Härri war nicht einmal dazugekommen, an allen Wänden einen Kommentar zu hinterlassen, als Baek schon zur nächsten Etappe überleitete. Sie stellte sich in die Mitte des Raums, mehr brauchte sie nicht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und die Diskussionen zum Verstummen zu bringen. Sie wartete, bis sich ihr alle zugewandt hatten und begann dann, ihre Instruktionen zu erteilen.
«Ich bitte euch, diejenigen Sätze, Kommentare und Fragen zu markieren, die euch am meisten im Herzen liegen – sagt man so?» Kurzes, strahlendes Lächeln in die Runde.
Jemand im Hintergrund korrigierte halblaut: «...am Herzen», aber sie fuhr schon weiter.
«Nehmt euch dazu einen breiten Filzstift und setzt Punkte, im Ganzen dreizehn. Ihr dürft sie verteilen oder konzentrieren wie ihr wollt.»
Da nun bereits Bewegung entstand, weil einzelne damit begannen, einen Stift zu suchen, musste sie die Stimme für einen Moment erheben.
«Wir werden anschliessend in Gruppen gehen und so bis zur Pause weitersprechen. Bitte beendet das Gespräch ...», sie schaute auf ihre riesige Armbanduhr, «...um zehn Uhr und schreibt die zwei wichtigsten Resultate auf eines dieser grünen Blätter. Um zehn Uhr fünfzehn bis elf Uhr ist Kaffeepause.»
Miles Kellner hatte sich neben Härri gestellt und meinte:
«Sie macht das gut. Aber wieso dreizehn Punkte. Und zwei Resultate?»
«Weiss nicht. Zahlenmystik?»
Miles lachte kurz auf.
«Meinst du? Es gibt vielleicht auch Formeln bei den Moderations-Tools. Anzahl der zu gewichtenden Items zur Anzahl der Punkte, die man ...»
Härri hob die Schultern, murmelte: «Entschuldige!» und wandte sich ab. Er wollte Baeck fragen, weshalb Otto Ulich nicht da war. Da er sie in ein Gespräch mit Aurelia und Ksenjia vertieft sah, holte er sich einen Stift und begann zu überlegen. Dazu musste er sich setzen. Wenn er Aufmerksamkeit erzielen und eine grundsätzliche Diskussion zur Richtung anstossen wollte, in die man hier offensichtlich einschwenken wollte, konnte er eigentlich nur er alle seine dreizehn Punkte auf eine Stelle konzentrieren. Welchen Satz, welchen Begriff sollte er herausheben? Die «Liebe»? «Hoffnung»? Der Glaube war im ganzen Text verteilt, den konnte man nicht fassen mit einem Filzstift. Oder sollte er seine Markierung zur x-millionsten Definition von Kunst setzen: «Die Kunst ist der Ort, an dem aktuelle Wissenschaft und Technologie mit altem Wissen koexistieren»? Er spürte seine Aufregung im Bauch. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte irgendetwas in die Runde gerufen wie Tourettchen. Oder noch lieber wäre er still und heimlich abgehauen, mit dem Fahrrad irgendwo hingefahren, wo es keine Menschen gab, und keine Sprüche auf Flipchart-Bögen. Es juckte ihn im Ohr, er musste sich kratzen und um sich blicken. Baek stand nun in einem kleinen Grüppchen beim zweiten Plakat, auf dem es nach seiner Erinnerung um den «Menschen als Teil der Natur» ging. Mariette Hyoz, die Sekretärin, hielt sich dicht neben ihr, die beiden von IT, Miles und Arjeta, standen ihr gegenüber. Bruno Segesser, der Bildhauer etwas abseits daneben, zuhörend. Im Moment redete Miles auf die Chefin ein. Er war bei seinem Lieblingsthema, Härri schnappte den Begriff «next nature» auf. Er stand auf und näherte sich der Gruppe. «Natur» war auch so ein Wort, zu dem er etwas zu sagen gehabt hätte. Baek erlaubte sein Dazutreten mit einem leisen Kopfnicken, Miles war mittendrin in seinem Plädoyer.
« ...wenn wir uns als Teil der Natur bezeichnen «wie alle Formen des Lebens, wie «alle Spezies». Dann sind wir doch wieder in dieser biologischen Definition von «nature», oder? Und dann geht’s gleich weiter zu dieser Trennung von «culture» und «nature», die doch einen Teil unserer Probleme spiegelt. Der niederländische Künstler van Vosmeer sagt: ‘Die wahre Natur ist nicht grün.’ Und da finde ich interessant, was er als Trennlinie vorschlägt zwischen Kultur und Natur, nämlich die zwischen «controllable» und «autonomous». Nach dieser neuen Definition, sagt er, gehörten die Gurken, die wir essen, zu «culture», Staus auf Autobahnen und ein wachsender Teil von Artificial Intelligence dagegen zu «nature».»
Nun wurde er von Da-ra Baeck unterbrochen, die ihn über den Brillenrand ansah.
«Ja, das ist interessant, Miles. Wie man mir erklärt hat, wissen die Entwickler der aktuellen Sprachmodelle nur noch ungefähr, wie diese zu ihren Ergebnissen kommen. Die neusten Versionen der Systeme sind bereits daran, theories of mind zu entwickeln, wie sie etwa siebenjährige Kinder haben. Aber ich frage dich: steht die von uns vorgeschlagene Version des Textes wirklich im Widerspruch zu diesen Überlegungen? Du darfst gerne noch eine Korrektur oder einen ergänzenden Vorschlag einbringen.» Sie schaute wieder auf die Uhr. «Aber bitte entschuldigt mich nun, ich muss darauf schauen, dass wir den Abschluss finden vor der Pause.» Und damit war sie weg, und mit ihr die Sekretärin.
Miles hatte keine Lust mehr, weiter über das Thema zu sprechen und war verstummt. Dafür hatte der Bildhauer einen Schritt auf die andern zu gemacht und meinte:
«Mir ist der ganze Text viel zu abstrakt, ehrlich gesagt. Man muss ja nicht gleich ins andere Extrem verfallen wie Kunsthochschulen, die auf die Frontseite schreiben, sie gehörten zu den führenden in Europa. Und dass sie staatliche Hochschulen seien und institutionell akkreditiert.»
«Gibt’s das?», fragte Arjeta und schob gleich noch ein «Wahnsinn!» nach.
«Ja!», antwortete Paul. «Schaust du nie, wie sich die so auf ihren Webseiten präsentieren? Finde ich interessant. Bei einem der Beispiele, von denen ich sprach, geht es dann gleich in den Ausschreibungen der Module weiter im Stil eines Gymi-Lehrplans, so mit Kompetenzen und Du-Ansprache: «Du schaffst Grundlagen für ..., oder: «du entwickelst die und die Kompetenzen» ...Das finde ich auch blöd. Aber dass der Begriff «Grundlagen» in unserem Text gar nicht vorkommen soll, das stört mich!»
Dem konnte Härri zustimmen.
«Ja, das sehe ich auch so. Ich finde, wenn sich ein junger Mensch überlegt, ob er an unserem Institut studieren will, sollte er – oder sie – etwas Orientierungshilfe bekommen. Und da gehören für mich Aussichten auf konkrete Lerninhalte eher dazu als so abstrakte Zielansprachen wie «die unterschiedlichsten Denksysteme zusammenzubringen», was eher zu einem Philosophiestudium passen würde. Oder: «die Werte des Lebens zu schützen und zu pflegen». Das wäre ein Studium in Umweltmanagement, vielleicht Biologie, oder?»
Paul nickte, aber Arjeta wollte noch etwas anderes loswerden.
«Von wegen «nature» und «culture»: Wir sind da wirklich an einem anderen Ort als vor fünf oder zehn Jahren, da hat die Baek recht. Das KI-Genie aus Zypern, Hassounis, der ist überzeugt davon, dass mit künstlicher Intelligenz bald der Punkt erreicht sein wird, an dem sich eine «allgemeine», das heisst selbständige, unspezifische künstliche Intelligenz herausbildet, die AGI, also Artificial General Intelligence. Die wäre dann sehr nahe bei der menschlichen. Natürlich arbeiten die alle wie verrückt daran und jeder will der Erste sein, also «culture» total. Aber wie sie sich dann diese Wende vorstellen, den Eintritt in die «Singularität», wie sie das nennen, das tönt für mich eher nach «nature». Wie ein Schub in der Evolution nach einer Reihe von Mutationen. So ähnlich. Ich habe übrigens den Chatbot nach Alternativen zum neuen Titel «Art Gender Planet» gefragt. Die Antworten waren richtig hochgestochen. Art Ecology Diversity ist eine, die ich noch weiss. Und Art Diversity Symbiosis. Fand ich noch cool, eigentlich. Aber auch unser Titel gefällt mir ganz gut. Das war Aurelias Idee, nicht? Oder kam das von Baek?»
Härri war froh, dass die Kaffeepause angesagt wurde. Er musste pinkeln gehen. Als er vor der Pissoirschüssel stand, liess er seinen Blick über die Wand gleiten, die lückenlos mit Zeichnungen und Sprüchen bedeckt war. Links über ihm war ein Klebstreifen platziert, auf dem schwarz auf weiss aufgedruckt stand: «Niemand will das!»
Auf dem Rückweg hörte er leise Ambient-Klänge aus einem der Ateliers im oberen Stock. Wahrscheinlich waren seine Studentinnen am Malen, und er musste sich zwingen, in den Sitzungsraum zurückzugehen. Da er sich alleine fühlte im halbdunkeln Korridor, machte er im Gehen ein paar Taiji-Übungen in seinem eigenen grotesken Punk-Stil. Dabei wusste er wie affig das aussah, aber es tat ihm gut. Und jetzt brauchte er einen Kaffee.
Nach der Pause wurde Otto Ulich per Video zugeschaltet. Er befand sich auf einer Vortragsreise durch Deutschland und begrüsste nun aus einem Hotelzimmer in Düsseldorf Dara Baek und «seine lieben Kolleginnen und Kollegen». Dann kam er gleich zur Sache.
