Als Härri für sich Bilanz zog, konnte er feststellen, dass er in der Studienwoche sehr viel gelernt hatte. Er bedankte sich in der gemeinsamen Abschlussrunde ausdrücklich bei Miles und den Studierenden dafür, wobei seine Worte ehrlich gemeint und sorgfältiger gewählt waren, als die bei solchen Veranstaltungen üblichen Floskeln. Was er nicht erwähnte, war sein Gefühl, dass «seine» drei Studierenden nicht so dezidiert an der Malerei hingen wie einst Thea. Juan würde wahrscheinlich bald wechseln zu den Performerinnen, dachte er, oder gar ins Institut für Kunstvermittlung. Ihn interessierten offensichtlich partizipative Konzepte mehr als die einsame Arbeit im Atelier. Bei den beiden jungen Frauen, Alina und Zhara, bemerkte er noch viel Unsicherheit. Es schien noch völlig offen, wohin es sie einst ziehen würde, beide hatten aber auf die elektronischen Medien mit grosser Faszination reagiert. Härri nahm sich vor, nicht enttäuscht zu sein und es vor allem nicht persönlich zu nehmen, wenn sie abspringen sollten.
Er konnte es nicht mehr vor sich herschieben, er musste Sofia darüber in Kenntnis setzten, dass er vorhatte, sie über Weihnachten in New York zu besuchen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang es ihm an einem späten Nachmittag, per Video Kontakt mit ihr aufzunehmen. Sie sah noch schlechter aus als beim letzten Mal, müde und vor allem sehr nervös, was Härri daran erinnerte, wie sie als Teenager gewesen war. Es fehlte noch, dass sie wieder Fingernägel kaute. Er spürte sein Herz klopfen, als er mit der Mitteilung herausplatzte, er werde in zwei Wochen bei ihr auftauchen. Sie sah ihn mit grossen Augen an, dann wanderte ihr Blick umher, kehrte wieder zurück. Ihre Stimmer war heiser, als sie fragte:
«Du weisst Bescheid? Hat dir Mama alles erzählt?»
Er nickte.
«Ja.»
«Ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist», sagte sie langsam. Und nach einer Pause fuhr sie fort:
«Du würdest genau auf die Schlussverhandlung hin ankommen. Die haben sie jetzt noch hineingewürgt vor Weihnachten, vielleicht auch wegen der Presse ...»
Härri spürte wieder seinen Nacken. Er hatte sich jegliche konkreten Gedanken an eine Gerichtsverhandlung verboten bisher, aber hier und jetzt war es klar: es half nichts. Seine Tochter würde bald vor den Richtern stehen, seine Sofia! Er versuchte es mit einem Satz, mit dem er zeigen wollte, dass er zu ihr stehe.
«Aber das ist doch gut. Ich möchte dich doch unterstützen ...»
Sie unterbrach ihn barsch.
«Ich weiss nicht, ob ich das will. Und du weisst es schon gar nicht! Sie werden da verkünden, dass ich in den Knast komme, Papa ...»
Ihre Stimme brach und sie begann zu weinen.
Härri wusste nicht mehr, wann er sie zum letzten Mal so gesehen hatte. Er hatte Angst, dass sie ihn abschalten könnte und begann, auf sie einzureden.
«Sofia ... Eumele ... Ich werde kommen, ich werde da sein, da kannst du machen, was du willst. Ich lasse dich nicht allein, hörst du? Nicht in dieser Situation. Niemand muss sowas alleine durchstehen, auch meine starke Sofia nicht ...»
Sie war aufgestanden und im Hintergrund verschwunden. Er meinte schon, er habe es verdorben und sie lasse ihn sitzen, als sie zurückkehrte mit einem Pack Papiertaschentücher. Mit zittrigen Fingern zupfte sie eines heraus und schnäuzte sich geräuschvoll. Dann versuchte sie ein Lächeln.
Sie hatte sich wieder gefangen und schien zu akzeptieren, dass ihr Vater sie aufsuchen und «unterstützen» wollte. Beide vermieden es, das Gespräch in die Nähe entscheidender Fragen zu lenken. Wie der Vater mit der Tatsache umging, dass sich seine Tochter krimineller Taten schuldig gemacht hatte, zum Beispiel. Sie begann ihn über den genauen Zeitpunkt seiner Ankunft zu befragen und wollte wissen, wie lange er bleiben könne. Zu seiner Unterkunft meinte sie:
«Ja, das ist gut, wenn du ein Hotel hast. Hier bei meiner Freundin kannst du nicht wohnen, da ist es zu eng. Aber das wird halt teuer, selbst in Brooklyn ...»
Härri erzählte ihr, dass er mit einem Kollegen aus seiner Berliner Zeit Kontakt aufgenommen habe, der in New York lebe. Er sei in den USA geboren und habe eine Wohnung und ein Atelier, in der Lower Eastside, das er aber im Moment nicht brauche und für das er einen Zwischenmieter suche.
«Ich werde die Reservation für die ersten zwei Nächte im Hotel stehen lassen und den Rest stornieren. Mein Kollege ist froh, wenn die Wohnung nicht leer steht. Er ist bereits in Europa für eine Ausstellung und meint, dass sich sicher kein Mieter bei ihm melden wird bis Mitte Januar. – Wo bist eigentlich du zuhause im Moment?»
«In der Upper Westside, ich schicke dir die Adresse, und auch die Nummer meiner Freundin, für alle Fälle. Sie heisst Ashley.»
Härri war daran, Sofia zu sagen, dass er sich trotz allem darauf freue, sie wiederzusehen und sich sicher nochmals melden werde vor seiner Abreise, als jemand an seine Türe polterte
Noah, natürlich! Mit seiner Nase für den richtigen Zeitpunkt. Härri liess ihn poltern und verabschiedete sich von seiner Tochter.
«Hau mir nicht die Türe kaputt!», rief er Noahs Silhouette zu, die hinter dem geriffelten Glas der Türe hin- und herschwankte wie eine Pappel im Wind.
«Bist du taub, Alter?» tönte Noah dumpf von jenseits der Tür. Dann, als Härri sie geöffnet hatte, drängte er schnaubend herein.
«Hnf! Hau! – Hab schon gemeint, du seist gar nicht da, wollte gerade weiter ...»
«Komm herein», sagte Härri. Er war aufgewühlt und nun froh darüber, dass Noah gerade jetzt auftauchte. Er hatte das Bedürfnis zu reden, und als für beide Kaffee gekocht war und Noah sich auf das Sofa gefläzt hatte, erzählte er ihm die ganze Geschichte über Sofia. Der unterbrach ihn mit Fragen, er wollte alles ganz genau wissen.
«Krass!», rief er schliesslich aus, mehrmals. Seine Stimme klang mitfühlend, als er meinte:
«Voll hart für dich als Papi! Mann!»
Aber dann plauderte er gleich weiter.
«Ich habe meinen alten Herrn immer ausgelacht, wenn er sich Sorgen gemacht hat wegen mir. Ich habe ja dauernd Mist gebaut. Aber gut, das ist schon ein anderes Ding ... Ein paar Millionen haben sie abgezweigt, deine Sofia und ihr Kumpel, das muss man sich mal vorstellen! Eigentlich Scheisse, dass sie erwischt wurden, hätten sich ein schönes Leben machen können in der Karibik oder ...»
Härri unterbrach ihn.
«Halt, Stopp, Noah! Das hier ist keine Netflix-Story. Es ist gut und richtig, dass man solche Leute erwischt, auch wenn es für sie nun sehr hart wird ...»
Er stockte.
«... und für mich auch, Herrgott!»
Sie hat Entzugserscheinungen, sie macht einen kalten Entzug!, dachte er plötzlich und sagte nichts mehr. Noah merkte, wie nahe Härri die Sache ging. Er begann, herumzurutschen, stand schliesslich auf und kam näher. Drückte Härris Arm.
«Sorry, Lukas, ich wollte nicht ... – Gehst du denn jetzt zu ihr? Nach New York, meine ich?»
Noah hatte ihn noch nie mit Vornamen angesprochen. Härri stand da und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. Dann hatte er sich wieder im Griff.
Er fragte Noah, ob er ihm den Briefkasten leeren könne in seiner Abwesenheit. Als dieser begeistert zusagte und wissen wollte, wo er die Post jeweils hinlegen solle, merkte Härri etwas zu spät, was er angerichtet hatte. Beim Gedanken, dass sich Noah mit seiner Freundin für zwei Wochen in seinem Haus einrichten könnte, war ihm unbehaglich. Er versuchte es mit Direktheit.
«Es ist nicht gemeint, dass du in der Zeit mit Milena zusammen hier einziehst, Noah. Ein-, zweimal ein Schäferstündchen ist OK. Aber ich will nicht, dass ihr mir das Haus abfackelt mit dem Ofen. Und ich möchte Milena kennenlernen vorher ...»
Noah schnappte nach Luft und Härri machte sich schon gefasst auf eine heftige Schimpfrede des Pubertierenden gegen die Vaterrolle, die er sich da angemasst hatte. Aber sie konnten sich nach kurzer, heftiger Diskussion darauf einigen, dass Härris Sorgen um sein Haus genauso berechtigt waren wie Noahs Bedürfnis, Vertrauen geschenkt zu bekommen. Seine Freundin Milena hatte er Härri sowieso bald vorstellen wollen.
Härri war schon lange nicht mehr eine so lange Strecke geflogen. Schon nach ein paar Stunden tat ihm alles weh und er musste immer wieder seinen schnarchenden Sitznachbarn aufwecken, um sich im Gang vor einer der seitlichen Türen die Füsse zu vertreten und ein paar seiner Übungen wenigstens anzudeuten. Die Lust, Filme anzuschauen oder zu lesen war ihm längst vergangen, an die kommenden Tage mochte er nicht denken. Also beschäftigte er sich mit den vergangenen.
Da-ra hatte ihm «viel Glück» gewünscht, als er sie vorsorglich um Urlaub bis zum Semesterbeginn gebeten hatte. Er hatte ihr nicht erzählt, dass er den Abschluss des Verfahrens gegen seine Tochter und damit wohl ihre Verurteilung miterleben würde, und sie hatte zum Glück nicht danach gefragt, was er in New York eigentlich wollte. Er wusste nicht, was er darauf hätte antworten sollen.
Eine grosse Freude war die Begegnung mit Noahs Freundin Milena gewesen. Ihr sonniges Wesen hatte in erstaunlichem Kontrast gestanden zu ihrem düsteren Kostüm. Sie lachte viel und liebte es, ihre Umgebung zum Lachen zu bringen, mit schräg witzigen Sprüchen. Härri hatte besonders gefallen, wie sie mit Noah umging. An dessen lauteste Ticks hatte sie sich noch immer nicht gewöhnt, was sie offen zugab. Aber sie nahm es hin als Teil von ihm. Sie bewunderte ihn für seine grosse Neugier, sein Interesse für alles mögliche. «Gebildet» sei er, und «gescheit», aber sie müsse ein wenig auf ihn aufpassen, vertraute sie Härri an. Er mochte sie sofort und war jetzt einigermassen beruhigt, was sein Haus betraf. Solch angenehme Gedanken liessen ihn schliesslich trotz des Lärms einschlafen.
Als er wieder aufwachte, waren es nur noch zwei Stunden bis zur Landung auf dem JFK-Flughafen. Härri fror und war froh, einen heissen Kaffee zu bekommen. Der Himmel war wolkenlos und unter ihm glitt ein Muster aus weiss schimmernden Eisflächen vorbei, die auf dem tiefblauen Meer schwammen und von denen man unmöglich wissen konnte, wie gross sie waren. Weiter weg war eine eisfreie Wasserstrasse, dahinter eine felsige, flache und gerade Küstenlinie. Härri befragte das kleine Flugzeug, das sich langsam ruckelnd über die Karte auf seinem Bildschirm bewegte. Sie mussten sich auf der Höhe von Neuschottland befinden. «Mit einem Wolkenüberschlag», so hiess es im chinesischen Roman, konnte Sun Wukong eine Strecke wie diese überwinden, die ihn nun noch von New York und von Sofia trennte.
In den Tagen bis zur abschliessenden Verhandlung vor dem Bundesgericht, im D. P. Moynihan US Courthouse im südlichen Manhattan, war Sofia unausstehlich, wie Härri sich eingestehen musste. Er sass im überheizten Wohnzimmer von Sofias Freundin Ashley Ferguson, an der westlichen zweiundsiebzigsten Strasse. Das Haus war eingerüstet und wurde renoviert, zwischendurch waren die Schlagbohrmaschinen und elektrischen Meissel so laut, dass man sich kaum verstand, wenn man nicht die Stimme erhob. Sofia hatte sich im Bad eingeschlossen und Ashley brachte Härri einen Tee. Als sie die Tasse hingestellt hatte, sah sie ihn hilflos an und hob entschuldigend die Schultern.
«Sie können sicher nichts dafür», sagte Härri. «Ich bin Ihnen sehr dankbar für alles, was Sie und Ihre Eltern für meine Tochter tun – und schon getan haben. Ich weiss gar nicht, wie ich ...»
«Sie ist meine Freundin», stellte Ashley fest. «Wir haben zusammen angefangen an der Wall Street, und sie hat mir sehr geholfen damals. Ich war immer unsicher, viel zu zögerlich für den Job. Sie war stark, mutig. Und hat mich ermutigt. Hat mir die Angst genommen vor dem Haifischbecken. Sie konnte sowas.»
Ashley war etwa gleich alt wie Sofia, etwas über dreissig. Ihre Eltern waren wohlhabend und besassen einige Immobilien an der Westküste. Auch die Wohnung, in der Ashley alleine lebte, gehörte ihnen. Sie war etwas altmodisch und ohne erkennbaren Geschmack eingerichtet, wie Härri fand. Gefüllt mit einem Sammelsurium aus Möbeln verschiedenster Stile, mit dekorativen Bildchen, die einen Teil der Wände bedeckten. Mit wuchtigen messingenen Vorhangstangen, von denen cremefarbige, glitzernde Stoffbahnen herunterhingen. Der Parkettboden war eigentlich schön, aber viel zu dick lackiert, und Ashley hatte panische Angst vor Kratzern. Man musste Filzpantoffeln tragen in ihrer Wohnung. Sie selbst war dunkelhaarig und auf eine amerikanische Weise hübsch, dabei sehr konventionell frisiert, geschminkt und gekleidet, womit sie Härri an Filmfiguren aus den 1960er-Jahren erinnerte. Auch die mädchenhaft hohe und etwas schrille Stimme passte dazu. Aber ihre Güte und Hilfsbereitschaft schienen unerschöpflich. Sie war so erzogen worden. Ihre Eltern hatten die eine Hälfte der Kaution bezahlt, die es Sofia ermöglicht hatte, auf halbwegs freiem Fuss zu bleiben, was Härri noch mehr beschämte als die Tatsache, dass die andere Hälfte von Carmela aufgebracht worden war. Ob Sofia diese Darlehen je würde zurückzahlen können, war offen. Immerhin hatte er seiner Frau in Aussicht gestellt, ebenfalls einen Anteil zu übernehmen, egal, wie sich Sofias weiterer Weg entwickeln würde.
Sofia ging es schlecht. Sie litt unter dem Versuch, ihre polytoxicomania, wie Ashley es bezeichnete, selber loszuwerden. Die Freundin hatte Sofia mit sehr viel Nachdruck dazu bringen können, wenigstens eine Ärztin beizuziehen bei ihrem Entzug, was eine gewisse Entlastung durch begleitende Gespräche und hie und da auch Medikamente mit sich brachte, mit denen die Symptome gelindert werden konnten. Ashley hatte Härri im Vertrauen mitgeteilt, dass seine Tochter die Strapazen auf sich nehme, weil sie höllische Angst davor habe, den Strafvollzug als Drogenabhängige anzutreten. Solche Sachen musste Härri erfahren! Und obwohl er es gar nicht wissen wollte, wurde ihm eine ganze Liste von Substanzen aufgezählt, mit denen sich seine Tochter in den vergangenen zwei Jahren aufgeputscht, wieder heruntergeholt, zugedröhnt, dann wieder freigestrampelt hatte von Angst und Schmerz. Dass solches Tun an der Börse weit verbreitet sei, tröstete Härri nicht im Geringsten. Er stand vor einer geschlossenen Badezimmertür in der Upper Westside von New York City und wollte seine Tochter dazu bringen, wieder herauszukommen.
Am Morgen des Verhandlungstags erwachte Härri vom Gedudel seines Handy-Weckers. Es war fünf Uhr dreissig und er hatte das Gefühl, noch ewig weiterschlafen zu müssen. Er befand sich in der Wohnung seines Kollegen an der Orchard Street, in die er vor ein paar Tagen umgezogen war. Und weil er wegen dem Jetlag und den Sorgen um Sofia kaum geschlafen hatte, seit er in New York war, hatte er am Vorabend eine halbe Schlaftablette geschluckt, auf die er im Medizinschränkchen des Badezimmers gestossen war. Er hatte lange gezögert und den Zettel in der Schachtel sorgfältig durchgelesen. Schliesslich aber hatte sein Schlafbedürfnis gesiegt. Nun brummte sein Schädel und er hatte einen Riesendurst. Er stellte sich unter die Dusche und mischte das Wasser stufenweise zu kalt, bis er schliesslich, japsend und krebsrot, genug hatte, den Hahn zudrehte und sich ein Tuch langte. Als er das Fenster öffnete, kam eisige Luft herein. Er würde sich warm anziehen müssen für den Fussmarsch zum Gericht.
