29.1.24

Frühling

Das Wetter hatte schon seit Anfang des Jahres verrückt gespielt. Viel zu warm waren die ersten zwei Monate gewesen, und vor allem zu trocken. Im März dann schwankten die Temperaturen in so wilder Folge, dass man beim Verlassen des Hauses nie wissen konnte, ob man richtig angezogen war. Am Dreizehnten sassen die Augster im T-Shirt am Rhein und tranken Bier oder Spritz. Der Monat hatte seinen Charakter mit dem des April getauscht, der sich darauf ausdauernd und regelmässig kühl präsentierte. An den wenigen Tagen mit guter Fernsicht zeigten die Jurahöhen sogar weisse Kappen. Man war also gespannt gewesen auf den Mai. Doch so anhaltenden Regen hatte niemand erwartet. Die Höhenwinde schleppten Girlanden von Atlantiktiefs nach Europa, die sich grau und schwer auf das Land setzten und ihre aus dem Ozean aufgesaugten Wassermassen fahrenliessen. Der Rheinpegel stieg und blieb auf Rekordhöhe. Man musste froh sein um jede Pause im Dauerregen.
Härri hatte sich schon im Januar dazu entschlossen, sein altes Fahrrad durch eines mit Elektromotor zu ersetzen. Nun hatte er endlich vom Händler die Mitteilung erhalten, sein neues Fahrzeug sei abholbereit. Schon nach der kurzen Fahrt vom Industriegebiet im Quartier Herten, wo der Fahrradladen stand, bis zu seinem kleinen Haus war er aber völlig durchnässt worden. Deshalb beschloss er, sich zuerst geeignete Regensachen zu kaufen und die geplanten Erkundungsfahrten auf später zu verschieben. Bis zum alten Akademiegebäude auf der Rheininsel war es nicht weit, da konnte er zu Fuss gehen. Er hatte daran gedacht, einen Schirm mitzunehmen, musste aber den Kampf mit dem Wind schon aufgeben, als er aus dem schmalen Tunnel kam, der den Uferweg unter dem Kopf der Oberen Rheinbrücke hindurchführte. Er trat nochmals zurück ins Halbdunkel der Betonröhre, um den Schirm zusammenzuklappen. Die Böen hatten bereits die Bespannung eingerissen. Leise fluchend machte er sich wieder auf den Weg ins Freie. Der Wind donnerte in seinen Ohren.
Er war auf dem Weg, sich mit Lena Richards zu treffen, einer jungen Wiener Slam-Poetin. Aurelia, seine Kollegin in der Institutsleitung und Verantwortliche für den Bereich Performance, hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht, als er ihr von seinen Plänen zur Frühlings-Projektwoche erzählte. Er wollte schon lange etwas machen zu Werktiteln in der bildenden Kunst. Das Thema musste einen interessieren, wenn man Schüler von Werner Fässler gewesen war, der noch jetzt, wo er sich als Professor in Hamburg hatte pensionieren lassen, mit unversiegbarer anarchistischer Phantasie Serien von Bildtiteln erfand, die sich in Härris Gedächtnis einbrannten und ihn mit Neid erfüllten. Weil er erlebt hatte, wie Fässler seine Titel sowohl hinterher setzte als sie auch im Voraus wie ein Motto für eine noch im Unbestimmten schwebende Bildidee festlegte, hatte er den Plan gefasst, einen Workshop durchzuführen zum Wechselspiel zwischen Wort und Bild. Er hatte zuerst gezögert, die Projektwoche zu zweit zu planen und durchzuführen, weil er den damit verbundenen Mehraufwand scheute. Als sich aber herausstellte, dass Lena seit einem Jahr in Zürich wohnte und schon für die Zeit der Vorbereitung nach Augst kommen wollte – Aurelia bot ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung an – und zudem am Telefon sehr wach und sympathisch getönt hatte, willigte er ein.
Das alte Gebäude der Akademie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf den solideren westlichen Teil der Rheininsel Gwerd gebaut worden, mit der repräsentativen viergeschossigen Fassade gegen Süden, gegen die Altstadt. Die unteren zwei Stockwerke wirkten wuchtig, ein Mauerwerk aus ockerfarbigen Kalkstein-Bossen, das an norditalienische Paläste erinnerte. Darüber zwei klassizistisch anmutende, sehr hohe Etagen mit Bogenfenstern zwischen Halbsäulen und -pfeilern, nach aussen hin unterbrochen durch je zwei halbrunde Nischen, in denen steinerne Musen standen. Hier war der Stein hell, glatt behauen und gelblich. Beide oberen Stockwerke schlossen mit einem mehrfach gegliederten breiten Sims ab. Das Dach, schiefergedeckt, deutete links und rechts einen Turm nur an, dazwischen lagen in einer langen Reihe die Fenster der Ateliers und des Aktsaals. Härri liebte den Anblick des Gebäudes, hielt heute aber den Kopf gesenkt unter der Kapuze, als er die Klinke an der schweren Eichentüre des Hauptportals hinunterdrückte. Sie öffnete sich wie von Geisterhand nach aussen und er trat einen halben Schritt zurück als sei er ein Teil des Mechanismus.
