeit in jemanden verliebt war, manchmal in zwei drei Personen auf einmal, wobei weder biologisches Geschlecht noch die gendermässige Einordnung eine Rolle spielten. Heikel fand nicht nur er die verschwommenen Grenzen zu Kolleginnen, noch mehr zu Studentinnen und Studenten, die A. ziemlich willkürlich und eigenmächtig definierte. Das war auch ein Grund gewesen, warum er die Bemerkung zur Aussenwirkung aufgeschrieben hatte. Er wollte aber nicht mit ihr, und schon gar nicht jetzt schon zu streiten anfangen und machte sich mit einer gemurmelten Entschuldigung auf den Weg zu den anderen Wänden.

Härri

Lukas Härri – Er hatte seinen Familiennamen gehasst als Kind. Wenn er sich zuhause beklagte, in Laichingen, er sei in der Schule wieder einmal gehänselt worden deswegen, so pflegte sein aus dem Aargauischen eingewanderter Vater zu sagen: «Auch deine Kameraden haben doch Namen, mit denen man sie aufziehen könnte: Pfleiderer, Goller, Schneck und Pflumm! Kehr den Spiess doch einfach um!» Damit war aber die Mutter, eine geborene Vöhringer, gar nicht einverstanden.
«Stift’ ihn ned an zu solcha Bosheida! Man kann nix dafür für sai Nama!»
Irritierend war auch, dass alle den Namen anders aussprachen als sein Vater, bei dem das Ä behäbig offen klang und das R fast gerollt wurde, mit einfachem Zungenschlag: Härri. Die Schwaben sagten eher «Herri», mit gutturalem R. Gegen Ende der Primarschule nannte ihn ein Anführer unter den Buben dann auf einmal «Harry». Zwar war er der Einzige, der das R so aussprechen konnte, dass es amerikanisch tönte. Aber auch wenn die andern den Namen gleich aussprachen wie zuvor, schien er jetzt auf einmal cool zu klingen. Lukas war es recht.
Erst als er in die Schweiz kam, stellte er fest, dass der Name hier so tönte wie aus dem Mund seines Vaters, und dass ihn niemand für ungewöhnlich oder komisch hielt. Und als er einmal Birrwil am Hallwilersee besucht hatte, von wo der Name und auch sein Vater herkamen, gefiel ihm die Gegend so gut, dass er immer wieder dorthin zurückkehrte. Erst kürzlich, als er mit seinem alten Vater wieder einmal darüber gesprochen hatte und dieser sich vergeblich abmühte, Bedeutung und Herkunft des Familiennamens zu rekonstruieren, war er auf die Idee gekommen, selbst nachzuschauen. Es war ihm sicher schon einige Male erklärt worden, er hatte aber nie zugehört. «Härri» war ein Kosename für ein verspielt umherspringendes Fohlen. Der Ausdruck konnte auch verwendet werden, um unbestimmte Tiere zu bezeichnen, die sich so bewegten. Oder für unsichtbare, die Laute von sich gaben, die man wiederum als Anzeichen für den Frühling oder Frühsommer auffasste. Schliesslich konnte «s Härri ha» oder «s Härri übercho» bedeuten, dass man von einer nicht recht fassbaren Laune oder Sehnsucht ergriffen wurde. Ihm gefielen alle Erklärungen. Die Menschen um den kleinen See herum hatten einen Ausdruck erfunden für eine schwer zu fassende Energie, für unkontrollierbare, unvorhersehbare Äusserungen und Bewegungen. Aber er wusste, dass seine beiden Kinder froh waren, den Familiennamen der Mutter zu tragen und nicht seinen.

5.12.23

Lithografie

Es ging auf die Abschlüsse zu. Vier aus dem Bachelor-Studiengang und drei Masterstudenten hatte er zu betreuen, fünf Frauen und zwei Männer. Zwei der jüngsten, T., die sich als Malerin verstand und P., der an einer graphic novel, seinem Opus magnum, arbeitete, hatten sich im Laufe des Jahres für die Lithografie interessiert. L. war glücklich gewesen darüber, dass die Druckwerkstatt wieder im Hauptstudium gebraucht wurde, und nicht nur in gelegentlichen wahlpflichtigen Workshops, die er anbieten durfte, oder in den öffentlichen Abendkursen, die von einer Kollegin aus der Vermittlung erteilt wurden. Dass es die Werkstatt mit ihrer tonnenschweren Ausrüstung überhaupt noch gab – historische Handpressen und jüngere, umgebaute Offsetmaschinen, ein paar Kubikmeter Kalksteine sowie Kästen voller Zubehör für die Malerei auf Stein, die Ätz- und Druckvorgänge –, und dass dies alles nicht verschenkt oder für einen symbolischen Preis ins Ausland verkauft worden war, durfte er seiner Beharrlichkeit anrechnen. Andere fanden: seiner Sturheit oder gar seiner Rückwärtsgewandtheit, eine Einschätzung, mit der er nie einverstanden gewesen war.
Er stand am grossen Trog aus Klinker und hielt den oberen seiner zwei Steine in wirbelndem Schwung. Der untere war sehr schwer, etwa acht Zentimeter dick bei einer Fläche von einem halben Quadratmeter. Er hatte ihn mit einem kleinen Handstapler hergeschafft, dessen Gabel sorgfältig auf die Höhe des Holzgestells über den Trögen eingestellt und ihn dann hinübergeschoben, immer darauf bedacht, seinem Rücken nicht zu viel Gewicht oder eine unbedachte Bewegung zuzumuten. Daraufhin hatte er den Stapler zur Seite gestellt, die Ärmel hochgekrempelt und den Stein mit der Brause gründlich benetzt. Die letzte Zeichnung, die er damit gedruckt hatte, war noch deutlich zu sehen. Farblos zwar, aber dunkler als der Rest des Steins, und das Wasser abstossend. Es war eine phantastisch überhöhte Abwandlung eines der Holzschnitte aus der «Reise in den Westen» gewesen, die er für seinen Freund Tourettchen gemacht hatte. Der Impuls, diesem eine Freude zu machen, hatte sich dabei verbunden mit einem diffusen Bedürfnis, frühere Themen und Arbeitsweisen wieder aufzunehmen, noch ohne zu wissen, wohin dies führen könnte. Er streute von dem groben, grünen Karborund-Sand auf den Stein, goss einen Becher Wasser dazu, vermischte und verteilte die dunkel gewordene Sauce auf der Fläche. Holte dann einen Stein aus dem Regal, mit dem er gerade noch ohne Stapler hantieren konnte. Er hievte ihn auf den grösseren und begann ihn auf dem Schleifbrei in Drehung zu versetzten.
Nein, es ging nicht um Rückständigkeit. Weder um retro noch um vintage. Es war ihm ums Verstehen gegangen, um sein eigenes in erster Linie. Fast gleichzeitig hatte er sich damals die Grafikprogramme auf dem Computer und die Lithografie von Experten zeigen lassen, sich dann als überzeugter Autodidakt in die Komplexität der Techniken und Abläufe verbissen. Und viel darüber gelesen. Das am meisten benutzte Programm war von Lithografen entwickelt worden, wie ihm schnell klar wurde. Als Maler hatte er immer gelitten unter den sumpfig-instabilen Verhältnissen auf Palette und Leinwand. Unter seiner Ungeduld, mit der er auf noch nicht trockenen Schichten weitergemalt hatte wider besseres Wissen, Farbmischungen und Strukturen erzeugend, die chaotisch aus Ungeschick entstanden und nachträglich unter beträchtlichem Aufwand integriert werden mussten, auf dem Bild durch immer weitere Korrekturen, und im Kopf durch Kapriolen, welche Ungewolltem eine höhere Absicht, Absurdem einen Sinn zu geben suchten. Das war auch der Grund gewesen, warum er die Ölmalerei aufgegeben und sich der Acrylfarbe zugewandt hatte. In der Lithografie genoss er nach einer langen Phase der Annäherung, während der er jeden Arbeitsschritt von einem Handzettel hatte ablesen müssen, die klare Trennung vom Akt des Zeichnens und Malens, der immer mit Schwarz auf den gräulichen bis ockerfarbigen Stein ausgeführt wurde, von dem der Farbentscheidung. Er stellte diese und viele weitere Parallelen zwischen der körperlich anstrengenden Drucktechnik und der Arbeit mit dem Grafikprogramm fest. Die rationale Planung einer Bildidee, dank der Ebenen, in denen das Bild gedacht werden musste. Die Verwendung von Schablonen und Masken, einer grossen Auswahl an Zeichen- und Malwerkzeugen. Die Reversibilität von Entscheidungen, die bei der digitalen Malerei grundsätzlich gegeben war unter Voraussetzung einer gewissen Disziplin beim Speichern und Ordnen der Zwischenergebnisse, erwies sich bei der Lithografie allerdings als deutlich eingeschränkt. Erst wenn eine Farbe gedruckt war, konnte man letztlich ihre Wirkung im Zusammenspiel mit den anderen Farben erkennen, vor allem dann, wenn man sie mit Transparentweiss gemischt hatte und beim Überdrucken neue Töne entstanden. Eine Korrektur war dann zwar möglich, aber erst im Hinblick auf ein anderes Blatt. Er musste also lernen, von Anfang an so viele zu drucken, dass nach dem Wegfall der Fehldrucke noch eine genügend grosse Auflage übrigblieb. Er hatte sich beim Lithografieren zuweilen dabei ertappt, dass er, für den Bruchteil einer Sekunde, den Reset-Befehl suchte, die Tasten command und Z.
Als er zum zweiten Mal Sand auf die Fläche streute, war der ursprünglich noch erkennbare, gefesselt in einem Baum hängende Dämon verschwunden.