An einer Strassenecke bekam er einen Pappbecher mit Kaffee, dazu einen ziemlich fettigen Gipfel. Er war noch viel zu früh dran, darum schlug er den Kragen hoch, wickelte seinen Schal neu und nahm den Umweg durch China Town. Trotz der Kälte und einem Himmel, der nach Schnee aussah, waren schon viele Menschen unterwegs. Ladenbesitzer öffneten mit Getöse ihre vollgesprayten shutters, andere wischten den Abfall der Nacht zusammen. Aus den Garküchen roch es schon streng nach angebratenem Fleisch und Sojasauce. Härri ging durch verkehrsbefreite Strässchen unter Girlanden aus gelben und grünen Lampions, der Asphalt war mit bunten Mustern bemalt. Nicht überzeugend, wie Härri fand. Touristen waren aber noch keine zu sehen. Als er von weitem den Turm des Gerichtsgebäudes sah, suchte er auf der Karte seines Handys das kleine Lokal, in dem er sich vor der Verhandlung mit Sofia und Ashley treffen wollte. Als er es schliesslich fand, waren sie schon wieder am Gehen. Sofia wirkte gefasst. Hoffentlich nicht wegen irgendwelcher Medikamente, dachte Härri. Seine Tochter hatte sich geschminkt und war dezent schick gekleidet.
«Wir sehen uns nach der Verhandlung», sagte sie, «Am besten wieder hier, etwa eine Stunde nach Ende. Ich werde versuchen, die Presse zu umgehen.»
«Vergiss es, das wird dir nicht gelingen», entgegnete Ashley.
«Wir werden sehen ...»
Dann, nochmals an Härri gewandt, sagte sie eindringlich:
«Ich werde nicht zu dir schauen, Papa. Und bitte verhalte dich auch unauffällig, sonst gehen die Medienfritzen auch auf dich los. Noch weiss niemand ausser Ashley und mir, dass du da bist. Dass es dich überhaupt gibt.»
Dann, ganz leise:
«Zum Glück gibt es dich, drück mir die Daumen, Papa!»
Härri trat zögernd auf sie zu, und als er sah, dass sie nicht zurückwich, nahm er sie fest in die Arme. Sie klammerte sich an ihn, dann stiess sie sich ab, drehte sich um und ging. Ashley rannte ihr nach.
30.4.24
22.4.24
Mit anderen Augen
Vom Regen hatte man schon Mitte November mehr als genug. Es gab Reihen von Tagen, an denen es von morgens bis abends schüttete. Der Rhein schwoll wieder an, sein Wasser wurde undurchsichtig und ockerfarben. Bei Windstille war die Oberfläche durchsetzt von plattgepressten Wirbeln, welche sich der schnell fliessenden Strömung zu widersetzen schienen. Auffrischender und lange anhaltender Westwind – man hätte meinen können, dass er nach Meer, nach dem Atlantik roch – formte stehende Wellen mit Schaumhäubchen. Die Wasserfahrer hatten ihre Saison früher als sonst beendet.
Seit dem Gespräch in der Abschlussausstellung vom August, als sich Härri gegenüber Miles kritisch über die Ästhetik computergenerierter Bilder geäussert und ihm dieser eine Zusammenarbeit in der nächsten Projektwoche angeboten hatte, war aus diesem Vorschlag ein konkreter Plan geworden, den man der Institutsleitung zur Genehmigung vorlegte. Nach ausführlichen Diskussionen mit Studierenden aus den verschiedenen Bereichen hatten sie sich auf das Thema «With other Eyes» geeinigt, was Härri trotz seiner Abneigung gegen englische Bezeichnungen akzeptieren konnte, weil er die damit gemeinten Inhalte und Aspekte gut fand. Auf der Ebenen der Medien sollten neue Verbindungen und Mischformen erkundet werden zwischen Zeichnung, Malerei, Fotografie, Computergrafik und Virtual Reality. Dabei hatte er einbringen können, dass ästhetischen und inhaltlichen Aspekten mehr Gewicht beigemessen werden sollte als den technischen. Zudem konnte er die Studierenden dafür gewinnen, sich mit der Frage der Perspektive in einem weit gefassten, aktuellen Sinne zu beschäftigen. Mit der Frage zum Beispiel, was die Idee des «Eintauchens» in Bilder, die seit einigen Jahren viel beschworene «Immersion», bedeute für das Verhältnis zwischen Bildschaffenden und Betrachtern, und wie sich dieses Verhältnis im Laufe der Geschichte verändert habe.
Es war dieser Aspekt des Themas, mit dem es Härri gelungen war auch Juan für die Mitarbeit in der Studienwoche zu überreden. Dieser hatte sich nämlich zuerst geweigert, an die Teilnahme bei einer Veranstaltung auch nur zu denken, in der VR-Headsets zum Einsatz kämen. Ein Instrument, das gegenwärtig im Krieg in der Ukraine dafür eingesetzt werde, Spielzeugdrohnen zu lenken, die mit ein paar Kilogramm Sprengstoff ausgerüstet seien. Mit den VR-Brillen, diesen künstlichen Augen, würden einzelne Soldaten aufgespürt, durch die Schützengräben gejagt und schliesslich dabei beobachtet, wie sie in einem Feuerball zerrissen würden. Miles hatte versucht, dagegenzureden und gesagt, die Augen könnten nicht sehen, was sie anrichteten, da sie beim Angriff zerstört würden. Zudem würde diese Technik mehrheitlich von den Ukrainern angewendet, weil ihnen nämlich schon lange die Munition für ihre Panzer und die Artillerie ausgegangen sei. Aber es nützte nichts. Juan fand, beim Tod jedes Menschen gehe eine Welt unter, ob Russe oder Ukrainer. Ausserdem seien die Russen in den vordersten Reihen meist arme junge Schlucker aus Zentralasien, die mit einem Gehalt in den Krieg gelockt worden seien, den sie in der Heimat nie bekommen würden. Und dieser fliessende Übergang von den Computerspielen zum realen Mord an Menschen, den man aus sicherer Distanz verübe, sei einfach widerlich, egal auf welcher Seite und zu welchem Zweck. Härri hatte dem Gespräch eine neue, friedlichere Wendung gegeben, indem er es auf die Macht der Perspektive lenkte und Juan fragte, ob er sich die Wirkung der ersten zentralperspektivischen Bilder auf die Betrachter vorstellen könne. Und das Gefühl der Maler, wenn sie die Blicke auf einmal so lenken konnten, dass alle die dargestellte Realität gleich sahen – gleich sehen mussten! – wie sie selbst.
«Du hast doch von der suggestiven Kraft der Perspektive in dem Wandbild in Bogotá erzählt und dich gefragt, wie deine Kollegen das Problem mit den Fluchtpunkten gelöst hatten in einem so breiten Panorama ...»
Härri war sich sicher, dass sein plumper Versuch, an Juans Erfahrung anzuknüpfen, von diesem durchschaut würde. Aber er wollte ihn einfach dabeihaben, und als er sah, dass Juan noch immer zögerte, überwand er sich und sagte es ihm direkt. Am nächsten Tag schrieb sich Juan ein für die Projektwoche. Da Alina von Anfang an begeistert dabei gewesen war und Zhara damit angesteckt hatte, waren nun alle seine drei Schützlinge im Team.
Härri traf sich vor der Veranstaltungswoche zur Vorbereitung mehrmals mit Miles, das letzte Mal am Freitagnachmittag bei ihm zuhause. Miles wohnte zusammen mit seiner Frau und der halbjährigen Tochter in einer Wohnung an der Lunastrasse, gleich neben dem Violenteich, dem östlichen, wassergefüllten Stadtgraben. Härri suchte in seinem Atelier einige Bücher und Bildmappen zusammen, mit denen er in der Projektwoche das Perspektive-Thema illustrieren wollte, und packte sie in seine Satteltaschen. In letzter Minute war ihm dabei eine Monografie über die britische Malerin Anna Airy in die Hände geraten, die er fast vergessen hatte. Er war froh, Airys wuchtige Fabrikhallenbilder wiederentdeckt zu haben, denn ein paar der Studentinnen, die sich gegen eine Teilnahme an seiner und Miles’ Projektwoche entschieden hatten, waren der Meinung gewesen, die Zentralperspektive sei so ein typisches Männerding.
Für einmal regnete es nicht und er musste sich nicht umständlich in seine wasserdichte Kleidung zwängen. Er konnte sogar sein Handy auf den Lenker stecken und der vom GPS angegebenen Route folgen, die für nicht motorisierte Fahrräder auf eine Dauer von fünfundzwanzig Minuten geschätzt wurde. Er würde etwas weniger brauchen. Den Rhein querte er über die Brücke des Kraftwerks, wo alle Schleusen geöffnet waren und einige Spaziergänger den herunterdonnernden Wassermassen zusahen. Auch Härri hielt an und stellte sich für einen Moment mit seinem Vehikel ans Geländer, das leicht vibrierte. Der Rhein führte viel Holz mit und es gab Kinder, die gespannt darauf warteten, wie der nächste Baumstamm über die Kante kippte. Ihre Eltern mussten sie daran hindern, unbedacht auf die andere Seite der schmalen Strasse zu rennen um zu schauen, wie es dem Stamm im Widerwasser ergehen würde. Auch Sofia und Bruno hatten das früher so gemacht, dachte Härri, früher, als Hochwasser noch eine Seltenheit und darum umso sensationeller gewesen war. Er stieg wieder auf und fuhr weiter. Nahm dabei einen kleinen Umweg in Kauf, zuerst weg vom Rhein, weil er die vielbefahrene Rheinfelderstrasse meiden wollte. Erst kurz vor der Wylerbrücke kehrte er auf die Uferstrasse zurück, die von da an für den Autoverkehr gesperrt war. Er bemühte sich, sein Tempo dem gemächlichen Rhythmus anzupassen, der hier gewünscht wurde.
Als er bei dem Wohnblock angekommen war, in dem Miles wohnte, schloss er sorgfältig sein Rad an einen Pfosten, lud die Taschen ab und läutete. Zuerst passierte gar nichts. Er nahm das Handy hervor und schaute nach, ob ihm Miles eine Nachricht geschrieben habe, und als er nichts fand, ob er sich im Datum oder in der Zeit geirrt habe. Als er zum dritten Mal klingeln wollte, ertönte aus dem kleinen Lautsprecher Miles’ verzerrte Stimme, dahinter, schwach hörbar, eine heulende Kinderstimme.
«Sorry, ist grad ein bisschen strub hier. Ich drück dir auf.»
Es stellte sich heraus, dass die Kleine krank war und deshalb nicht hatte in die Kinderbetreuung gebracht werden können. Miles’ Frau war in Fribourg an ihrem Institut für Psychologie und so musste er schauen, wie er zurechtkam. Die folgende Halbestunde war auch für Härri anstrengend, weil das kleine Mädchen ununterbrochen weinte, Miles aber nichts davon wissen wollte, dass sein Kollege wieder gehe und man sich übers Wochenende treffe oder eine Videobesprechung abmache. Schliesslich schlief die kleine Patientin aber erschöpft ein, nachdem sie ihr Vater in der Badewanne sanft heruntergekühlt und ihr ein Zäpfchen gegen das Fieber verabreicht hatte.
Härri konnte sich in der Zwischenzeit in der Wohnung umsehen, die nicht, wie er erwartet hatte, futuristisch eingerichtet war mit allerlei smarter Haustechnik, sondern wie das normale, eher biedere Heim einer Kleinfamilie. Mit vielen gerahmten Fotos und erstaunlich kitschigen Postern an den Wänden. Und mit billigen Ikea-Möbeln. Nur Miles’ Studio entsprach Härris Erwartungen, ein recht geräumiges Zimmer, das sehr ordentlich und dicht mit Technik vollbepackt war. Es gab ein breites Panorama aus zusammengesetzten Bildschirmen, davor einen bequemen Sessel. Verschiedene Kameras steckten auf Stativen, Tablare waren belegt mit VR-Brillen und Hand-Controllern, und es standen Aufhängevorrichtungen für Kabel herum, die wie Fischerangeln auf Sockeln aussahen. Nicht von allen Objekten, die er sah, konnte Härri die Funktion ablesen. Als Miles von seinen Vaterpflichten zurückkam, begann er so ausführlich zu erklären, dass ihn Härri unterbrechen und an den Zweck seines Besuchs erinnern musste.
Das meiste hatten sie schon besprochen und sich darauf geeinigt, nicht alle Aktivitäten gemeinsam anzuleiten, weil sonst zu befürchten war, dass technische Fragen und Probleme im Vordergrund stünden, die nur von Miles zu lösen waren und somit Härri in eine Assistentenrolle gedrängt würde. Sie beschlossen darum, den Studierenden zwei Unterthemen anzubieten, von denen je eines schwerpunktmässig von einem von ihnen betreut würde. Anfang und Abschluss der Woche wollten sie auf jeden Fall gemeinsam im Plenum abhalten. Miles schlug vor, unter dem Titel «Perpektivenwechsel – ein Spaziergang in meinen Schuhen» ein Mixed-Media-Projekt aufzuziehen, bei dem eine oder zwei Studentinnen aus seiner Gruppe einen persönlichen Spaziergang durch die Stadt unternehmen und mit einer 3-D-Kamera filmen sollten. Diese subjektive Sicht sollte dann so aufbereitet werden, dass es andern möglich würde, quasi in die Schuhe der Spaziergängerin zu schlüpfen und mit ihren Augen zu sehen, mit VR-Headsets, aber in der realen Umgebung, aus der dann auch live Elemente eingespielt werden könnten. An der Präsentation, die er am letzten Tag durchführen wollte, sollte es allen Studierenden offenstehen, den virtuellen Spaziergang zu erleben.
Härri war beeindruckt.
«Ich habe noch nicht alles verstanden, aber ich glaube dir, dass du das hinbekommst», meinte er lachend.
Er selbst brauchte keinen neuen Titel für sein Vorhaben, er verwendete denjenigen der ganzen Projektwoche, auf Deutsch: «Mit anderen Augen». Er wollte den Studierenden möglichst viel Raum lassen, um im Hin-und-Her zwischen den Medien zu experimentieren. Technisch kannte er sich am besten damit aus, Zeichnung, Malerei und Fotografie mit digitalen Mitteln weiterzubearbeiten, dann wieder zu übermalen, wieder zu digitalisieren und so weiter.
«Wenn die Studierenden meiner Gruppe auch Virtual Reality einbauen wollen, kannst du uns dann helfen, oder bist du durch dein Vorhaben völlig absorbiert?», wollte er von Miles wissen.
«Nein», beruhigte ihn dieser. «Ich habe schon etwas vorbereitet. Deine Gruppe könnte eine Ausstellung in einer virtuellen Umgebung einrichten, in der man als Betrachter ihren Resultaten der Woche begegnet. Das würde auch zu deinem Thema passen.»
Das stimmte. Inhaltlich wollte sich Härri nämlich mit «dem Blick» beschäftigen. Mit der Frage, wer beim Machen und Betrachten von Bildern schaue und erschaffe, wer angeschaut und erschaffen werde. Ausgehen wollte er einerseits von dem Selbstbildnis der Renaissance-Malerin Sofonisba Anguissola, das als Bild im Bild gerade von ihrem Lehrer Bernardino Campi gemalt wird. Als zweiter Impuls sollte ein Wortbild des Künstlers Rémy Zaugg dienen:
ICH
DAS BILD
ICH SEHE
Als sie fertig waren, stellte sich Miles nochmals vor die Türe des Kinderzimmers, die einen Spalt weit offenstand. Härri folgte ihm und roch den Dunst des schwitzenden Kindes.
«Es überfällt mich auch sonst noch manchmal», sagte Miles mit leiser Stimme. «Das ich mich vergewissern muss, ob sie noch atmet.»
An diese Angst konnte sich Härri erinnern. Sie gingen in die Küche und tranken noch ein Glas Mineralwasser. Als ihm eingeschenkt wurde, sah Härri, wie sich die implantierten Magnete auf Miles’ Fingerrücken abzeichneten.
«Hast du eigentlich keine Probleme damit?», fragte er ihn.
Miles zögerte mit der Antwort.
«Eigentlich nicht. Einen grösseren auf dem Handrücken musste ich wieder entfernen lassen. Weil es eine Infektion gab. Aber die andern möchte ich nicht mehr missen. Ich spüre damit elektrische Felder um mich herum. Zuerst war das eine Art sehr feiner Vibration, in den Fingern selbst. Mittlerweile hat das aber mein Gehirn integriert und es ist ein neues Wahrnehmungsorgan entstanden, das den Sinneseindruck nach aussen projiziert. Ich spüre es draussen, im Raum, es ist wirklich verrückt! Ich weiss unmittelbar, wo Leitungen verlaufen, wo magnetische Quellen sind, die ich nicht sehe ...»
«Du glaubst wirklich daran?» fragte Härri.
«Das ist keine Glaubensfrage, Lukas», protestierte Miles.
«Nein, ich meine nicht das», korrigierte sich Härri. «Ich meinte: du glaubst daran, dass unser Gehirn eines Tages in einen Cyporg-Körper hochgeladen werden kann?»
«Ja! Und wenn uns die künstliche Intelligenz bald dabei hilft, das Alter zu überwinden, werde ich das vielleicht noch erleben. Dann kann ich theoretisch ewig leben ...»
Bevor Härri etwas erwidern konnte, begann die Kleine zu weinen. Er verabschiedete sich schnell und nahm dann die Treppe. Er musste nachdenken.
Die Projektwoche strengte Härri so sehr an, dass er sich zwischendurch fragte, wie lange er so etwas noch machen wollte. Miles und er waren pausenlos im Einsatz, vor allem und wie er befürchtet hatte, als Helfer und Problemlöser bei technischen Schwierigkeiten. Härri drängte in seiner Gruppe zwar immer wieder darauf, das Augenmerk auf die Qualität, die Tiefe der Gedanken und die Ästhetik bei der Ausführung zu richten und sich nicht zu verzetteln im Ausprobieren immer neuer Werkzeuge. Aber es war schwierig. Die jungen Menschen waren neugierig und er wollte sie nicht bremsen, nur weil er es besser zu wissen meinte.