Lena stand vor der gläsernen Loge und unterhielt sich mit Mariette Hayoz, der Sekretärin, Pförtnerin und guten Seele des Instituts. Als er eingetreten war und im Halbdunkel des Eingangs seine Schuhe über den Putzteppich zog, hielt er Lena zuerst für Aurelia. Sie hatte die gleiche rundliche Statur und ebenfalls lange gerade Haare, die allerdings grüne Strähnen hatten und nicht pinkfarbene, wie er beim Nähertreten feststellte. Und als sie sich ihm zuwandte und ihn mit starkem wienerischem Akzent begrüsste, erkannte er ihr jugendliches Alter. Er schätzte sie auf höchstens fünfundzwanzig.
Sie wollte zunächst die Ateliers der Studentinnen sehen, das gefiel ihm. Er führte sie in einen der grossen Räume. Sie trafen darin nur zwei Studenten an, die andern schienen das verlängerte Wochenende mit dem ersten Mai am Montag noch weiter auszudehnen. Zwischen den einzelnen Arbeitszonen standen weiss gestrichene Stellwände, für die je zwei grosse Spanplatten zu einem schmalen Kasten zusammengefügt waren. Im Zwischenraum konnte man Leinwände und andere Bildträger lagern. Neben den vom Institut zur Verfügung gestellten einfachen Möbeln aus Vierkant-Stahlrohren standen allerlei Tische, Kommoden, Kästen und Sitzmöbel herum, eine Flohmarktmischung, welche offensichtlich von den Studierenden organisiert und mitgebracht worden war.
«Die Individualität der Menschen, die hier arbeiten, kann man gut sehen. Toll!», fand Lena. «Wieviel Ordnung oder Unordnung jemand braucht. Die Materialien, Themen ...»
Sie deutete auf zwei aneinanderstossende Ateliers. Das eine sah aus wie ein Bilderlager. Alles war verstellt mit vollgemalten Leinwänden, beschichtet mit einem dichten Gewebe aus weissen und roten Krakeleien. Der Boden war übersäht mit Farbspritzern und zeigte eine ähnliche Struktur wie die Bilder. Tadellos aufgeräumt war der Tisch, auf dem eine schwarze Schneidunterlage aus Kunststoff, ein Stapel Skizzenhefte und ein Laptop, ebenfalls schwarz, sorgsam rechtwinklig ausgerichtet waren. In der anderen Koje verschwand die Tischplatte unter einem Durcheinander aus Computerausdrucken, Kabeln, Leim- und Farbtuben, Filzstiften, zerknüllten Taschentüchern und gebrauchtem Geschirr. In der Mitte lag ein dickes Buch mit dem Titel «FEMINISM and Pornografy». Um dieses Thema schien sich auch die Auslegung von Bildern zu drehen, welche an die weisse Wand gepinnt waren: diverse Vulven und erigierte Penisse, Sexspielzeuge. Dazu kleine Plastikbeutel, in denen Haare, Knochenfragmente, Stofffetzen und getrocknete Früchte und Blüten zu erkennen waren.
Härri musste lachen.
«Ja, da hast du eine unserer Konfliktlinien erkannt! – Schau ...!»
Er zeigte auf ein Brett über dem Durchgang zwischen den beiden Arbeitsplätzen, auf dem ein paar Töpfe mit hängenden Zimmerplanzen standen. Auf der Kante des Bretts klebte ein Stück Abdeckband, auf das mit Filzstift geschrieben war: «Welcome to male territory - Testosteronia!»
Lena klopfte mit den Fingerknöcheln an eine Stellwand.
«Ich liebe das! Und wir sind schon mitten im Thema, oder? Wort und Bild ...»
«Genau!», bestätigte Härri. «Und: Kunst und Aktivismus.»
Er hatte sich im Internet umgesehen nach Videos von Lenas Auftritten und war beeindruckt gewesen von ihrer Präsenz und ihrem Wortwitz. Er musste sich eingestehen, dass sie auf der Bühne besser war als er damals, in seiner Undergroundband. Irritiert und fasziniert war er gewesen vom Kippmoment in einem ihrer Stücke, in dem sie flapsig begann und sich über die tausende von Gelegenheiten lustig machte, bei denen man sich für etwas schämen konnte. Den Hintergrund bildeten die idealisierten Bilder, die von Influenzerinnen als Norm verbreitet wurden und den Durchschnitts-Followerinnen den Alltag zu Hölle machten. Sie plauderte über ihre vielfältigen Versuche der Selbstoptimierung, als sie plötzlich, gegen Ende ihrer Nummer, den Tonfall wechselte, und von Ironie zu Ernst. Sie sprach über Dinge, deren sich zu schämen sie nicht länger bereit sei und erzählte von einem Erlebnis in einem Wellness-Hotel, wo sie – oder die Ich-Slam-Poetin, das war für Härri nicht mehr klar – während einer Massage einen sexualisierten Übergriff erlebte. Auch das Publikum schien schockiert, und das Klatschen war, nach sehr lebhaften Zwischenapplausen und -lachern, zum Schluss auffallend verhalten. Härri hatte sich vorgenommen, sie während der Projektwoche bei Gelegenheit darauf anzusprechen, denn die Frage, wieviel Distanz zur eigenen Geschichte nötig sei in der künstlerischen Arbeit, beschäftigte ihn bei der Begleitung seiner Studentinnen zunehmend. Damit hing für ihn auch die andere Frage zusammen, über die sie sich im Kollegium nicht einig waren: wie direkt und in welcher Form sich die Kunst zu gesellschaftspolitischen Fragen äussern solle. Er war gespannt auf die Zusammenarbeit mit Lena.