Mit welchen Arbeitsschritten L. nun seinen Stein fertig präparierte, sei hier nicht weiter aufgeführt. Wenden wir uns dem aufgehängten Dämon zu um zu erfahren, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Auf ihrer Reise in den Westen kamen der Schriftenholer und Mönch Xuanzang, auch Tripitaka genannt, und seine drei Schüler und Bewacher, der Pilger Sun Wukong, der auch Affenkönig hiess, der eberköpfige Tölpel Zhu Bajie und der Sandmönch Sha Wujing, zwischen Herbst und Winter zu einem hoch aufragenden Gebirge. Es wurde beleuchtet von einem unheimlichen Licht, und plötzlich erblickten sie eine rote Wolke, die bis zum neunten Himmel aufstieg. Sun Wukong warnte die andern, hier gehe ein Dämon um und zog den Meister aus dem Sattel, um ihn besser beschützen zu können.
In der roten Wolke versteckte sich tatsächlich ein Dämon, der von der Pilgerreise Tripitakas erfahren hatte und wusste, dass dieser die Reinkarnation von Meister Goldzikade, einem der ersten Jünger Buddhas war. Er wollte den Heiligen fangen und fressen, da er sich von seinem Fleisch Unsterblichkeit erhoffte. Wie er aus seiner Wolke herabsah auf die Pilgergruppe, musste er allerdings feststellen, dass das Objekt seiner Begierde gut bewacht war. Darum beschloss er, eine List anzuwenden. Er verwandelte sich in einen nackten siebenjährigen Knaben, fesselte sich selbst mit Stricken und hängte sich in das Geäst eines Baumes, an dem die Pilger vorbeikommen mussten. Dann begann er, um Hilfe zu schreien.
Da sich unterdessen die rote Wolke aufgelöst hatte, liess Sun Wukong seinen Meister wieder auf das Pferd steigen und weiterreiten. Es habe sich wohl nur um einen «durchreisenden Dämon» gehandelt. Tripitaka bezweifelte diese Erklärung, und dazu hörte er nun Hilfeschreie aus der Ferne. Sofort wollte er dem Notleidenden zu Hilfe eilen. Sun Wukong aber ahnte, dass dies eine Falle sein könnte und bat den Meister, das Geschrei nicht zu beachten. Damit sie dem Schreienden gar nicht begegneten, vertauschte er durch einen Zauber ein paar Berge und Entfernungen, sodass sie bereits an dem Ort vorbei waren, woher der Hilferuf gekommen war. Tripitaka und die andern merkten nichts davon, wohl aber der Dämon, der sich wieder mit seiner roten Wolke hoch hinauferhob, um Ausschau zu halten. Sun Wukong sah ihn und hiess den Meister wie zuvor absteigen, bis die Wolke verschwunden war. Als er die Gruppe zum Weiterreiten aufforderte, ärgerte sich Tripitaka so sehr über Sun Wukongs Hin und Her, dass er beinahe den Zauberspruch aufsagte, mit dem er den Reif um den Kopf des Affenkönigs verengen und ihn so bestrafen konnte.
Unterdessen hatte sich der Dämon wieder in der Gestalt des nackten Jungen in einen Baum gehängt, diesmal ganz in ihrer Nähe, und wieder schrie er jämmerlich um Hilfe. Tripitaka war nun nicht mehr davon abzuhalten, dem Schreienden zu helfen. Er ritt zu dem Baum und fragte den Knaben, wie er heisse und wie er in diese Notlage geraten sei. Der Dämon erzählte ihm eine erfundene Geschichte. Seine Familie sei von Räubern überfallen worden, die den Vater getötet, ihn und seine Mutter aber entführt hätten. Er selbst sei hier aufgehängt worden, damit er erfriere und verhungere. Tripitaka befahl Bajie, den Knaben loszubinden, aber Sun Wukong erkannte in dem Knaben den Dämon. Er beschimpfte ihn und wies ihm nach, dass seine Geschichte nicht stimmen könne. Bajie aber hielt zu Tripitaka, holte den Jungen herunter und band ihn los. Der Meister bot ihm das Pferd zum Reiten an, aber der Dämon wusste sehr wohl, dass es sich bei dem Reittier um ein Drachenpferd handelte. Also lehnte er ab mit der Behauptung, er könne nicht reiten. Auch von Bajie und von Sandmönch wollte er nicht getragen werden unter dem Vorwand, dass er sich vor ihrem Äusseren fürchte. Mit solchen Ausflüchten erreichte er es, von Sun Wukong getragen zu werden, den er mit seinen Zauberkräften zu besiegen gedachte. Aber Sun Wukong, der den Knaben lachend auf den Buckel nahm, hatte umgekehrt vor, den Dämonen bei der nächsten Gelegenheit zu töten. Da dieser jedoch die Absichten des Affenkönigs durchschaute, machte er sich durch Zauber bald so schwer wie ein Berg, sodass ihn Sun Wukong abwarf, packte, und gegen einen Felsen schleudern wollte. Der Dämon aber liess seinen Urgeist aus dem Körper entfliehen und stieg so bis in den neunten Himmel empor, von wo aus er zusah, wie Sun Wukong den Knabenkörper zerschmetterte. Noch während dieser mit seiner Vernichtungsarbeit beschäftigt war, erzeugte der Dämon einen Wirbelwind, der die Pilger in eine Wolke von Staub einhüllte und ihnen Holzstücke und Steine ins Gesicht blies. In dem entstehenden Durcheinander entführte er Tripitaka, ohne dass es seine Beschützer verhindern konnten.
Sun Wukong und Bajie waren so ernüchtert und enttäuscht über diese Niederlage, dass sie sogleich ihre Mission aufgeben wollten und fanden, jeder solle nun seiner Wege gehen. Darüber entrüstete sich der Sandmönch heftig und rief seine Kollegen zur Pflicht, den Mönch aus den Klauen des Dämons zu retten. Und tatsächlich verstärkte Sun Wukong nun seine Anstrengungen. Er verwandelte sich in ein Ungeheuer mit sechs Armen und drei Köpfen, und auch seine Waffe, die Eisenstange, verdreifachte er. In dieser eindrucksvollen Gestalt jagte er von Ost nach West und wieder zurück, scheuchte dabei eine ganze Horde von Berggöttern und Erdgeistern auf, die in der Gegend wohnten und nun ihre Hilfe anboten. Alle litten sie seit langem unter der Herrschaft des Dämons und wollten ihn endlich loswerden. Sun Wukong erfuhr von ihnen, dass es sich bei dem Ungeheuer um den Sohn des Rinderdämons handle. Er heisse «Rotkindchen», oder mit Ehrennamen «Grosser König des Heiligen Embryos». Erfreut stellte Sun Wukong fest, dass er eigentlich der Onkel des Dämons sei, da er mit dessen Vater, dem Rinderdämon, einst Bruderschaft geschlossen habe. Sicher könne er sich über die Herausgabe des Meisters mit dem Dämon einigen, wenn dieser erfahre, dass sie verwandt seien.
Die Berggötter und Erdgeister führten nun Sun Wukong und Bajie zur Grotte des Dämons, während Sandmönch mit dem Pferd auf ihre Rückkehr wartete. Vor der Höhle tummelten sich viele kleine Ungeheuer, die sofort hineinflitzten und ihrem Meister die Ankunft von Sun Wukong und Bajie meldeten. Der Dämon liess seine Untergebenen darauf fünf Schubkarren vor die Höhle stellen und zwar in der Anordnung der fünf Wandlungsphasen oder Elemente. Erst dann trat der Dämon mit einem Flammenspeer vor die Grotte und fragte, wer es wage, seine Ruhe zu stören. Sun Wukong trat vor, sprach ihn als «Neffen» an und forderte die Freigabe Tripitakas. Er würde es sonst dem Vater des Dämons melden, mit dem er einst Bruderschaft geschlossen habe. Der Dämon glaubte ihm nicht und verhöhnte ihn, worauf ein wilder Kampf über zwanzig Runden begann. Als Bajie sah, dass der Dämon in Defensive geriet, wollte er Sun Wukong helfen, den Kampf zu beenden und schlug mit seinem Rechen zu. Da floh der Dämon zu seiner Grotte, wo er begann, sich selbst die Nase blutig zu schlagen. Aus dem Blut wurde Feuer, womit er, speiend und schneuzend, die Karren in Brand setzte und schliesslich die ganze Höhle in ein Flammenmeer verwandelte. Bajie zog sich eilends zurück, aber Sun Wukong vollzog ein Fingerzeichen zur Flammenabwehr und stürzte sich in die Grotte.
Was er nicht wusste: das Feuer war ein wahres «Samadhi-Feuer». Der Dämon konnte die Energie der höchsten Erleuchtung in ein zerstörerisches Feuer verwandeln. Die Karren, angeordnet nach den fünf Wandlungsphasen, verstärkten dessen Kraft zusätzlich. Sun musste bald einsehen, dass er dem Feuer nicht standhalten konnte und floh aus der Grotte zu Bajie und Sandmönch. Sie berieten sich, wie man weiter gegen den Dämon vorgehen könnte. Sandmönch schlug vor, die Hierarchie der Wandlungsphasen zu nutzen und das Feuer mit Wasser zu bekämpfen. Sun Wukong fand den Vorschlag gut und machte sich auf den Weg zum Drachenkönig des Ostmeers um ihn um Wasser zu bitten in der Form eines lokalen Starkregens. Der Drachenkönig rief seine Brüder der anderen Meere zusammen und gemeinsam machten sie sich auf zur Grotte des Dämons. Sun Wukong ordnete an, die Verbündeten sollten erst und nur dann eingreifen, wenn der Dämon sein Feuer zünde.
Wieder stellte sich der Affenkönig vor die Grotte und forderte den Dämon mit lauter Stimme heraus. Dieser trat aus dem Dunkel der Höhle und es gab einen langen Kampf, bis der Dämon sich abermals zurückzog, sich die Nase blutig schlug und alles in Brand steckte. Sofort liessen die Drachenkönige einen gewaltigen Platzregen auf die Grotte niedergehen. Aber leider konnte gewöhnliches Wasser ein Samadhi-Feuer nicht löschen, im Gegenteil: es war, als ob man Öl ins Feuer gegossen hätte. Alles brannte lichterloh und unter höllischer Hitze.
Trotzdem stürzte sich Sun Wukong voller Wut und mit Feuerschutz in die Grotte. Aber diesmal blies ihm der Dämon auch noch einen beizenden Rauch in die Augen, was Sun Wukong seit seinem Kampf mit Laozi, als dieser ihm ebenfalls mit Rauch die Augen verätzt hatte, gar nicht vertragen konnte. Sun Wukong floh blindlings aus der Grotte und stürzte sich in den nahen Wildbach, um sich abzukühlen und sich die Augen auszuwaschen. Das kalte Wasser aber trieb ihm die Energie des Feuers direkt ins Herz, sodass ihm alle drei Lichtseelen aus dem Leib fuhren. Dem armen Affenkönig blieb der Atem stehen, und sein Leben war hin. Doch davon, wie Sun Wukong sein Leben wieder erlangte, sei hier nicht weiter die Rede.