Trotz der Hektik gab es auch Momente, in denen Staunenswertes geschah und die Zeit auf einmal stillzustehen schien. Alina war schon bei Härris Einführung tief beeindruckt gewesen von Anguissolas rätselhaftem Gemälde. Ihre erste Idee war gewesen, das Prinzip des Bildes – das Selbstporträt erscheint als Bild im Bild im Zustand seiner Erschaffung durch einen ebenfalls im Bild erscheinenden Autor – in die Welt digitaler Selfies zu übertragen. Da die Malerin damals ihren renommierten Lehrer Campi als Modell für den fiktiven Maler ihres Porträts ausgewählt hatte, musste Härri als Alinas Lehrer für ein paar Stunden zur Verfügung stehen. Mit der Einwilligung seiner anderen Schützlinge durfte er sich so wenigstens für eine Weile von der Betriebsamkeit seiner Rolle als Troubleshooter beurlauben lassen.
Aline hatte zuerst viel zu viele Ideen im Kopf, was dazu führte, dass sie sich auch in Anguissolas über vierhundert Jahre altem, ins Bild gesetztem Gedankenexperiment komplett verhedderte.
«Ich komme nicht mehr draus», klagte sie schliesslich. «Ist das Selbstporträt im Bild nun von ihr oder von Campi?»
Härri erklärte ihr, das Gemälde sei immer als «autoritratto» bezeichnet worden und anhand von Stilanalysen sei das Bild im Bild eindeutig ihr zuzuordnen. Er zeigte Aline eine Fotografie, auf der man das Gemälde im Zustand seiner kürzlich erfolgten Restaurierung sah. Dabei war eine frühere, später wieder verworfene Variante des einen Arms der Porträtierten zum Vorschein gekommen.
«Siehst du, es sieht fast so aus, als wolle sie ihrem Lehrer den Pinsel aus der Hand nehmen», sagte er. «Vielleicht hat ihr Campi auch ins Werk gepfuscht bei dem Porträt, da kannten die Meister damals nichts. Auch ich habe das noch erlebt, bei Fässler in Hamburg.»
«Aber wie machen wir es jetzt», drängte Aline. «Hilf mir ein bisschen!»
Sie fanden einen Weg. Es entstand eine Serie von Fotos, die sie immer weiter verbesserten, bis Aline eine Form gefunden hatte, die sie überzeugte, zuletzt sogar begeisterte. Damit konnte sie weiterfahren, mit malerischen Mitteln, wie sie vorhatte.
Die Fotografie wurde dominiert von Alines Porträt, zu sehen auf einem grossen, hochkant gestellten Bildschirm. Links daneben stand Härri, halb abgedreht und über die Schulter zum Betrachter blickend. Statt des Pinsels hielt er eine kleine Systemkamera, deren Objektiv ebenfalls auf den Betrachter – oder wenn man es sich so vorstellen konnte: auf Aline als Modell – gerichtet war. Statt des Malstocks, den Campi im Original auf den Rand des Gemäldes aufstützt, führte ein Kabel von der Kamera weg zur Rückseite des Monitors. Aline hatte es zuerst gestört, dass die auf diese Weise suggerierte Bildübertragung nicht «der Wirklichkeit» entsprach, aber Härri hatte sie davon überzeugen können, dass die Aussagekraft des Bildes nicht von einer solch technischen Übereinstimmung abhinge. Auch er fand das zum Schluss ausgewählte Bild sehr gelungen, obwohl ihm sein Erscheinen im Bild einer Studentin nach den ersten Versuchen noch peinlich gewesen war.
Ein weiterer Höhepunkt war für Härri der Spaziergang durch die Stadt, den er am letzten Tag, ausgerüstet mit einem VR-Headset und fürsorglich begleitet durch eine Studentin, erleben durfte. Die Gruppe von Miles hatte sich für zwei Protagonisten entschieden, «in deren Schuhe» man in den Rundgang eintauchen konnte. Der eine war Juan, und natürlich wollte es sich Härri nicht entgehen lassen, Augst mit den Augen des jungen Kolumbianers zu sehen.
Die visuellen Einspielungen von Wandgemälden aus Bogotá, immer wieder über Hauswände gelegt, die Härri so gut kannte, waren eindrücklich. Es war aber Juans Stimme, die ihn tief berührte. Er hörte sie über die Kopfhörer, dann aber breitete sie sich immer mehr aus im Inneren seines Schädels, synchronisierte sich mit den Bewegungen, von denen er bald nicht mehr wusste, welches seine eigenen waren. Der Kerl hat einen Sinn für Rhythmus, unglaublich, dachte er. Noch mehr staunte er, als er mit seiner Begleiterin von der Sichelenstrasse in die Nordcaveastrasse abgebogen war und Juans Stimme plötzlich in einem anderen Tonfall sprach. Gleichzeitig schob sich ein Bild über den kleinen ovalen Platz vor Härris Augen, und er befand sich mitten in einer Visualisierung des römischen Amphitheaters, das hier einst gestanden hatte.
«Du hast mich gerufen? Hier bin ich!», rief die Stimme dazu. «Der genius huius loci, oder der GHL, wie die schlauen Römer auf ihre Andachtssteine schrieben, wenn sie ihn einem Ortsgeist widmeten, den sie nicht kannten und trotzdem auf Nummer sicher gehen wollten. Was willst du von mir wissen? Wie es hier einst aussah? Wie es roch und tönte, wenn hier die Provinzgladiatoren räudige Bären und Wölfe totschlugen?»
Gut recherchiert, Juan, dachte Härri, aber nun wurden im Hintergrund die Geräusche einer tobenden Zuschauermenge eingeblendet, vermischt mit heiseren Schreien von Tieren. Kurz bildete er sich tatsächlich ein, er könne den Schweiss der Menschen, das Blut und den Kot riechen. Dann kam ihm in den Sinn – und er war fast froh um den Gedanken, der ihn aus der Immersion riss –, dass Miles und seine Gruppe auf solche olfaktorischen Mittel verzichtet hatten, weil es den Rahmen der Möglichkeiten gesprengt hätte. Aber er musste zugeben, dass er für einen kurzen, fremden Augenblick überwältigt worden war.
Seit dem Gespräch in der Abschlussausstellung vom August, als sich Härri gegenüber Miles kritisch über die Ästhetik computergenerierter Bilder geäussert und ihm dieser eine Zusammenarbeit in der nächsten Projektwoche angeboten hatte, war aus diesem Vorschlag ein konkreter Plan geworden, den man der Institutsleitung zur Genehmigung vorlegte. Nach ausführlichen Diskussionen mit Studierenden aus den verschiedenen Bereichen hatten sie sich auf das Thema «With other Eyes» geeinigt, was Härri trotz seiner Abneigung gegen englische Bezeichnungen akzeptieren konnte, weil er die damit gemeinten Inhalte und Aspekte gut fand. Auf der Ebenen der Medien sollten neue Verbindungen und Mischformen erkundet werden zwischen Zeichnung, Malerei, Fotografie, Computergrafik und Virtual Reality. Dabei hatte er einbringen können, dass ästhetischen und inhaltlichen Aspekten mehr Gewicht beigemessen werden sollte als den technischen. Zudem konnte er die Studierenden dafür gewinnen, sich mit der Frage der Perspektive in einem weit gefassten, aktuellen Sinne zu beschäftigen. Mit der Frage zum Beispiel, was die Idee des «Eintauchens» in Bilder, die seit einigen Jahren viel beschworene «Immersion», bedeute für das Verhältnis zwischen Bildschaffenden und Betrachtern, und wie sich dieses Verhältnis im Laufe der Geschichte verändert habe.
Es war dieser Aspekt des Themas, mit dem es Härri gelungen war auch Juan für die Mitarbeit in der Studienwoche zu überreden. Dieser hatte sich nämlich zuerst geweigert, an die Teilnahme bei einer Veranstaltung auch nur zu denken, in der VR-Headsets zum Einsatz kämen. Ein Instrument, das gegenwärtig im Krieg in der Ukraine dafür eingesetzt werde, Spielzeugdrohnen zu lenken, die mit ein paar Kilogramm Sprengstoff ausgerüstet seien. Mit den VR-Brillen, diesen künstlichen Augen, würden einzelne Soldaten aufgespürt, durch die Schützengräben gejagt und schliesslich dabei beobachtet, wie sie in einem Feuerball zerrissen würden. Miles hatte versucht, dagegenzureden und gesagt, die Augen könnten nicht sehen, was sie anrichteten, da sie beim Angriff zerstört würden. Zudem würde diese Technik mehrheitlich von den Ukrainern angewendet, weil ihnen nämlich schon lange die Munition für ihre Panzer und die Artillerie ausgegangen sei. Aber es nützte nichts. Juan fand, beim Tod jedes Menschen gehe eine Welt unter, ob Russe oder Ukrainer. Ausserdem seien die Russen in den vordersten Reihen meist arme junge Schlucker aus Zentralasien, die mit einem Gehalt in den Krieg gelockt worden seien, den sie in der Heimat nie bekommen würden. Und dieser fliessende Übergang von den Computerspielen zum realen Mord an Menschen, den man aus sicherer Distanz verübe, sei einfach widerlich, egal auf welcher Seite und zu welchem Zweck. Härri hatte dem Gespräch eine neue, friedlichere Wendung gegeben, indem er es auf die Macht der Perspektive lenkte und Juan fragte, ob er sich die Wirkung der ersten zentralperspektivischen Bilder auf die Betrachter vorstellen könne. Und das Gefühl der Maler, wenn sie die Blicke auf einmal so lenken konnten, dass alle die dargestellte Realität gleich sahen – gleich sehen mussten! – wie sie selbst.
«Du hast doch von der suggestiven Kraft der Perspektive in dem Wandbild in Bogotá erzählt und dich gefragt, wie deine Kollegen das Problem mit den Fluchtpunkten gelöst hatten in einem so breiten Panorama ...»
Härri war sich sicher, dass sein plumper Versuch, an Juans Erfahrung anzuknüpfen, von diesem durchschaut würde. Aber er wollte ihn einfach dabeihaben, und als er sah, dass Juan noch immer zögerte, überwand er sich und sagte es ihm direkt. Am nächsten Tag schrieb sich Juan ein für die Projektwoche. Da Alina von Anfang an begeistert dabei gewesen war und Zhara damit angesteckt hatte, waren nun alle seine drei Schützlinge im Team.
Härri traf sich vor der Veranstaltungswoche zur Vorbereitung mehrmals mit Miles, das letzte Mal am Freitagnachmittag bei ihm zuhause. Miles wohnte zusammen mit seiner Frau und der halbjährigen Tochter in einer Wohnung an der Lunastrasse, gleich neben dem Violenteich, dem östlichen, wassergefüllten Stadtgraben. Härri suchte in seinem Atelier einige Bücher und Bildmappen zusammen, mit denen er in der Projektwoche das Perspektive-Thema illustrieren wollte, und packte sie in seine Satteltaschen. In letzter Minute war ihm dabei eine Monografie über die britische Malerin Anna Airy in die Hände geraten, die er fast vergessen hatte. Er war froh, Airys wuchtige Fabrikhallenbilder wiederentdeckt zu haben, denn ein paar der Studentinnen, die sich gegen eine Teilnahme an seiner und Miles’ Projektwoche entschieden hatten, waren der Meinung gewesen, die Zentralperspektive sei so ein typisches Männerding.
Für einmal regnete es nicht und er musste sich nicht umständlich in seine wasserdichte Kleidung zwängen. Er konnte sogar sein Handy auf den Lenker stecken und der vom GPS angegebenen Route folgen, die für nicht motorisierte Fahrräder auf eine Dauer von fünfundzwanzig Minuten geschätzt wurde. Er würde etwas weniger brauchen. Den Rhein querte er über die Brücke des Kraftwerks, wo alle Schleusen geöffnet waren und einige Spaziergänger den herunterdonnernden Wassermassen zusahen. Auch Härri hielt an und stellte sich für einen Moment mit seinem Vehikel ans Geländer, das leicht vibrierte. Der Rhein führte viel Holz mit und es gab Kinder, die gespannt darauf warteten, wie der nächste Baumstamm über die Kante kippte. Ihre Eltern mussten sie daran hindern, unbedacht auf die andere Seite der schmalen Strasse zu rennen um zu schauen, wie es dem Stamm im Widerwasser ergehen würde. Auch Sofia und Bruno hatten das früher so gemacht, dachte Härri, früher, als Hochwasser noch eine Seltenheit und darum umso sensationeller gewesen war. Er stieg wieder auf und fuhr weiter. Nahm dabei einen kleinen Umweg in Kauf, zuerst weg vom Rhein, weil er die vielbefahrene Rheinfelderstrasse meiden wollte. Erst kurz vor der Wylerbrücke kehrte er auf die Uferstrasse zurück, die von da an für den Autoverkehr gesperrt war. Er bemühte sich, sein Tempo dem gemächlichen Rhythmus anzupassen, der hier gewünscht wurde.
Als er bei dem Wohnblock angekommen war, in dem Miles wohnte, schloss er sorgfältig sein Rad an einen Pfosten, lud die Taschen ab und läutete. Zuerst passierte gar nichts. Er nahm das Handy hervor und schaute nach, ob ihm Miles eine Nachricht geschrieben habe, und als er nichts fand, ob er sich im Datum oder in der Zeit geirrt habe. Als er zum dritten Mal klingeln wollte, ertönte aus dem kleinen Lautsprecher Miles’ verzerrte Stimme, dahinter, schwach hörbar, eine heulende Kinderstimme.
«Sorry, ist grad ein bisschen strub hier. Ich drück dir auf.»
Es stellte sich heraus, dass die Kleine krank war und deshalb nicht hatte in die Kinderbetreuung gebracht werden können. Miles’ Frau war in Fribourg an ihrem Institut für Psychologie und so musste er schauen, wie er zurechtkam. Die folgende Halbestunde war auch für Härri anstrengend, weil das kleine Mädchen ununterbrochen weinte, Miles aber nichts davon wissen wollte, dass sein Kollege wieder gehe und man sich übers Wochenende treffe oder eine Videobesprechung abmache. Schliesslich schlief die kleine Patientin aber erschöpft ein, nachdem sie ihr Vater in der Badewanne sanft heruntergekühlt und ihr ein Zäpfchen gegen das Fieber verabreicht hatte.
Härri konnte sich in der Zwischenzeit in der Wohnung umsehen, die nicht, wie er erwartet hatte, futuristisch eingerichtet war mit allerlei smarter Haustechnik, sondern wie das normale, eher biedere Heim einer Kleinfamilie. Mit vielen gerahmten Fotos und erstaunlich kitschigen Postern an den Wänden. Und mit billigen Ikea-Möbeln. Nur Miles’ Studio entsprach Härris Erwartungen, ein recht geräumiges Zimmer, das sehr ordentlich und dicht mit Technik vollbepackt war. Es gab ein breites Panorama aus zusammengesetzten Bildschirmen, davor einen bequemen Sessel. Verschiedene Kameras steckten auf Stativen, Tablare waren belegt mit VR-Brillen und Hand-Controllern, und es standen Aufhängevorrichtungen für Kabel herum, die wie Fischerangeln auf Sockeln aussahen. Nicht von allen Objekten, die er sah, konnte Härri die Funktion ablesen. Als Miles von seinen Vaterpflichten zurückkam, begann er so ausführlich zu erklären, dass ihn Härri unterbrechen und an den Zweck seines Besuchs erinnern musste.
Das meiste hatten sie schon besprochen und sich darauf geeinigt, nicht alle Aktivitäten gemeinsam anzuleiten, weil sonst zu befürchten war, dass technische Fragen und Probleme im Vordergrund stünden, die nur von Miles zu lösen waren und somit Härri in eine Assistentenrolle gedrängt würde. Sie beschlossen darum, den Studierenden zwei Unterthemen anzubieten, von denen je eines schwerpunktmässig von einem von ihnen betreut würde. Anfang und Abschluss der Woche wollten sie auf jeden Fall gemeinsam im Plenum abhalten. Miles schlug vor, unter dem Titel «Perpektivenwechsel – ein Spaziergang in meinen Schuhen» ein Mixed-Media-Projekt aufzuziehen, bei dem eine oder zwei Studentinnen aus seiner Gruppe einen persönlichen Spaziergang durch die Stadt unternehmen und mit einer 3-D-Kamera filmen sollten. Diese subjektive Sicht sollte dann so aufbereitet werden, dass es andern möglich würde, quasi in die Schuhe der Spaziergängerin zu schlüpfen und mit ihren Augen zu sehen, mit VR-Headsets, aber in der realen Umgebung, aus der dann auch live Elemente eingespielt werden könnten. An der Präsentation, die er am letzten Tag durchführen wollte, sollte es allen Studierenden offenstehen, den virtuellen Spaziergang zu erleben.
Härri war beeindruckt.
«Ich habe noch nicht alles verstanden, aber ich glaube dir, dass du das hinbekommst», meinte er lachend.
Er selbst brauchte keinen neuen Titel für sein Vorhaben, er verwendete denjenigen der ganzen Projektwoche, auf Deutsch: «Mit anderen Augen». Er wollte den Studierenden möglichst viel Raum lassen, um im Hin-und-Her zwischen den Medien zu experimentieren. Technisch kannte er sich am besten damit aus, Zeichnung, Malerei und Fotografie mit digitalen Mitteln weiterzubearbeiten, dann wieder zu übermalen, wieder zu digitalisieren und so weiter.
«Wenn die Studierenden meiner Gruppe auch Virtual Reality einbauen wollen, kannst du uns dann helfen, oder bist du durch dein Vorhaben völlig absorbiert?», wollte er von Miles wissen.
«Nein», beruhigte ihn dieser. «Ich habe schon etwas vorbereitet. Deine Gruppe könnte eine Ausstellung in einer virtuellen Umgebung einrichten, in der man als Betrachter ihren Resultaten der Woche begegnet. Das würde auch zu deinem Thema passen.»
Das stimmte. Inhaltlich wollte sich Härri nämlich mit «dem Blick» beschäftigen. Mit der Frage, wer beim Machen und Betrachten von Bildern schaue und erschaffe, wer angeschaut und erschaffen werde. Ausgehen wollte er einerseits von dem Selbstbildnis der Renaissance-Malerin Sofonisba Anguissola, das als Bild im Bild gerade von ihrem Lehrer Bernardino Campi gemalt wird. Als zweiter Impuls sollte ein Wortbild des Künstlers Rémy Zaugg dienen:
ICH
DAS BILD
ICH SEHE
Als sie fertig waren, stellte sich Miles nochmals vor die Türe des Kinderzimmers, die einen Spalt weit offenstand. Härri folgte ihm und roch den Dunst des schwitzenden Kindes.