«Ich erkenne im neuen Namen, den sich das Institut geben will, ebenso wie in den Textvorschlägen für die zukünftige Präsentation auf der Webseite, den dezidierten Willen, ein eigenständiges Profil zu entwickeln, das sich explizit absetzen soll von vergleichbaren Instituten anderer Hochschulen. Ich weise ja schon seit längerer Zeit darauf hin, dass sich im Kunstsystem eine Spaltung, eine Art Schisma vollzogen hat – und sich weiter fortsetzt – zwischen einer sich selbst als autonom bezeichnenden Kunst, die sich jedoch am Markt orientiert. Der Kunstmarkt wird von seiner Spitze aus dominiert von Künstlern mit Siegermentalität sowie von Sammlern und Kunstmuseen der obersten Liga. Dieser Kunst steht eine andere gegenüber, die sich als Engagement, Aktionismus und Politik versteht und sich dem Markt gegenüber sperrig bis verweigernd verhält. Sie befriedigt das Distinktionsbedürfnis der Diskurseliten, zum Beispiel der Kuratorinnen und Organisatoren von Grossevents wie die Kasseler Dokumenta oder die Biennale in Venedig. Dass die Ausbildungsinstitutionen auf diese Entwicklung reagieren würden, war absehbar. Ebenso, dass sich ihre Mehrheit eher auf der Seite der politisch engagierten Kunst positionieren würde, wie es jetzt unser Institut offenbar mit Nachdruck und, wie ich finde, auch aus guten Gründen tut. Für die marktorientierte Kunst, welche im Erfolgsfall Oligarchen sowohl unterhält als auch ihr Bedürfnis nach Distinktion und positivem Image bedient, gibt es keine spezifische Ausbildung – noch keine, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch: ein globales Schullabel, eine durch Private finanzierte Schule mit Filialen in New York, Tokyo, Shanghai, London, Paris, Berlin und Dubai, wo den Studierenden beigebracht wird, welche Interessen und Mentalitäten die Superreichen in verschiedenen Kulturen entwickeln, und wie man diese bedient.»
Nun musste sich Härri einschalten.
«Ich möchte dich etwas fragen, Otto.»
Man schob das Mikrofon in seine Nähe. Härri räusperte sich und begann nochmals.
«Ich möchte gerne wissen, Otto ... Was spricht denn dagegen, dass die Kunstausbildung sich weiterhin auf die Vermittlung von Grundlagen konzentriert und es den jungen Künstlerinnen und Künstlern überlässt, ob sie ihre Kunst autonom verstanden haben oder sich politisch, aktionistisch ausdrücken wollen. Meinetwegen auch etwas dazwischen. Sollte man sie nicht die Grundlagen und das Rüstzeug für ihren je eigenen Weg erarbeiten lassen und sie darin begleiten? Zu einer Kunst mit den von ihnen gewählten Inhalten und Aussagen? So könnten sie selbst entscheiden, in welche der von dir beschriebenen Kunstwelten sie sich hineinbegeben wollen. Wir würden dafür sorgen, dass sie überall erfolgreich sein können.»
Härri wusste genau, dass er mehr zu Da-ra Baeck und Aurelia sprach als zu Ulich, und seine Äusserung war auch nur zum Schein in eine Frage gehüllt. Trotzdem antwortete ihm Ulich in der ihm eigenen, freundlich distanzierten Weise.
«Es spricht nichts grundsätzlich dagegen, Lukas. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren merken müssen, dass der Umfang und die Vielfalt dessen, was man unter dem sich immer mehr erweiternden Kunstbegriff als Grundlagen verstehen kann, dermassen in die Breite gewachsen ist, dass die Zahl der Workshops und Module manchmal kaum mehr zu organisieren war. Und logischerweise litt unter dem Bemühen nach Vollständigkeit auch die Vertiefung. Vielleicht ist also der Anspruch, alle Richtungen der Kunst in einer Ausbildung, in ein und derselben Institution abzudecken, schlicht und einfach unrealistisch geworden. Ein prononciertes Profil wie das hier vorgeschlagene sehe ich da als einen durchaus plausiblen Weg. Wer sich in Zukunft bei uns bewirbt, weiss, was sie oder er bekommt.»
Härri spürte, wie es in ihm hochkochte. Das Setting mit dem per Video zugeschalteten Kunsthistoriker, der dafür bekannt war, kontrovers geführte Diskussionen mit ein paar wohlgesetzten Argumenten entscheiden zu können, kam Härri wie ein abgekartetes Spiel vor. Ja, er traute Baek, dieser koreanischen Sphinx, einen solchen Schachzug durchaus zu! Dass alles schon im Voraus mit Aurelia und Ulich abgemacht gewesen war, die ganze Veranstaltung mit Einbezug der Kolleginnen nur der Wahrung des Scheins diente, Leitbild und Namensgebung des Instituts seien gemeinsam entwickelt und im Konsens verabschiedet worden.
Er hatte nichts mehr gesagt nach Ulichs Urteil. Mehrere seiner Kolleginnen, auch Da-ra Baek, stellten noch Fragen an den virtuellen Gast, aber Härri bekam davon nichts mit. Erst als ihm die Sekretärin seinen Becher mit Mineralwasser auffüllte und ihn fragte, ob alles gut sei, kehrte sein Geist wieder in die Wirklichkeit zurück, die ihn umgab. Ulich hatte sich verabschiedet, auf der Leinwand war ein Ablauf mit Terminen zu sehen. Baeck hatte sich daneben aufgestellt und erklärte die weiteren Schritte bis zur Inkrafttretung des neuen Namens und Leitbilds ihres Instituts. Es war noch möglich, Ergänzungen und Korrekturen einzubringen, aber nur noch kosmetisch, wie Härri feststellte. Wenn er in die Runde schaute, konnte er niemanden entdecken, der so enttäuscht und unzufrieden war wie er. Ulich hatte gesagt, zukünftige Studentinnen und Studenten würden in Zukunft wissen, was sie in der Ausbildung bekämen. Wussten die Kolleginnen und Kollegen, was sie zu vermitteln hatten? Wusste er es?
Als Baek zu einer abschliessenden Runde aufgefordert hatte und er an der Reihe war, musste er zuerst überlegen, was er sagen sollte. Dann entschied er sich für ein Zitat aus dem dicken gelben Buch, in dem er gerne las. Er richtete es direkt an seine Chefin.
«Die Worte des Ministers sind vernünftig, entschied Taizong erleichtert, wer weitere Einwände vorbringt, wird bestraft.»
Baek sah ihn mit undurchdringlicher Miene an.
30.12.23
18.12.23
Art Gender Planet
Härri war vom Geräusch des Flusses erwacht, einem gleichmässigen Rauschen, das er träumend in die Tonspur eines Films eingebaut hatte. Das Haus, in dem er früher mit seiner Frau und den zwei Kindern gewohnt hatte. Er schliesst die schwere Haustüre auf, hastig, weil er seiner Frau etwas Wichtiges sagen muss. Durch die Windfangtüre mit den geätzten Gläsern hört er schon das Wasser. Als er hineinstürzt: Ein Wasserfall anstelle der Treppe! Er muss hinter den tosenden Vorhang gelangen, kann sich aber der quälenden Unmöglichkeit entziehen, indem er aufwacht.
Als er mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor die Türe des kleinen Fischerhauses trat, suchte er nach der Quelle des Rauschens. Der ufernahe Teil des Stegs war überflutet, der vordere hatte sich zwischen den eisernen Pfosten emporgearbeitet und zeigte wie eine Sprungschanze in den Himmel. Darunter vibrierte der graue Schwimmkörper, eine Bugwelle aufwölbend wie ein auftauchendes U-Boot. Der Fluss war ockerfarben, das Wasser teigig und voll mit Holz. Knapp über die Oberfläche ragende Äste, Balken und Baumstämme flitzten mit beunruhigender Geschwindigkeit an Härri vorbei. Eine zerbrochene Palette hatte sich zwischen Pfosten und Schwimmer des Stegs verkeilt und würde bald weiteres Treibgut einfangen. Das war es, was so rauschte. Er hoffte, der Steg würde dem Druck standhalten, der Höchststand des Hochwassers war noch nicht erreicht. Es sollte noch ein paar Tage anhalten. Schon wieder!
Härri kehrte ins Haus zurück. Über den Tisch verstreut lagen die Notizen für die heutige Sitzung der Institutsleitung. Er hatte sich vorgenommen, seine Bedenken gegenüber dem neuen Leitbild deutlich zu äussern. Wobei zu erwarten war, dass er damit den Konsens der Kolleginnen stören würde, die sowohl Leitlinien als auch die neue Bezeichnung des Instituts, im Wesentlichen vorgeschlagen von Da-ra Baek als kürzlich an die Akademie berufene Chefin, begeistert aufgenommen und sich darauf eingestellt hatten, alles per Akklamation durchzuwinken. Er wollte also gut vorbereitet und mit schwer widerlegbaren Argumenten bewaffnet zu dem Anlass erscheinen. Zusätzlich zu den Randnotizen und Unterstreichungen, die er in Baeks Entwurfstext geschrieben hatte, nahm er zwei Gedanken mit, die er im Hinterkopf behalten wollte. Es waren schon fast Vorsätze. Erstens: «Halte dich fern von Illusionen!» Das war die Stimme von Fässler, seinem früheren Lehrer in Hamburg. Härri wollte sich damit in Erinnerung rufen, dass selbst dann, wenn es ihm gelänge, alle von seiner Meinung zu überzeugen und einen Text durchzusetzen, der ganz mit seiner Haltung übereinstimmte, dies doch nur in eine auf Papier und auf Bildschirmen festgehaltene Absichtserklärung münden würde. Die tatsächliche Umsetzung in die chaotische und oft von Zufällen geleitete Praxis war immer etwas anderes. Er war schon eine ganze Weile an der Akademie, hatte folglich schon mehrere solcher Anläufe erlebt. Auch er hatte einmal, als er für kurze Zeit die alleinige Leitung des Instituts innehatte, dem Betrieb auf solche Weise seinen Stempel aufdrücken wollen. Funktioniert hatte es nicht. Innovationen fanden dennoch statt, aus kollektiver Intuition, an den schriftlich festgehaltenen Setzungen vorbei, manchmal, eher zufällig, mit ihnen im Einklang. Zweitens sagte er sich: «Du bist alt, vielleicht schnallst du nicht mehr alles.» Das war Tourettchens Stimme. Er wusste, dass dies der schwierigere Teil seiner Vorsätze war: In Bescheidenheit den jüngeren Leuten zugestehen, dass vielleicht sie recht hatten, und er unrecht. Dass die Jüngeren anders in der Gegenwart lebten als er, der nur noch einen Teil ihrer Zukunft mit ihnen teilen würde. Viele von ihnen waren auf eine existenzielle Weise besorgt um die Entwicklung der Welt, von der er, im Gegensatz zu ihnen, nur noch einen Zipfel erleben würde. Da-ra Baek stand vom Alter her zwischen ihm und den jungen Dozentinnen, aber sie redete, als wüsste sie viel mehr über die Zukunft als er.
