Wenn ich wüsste, was ihn damals umtrieb. Die Schule, dieses seltsame, elitäre Männerbiotop, langweilte ihn fast durchgehend. Selten engagierte er sich mehr als für ein knappes Weiterkommen nötig war, wie jenes eine Mal, als er zum Erstaunen des Lehrers und der Klassenkameraden einen fulminanten Vortrag über die Verwendung von Drogen in der islamischen Kultur hielt. Wobei er sich auf die Medizin konzentrierte, die in dem Buch, auf das er sich hauptsächlich bezog, den geringeren Teil ausmachte. Aber er hielt es für besser, die hedonistischen und mystisch-transzendenten Motive der orientalischen Haschisch- und Opium-Esser nicht ins Zentrum seiner Ausführungen zu rücken, da er damals schon seine ersten Erfahrungen mit halluzinogenen Substanzen gemacht hatte, wovon einzelne Menschen in seiner Umgebung auch Kenntnis hatten.
Ausserhalb der Schule schuf er sich eine Parallelwelt, die ihn zunehmend beschäftigte und ausfüllte, oft auch in Atem hielt. Da er Geld brauchte für die stetig anwachsende Plattensammlung und die Aufrüstung seiner Musikanlage einerseits, andererseits zur Finanzierung der Trips an den Wochenenden, hatte er mit einem frühmorgendlichen Job begonnen: er putzte in einem der Gebäude der Basler Börse von halb sechs bis etwas nach sieben Uhr morgens. Seine Tour war eigentlich auf drei Stunden angesetzt, aber er legte sich ins Zeug und schaffte es in der Hälfte der Zeit. Auf dem anschliessenden Weg in die Schule traf er am Rheinsprung öfter mal auf den Lateinlehrer, der wohl seinen Wohnort kannte und sich wundern mochte, weshalb J aus dieser Richtung kam. Aber er sagte nichts dazu. So war das damals, man liess sich gegenseitig in Ruhe.
Als J seine ersten LSD-Trips einwarf, waren sie noch relativ teuer. Für einen kleine Tablette, die in einem illegalen Labor produziert worden war, zahlte er fünfzehn bis achtzehn Franken, was viel Geld war. Damit konnte man sich fast eine Langspielplatte kaufen. Dazu musste er lernen, dass man nicht wissen konnte, wie viel LSD sie enthielten, weil oft andere Stoffe beigemischt waren. Manche Pastillen liessen sich halbieren oder sogar vierteln, wobei die Verteilung der Substanz darin nicht gleichmässig war, weil sie nicht in einer professionellen Fabrikation hergestellt wurden. Nur ab und zu bekam er etwas aus den Labors der Sandoz. Da hatte er einen guten Freund, Hanspeter, genannt Hampe, der dort Laborant war. Hampe starb später leider an einer Überdosis, als das Heroin kam. Aber auf solchen Wegen wurden chemische Stoffe aus der Sandoz herausgeschmuggelt. Das war sehr reines LSD in Form kleiner, durchsichtiger Plättchen, die wie ein Stück Film aussahen und sich gut teilen liessen. Zudem fielen insgesamt die Preise, so dass die Einnahme für eine «Reise» schliesslich auf etwa fünf Franken kam.