«Es überfällt mich auch sonst noch manchmal», sagte Miles mit leiser Stimme. «Das ich mich vergewissern muss, ob sie noch atmet.»
An diese Angst konnte sich Härri erinnern. Sie gingen in die Küche und tranken noch ein Glas Mineralwasser. Als ihm eingeschenkt wurde, sah Härri, wie sich die implantierten Magnete auf Miles’ Fingerrücken abzeichneten.
«Hast du eigentlich keine Probleme damit?», fragte er ihn.
Miles zögerte mit der Antwort.
«Eigentlich nicht. Einen grösseren auf dem Handrücken musste ich wieder entfernen lassen. Weil es eine Infektion gab. Aber die andern möchte ich nicht mehr missen. Ich spüre damit elektrische Felder um mich herum. Zuerst war das eine Art sehr feiner Vibration, in den Fingern selbst. Mittlerweile hat das aber mein Gehirn integriert und es ist ein neues Wahrnehmungsorgan entstanden, das den Sinneseindruck nach aussen projiziert. Ich spüre es draussen, im Raum, es ist wirklich verrückt! Ich weiss unmittelbar, wo Leitungen verlaufen, wo magnetische Quellen sind, die ich nicht sehe ...»
«Du glaubst wirklich daran?» fragte Härri.
«Das ist keine Glaubensfrage, Lukas», protestierte Miles.
«Nein, ich meine nicht das», korrigierte sich Härri. «Ich meinte: du glaubst daran, dass unser Gehirn eines Tages in einen Cyporg-Körper hochgeladen werden kann?»
«Ja! Und wenn uns die künstliche Intelligenz bald dabei hilft, das Alter zu überwinden, werde ich das vielleicht noch erleben. Dann kann ich theoretisch ewig leben ...»
Bevor Härri etwas erwidern konnte, begann die Kleine zu weinen. Er verabschiedete sich schnell und nahm dann die Treppe. Er musste nachdenken.
Die Projektwoche strengte Härri so sehr an, dass er sich zwischendurch fragte, wie lange er so etwas noch machen wollte. Miles und er waren pausenlos im Einsatz, vor allem und wie er befürchtet hatte, als Helfer und Problemlöser bei technischen Schwierigkeiten. Härri drängte in seiner Gruppe zwar immer wieder darauf, das Augenmerk auf die Qualität, die Tiefe der Gedanken und die Ästhetik bei der Ausführung zu richten und sich nicht zu verzetteln im Ausprobieren immer neuer Werkzeuge. Aber es war schwierig. Die jungen Menschen waren neugierig und er wollte sie nicht bremsen, nur weil er es besser zu wissen meinte.
Trotz der Hektik gab es auch Momente, in denen Staunenswertes geschah und die Zeit auf einmal stillzustehen schien. Alina war schon bei Härris Einführung tief beeindruckt gewesen von Anguissolas rätselhaftem Gemälde. Ihre erste Idee war gewesen, das Prinzip des Bildes – das Selbstporträt erscheint als Bild im Bild im Zustand seiner Erschaffung durch einen ebenfalls im Bild erscheinenden Autor – in die Welt digitaler Selfies zu übertragen. Da die Malerin damals ihren renommierten Lehrer Campi als Modell für den fiktiven Maler ihres Porträts ausgewählt hatte, musste Härri als Alinas Lehrer für ein paar Stunden zur Verfügung stehen. Mit der Einwilligung seiner anderen Schützlinge durfte er sich so wenigstens für eine Weile von der Betriebsamkeit seiner Rolle als Troubleshooter beurlauben lassen.
Aline hatte zuerst viel zu viele Ideen im Kopf, was dazu führte, dass sie sich auch in Anguissolas über vierhundert Jahre altem, ins Bild gesetztem Gedankenexperiment komplett verhedderte.
«Ich komme nicht mehr draus», klagte sie schliesslich. «Ist das Selbstporträt im Bild nun von ihr oder von Campi?»
Härri erklärte ihr, das Gemälde sei immer als «autoritratto» bezeichnet worden und anhand von Stilanalysen sei das Bild im Bild eindeutig ihr zuzuordnen. Er zeigte Aline eine Fotografie, auf der man das Gemälde im Zustand seiner kürzlich erfolgten Restaurierung sah. Dabei war eine frühere, später wieder verworfene Variante des einen Arms der Porträtierten zum Vorschein gekommen.
«Siehst du, es sieht fast so aus, als wolle sie ihrem Lehrer den Pinsel aus der Hand nehmen», sagte er. «Vielleicht hat ihr Campi auch ins Werk gepfuscht bei dem Porträt, da kannten die Meister damals nichts. Auch ich habe das noch erlebt, bei Fässler in Hamburg.»
«Aber wie machen wir es jetzt», drängte Aline. «Hilf mir ein bisschen!»
Sie fanden einen Weg. Es entstand eine Serie von Fotos, die sie immer weiter verbesserten, bis Aline eine Form gefunden hatte, die sie überzeugte, zuletzt sogar begeisterte. Damit konnte sie weiterfahren, mit malerischen Mitteln, wie sie vorhatte.
Die Fotografie wurde dominiert von Alines Porträt, zu sehen auf einem grossen, hochkant gestellten Bildschirm. Links daneben stand Härri, halb abgedreht und über die Schulter zum Betrachter blickend. Statt des Pinsels hielt er eine kleine Systemkamera, deren Objektiv ebenfalls auf den Betrachter – oder wenn man es sich so vorstellen konnte: auf Aline als Modell – gerichtet war. Statt des Malstocks, den Campi im Original auf den Rand des Gemäldes aufstützt, führte ein Kabel von der Kamera weg zur Rückseite des Monitors. Aline hatte es zuerst gestört, dass die auf diese Weise suggerierte Bildübertragung nicht «der Wirklichkeit» entsprach, aber Härri hatte sie davon überzeugen können, dass die Aussagekraft des Bildes nicht von einer solch technischen Übereinstimmung abhinge. Auch er fand das zum Schluss ausgewählte Bild sehr gelungen, obwohl ihm sein Erscheinen im Bild einer Studentin nach den ersten Versuchen noch peinlich gewesen war.
Ein weiterer Höhepunkt war für Härri der Spaziergang durch die Stadt, den er am letzten Tag, ausgerüstet mit einem VR-Headset und fürsorglich begleitet durch eine Studentin, erleben durfte. Die Gruppe von Miles hatte sich für zwei Protagonisten entschieden, «in deren Schuhe» man in den Rundgang eintauchen konnte. Der eine war Juan, und natürlich wollte es sich Härri nicht entgehen lassen, Augst mit den Augen des jungen Kolumbianers zu sehen.
Die visuellen Einspielungen von Wandgemälden aus Bogotá, immer wieder über Hauswände gelegt, die Härri so gut kannte, waren eindrücklich. Es war aber Juans Stimme, die ihn tief berührte. Er hörte sie über die Kopfhörer, dann aber breitete sie sich immer mehr aus im Inneren seines Schädels, synchronisierte sich mit den Bewegungen, von denen er bald nicht mehr wusste, welches seine eigenen waren. Der Kerl hat einen Sinn für Rhythmus, unglaublich, dachte er. Noch mehr staunte er, als er mit seiner Begleiterin von der Sichelenstrasse in die Nordcaveastrasse abgebogen war und Juans Stimme plötzlich in einem anderen Tonfall sprach. Gleichzeitig schob sich ein Bild über den kleinen ovalen Platz vor Härris Augen, und er befand sich mitten in einer Visualisierung des römischen Amphitheaters, das hier einst gestanden hatte.
«Du hast mich gerufen? Hier bin ich!», rief die Stimme dazu. «Der genius huius loci, oder der GHL, wie die schlauen Römer auf ihre Andachtssteine schrieben, wenn sie ihn einem Ortsgeist widmeten, den sie nicht kannten und trotzdem auf Nummer sicher gehen wollten. Was willst du von mir wissen? Wie es hier einst aussah? Wie es roch und tönte, wenn hier die Provinzgladiatoren räudige Bären und Wölfe totschlugen?»
Gut recherchiert, Juan, dachte Härri, aber nun wurden im Hintergrund die Geräusche einer tobenden Zuschauermenge eingeblendet, vermischt mit heiseren Schreien von Tieren. Kurz bildete er sich tatsächlich ein, er könne den Schweiss der Menschen, das Blut und den Kot riechen. Dann kam ihm in den Sinn – und er war fast froh um den Gedanken, der ihn aus der Immersion riss –, dass Miles und seine Gruppe auf solche olfaktorischen Mittel verzichtet hatten, weil es den Rahmen der Möglichkeiten gesprengt hätte. Aber er musste zugeben, dass er für einen kurzen, fremden Augenblick überwältigt worden war.
16.4.24
Ghost in the Shell
Nach seinem Besuch bei Da-ra, es war an einem Samstagmorgen, erwachte Härri erst um elf Uhr. Geweckt hatte ihn das feine Rauschen des Regens, das durch das geöffnete Fenster zu ihm drang. Er stand auf und sah auf den Fluss. Die Stadt am Gegenufer lag unter grauen Schleiern. Er schloss das Fenster und zog sich einen Pullover über. Es hatte merklich abgekühlt.
Er war gegen drei Uhr morgens zurückgekehrt. Erst kurz vor Mitternacht, als er eigentlich schon ans Heimkehren dachte, hatte ihn Da-ra nach seiner Meinung zu ihrer Ausstellung gefragt. Sein Schweigen zu diesem Thema hatte sie zu dem Zeitpunkt schon als Ablehnung ihrer Arbeit interpretiert. Er hatte ihr daraufhin zu erklären versucht, dass dem nicht so sei.
«Überfordert war ich», sagte er schliesslich, als er einsehen musste, dass sie ihm nicht glaubte. Er war froh, dass ihm dieser Ausdruck eingefallen war.
«Die Gleichzeitigkeit der vielen Gegensätze, ihre Gleichwertigkeit auch, das hat mich wirklich überfordert. Schon bei der Wahl der Materialien: Hartes und Weiches, Gewachsenes und industriell Gefertigtes. Glatte, glänzende Oberflächen gegen aufgeraute, scharfkantige. Festes und Flüssiges. Und das ziehst du ja durch auf allen Ebenen. In den Dimensionen, der Farbigkeit, der Art der Präsentation. Mit und ohne Sockel oder Rahmen. Gestellt, gelegt, aufgehängt ...»
Sie hatte gelacht und ergänzt:
«... und hingeworfen!
Und er:
«Oder im Luftstrom schwebend. Das scheint in dieser Ausstellung das populärste Werk zu sein, dein weisses Gespenst. Hat mir auch sehr gut gefallen. Und die drei Cyborgs übrigens auch. Das sind ältere Arbeiten, nicht?»
Da-ra hatte bestätigt, dass sie die Cyborg-Figuren schon einige Male gezeigt habe. Für die Ausstellung in Bregenz sei aber wieder eine andere Aufhängung probiert worden. Was ihm an ihnen denn gefallen habe, wollte sie wissen.
Er hatte überlegen müssen. Die Figuren erinnerten ihn auf den ersten Blick an Heldinnen aus japanischen Comics. Allerdings hatten sie keine Köpfe, und allen fehlte mindestens ein Arm und ein Bein. Die Stümpfe, dort wo die Gliedmassen fehlten, waren so gestaltet, dass sie einmal an antike Torsi, dann wieder an amputierte Kriegsversehrte denken liessen. Vieldeutigkeit auch bei den Geschlechtsmerkmalen, die zwar mehrheitlich weiblich wirkten, an den «entscheidenden Stellen» aber die Erwartungen durchkreuzten.
«Du meinst, die männlichen Erwartungen?», hatte sie spöttisch bemerkt. «Die für den male gaze entscheidenden Merkmale?»
«Ja, natürlich», hatte er zugegeben, wobei leiser Ärger in ihm hochstieg. Wie oft hatte er mit Carmela über dieses Thema gestritten, dann auch mit Sofia, als sie erwachsen geworden war. Nach jahrelanger Bearbeitung hatten sie ihn schliesslich davon überzeugen können, dass er als Mann die Wirkung des male gaze auf die Frauen nicht wirklich beurteilen könne. Vor allem gehe es bei der Diskussion über den männlichen Blick nicht nur um das Scannen weiblicher Körper durch einzelne Männer, um ihre Reduktion dieser Körper auf potenziell erregende Merkmale. Dies sei nur der individuelle Aspekt des Phänomens, bei dem man allenfalls über unbewusste, genetisch bedingte, und – wenn es das überhaupt gebe – quasi biologisch determinierte Anteile diskutieren und diese in Beziehung setzen könne zu den genderbedingten Prägungen. Nur auf dieser Ebene mache es Sinn die Frage zu stellen, ob es umgekehrt auch einen vergleichbaren weiblichen Scan-Blick auf männliche Körper gebe. Entscheidend in der Diskussion sei aber die institutionellen, in männlich dominierte Machtstrukturen eingebauten Formen des male gaze. In allen Bereichen der Kultur. In der Literatur, der bildenden Kunst, in Film und Fotografie. Auch in der Mode. In der Art, wie Frauen sich zu präsentieren hätten in den sozialen Medien, bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit, der Politik und so weiter.
Härri hatte Da-ra Einblicke gegeben in die Streitgespräche mit «seinen zwei Frauen» und ihr damit auch zeigen wollen, wie weit er es in seinem Lernprozess schon gebracht habe. Sie hatte ihm ruhig zugehört, da und dort eine Frage gestellt. Viel gelächelt dazu, sodass er nicht wusste, ob sie sich über seine Bemühungen lustig machte.
«Du hältst mich für eine feministische Künstlerin?», hatte sie schliesslich gefragt.
«Ja», bestätigte Härri. «Bist du’s nicht?»
Da-ra hatte überlegt.
«Ich weiss nicht ... Es gab sicher eine Zeit, wo die Bezeichnung stimmte. Als ich meine Performances gemacht habe. Allein durch die Tatsache, dass ich das mit meinem Körper machte, der nun mal weiblich ist, wurde das so gelesen. Aber ich habe nie auf diese Weise Kunst gemacht, dass ich mir sagte: ‘Jetzt mache ich was Feministisches. Oder was Politisches.’ Ich fühlte mich schon damals als «ghost in a shell», als Geist ... als Seele ... besser noch: als Wille in einer körperlichen Hülle, die mir oft fremd vorkam. Irgendwie austauschbar. Und paradoxerweise unzerstörbar.»
An diesem Punkt ihres Gesprächs hatte Härri völlig vergessen, dass er schon einmal soweit gewesen war, aufzubrechen. Ein plötzlicher Einfall hatte ihn veranlasst zu fragen:
«Glaubst du an Geister?»
«Komm, wir gehen hinein, mir wird kalt», hatte sie geantwortet. Und noch während sie Gläser hineintrugen und Sitzkissen versorgten, hatte es zu regnen begonnen. Da-ra hatte Tee gemacht, und als er schon dachte, sie wolle seine Frage nicht beantworten, begann sie von Erinnerungen an die Kindheit zu erzählen. Von Behandlungen durch eine Mudang, eine Schamanin, deren Rituale dem kleinen Mädchen unverständlich und unheimlich vorkamen. Ihre Eltern zahlten jedoch viel Geld dafür, für Opfergaben wie Schweinsköpfe. Oder für die Medizin, die zu trinken man Da-ra nötigte. Die so völlig verschiedenen Stimmen, mit denen die Mudang sprach, in denen sie auch sehr laut sang oder herumbrüllte, hatten sie am meisten geängstigt. Aber wenn sie in ihrer Panik die Augen zudrückte, wurde es nur noch schlimmer, weil sie dann glaubte, der Raum sei gefüllt mit Geistern. Also hatte sie sich gezwungen, der Schamanin auf dem Mund zu schauen und sich eingeredet, dass diese nur ein «Theater» aufführe. Dieser Ausdruck, den Da-ras Eltern, vor allem ihre Mutter, oft gebrauchte, um die ungewöhnlichen Verhaltensweisen ihrer Tochter zu geisseln, Anfälle von etwas, was in ihren Augen unanständig oder gar Tollheit war und sie die Hilfe einer Geisterbeschwörerin suchen liess, ausgerechnet dieser Ausdruck half nun dem Kind, sich den Exorzismus der Mudang kleinzureden und so vom Leibe zu halten. Ob die koreanischen Schamaninnen etwas mit den europäischen Hexen zu tun hätten, wollte Härri wissen, worauf Da-ra weit ausholen musste.
«Es ist kompliziert. Ich bin mit Aurelia schon länger dran an diesem Thema. Der von Frauen dominierte Schamanismus war Koreas ursprüngliche Religionsform, wobei man nicht weiss, ob es sich um die Variante eines Schamanismus handelt, der aus Sibirien kam, oder um eine eigenständige Parallelform. Der Ursprung der europäischen Heilerinnen und Magierinnen ist dagegen kaum einer einheitlichen Religion zuzuordnen. Die Feministinnen stellen oft den Bezug her zur jüngeren Altsteinzeit, auch Aurelia tut das. Aber das reicht zurück in Epochen, wo die Archäologie keine Beweise erbringen kann für die Behauptung matriarchalisch organisierter Gesellschaften. Dagegen gibt es Parallelen in der Geschichte der Unterdrückung der «weisen Frauen» in Europa und in Korea.»
Da-ra hatte nochmals Tee gebrüht, und nachdem sie beiden eingeschenkt hatte, fuhr sie fort.
«In den frühen Dynastien Koreas war der Schamanismus Staatsreligion, die männlichen Herrscher waren Könige und Schamanen gleichzeitig. Mit der Behauptung, sie hätten eine direkte Verbindung zum Himmel und zu den Geistern, legitimierten sie ihre Macht.»