Er wappnete sich zusätzlich, indem er sich ein dunkles, fast faltenfreies Hemd aussuchte und vor dem Spiegel anzog, die kleine Plastikbürste unter den Wasserhahn hielt und sich damit die weissgrauen, struppigen Haare durchkämmte. Sie hatten die richtige Länge, so wie auch der kurz geschnittene Bart, und als er den Busch auf seinem Scheitel zu einem schräg nach hinten strebenden Kamm geformt hatte, wandte er sich zufrieden ab, langte die warme Jacke vom Haken, holte das Fahrrad aus dem Schopf und machte sich auf den Weg.
Die Akademie hatte zwei Standorte. Der eine davon war das historistische Gebäude der einstigen Kunstgewerbeschule auf der Rheininsel. Der zweite befand sich in zwei grossen Hallen einer ehemaligen Spinnerei, die man nach dem Konkurs des Unternehmens zuerst hatte verwahrlosen lassen. Später waren sie abwechslungsweise von Jugendlichen, dann wieder von der Polizei besetzt worden. Auf Druck des Parlaments und der Öffentlichkeit musste die Stadt die Anlage kaufen, worauf man sie der Akademie mit der Auflage, regelmässig öffentliche Ausstellungen zu organisieren, zur Nutzung überliess. Das war vor gut dreissig Jahren gewesen. Die «Spinnerei», wie dieser Standort, halb liebevoll, halb spöttisch noch immer genannt wurde, stand am südlichen Stadtrand in der Nähe der Eisenbahnlinie. Dorthin sollte Härri eigentlich unterwegs sein.
Weil er seine Einwände gegen Baeks Konzept in Gedanken nochmals durchging, fuhr er allerdings einem Automatismus folgend in die Richtung des alten Gebäudes und musste, als er es merkte, einen Umweg nehmen, so dass es knapp wurde, obwohl er genau das nicht gewollt hatte: verschwitzt ankommen und keine Zeit haben, sich zu sammeln vor dem Sitzungsbeginn. Nun war es wieder einmal anders gekommen, aber als er erhitzt beim Personenlift ankam, sah er zu seiner Erleichterung, dass er nicht der Letzte war.
Härri liess A. und X. den Vortritt in die Kabine, die mit ihnen drei wegen A’s. Leibesfülle und ausladender Kleidung auch schon voll war. A. trug einen weiten, schwarzgrünen Daunenmantel mit einem Pelzkragen aus grell pinkfarbigen Fasern, die wie Zuckerwatte ihr rundes Gesicht umrahmten und sich mit den offenen, metallisch dunkelrosa gefärbten Haaren vermischten. Unter dem offenstehenden Mantel, den sie beim Sprechen mit in den Taschen versenkte Händen in lebhafte Bewegung versetzte, sah man ein silbern glänzendes Top, darunter einen weissen, gestrickten kurzen Rock, der sich über ihren runden Bauch spannte. Sie hatte Härri knapp begrüsst und gleich weiter auf ihre Freundin X eingeredet, die ihr nun, eingeklemmt in die hintere Ecke des Lifts, gegenüberstand mit gerunzelter Stirn. Ihr Gesicht wurde eingerahmt von rabenschwarzen Haaren – halblang und mit akkurat geschnittenen Fransen – und wirkte wie immer bleich. Ihre Kleidung war im Wesentlichen schwarz. Ein Wolljäckchen mit zwei silbernen Broschen – Härri konnte nicht erkennen, ob sie Blumen oder Vögel darstellten –, darunter ein schwarzes T-Shirt mit verschiedensten Variationen christlicher Kreuze, weiss aufgedruckt. Der Rock gefältelt, schwarz mit feinen rosa Streifen. X. schien A’s begeistertem Bericht über irgendeine Serie nicht zuzuhören. Ihre mit Kajal umrandeten Augen starrten unter den schwarzen Brauen ins Leere.
Als sie im dritten Stock angekommen waren, stieg Härri als erster aus. Er hatte den unangenehmen Eindruck, auf der kurzen Fahrt mit dem Duft von A’s. blumigen Parfüm imprägniert worden zu sein und roch auf dem Weg zum Saal, in dem die Sitzung stattfinden sollte, verstohlen an seinen Ärmeln. Als er sah, wie beide Begleiterinnen aus dem Lift auf die Tür des Raums zustrebten, begriff er, dass Baek entschieden hatte, die Diskussion über das neue Leitbild schon jetzt im erweiterten Kreis der Dozentinnen zu führen und nicht zuerst im Vierergremium der Leitung, zu dem er gehörte, Vorentscheidungen zu treffen. Einen Stich gab es ihm, das war nicht abgesprochen! Aber wie auch schon, seit Baek seine Chefin war, fragte er sich beim Eintreten, ob vielleicht er etwas verpasst habe, denn seine Kolleginnen wirkten nicht überrascht vom Setting.
Und da sass, oder besser: tronte sie. Da-ra Baek! Noch nicht am rechten Kopfende des langen Tischs, wo bald ihr Platz sein würde, mit der ausziehbaren Projektionswand im Rücken. Sie hatte es sich, ganz und bis auf die Farbe der Knöpfe an Bluse und Hose, in Schwarz gekleidet, auf dem Sofa bequem gemacht. Die silbrig weiss gefärbten Haare verschmolzen mit der weiss gestrichenen Backsteinwand dahinter. Sie liess die Eintretenden an sich vorbeiziehen und ihre Plätze am Tisch einnehmen. Von manchen wurde sie begrüsst mit Kopfnicken und verhaltenem ‘Hallo’, andere bemerkten sie erst, als sie sassen. Härri hatte nach dem Eintreten etwas beschleunigt, weil er seine Position am Tisch nicht dem Zufall überlassen wollte. Er setzte sich mit dem Rücken zum Fenster auf den zweiten Stuhl, rechts neben dem noch leeren Platz der Chefin, und wie er erwartet hatte, kam gleich nach ihm die Sekretärin und Pförtnerin des Instituts und nahm den ersten ein. Ihre Wärme und vermittelnde Freundlichkeit würden ihm helfen ruhig zu bleiben, falls es mit Baek zu einer Konfrontation kommen sollte, so seine Hoffnung. Er packte Notizen und Stift aus dem Rucksack und blickte dann zu Baek hinüber, die noch immer auf dem Sofa sass. Woran nur erinnerte ihn diese Haltung? Sie hatte den einen Schuh abgestreift. Ihr rechtes Bein stand auf der Sitzfläche des Sofas, spitz angewinkelt zwischen dem nackten Fuss und ihrem Gesäss. Das andere Bein in entspannter Sitzhaltung, mit dem Fuss flach am Boden. Auf dem hochgezogenen Knie ruhte lässig der ausgestreckte rechte Arm, mit leicht hängender Hand wie bei einer Frau, die ihren Nagellack aushärten lässt. Die linke Hand stützte sie auf der Sitzfläche auf, bei gestrecktem Arm. Königlich sah sie aus, das musste Härri zugeben. In diesem Moment sah sie ihn durch die breitrandige Brille kurz an, nahm dann das Bein vom Sofa und stand auf. Suchte nun nach ihrem Schuh, zirkelte den Fuss hinein und kam an den Tisch. Noch im Gehen begann sie mit ihrer Begrüssung:
«Guten Tag uns allen! Ich bin glücklich, dass ihr euch den Termin einrichten konntet. Alle, die ich eingeladen habe zu dieser für unser Institut wichtigen Zusammenkunft.»
Jetzt wusste er es: Guanyin! Die Boddhisatva in der Pose, die er Tourettchen in mehreren Variationen gezeigt hatte und die jener hatte nachmachen wollen, vergeblich, weil er die Ruhe nicht hinbekam, die nötig war, um «den Mond im Wasser zu betrachten» und dabei «den Ton der Welt zu hören».
Die Einleitung seiner Chefin hatte er nun verpasst. Bereits leuchtete von der Leinwand der Text auf, den sie alle auch auf Papier ausgedruckt vor sich liegen hatten. Härri verglich die aktuelle Version mit seiner von eigenen Kommentaren übersähten. Es waren keine Änderungen mehr dazugekommen. Rings um ihnen standen die Kolleginnen auf und rüsteten sich mit farbigen Zetteln und breiten Filzstiften aus. Erst jetzt bemerkte er die grossen Poster an den Wänden, auf denen im oberen Teil je zwei Sätze aus dem Text aufgedruckt waren. Er machte sich an den Werkstattleiter heran und fragte ihn mit einem entschuldigenden Grinsen: «Was müssen wir jetzt machen?»
«Auch nicht aufgepasst?, fragte dieser freundlich zurück. «Unsere Kommentare dazu hängen. Und gleich auch diskutieren, so «marktplatzmässig» ... Glaube ich jedenfalls.»
Härri ärgerte sich. Er hatte sich auf einen einzigen Auftritt vorbereitet, eine Art Plädoyer für einen Textvorschlag, der mehr von Nüchternheit geprägt wäre, auch von expliziten Bezugnahmen auf die zu erwartende Berufsrealität der Studienabgängerinnen. Für eine Zurücknahme auch der vielen, seiner Meinung nach zu hohen und zu diffusen Ansprüchen. Nun griff er halt zu seinen Notizen, nahm sich einen kleinen Stapel gelber Zettel – X. sah es und kommentierte: «Oh, da hat jemand einiges einzuwenden!» – und machte sich auf den Weg zum Plakat mit den ersten zwei Sätzen. Da stand:
Das Institute «Art Gender Planet» steht ein für eine Praxis der Kunst, welche sich an Werten der Vielfalt, des friedlichen Zusammenlebens und der Koexistenz mit allen Lebewesen des Planeten, der sozialen Gerechtigkeit und der Liebe orientiert. Die Praxis soll zur Substanz werden, die alles durchdringt und sowohl Materialien als auch Technologien befragt.