J hat sich auch illegal betätigt. Was in seiner Stadt, in Basel, aus den Chemielabors kam, war nur sehr unregelmässig verfügbar. Da ging es wie gesagt um den Gelegenheitsklau von Laboranten, die dort gearbeitet haben. Wo aber regelmässig und in genügender Menge LSD-Trips hergestellt wurden, vor allem 1968, das war im Umkreis der amerikanischen Soldaten in Deutschland. Und der nächstgelegene Ort, wo es ein grosses Umfeld von amerikanischen Kasernen gab, war Heidelberg. Da fuhr man hin. J bevorzugte die Eisenbahn. Er kannte Leute, die machten das mit einem dicken Auto, z. B. Heinz mit seinem Chevy Impala. Der war natürlich sehr auffällig, wenn er zurückkam an die Grenze. Mit einem Riesenauto und drei, vier verwegenen Typen drin, ziemlich dumm war das. J hat sich mit einem Deutschen zusammengetan, den er gut kannte. Sie fuhren nach Heidelberg, füllten die Tabletten in einen Filzstift oder einen Caran d’Ache-Bleistift und steckten die in ihre Taschen. Da kamen die Polizisten nicht so schnell drauf. Oder was sie manchmal auch machten: den Stoff einpacken und dann in der Deutschen Bahn im Papierkorb verstauen. Denn sie wurden öfter mal gefilzt. Wenn man wie J lange Haare hatte, schauten die Beamten genau hin, weil sie ahnten, dass da was lief. Und sie wussten natürlich, dass in den Zügen aus dem Frankfurter Raum oder aus Heidelberg Drogen transportiert wurden. Wenn man es also über die Grenze geschafft hatte, wurde verteilt. Es war kein Gewinngeschäft, sie empfanden und bezeichneten es nicht als Dealen, sondern man hat vier, fünf, oder sechs Stück für sich behalten und die restlichen zwanzig mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis verkauft. Auf der Gasse. Die «Klagemauer» auf dem Barfüsserplatz war dafür beliebt, und das Café Oasis in der Greifengasse, das es heute nicht mehr gibt.
Die gekauften Portionen wurden geteilt und dann zusammen eingenommen. J und seine Freunde trafen sich an einem ruhigen Ort, spazierten zum Beispiel auf die Muttenzer Höhe, manchmal auf das Bruderholz. Oder man ging zu jemandem nachhause, wo es eine gute Musikanlage und genügend Schallplatten gab. Jemand kochte Tee und vielleicht wurde noch eine Pfeife geraucht, je nach den Leuten, die da zusammenkamen. Es handelte sich um Zweier, Dreier- Vierer-, selten auch Fünfergrüppchen. Im Wald und in der Natur konnten es bis zu zehn Personen sein. Meistens wusste jemand Bescheid, ob man die Tabletten teilen konnte oder ob man eine ganze nehmen musste, weil das LSD gestreckt war. Obwohl die Zusammensetzung der jugendlichen Gruppen immer wieder wechselte, fühlte es sich für J an wie eine verschworene Gemeinschaft, wie etwas Neues, ganz Anderes im Vergleich zu seinem Zuhause und zur Schule. Man entwickelte eine eigene Sprache für das, was man tat und erlebte. Und die Trips warfen einen um.
Er wollte sehen und hören. Ich weiss nicht, warum er sich bei seinem ersten Versuch das Kommende wie Kino vorstellte, oder wie den Besuch einer Oper. Man kennt halt nichts anderes: Er, als Beobachter und Zuhörer, als feste Bewusstseinsinsel im Zuschauerraum. Dort, auf der Bühne – und um ihn herum auch die nachbarliche Umgebung, die Logen mit gleichzeitig Teilnehmenden – findet «das Geschehen» statt, das, «was gespielt wird». Als der Rausch einsetzte, wollte er sich noch eine Weile an seine Erwartung klammern. Objektiver Beobachter bleiben, der später davon erzählen, das Erlebte irgendwie festhalten könnte. Aber es erwies sich als unmöglich, ja es schien sogar, als ob sein Widerstand – wogegen? was, wer trieb die Dynamik an? – sich auswirkte wie Böen, die in ein an sich schon lebhaftes Feuer bliesen. Hören und Sehen verging «ihm», oder vielmehr, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung blähten sich auf und vervielfältigten sich dermassen, dass es «ihn» nicht mehr gab. Jedenfalls nicht so, wie er sich kannte. Ich erinnere mich, dass ihm die Bäume eine wichtige Rolle spielten und mit ihnen eine Mischung aus Ehrfurcht und ästhetischem Genuss verbunden war. Dass sie in den Farben eines «schwarzen Regenbogens» leuchteten – es war mittlerweile Nacht geworden –, war noch ihre harmloseste Eigenheit. Sie waren in ständiger Bewegung, stürmten immer wieder als rauschende Horde in irgendeine Richtung, blieben dann stehen, oft ganz schräg. Ein allwissender Beobachter hätte vielleicht feststellen können, dass dies nur für diesen halluzinierenden Jungen so stattfand, und zwar dann, wenn er den Kopf bewegte. Die Bewegungen der Bäume waren furchtbar erschreckend und lustig. Ihre Wurzeln verbanden sich miteinander, Seh- und Hörnerven, mit denen sie alle zusammen «sahen und gesehen wurden», «horchten und gehört wurden». Die Blätter, Millionen in «schwarzem Neon» leuchtender und wie Glasröhren glöckelnder Aug-Ohren – man sah und hörte sie, man war sie, sie sahen-hörten sich und alles, sie erschufen das Gesehene und hörten das Erschaffene. Der Hügel, auf dem sich die kleine Gruppe der Berauschten befand, war zu einem Schiff von ungeheuren Ausmassen geworden. Die Stadt, deren Lichter aus der Flussebene heraufleuchteten, war ein Meer, gewoben aus edelsteinfarbigen Wellen, wobei diese Zuordnungen, zum Hügel, zur Stadt, völlig aufgehoben waren und erst post festum angestellt werden konnten. Er fuhr tatsächlich auf einem inselgrossen Schiff, auf dem Meer, dass sich in seiner Tiefe mit dem Weltall vereinte. Und er war Schiff, Meer, Weltall.