«Wie die Ayatollahs?», fragte Härri.
«Zum Beispiel, ja. Als aber andere, neue Religionen auftauchten, kam der Schamanismus unter Druck. Zur Zeit des europäischen Mittelalters war es der Buddhismus, dann etwa ab Vierzehnhundert der Konfuzianismus. Da wurden die Schamanen völlig ausgegrenzt. Allerdings auch die Taoisten und Buddhisten. Später kamen die christlichen Missionare, dann die Japaner. Alle waren den Schamanen feindlich gesinnt. Vielleicht blieben darum hauptsächlich die Frauen übrig, für die Unterdrückung eh schon der Normalzustand war. Es wurde auch nicht besser nach dem zweiten Weltkrieg, nach der Kapitulation Japans und der Trennung Koreas. Im Norden ist der Schamanismus verboten, wird aber wohl heimlich trotzdem praktiziert. Im Süden wird er von einem Teil der Bevölkerung als rückständiger Aberglaube verachtet. In den 1970er-Jahren wurde er als Folklore wiederentdeckt, in den 1980ern zu einem Teil des Widerstands gegen die Militärjunta erklärt. Heute ist das meiste kommerzialisiert, ein Riesengeschäft.»
«Glaubst du denn an Schamanismus? An Geister?», hatte Härri seine Frage wiederholt.
«Nein», antwortete Da-ra. «Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie meine Mutter daran glaubte. Dass man einen Schweinskopf opfert und die Mudang ihr Ritual durchführen lässt, und dann funktioniert die Tochter wieder normal. In meinen frühen Performances habe ich ironisch auf dieses magische Denken Bezug genommen.»
Sie hatte gelacht, und war darauf wieder ernst geworden.
«Aber dass man nicht nur nehmen kann auf dieser Welt, und wir mit allem verbunden sind auf dem Planeten ..., an solche Sachen glaube ich schon.»
Da-ras Bemerkungen zum «ghost in the shell» beschäftigten Härri. Er kannte selbst Momente, in denen sich sein Ich, sein «ghost», wenn man so wollte, im Körper zwar noch beheimatet fühlte, aber auf seltsame Weise von diesem dann als «Hülle» empfundenen Leib getrennt. Wenn ihm dies bei seinen Taiji-Übungen widerfuhr, missglückten ihm nicht nur die Bewegungen, sondern auch die ganze Koordination. Die Beherrschung von Raum und Zeit, Impuls und Gravitation, Auswahl und Fokus der Gedanken, einfach alles. Dann, so hatten es ihn seine Meister gelehrt, musste er auf die Grundelemente zurückgreifen und diese mit all der Sorgfalt ausüben, derer er noch fähig war. Und hoffen, dass sich alles wieder zusammenfüge, der Geist mit seiner Hülle wieder eins werde. Das war, wie er inzwischen wusste, der Hauptgrund, warum er noch immer Taiji machte.
Er begann eine Serie von Zeichnungen zu dem Thema. Und er wollte ein paar der Filme ansehen, die es gab und die alle auf den Manga-Comic von Neunzehnneunundachtzig zurückgingen. Noah würde ihm sicher Auskunft geben können, welche sich zu sehen lohnten und vielleicht wollte er sogar einen mit Härri zusammen anschauen. Er schrieb ihm eine Nachricht und fragte ihn, ob er Zeit und Lust dazu habe. Von den Trickfilmserien habe er genug, schrieb Noah zurück. Er sei eine Weile süchtig gewesen. Aber den Film mit Scarlett Johansson habe er damals nicht anschauen wollen und deshalb noch nicht gesehen. Ob Härri den besorgen könne.
Sie verabredeten sich an einem Abend, wo sie beide am Morgen danach nicht früh aufstehen mussten, und Härri mietete nicht nur den Film, er buk auch einen Kuchen, von dem er wusste, dass der Junge ihn gerne ass.
Dass mit Noah etwas los war, merkte Härri an dessen Reaktion auf die Figur des Cyborgs «Major», den Johansson verkörperte. Normalerweise hätte Noah die Szenen, in denen der künstliche, aber eben auch sehr naturalistische Frauenkörper Majors aufreizend inszeniert wird, mit allerlei derb anerkennenden Ausrufen kommentiert. Heute blieb er merkwürdig stumm. Auch als Härri nachfragte, ob ihm Johansson in der Rolle nicht gefalle, wollte er nichts sagen.
«Es war eigentlich klar, dass sie das spielen muss», meinte Härri. «Nach ihrem Auftritt in dem Science-Fiction-Film «Under the Skin», ein paar Jahre vor diesem hier.»
Noah schnaubte nur ein paar Mal. Er hatte auch jenen Film nicht gesehen und wollte jetzt schauen. «Krass» fand er die Umsetzung der Grossstadt, die Werbung zum Beispiel, die in der Form leuchtender und animierter Hologramme über und zwischen den Wolkenkratzern schwebte. Besonders gefielen ihm die Shubunkin-Goldfische, die gemächlich und elegant durch die Strassenschluchten schwammen.
«Zu was die gut sein sollen, weiss niemand», fand er. «Wenn mir einer entgegenkäme, ich so auf meiner Wolke, meine ich ... Ich würde dem garantiert nachgucken, bis ich in eine parkierte Karre knalle. Aber geil irgendwie, dass das in dieser Stadt erlaubt ist.»
Härri fiel auf, welch starke Rolle das Wasser und Unterwasserwelten in dem Film spielten. Wie in der Kunst, dachte er. In den Videos, die er in den letzten Jahren gesehen hatte. Ursuppen, in die tief eingetaucht wird. Die an die Urmeere denken liessen, in denen einst das Leben auf dem Planeten entstand. Dann wieder an Datenfluten, in denen Algorithmen-Quallen auf die Jagd gingen.
Noah wiederholte Sätze aus dem Film, als er vorbei war.
«I’m not a machine, I’m a weapon! – Hnf! My mind is human, but my body is manufactured! Ich kenne ein paar Leute, die glauben, dass das bald kommen wird. Dass man seine Birne irgendwo hochladen kann, auf einen anderen Körper, eine Maschine, was weiss ich. Was meinst du?»
Härri hatte vor Kurzem wieder mit Miles darüber gesprochen.
«Unser Transhumanist ist fest davon überzeugt, dass er das noch erleben wird. Ich wohl eher nicht ...»
«Was jetzt?», fuhr Noah auf. «So alt bist du nun auch wieder nicht!»
Härri wiegte seinen Kopf hin und her.
«Na, ich weiss nicht. Ich glaube eben nicht daran, dass es so schnell gehen wird. Jetzt ist das ein Riesenhype, und viele reden schon von einer allgemeinen künstlichen Intelligenz, die bald kommen soll. Von künstlichem Bewusstsein. Aber nach all dem, was ich dazu gelesen und nachgedacht habe, kann man das nicht ausserhalb eines Körpers, ohne einen Körper machen. Nur mit Computern erzeugen, meine ich, und es dann – nachträglich – in eine Hülle einpflanzen. Allgemeine Intelligenz, Bewusstsein braucht einen Leib, und zwar schon bei seiner Entstehung. Sinnesorgane und Gliedmassen, mit denen es mit der Umwelt kommunizieren und sich in ihr bewegen kann. Von ihr, von anderen Wesen lernen, sich an sie anpassen, und umgekehrt auf sie einwirken.»
«I’m a Monster!», knarzte Noah. Dann, in bewunderndem Tonfall:
«Mann, du hast schon viel nachgedacht!
Und, nach einer Pause:
«Ich bin auch am Lernen gerade ...»
Härri spürte sein Gewissen. Er hatte Noah schon lange nicht mehr zum Fortgang seiner Lehre befragt.
«Habt ihr bald wieder Prüfungen? Woran bist du, was musst du lernen?»
Noah winkte ab.
«Nein, nicht so. Es ist ... Hnf!» Sein Kopf flog so heftig hin und her, dass Härri versucht war, ihn festzuhalten. Er hielt sich zurück und wartete, bis Noah sich beruhigt hatte und weitersprach.
«Ich ... also ... Nnhf! Wir hatten da so eine Party, und da war ... Also, ich ...»
Er hat jemanden kennengelernt, dachte Härri, und wollte nachfragen, als Noah aufsprang, zum Fenster rannte und es aufriss.
«Uuaaah!», schrie er hinaus in die Nacht. Dann drehte er sich um und lachte hysterisch. Schrie dann wieder, als Härri das Fenster bereits geschlossen hatte.
«Peng! Verknallt, Mann. Ich bin verknallt! Und sie ... sie in mich! Mich!»
Er schlug sich mit der Faust auf die Brust, mehrmals. Diesmal ging Härri mit zwei schnellen Schritten auf ihn zu, umfasste sein Handgelenk und bremste einen letzten Schlag ab. Umarmte ihn dann, strich ihm über den struppigen Kopf.
«Noah! Ach, wie schön!», sagte er leise. Und als sich Noah etwas beruhigt hatte:
«Das müssen wir feiern! Ich habe noch eine Flasche Knallwein im Eisschrank. Magst du? Komm, zum Kuchen ...»
Den Korken liess Noah ungebremst gegen die Zimmerdecke sausen. Er war sehr aufgeregt und nicht in der Lage, der Reihe nach zu erzählen. Mit vielem Nachfragen konnte Härri herausfinden, dass die neue Freundin Milena hiess. Sie war in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ihr Vater kam aus Tschechien, die Mutter war von hier. Sie war ein bisschen älter als Noah, aber «überhaupt nicht hochnäsig», wie dieser betonte. Und sie störe sich nicht an seinen Ticks, obwohl sie immer noch manchmal zusammenzucke, wenn er plötzlich losschreie. Sie habe auch lange Probleme gehabt in der Schule, bis man gemerkt habe, dass sie ADS habe, wie er. Nur ohne Tourette und ohne Zappeldings. Vor allem aber, und da musste Noah tief Luft holen, sei sie wunderschön.
«Wenn sie so neben mir geht ... Alter! Ich kann’s gar nicht glauben, dass sie mit so einem wie mir ... Sie ist eine, der man nachschaut, Mann. Ist das gewohnt. Merkst du daran, wie sie sich bewegt und so. Sie macht ein bisschen auf etwas zwischen gothic und punk, aber nicht extrem. Hat halt gerne schwarze Klamotten. Schwarze Strubbel-Frise, schwarze Lippen. Lässt sie jetzt manchmal weg, mir zuliebe. Ist zum Knutschen nicht ideal.»
Härri verkniff sich die Frage, ob Noah seine Freundin einmal zu ihm mitnehme, da hob dieser an:
«Ähm, ich wollte ... das heisst, ich habe ... Es ist so: Ich kann Milena schon zu mir nachhause mitnehmen, aber wir haben da keine ... Verstehst du, was ich meine?»
Härri verstand sehr gut.
«Und bei Milena ist das ähnlich, nehme ich an? Nichts mit sturmfrei ...?
Noah atmete auf.
«Du hast’s gecheckt. Bei Milena ist die Bude immer voll mit Kids. Ihre Geschwister, deren Kollegen ... Und da wollte ich dich fragen ...»
Härri unterbrach ihn.
«Ich hab’s schon begriffen. Ihr möchtet ab und zu hierherkommen? Wenn ich nicht da bin, nehme ich an?»
Noah nickte eifrig.
«Hör zu, Turetti. Von mir aus ist das völlig in Ordnung. Was ich nicht brauche, sind Spielchen mit euren Eltern, wo ich dann ein Teil davon werde. Ihr seid alt genug, um das mit ihnen auszuhandeln, finde ich. Und ich will auch nicht schuld sein, wenn es ein Kind gibt, das niemand gewollt hat ...»
Noah versprach, das mit den Eltern würden sie regeln. Überhaupt habe Milena fast dasselbe gesagt wie Härri, und auch er, Noah, sei schliesslich bald erwachsen. Als er fertig war, nahm ihn Härri nochmals in die Arme. Noah liess es geschehen.
Er war gegen drei Uhr morgens zurückgekehrt. Erst kurz vor Mitternacht, als er eigentlich schon ans Heimkehren dachte, hatte ihn Da-ra nach seiner Meinung zu ihrer Ausstellung gefragt. Sein Schweigen zu diesem Thema hatte sie zu dem Zeitpunkt schon als Ablehnung ihrer Arbeit interpretiert. Er hatte ihr daraufhin zu erklären versucht, dass dem nicht so sei.
«Überfordert war ich», sagte er schliesslich, als er einsehen musste, dass sie ihm nicht glaubte. Er war froh, dass ihm dieser Ausdruck eingefallen war.
«Die Gleichzeitigkeit der vielen Gegensätze, ihre Gleichwertigkeit auch, das hat mich wirklich überfordert. Schon bei der Wahl der Materialien: Hartes und Weiches, Gewachsenes und industriell Gefertigtes. Glatte, glänzende Oberflächen gegen aufgeraute, scharfkantige. Festes und Flüssiges. Und das ziehst du ja durch auf allen Ebenen. In den Dimensionen, der Farbigkeit, der Art der Präsentation. Mit und ohne Sockel oder Rahmen. Gestellt, gelegt, aufgehängt ...»
Sie hatte gelacht und ergänzt:
«... und hingeworfen!
Und er:
«Oder im Luftstrom schwebend. Das scheint in dieser Ausstellung das populärste Werk zu sein, dein weisses Gespenst. Hat mir auch sehr gut gefallen. Und die drei Cyborgs übrigens auch. Das sind ältere Arbeiten, nicht?»
Da-ra hatte bestätigt, dass sie die Cyborg-Figuren schon einige Male gezeigt habe. Für die Ausstellung in Bregenz sei aber wieder eine andere Aufhängung probiert worden. Was ihm an ihnen denn gefallen habe, wollte sie wissen.
Er hatte überlegen müssen. Die Figuren erinnerten ihn auf den ersten Blick an Heldinnen aus japanischen Comics. Allerdings hatten sie keine Köpfe, und allen fehlte mindestens ein Arm und ein Bein. Die Stümpfe, dort wo die Gliedmassen fehlten, waren so gestaltet, dass sie einmal an antike Torsi, dann wieder an amputierte Kriegsversehrte denken liessen. Vieldeutigkeit auch bei den Geschlechtsmerkmalen, die zwar mehrheitlich weiblich wirkten, an den «entscheidenden Stellen» aber die Erwartungen durchkreuzten.
«Du meinst, die männlichen Erwartungen?», hatte sie spöttisch bemerkt. «Die für den male gaze entscheidenden Merkmale?»
«Ja, natürlich», hatte er zugegeben, wobei leiser Ärger in ihm hochstieg. Wie oft hatte er mit Carmela über dieses Thema gestritten, dann auch mit Sofia, als sie erwachsen geworden war. Nach jahrelanger Bearbeitung hatten sie ihn schliesslich davon überzeugen können, dass er als Mann die Wirkung des male gaze auf die Frauen nicht wirklich beurteilen könne. Vor allem gehe es bei der Diskussion über den männlichen Blick nicht nur um das Scannen weiblicher Körper durch einzelne Männer, um ihre Reduktion dieser Körper auf potenziell erregende Merkmale. Dies sei nur der individuelle Aspekt des Phänomens, bei dem man allenfalls über unbewusste, genetisch bedingte, und – wenn es das überhaupt gebe – quasi biologisch determinierte Anteile diskutieren und diese in Beziehung setzen könne zu den genderbedingten Prägungen. Nur auf dieser Ebene mache es Sinn die Frage zu stellen, ob es umgekehrt auch einen vergleichbaren weiblichen Scan-Blick auf männliche Körper gebe. Entscheidend in der Diskussion sei aber die institutionellen, in männlich dominierte Machtstrukturen eingebauten Formen des male gaze. In allen Bereichen der Kultur. In der Literatur, der bildenden Kunst, in Film und Fotografie. Auch in der Mode. In der Art, wie Frauen sich zu präsentieren hätten in den sozialen Medien, bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit, der Politik und so weiter.
Härri hatte Da-ra Einblicke gegeben in die Streitgespräche mit «seinen zwei Frauen» und ihr damit auch zeigen wollen, wie weit er es in seinem Lernprozess schon gebracht habe. Sie hatte ihm ruhig zugehört, da und dort eine Frage gestellt. Viel gelächelt dazu, sodass er nicht wusste, ob sie sich über seine Bemühungen lustig machte.
«Du hältst mich für eine feministische Künstlerin?», hatte sie schliesslich gefragt.
«Ja», bestätigte Härri. «Bist du’s nicht?»
Da-ra hatte überlegt.
«Ich weiss nicht ... Es gab sicher eine Zeit, wo die Bezeichnung stimmte. Als ich meine Performances gemacht habe. Allein durch die Tatsache, dass ich das mit meinem Körper machte, der nun mal weiblich ist, wurde das so gelesen. Aber ich habe nie auf diese Weise Kunst gemacht, dass ich mir sagte: ‘Jetzt mache ich was Feministisches. Oder was Politisches.’ Ich fühlte mich schon damals als «ghost in a shell», als Geist ... als Seele ... besser noch: als Wille in einer körperlichen Hülle, die mir oft fremd vorkam. Irgendwie austauschbar. Und paradoxerweise unzerstörbar.»
An diesem Punkt ihres Gesprächs hatte Härri völlig vergessen, dass er schon einmal soweit gewesen war, aufzubrechen. Ein plötzlicher Einfall hatte ihn veranlasst zu fragen:
«Glaubst du an Geister?»