20.11.23

Krankes Bild

T., eine der Studentinnen, die L. in der Schlussphase ihrer Ausbildung zu begleiten hatte, traf er eines Abends noch spät in ihrer Koje im Grossraumatelier an. Es roch intensiv nach Terpentinöl. Und vom Laptop, das halb zugeklappt mitten in den Farbtöpfen, zerknüllten Lappen und als Paletten dienenden Kartonstücken stand, tönte ein blecherner Beat. Sie bemerkte sein Kommen nicht, da sie ihm den Rücken zuwandte, und er musste überlegen, wie er es anstellen könnte, sie nicht zu erschrecken. Das Bild, vor dem sie stand und an dem sie seit Wochen arbeitete, sah schlimm aus. L. zog sich leise zurück und machte einen grösseren Umweg durch die verlassenen Arbeitsplätze in T.’s Nachbarschaft, um sich ihr von vorne nähern zu können. Erst als er neben dem Metallgestell stand, das ihr als Staffelei diente, blickte sie langsam auf und sah ihn aus müden Augen an. Rang sich schliesslich ein gequältes Lächeln ab. Sie bückte sich nach einer Rolle Haushaltpapier, riss ein Stück ab, zerknüllte es zu einem Ball und begann sich damit die Finger abzureiben.
«Hallo», rief er ihr zu und deutete auf das Gerät. «Darf ich?» Und als sie nickte, hob er es hoch, klappte es auf und stellte die Musik leise. Danach schien es ihm besser, es auf dem Tisch zu platzieren. Sie sagte noch immer nichts, also trat er neben sie, und man schaute eine Weile schweigend auf das Bild. Es war ein Schlachtfeld. Offenbar hatte sie Lösungsmittel darüber geleert und heftig nachgerieben. Man konnte noch knapp die zwei Frauenfiguren erahnen, von denen die eine links am Boden kauerte und die andere in der Mitte tanzte. Oder eher: getanzt hatte, denn von ihren Beinen, die er als blau bestrumpft in Erinnerung hatte, waren nur noch zwei verschmierte Wolken übrig.
«Ich hab’s versaut», meinte sie schliesslich. «Zum wievielten Mal schon?» Sie drehte sich ab und ging zu einem Stapel von Leinwänden, die an die Kojenwand angelehnt waren, mit der Rückseite nach aussen. Die vorderste wurde umgedreht und mit schief gelegtem Kopf angeschaut.
«Ich habe auf deinen Rat gehört und gleichzeitig an diesem da gearbeitet. Immer gewechselt, wenn es bei einem geharzt hat», sagte sie. Dann, mit bitterem Spott: «Hat super funktioniert: jetzt ist auch das futsch!»
«Na, na! Ich nehme alles auf mich!», antwortete er, war aber schon intensiv am Schauen. «Stell’ es unter das andere!» Er half ihr, die Bilder so zu platzieren, dass man sie beide betrachten und vergleichen konnte. Das taten sie eine Weile ohne zu reden.
«Es ist nicht futsch», befand er dann, indem er auf die zweite, dazu geholte Leinwand deutete.
«Tatsächlich ist etwas Wichtiges besser geworden. Du hast die Figur da vergrössert und aus der Mitte genommen, nicht?»
«Ja. Aber ...» Sie verstummte wieder, trat näher an das Bild heran und deutete auf die Umgebung der Frauenfigur, die einen hellblauen Pullover über einem Rock trug, der in Farbe und Form an ein Ei erinnerte. «Sie versäuft jetzt im Hintergrund.»
«Das stimmt», gab L. zu, und überlegte. «Du könntest den Ast von der Zeder – das ist doch eine? – den müsstest du viel grösser machen. So eine Wolke aus feinen, sehr dunklen Nadeln. Wie da oben. Das könnte dann hinter ihr durchgehen und sie nach vorne schieben. Und sie umschmeicheln wie eine riesige Stola. Das dunkle, kalte Grün ginge auch gut mit ihren roten Haaren. Oder ist dir das zu sehr ...?»
Sie hatte schon ein paar Mal fast unmerklich genickt, was ihn dazu ermunterte, in seinem Rat so weit zu gehen. Jetzt murmelte sie: «Nein.» Und: «Ja, das könnte man machen, glaub’ ich.» «Ihr Blick ist toll jetzt, das musst du hüten! Das ist – vieldeutig. Frech, irgendwie. Sehr schön!»
Dann wandte er sich der anderen Leinwand zu, um die es viel mehr ging.
«Es ist krank, dieses Bild.» Nach solcher Diagnose schwiegen sie längere Zeit. Bis er fortfuhr:
«Ich kenne das, dann wirst du zornig. Und unterziehst es allerlei zornigen Kuren. Manchmal hilft es dem Patienten, vielleicht aber auch nicht. Manchmal ist es besser, zurückzugehen auf die Basics. Vernünftig zu sein und zu schauen, was denn genau schlecht ist im Moment ...»
Sie unterbracht ihn, drängte: «... am schlechtesten, meinst du? Was ist es hier, sag’s mir!»
Er antwortete betont sachlich.
«Über die tanzenden Beine haben wir schon einmal gesprochen, weisst du noch? Du hast gemeint, dass du die nicht hinkriegst, weil du eigentlich keine Ahnung hast von Anatomie. Obwohl alle deine Bilder bevölkert sind von Figuren. Du seist viel zu wenig geübt im Zeichnen von Menschen. Ich habe dir dann gesagt, dass die daraus folgende Unbeholfenheit deiner Ausdrucksweise zu unverwechselbarem Charme verhelfe. Einer Aura von Naivität, die glaubhaft ist. Und zu einem schönen Abstraktionsgrad, der sich ohne Anstrengung ergibt. Aber damit bist du nun an einem Wendepunkt angelangt, meine ich. Naivität kann man nicht mimen, ohne dass es peinlich wird. Und diese Beine wurden dir peinlich, das sieht man. Du führst schon fast Krieg gegen sie.»
«Ja, stimmt. Und was folgt daraus? Was muss ich machen, was sind die Basics?»
Er lachte. «Beine studieren!»
Sie sah ihn ungläubig an. «Meinst du das ernst? Richtig nach Modell und so?»
«Ja. Und nach Bildern. Vor allem nach gemalten Vorbildern. Denn du wirst sehen: das Lernen von Naturalismus ist das eine. Das ist gar nicht so schwierig, eine klar umrissene Aufgabe. Das macht sogar Freude, wenn man sich darauf einlässt. Man sieht die Fortschritte, das zieht einen weiter.»
«Aber ich kann ja in meine Bilder nicht supernaturalistische Körper einbauen, das sähe grauenhaft aus! Ich zwinge so schon die unterschiedlichsten Elemente hinein. Da ist meine Art, zu abstrahieren wichtig als Klammer ...»
«Zusammen mit den Farben deiner Palette», ergänzte er, «und deiner malerischen Handschrift. Ja, richtig.» Er schaute sich um. «Kann man sich hier irgendwo hinsetzen?»
Als sie sassen, er auf einem Stuhl, den er sich geholt und so hingestellt hatte, dass er auf die Bilder schauen konnte, sie auf dem alten Sofa, das ihren Bereich im Atelier begrenzte, nahm er den Faden wieder auf.
«Eben – Naturalismus zu lernen ist das Eine. Ihn dann wieder zu verlernen, das Andere.»
«Versteh’ ich nicht!», brummte sie, und er merkte, dass er vorsichtig sein musste.
«Ich denke es mir so: Du zeichnest und malst jetzt schon so lange menschliche Gestalten, dass du sowohl reale als auch abgebildete Menschen anders anschaust als noch vor, sagen wir, zwei Jahren. Und du nimmst immer mehr auf. Beobachtest und speicherst anatomische Details, Bewegungsabläufe, individuelle Unterschiede, und so weiter. Vieles wahrscheinlich unbewusst.»
«Nein, das mache ich nicht bewusst», sagte sie, als er eine kleine Pause machte.
«Und es ist logisch», fuhr er fort, «dass dir das Gelernte nun hineinrutscht in deine Bilder.»
«Aber das müsste mir ja nicht peinlich sein!», wandte sie ein. «Ist es aber! Richtig scheisspeinlich!» Sie wurde heftig: «Die Figuren haben im Moment so etwas Ich-haftes, das mich richtig ekelt. Behindert! Ich hasse sie!» Dann beruhigte sie sich wieder und grinste ihn an. «Das ist krasser Ableismus, oder? Meinen eigenen Figuren gegenüber!»
Er wurde angesteckt von ihrem Lachen. Versuchte dann aber, wieder ernst, seinen letzten Punkt anzubringen.
«Das Reinrutschen der naturalistischen Details könnte das Problem sein. Weil dir dein Repertoire nur teilweise bewusst ist, kannst du nicht frei darüber bestimmen. Und die einzelnen Teile fügen sich nicht organisch zusammen. Wenn du dich da in ein gezieltes Lernen hineinbegibst, kannst du dich vielleicht wieder freistrampeln.»
Er behielt ihre Reaktion im Auge. Sie sah ihn aufmerksam an, darum wagte er noch eine Prognose.
«Es wird neue Probleme geben, und du wirst wieder Entscheidungen treffen müssen. Auf einem anderen Level.»