A. stand bereits zusammen mit X und den beiden IT-Menschen vor dem Text und las ihn laut vor, obwohl ihn sicher alle auswendig kannten. Härri entfernte sich nochmals von der Gruppe, auf der Suche nach einer Schreibunterlage, setzte sich kurz an einen kleinen Tisch in der Nähe und übertrug verkürzte Versionen der Einwände in seinen Notizen auf die gelben Papierstücke. Als er zurückkam um sie an die Wand zu heften, traten die andern zur Seite, verstummten und schauten ihm zu. Es waren vier Zettel, auf denen kaum genug Platz war für seine Kommentare.
Auf dem ersten Zettel stand:
Zum Titel: - «Gender» kommt im Text nur implizit vor. Warum dann im Titel? - «Planet»: Auf diesem uralten Planeten sind wir eine Episode, der Planet kann (und wird) gut ohne uns weiterexistieren. Ist es nicht anmassend, «für die Natur», gar «für den Planeten» zu sprechen?
Auf dem zweiten Zettel:
Zur «Koexistenz mit allen Lebewesen»: - Da wird ein ökologischer Ansatz beschworen, der sehr schwer einzulösen ist. Es gibt Kunsthochschulen in unserem Land, die viel in entsprechende Forschung investieren. Wollen / können wir das?
Auf dem dritten:
Zur «Liebe»: Was ist das? Verstehen wir alle dasselbe darunter? (Es gibt toxische Formen der Liebe!) Und: wie ist die Aussenwirkung, wenn wir so etwas auf die Startseite schreiben?
Und auf dem vierten:
Zur «Praxis als Substanz»: Der Begriff Substanz hat eine lange und komplizierte Geschichte. Was soll er für uns, heute, bedeuten? Oder geht es da um «altes Wissen», um die «prima materia» der Allchemisten etwa?
Kaum war er von der Wand zurückgetreten, als A. auf das Blatt mit der Liebe zutrat, mit einer grossen Geste darauf zeigte und eine Rede zugunsten des Begriffs hielt. Dafür war sie die zuständige Fachfrau, ohne Zweifel. Härri hatte es schon beim ersten Durchlesen des Textes für wahrscheinlich gehalten, dass sie die Liebe ins Spiel gebracht hatte. A., die immer und jederzeit in jemanden verliebt war, manchmal in zwei drei Personen auf einmal, wobei weder biologisches Geschlecht noch die gendermässige Einordnung eine Rolle spielten. Heikel fand nicht nur er die verschwommenen Grenzen zu Kolleginnen, noch mehr zu Studentinnen und Studenten, die A. ziemlich willkürlich und eigenmächtig definierte. Das war auch ein Grund gewesen, warum er die Bemerkung zur Aussenwirkung aufgeschrieben hatte. Er wollte aber nicht mit ihr, und schon gar nicht jetzt schon zu streiten anfangen und machte sich mit einer gemurmelten Entschuldigung auf den Weg zu den anderen Wänden.
Als er mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor die Türe des kleinen Fischerhauses trat, suchte er nach der Quelle des Rauschens. Der ufernahe Teil des Stegs war überflutet, der vordere hatte sich zwischen den eisernen Pfosten emporgearbeitet und zeigte wie eine Sprungschanze in den Himmel. Darunter vibrierte der graue Schwimmkörper, eine Bugwelle aufwölbend wie ein auftauchendes U-Boot. Der Fluss war ockerfarben, das Wasser teigig und voll mit Holz. Knapp über die Oberfläche ragende Äste, Balken und Baumstämme flitzten mit beunruhigender Geschwindigkeit an Härri vorbei. Eine zerbrochene Palette hatte sich zwischen Pfosten und Schwimmer des Stegs verkeilt und würde bald weiteres Treibgut einfangen. Das war es, was so rauschte. Er hoffte, der Steg würde dem Druck standhalten, der Höchststand des Hochwassers war noch nicht erreicht. Es sollte noch ein paar Tage anhalten. Schon wieder!
Härri kehrte ins Haus zurück. Über den Tisch verstreut lagen die Notizen für die heutige Sitzung der Institutsleitung. Er hatte sich vorgenommen, seine Bedenken gegenüber dem neuen Leitbild deutlich zu äussern. Wobei zu erwarten war, dass er damit den Konsens der Kolleginnen stören würde, die sowohl Leitlinien als auch die neue Bezeichnung des Instituts, im Wesentlichen vorgeschlagen von Da-ra Baek als kürzlich an die Akademie berufene Chefin, begeistert aufgenommen und sich darauf eingestellt hatten, alles per Akklamation durchzuwinken. Er wollte also gut vorbereitet und mit schwer widerlegbaren Argumenten bewaffnet zu dem Anlass erscheinen. Zusätzlich zu den Randnotizen und Unterstreichungen, die er in Baeks Entwurfstext geschrieben hatte, nahm er zwei Gedanken mit, die er im Hinterkopf behalten wollte. Es waren schon fast Vorsätze. Erstens: «Halte dich fern von Illusionen!» Das war die Stimme von Fässler, seinem früheren Lehrer in Hamburg. Härri wollte sich damit in Erinnerung rufen, dass selbst dann, wenn es ihm gelänge, alle von seiner Meinung zu überzeugen und einen Text durchzusetzen, der ganz mit seiner Haltung übereinstimmte, dies doch nur in eine auf Papier und auf Bildschirmen festgehaltene Absichtserklärung münden würde. Die tatsächliche Umsetzung in die chaotische und oft von Zufällen geleitete Praxis war immer etwas anderes. Er war schon eine ganze Weile an der Akademie, hatte folglich schon mehrere solcher Anläufe erlebt. Auch er hatte einmal, als er für kurze Zeit die alleinige Leitung des Instituts innehatte, dem Betrieb auf solche Weise seinen Stempel aufdrücken wollen. Funktioniert hatte es nicht. Innovationen fanden dennoch statt, aus kollektiver Intuition, an den schriftlich festgehaltenen Setzungen vorbei, manchmal, eher zufällig, mit ihnen im Einklang. Zweitens sagte er sich: «Du bist alt, vielleicht schnallst du nicht mehr alles.» Das war Tourettchens Stimme. Er wusste, dass dies der schwierigere Teil seiner Vorsätze war: In Bescheidenheit den jüngeren Leuten zugestehen, dass vielleicht sie recht hatten, und er unrecht. Dass die Jüngeren anders in der Gegenwart lebten als er, der nur noch einen Teil ihrer Zukunft mit ihnen teilen würde. Viele von ihnen waren auf eine existenzielle Weise besorgt um die Entwicklung der Welt, von der er, im Gegensatz zu ihnen, nur noch einen Zipfel erleben würde. Da-ra Baek stand vom Alter her zwischen ihm und den jungen Dozentinnen, aber sie redete, als wüsste sie viel mehr über die Zukunft als er.
Er wappnete sich zusätzlich, indem er sich ein dunkles, fast faltenfreies Hemd aussuchte und vor dem Spiegel anzog, die kleine Plastikbürste unter den Wasserhahn hielt und sich damit die weissgrauen, struppigen Haare durchkämmte. Sie hatten die richtige Länge, so wie auch der kurz geschnittene Bart, und als er den Busch auf seinem Scheitel zu einem schräg nach hinten strebenden Kamm geformt hatte, wandte er sich zufrieden ab, langte die warme Jacke vom Haken, holte das Fahrrad aus dem Schopf und machte sich auf den Weg.
Die Akademie hatte zwei Standorte. Der eine davon war das historistische Gebäude der einstigen Kunstgewerbeschule auf der Rheininsel. Der zweite befand sich in zwei grossen Hallen einer ehemaligen Spinnerei, die man nach dem Konkurs des Unternehmens zuerst hatte verwahrlosen lassen. Später waren sie abwechslungsweise von Jugendlichen, dann wieder von der Polizei besetzt worden. Auf Druck des Parlaments und der Öffentlichkeit musste die Stadt die Anlage kaufen, worauf man sie der Akademie mit der Auflage, regelmässig öffentliche Ausstellungen zu organisieren, zur Nutzung überliess. Das war vor gut dreissig Jahren gewesen. Die «Spinnerei», wie dieser Standort, halb liebevoll, halb spöttisch noch immer genannt wurde, stand am südlichen Stadtrand in der Nähe der Eisenbahnlinie. Dorthin sollte Härri eigentlich unterwegs sein.
Weil er seine Einwände gegen Baeks Konzept in Gedanken nochmals durchging, fuhr er allerdings einem Automatismus folgend in die Richtung des alten Gebäudes und musste, als er es merkte, einen Umweg nehmen, so dass es knapp wurde, obwohl er genau das nicht gewollt hatte: verschwitzt ankommen und keine Zeit haben, sich zu sammeln vor dem Sitzungsbeginn. Nun war es wieder einmal anders gekommen, aber als er erhitzt beim Personenlift ankam, sah er zu seiner Erleichterung, dass er nicht der Letzte war.