«Komm, wir gehen hinein, mir wird kalt», hatte sie geantwortet. Und noch während sie Gläser hineintrugen und Sitzkissen versorgten, hatte es zu regnen begonnen. Da-ra hatte Tee gemacht, und als er schon dachte, sie wolle seine Frage nicht beantworten, begann sie von Erinnerungen an die Kindheit zu erzählen. Von Behandlungen durch eine Mudang, eine Schamanin, deren Rituale dem kleinen Mädchen unverständlich und unheimlich vorkamen. Ihre Eltern zahlten jedoch viel Geld dafür, für Opfergaben wie Schweinsköpfe. Oder für die Medizin, die zu trinken man Da-ra nötigte. Die so völlig verschiedenen Stimmen, mit denen die Mudang sprach, in denen sie auch sehr laut sang oder herumbrüllte, hatten sie am meisten geängstigt. Aber wenn sie in ihrer Panik die Augen zudrückte, wurde es nur noch schlimmer, weil sie dann glaubte, der Raum sei gefüllt mit Geistern. Also hatte sie sich gezwungen, der Schamanin auf dem Mund zu schauen und sich eingeredet, dass diese nur ein «Theater» aufführe. Dieser Ausdruck, den Da-ras Eltern, vor allem ihre Mutter, oft gebrauchte, um die ungewöhnlichen Verhaltensweisen ihrer Tochter zu geisseln, Anfälle von etwas, was in ihren Augen unanständig oder gar Tollheit war und sie die Hilfe einer Geisterbeschwörerin suchen liess, ausgerechnet dieser Ausdruck half nun dem Kind, sich den Exorzismus der Mudang kleinzureden und so vom Leibe zu halten. Ob die koreanischen Schamaninnen etwas mit den europäischen Hexen zu tun hätten, wollte Härri wissen, worauf Da-ra weit ausholen musste.
«Es ist kompliziert. Ich bin mit Aurelia schon länger dran an diesem Thema. Der von Frauen dominierte Schamanismus war Koreas ursprüngliche Religionsform, wobei man nicht weiss, ob es sich um die Variante eines Schamanismus handelt, der aus Sibirien kam, oder um eine eigenständige Parallelform. Der Ursprung der europäischen Heilerinnen und Magierinnen ist dagegen kaum einer einheitlichen Religion zuzuordnen. Die Feministinnen stellen oft den Bezug her zur jüngeren Altsteinzeit, auch Aurelia tut das. Aber das reicht zurück in Epochen, wo die Archäologie keine Beweise erbringen kann für die Behauptung matriarchalisch organisierter Gesellschaften. Dagegen gibt es Parallelen in der Geschichte der Unterdrückung der «weisen Frauen» in Europa und in Korea.»
Da-ra hatte nochmals Tee gebrüht, und nachdem sie beiden eingeschenkt hatte, fuhr sie fort.
«In den frühen Dynastien Koreas war der Schamanismus Staatsreligion, die männlichen Herrscher waren Könige und Schamanen gleichzeitig. Mit der Behauptung, sie hätten eine direkte Verbindung zum Himmel und zu den Geistern, legitimierten sie ihre Macht.»
«Wie die Ayatollahs?», fragte Härri.
«Zum Beispiel, ja. Als aber andere, neue Religionen auftauchten, kam der Schamanismus unter Druck. Zur Zeit des europäischen Mittelalters war es der Buddhismus, dann etwa ab Vierzehnhundert der Konfuzianismus. Da wurden die Schamanen völlig ausgegrenzt. Allerdings auch die Taoisten und Buddhisten. Später kamen die christlichen Missionare, dann die Japaner. Alle waren den Schamanen feindlich gesinnt. Vielleicht blieben darum hauptsächlich die Frauen übrig, für die Unterdrückung eh schon der Normalzustand war. Es wurde auch nicht besser nach dem zweiten Weltkrieg, nach der Kapitulation Japans und der Trennung Koreas. Im Norden ist der Schamanismus verboten, wird aber wohl heimlich trotzdem praktiziert. Im Süden wird er von einem Teil der Bevölkerung als rückständiger Aberglaube verachtet. In den 1970er-Jahren wurde er als Folklore wiederentdeckt, in den 1980ern zu einem Teil des Widerstands gegen die Militärjunta erklärt. Heute ist das meiste kommerzialisiert, ein Riesengeschäft.»
«Glaubst du denn an Schamanismus? An Geister?», hatte Härri seine Frage wiederholt.
«Nein», antwortete Da-ra. «Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie meine Mutter daran glaubte. Dass man einen Schweinskopf opfert und die Mudang ihr Ritual durchführen lässt, und dann funktioniert die Tochter wieder normal. In meinen frühen Performances habe ich ironisch auf dieses magische Denken Bezug genommen.»
Sie hatte gelacht, und war darauf wieder ernst geworden.
«Aber dass man nicht nur nehmen kann auf dieser Welt, und wir mit allem verbunden sind auf dem Planeten ..., an solche Sachen glaube ich schon.»
Da-ras Bemerkungen zum «ghost in the shell» beschäftigten Härri. Er kannte selbst Momente, in denen sich sein Ich, sein «ghost», wenn man so wollte, im Körper zwar noch beheimatet fühlte, aber auf seltsame Weise von diesem dann als «Hülle» empfundenen Leib getrennt. Wenn ihm dies bei seinen Taiji-Übungen widerfuhr, missglückten ihm nicht nur die Bewegungen, sondern auch die ganze Koordination. Die Beherrschung von Raum und Zeit, Impuls und Gravitation, Auswahl und Fokus der Gedanken, einfach alles. Dann, so hatten es ihn seine Meister gelehrt, musste er auf die Grundelemente zurückgreifen und diese mit all der Sorgfalt ausüben, derer er noch fähig war. Und hoffen, dass sich alles wieder zusammenfüge, der Geist mit seiner Hülle wieder eins werde. Das war, wie er inzwischen wusste, der Hauptgrund, warum er noch immer Taiji machte.
Er begann eine Serie von Zeichnungen zu dem Thema. Und er wollte ein paar der Filme ansehen, die es gab und die alle auf den Manga-Comic von Neunzehnneunundachtzig zurückgingen. Noah würde ihm sicher Auskunft geben können, welche sich zu sehen lohnten und vielleicht wollte er sogar einen mit Härri zusammen anschauen. Er schrieb ihm eine Nachricht und fragte ihn, ob er Zeit und Lust dazu habe. Von den Trickfilmserien habe er genug, schrieb Noah zurück. Er sei eine Weile süchtig gewesen. Aber den Film mit Scarlett Johansson habe er damals nicht anschauen wollen und deshalb noch nicht gesehen. Ob Härri den besorgen könne.
Sie verabredeten sich an einem Abend, wo sie beide am Morgen danach nicht früh aufstehen mussten, und Härri mietete nicht nur den Film, er buk auch einen Kuchen, von dem er wusste, dass der Junge ihn gerne ass.
Dass mit Noah etwas los war, merkte Härri an dessen Reaktion auf die Figur des Cyborgs «Major», den Johansson verkörperte. Normalerweise hätte Noah die Szenen, in denen der künstliche, aber eben auch sehr naturalistische Frauenkörper Majors aufreizend inszeniert wird, mit allerlei derb anerkennenden Ausrufen kommentiert. Heute blieb er merkwürdig stumm. Auch als Härri nachfragte, ob ihm Johansson in der Rolle nicht gefalle, wollte er nichts sagen.
«Es war eigentlich klar, dass sie das spielen muss», meinte Härri. «Nach ihrem Auftritt in dem Science-Fiction-Film «Under the Skin», ein paar Jahre vor diesem hier.»
Noah schnaubte nur ein paar Mal. Er hatte auch jenen Film nicht gesehen und wollte jetzt schauen. «Krass» fand er die Umsetzung der Grossstadt, die Werbung zum Beispiel, die in der Form leuchtender und animierter Hologramme über und zwischen den Wolkenkratzern schwebte. Besonders gefielen ihm die Shubunkin-Goldfische, die gemächlich und elegant durch die Strassenschluchten schwammen.
«Zu was die gut sein sollen, weiss niemand», fand er. «Wenn mir einer entgegenkäme, ich so auf meiner Wolke, meine ich ... Ich würde dem garantiert nachgucken, bis ich in eine parkierte Karre knalle. Aber geil irgendwie, dass das in dieser Stadt erlaubt ist.»
Härri fiel auf, welch starke Rolle das Wasser und Unterwasserwelten in dem Film spielten. Wie in der Kunst, dachte er. In den Videos, die er in den letzten Jahren gesehen hatte. Ursuppen, in die tief eingetaucht wird. Die an die Urmeere denken liessen, in denen einst das Leben auf dem Planeten entstand. Dann wieder an Datenfluten, in denen Algorithmen-Quallen auf die Jagd gingen.
Noah wiederholte Sätze aus dem Film, als er vorbei war.
«I’m not a machine, I’m a weapon! – Hnf! My mind is human, but my body is manufactured! Ich kenne ein paar Leute, die glauben, dass das bald kommen wird. Dass man seine Birne irgendwo hochladen kann, auf einen anderen Körper, eine Maschine, was weiss ich. Was meinst du?»
Härri hatte vor Kurzem wieder mit Miles darüber gesprochen.
«Unser Transhumanist ist fest davon überzeugt, dass er das noch erleben wird. Ich wohl eher nicht ...»
«Was jetzt?», fuhr Noah auf. «So alt bist du nun auch wieder nicht!»
Härri wiegte seinen Kopf hin und her.
«Na, ich weiss nicht. Ich glaube eben nicht daran, dass es so schnell gehen wird. Jetzt ist das ein Riesenhype, und viele reden schon von einer allgemeinen künstlichen Intelligenz, die bald kommen soll. Von künstlichem Bewusstsein. Aber nach all dem, was ich dazu gelesen und nachgedacht habe, kann man das nicht ausserhalb eines Körpers, ohne einen Körper machen. Nur mit Computern erzeugen, meine ich, und es dann – nachträglich – in eine Hülle einpflanzen. Allgemeine Intelligenz, Bewusstsein braucht einen Leib, und zwar schon bei seiner Entstehung. Sinnesorgane und Gliedmassen, mit denen es mit der Umwelt kommunizieren und sich in ihr bewegen kann. Von ihr, von anderen Wesen lernen, sich an sie anpassen, und umgekehrt auf sie einwirken.»
«I’m a Monster!», knarzte Noah. Dann, in bewunderndem Tonfall:
«Mann, du hast schon viel nachgedacht!
Und, nach einer Pause:
«Ich bin auch am Lernen gerade ...»
Härri spürte sein Gewissen. Er hatte Noah schon lange nicht mehr zum Fortgang seiner Lehre befragt.
«Habt ihr bald wieder Prüfungen? Woran bist du, was musst du lernen?»
Noah winkte ab.
«Nein, nicht so. Es ist ... Hnf!» Sein Kopf flog so heftig hin und her, dass Härri versucht war, ihn festzuhalten. Er hielt sich zurück und wartete, bis Noah sich beruhigt hatte und weitersprach.
«Ich ... also ... Nnhf! Wir hatten da so eine Party, und da war ... Also, ich ...»
Er hat jemanden kennengelernt, dachte Härri, und wollte nachfragen, als Noah aufsprang, zum Fenster rannte und es aufriss.
«Uuaaah!», schrie er hinaus in die Nacht. Dann drehte er sich um und lachte hysterisch. Schrie dann wieder, als Härri das Fenster bereits geschlossen hatte.
«Peng! Verknallt, Mann. Ich bin verknallt! Und sie ... sie in mich! Mich!»
Er schlug sich mit der Faust auf die Brust, mehrmals. Diesmal ging Härri mit zwei schnellen Schritten auf ihn zu, umfasste sein Handgelenk und bremste einen letzten Schlag ab. Umarmte ihn dann, strich ihm über den struppigen Kopf.
«Noah! Ach, wie schön!», sagte er leise. Und als sich Noah etwas beruhigt hatte:
«Das müssen wir feiern! Ich habe noch eine Flasche Knallwein im Eisschrank. Magst du? Komm, zum Kuchen ...»
Den Korken liess Noah ungebremst gegen die Zimmerdecke sausen. Er war sehr aufgeregt und nicht in der Lage, der Reihe nach zu erzählen. Mit vielem Nachfragen konnte Härri herausfinden, dass die neue Freundin Milena hiess. Sie war in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ihr Vater kam aus Tschechien, die Mutter war von hier. Sie war ein bisschen älter als Noah, aber «überhaupt nicht hochnäsig», wie dieser betonte. Und sie störe sich nicht an seinen Ticks, obwohl sie immer noch manchmal zusammenzucke, wenn er plötzlich losschreie. Sie habe auch lange Probleme gehabt in der Schule, bis man gemerkt habe, dass sie ADS habe, wie er. Nur ohne Tourette und ohne Zappeldings. Vor allem aber, und da musste Noah tief Luft holen, sei sie wunderschön.
«Wenn sie so neben mir geht ... Alter! Ich kann’s gar nicht glauben, dass sie mit so einem wie mir ... Sie ist eine, der man nachschaut, Mann. Ist das gewohnt. Merkst du daran, wie sie sich bewegt und so. Sie macht ein bisschen auf etwas zwischen gothic und punk, aber nicht extrem. Hat halt gerne schwarze Klamotten. Schwarze Strubbel-Frise, schwarze Lippen. Lässt sie jetzt manchmal weg, mir zuliebe. Ist zum Knutschen nicht ideal.»
Härri verkniff sich die Frage, ob Noah seine Freundin einmal zu ihm mitnehme, da hob dieser an:
«Ähm, ich wollte ... das heisst, ich habe ... Es ist so: Ich kann Milena schon zu mir nachhause mitnehmen, aber wir haben da keine ... Verstehst du, was ich meine?»
Härri verstand sehr gut.
«Und bei Milena ist das ähnlich, nehme ich an? Nichts mit sturmfrei ...?
Noah atmete auf.
«Du hast’s gecheckt. Bei Milena ist die Bude immer voll mit Kids. Ihre Geschwister, deren Kollegen ... Und da wollte ich dich fragen ...»
Härri unterbrach ihn.
«Ich hab’s schon begriffen. Ihr möchtet ab und zu hierherkommen? Wenn ich nicht da bin, nehme ich an?»
Noah nickte eifrig.
«Hör zu, Turetti. Von mir aus ist das völlig in Ordnung. Was ich nicht brauche, sind Spielchen mit euren Eltern, wo ich dann ein Teil davon werde. Ihr seid alt genug, um das mit ihnen auszuhandeln, finde ich. Und ich will auch nicht schuld sein, wenn es ein Kind gibt, das niemand gewollt hat ...»
Noah versprach, das mit den Eltern würden sie regeln. Überhaupt habe Milena fast dasselbe gesagt wie Härri, und auch er, Noah, sei schliesslich bald erwachsen. Als er fertig war, nahm ihn Härri nochmals in die Arme. Noah liess es geschehen.
7.4.24
Wahlmöglichkeiten
Wie konnte man aber wissen, was zeitgenössisch war? Und wenn es einem einmal gelungen sein sollte, etwas zu schaffen, was im Kern gegenwärtig genannt werden durfte, dann müsste es doch, um diese Zuschreibung wenigstens für kurze Dauer weiterhin in Anspruch nehmen zu können, etwas von der Zukunft bereits vorweggenommen und glaubhaft ausgedrückt haben. Sich vom Vergangenen, bereits Gedachten, Erfundenen, Gesagten zu unterscheiden, war eine Frage der Bildung. Was man nicht kannte, würde man, ohne es als Wiederholung zu erkennen, früher oder später nach-denken, nacherfinden, nachsagen. Das Zukünftige aber war auch durch sorgfältigstes Studium nicht zu erschliessen. Zwar gab es im Überfluss Texte, die sich mit der Zukunft nicht nur tastend und fragend befassten, wie es der Unsicherheit des Gegenstands eigentlich angemessen gewesen wäre, sondern mit selbstgewissen Behauptungen kommende Situationen, ja ganze Welten zeichneten, als ob sie schon jetzt wissenschaftlich untersuchbare Tatsachen wären. Mit der sogenannten künstlichen Intelligenz wurde gegenwärtig so verfahren. Während die einen mit Hinweis auf die mit der Technologie und ihren Programmen verbundenen Gefahren düstere Bilder der Zukunft ausmalten und auf eine schnelle Regulierung drängten – manche gar auf ein Anhalten der Entwicklung bis zum Zeitpunkt, zu dem man besser verstünde –, glaubten andere an Fortschritte in fast allen Lebensbereichen, womit der Menschheit bessere Gesundheit, ein längeres Leben, wenn nicht gar Frieden und Wohlstand in bisher nie gekanntem Mass beschert würde. Junge Menschen gingen neugierig, aber auch nüchtern an die Sache heran. Was da war, wurde eben auf seine Nützlichkeit geprüft und eingesetzt. Was andere als gut bezeichneten, daran musste etwas sein. Wenn es einem half, lästige Textaufgaben schneller, einfacher und besser zu erledigen oder die langwierige Suche nach Bildvarianten abzukürzen, dann gab es keinen Grund, dies nicht zu tun. Vor allem solange viele Vertreter der älteren Generation einen Bogen um das Neue machten und die gesellschaftlichen Folgen verdrängten. Führte das Gefühl, nicht nachzukommen auch zu dem Gefühl, es gebe gar keinen Fortschritt, wie Musil vor fast hundert Jahren seinen Ulrich sinnieren liess? Und stimmte es, was der Mann ohne Eigenschaften darüber hinaus über die Zukunft sagte? Dass der Fortschritt doch das sei, was sich aus allen Anstrengungen gemeinsam ergebe und daher der wirkliche Fortschritt immer gerade das sein werde, was keiner wollte? Künstliche Intelligenz, Kunst der Zukunft, die so niemand wollte?
Im September und auch in der ersten Hälfte des Monats Oktober war es so warm wie noch nie zu dieser Jahreszeit. «Noch nie» bezog sich auf die letzten zweihundertzweiundvierzig Jahre seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen, welche 1781 in Bayern durch die Societas Meteorologica Palatina eröffnet worden waren. Augst wurde mediterran, wie die Menschen feststellten, die sich ab dem frühen Nachmittag und bis in die lauen Nachtstunden vor den Buvetten der Rheinpromenaden vergnügten oder auf einem der zahllosen Plätze der Stadt kühle Getränke bei lockerem Geplauder genossen. Mitunter mischte sich ein leichtes Unbehagen in die gute Stimmung. Manche spürten eine diffuse Mitschuld an der Unzeitigkeit und Intensität der Wärme, an der Aufblähung des Sommers bis gegen die zweite Sonnenwende. Das schlechte Gewissen konnte aber mit einem weiteren Bier oder Aperol Spritz hinuntergespült werden.