Weil er schon da war, tranken sie noch einen Fruchtsaft zusammen und er half ihr etwas beim Aufräumen. T. hatte sich dazu überreden lassen, für heute Schluss zu machen.
«Genug der Rosskur!», hatte er gesagt, und als sie ihn verständnislos anschaute: «Kennst du das nicht, die Mär von Munchs angeblicher Technik, vermurkste Bilder zu retten?»
«Kenne ich nicht», antwortete sie. «Müsste man?»
«Nein. Ja! Weiss nicht ... Ich habe als junger Maler alles verschlungen, was mit dem Norweger zusammenhing. Habe das auch gelesen, und geglaubt! Dass er seine Bilder bewusst einer «Pferdekur» unterzogen haben soll. "Hestekur" hiess das bei ihm, auf norwegisch. Er hat sich mehrere Freilichtateliers bauen lassen. Eigentlich nur ein paar hohe Bretterwände, mit einem Streifen Dach darüber. Da hat er gemalt und seine Bilder an den Wänden aufgehängt. Oder daran gestapelt. Die Möven haben draufgeschissen, Regen hat sie ausgewaschen, der Frost die Farben abplatzen lassen. Auch sonst hat er die Bilder grob behandelt. Sie zum Beispiel aus dem Fenster in den Hof geworfen, weil die Treppe eng war.»
«Echt? Nichts mit blauen Handschuhen und so?», fragte sie, und war wieder guter Laune.
«Nein. Man hat dann geschrieben, er habe das gezielt gemacht, um seine Bilder zu verbessern. Ihnen den Glanz zu nehmen. Einer seiner Sammler, ein gewisser Stenersen, hat das ausgebaut zu einer guten Geschichte. Er wollte belegen, dass Munch ein moderner Künstler sei, ein Wegbereiter der Moderne. So wichtig wie Cézanne, Van Gogh, oder Mondrian, was weiss ich. Einer, der den Zufall in den Malprozess einbezog.»
«Ja und? Stimmte das nicht?»
«Nein, es stimmt wahrscheinlich nicht. Eine norwegische Konservatorin hat das an fast tausend seiner Werke untersucht. Die Verwitterungsspuren, die Vogelkacke, Spuren von unsorgfältigem Umgang und so weiter, sind so in seinem Werk verteilt, dass man von einer groben Unsorgfalt ausgehen muss, der die Bilder zufällig zum Opfer fielen, oder davon verschont blieben. Auch der Ausdruck «Rosskur», oder eben "Hestekur", findet sich nirgends in Munchs Schriften.»
«Eigentlich schade», überlegte T., «die Rosskur-Geschichte ist besser.»
«Fand ich auch. Ich habe damals sogar einen Song geschrieben darüber, weil ich das so toll fand. Und weil ich auch oft gegen meine Bilder gekämpft habe.»
Jetzt war sie hellwach.
«In deiner Undergroundband?
«Ja», bestätigte er. «Das waren keine richtigen Songs, mehr Sprechgesänge. Ich schrie das eigentlich mehr. Konnte nie richtig singen. Es gibt sogar ein Video davon ...»

Zwei Tage später zeigte er den Film nicht nur T., sondern mit ihr zusammen einer Gruppe von Studentinnen, denen sie davon erzählt hatte. Er warnte sie vor der schlechten Qualität der Aufnahme. Sie hätten damals, in den Achtzigerjahren, eine VHS-Videokamera benützt, welche mit Lichtverhältnissen und Akustik in einem alternativen Clublokal schlecht zurechtkam. Die jungen Leute zuckten zusammen, als er plötzlich losschrie:
Schmeiss dich aus dem Fenster! Krankes Bild!
Rosskur! Rosskur!
Schab’ dich mit dem Messer! Krankes Bild!
Hestekur! Hestekur!
Terpentin auf dich! Krankes Bild!
Rosskur! Rosskur!

Während die Studentinnen noch kicherten und ein «Oh-mein-Gott!» nach dem andern ausstiessen, teilte er ihnen ein Blatt mit dem Songtext aus, zu dem er vor dem Abspielen ein paar Erklärungen abgab. Zu Munch, zur Legende der «Pferdekur» und zur Romantisierung des Scheiterns in der Kunst. Und zu seinem Auftritt.
«Ich habe meine Augen versteckt hinter einer hölzernen Inuit-Sonnenbrille. Das war praktisch, weil es mich geschützt hat vor den grellen Scheinwerfern. Und vor den Blicken der Leute, denn ich hatte schreckliches Lampenfieber. Wollte aber cool und gefährlich wirken. Darum auch die merkwürdigen Bewegungen. Langsam, langsam, dann plötzlich: Zack! Das hatte ich aus dem Taiji. Und ich habe immer geschrien auf der Bühne. Singen fand ich zu gewöhnlich. Zu schön, zu glatt, harmlos. Obwohl mein Gesang vielleicht noch kränker getönt hätte als das Geschrei. Aber das Singen hätte ich mir beibringen müssen. Und üben! Üben wollten wir auf keinen Fall! Wir fürchteten, dass das Können alles kaputtmachen würde. Und irgendwie stimmt das ja auch, ich habe mit T. darüber gesprochen. Die Naivität wird durch Wissen und Können angegriffen.»
«Wird sie auch zerstört?», fragte jemand aus der Runde.
Er zögerte mit der Antwort. T. antwortete an seiner Stelle:
«Sie wird verdrängt, auf ein höheres Level. Das meintest du doch, oder?»
«Ja. Wobei ich schon der Meinung bin, sie verschwinde irgendwann so weit, dass sie keine Rolle mehr spielt. Vielleich wird Naivität abgelöst durch Intuition, die ähnlich wie die Naivität überraschende, belebende Entscheidungen begünstigt. Und schräge, frisch wirkende Resultate. Letztlich trägt Intuition zu besseren Werken bei. Aber ich habe euch immer gesagt: Intuition kommt zwar aus dem Vorbewussten, fusst aber auf Wissen und Können.»
«Können wir jetzt den Film schauen?», getraute sich eine zu fragen.