Die Dauer eines Trips war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die Dosierung wurde 1970, 1971 noch schwieriger, als der Handel kommerzialisiert und damit auch kriminell wurde. Auf einmal traf J Typen auf der Strasse, vor denen er Angst haben und notfalls davonrennen musste. LSD wurde rücksichtslos gestreckt oder mit anderen Stoffen versetzt. Beliebt war es zum Beispiel, ein wenig LSD mit viel Amphetamin oder damit verwandten Stoffen zu mischen, die eine aufputschende Wirkung hatten und auch halluzinogen wirken konnten. So wurden negative Nebenwirkungen verstärkt und es kam vermehrt zu Horrortrips, bei denen die Leute durchdrehten. Und auch ihm passierte das einmal. Wobei er es selbst gar nicht als Horrortrip erlebte, aber wie ihm danach erzählt wurde, habe er «sehr psychotisch» gewirkt. Für ihn war es einfach eine starke Erfahrung gewesen. Angstzustände hatte er sonst kaum je. Er erklärte es sich mit seiner Grundkonstitution. Wenn man einen Hang zur Paranoia hatte, wurde der verstärkt. Er erlebte Dealer, die auf dem Trip mit riesigen Augen herumliefen, panisch um sich schauten und immer meinten, die Polizei sei da. Ihre dauernde Wachsamkeit und Angst in nüchternem Zustand vereinten und verstärkten sich unter Drogen zum Horror vor dem Monster.
Kombiniert wurde der Konsum von LSD oft mit Rauchen von Haschisch, oder mit Kiffen. Und später mit Amphetamin und allen möglichen anderen Drogen. Wenn wieder etwas Neues kam, war es schlau, zuerst nur ganz wenig einzunehmen. Oder sich umzuhören und nachzufragen bei denen, die es schon versucht hatten. Von vielem musste man ganz die Finger lassen. Das Zeug hatte lustige, oft auch zynische, irreführende Namen. Einmal tauchten Tabletten auf, die relativ teuer waren und so stark in ihrer Wirkung, dass man sie vierteln konnte. Die hiessen «Peace Trips», dabei waren sie mit Strychnin versetzt. Und dann gab es die «Heidelberger Fürze», da war das LSD mit Amphetamin, mit Speed, angereichert. Dazwischen gab es eher poetische Namen wie den «Sunshine Trip», der von recht guter Qualität war. Die Tabletten hatten ihr je eigenes Design und verschiedene Farben. Etwas Besonderes waren die Fliesspapiere, worauf das LSD getröpfelt wurde, meist in reiner Qualität, weil es direkt aus den Labors kam. Diese Papiere hat man dann zerschnitten. Sie waren nicht geeignet für den Transport, weil die Droge in dieser Form flüchtig war.