Er hätte nicht gedacht, dass es so lustig werden könnte in ihrer Projektwoche. Lena sprudelte nur so von Ideen und hielt die neun Studentinnen und zwei Studenten unermüdlich auf Trab. Es wurde viel gelacht. Sie hatte deutlich weniger Hemmungen als er, den jungen Leuten dreinzureden, die gleich alt oder gar älter waren als sie. Auch mit konkreten Vorschlägen und Ideen hielt sie nicht zurück, und Härri beobachtete erstaunt, wie dankbar diese aufgenommen wurden. Vor allem aber waren Lenas Humor und ihr Sinn fürs Absurde erfrischend, wobei letzterer ihm mehr zusagte als den Studentinnen, die manchmal irritiert reagierten und die krudesten Ideen der Slam-Künstlerin ignorierten.
In der Mitte der Woche gesellte sich noch der IT-Spezialist Miles Kellner für einen Tag zu ihnen. Er hatte sich als Springer für verschiedene Workshops angeboten, um bei Bedarf den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Form von Sprach- und Bildgeneratoren anzuleiten. Härri hatte er dazu überreden können, diese Form des Zusammenspiels von Text und Bild in sein Programm aufzunehmen, und Lena war sofort begeistert gewesen, als er sie darüber informierte.
«Wenn dein Fässler Bildtitel im Voraus setzt, dann macht er doch nichts anderes, als seine Phantasie mit Prompts zu füttern», fand sie, und Härri musste ihr recht geben.
Nun sassen sie alle vor der Leinwand und liessen sich von Miles zeigen, was mit diesen Mitteln möglich war. Härri hatte ihm drei Bilder von Fässler ausgesucht, die witzige und für den Meister typische Titel trugen. Miles forderte den Chatbot auf, die Art und Weise, oder den Stil der Titelgebung zu analysieren und anschliessend einen Titel für ein viertes Bild Fässlers vorzuschlagen, von dem er den Originaltitel für sich behielt. Das hochformatige Bild zeigte ein Sammelsurium von Gegenständen auf einer Tischplatte, die schwindlig schräg die Fläche beherrschte: ein roter Damenschuh, ein altmodischer Telefonhörer mit abgerissenem spiraligem Kabel, eine groteske Maske. Ein phallisches braunes Ding, eventuell ein Sexspielzeug, der untere Teil einer bemalten Leinwand, schief angelehnt an etwas ausserhalb des Bildes. Dazu viele kleine Klekse und Zeichen, Buchstaben vielleicht. In Sekundenschnelle erschien auf dem Bildschirm der Vorschlag des Bots:
«Ein möglicher Titel im Sinne von Fässlers Ansatz könnte sein: ‘Menükarte für das letzte Abendmahl’.»
Ein kurzer Moment lang herrschte verblüffte Ruhe, dann brach Gelächter aus und ein wildes Durcheinander von Fragen, Ausrufen der Verwunderung, Vorschlägen für weitere Eingaben in das System. Man einigte sich darauf, dem Chatbot die Vermutung vorzulegen, Fässler habe zuweilen die Titel als Ausgangspunkt für bildnerische Umsetzungen vorausgesetzt. Er solle unter dieser Annahme ein paar Vorschläge machen, witzig-ernst und absurd-tiefgründig. À la Fässler eben. Was der Computer ausspuckte, sorgte wieder für Heiterkeit und Erstaunen. «Die Melancholie des Dauerläufers – Marathon auf dem Möbiusband» war ein Vorschlag, «Das Flüstern der Bücher – eine Bibliothek kurz vor Schliesszeit» ein anderer. Miles fand, die Studentinnen könnten doch gleich mit bildnerischen Umsetzungen der vom Sprachmodell gelieferten Titel beginnen. Aber weder Härri noch Lena war entgangen, dass es nicht allen wohl war bei dem Gedanken. Man wollte wenigstens im Ansatz verstehen, was man eben erlebt hatte und den Chatbot nicht gleich als «Tool» behandeln, das nicht weiter hinterfragt werden müsse. Also versuchte Miles eine Erklärung.
Die Sprachmodelle gingen, wie man sicher auch schon gehört habe, vom einzelnen Wort aus. Sätze und dann längere inhaltliche Aussagen würden also Wort für Wort zusammengesetzt. Dafür müsse man wissen, wie die Wörter von den Modellen dargestellt und codiert würden. Zahlenreihen würden dafür verwendet, hunderte, wenn nicht tausende von Zahlen für nur ein einziges Wort. Solche Reihen nenne man Vektoren, die, in einem vieldimensionalen Raum, die häufigsten und damit wahrscheinlichsten Relationen zu anderen Wörtern darstellten.
Härri verstand nur halb, was er da hörte. Da er annahm, es gehe auch den andern ähnlich, fragte er nach.
«Kannst du das an einem Beispiel zeigen?»