Tourettchen

«Eben! – was man jetzt nicht mehr sagen darf, ist: ABER.»
L. war dabei gewesen, seine Zeichnungen und Notizen vom Vortag zu ordnen, als er K.’s Schnauben und Bellen hörte, zweimal. «Hnf – hau!», zuerst leise, vom Uferweg her. Dann laut: «Hhnff - haa-huu!», vor der Tür.
K’s Auftauchen passte nie. Jetzt gerade gar nicht, wo L. sich schwer tat, Brauchbares vom Müll abzusondern, der zu verbrennen war. Es dauerte darum einen Moment, bis er sich von seinem Tisch lösen und zur Türe gehen konnte, vor der sich, schemenhaft zu sehen durch das geriffelte Glas, K. bereits bog und wand, als ob er sich von Fesseln befreien müsste. L. wollte ihm ja aufmachen, aber es ging nicht, weil K. sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen stemmte.
«Nicht drücken, Tourettchen!», rief er K’s Schatten zu. Der gab schliesslich nach, die Türe konnte geöffnet werden und der Besucher eintreten.
«Maler! Arschloch!», rief er dabei über L.’s Schulter hinweg ins Haus, mit lauter Knarr-Stimme. Darauf lächelte er L. freundlich an.
Er hatte einen Pickel auf der Stirn und die schwarz gefärbten Haare zeigten büschelweise in verschiedene Richtungen, wie bei Son Goku von Dragonball. Aber es schien ihm gut zu gehen. Die Augen blitzten aus Vorfreude darauf, was er alles erzählen wollte, und als sie beide eine Umarmung andeuteten, roch L., dass der Junge frisch geduscht hatte.
«Alles gut bei dir?», fragte er L., und bevor dieser antworten und seinerseits nach dem Befinden fragen konnte, begann er mit seinen Überlegungen zur Konjunktion, die nicht mehr geknüpft werden durfte.
«Eben! – dieser Gutterres, was der UNO-Chef ist, heisst zwar Sekretär, ist aber der Chef, wenn du mich fragst, der hat ABER gesagt. Und sofort von allen Seiten Seufzen und Augen zum Himmel verdrehen und Zischen und Füssescharren, schlimmer, als wenn ich durch den ALDI «Kassen-Fotze» rufe. Darfst du eben nicht sagen, was der ... Zuerst schon laut und deutlich von ihm: dass die Hamas-Brüder Mörder seien, und Schlächter, die nichts kennen würden. Kindermörder wie damals die vom Herodes. Hat er nicht gesagt, habe ich aber dran denken müssen. Eben! – und dass so etwas Terrorismus sei und in jeder Hinsicht zu verdammen. ABER. Dann kam eben dieses ABER. Viel zu früh! Dass die Barbarei nicht von ungefähr komme, nicht aus dem Nichts. Nicht aus dem Vakuum, hat er gesagt. Dass die anderen auch eine Verantwortung für das Böse hätten, das da über sie hereingebrochen sei. Und dass sie es nicht mit Gleichem vergelten dürften. Der deutsche Nebenkanzler, von dem alle denken: Schade, dass er nicht der Hauptkanzler ist!, der hat’s geschafft. Der hat es irgendwie hingekriegt, ABER zu sagen. Das kam aber viel später und tönte eher wie UND. Finden alle gut jetzt. Also: natürlich alle ausser den Palästinensern. Und den Arabern.»
L., der weniger Nachrichten schaute und las denn je, fragte:
«Und wen meinte Gutteres mit «den andern»? Die Israeli, die Regierung? Die Orthodoxen, oder die bewaffneten Siedler?
K. war schon weiter.
«Der Aussenminister der Israeli hat sofort losgedonnert: Unglaublich! Er meint uns alle, die JUDEN! Er dreht alles um, Gut und Böse, Täter und Opfer!»
L. hatte K. eine Hand auf die Schulter gelegt und schob ihn in Richtung des Tischs.
«Setz dich erst mal, ich mach uns einen Kaffee.»
Er nahm sich vor, am Abend die Tagesschau über sich ergehen zu lassen, denn er wusste, dass von K. durch Nachfragen keine weiteren Einzelheiten zu dem Vorfall zu erfahren seien. Auch nicht, wie er es bewertete, dass man nicht mehr ABER sagen durfte. K.’s Gehirn war zu voll und zu schnell, und er würde so oder so, eingeleitet durch ein kurzes «Eben!», vielleicht auch durch Gröberes, gleich zum nächsten Thema hüpfen. Sobald er ihm den Rücken zudrehte um in der Kochnische die Kaffeemaschine vorzubereiten, war es auch schon so weit.
«Aff! Gorilla Blauarsch!», knarrend – dann, mit normaler Stimme: «Eben!»
Er hatte einen der kleinen Papierstapel vom Tisch aufgenommen und begann ihn blitzschnell durchzusehen, indem er das oberste Blatt abhob, es umdrehte und prüfte, ob es auch auf der Rückseite etwas zu sehen gab, und es dann unter den Stapel schob. L. ärgerte sich.
«Leg’ das wieder hin! Das wird verbrannt.»
K. war begeistert.
«Echt? Da hat’s aber gutes Zeug drunter, die Affen da zum Beispiel ...»
L. hatte ihn am Arm gepackt und wollte ihm den Stapel aus der Hand drehen, aber K. entwand sich, machte einen Schritt zurück und blätterte. Fand das Blatt, das er gesucht hatte und warf den Rest auf den Tisch zurück, wo ein weiterer, höherer Stapel sich durch den Luftzug neigte und umfiel. L. sprang hinzu und versuchte die Papiere wieder zu richten, ohne dass seine prekäre Ordnung noch mehr gestört wurde. Er war jetzt richtig wütend.