Härri liess A. und X. den Vortritt in die Kabine, die mit ihnen drei wegen A’s. Leibesfülle und ausladender Kleidung auch schon voll war. A. trug einen weiten, schwarzgrünen Daunenmantel mit einem Pelzkragen aus grell pinkfarbigen Fasern, die wie Zuckerwatte ihr rundes Gesicht umrahmten und sich mit den offenen, metallisch dunkelrosa gefärbten Haaren vermischten. Unter dem offenstehenden Mantel, den sie beim Sprechen mit in den Taschen versenkte Händen in lebhafte Bewegung versetzte, sah man ein silbern glänzendes Top, darunter einen weissen, gestrickten kurzen Rock, der sich über ihren runden Bauch spannte. Sie hatte Härri knapp begrüsst und gleich weiter auf ihre Freundin X eingeredet, die ihr nun, eingeklemmt in die hintere Ecke des Lifts, gegenüberstand mit gerunzelter Stirn. Ihr Gesicht wurde eingerahmt von rabenschwarzen Haaren – halblang und mit akkurat geschnittenen Fransen – und wirkte wie immer bleich. Ihre Kleidung war im Wesentlichen schwarz. Ein Wolljäckchen mit zwei silbernen Broschen – Härri konnte nicht erkennen, ob sie Blumen oder Vögel darstellten –, darunter ein schwarzes T-Shirt mit verschiedensten Variationen christlicher Kreuze, weiss aufgedruckt. Der Rock gefältelt, schwarz mit feinen rosa Streifen. X. schien A’s begeistertem Bericht über irgendeine Serie nicht zuzuhören. Ihre mit Kajal umrandeten Augen starrten unter den schwarzen Brauen ins Leere.
Als sie im dritten Stock angekommen waren, stieg Härri als erster aus. Er hatte den unangenehmen Eindruck, auf der kurzen Fahrt mit dem Duft von A’s. blumigen Parfüm imprägniert worden zu sein und roch auf dem Weg zum Saal, in dem die Sitzung stattfinden sollte, verstohlen an seinen Ärmeln. Als er sah, wie beide Begleiterinnen aus dem Lift auf die Tür des Raums zustrebten, begriff er, dass Baek entschieden hatte, die Diskussion über das neue Leitbild schon jetzt im erweiterten Kreis der Dozentinnen zu führen und nicht zuerst im Vierergremium der Leitung, zu dem er gehörte, Vorentscheidungen zu treffen. Einen Stich gab es ihm, das war nicht abgesprochen! Aber wie auch schon, seit Baek seine Chefin war, fragte er sich beim Eintreten, ob vielleicht er etwas verpasst habe, denn seine Kolleginnen wirkten nicht überrascht vom Setting.
Und da sass, oder besser: tronte sie. Da-ra Baek! Noch nicht am rechten Kopfende des langen Tischs, wo bald ihr Platz sein würde, mit der ausziehbaren Projektionswand im Rücken. Sie hatte es sich, ganz und bis auf die Farbe der Knöpfe an Bluse und Hose, in Schwarz gekleidet, auf dem Sofa bequem gemacht. Die silbrig weiss gefärbten Haare verschmolzen mit der weiss gestrichenen Backsteinwand dahinter. Sie liess die Eintretenden an sich vorbeiziehen und ihre Plätze am Tisch einnehmen. Von manchen wurde sie begrüsst mit Kopfnicken und verhaltenem ‘Hallo’, andere bemerkten sie erst, als sie sassen. Härri hatte nach dem Eintreten etwas beschleunigt, weil er seine Position am Tisch nicht dem Zufall überlassen wollte. Er setzte sich mit dem Rücken zum Fenster auf den zweiten Stuhl, rechts neben dem noch leeren Platz der Chefin, und wie er erwartet hatte, kam gleich nach ihm die Sekretärin und Pförtnerin des Instituts und nahm den ersten ein. Ihre Wärme und vermittelnde Freundlichkeit würden ihm helfen ruhig zu bleiben, falls es mit Baek zu einer Konfrontation kommen sollte, so seine Hoffnung. Er packte Notizen und Stift aus dem Rucksack und blickte dann zu Baek hinüber, die noch immer auf dem Sofa sass. Woran nur erinnerte ihn diese Haltung? Sie hatte den einen Schuh abgestreift. Ihr rechtes Bein stand auf der Sitzfläche des Sofas, spitz angewinkelt zwischen dem nackten Fuss und ihrem Gesäss. Das andere Bein in entspannter Sitzhaltung, mit dem Fuss flach am Boden. Auf dem hochgezogenen Knie ruhte lässig der ausgestreckte rechte Arm, mit leicht hängender Hand wie bei einer Frau, die ihren Nagellack aushärten lässt. Die linke Hand stützte sie auf der Sitzfläche auf, bei gestrecktem Arm. Königlich sah sie aus, das musste Härri zugeben. In diesem Moment sah sie ihn durch die breitrandige Brille kurz an, nahm dann das Bein vom Sofa und stand auf. Suchte nun nach ihrem Schuh, zirkelte den Fuss hinein und kam an den Tisch. Noch im Gehen begann sie mit ihrer Begrüssung:
«Guten Tag uns allen! Ich bin glücklich, dass ihr euch den Termin einrichten konntet. Alle, die ich eingeladen habe zu dieser für unser Institut wichtigen Zusammenkunft.»
Jetzt wusste er es: Guanyin! Die Boddhisatva in der Pose, die er Tourettchen in mehreren Variationen gezeigt hatte und die jener hatte nachmachen wollen, vergeblich, weil er die Ruhe nicht hinbekam, die nötig war, um «den Mond im Wasser zu betrachten» und dabei «den Ton der Welt zu hören».
Die Einleitung seiner Chefin hatte er nun verpasst. Bereits leuchtete von der Leinwand der Text auf, den sie alle auch auf Papier ausgedruckt vor sich liegen hatten. Härri verglich die aktuelle Version mit seiner von eigenen Kommentaren übersähten. Es waren keine Änderungen mehr dazugekommen. Rings um ihnen standen die Kolleginnen auf und rüsteten sich mit farbigen Zetteln und breiten Filzstiften aus. Erst jetzt bemerkte er die grossen Poster an den Wänden, auf denen im oberen Teil je zwei Sätze aus dem Text aufgedruckt waren. Er machte sich an den Werkstattleiter heran und fragte ihn mit einem entschuldigenden Grinsen: «Was müssen wir jetzt machen?»
«Auch nicht aufgepasst?, fragte dieser freundlich zurück. «Unsere Kommentare dazu hängen. Und gleich auch diskutieren, so «marktplatzmässig» ... Glaube ich jedenfalls.»
Härri ärgerte sich. Er hatte sich auf einen einzigen Auftritt vorbereitet, eine Art Plädoyer für einen Textvorschlag, der mehr von Nüchternheit geprägt wäre, auch von expliziten Bezugnahmen auf die zu erwartende Berufsrealität der Studienabgängerinnen. Für eine Zurücknahme auch der vielen, seiner Meinung nach zu hohen und zu diffusen Ansprüchen. Nun griff er halt zu seinen Notizen, nahm sich einen kleinen Stapel gelber Zettel – X. sah es und kommentierte: «Oh, da hat jemand einiges einzuwenden!» – und machte sich auf den Weg zum Plakat mit den ersten zwei Sätzen. Da stand:
Das Institute «Art Gender Planet» steht ein für eine Praxis der Kunst, welche sich an Werten der Vielfalt, des friedlichen Zusammenlebens und der Koexistenz mit allen Lebewesen des Planeten, der sozialen Gerechtigkeit und der Liebe orientiert. Die Praxis soll zur Substanz werden, die alles durchdringt und sowohl Materialien als auch Technologien befragt.
A. stand bereits zusammen mit X und den beiden IT-Menschen vor dem Text und las ihn laut vor, obwohl ihn sicher alle auswendig kannten. Härri entfernte sich nochmals von der Gruppe, auf der Suche nach einer Schreibunterlage, setzte sich kurz an einen kleinen Tisch in der Nähe und übertrug verkürzte Versionen der Einwände in seinen Notizen auf die gelben Papierstücke. Als er zurückkam um sie an die Wand zu heften, traten die andern zur Seite, verstummten und schauten ihm zu. Es waren vier Zettel, auf denen kaum genug Platz war für seine Kommentare.
Auf dem ersten Zettel stand:
Zum Titel: - «Gender» kommt im Text nur implizit vor. Warum dann im Titel? - «Planet»: Auf diesem uralten Planeten sind wir eine Episode, der Planet kann (und wird) gut ohne uns weiterexistieren. Ist es nicht anmassend, «für die Natur», gar «für den Planeten» zu sprechen?
Auf dem zweiten Zettel:
Zur «Koexistenz mit allen Lebewesen»: - Da wird ein ökologischer Ansatz beschworen, der sehr schwer einzulösen ist. Es gibt Kunsthochschulen in unserem Land, die viel in entsprechende Forschung investieren. Wollen / können wir das?
Auf dem dritten:
Zur «Liebe»: Was ist das? Verstehen wir alle dasselbe darunter? (Es gibt toxische Formen der Liebe!) Und: wie ist die Aussenwirkung, wenn wir so etwas auf die Startseite schreiben?
Und auf dem vierten:
Zur «Praxis als Substanz»: Der Begriff Substanz hat eine lange und komplizierte Geschichte. Was soll er für uns, heute, bedeuten? Oder geht es da um «altes Wissen», um die «prima materia» der Allchemisten etwa?
Kaum war er von der Wand zurückgetreten, als A. auf das Blatt mit der Liebe zutrat, mit einer grossen Geste darauf zeigte und eine Rede zugunsten des Begriffs hielt. Dafür war sie die zuständige Fachfrau, ohne Zweifel. Härri hatte es schon beim ersten Durchlesen des Textes für wahrscheinlich gehalten, dass sie die Liebe ins Spiel gebracht hatte. A., die immer und jederzeit in jemanden verliebt war, manchmal in zwei drei Personen auf einmal, wobei weder biologisches Geschlecht noch die gendermässige Einordnung eine Rolle spielten. Heikel fand nicht nur er die verschwommenen Grenzen zu Kolleginnen, noch mehr zu Studentinnen und Studenten, die A. ziemlich willkürlich und eigenmächtig definierte. Das war auch ein Grund gewesen, warum er die Bemerkung zur Aussenwirkung aufgeschrieben hatte. Er wollte aber nicht mit ihr, und schon gar nicht jetzt schon zu streiten anfangen und machte sich mit einer gemurmelten Entschuldigung auf den Weg zu den anderen Wänden.
Härri
Lukas Härri – Er hatte seinen Familiennamen gehasst als Kind. Wenn er sich zuhause beklagte, in Laichingen, er sei in der Schule wieder einmal gehänselt worden deswegen, so pflegte sein aus dem Aargauischen eingewanderter Vater zu sagen: «Auch deine Kameraden haben doch Namen, mit denen man sie aufziehen könnte: Pfleiderer, Goller, Schneck und Pflumm! Kehr den Spiess doch einfach um!» Damit war aber die Mutter, eine geborene Vöhringer, gar nicht einverstanden.