«Ja, es gibt eine einfache Analogie. Ist nicht von mir, sondern von einem Blogger. Wir kennen die räumliche Codierung von Orten auf der Weltkugel. Washington DC befindet sich bei 38.9 Grad Nord und 77 Grad West. In einer Vektorschreibweise könnte man das ausdrücken als [38.9, 77]. Mit Hilfe dieser Zahlenreihe lässt sich nun eine räumliche Beziehung Washingtons zu anderen Städten herstellen: [38.9, 77], also Washington, liegt näher bei [40.7, 74] – New York – als bei [51.5, 0.1] – London – oder [48.9, -2.4] – Paris. Bei den zwei europäischen Städten sieht man auch gleich an ihrem Vektor, dass sie relativ nahe beieinander liegen.»
«Cool», meinte Lena. «Hast du das alles auswendig gelernt?»
«Ich habe das schon so oft erklärt, irgendwann musste ich nicht mehr auf dem Handy nachschauen.»
«Aber wie geht es dann weiter?» wollte ein Student wissen. «Die Titelvorschläge, die wir da bekommen haben, benötigen ja viel mehr Informationen über mögliche Bedeutungszusammenhänge der Wörter. «Marathon auf dem Möbiusband» zum Beispiel. Da muss beim Wort «Marathon» ja zuerst einmal geklärt sein, ob es sich um den Ort in Griechenland oder um eine davon abgeleitete Sportart handelt. Und wenn das richtig entschieden ist, muss die physische Realität der Laufdisziplin für eine Verwendung des Worts in der Metapher aufgegeben werden. Marathonläufe finden ja auf Strassen statt, und auf einem Möbiusband zu laufen wäre sowieso schwierig ...»
«Ausser in der Schwerelosigkeit und mit magnetischen Schuhen!» flachste Miles. «Nein, du hast natürlich recht. Die aktuellen Sprachmodelle arbeiten mit Vektorräumen von Hunderten oder gar Tausenden von Dimensionen. Und die Wörter werden zwischen den verschiedenen Ebenen zigmal hoch und runter geschickt, dabei mit immer differenzierteren Wenn-dann-Beziehungen versehen. Was wir uns gar nicht vorstellen können, ist für Computer kein grundsätzliches Problem, nur eines der Rechenleistung.»
«... und der Energie, die das frisst!», warf Thea ein, die schon bei Miles’ Vorschlag protestiert hatte, man solle doch die Titel des Chatbots gleich als Anstoss für eigene Bilder nehmen. Lenas Idee wurde schliesslich von allen akzeptiert. Sie teilten die Titel der Maschine per Los unter sich auf, einigten sich auf ein kleines, quadratisches Format und eine kombinierte Technik aus Collage und Acrylmalerei. Zudem machten sie aus, die Umsetzung bis zur Kaffeepause um drei fertigzustellen. Und an wen das Bild weitergegeben werden sollte zur Betitelung.
Als Härri in der Pause vom Klo zurückkam, sah er Lena und Miles auf der pinkfarbenen Treppe unter dem Fenster sitzen. Sie waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Offenbar erläuterte ihr Miles seine transhumanistische Philosophie, denn jetzt gerade hielt er ihr seine linke Hand entgegen. Am Ringfinger haftete eine kleine Handvoll Büroklammern – sein bewährter Trick. Härri schaute um sich, Thea war nicht zu sehen. Er fand sie schliesslich im benachbarten Raum in ihrer Atelierkoje. Sie machte sich Notizen in ein Skizzenbuch.
«Na?», sprach er sie an. «Ist nicht so deine Sache?»
«Doch. Ich find’s schon interessant. Aber es ist auch spooky. Dieses Pseudo-Gespräch: «Bitte machen Sie dies, bitte analysieren Sie jenes ...Und dann geht es sofort los, schneller als jeder Mensch antworten würde. Antworten könnte. Und warum siezt Miles die Maschine überhaupt? Und lobt sie für Antworten, die ihm passend erscheinen? Das ist doch der reine Anthropomorphismus! Ist das einfach Miles? Sein Transhumanist-Ding?»
«Nein, ich glaube nicht. Ich habe ihn auch schon danach gefragt. Er sagt, er mache das aus Erfahrung. Die Maschine gebe qualitativ bessere Antworten, wenn man freundliche und höfliche Prompts eingebe. Er vermutet, und das sage auch die aktuelle Theorie, die Vektoren würden dann eher in Zusammenhänge führen, wo eine gewisse formelle Höflichkeit normal sei. Man bekomme so eher Antworten aus der Welt der Wissenschaft und des seriösen Journalismus.»
Sie schwiegen eine Weile. Dann stand Thea auf und sagte:
«Ich gehe jetzt raus, ich muss nachdenken. Und es hat aufgehört zu regnen. Kommst du mit?»
«Nein, das geht nicht, ich kann jetzt nicht davonlaufen. Aber geh du ruhig. Nachdenken schadet nie.»
Als sie gegangen war, stand er noch am Fenster. Man konnte jetzt zwei Lagen von Wolken erkennen. Die unteren sahen aus wie dreckige Polierwatte nach dem Silberputz. Sie zogen mit grosser Geschwindigkeit von West nach Ost und gaben in ihren Lücken den Blick frei auf eine zweite, viel höher gelegene Schicht, die sich quer und langsamer dazu bewegte. Für einen kurzen Moment blitzte die Sonne auf und überzog die Welt mit blendenden Reflexen. Er ging zurück zu den andern.