«Mensch, K., ich war an der Arbeit gerade. Wenn du wüsstest, was mich das Aufräumen kostet, ich ...
K. schien seinen Ärger nicht zu bemerken, tat jedenfalls so, denn er plapperte munter weiter.
«Eben! Der Affe! Ich bin jetzt endlich fertig geworden mit dem blöden Blitzdämon, du weisst schon. Der muss dich mit seinen Flashs gar nicht direkt treffen, haut sie so in den Boden, dann gibt’s diese weissglühenden Kreise, sie sich – wash! – ausbreiten. Und wenn dich so einer trifft, weil du zu langsam gejumpt bist, dann ist Bye Bye Affe. Dann kannst du beim letzten Altar wieder neu anfangen. Also, ich habe jetzt herausgefunden ... das heisst, ich wusste schon, dass der Rhythmus der Kreise mit der chinesischen Musik synchronisiert ist, das hört ja jeder. Aber es gibt dann so einen Stolperer – sagt man Synkope? – und das kommt jedes Mal, bei jedem Angriff, ein bisschen später. Und als ich das raushatte, war’s auf einmal ganz entspannt. Weisst, wie ich meine? Ich habe ihn echt relaxt umgehauen mit meiner Stange. Und eben ...»
L. unterbrach ihn: «Nun setz dich doch!» Er hatte inzwischen, um sich zu beruhigen, zwei kurze Kaffees gemacht und kam zurück zum Tisch. Er blieb stehen und suchte nach einem Ort, wo er die Tässchen hinstellen konnte. K. schoss von seinem Stuhl wieder hoch und räumte zwei Papierstapel zur Seite, sehr sorgsam und konzentriert diesmal. Setzte sich dann wieder. Bevor er Luft holen konnte, sagte L. in sehr bestimmtem Ton:
«Jetzt hör mir mal zu, K.! Du erscheinst hier zu jeder Tages- und Nachtzeit, gehst immer davon aus, dass ich auch Zeit habe für einen Schwatz mit dir. Dass das «Maler-Arschloch» sowieso nie richtig an der Arbeit ist. Und wenn, dann macht er «Kunst», was keine wirkliche Arbeit ist. Was du eher als Spiel ansiehst ...»
K. war auf dem Stuhl zusammengesunken, knetete seine Fingerknöchel und sah ihn mit panisch aufgerissenen Augen an, so dass L. verstummte und bereits heftig bereute, so streng mit ihm geredet zu haben.
«Ich hab’s dir doch erklärt», stotterte K. mit dünner Stimme. «Ich meine mit diesen ... diesen Wörtern nie die Leute. Das hat mit denen nichts zu tun, die gerade vor mir stehen. Mit dir sowieso nicht! Nicht einmal mit mir wirklich. Das kribbelt im Hals und auf der Zunge, dann muss es ... Darf ich echt nicht mehr zu dir kommen?» Sein Tonfall war jetzt weinerlich.
L. wollte wieder gut machen, was er angerichtet hatte. Er zog seinen Stuhl neben den von K., legte ihm einen Arm um die Schulter und rüttelte ihn ein wenig. Entschuldigte sich.
«Natürlich darfst du kommen! Oft bin ich ja froh um eine Unterbrechung, weil ich zu wenig Pausen mache. Und ich freue mich auch jedes Mal, dich zu sehen und zu hören. Deinen Sprüngen zu folgen, deinen Kommentaren zur Lage der Welt.»
K. schnaubte zweimal: «Hnf – Hnnf!», und warf den Kopf zur Seite. L. nahm es als Ermunterung, weiterzureden.
«Ich bin neben den Schienen zurzeit. Keine Ideen – oder die falschen! Und im Institut läuft es in die verkehrte Richtung, finde ich. Aber da scheine ich der einzige zu sein. Umtaufen wollen sie es, natürlich auf englisch.»
L. merkte, dass er auf Abwege geriet und nur drauflosredete, um seine Grobheit zu überspielen. Wie K.!, dachte er, und fuhr trotzdem fort.
«Und damit ist nicht nur ein neuer Titel gemeint, sondern ein Programm. «Kunst» wird drinbleiben, immerhin. Als «Art». Dann aber soll es Zusätze geben, natürlich zwei, was dann so eine Dreifaltigkeit gibt: «Art - Gender - Planet», oder «Art - Nature - Diversity».
K. hatte sich etwas erholt und schien fasziniert. Murmelte vor sich hin.
«Geil! «Art - Sex and Rock’n Roll” – Mhm? – “Art - Space - Universe” ...
K. würde blitzschnell ein Dutzend weitere Kombinationen erfinden, befürchtete L., also unterbrach er ihn und kam auf die Schaffenskrise zurück, mit der er seine harsche, ungeduldige Reaktion von vorhin erklären wollte. Obwohl er sah, dass K. schon längst wieder an etwas Neuem war, sprach er weiter.
«Zum Glück bleibt mir im Moment das Zeichnen, aber da muss ich streng sein. Ich habe mir schon lange verboten, Arbeiten noch am selben Tag zu vernichten, an dem sie entstehen. Aber dann, nach einer Woche oder so, weiss ich es. Dann sehe ich, was etwas taugt. Und das andere muss mir aus den Augen! Ich kann nichts anfangen mit dieser romantischen Sicht auf das Scheitern. Scheitern heisst krachend versagen. Ich hasse es, weil da nichts heil bleibt, nichts zu retten ist.»
K. sass da und blickte ihn ruhig an. Er hatte den Modus gewechselt, das sah man ihm immer an. Er hörte zu. Er kannte das.