Aber die Entwicklung insgesamt war verstörend. Immer öfter wurden in Js Umfeld Drogenmischungen gespritzt. Das war gefährlich, und ihm wurde klar, dass er da nicht mitmachen wollte. Er kannte Leute, die sich wahnsinnige Cocktails in die Venen pumpten. Einige überlebten das nicht oder nur noch drei, vier Jahre lang. Es war brutal und machte ihn sehr traurig. Zwei gute Freunde blieben auf der Strecke, weil ihr Herz irgendwann nicht mehr mitmachte. Und als dann noch das Heroin dazukam, zwischen 1970 und 71, wurde es noch schlimmer. Alles veränderte sich.
24.6.25
1.6.25
Trotz
In Js Schädel, wie er damals funktionierte, können wir nicht mehr hineinsehen. Auch ich nicht, dessen Jugendform J einst war. Seine inneren Dialoge sind mir verschlossen, ich kann sie nur ableiten aus der Art, wie ich heute innerlich mit mir selbst und meinen Projektionen spreche, von dieser Sprechweise allenfalls die Lebenserfahrung subtrahieren. Im Grunde bleibt es Erfindung. Erst recht dann, wenn es um seine Gefühlswelt geht, die ich mir aus heutiger Sicht immer etwas dumpf, verwirrt und trotzig vorstelle. Starken Schwankungen unterworfen, die er meinte, hinnehmen zu müssen, ohne sie direkt beeinflussen zu können. Dann lieber die schmerzhaften wegschieben, sich ablenken mit irgendeiner Aktion. Fussball spielen mit Freunden zum Beispiel. Rauchen, irgendein Zeug einwerfen und schauen, was passiert. Manchmal, selten, half auch zeichnen oder, seit er die Kamera hatte, auch fotografieren. Vielleicht ist mir seine innere Bildwelt noch am ehesten zugänglich. Langeweile war immer gefährlich gewesen, blieb es eigentlich bis heute. Js Trotz, gegen die Eltern, die Lehrer, überhaupt gegen alle Erwachsenen, aber auch gegenüber Gleichaltrigen, überschritt kaum je die Schwelle zwischen innerlichem Groll und widerständiger Aktion. Schämte er sich dafür, oder ist Scham mein heutiges Gefühl, das mich immer noch leise anrührt, wenn ich «an ihn» denke?
«Die Leute werden bockig», war die Diagnose einer Kulturwissenschaftlerin in einer kürzlich gesehenen Fernsehsendung. Es ging um Schuld und Eigenverantwortung. Ihre Bemerkung zielte auf Menschen, die angesichts der Folgen von Klimaerwärmung, Rückgang der Artenvielfalt und Vermüllung des Planeten mit Plastik trotzig sagen: «Was solls, ich kann das auch nicht ändern. Ich will mein Leben leben. Und wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich mir trotzdem ein dickes Auto, fliege im Urlaub in der Welt herum und geniesse es. Jetzt erst recht!»
Man erinnert sich an die drei autofreien Sonntage 1973, an die Bilder der fröhlich zweckentfremdeten Autobahnen in der Schweiz, die aufgrund der verordneten Autofreiheit von picknickenden, spielenden, Rollschuh und Velo fahrenden Familien besetzt wurden. Der Krieg im Nahen Osten hatte mit einer schockartigen Verknappung und darauffolgender Preiserhöhung den Ölmarkt durchgeschüttelt und den Industrienationen ihre Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Ländern klargemacht. Autofreie Sonntage und Appelle an die Vernunft der Bürger sollten die autobasierte Mobilität einschränken und so eine schlimmere Notlage abwenden. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise war es in der Schweiz noch möglich, die Unterschriften zusammenzubekommen für eine Initiative, die dauerhaft jeden zweiten Sonntag vom Autoverkehr befreien wollte. Sie kam nochmals zwei Jahre später zur Abstimmung und wurde trotzig abgelehnt. Eine deutlich nachhaltigere Auswirkung hatte die Krise in Deutschland, wo mit dem VW Golf ein leichtes Auto populär wurde, das nur die Hälfte des Benzins pro hundert Kilometer verbrauchte, die der seit dem Zweiten Weltkrieg dominierende Käfer benötigt hatte.