18.1.24

Anfänge I

Vielleicht war es einfach der fehlenden Kraft zuzuschreiben, dass man vor, während und nach dem Arbeiten nicht in der Lage war, Ordnung zu schaffen. Nichts vorbereitet und schon mittendrin, mit einem schlecht gespitzten Bleistift auf dem Block aus Makulatur, auf schlechtes Papier für den Drucker, mit von der Rückseite durchscheinender Schrift. Oder mitten in den Spänen und Spritzer der letzten Arbeit, die unter den Sohlen knirschten, bereits ein neues Werkstück im Schraubstock bearbeitend, nachdem die noch herumliegenden Werkzeuge mit dem Ellbogen zur Seite geschoben waren.
Man konnte es sich aber auch zur Methode machen, mit dem Arbeiten zu beginnen, bevor überhaupt die richtigen Werkzeuge dafür bereitgelegt, ja bevor auch nur genügend Platz und eine ausreichend geordnete Umgebung geschaffen waren. Das würde einen bewahren vor der Beschämung zu scheitern, nachdem und obwohl alles sorgfältig bereitet war. Die Arbeitskleidung übergezogen, die Tischfläche abgedeckt, genügend Material in Griffnähe, verschiedene Werkzeuge in Wartestellung gebracht, gewisse Vorentscheidungen bezüglich der zu benützenden Mittel, Formate und Vorgehensweisen getroffen, der Kopf geleert, die Schultern entspannt und im Künstlerhabitus eingerichtet. Dann die Niederlage, den Misserfolg hinnehmen zu müssen, erschiene zweifach demütigend, weil sich zur Bitternis des Misslingens die Lächerlichkeit gesellte. Das sorgsam inszenierte Ritual der Vorbereitung würde durch die klägliche Qualität, oder noch schlimmer, durch das völlige Ausbleiben von Ergebnissen als Anmassung blossgestellt.
Und wenn auch die Umgebung kopfschüttelnd fragte, «wie kannst du bloss in einer solchen Unordnung ...?» – oder anrät, «ich würde zuerst einmal dies und jenes ...» – so erschien es dennoch verlockend, und leichter, jede Vorbereitung überspringend direkt mit der Arbeit zu beginnen. Nein, ein Anfang sollte gar nicht zu erkennen sein, dann liesse sich im Falle einer Stockung, eines Scheiterns oder gar Abbruchs leichter so tun, als habe man gar nichts getan, ja nicht einmal etwas gewollt. Und man könnte einen Teil des Misserfolgs den Umständen zuschreiben, die einen Erfolg nicht zugelassen hätten. Noch nicht.
Das so unvermittelte Beginnen mitten in grosser Unordnung und damit unter unmöglich erscheinenden Bedingungen würde also Schutz bieten vor dem Druck – von wem, von welcher Seite? –, etwas Bedeutsames erreichen zu müssen, ja schon nur ins Auge zu fassen. Dabei galt dies nicht nur für ein Schaffen, aus dem materialisierte Werke hervorgingen. Vergleichbares liess sich beobachten bei geistiger Tätigkeit, die der sichtbar produzierenden vorausging. Die sich der Planung oder Verbesserung von Werken zuwandte, noch in ihrer Entwicklung. Oder noch deutlicher, wenn der Künstler sich gedanklich ins gänzlich Offene bewegte. Assoziationen und intuitiven Ahnungen nachgehend, dabei hoffend auf Erfindung und Eingebung. Dabei wäre er dann am ehesten in einen von ihm als fliessend empfundenen Zustand geraten, in dem sich Lust am Entdecken und sogar Zuversicht des Gelingens ausbreiteten, in Situationen und zu Zeiten, in denen es ausgeschlossen war, eine produktive Umsetzung der entstehenden Ideen zu beginnen. Also zum Beispiel, wenn der Tag schon seinem Ende entgegenging. Oder zwar erst begonnen hatte, aber verstellt war mit vielerlei Verpflichtungen, die mit der Kunst nichts zu tun hatten, ja dieser sogar entgegenstanden. Oder wenn er draussen unterwegs war, in Bewegung. Sich vielleicht sogar in einer milden Form sportlich betätigte. Alles war dann denkbar, alles erschien möglich, weil im Hier und Jetzt nichts begonnen werden konnte und darum auch nichts begonnen werden musste.
Oder lieber gar nichts machen? Sich dabei einreden, man halte alle Möglichkeiten offen. Die Kraft – aber auch die Schwäche – des Potenzials zeigte sich ja erst bei seiner Verwirklichung. Bis dahin konnte ihm jede Grösse, jegliche Macht, unterstellt werden. Wobei es darauf ankam, wie lange dieser Dornröschenschlaf der Schaffenskraft dauerte. Ob das Vertrauen auf sie anhielt. Ob es genährt wurde von einem früheren Ruf, vom Glauben einer Gefolgschaft, vom überlebenden Selbstvertrauen des Künstlers. Fehlte dem Potenzial solche Nahrung, so wurde aus der kreativen Pause eine Schaffenskrise. Und wenn diese sich zu lange hinzog, versiegten Kraft und Wille, etwas zu schaffen. Von aussen erwartete es dann niemand mehr. Manche mochten es bedauern, dass ein Künstler am Ende war mit seiner Kunst, andere hatten ihn bald vergessen. Wieder andere waren vielleicht froh, einen Konkurrenten losgeworden zu sein, auf den sie einst neidisch sein mussten.