Muss man sich entscheiden?

«Was müssen Sie? Einen wiedererkennbaren Stil entwickeln, einen style
Er kehrte immer wieder, besonders aber, wenn er wie jetzt rot anlief und engagiert sprach, also laut wurde, zur Sie-Ansprache zurück. «Entschuldigen Sie, aber das ist Schwachsinn!»
Er wühlte in einer Schublade seines Pultes und klaubte ein quadratisches schwarzes Kästchen heraus, dessen Kabel er in seinen Laptop einstöpselte. Die meisten Studentinnen warteten geduldig, nur ein paar verdrehten die Augen, bis er in einer anderen Schublade eine CD-Rom-Scheibe gefunden hatte, sie in das Fach des Kästchens einlegte und zweimal auf das Symbol klickte, das auf der Leinwand erschien.
Sie kannten, was jetzt kam. Einer seiner Götter, Michel Martin, trommelte auf einem Schlagzeug herum. In den zwei Tomtoms, unter durchsichtigen Fellen, steckten die Köpfe zweier Buben, die jedes Mal die Augen zukniffen und aufschrien, wenn sie drankamen. Auf einem Cymbal stand VIDEOS, das klickte er an. Martin vollführte einen abschliessenden Wirbel und liess das Becken zischen. Es erschien eine offene Farbstiftschachtel. Die Stifte waren angeschrieben mit den Titeln der unzähligen Videoclips, die Martin gemacht hatte. «Ihr wisst schon, es gibt noch eine zweite Seite der Scheibe, mit nochmals so vielen Clips. Fand jemand einen Stil darin? Sind zwei einander ähnlich, oder gar gleich? Erkennen Sie ein Muster, einen style
Eine traute sich.
«Es gibt doch diese Vorliebe für Parallelität. Synchronisation von Bewegungen mit dem Rhythmus der Tonspur, oder? Einmal sogar von Bildelementen, die genau im Takt der Musik erscheinen – bei der Zugfahrt, meine ich ...
L. war verstummt. Schaute ins Leere, sichtbar am Nachdenken.
«Guter Punkt!», sagte er dann. Sein grauer Schädel nickte. «Ja – touché! Aber ...», er begann zu grinsen, freute sich darauf, seinen Einwand zu platzieren. «Das ist ein Bauprinzip, das Sie da entdeckt haben, eine Kompositionsweise. Ein abstraktes Konzept. Da hinein kann er füllen, was immer er will. Inhalte, Geschichten. Formen, Farben, Kostüme, Hintergründe.»
«Aber auch das ist doch so etwas wie ein Stil!», warf ein anderer ein.
«Ist es das?» Er sprang auf, zog den Hosenbund am Gürtel hoch, schlenkerte mit den Armen. Und begann herumzulaufen zwischen Pulten und den Pfeilern, die aus der Zeit stammten, als der Raum noch eine Fabrikationshalle gewesen war. Die Zuhörer folgten seinen schnellen Bewegungen mit Augen Köpfen Oberkörpern. Sie sahen ihn angeschlagen. Die Mutige wagte sich weiter vor.
«Sagt Michel Martin nicht – in dem Intro, das Sie uns zeigten –, er habe sich entgegen des Konsenses, in der Kunst gehe es um Qualität und nicht um Quantität, für das zweite entschieden?» Sie zitierte Martins Satz, imitierte dabei dessen kruden französischen Akzent: «Ai disaidit forr quontiti
Das Lachen der jungen Leute steckte auch ihn an. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen. Die junge Frau war schneller.
«Es gibt doch diesen abendfüllenden Film von ihm: «Be Kind Rewind». Über den Laden in New York ...»
«Passaic! New Jersey!», rief jemand dazwischen.
«... OK, über den Laden in Dingsbums. Wo man VHS-Kassetten ausleihen konnte. Ein Freund des Besitzers verübt ein Attentat auf ein Elektrizitätswerk und bekommt dabei einen Stromschlag. Weil er so aufgeladen ist, löscht er alle Kassetten, als er das nächste Mal in den Laden tritt. Und dann beginnen sie, die gefragtesten Blockbusters mit primitiven Mitteln nachzudrehen, weil sie die Kundschaft nicht verlieren wollen. Sie verkaufen, oder vermieten, ihre Filme als «schwedische Kopien», und die werden zu einem Riesenerfolg. Das ist doch so unverwechselbar Michel Martin. Das würde man jederzeit als ein Werk von ihm wiedererkennen, behaupte ich.»
L. hatte angehalten, stand wie angeschraubt und starrte seine Schülerin an. Bewegte die Lippen, keuchte hörbar und begann dann:
«Ja ... ja, diese Menge! Die endlosen Regale, voll mit Kassetten! Mit berühmten, millionenschweren Produktionen, alle naturalistisch und opulent bis zum Erbrechen. Das nachdrehen zu wollen mit einer Handvoll durchgeknallter Kindsköpfe. Mit null Mitteln! Mit Kostümen, Kulissen aus Pappkartons und Alufolie, zusammengehalten von Kilometern des rotzfarbigen Klebebands, wie bei diesem Installationskleber aus Bern ... Quontiti! Sie haben recht! So ein Trotz! Sisyphos! Diese Frechheit, der Unmöglichkeit des Unterfangens gegenzuhalten! Selbstermächtigung! Anmassung! Mit DIY-Gewurstel, mit Punk-Allüren den Hollywood-Pomp auf die Essenz eindampfen!»
Eine andere, oft stille Frau meldet sich.
«Also doch style? Sein Stil? Wie hiess der Ausdruck? «Sweding»? Oder: «sweded movies»? Das hat sich ja dann viral verbreitet ...»
L. räusperte sich.
«Ich ...
... muss darüber nachdenken.», ergänzten die Studentinnen im Chor.
Er verzog das Gesicht. Es war unklar, ob er lächeln wollte oder Schmerzen hatte.
Wo war er wieder gelandet? Wovon waren sie ausgegangen? War es seine Idee gewesen? Die Wiedererkennbarkeit der Künstlerin, des Autors – oder eben das Gegenteil? Konnte, wollte man das: in jedem Werk, ja, bei jedem Schritt ganz von vorne, bei null anfangen? Und wenn keine neue Idee auftauchte: gar nicht erst anfangen? Schachspielen stattdessen! Oder Drachen steigen lassen, oder Cello spielen? Onanieren, trinken, lesen? Joggen, shoppen? Stundenlang Filmchen reinziehen und zocken auf dem Handy ... Oder dann lieber: sich festlegen. Sich festbeissen in eine einzige Idee, in ein Thema, ein Medium, oder wenigstens in eine Technik. Obsessionen entwickeln und pflegen! Die Sucht? Oder nur Manier? Das Dampfschiff im Urwald, Porträts aus Gemüse. FitzcaraldoArchimboldo. Flackerndes Licht, gen Himmel verdrehte Augen, Gummiarme und -hände, Licht und Schatten wie auf verknitterter Kunstseide. Fanatisch religiös werden wie der Grieche! Oder: einsame, verzwergte Gestalten von hinten. Vor Klippenabgründen, Nebelmeeren, Urlandschaften. Pferde und Männer mit Cowboyhüten vor Sonnenuntergängen. CasparDavidMalboro. Ein viel zu kleines Segelboot, angetrieben an Norwegens Küste, der Künstler verschollen? BlaueBlumeBasJanKeaton. Ziel- und endlose Kamerafahrten durch Gärten aus Rosa und Grün, zwischen Innen und Aussen, von Haut zu Schleimhaut. Bei Ambientklängen anzuschauen auf weichen Daunenkissen. WorryWillPippiVanish! Oder im Gegenteil: eine Baulücke füllen mit Stühlen, die Schuhe von Gewaltopfern in Wandnischen als Reliquien zeigen. Wie hiess Sie? SalcedoInDenWunden. KunstAusDerPerspektiveDerUnterdrückten! – Oder: blödeln! Kaugummi kauen, ausspucken, ins Gigantische vergrössern. Sich selber als UrsKerze abbrennen lassen. Quontiti? Ein Müllmurgang, ein Bildertsunami im Rückfluss erfasste ihn: einsamer Jäger in der Wildnis, Schuss. First-Nation-Gesänge zu einer Fahrt auf ölglattem Fluss, monströse Industriebauwerke. Ein alter Mann im Zwiegespräch mit einem Ibis, schlammbedecktes Liebespaar in Umarmung. Kitsch Quatsch Trauerzug mit einer eskortierten Limousine, opernhaftes Ritual vor einer Staumauer. Giesser in einem Stahlwerk dirigieren flüssiges, wild sprühendes Metall. Eine Frau erwacht mit einer Kuhmaske, zwei schwangere Frauen reiben ihre Nabel aneinander. Totes Pferd in einem Bachbett, das Gesicht einer weinenden Alten. Etwas, jemand wird geschlachtet. Kuss, startender Adler, Goldfolie auf greisen Lippen, schreiende Menschenmenge ...
«Alles gut?»
Eine Studentin stand vor ihm, berührte ihn scheu am Arm, eine zweite reichte ihm ein Glas Wasser. Er nahm einen Schluck, fing sich wieder.
«Hat sich also Henri gegen die Kunst entschieden, indem er «quontiti» gewählt hat, was meinen Sie?»
Es blieb eine Weile still, nicht weil die Studentinnen auf die Frage nichts zu sagen gewusst hätten. Eher waren sie unschlüssig, ob man sich auf das Überspielen eines solchen Blackouts ihres Professors einlassen sollte.