Was man als Trotzalter bezeichnet ist eigentlich das üblicherweise zwischen eineinhalb und knapp vier Jahren auftretende Autonomiebestreben von Kleinkindern. Die Äusserungen reichen vom Aussprechen des ‘Nein, ich will nicht / Doch, ich will das!’ bis zu tobsuchtartiger Verweigerung, Verhinderung, Störung, Durchkreuzung der Pläne und Anordnungen der Erwachsenen, meistens der Eltern.
Und was ist das? Im Wallis musste ein Dorf evakuiert werden, weil der Gipfel des Hausbergs drohte, auseinanderzubrechen. Jahrtausendelang hatte nie auftauendes Eis den brüchigen Fels zusammengehalten, nun musste man befürchten, dass er unter seinem eigenen Gewicht kollabieren und aufs Dorf herunterstürzen könnte. Die Bewegung des Gipfels wurde sorgfältig überwacht, eine Zeit lang schien es so, als würden die Gesteinsmassen in kleinen Portionen abbrechen und sich auf ihrem Weg nach unten verteilen, sodass das Dorf unbeschadet davonkäme. Dann aber wurde klar, dass sich der grösste Teil auf einem Gletscher staute, der zwischen Gipfel und Tal eine Terrasse bildete. Diese wurde durch das zunehmende Gewicht in Bewegung versetzt, nach unten natürlich, was zu immer grösseren Abbrüchen und Murgängen führte. Die Hoffnung der evakuierten Bewohner, die sich zwischendurch zur Vorstellung gesteigert hatte, sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren, wurde am Nachmittag vor Auffahrt zunichtegemacht, als sich der Gletscher mit einem lauten Krachen vom Felsen losriss. Die Eismassen wurden beim tausend Meter tiefen Sturz verflüssigt, mischten sich mit dem nachstürzenden Geröll zu einem riesigen gelbgrauen Ungetüm – man konnte nicht sagen, wo die Wolke in Murgang überging und umgekehrt. Das Dorf wurde verschluckt und die Masse wälzte sich noch ein Stück weit den Gegenhang hinauf. Als sich der Staub gesetzt hatte, wurde ein ockerfarbiger Schuttkegel sichtbar, der den Schutzwald und die meisten Häuser unter sich begraben hatte. Er staute bald den Fluss am Talgrund zu einem See, der die wenigen bisher verschonten Häuser überschwemmte. GLEICHZEITIG – TROTZdem – bewegten sich zur gleichen Zeit endlose Autokolonnen im Schritttempo auf ihrem Weg in den Kurzurlaub nach Süden und stauten sich mehrere Tage vor der Tunnelröhre. Die Autos in der Kolonne wogen im Durchschnitt doppelt so viel wie der erste VW Golf von 1974. Die vermehrte Sicherheit, welche die Vergrösserung den Insassen der SUVs verspricht - mittlerweile der Hälfte der Autos in der Schweiz –, geht bei einem Unfall auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, und der verringerte CO2-Ausstoss könnte bei vernünftigem Durchschnittsgewicht noch viel geringer sein. Worum geht es also? Man schaue sich nur die Schnauzen der Fahrzeuge an: trotzig aggressive Grimassen! Platz da, jetzt komme ich!
Contumacia, das lateinische Wort, hat eine ambivalente Bedeutung: es kann trotzigen Eigensinn meinen, aber auch den heldenhaften Widerstand gegen Tyrannen. Das Adjektiv contumax bedeutet trotzig, halsstarrig. Zusammen mit dem Wort für Silbe, syllaba, wird es im übertragenen Sinn zu sperrig, unpassend, sich nicht ins Metrum einfügend. Verwandt sind contumacia und contumax mit tumere, tumidus und tumor, die neben anderen Bedeutungen das Anschwellen eines menschlichen Gesichts im Zorn, vor Stolz oder Wollust bezeichnen können.