«Stift’ ihn ned an zu solcha Bosheida! Man kann nix dafür für sai Nama!»
Irritierend war auch, dass alle den Namen anders aussprachen als sein Vater, bei dem das Ä behäbig offen klang und das R fast gerollt wurde, mit einfachem Zungenschlag: Härri. Die Schwaben sagten eher «Herri», mit gutturalem R. Gegen Ende der Primarschule nannte ihn ein Anführer unter den Buben dann auf einmal «Harry». Zwar war er der Einzige, der das R so aussprechen konnte, dass es amerikanisch tönte. Aber auch wenn die andern den Namen gleich aussprachen wie zuvor, schien er jetzt auf einmal cool zu klingen. Lukas war es recht.
Erst als er in die Schweiz kam, stellte er fest, dass der Name hier so tönte wie aus dem Mund seines Vaters, und dass ihn niemand für ungewöhnlich oder komisch hielt. Und als er einmal Birrwil am Hallwilersee besucht hatte, von wo der Name und auch sein Vater herkamen, gefiel ihm die Gegend so gut, dass er immer wieder dorthin zurückkehrte. Erst kürzlich, als er mit seinem alten Vater wieder einmal darüber gesprochen hatte und dieser sich vergeblich abmühte, Bedeutung und Herkunft des Familiennamens zu rekonstruieren, war er auf die Idee gekommen, selbst nachzuschauen. Es war ihm sicher schon einige Male erklärt worden, er hatte aber nie zugehört. «Härri» war ein Kosename für ein verspielt umherspringendes Fohlen. Der Ausdruck konnte auch verwendet werden, um unbestimmte Tiere zu bezeichnen, die sich so bewegten. Oder für unsichtbare, die Laute von sich gaben, die man wiederum als Anzeichen für den Frühling oder Frühsommer auffasste. Schliesslich konnte «s Härri ha» oder «s Härri übercho» bedeuten, dass man von einer nicht recht fassbaren Laune oder Sehnsucht ergriffen wurde. Ihm gefielen alle Erklärungen. Die Menschen um den kleinen See herum hatten einen Ausdruck erfunden für eine schwer zu fassende Energie, für unkontrollierbare, unvorhersehbare Äusserungen und Bewegungen. Aber er wusste, dass seine beiden Kinder froh waren, den Familiennamen der Mutter zu tragen und nicht seinen.
«Stift’ ihn ned an zu solcha Bosheida! Man kann nix dafür für sai Nama!»
Irritierend war auch, dass alle den Namen anders aussprachen als sein Vater, bei dem das Ä behäbig offen klang und das R fast gerollt wurde, mit einfachem Zungenschlag: Härri. Die Schwaben sagten eher «Herri», mit gutturalem R. Gegen Ende der Primarschule nannte ihn ein Anführer unter den Buben dann auf einmal «Harry». Zwar war er der Einzige, der das R so aussprechen konnte, dass es amerikanisch tönte. Aber auch wenn die andern den Namen gleich aussprachen wie zuvor, schien er jetzt auf einmal cool zu klingen. Lukas war es recht.
Erst als er in die Schweiz kam, stellte er fest, dass der Name hier so tönte wie aus dem Mund seines Vaters, und dass ihn niemand für ungewöhnlich oder komisch hielt. Und als er einmal Birrwil am Hallwilersee besucht hatte, von wo der Name und auch sein Vater herkamen, gefiel ihm die Gegend so gut, dass er immer wieder dorthin zurückkehrte. Erst kürzlich, als er mit seinem alten Vater wieder einmal darüber gesprochen hatte und dieser sich vergeblich abmühte, Bedeutung und Herkunft des Familiennamens zu rekonstruieren, war er auf die Idee gekommen, selbst nachzuschauen. Es war ihm sicher schon einige Male erklärt worden, er hatte aber nie zugehört. «Härri» war ein Kosename für ein verspielt umherspringendes Fohlen. Der Ausdruck konnte auch verwendet werden, um unbestimmte Tiere zu bezeichnen, die sich so bewegten. Oder für unsichtbare, die Laute von sich gaben, die man wiederum als Anzeichen für den Frühling oder Frühsommer auffasste. Schliesslich konnte «s Härri ha» oder «s Härri übercho» bedeuten, dass man von einer nicht recht fassbaren Laune oder Sehnsucht ergriffen wurde. Ihm gefielen alle Erklärungen. Die Menschen um den kleinen See herum hatten einen Ausdruck erfunden für eine schwer zu fassende Energie, für unkontrollierbare, unvorhersehbare Äusserungen und Bewegungen. Aber er wusste, dass seine beiden Kinder froh waren, den Familiennamen der Mutter zu tragen und nicht seinen.
5.12.23
Lithografie
Es ging auf die Abschlüsse zu. Vier aus dem Bachelor-Studiengang und drei Masterstudenten hatte er zu betreuen, fünf Frauen und zwei Männer. Zwei der jüngsten, T., die sich als Malerin verstand und P., der an einer graphic novel, seinem Opus magnum, arbeitete, hatten sich im Laufe des Jahres für die Lithografie interessiert. L. war glücklich gewesen darüber, dass die Druckwerkstatt wieder im Hauptstudium gebraucht wurde, und nicht nur in gelegentlichen wahlpflichtigen Workshops, die er anbieten durfte, oder in den öffentlichen Abendkursen, die von einer Kollegin aus der Vermittlung erteilt wurden. Dass es die Werkstatt mit ihrer tonnenschweren Ausrüstung überhaupt noch gab – historische Handpressen und jüngere, umgebaute Offsetmaschinen, ein paar Kubikmeter Kalksteine sowie Kästen voller Zubehör für die Malerei auf Stein, die Ätz- und Druckvorgänge –, und dass dies alles nicht verschenkt oder für einen symbolischen Preis ins Ausland verkauft worden war, durfte er seiner Beharrlichkeit anrechnen. Andere fanden: seiner Sturheit oder gar seiner Rückwärtsgewandtheit, eine Einschätzung, mit der er nie einverstanden gewesen war.
Er stand am grossen Trog aus Klinker und hielt den oberen seiner zwei Steine in wirbelndem Schwung. Der untere war sehr schwer, etwa acht Zentimeter dick bei einer Fläche von einem halben Quadratmeter. Er hatte ihn mit einem kleinen Handstapler hergeschafft, dessen Gabel sorgfältig auf die Höhe des Holzgestells über den Trögen eingestellt und ihn dann hinübergeschoben, immer darauf bedacht, seinem Rücken nicht zu viel Gewicht oder eine unbedachte Bewegung zuzumuten. Daraufhin hatte er den Stapler zur Seite gestellt, die Ärmel hochgekrempelt und den Stein mit der Brause gründlich benetzt. Die letzte Zeichnung, die er damit gedruckt hatte, war noch deutlich zu sehen. Farblos zwar, aber dunkler als der Rest des Steins, und das Wasser abstossend. Es war eine phantastisch überhöhte Abwandlung eines der Holzschnitte aus der «Reise in den Westen» gewesen, die er für seinen Freund Tourettchen gemacht hatte. Der Impuls, diesem eine Freude zu machen, hatte sich dabei verbunden mit einem diffusen Bedürfnis, frühere Themen und Arbeitsweisen wieder aufzunehmen, noch ohne zu wissen, wohin dies führen könnte. Er streute von dem groben, grünen Karborund-Sand auf den Stein, goss einen Becher Wasser dazu, vermischte und verteilte die dunkel gewordene Sauce auf der Fläche. Holte dann einen Stein aus dem Regal, mit dem er gerade noch ohne Stapler hantieren konnte. Er hievte ihn auf den grösseren und begann ihn auf dem Schleifbrei in Drehung zu versetzten.
Nein, es ging nicht um Rückständigkeit. Weder um retro noch um vintage. Es war ihm ums Verstehen gegangen, um sein eigenes in erster Linie. Fast gleichzeitig hatte er sich damals die Grafikprogramme auf dem Computer und die Lithografie von Experten zeigen lassen, sich dann als überzeugter Autodidakt in die Komplexität der Techniken und Abläufe verbissen. Und viel darüber gelesen. Das am meisten benutzte Programm war von Lithografen entwickelt worden, wie ihm schnell klar wurde. Als Maler hatte er immer gelitten unter den sumpfig-instabilen Verhältnissen auf Palette und Leinwand. Unter seiner Ungeduld, mit der er auf noch nicht trockenen Schichten weitergemalt hatte wider besseres Wissen, Farbmischungen und Strukturen erzeugend, die chaotisch aus Ungeschick entstanden und nachträglich unter beträchtlichem Aufwand integriert werden mussten, auf dem Bild durch immer weitere Korrekturen, und im Kopf durch Kapriolen, welche Ungewolltem eine höhere Absicht, Absurdem einen Sinn zu geben suchten. Das war auch der Grund gewesen, warum er die Ölmalerei aufgegeben und sich der Acrylfarbe zugewandt hatte. In der Lithografie genoss er nach einer langen Phase der Annäherung, während der er jeden Arbeitsschritt von einem Handzettel hatte ablesen müssen, die klare Trennung vom Akt des Zeichnens und Malens, der immer mit Schwarz auf den gräulichen bis ockerfarbigen Stein ausgeführt wurde, von dem der Farbentscheidung. Er stellte diese und viele weitere Parallelen zwischen der körperlich anstrengenden Drucktechnik und der Arbeit mit dem Grafikprogramm fest. Die rationale Planung einer Bildidee, dank der Ebenen, in denen das Bild gedacht werden musste. Die Verwendung von Schablonen und Masken, einer grossen Auswahl an Zeichen- und Malwerkzeugen. Die Reversibilität von Entscheidungen, die bei der digitalen Malerei grundsätzlich gegeben war unter Voraussetzung einer gewissen Disziplin beim Speichern und Ordnen der Zwischenergebnisse, erwies sich bei der Lithografie allerdings als deutlich eingeschränkt. Erst wenn eine Farbe gedruckt war, konnte man letztlich ihre Wirkung im Zusammenspiel mit den anderen Farben erkennen, vor allem dann, wenn man sie mit Transparentweiss gemischt hatte und beim Überdrucken neue Töne entstanden. Eine Korrektur war dann zwar möglich, aber erst im Hinblick auf ein anderes Blatt. Er musste also lernen, von Anfang an so viele zu drucken, dass nach dem Wegfall der Fehldrucke noch eine genügend grosse Auflage übrigblieb. Er hatte sich beim Lithografieren zuweilen dabei ertappt, dass er, für den Bruchteil einer Sekunde, den Reset-Befehl suchte, die Tasten command und Z.