Der Eisvogel war wieder da. Winzig kleiner, aber sofort ins Auge stechender, weil einziger Farbtupfer an diesem grauen Morgen. Er sass, türkis und orange, auf dem Pfosten des Stegs, aber als sein Beobachter den Feldstecher vom Bücherschaft holen ging und zurück ans Fenster trat, war er schon nicht mehr dort. Der Mann suchte den Uferstreifen ab, von links nach rechts, dann wieder zurück, erkannte aber nur das Muster aus Kringeln und Zipfelchen, welche die Regentropfen in die Haut des Flusses schlugen. Und den Wechsel von hellen und dunklen Wasserflächen, die aufkommenden Wind ankündigten. Als er das Fernglas absetzte, sah er den kleinen Vogel wieder, eine bunt blinkende Zwergdrohne, blitzschnell und dicht über der Wasseroberfläche dahinsausend, ungebremst hinein in eine Lücke der Büsche, deren unterste Äste in der Strömung hin und her strichen. Der Mann wusste nicht, dass auch er beobachtet wurde.

7.1.24

Bruno

Härri war mit dem Fahrrad unterwegs zum Einkaufen. Sein Sohn Bruno hatte am Vortag einen Besuch an der Augster Kunstmesse angekündigt und gefragt, ob er für zwei Nächte bei seinem Vater Unterkunft bekommen könne. Härri war etwas erstaunt gewesen, denn Bruno und er hielten seit einiger Zeit vorsichtig Distanz zueinander, eigentlich seit Bruno vor bald vier Jahren das Kunststudium in Berlin angefangen hatte. Er nahm an, dass sein Sohn diesen Sommer abschliessen könnte, sicher war er aber nicht. Umso mehr freute er sich über die Aussicht, Bruno direkt zu seinen Plänen befragen zu können. Mehr noch, ihn überhaupt wieder einmal zu sehen. Er hatte darum nach der Anfrage sofort zugesagt, dabei seine Vorfreude so zurückhaltend wie möglich ausgedrückt. Er bot seinem Sohn an, im Fischerhaus nicht nur zu übernachten, sondern es nach Belieben zu nutzen und zu bewohnen «in den paar Tagen» – er hoffte bereits, Bruno würde länger bleiben als zwei Nächte. Er selbst plante, ins Gemeinschaftsatelier auszuweichen, das sich in einer umgenutzten Lagerhalle in der Nähe des alten Akademiegebäudes befand. Härri bezahlte für seinen Raum dort noch immer die Miete, obwohl er ihn seit über einem Jahr nicht mehr betreten hatte. Er hoffte, dass die grosse Couch, die er dort stehen hatte, nicht abhandengekommen war.
Bruno hatte auf das Angebot per Emoji geantwortet, mit einem erhobenen Daumen, immerhin. Die Einladung zum Nachtessen am Abend seiner Ankunft war noch unbeantwortet geblieben. Trotzdem bereitete sich Härri darauf vor, indem er bei der Metzgerei neben dem römischen Theater drei grosse Kalbshaxen kaufte. Da er das Fahrrad davor mit einer Kette abgeschlossen hatte, liess er es stehen und ging zu Fuss ins Kaufhaus, um Kartoffeln, gelbe Paprika, Kirschtomaten und Knoblauch zu kaufen. Als er alles beisammen und auf dem Fahrrad festgezurrt hatte, fiel ihm ein, dass sein Sohn in der Zwischenzeit zum Vegetarier mutiert sein könnte. Er stellte das Fahrrad nochmals hin und wollte sich auf eine Bank setzen, um eine weitere Nachricht abzusetzen. Es war kein Sitzplatz mehr frei, und erst jetzt fiel ihm auf, wie viele Menschen in der Innerstadt unterwegs waren, die meisten zu Fuss. Es gab aber auch schwarze Luxus-SUV’s, deren Chauffeure sich im Schneckentempo durch die Fussgängerzone drängten. Die Passagiere waren hinter den verdunkelten Scheiben kaum zu sehen. Härri hörte Englisch und Hochdeutsch um sich herum, ab und zu Russisch und Chinesisch. Er lehnte sich an eine Schranke aus Eisenrohren und betrachtete die Vorbeiziehenden. An den teuren, auffällig modischen Kleidern und Schuhen konnte man sehen, dass das VIP-Publikum bereit war für die Previews am Abend vor der Eröffnung der Kunstmesse für das gemeine Volk. Härri fragte sich, ob er Bruno einen gemeinsamen Besuch vorschlagen sollte.
Und nun stand er da in der offenen Tür des Fischerhauses. Bruno – sein Sohn! Er glich immer mehr der Mutter, fand Härri. Er hütete sich aber, eine entsprechende Bemerkung zu machen. Sie umarmten sich kurz, als Bruno seine Tasche hingestellt hatte, und Härri spürte, dass sein Junge breitere, kräftigere Schultern bekommen hatte.
«Trainierst du? Du bist gut in Form.»
«Ja», antwortete Bruno, «ich boxe. Schon länger. Zwei Jahre sind’s nun. – Und du? Machst du noch Taiji?»
Bruno sah ihn prüfend von oben bis unten an. Diese hellen Augen unter dichten, schwarzen Brauen! Sein Bäuchlein war ihnen sicher nicht entgangen.
Härri verzog den Mund und schaukelte träge mit dem Kopf hin und her.