Erasmus’ Wahlspruch war (con-)cedo nulli = «Ich weiche niemandem», was trotzig tönt. Der Vorwurf, er drücke damit Sturheit und Überheblichkeit aus, wurde ihm wiederholt gemacht. Er lavierte und behauptete in seinen Erwiderungen, der Spruch beziehe sich auf den Gott Terminus, ja sei eine Äusserung dieser Symbolfigur, und nicht seiner selbst. Terminus hat nach dem Mythos den Spruch geäussert, als sein Tempel demjenigen Jupiters weichen sollte. Erasmus behauptete, sein Spruch beziehe sich auf die Deutung des Terminus als Tod, der auch niemandem weiche. Er hat sich Terminus, als Bild einer Büste des Gottes, die auf einen Grenzstein aufgesetzt ist, als ‘Brand’, als ‘Marke’ gewählt, die er auf Drucken, Gedenkmedaillen und als Siegel verwendete. Terminus wäre auch als Beschützer der Grenzen, als Vollender von Aufgaben und Lebensabschnitten lesbar gewesen. Aber Erasmus setzte ihn gleich mit dem Tod, indem er den griechischen Spruch «hora telos makrou biou» = «Bedenke das Ende eines langen Lebens» daneben setzen liess, dazu den lateinischen «mors ultima linea rerum» = «Der Tod ist die letzte Linie der Dinge». Interessant ist auch, wie Erasmus zu dem Symbol gekommen war.
Er hatte von einem ehemaligen Schüler, einem englischen Prinzen, einen Siegelring mit einer antiken Gemme aus Karneol geschenkt bekommen. In den Stein war der Kopf von Dionysos geschnitten, kein Terminus. Erasmus hat diesen Kopf aber als Terminus uminterpretiert (er gab an, ein Antikenkenner habe in dem Kopf Terminus erkannt, was Unsinn war) und sich ausdrücklich in Anlehnung an diesen Ring ein Petschaft machen lassen, das Terminus zeigt und dessen Namen trägt, dazu den Spruch «Cedo nulli». Schon das erregte Anstoss bei konservativen Theologen. Allerdings wäre der Kopf des Dionysos, als heidnischer Gott des Weins und des Rausches, noch anstössiger gewesen als Schutzpatron eines Geistlichen, der Erasmus trotz Dispens des Papstes ja blieb. Terminus war unverfänglicher. Dennoch wurde Erasmus deswegen angegriffen. Reagiert hat er mit dem Hinweis, es ginge nicht um den antiken Gott, sondern um ein ‘Memento Mori’, also um das Motto, man solle sich seiner Sterblichkeit immer bewusst bleiben.
So war sein Trotz. Der eines eher ängstlichen, harmoniebedürftigen Geistes. Wenn es hart auf hart kam, hieb er nicht auf den Tisch mit geschwollenen Zornesadern wie sein Gegenspieler Luther. Sein Trotz äusserte sich in manchmal endlosen Repliken. Er argumentierte und zündelte einfach immer weiter, am liebsten in gedruckter Form.
Ist Trotz Ausdruck von und gleichzeitig Mittel gegen Ambivalenz? Trotz schafft scheinbar klare Verhältnisse, nach innen und nach aussen. Da man eigentlich nur trotzig sein kann gegen etwas konkretes oder jemanden konkreten, wird durch Trotz eine klare Trennung gezogen zwischen mir und dem Anderen. Oder zwischen uns und den Anderen.
Ist das Trotz? Oder Resilienz? Wenn der Gemeindepäsident des verschütteten Dorfes sagt: «Auch wenn das Dorf unter einem grossen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen.»
«Die Leute werden bockig», war die Diagnose einer Kulturwissenschaftlerin in einer kürzlich gesehenen Fernsehsendung. Es ging um Schuld und Eigenverantwortung. Ihre Bemerkung zielte auf Menschen, die angesichts der Folgen von Klimaerwärmung, Rückgang der Artenvielfalt und Vermüllung des Planeten mit Plastik trotzig sagen: «Was solls, ich kann das auch nicht ändern. Ich will mein Leben leben. Und wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich mir trotzdem ein dickes Auto, fliege im Urlaub in der Welt herum und geniesse es. Jetzt erst recht!»