Härri sass an einem der wunderschönen Nachmittage auf einem neu angeschafften Feldstühlchen mitten auf einer Brachwiese in der Nähe von Degerfelden. Ein Malblock lag auf seinen Knien, den Pinsel hatte er neben sich ins Gras gelegt. Er war umgeben von Schafen, die zwischen auseinanderfallenden Holzbeigen grasten. Man hörte das Summen von Bienen, unregelmässiges Anschlagen der Schafsglöckchen und ganz entfernt das Rauschen der Autobahn. Verstreut konnte man weitere sitzende Gestalten erkennen. Sechs Studierende hatten ihn zu einer Tätigkeit überredet, die er fast schon vergessen hatte: Landschaftsmalen. Ihre Lust auf eine solche historische Disziplin war ausgerechnet durch eine politische Diskussion geweckt worden. Juan hatte von seinem letztjährigen Aufenthalt in Bogotá erzählt, wo er einem Künstlerkollektiv bei der Umsetzung eines grossen Wandbilds hatte helfen dürfen. Die Gruppe nannte sich Colectivo Subarsivos, was, wie Juan erläuterte, ein Wortspiel war. Die Künstler deuteten damit sowohl den subversiven Charakter ihre Arbeit an als auch ihre Verbundenheit mit dem Stadtteil Suba, wo der Fernbus-Terminal stand, dessen Mauer bemalt werden sollte. Es war nicht zu überhören gewesen, wie sehr Juan die aktionistischen Künstler bewunderte, denen er da über die Schultern schauen konnte. Einwände seiner Kolleginnen, die fragten, wo denn die Subversion bliebe, wenn ein Wandbild von der Gemeinde in Auftrag gegeben und bezahlt werde, liess er nicht gelten, sondern hielt ihnen einen langen Vortrag über den Muralismo in Mexiko zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Über dessen Ausstrahlung auf das postkoloniale Mittel- und Südamerika. Solche Malerei im öffentlichen Raum, auch wenn sie vom Staat unterstützt werde, diene durchaus der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wie er meinte. Mit dem Blick auf Gegenwart und Zukunft aber könnten Bilder – natürlich sei gemeint: gute Bilder – das Selbstbewusstsein marginalisierter Menschen stärken. Sie dabei unterstützen, ihre verlorengegangene Identität wiederzufinden und in die Zukunft weiterzuentwickeln. Im Falle des Wandbilds in Bogotá sei es in diesem Sinne um die indigene Kultur der Muisca gegangen. Juan hatte trotz seines Eifers nicht alle Mitstudierenden überzeugen können. Als sie wissen wollten, was denn das Wandbild darstelle, zeigte er ihnen ein Video. Zu sehen war das üppige Panorama einer idealisierten Landschaft, irgendwo zwischen Bogotá und dem Rio Magdalena. Darin bewegten sich riesige mythologische Wesen, Schlangen und weibliche Gottheiten in friedlichem Zusammenleben mit Menschen aus den verschiedenen Epochen dieser Weltgegend. Bei den Figuren erinnerte die Malerei an naive Votivbilder, wie Härri fand. Er behielt diese Einschätzung aber für sich. Erstaunlich gut beobachtet und differenziert präsentierte sich die Vegetation, die einen grossen Teil des Gemäldes ausmachte und es mit ihren Grüntönen farblich zusammenhielt. Auch Juan gefiel dieser Teil des Werks besonders gut und er äusserte sein Bedauern darüber, dass er dazu wenig habe beitragen können, weil es ihm sowohl am zeichnerischen Können als auch an botanischen Kenntnissen fehle. Dieser Feststellung konnten sich fast alle anschliessen, worauf jemand die Frage stellte, ob man nicht einen Intensivkurs im Freien veranstalten könne, solange es das Wetter noch zuliesse. Und so waren sie auf dem Grundstück eines Bauern gelandet, den Härri von früher kannte.
Sie malten mit Aquarellfarben. Harri hatte ihnen ein paar seiner Tricks gezeigt. Wie man die Farbe auf dem schräg gestellten Karton laufen lässt und dabei mit dem Pinsel dirigiert. Wie dieser wie ein Schwamm überschüssige Farbe absaugt, wenn er mit den Fingern ausgedrückt wurde. Dass es manchmal besser ist, die Zeichnung nach der Malerei einzusetzen. Und dass man für die unübersichtliche Fülle an Formen und Strukturen der Vegetation abstrakte Entsprechungen erfinden und sich dann für ein Mass an Fleiss entscheiden muss, das man bereit ist, aufzubringen. Besonderen Wert legte er auf die Tonwerte und deren Wichtigkeit für eine lebendige Wirkung des Bildes. Er hatte dazu eine kleine Kartonmappe mit Reproduktionen aus der Geschichte der Landschaftsmalerei mitgebracht. Nach einer gemeinsamen Einführung verteilten sich die Studierenden im Gelände und Härri besuchte sie reihum. Beantwortete ihre Fragen, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, wenn sie festsassen. Manchmal machte er auch etwas vor auf seinem eigenen Block. Es waren Methoden aus dem letzten, wenn nicht vorletzten Jahrhundert, aber er fühlte sich in seinem Element und die Gruppe war mit grossem Eifer bei der Sache. In der Pause, im Schatten eines alten Birnbaumes, hatten sie darüber gesprochen. Alina und Zhara verstanden nicht, weshalb ihn die Frage so stark beschäftige, ob diese Form der Freilichtmalerei noch möglich sei – er hatte sogar gesagt: «noch erlaubt». Und auch andere fanden, es komme letztlich darauf an, was sie aus dem Erlebnis machten.
«Wir sind andere Menschen als die ... wie hiessen sie noch? ... Plainairisten, genau», sagte eine Studentin, die schwerpunktmässig bei Aurelia studierte. «Wir können diese Veranstaltung als Performance lesen, als eine konstruierte Situation, in der wir im Hier und Jetzt gemeinsame Erfahrungen machen. Erfahrungen in ... ich weiss nicht. In vertieftem Sehen?»
Da hatte sich Härri an eine Performance erinnert, die ein indisch-deutscher Künstler vor einigen Jahren im deutschen Pavillon an der Biennale in Venedig hatte aufführen lassen. Er erzählte den Studierenden davon. Der Raum war leer gewesen. Es gab nur uniformierte Wärter und Wärterinnen, die herumstanden. Und als man sich schon fragte, wo denn die Kunst geblieben sei, begannen diese angestellten Personen umherzugehen und enthusiastisch auszurufen:
«Oh! This is so contemporary, contemporary, contemporary!»
Als die Studierenden wieder an ihre Arbeitsorte zurückgekehrt waren, hörte man nun immer wieder diesen Ruf, begleitet von fröhlichem Lachen. Als die Sonne schon tief stand und Härri zum Aufbruch aufrief, fing wieder jemand damit an. Und es bildete sich ein Chor, der zuerst noch über die ganze Wiese verstreut war und sich nach und nach bei ihm versammelte.
«Oh! We are so contemporary, contemporary, contemporary!»
Härri sah, wie die Schafe zu grasen aufhörten und sich in vorsichtige Distanz zu den lärmenden Menschen begaben.
Erst in der zweiten Oktoberhälfte wurde das Wetter etwas kühler. Da-ras Ausstellung hatte die Halbzeit erreicht und war in Kunstzeitschriften und in den Feuilletons der Tageszeitungen wohlwollend bis begeistert besprochen worden. Es näherte sich das Datum, an dem sie Härri zu sich eingeladen hatte, zu einem koreanischen Abendessen in ihrer Penthousewohnung im Pratteln-Quartier. Er hatte sie seit dem Beginn ihrer Ausstellung selten im Institut angetroffen und war gespannt, ob sie die Einladung noch absagen würde. Fast hoffte er darauf, denn sobald er sich das Treffen auszumalen begann, ergriff ihn grosse Unruhe und er musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. Sie sagte aber nicht ab, sondern schickte ihm am Vortag eine Textnachricht um ihn zu erinnern und ihm mitzuteilen, dass «sie sich darauf freue». Sich zurückzuziehen war nun nicht mehr möglich. Seine Gefühle im Hinblick auf den Abend hätte er aber nicht als Vorfreude bezeichnet. Er überlegte, was er mitbringen könnte und entschied sich für eine Flasche Prosecco, dazu ein paar Rheinkiesel mit speziellen Formen und Zeichnungen aus seiner Sammlung. Er kannte das Haus, in dem sie wohnte, allerdings sah man das Penthouse von der Strasse aus nicht. Als er klingelte, dauerte es einen Moment, bis sich Da-ra meldete. Sie sagte, sie komme ihn mit dem Lift abholen, weil man einen Schlüssel brauche, um bis zu ihr hochzufahren.
Heute war sie in Dunkelblau gekleidet, wie immer mit Hose. Darüber trug sie eine weite Bluse, deren Ärmel sie scheinbar nachlässig unterschiedlich hochgekrempelt hatte. Erst als sie sich im Lift nahe gegenüberstanden, roch er ein dezentes Parfüm. Sie strahlte ihn an und fragte, wie es ihm gehe. Freute sich dabei schon darauf, die Gegenfrage zu beantworten, wie Härri dachte. Und tatsächlich legte sie nach seinem kurzen «Gut, und dir?» sofort los, noch bevor sie oben angekommen waren. Sie zählte Künstlerkollegen, Kuratorinnen, wichtige Kritiker und Journalistinnen auf, die sich schon nur in den letzten zwei Wochen bei ihr gemeldet und etwas von ihr gewollt hätten. Er kannte die wenigsten, aber sie wirkte glücklich. Stolz und selbstsicher.
Der Aufbau auf dem Dach, den sie bewohnte, erinnerte ihn an ein Schiff auf dem Trockenen. Am nördlichen Ende ragte der Liftschacht wie eine Kommandobrücke in die Höhe. Die daran befestigte Antenne verstärkte diesen Eindruck noch. Gegen Süden endete die Wohnung in einer Art Bug. Über einem halbkreisförmigen Grundriss fügten sich Scheiben über die ganze Raumhöhe zu einem kristallinen Vieleck. Die Kanten waren geklebt, ohne Streben. Da-ra führte ihn durch einen schmalen Korridor, von dem Türen nach links und rechts abgingen, in den grosszügigen Raum hinter den Panoramafenstern. Darin gab es eine Kochinsel und ein Cheminée aus schwarzem Stahl. Er sah nicht viel mehr als dass die Wohnung auf elegante Weise spartanisch eingerichtet war, denn Da-ra lotste ihn gleich weiter durch eine offenstehende Glastür auf die Terrasse, wo ein grosser Holztisch bereits gedeckt war. Härri stellte seine Tasche ab und übergab ihr, was er mitgebracht hatte. Die Steine schienen ihr zu gefallen, denn sie unterbrach ihren Redefluss und betrachtete sie ausgiebig. Ordnete sie dann sorgfältig auf der Mittelachse des Tischs und bedankte sich.
«Ich habe als Kind immer Steine gesammelt, aber meine Eltern haben sie wohl in der Zwischenzeit entsorgt. Geblieben sind mir nur noch einer oder zwei, ganz kleine.»
Sie nahm seinen Schaumwein, um ihn in die Kühle zu stellen, blieb dann aber stehen und erklärte ihm, was ihn erwarte.
«Hast du eine Jacke dabei? Dann können wir nämlich draussen essen. Erstens weil es schöner ist, aber auch, weil wir dann das Fleisch auf dem Tisch braten können. Es gibt Bulgogi, kennst du das? «Feuerfleisch»?
Und als Härri den Kopf schüttelte und fragte, ob es sehr scharf sei, beruhigte sie ihn.
«Nein, nein. Es ist nicht wie der chinesische Feuertopf, du kannst die Schärfe selber dosieren mit den Saucen. Ich hole noch die Sachen raus. Magst du schon ein Bier?»
Härri merkte nun an ihrer Stimme und ihrem schnellen Sprechrhythmus, dass auch sie aufgeregt war.
«Ich komme mit dir und helfe dir beim Hinaustragen», sagte er und folgte ihr ins Innere, obwohl sie sagte, es sei nicht nötig.
Auf der steinernen Ablage der Kochinsel hatte Da-ra alles bereitgestellt: einen Tischgrill, Teller und Schälchen verschiedener Grösse. Daneben lagen auf einer Serviette sehr feine Metallstäbchen, flache Löffel mit langen, geraden Stilen und Besteckbänkchen aus Porzellan. Eine grössere Schale war gefüllt mit gezackten grünen Blättern, in den kleineren sah Härri verschiedene rote und dunkelbraune Saucen. Auch Kimchi gab es, das kannte er. Aus dem Eisschrank holte Da-ra eine Platte. Darauf ausgebreitet war ein sorgfältig geschichteter Haufen mit sehr fein geschnittenem Fleisch. Als sie alles nach draussen geschafft hatten, steckte Dara den Stecker des Grills in eine Dose mit Deckel, die aus einem Hochbeet neben dem Tisch ragte. Dann öffnete sie zwei Bierflaschen, gab Härri eine und stiess mit ihm an. Zu Härris grossem Erstaunen kam Da-ra schon beim Warten auf die richtige Betriebstemperatur des Grills auf «ihren Überfall im Sommer» zu sprechen, wie sie es nannte. Und sobald sie damit begonnen hatte, wirkte sie ruhig, sehr bestimmt und sachlich.
«Das war etwas Einmaliges. Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe ... was wir gemacht haben. Aber das wird sich so nicht wiederholen. Ich möchte, dass wir uns zurückhalten, auf jeden Fall solange wir diese komische Situation haben. Wo du unter Beobachtung stehst ... sagt man so?»
Härri spürte, wie ihm ihre Direktheit wohltat. Er gab der Lust nach, ihr entgegenzuhalten.
«Ja, und solange wir uns nicht über den Weg trauen ...»
Sie sah ihn fragend an, wahrscheinlich verstand sie die Redewendung nicht.
«Solang wir einander nicht ganz vertrauen», sagt er. «So ist es doch, oder?»
Sie sah ihn forschend an. Dann mischte sich langsam die Andeutung eines Lächelns in ihren Ausdruck.
«Ja, so ist es wohl», antwortete sie leise.
Das Essen nahm sie so in Anspruch, dass nur noch darüber gesprochen werden konnte. Wie lange man das Fleisch auf der Grillplatte braten sollte. Wie man es danach auf die Shiso-Blätter legen, mit den Saucen würzen und einwickeln musste. Härri nahm dabei bald Zuflucht zum Löffel und zu den Fingern, weil die Stäbchen aus Metall für seine Hände zu fein und zudem rutschig waren. Aber es schmeckte ihm sehr, wie er Da-ra mehrfach versicherte. Das Fleisch war saftig und zart, der feine Minzeduft der Blätter, der Geschmack von Sojasauce und Sesamöl bildeten eine Harmonie, die neu war und ihm behagte. Indem sie auf die Bedeutung des Essens in ihrer Familie zu sprechen kam, leitete Da-ra wieder zu persönlicheren Themen über.
«Du hast Kinder, nicht wahr? Zwei ...?
Härri erzählte ihr von Bruno und Sofia. Dass beide beruflich «im Umbruch» steckten. Er wählte seine Worte sorgfältig und umkreiste die Brennpunkte seiner Sorgen mit gebührendem Abstand. Vielleicht bemerkte sie es, denn sie hörte eine Weile zu, ohne etwas zu sagen. Als er eine Pause machte, fragte sie:
«Hast du Sofia schon lange nicht mehr gesehen?»
Härri bestätigte. Dabei wurde ihm bewusst, dass er Da-ra um ein paar Tage Urlaub bitten musste für den Fall, dass er bis Mitte Januar in New York bleiben sollte. Also begann er von seinem Plan zu sprechen, Sofia über Weihnachten zu besuchen.
Da-ra stand auf, stellte die leeren Teller aufeinander und sammelte das Besteck ein.
«Nimmst du noch ein Bier?», fragte sie. «Ich hole uns noch zwei.»
Und als er aufstehen wollte:
«Nein, bleib sitzen. Geniesse die Aussicht!»
Härri erhob sich trotzdem und sah ihr nach. Dann stellte er sich ans Geländer der Terrasse. Der Himmel im Westen leuchtete gelborange, ebenso die Abschnitte des Rheins, die zwischen den Türmen und Hochhäusern sichtbar waren. Er ging zum Tisch zurück, nahm seine Jacke aus der Tasche und zog sie an. Es war kühl geworden. Sollte er Da-ra die wahre Geschichte von Sofia erzählen? Er war froh, dass er in Ruhe darüber nachdenken konnte. Als sie mit den Bierflaschen zurückkam, hatte er sich entschieden.
Da-ra hörte ruhig zu. Ab und zu stellte sie eine Frage. Er konnte nicht alle beantworten, aber die Offenheit fühlte sich richtig an. Dass sie sich gegenseitig nicht über den Weg trauten, hatte nichts damit zu tun. Da-ra schien zu verstehen, was ihn an Sofias Vergehen so beunruhigte. Es war nicht moralische Entrüstung über die Missachtung des Gebots «Du sollst nicht stehlen!» Es war die Angst vor der Möglichkeit, jederzeit frei entscheiden zu können. Zum Guten oder zum Bösen, zum Hässlichen oder Schönen. Viele mussten diese Angst nicht haben, weil sie Wegweiser, Schranken und Verbote verinnerlicht hatten, die sie vor dem Abgrund der Wahlmöglichkeit fernhielten. Zu diesen Menschen gehörten sie nicht.