Superstitious

Monkeys on my back
Holding me down
Black dogs in the corner
Looking up at me
I'm superstitious, spit three times over my shoulder
I hit the ground hard
It's you
I got the fever in me


Als Reaktion auf die Geschehnisse hatten sich diese Songzeilen in seinem Gehirn eingenistet, Nene Cherrys zerbrechliche Stimme, darunter der Bass, ein einziger Ton und ein einfacher Beat. Sieben Schläge, Pause auf dem achten.
L. hatte einen Shitstorm ausgelöst mit seiner Bemerkung zu den Ritualen einer Studentin, die er als «abergläubisch» bezeichnete. An einer der regelmässigen und verbindlichen Präsentationen, bei denen die Studierenden ihre Zwischenresultate vor Kollegen und Dozentinnen verteidigen mussten, umstanden sie ein textiles Objekt, das die junge Frau in fleissiger Handarbeit gefertigt hatte. Es bestand aus einer etwa vier Meter langen, an beiden Enden spitz zulaufende Wurst aus weissem Baumwollstoff, darauf aufgenäht fingerlange Dornen, aus dem gleichen Material und ebenso gestopft. Der stachelige Wurm war in der Mitte verknotet und die beiden Enden anschliessend miteinander verdreht worden. Eigentlich fand er das am Boden liegende Objekt recht schön. Nicht wahnsinnig originell, aber ästhetisch ansprechend, wenn man berücksichtigte, dass das Material später durch etwas Glänzendes, grell Farbiges ersetzt werden sollte. Da irritierte ihn die Studentin mit der Aussage, sie habe mit dem Knoten und der zopfartigen Verdrehung einen Teppichklopfer nachbilden wollen, vergrössert und mit Stacheln versehen, um die Bedrohlichkeit des Objekts zu verstärken. «Si tacuisses – Wenn du doch geschwiegen hättest!» Die Erklärung zum Gesehenen bewirkte nicht dessen Erhellung, sondern liess es zu etwas Banalem schrumpfen. Er wollte die Situation retten, machte aber alles nur noch schlimmer mit seiner Bemerkung, das Ding erinnere ihn an die Dornenkrone, was die Studentin mit stirnrunzelndem Unverständnis quittierte. Und auch eine seiner Kolleginnen verdrehte seufzend die Augen. Wie konnte er nur, schien sie zu denken. Einer Studentin, von der er wissen musste, dass sie eine Muslima war, dieses Motiv aus der christlichen Ikonografie zur Verortung ihres Werks anbieten? Er liess sich nicht beirren. Zur näheren Erläuterung seiner Assoziation wollte er mit einem grossen Schritt über das Objekt auf die andere Seite gelangen, wurde dabei aber von der jungen Frau mit überraschender Heftigkeit am Ärmel gepackt und zurückgerissen. Man dürfe auf keinen Fall darübersteigen, rief sie laut, und ihre Stimme war auf einmal klar und bestimmt. Bei der Herstellung und Installation ihres Werks habe sie sich Regeln auferlegt und diese akkurat eingehalten. Die Zahl der Stacheln zum Beispiel, sogar die der Stiche, mit denen sie angenäht wurden, repräsentiere eine verborgene Ordnung. Der Knoten sei eine magische Struktur zur Heilung eines Traumas. Und der Raum sowohl um das Objekt als auch darüber müsse respektiert werden. Er hatte seinen Schritt längst zurückgenommen und war verstummt. Die Studentin sprach nun fast nur zu der Dozentin, die ihr mit strahlendem Lächeln und Dauernicken anzeigte, wie gut sie verstand. Bald waren sich die beiden Frauen einig, dass es hier nicht in erster Linie um das Stoffding ginge, man es im Gegenteil mit einem existenziell bedeutsamen Ritual, mit einer sich entwickelnden künstlerischen Praxis zu tun habe, von der die Präsentation als Performance Teil sei.
Suggestion, dachte er. Wenn es so wäre, hätte die junge Künstlerin doch wohl von Anfang an deutlich gemacht, wie sie mit ihrem Werk verstanden werden wollte. Aber er hütete sich, noch etwas zu sagen. Als er dann in einer Nachbesprechung unter Kolleginnen und Kollegen jene Bemerkung machte, er halte das Verhalten der Studentin für abergläubisch, was man nach seiner Meinung nicht bestärken sollte, wurde er mit Nachdruck zurechtgewiesen. Nicht nur die Dozentin, die während der Präsentation zu verstehen gegeben hatte, dass sie weder seine Meinung teilte noch seine Intervention billigte, holte nun zu einer langatmigen Argumentation aus. Auch die andern stimmten weitgehend darin überein, dass der Begriff Aberglaube immer aus der Perspektive der Macht eines vorherrschenden Glaubens dazu benützt worden sei – und wie man sehe, noch immer benützt werde – um abweichende religiöse Inhalte und Praktiken zu diffamieren und letztlich zu «überschreiben», was auf ihre Auslöschung abziele. Damit hatten sie recht, wie er zugeben musste. Trotzdem blieb sein Gefühl, dass man der Studentin keinen guten Dienst tue, wenn man sie in ihrem sonderbaren Verhalten bestärke, dieses gar stilisiere zu einer besonders wertvollen, schützenswerten künstlerischen Praxis. Er meinte, die Integration aller möglichen Äusserungen, Meinungen, Lebensformen und Kulturen in den Mainstream der Institution erfolge unter dem Diktat der diversity genannten Vielfalt oft vorschnell. Bevor Empfindungen von Fremdheit,