Man erinnert sich an die drei autofreien Sonntage 1973, an die Bilder der fröhlich zweckentfremdeten Autobahnen in der Schweiz, die aufgrund der verordneten Autofreiheit von picknickenden, spielenden, Rollschuh und Velo fahrenden Familien besetzt wurden. Der Krieg im Nahen Osten hatte mit einer schockartigen Verknappung und darauffolgender Preiserhöhung den Ölmarkt durchgeschüttelt und den Industrienationen ihre Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Ländern klargemacht. Autofreie Sonntage und Appelle an die Vernunft der Bürger sollten die autobasierte Mobilität einschränken und so eine schlimmere Notlage abwenden. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise war es in der Schweiz noch möglich, die Unterschriften zusammenzubekommen für eine Initiative, die dauerhaft jeden zweiten Sonntag vom Autoverkehr befreien wollte. Sie kam nochmals zwei Jahre später zur Abstimmung und wurde trotzig abgelehnt. Eine deutlich nachhaltigere Auswirkung hatte die Krise in Deutschland, wo mit dem VW Golf ein leichtes Auto populär wurde, das nur die Hälfte des Benzins pro hundert Kilometer verbrauchte, die der seit dem Zweiten Weltkrieg dominierende Käfer benötigt hatte.
Was man als Trotzalter bezeichnet ist eigentlich das üblicherweise zwischen eineinhalb und knapp vier Jahren auftretende Autonomiebestreben von Kleinkindern. Die Äusserungen reichen vom Aussprechen des ‘Nein, ich will nicht / Doch, ich will das!’ bis zu tobsuchtartiger Verweigerung, Verhinderung, Störung, Durchkreuzung der Pläne und Anordnungen der Erwachsenen, meistens der Eltern.
Und was ist das? Im Wallis musste ein Dorf evakuiert werden, weil der Gipfel des Hausbergs drohte, auseinanderzubrechen. Jahrtausendelang hatte nie auftauendes Eis den brüchigen Fels zusammengehalten, nun musste man befürchten, dass er unter seinem eigenen Gewicht kollabieren und aufs Dorf herunterstürzen könnte. Die Bewegung des Gipfels wurde sorgfältig überwacht, eine Zeit lang schien es so, als würden die Gesteinsmassen in kleinen Portionen abbrechen und sich auf ihrem Weg nach unten verteilen, sodass das Dorf unbeschadet davonkäme. Dann aber wurde klar, dass sich der grösste Teil auf einem Gletscher staute, der zwischen Gipfel und Tal eine Terrasse bildete. Diese wurde durch das zunehmende Gewicht in Bewegung versetzt, nach unten natürlich, was zu immer grösseren Abbrüchen und Murgängen führte. Die Hoffnung der evakuierten Bewohner, die sich zwischendurch zur Vorstellung gesteigert hatte, sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren, wurde am Nachmittag vor Auffahrt zunichtegemacht, als sich der Gletscher mit einem lauten Krachen vom Felsen losriss. Die Eismassen wurden beim tausend Meter tiefen Sturz verflüssigt, mischten sich mit dem nachstürzenden Geröll zu einem riesigen gelbgrauen Ungetüm – man konnte nicht sagen, wo die Wolke in Murgang überging und umgekehrt. Das Dorf wurde verschluckt und die Masse wälzte sich noch ein Stück weit den Gegenhang hinauf. Als sich der Staub gesetzt hatte, wurde ein ockerfarbiger Schuttkegel sichtbar, der den Schutzwald und die meisten Häuser unter sich begraben hatte. Er staute bald den Fluss am Talgrund zu einem See, der die wenigen bisher verschonten Häuser überschwemmte. GLEICHZEITIG – TROTZdem – bewegten sich zur gleichen Zeit endlose Autokolonnen im Schritttempo auf ihrem Weg in den Kurzurlaub nach Süden und stauten sich mehrere Tage vor der Tunnelröhre. Die Autos in der Kolonne wogen im Durchschnitt doppelt so viel wie der erste VW Golf von 1974. Die vermehrte Sicherheit, welche die Vergrösserung den Insassen der SUVs verspricht - mittlerweile der Hälfte der Autos in der Schweiz –, geht bei einem Unfall auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, und der verringerte CO2-Ausstoss könnte bei vernünftigem Durchschnittsgewicht noch viel geringer sein. Worum geht es also? Man schaue sich nur die Schnauzen der Fahrzeuge an: trotzig aggressive Grimassen! Platz da, jetzt komme ich!