Im September und auch in der ersten Hälfte des Monats Oktober war es so warm wie noch nie zu dieser Jahreszeit. «Noch nie» bezog sich auf die letzten zweihundertzweiundvierzig Jahre seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen, welche 1781 in Bayern durch die Societas Meteorologica Palatina eröffnet worden waren. Augst wurde mediterran, wie die Menschen feststellten, die sich ab dem frühen Nachmittag und bis in die lauen Nachtstunden vor den Buvetten der Rheinpromenaden vergnügten oder auf einem der zahllosen Plätze der Stadt kühle Getränke bei lockerem Geplauder genossen. Mitunter mischte sich ein leichtes Unbehagen in die gute Stimmung. Manche spürten eine diffuse Mitschuld an der Unzeitigkeit und Intensität der Wärme, an der Aufblähung des Sommers bis gegen die zweite Sonnenwende. Das schlechte Gewissen konnte aber mit einem weiteren Bier oder Aperol Spritz hinuntergespült werden.
Härri sass an einem der wunderschönen Nachmittage auf einem neu angeschafften Feldstühlchen mitten auf einer Brachwiese in der Nähe von Degerfelden. Ein Malblock lag auf seinen Knien, den Pinsel hatte er neben sich ins Gras gelegt. Er war umgeben von Schafen, die zwischen auseinanderfallenden Holzbeigen grasten. Man hörte das Summen von Bienen, unregelmässiges Anschlagen der Schafsglöckchen und ganz entfernt das Rauschen der Autobahn. Verstreut konnte man weitere sitzende Gestalten erkennen. Sechs Studierende hatten ihn zu einer Tätigkeit überredet, die er fast schon vergessen hatte: Landschaftsmalen. Ihre Lust auf eine solche historische Disziplin war ausgerechnet durch eine politische Diskussion geweckt worden. Juan hatte von seinem letztjährigen Aufenthalt in Bogotá erzählt, wo er einem Künstlerkollektiv bei der Umsetzung eines grossen Wandbilds hatte helfen dürfen. Die Gruppe nannte sich Colectivo Subarsivos, was, wie Juan erläuterte, ein Wortspiel war. Die Künstler deuteten damit sowohl den subversiven Charakter ihre Arbeit an als auch ihre Verbundenheit mit dem Stadtteil Suba, wo der Fernbus-Terminal stand, dessen Mauer bemalt werden sollte. Es war nicht zu überhören gewesen, wie sehr Juan die aktionistischen Künstler bewunderte, denen er da über die Schultern schauen konnte. Einwände seiner Kolleginnen, die fragten, wo denn die Subversion bliebe, wenn ein Wandbild von der Gemeinde in Auftrag gegeben und bezahlt werde, liess er nicht gelten, sondern hielt ihnen einen langen Vortrag über den Muralismo in Mexiko zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Über dessen Ausstrahlung auf das postkoloniale Mittel- und Südamerika. Solche Malerei im öffentlichen Raum, auch wenn sie vom Staat unterstützt werde, diene durchaus der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wie er meinte. Mit dem Blick auf Gegenwart und Zukunft aber könnten Bilder – natürlich sei gemeint: gute Bilder – das Selbstbewusstsein marginalisierter Menschen stärken. Sie dabei unterstützen, ihre verlorengegangene Identität wiederzufinden und in die Zukunft weiterzuentwickeln. Im Falle des Wandbilds in Bogotá sei es in diesem Sinne um die indigene Kultur der Muisca gegangen. Juan hatte trotz seines Eifers nicht alle Mitstudierenden überzeugen können. Als sie wissen wollten, was denn das Wandbild darstelle, zeigte er ihnen ein Video. Zu sehen war das üppige Panorama einer idealisierten Landschaft, irgendwo zwischen Bogotá und dem Rio Magdalena. Darin bewegten sich riesige mythologische Wesen, Schlangen und weibliche Gottheiten in friedlichem Zusammenleben mit Menschen aus den verschiedenen Epochen dieser Weltgegend. Bei den Figuren erinnerte die Malerei an naive Votivbilder, wie Härri fand. Er behielt diese Einschätzung aber für sich. Erstaunlich gut beobachtet und differenziert präsentierte sich die Vegetation, die einen grossen Teil des Gemäldes ausmachte und es mit ihren Grüntönen farblich zusammenhielt. Auch Juan gefiel dieser Teil des Werks besonders gut und er äusserte sein Bedauern darüber, dass er dazu wenig habe beitragen können, weil es ihm sowohl am zeichnerischen Können als auch an botanischen Kenntnissen fehle. Dieser Feststellung konnten sich fast alle anschliessen, worauf jemand die Frage stellte, ob man nicht einen Intensivkurs im Freien veranstalten könne, solange es das Wetter noch zuliesse. Und so waren sie auf dem Grundstück eines Bauern gelandet, den Härri von früher kannte.
Sie malten mit Aquarellfarben. Harri hatte ihnen ein paar seiner Tricks gezeigt. Wie man die Farbe auf dem schräg gestellten Karton laufen lässt und dabei mit dem Pinsel dirigiert. Wie dieser wie ein Schwamm überschüssige Farbe absaugt, wenn er mit den Fingern ausgedrückt wurde. Dass es manchmal besser ist, die Zeichnung nach der Malerei einzusetzen. Und dass man für die unübersichtliche Fülle an Formen und Strukturen der Vegetation abstrakte Entsprechungen erfinden und sich dann für ein Mass an Fleiss entscheiden muss, das man bereit ist, aufzubringen. Besonderen Wert legte er auf die Tonwerte und deren Wichtigkeit für eine lebendige Wirkung des Bildes. Er hatte dazu eine kleine Kartonmappe mit Reproduktionen aus der Geschichte der Landschaftsmalerei mitgebracht. Nach einer gemeinsamen Einführung verteilten sich die Studierenden im Gelände und Härri besuchte sie reihum. Beantwortete ihre Fragen, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, wenn sie festsassen. Manchmal machte er auch etwas vor auf seinem eigenen Block. Es waren Methoden aus dem letzten, wenn nicht vorletzten Jahrhundert, aber er fühlte sich in seinem Element und die Gruppe war mit grossem Eifer bei der Sache. In der Pause, im Schatten eines alten Birnbaumes, hatten sie darüber gesprochen. Alina und Zhara verstanden nicht, weshalb ihn die Frage so stark beschäftige, ob diese Form der Freilichtmalerei noch möglich sei – er hatte sogar gesagt: «noch erlaubt». Und auch andere fanden, es komme letztlich darauf an, was sie aus dem Erlebnis machten.
«Wir sind andere Menschen als die ... wie hiessen sie noch? ... Plainairisten, genau», sagte eine Studentin, die schwerpunktmässig bei Aurelia studierte. «Wir können diese Veranstaltung als Performance lesen, als eine konstruierte Situation, in der wir im Hier und Jetzt gemeinsame Erfahrungen machen. Erfahrungen in ... ich weiss nicht. In vertieftem Sehen?»
Da hatte sich Härri an eine Performance erinnert, die ein indisch-deutscher Künstler vor einigen Jahren im deutschen Pavillon an der Biennale in Venedig hatte aufführen lassen. Er erzählte den Studierenden davon. Der Raum war leer gewesen. Es gab nur uniformierte Wärter und Wärterinnen, die herumstanden. Und als man sich schon fragte, wo denn die Kunst geblieben sei, begannen diese angestellten Personen umherzugehen und enthusiastisch auszurufen:
«Oh! This is so contemporary, contemporary, contemporary!»
Als die Studierenden wieder an ihre Arbeitsorte zurückgekehrt waren, hörte man nun immer wieder diesen Ruf, begleitet von fröhlichem Lachen. Als die Sonne schon tief stand und Härri zum Aufbruch aufrief, fing wieder jemand damit an. Und es bildete sich ein Chor, der zuerst noch über die ganze Wiese verstreut war und sich nach und nach bei ihm versammelte.
«Oh! We are so contemporary, contemporary, contemporary!»
Härri sah, wie die Schafe zu grasen aufhörten und sich in vorsichtige Distanz zu den lärmenden Menschen begaben.
Erst in der zweiten Oktoberhälfte wurde das Wetter etwas kühler. Da-ras Ausstellung hatte die Halbzeit erreicht und war in Kunstzeitschriften und in den Feuilletons der Tageszeitungen wohlwollend bis begeistert besprochen worden. Es näherte sich das Datum, an dem sie Härri zu sich eingeladen hatte, zu einem koreanischen Abendessen in ihrer Penthousewohnung im Pratteln-Quartier. Er hatte sie seit dem Beginn ihrer Ausstellung selten im Institut angetroffen und war gespannt, ob sie die Einladung noch absagen würde. Fast hoffte er darauf, denn sobald er sich das Treffen auszumalen begann, ergriff ihn grosse Unruhe und er musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. Sie sagte aber nicht ab, sondern schickte ihm am Vortag eine Textnachricht um ihn zu erinnern und ihm mitzuteilen, dass «sie sich darauf freue». Sich zurückzuziehen war nun nicht mehr möglich. Seine Gefühle im Hinblick auf den Abend hätte er aber nicht als Vorfreude bezeichnet. Er überlegte, was er mitbringen könnte und entschied sich für eine Flasche Prosecco, dazu ein paar Rheinkiesel mit speziellen Formen und Zeichnungen aus seiner Sammlung. Er kannte das Haus, in dem sie wohnte, allerdings sah man das Penthouse von der Strasse aus nicht. Als er klingelte, dauerte es einen Moment, bis sich Da-ra meldete. Sie sagte, sie komme ihn mit dem Lift abholen, weil man einen Schlüssel brauche, um bis zu ihr hochzufahren.
Heute war sie in Dunkelblau gekleidet, wie immer mit Hose. Darüber trug sie eine weite Bluse, deren Ärmel sie scheinbar nachlässig unterschiedlich hochgekrempelt hatte. Erst als sie sich im Lift nahe gegenüberstanden, roch er ein dezentes Parfüm. Sie strahlte ihn an und fragte, wie es ihm gehe. Freute sich dabei schon darauf, die Gegenfrage zu beantworten, wie Härri dachte. Und tatsächlich legte sie nach seinem kurzen «Gut, und dir?» sofort los, noch bevor sie oben angekommen waren. Sie zählte Künstlerkollegen, Kuratorinnen, wichtige Kritiker und Journalistinnen auf, die sich schon nur in den letzten zwei Wochen bei ihr gemeldet und etwas von ihr gewollt hätten. Er kannte die wenigsten, aber sie wirkte glücklich. Stolz und selbstsicher.
Der Aufbau auf dem Dach, den sie bewohnte, erinnerte ihn an ein Schiff auf dem Trockenen. Am nördlichen Ende ragte der Liftschacht wie eine Kommandobrücke in die Höhe. Die daran befestigte Antenne verstärkte diesen Eindruck noch. Gegen Süden endete die Wohnung in einer Art Bug. Über einem halbkreisförmigen Grundriss fügten sich Scheiben über die ganze Raumhöhe zu einem kristallinen Vieleck. Die Kanten waren geklebt, ohne Streben. Da-ra führte ihn durch einen schmalen Korridor, von dem Türen nach links und rechts abgingen, in den grosszügigen Raum hinter den Panoramafenstern. Darin gab es eine Kochinsel und ein Cheminée aus schwarzem Stahl. Er sah nicht viel mehr als dass die Wohnung auf elegante Weise spartanisch eingerichtet war, denn Da-ra lotste ihn gleich weiter durch eine offenstehende Glastür auf die Terrasse, wo ein grosser Holztisch bereits gedeckt war. Härri stellte seine Tasche ab und übergab ihr, was er mitgebracht hatte. Die Steine schienen ihr zu gefallen, denn sie unterbrach ihren Redefluss und betrachtete sie ausgiebig. Ordnete sie dann sorgfältig auf der Mittelachse des Tischs und bedankte sich.
«Ich habe als Kind immer Steine gesammelt, aber meine Eltern haben sie wohl in der Zwischenzeit entsorgt. Geblieben sind mir nur noch einer oder zwei, ganz kleine.»
Sie nahm seinen Schaumwein, um ihn in die Kühle zu stellen, blieb dann aber stehen und erklärte ihm, was ihn erwarte.
«Hast du eine Jacke dabei? Dann können wir nämlich draussen essen. Erstens weil es schöner ist, aber auch, weil wir dann das Fleisch auf dem Tisch braten können. Es gibt Bulgogi, kennst du das? «Feuerfleisch»?
Und als Härri den Kopf schüttelte und fragte, ob es sehr scharf sei, beruhigte sie ihn.
«Nein, nein. Es ist nicht wie der chinesische Feuertopf, du kannst die Schärfe selber dosieren mit den Saucen. Ich hole noch die Sachen raus. Magst du schon ein Bier?»
Härri merkte nun an ihrer Stimme und ihrem schnellen Sprechrhythmus, dass auch sie aufgeregt war.
«Ich komme mit dir und helfe dir beim Hinaustragen», sagte er und folgte ihr ins Innere, obwohl sie sagte, es sei nicht nötig.
Auf der steinernen Ablage der Kochinsel hatte Da-ra alles bereitgestellt: einen Tischgrill, Teller und Schälchen verschiedener Grösse. Daneben lagen auf einer Serviette sehr feine Metallstäbchen, flache Löffel mit langen, geraden Stilen und Besteckbänkchen aus Porzellan. Eine grössere Schale war gefüllt mit gezackten grünen Blättern, in den kleineren sah Härri verschiedene rote und dunkelbraune Saucen. Auch Kimchi gab es, das kannte er. Aus dem Eisschrank holte Da-ra eine Platte. Darauf ausgebreitet war ein sorgfältig geschichteter Haufen mit sehr fein geschnittenem Fleisch. Als sie alles nach draussen geschafft hatten, steckte Dara den Stecker des Grills in eine Dose mit Deckel, die aus einem Hochbeet neben dem Tisch ragte. Dann öffnete sie zwei Bierflaschen, gab Härri eine und stiess mit ihm an. Zu Härris grossem Erstaunen kam Da-ra schon beim Warten auf die richtige Betriebstemperatur des Grills auf «ihren Überfall im Sommer» zu sprechen, wie sie es nannte. Und sobald sie damit begonnen hatte, wirkte sie ruhig, sehr bestimmt und sachlich.
«Das war etwas Einmaliges. Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe ... was wir gemacht haben. Aber das wird sich so nicht wiederholen. Ich möchte, dass wir uns zurückhalten, auf jeden Fall solange wir diese komische Situation haben. Wo du unter Beobachtung stehst ... sagt man so?»
Härri spürte, wie ihm ihre Direktheit wohltat. Er gab der Lust nach, ihr entgegenzuhalten.
«Ja, und solange wir uns nicht über den Weg trauen ...»
Sie sah ihn fragend an, wahrscheinlich verstand sie die Redewendung nicht.
«Solang wir einander nicht ganz vertrauen», sagt er. «So ist es doch, oder?»
Sie sah ihn forschend an. Dann mischte sich langsam die Andeutung eines Lächelns in ihren Ausdruck.
«Ja, so ist es wohl», antwortete sie leise.
Das Essen nahm sie so in Anspruch, dass nur noch darüber gesprochen werden konnte. Wie lange man das Fleisch auf der Grillplatte braten sollte. Wie man es danach auf die Shiso-Blätter legen, mit den Saucen würzen und einwickeln musste. Härri nahm dabei bald Zuflucht zum Löffel und zu den Fingern, weil die Stäbchen aus Metall für seine Hände zu fein und zudem rutschig waren. Aber es schmeckte ihm sehr, wie er Da-ra mehrfach versicherte. Das Fleisch war saftig und zart, der feine Minzeduft der Blätter, der Geschmack von Sojasauce und Sesamöl bildeten eine Harmonie, die neu war und ihm behagte. Indem sie auf die Bedeutung des Essens in ihrer Familie zu sprechen kam, leitete Da-ra wieder zu persönlicheren Themen über.
«Du hast Kinder, nicht wahr? Zwei ...?
Härri erzählte ihr von Bruno und Sofia. Dass beide beruflich «im Umbruch» steckten. Er wählte seine Worte sorgfältig und umkreiste die Brennpunkte seiner Sorgen mit gebührendem Abstand. Vielleicht bemerkte sie es, denn sie hörte eine Weile zu, ohne etwas zu sagen. Als er eine Pause machte, fragte sie:
«Hast du Sofia schon lange nicht mehr gesehen?»
Härri bestätigte. Dabei wurde ihm bewusst, dass er Da-ra um ein paar Tage Urlaub bitten musste für den Fall, dass er bis Mitte Januar in New York bleiben sollte. Also begann er von seinem Plan zu sprechen, Sofia über Weihnachten zu besuchen.
Da-ra stand auf, stellte die leeren Teller aufeinander und sammelte das Besteck ein.
«Nimmst du noch ein Bier?», fragte sie. «Ich hole uns noch zwei.»
Und als er aufstehen wollte:
«Nein, bleib sitzen. Geniesse die Aussicht!»
Härri erhob sich trotzdem und sah ihr nach. Dann stellte er sich ans Geländer der Terrasse. Der Himmel im Westen leuchtete gelborange, ebenso die Abschnitte des Rheins, die zwischen den Türmen und Hochhäusern sichtbar waren. Er ging zum Tisch zurück, nahm seine Jacke aus der Tasche und zog sie an. Es war kühl geworden. Sollte er Da-ra die wahre Geschichte von Sofia erzählen? Er war froh, dass er in Ruhe darüber nachdenken konnte. Als sie mit den Bierflaschen zurückkam, hatte er sich entschieden.
Da-ra hörte ruhig zu. Ab und zu stellte sie eine Frage. Er konnte nicht alle beantworten, aber die Offenheit fühlte sich richtig an. Dass sie sich gegenseitig nicht über den Weg trauten, hatte nichts damit zu tun. Da-ra schien zu verstehen, was ihn an Sofias Vergehen so beunruhigte. Es war nicht moralische Entrüstung über die Missachtung des Gebots «Du sollst nicht stehlen!» Es war die Angst vor der Möglichkeit, jederzeit frei entscheiden zu können. Zum Guten oder zum Bösen, zum Hässlichen oder Schönen. Viele mussten diese Angst nicht haben, weil sie Wegweiser, Schranken und Verbote verinnerlicht hatten, die sie vor dem Abgrund der Wahlmöglichkeit fernhielten. Zu diesen Menschen gehörten sie nicht.
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