Als er zum zweiten Mal Sand auf die Fläche streute, war der ursprünglich noch erkennbare, gefesselt in einem Baum hängende Dämon verschwunden.
Mit welchen Arbeitsschritten L. nun seinen Stein fertig präparierte, sei hier nicht weiter aufgeführt. Wenden wir uns dem aufgehängten Dämon zu um zu erfahren, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Auf ihrer Reise in den Westen kamen der Schriftenholer und Mönch Xuanzang, auch Tripitaka genannt, und seine drei Schüler und Bewacher, der Pilger Sun Wukong, der auch Affenkönig hiess, der eberköpfige Tölpel Zhu Bajie und der Sandmönch Sha Wujing, zwischen Herbst und Winter zu einem hoch aufragenden Gebirge. Es wurde beleuchtet von einem unheimlichen Licht, und plötzlich erblickten sie eine rote Wolke, die bis zum neunten Himmel aufstieg. Sun Wukong warnte die andern, hier gehe ein Dämon um und zog den Meister aus dem Sattel, um ihn besser beschützen zu können.
In der roten Wolke versteckte sich tatsächlich ein Dämon, der von der Pilgerreise Tripitakas erfahren hatte und wusste, dass dieser die Reinkarnation von Meister Goldzikade, einem der ersten Jünger Buddhas war. Er wollte den Heiligen fangen und fressen, da er sich von seinem Fleisch Unsterblichkeit erhoffte. Wie er aus seiner Wolke herabsah auf die Pilgergruppe, musste er allerdings feststellen, dass das Objekt seiner Begierde gut bewacht war. Darum beschloss er, eine List anzuwenden. Er verwandelte sich in einen nackten siebenjährigen Knaben, fesselte sich selbst mit Stricken und hängte sich in das Geäst eines Baumes, an dem die Pilger vorbeikommen mussten. Dann begann er, um Hilfe zu schreien.
Da sich unterdessen die rote Wolke aufgelöst hatte, liess Sun Wukong seinen Meister wieder auf das Pferd steigen und weiterreiten. Es habe sich wohl nur um einen «durchreisenden Dämon» gehandelt. Tripitaka bezweifelte diese Erklärung, und dazu hörte er nun Hilfeschreie aus der Ferne. Sofort wollte er dem Notleidenden zu Hilfe eilen. Sun Wukong aber ahnte, dass dies eine Falle sein könnte und bat den Meister, das Geschrei nicht zu beachten. Damit sie dem Schreienden gar nicht begegneten, vertauschte er durch einen Zauber ein paar Berge und Entfernungen, sodass sie bereits an dem Ort vorbei waren, woher der Hilferuf gekommen war. Tripitaka und die andern merkten nichts davon, wohl aber der Dämon, der sich wieder mit seiner roten Wolke hoch hinauferhob, um Ausschau zu halten. Sun Wukong sah ihn und hiess den Meister wie zuvor absteigen, bis die Wolke verschwunden war. Als er die Gruppe zum Weiterreiten aufforderte, ärgerte sich Tripitaka so sehr über Sun Wukongs Hin und Her, dass er beinahe den Zauberspruch aufsagte, mit dem er den Reif um den Kopf des Affenkönigs verengen und ihn so bestrafen konnte.
Unterdessen hatte sich der Dämon wieder in der Gestalt des nackten Jungen in einen Baum gehängt, diesmal ganz in ihrer Nähe, und wieder schrie er jämmerlich um Hilfe. Tripitaka war nun nicht mehr davon abzuhalten, dem Schreienden zu helfen. Er ritt zu dem Baum und fragte den Knaben, wie er heisse und wie er in diese Notlage geraten sei. Der Dämon erzählte ihm eine erfundene Geschichte. Seine Familie sei von Räubern überfallen worden, die den Vater getötet, ihn und seine Mutter aber entführt hätten. Er selbst sei hier aufgehängt worden, damit er erfriere und verhungere. Tripitaka befahl Bajie, den Knaben loszubinden, aber Sun Wukong erkannte in dem Knaben den Dämon. Er beschimpfte ihn und wies ihm nach, dass seine Geschichte nicht stimmen könne. Bajie aber hielt zu Tripitaka, holte den Jungen herunter und band ihn los. Der Meister bot ihm das Pferd zum Reiten an, aber der Dämon wusste sehr wohl, dass es sich bei dem Reittier um ein Drachenpferd handelte. Also lehnte er ab mit der Behauptung, er könne nicht reiten. Auch von Bajie und von Sandmönch wollte er nicht getragen werden unter dem Vorwand, dass er sich vor ihrem Äusseren fürchte. Mit solchen Ausflüchten erreichte er es, von Sun Wukong getragen zu werden, den er mit seinen Zauberkräften zu besiegen gedachte. Aber Sun Wukong, der den Knaben lachend auf den Buckel nahm, hatte umgekehrt vor, den Dämonen bei der nächsten Gelegenheit zu töten. Da dieser jedoch die Absichten des Affenkönigs durchschaute, machte er sich durch Zauber bald so schwer wie ein Berg, sodass ihn Sun Wukong abwarf, packte, und gegen einen Felsen schleudern wollte. Der Dämon aber liess seinen Urgeist aus dem Körper entfliehen und stieg so bis in den neunten Himmel empor, von wo aus er zusah, wie Sun Wukong den Knabenkörper zerschmetterte. Noch während dieser mit seiner Vernichtungsarbeit beschäftigt war, erzeugte der Dämon einen Wirbelwind, der die Pilger in eine Wolke von Staub einhüllte und ihnen Holzstücke und Steine ins Gesicht blies. In dem entstehenden Durcheinander entführte er Tripitaka, ohne dass es seine Beschützer verhindern konnten.
Sun Wukong und Bajie waren so ernüchtert und enttäuscht über diese Niederlage, dass sie sogleich ihre Mission aufgeben wollten und fanden, jeder solle nun seiner Wege gehen. Darüber entrüstete sich der Sandmönch heftig und rief seine Kollegen zur Pflicht, den Mönch aus den Klauen des Dämons zu retten. Und tatsächlich verstärkte Sun Wukong nun seine Anstrengungen. Er verwandelte sich in ein Ungeheuer mit sechs Armen und drei Köpfen, und auch seine Waffe, die Eisenstange, verdreifachte er. In dieser eindrucksvollen Gestalt jagte er von Ost nach West und wieder zurück, scheuchte dabei eine ganze Horde von Berggöttern und Erdgeistern auf, die in der Gegend wohnten und nun ihre Hilfe anboten. Alle litten sie seit langem unter der Herrschaft des Dämons und wollten ihn endlich loswerden. Sun Wukong erfuhr von ihnen, dass es sich bei dem Ungeheuer um den Sohn des Rinderdämons handle. Er heisse «Rotkindchen», oder mit Ehrennamen «Grosser König des Heiligen Embryos». Erfreut stellte Sun Wukong fest, dass er eigentlich der Onkel des Dämons sei, da er mit dessen Vater, dem Rinderdämon, einst Bruderschaft geschlossen habe. Sicher könne er sich über die Herausgabe des Meisters mit dem Dämon einigen, wenn dieser erfahre, dass sie verwandt seien.
Die Berggötter und Erdgeister führten nun Sun Wukong und Bajie zur Grotte des Dämons, während Sandmönch mit dem Pferd auf ihre Rückkehr wartete. Vor der Höhle tummelten sich viele kleine Ungeheuer, die sofort hineinflitzten und ihrem Meister die Ankunft von Sun Wukong und Bajie meldeten. Der Dämon liess seine Untergebenen darauf fünf Schubkarren vor die Höhle stellen und zwar in der Anordnung der fünf Wandlungsphasen oder Elemente. Erst dann trat der Dämon mit einem Flammenspeer vor die Grotte und fragte, wer es wage, seine Ruhe zu stören. Sun Wukong trat vor, sprach ihn als «Neffen» an und forderte die Freigabe Tripitakas. Er würde es sonst dem Vater des Dämons melden, mit dem er einst Bruderschaft geschlossen habe. Der Dämon glaubte ihm nicht und verhöhnte ihn, worauf ein wilder Kampf über zwanzig Runden begann. Als Bajie sah, dass der Dämon in Defensive geriet, wollte er Sun Wukong helfen, den Kampf zu beenden und schlug mit seinem Rechen zu. Da floh der Dämon zu seiner Grotte, wo er begann, sich selbst die Nase blutig zu schlagen. Aus dem Blut wurde Feuer, womit er, speiend und schneuzend, die Karren in Brand setzte und schliesslich die ganze Höhle in ein Flammenmeer verwandelte. Bajie zog sich eilends zurück, aber Sun Wukong vollzog ein Fingerzeichen zur Flammenabwehr und stürzte sich in die Grotte.
Was er nicht wusste: das Feuer war ein wahres «Samadhi-Feuer». Der Dämon konnte die Energie der höchsten Erleuchtung in ein zerstörerisches Feuer verwandeln. Die Karren, angeordnet nach den fünf Wandlungsphasen, verstärkten dessen Kraft zusätzlich. Sun musste bald einsehen, dass er dem Feuer nicht standhalten konnte und floh aus der Grotte zu Bajie und Sandmönch. Sie berieten sich, wie man weiter gegen den Dämon vorgehen könnte. Sandmönch schlug vor, die Hierarchie der Wandlungsphasen zu nutzen und das Feuer mit Wasser zu bekämpfen. Sun Wukong fand den Vorschlag gut und machte sich auf den Weg zum Drachenkönig des Ostmeers um ihn um Wasser zu bitten in der Form eines lokalen Starkregens. Der Drachenkönig rief seine Brüder der anderen Meere zusammen und gemeinsam machten sie sich auf zur Grotte des Dämons. Sun Wukong ordnete an, die Verbündeten sollten erst und nur dann eingreifen, wenn der Dämon sein Feuer zünde.