Contumacia, das lateinische Wort, hat eine ambivalente Bedeutung: es kann trotzigen Eigensinn meinen, aber auch den heldenhaften Widerstand gegen Tyrannen. Das Adjektiv contumax bedeutet trotzig, halsstarrig. Zusammen mit dem Wort für Silbe, syllaba, wird es im übertragenen Sinn zu sperrig, unpassend, sich nicht ins Metrum einfügend. Verwandt sind contumacia und contumax mit tumere, tumidus und tumor, die neben anderen Bedeutungen das Anschwellen eines menschlichen Gesichts im Zorn, vor Stolz oder Wollust bezeichnen können.
Erasmus’ Wahlspruch war (con-)cedo nulli = «Ich weiche niemandem», was trotzig tönt. Der Vorwurf, er drücke damit Sturheit und Überheblichkeit aus, wurde ihm wiederholt gemacht. Er lavierte und behauptete in seinen Erwiderungen, der Spruch beziehe sich auf den Gott Terminus, ja sei eine Äusserung dieser Symbolfigur, und nicht seiner selbst. Terminus hat nach dem Mythos den Spruch geäussert, als sein Tempel demjenigen Jupiters weichen sollte. Erasmus behauptete, sein Spruch beziehe sich auf die Deutung des Terminus als Tod, der auch niemandem weiche. Er hat sich Terminus, als Bild einer Büste des Gottes, die auf einen Grenzstein aufgesetzt ist, als ‘Brand’, als ‘Marke’ gewählt, die er auf Drucken, Gedenkmedaillen und als Siegel verwendete. Terminus wäre auch als Beschützer der Grenzen, als Vollender von Aufgaben und Lebensabschnitten lesbar gewesen. Aber Erasmus setzte ihn gleich mit dem Tod, indem er den griechischen Spruch «hora telos makrou biou» = «Bedenke das Ende eines langen Lebens» daneben setzen liess, dazu den lateinischen «mors ultima linea rerum» = «Der Tod ist die letzte Linie der Dinge». Interessant ist auch, wie Erasmus zu dem Symbol gekommen war.
Er hatte von einem ehemaligen Schüler, einem englischen Prinzen, einen Siegelring mit einer antiken Gemme aus Karneol geschenkt bekommen. In den Stein war der Kopf von Dionysos geschnitten, kein Terminus. Erasmus hat diesen Kopf aber als Terminus uminterpretiert (er gab an, ein Antikenkenner habe in dem Kopf Terminus erkannt, was Unsinn war) und sich ausdrücklich in Anlehnung an diesen Ring ein Petschaft machen lassen, das Terminus zeigt und dessen Namen trägt, dazu den Spruch «Cedo nulli». Schon das erregte Anstoss bei konservativen Theologen. Allerdings wäre der Kopf des Dionysos, als heidnischer Gott des Weins und des Rausches, noch anstössiger gewesen als Schutzpatron eines Geistlichen, der Erasmus trotz Dispens des Papstes ja blieb. Terminus war unverfänglicher. Dennoch wurde Erasmus deswegen angegriffen. Reagiert hat er mit dem Hinweis, es ginge nicht um den antiken Gott, sondern um ein ‘Memento Mori’, also um das Motto, man solle sich seiner Sterblichkeit immer bewusst bleiben.
So war sein Trotz. Der eines eher ängstlichen, harmoniebedürftigen Geistes. Wenn es hart auf hart kam, hieb er nicht auf den Tisch mit geschwollenen Zornesadern wie sein Gegenspieler Luther. Sein Trotz äusserte sich in manchmal endlosen Repliken. Er argumentierte und zündelte einfach immer weiter, am liebsten in gedruckter Form.
Ist Trotz Ausdruck von und gleichzeitig Mittel gegen Ambivalenz? Trotz schafft scheinbar klare Verhältnisse, nach innen und nach aussen. Da man eigentlich nur trotzig sein kann gegen etwas konkretes oder jemanden konkreten, wird durch Trotz eine klare Trennung gezogen zwischen mir und dem Anderen. Oder zwischen uns und den Anderen.
Ist das Trotz? Oder Resilienz? Wenn der Gemeindepäsident des verschütteten Dorfes sagt: «Auch wenn das Dorf unter einem grossen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen.»
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