«Hmm», machte er dazu, mit schläfrigem Blick.
Blitzschnell liess er dann die rechte Hand vorschiessen in Richtung von Brunos Brustbein. Nur Millimeter davor stoppten seine Krallenfinger. Bruno zuckte viel zu spät zurück. Darüber lachten sie beide.
Härri nutzte den kurzen Moment der Nähe, um zu fragen.
«Du hast meine Nachricht nicht mehr beantwortet. Isst du noch Fleisch?»
Bruno lachte erneut auf.
«Das wäre jetzt Scheisse, wenn ich nein sagen würde. Hier riecht’s ja schon kräftig nach Papas Osso Bucco! Aber, ich esse noch ab und zu Fleisch, ja. Vor allem, wenn es sowas gibt!»

Und sie kamen – seit langem zum ersten Mal – in ein längeres Gespräch. Ausgangspunkt war Brunos letzte Ausstellung, die Härri besucht, dem Sohn aber nie eine Rückmeldung über seine Eindrücke gegeben hatte. Bruno hatte an der Ausstellung eine Installation aus einer grösseren Serie verkohlter Holzobjekte gezeigt: alte hölzerne Behälter für die Wetzsteine, wie sie früher bei der Arbeit mit der Sense gebraucht worden waren. Es entspann sich ein Streitgespräch über ‘autonome’ versus ‘engagierte’ Kunst. Härri hatten in der Ausstellung die Formen gefallen, auch Brunos Reihungen und Auftürmungen, die Materialität der Holzkohle, natürlich. Für Bruno standen dagegen die Idee, die Aussage und eine gewisse kulturpessimistische Melancholie im Vordergrund. Für einen Stückpreis von fünf bis fünfzig Euro hatte er die Objekte über Internetplattformen aufgekauft, kunstvoll gefertigte Hilfsmittel einer bäuerlichen oder gärtnerischen Tätigkeit, die in dieser Form als ausgestorben gelten musste. Aus einer Zeit zudem, in der noch ein relativ ungebrochenes Verhältnis zur Natur, als ein Gegenüber des Menschen, gepflegt worden war. Mit seiner pyrolytischen Aktion wollte er die Holzobjekte in ein mechanisch fragiles, chemisch aber sehr dauerhaftes Material transformieren. Zusätzlich beflügelte ihn der Gedanke, dass durch die Pyrolyse das im Holz gespeicherte CO2 dauerhaft gebunden wurde. Bruno sah es deshalb als folgerichtig an, potenzielle Käufer der Installation dazu zu verpflichten, die Objekte einem Bauern- oder Gärtnereibetrieb zur Einarbeitung in den Boden zu überlassen. Er stellte im Gegenzug in Aussicht, diesen Vorgang im Sinne der künstlerischen Idee zu garantieren und mit Videoaufnahmen zu dokumentieren, die in den Besitz des Käufers übergehen sollten.
Härri konnte all diese Überlegungen zwar nachvollziehen, einleuchten wollten sie ihm dennoch nicht. Das Engagement in Brunos Kunst kam ihm aufgesetzt vor, angestrengt, und anstrengend. Er fragte sich, und dann auch Bruno, ob man die zusätzliche inhaltliche Aufladung – so nannte er das – nicht den Betrachtern überlassen sollte. Ob die ausführlichen Texte auf den im Saal aufgelegten Blättern, im Katalog, in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln nicht Zusammenhänge behaupten würden, die durch das Kunstwerk nur teilweise gedeckt seien. Und ob das Kunstwerk, im vorliegenden Fall sein Werk, nicht ein Potenzial besitze, das erst durch seine Entlassung in die Autonomie ganz zur Entfaltung gebracht werde. Was er damit meine, wollte Bruno wissen.
«Was siehst du denn sonst noch in der Installation?»
«Schönheit! Ich fand zum Beispiel schön, wie sich bei aller Formvielfalt der verkohlten Behälter die Gemeinsamkeiten hervortaten. Oder besser: durch deine Anordnungen herausgearbeitet wurden. Ein Verhältnis von Länge zu Durchmesser zum Beispiel, das sich wohl von einer handlichen und daher üblichen Grösse der Schleifsteine herleitet, die darin versorgt worden waren. Dann auch die Spitzen am unteren Ende, dank derer man die Behälter in den Boden stecken konnte, wenn sie einen bei der Arbeit behinderten.»
«Du kennst dich aus?», unterbrach Bruno.
«Ja, ein wenig. Habe ich dir sicher schon mal erzählt. Als Bub musste ich oft den Onkeln helfen, auf der Schwäbischen Alb. Eine Zeit lang konnte ich echt gut mit einer Sense umgehen. Es braucht viel Übung. – Aber, um das noch fertig zu machen: das Schönste war für mich der Gegensatz von den gedrechselten, bauchigen oder flaschenförmigen Teilen zu den gesägten und gehobelten Partien der Objekte, den sechs-, acht oder zehnkantigen Prismen, die bei den meisten den oberen Teil ausmachten. Das ist ästhetisch von hoher Qualität! Und gleichzeitig faszinierend, weil es einen frühen Fertigungszustand des Objekts festhält und in die endgültige Form hinübernimmt. Bevor man drechseln kann, muss der Holzblock auf diese Weise abgekantet werden. Einen Teil des Dings in diesem Zustand zu belassen, zeugt von einem Sinn für Ökonomie, die in Ästhetik umschlägt.»
Härri war ins Dozieren geraten, und Bruno reagierte prompt.
«Und das würde Ihnen reichen, Herr Professor? Ökonomie, die in Ästhetik umschlägt? Dann wären wir wieder bei der Minimal Art, bei De Maria, Judd, Andre ...
Härri war aufgestanden und zur Küchennische hinübergegangen ohne zu wissen, was er dort wollte. Er erblickte eine angefangene Flasche Rotwein und kehrte damit zu Bruno zurück. Der wollte keinen Wein mehr, also schenkte er auch sich selber nicht mehr ein. Der Pferdeflüsterer in Neumexiko war ihm in den Sinn gekommen, der grosse Brian Neumann. Und so fuhr er fort:
«Ich weiss nicht. So rein, so clean wie bei den Minimalisten muss die Kunst nicht sein, finde ich. Da gähnt manchmal eine Leere dahinter, die einen nicht metaphysisch frösteln lässt, sondern schlicht langweilt. Bei Neumann ist das anders, oder?»
Bruno scharrte mit dem Stuhl.
«Ah, jetzt kommst du wieder mit dem! Der Superstar, der nur noch seine Pferde im Kopf hat! Der hat ausgesorgt, für sich und zwei Generationen nach ihm. Was schafft er noch? Künstlerisch, meine ich ...?»
Härri sprang auf und begann in der Stube auf und ab zu gehen. Dabei setzte er langsam einen Fuss vor den andern und knickte mit den Hüften so stark ein, dass man um seine Lendenwirbel fürchten musste. Bruno starrte ihn an, dann begann er laut zu lachen.
«Du kannst es immer noch!»
Härri drehte ihm den Kopf zu und verlor dabei das Gleichgewicht. Blieb stehen.
«Was kann ich noch?»
«Den Clown machen! Hast du früher gemacht, die Leute imitiert, wie sie gehen. In Bahnhöfen, oder am Flugplatz. Mama hat sich immer geniert ...»
«Ja, aber du hast gefragt, was Neumann noch macht, künstlerisch. Die Arbeit an diesem Standbein-Spielbein-Ding, Contrapposto Studies, heisst es, glaub’ ich. Die hat er wieder aufgenommen. Das war eine frühe Untersuchung von ihm gewesen, die er gefilmt hatte, in seinem Atelier. Jetzt nahm er das wieder aus dem Archiv und hat die Übung wiederholt, als alter Mann.»
Bruno unterbrach ihn:
«Ja, ich kenne es. Von Venedig, in der Punta della Dogana war das. Aber warum kommst du mit dem jetzt?»
«Ist mir halt eingefallen. Wegen der Einfachheit, vielleicht. Und wegen der Offenheit! Du kannst die ganze Geschichte der Bildhauerei daran hängen, wenn du willst. Den ganzen Mythos um die Bedeutung des Kontraposts hineinprojizieren. Vom Übergang des Stillstands in die Bewegung ... Musst du aber nicht!
Bruno schnaubte.
«Da bin ich aber froh!»
«Und wie er das zusammengeschnitten hat, ist einfach lustig! Wie diese Bilderbücher mit Figuren oder Tieren, die waagrecht zerschnitten sind. Durch Umblättern der Streifen kannst du die groteskesten Kreaturen komponieren.»
«Ja, das stimmt», gab Bruno zu, «das fand ich auch witzig. Wie sich zuerst seine Hüften und Beine umgedreht haben, oder auch der Oberkörper vor den Beinen, wenn er am Ende seiner Tour durchs Atelier angekommen war. Dass er auch noch einen Teil auf den Kopf gestellt hat, fand ich eher unnötig. Eine formalistische Spielerei.»
Sie schwiegen beide. Dann fragte Härri:
«Und das darf Kunst auf keinen Fall sein?»
«Was?»
«Ein Spiel der Formen?»
«Nein! – Jedenfalls nicht nur!»
Er hat ja recht, fand Härri. Aber er war zu müde, darum sagte er nichts mehr und begann aufzuräumen.
Brundo stand auch auf und trat dicht hinter seinen Vater.
«Lass es», sagte er leise, «ich mach das. Und ...danke!»
Härri drehte sich um und lehnte sich an die Spühle.
«Wir haben einen ähnlichen Streit gerade, bei uns am Institut. Die Fraktion der engagierten Kunst, der Aktionistinnen, scheint sich durchzusetzen. Vielleicht nennen wir uns bald «Art Gender Planet» ...
Bruno starrte ihn an.
«Ist nicht wahr!? – Vielleicht sollte ich bei euch meinen Abschluss machen!»
Erst draussen, als er sich bereits aufs Fahrrad geschwungen hatte, getraute sich Härri zu fragen:
«Wollen wir einmal zusammen gehen an die Messe?»
Bruno zögerte einen Moment, und Härri machte sich schon gefasst auf eine Absage. Dann kam die Antwort:
«Ich habe noch mit zwei Kolleginnen abgemacht, morgen. Aber du kannst von mir aus gerne mitkommen. Oder sonst machen wir für übermorgen ab.»
«Dann gerne übermorgen!», sagte Härri etwas zu schnell. Er hatte noch so viel zu besprechen mit seinem Sohn.