Wieder stellte sich der Affenkönig vor die Grotte und forderte den Dämon mit lauter Stimme heraus. Dieser trat aus dem Dunkel der Höhle und es gab einen langen Kampf, bis der Dämon sich abermals zurückzog, sich die Nase blutig schlug und alles in Brand steckte. Sofort liessen die Drachenkönige einen gewaltigen Platzregen auf die Grotte niedergehen. Aber leider konnte gewöhnliches Wasser ein Samadhi-Feuer nicht löschen, im Gegenteil: es war, als ob man Öl ins Feuer gegossen hätte. Alles brannte lichterloh und unter höllischer Hitze.
Trotzdem stürzte sich Sun Wukong voller Wut und mit Feuerschutz in die Grotte. Aber diesmal blies ihm der Dämon auch noch einen beizenden Rauch in die Augen, was Sun Wukong seit seinem Kampf mit Laozi, als dieser ihm ebenfalls mit Rauch die Augen verätzt hatte, gar nicht vertragen konnte. Sun Wukong floh blindlings aus der Grotte und stürzte sich in den nahen Wildbach, um sich abzukühlen und sich die Augen auszuwaschen. Das kalte Wasser aber trieb ihm die Energie des Feuers direkt ins Herz, sodass ihm alle drei Lichtseelen aus dem Leib fuhren. Dem armen Affenkönig blieb der Atem stehen, und sein Leben war hin. Doch davon, wie Sun Wukong sein Leben wieder erlangte, sei hier nicht weiter die Rede.
Er stand am grossen Trog aus Klinker und hielt den oberen seiner zwei Steine in wirbelndem Schwung. Der untere war sehr schwer, etwa acht Zentimeter dick bei einer Fläche von einem halben Quadratmeter. Er hatte ihn mit einem kleinen Handstapler hergeschafft, dessen Gabel sorgfältig auf die Höhe des Holzgestells über den Trögen eingestellt und ihn dann hinübergeschoben, immer darauf bedacht, seinem Rücken nicht zu viel Gewicht oder eine unbedachte Bewegung zuzumuten. Daraufhin hatte er den Stapler zur Seite gestellt, die Ärmel hochgekrempelt und den Stein mit der Brause gründlich benetzt. Die letzte Zeichnung, die er damit gedruckt hatte, war noch deutlich zu sehen. Farblos zwar, aber dunkler als der Rest des Steins, und das Wasser abstossend. Es war eine phantastisch überhöhte Abwandlung eines der Holzschnitte aus der «Reise in den Westen» gewesen, die er für seinen Freund Tourettchen gemacht hatte. Der Impuls, diesem eine Freude zu machen, hatte sich dabei verbunden mit einem diffusen Bedürfnis, frühere Themen und Arbeitsweisen wieder aufzunehmen, noch ohne zu wissen, wohin dies führen könnte. Er streute von dem groben, grünen Karborund-Sand auf den Stein, goss einen Becher Wasser dazu, vermischte und verteilte die dunkel gewordene Sauce auf der Fläche. Holte dann einen Stein aus dem Regal, mit dem er gerade noch ohne Stapler hantieren konnte. Er hievte ihn auf den grösseren und begann ihn auf dem Schleifbrei in Drehung zu versetzten.
Nein, es ging nicht um Rückständigkeit. Weder um retro noch um vintage. Es war ihm ums Verstehen gegangen, um sein eigenes in erster Linie. Fast gleichzeitig hatte er sich damals die Grafikprogramme auf dem Computer und die Lithografie von Experten zeigen lassen, sich dann als überzeugter Autodidakt in die Komplexität der Techniken und Abläufe verbissen. Und viel darüber gelesen. Das am meisten benutzte Programm war von Lithografen entwickelt worden, wie ihm schnell klar wurde. Als Maler hatte er immer gelitten unter den sumpfig-instabilen Verhältnissen auf Palette und Leinwand. Unter seiner Ungeduld, mit der er auf noch nicht trockenen Schichten weitergemalt hatte wider besseres Wissen, Farbmischungen und Strukturen erzeugend, die chaotisch aus Ungeschick entstanden und nachträglich unter beträchtlichem Aufwand integriert werden mussten, auf dem Bild durch immer weitere Korrekturen, und im Kopf durch Kapriolen, welche Ungewolltem eine höhere Absicht, Absurdem einen Sinn zu geben suchten. Das war auch der Grund gewesen, warum er die Ölmalerei aufgegeben und sich der Acrylfarbe zugewandt hatte. In der Lithografie genoss er nach einer langen Phase der Annäherung, während der er jeden Arbeitsschritt von einem Handzettel hatte ablesen müssen, die klare Trennung vom Akt des Zeichnens und Malens, der immer mit Schwarz auf den gräulichen bis ockerfarbigen Stein ausgeführt wurde, von dem der Farbentscheidung. Er stellte diese und viele weitere Parallelen zwischen der körperlich anstrengenden Drucktechnik und der Arbeit mit dem Grafikprogramm fest. Die rationale Planung einer Bildidee, dank der Ebenen, in denen das Bild gedacht werden musste. Die Verwendung von Schablonen und Masken, einer grossen Auswahl an Zeichen- und Malwerkzeugen. Die Reversibilität von Entscheidungen, die bei der digitalen Malerei grundsätzlich gegeben war unter Voraussetzung einer gewissen Disziplin beim Speichern und Ordnen der Zwischenergebnisse, erwies sich bei der Lithografie allerdings als deutlich eingeschränkt. Erst wenn eine Farbe gedruckt war, konnte man letztlich ihre Wirkung im Zusammenspiel mit den anderen Farben erkennen, vor allem dann, wenn man sie mit Transparentweiss gemischt hatte und beim Überdrucken neue Töne entstanden. Eine Korrektur war dann zwar möglich, aber erst im Hinblick auf ein anderes Blatt. Er musste also lernen, von Anfang an so viele zu drucken, dass nach dem Wegfall der Fehldrucke noch eine genügend grosse Auflage übrigblieb. Er hatte sich beim Lithografieren zuweilen dabei ertappt, dass er, für den Bruchteil einer Sekunde, den Reset-Befehl suchte, die Tasten command und Z.
Als er zum zweiten Mal Sand auf die Fläche streute, war der ursprünglich noch erkennbare, gefesselt in einem Baum hängende Dämon verschwunden.
Mit welchen Arbeitsschritten L. nun seinen Stein fertig präparierte, sei hier nicht weiter aufgeführt. Wenden wir uns dem aufgehängten Dämon zu um zu erfahren, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Auf ihrer Reise in den Westen kamen der Schriftenholer und Mönch Xuanzang, auch Tripitaka genannt, und seine drei Schüler und Bewacher, der Pilger Sun Wukong, der auch Affenkönig hiess, der eberköpfige Tölpel Zhu Bajie und der Sandmönch Sha Wujing, zwischen Herbst und Winter zu einem hoch aufragenden Gebirge. Es wurde beleuchtet von einem unheimlichen Licht, und plötzlich erblickten sie eine rote Wolke, die bis zum neunten Himmel aufstieg. Sun Wukong warnte die andern, hier gehe ein Dämon um und zog den Meister aus dem Sattel, um ihn besser beschützen zu können.
In der roten Wolke versteckte sich tatsächlich ein Dämon, der von der Pilgerreise Tripitakas erfahren hatte und wusste, dass dieser die Reinkarnation von Meister Goldzikade, einem der ersten Jünger Buddhas war. Er wollte den Heiligen fangen und fressen, da er sich von seinem Fleisch Unsterblichkeit erhoffte. Wie er aus seiner Wolke herabsah auf die Pilgergruppe, musste er allerdings feststellen, dass das Objekt seiner Begierde gut bewacht war. Darum beschloss er, eine List anzuwenden. Er verwandelte sich in einen nackten siebenjährigen Knaben, fesselte sich selbst mit Stricken und hängte sich in das Geäst eines Baumes, an dem die Pilger vorbeikommen mussten. Dann begann er, um Hilfe zu schreien.
Da sich unterdessen die rote Wolke aufgelöst hatte, liess Sun Wukong seinen Meister wieder auf das Pferd steigen und weiterreiten. Es habe sich wohl nur um einen «durchreisenden Dämon» gehandelt. Tripitaka bezweifelte diese Erklärung, und dazu hörte er nun Hilfeschreie aus der Ferne. Sofort wollte er dem Notleidenden zu Hilfe eilen. Sun Wukong aber ahnte, dass dies eine Falle sein könnte und bat den Meister, das Geschrei nicht zu beachten. Damit sie dem Schreienden gar nicht begegneten, vertauschte er durch einen Zauber ein paar Berge und Entfernungen, sodass sie bereits an dem Ort vorbei waren, woher der Hilferuf gekommen war. Tripitaka und die andern merkten nichts davon, wohl aber der Dämon, der sich wieder mit seiner roten Wolke hoch hinauferhob, um Ausschau zu halten. Sun Wukong sah ihn und hiess den Meister wie zuvor absteigen, bis die Wolke verschwunden war. Als er die Gruppe zum Weiterreiten aufforderte, ärgerte sich Tripitaka so sehr über Sun Wukongs Hin und Her, dass er beinahe den Zauberspruch aufsagte, mit dem er den Reif um den Kopf des Affenkönigs verengen und ihn so bestrafen konnte.
Unterdessen hatte sich der Dämon wieder in der Gestalt des nackten Jungen in einen Baum gehängt, diesmal ganz in ihrer Nähe, und wieder schrie er jämmerlich um Hilfe. Tripitaka war nun nicht mehr davon abzuhalten, dem Schreienden zu helfen. Er ritt zu dem Baum und fragte den Knaben, wie er heisse und wie er in diese Notlage geraten sei. Der Dämon erzählte ihm eine erfundene Geschichte. Seine Familie sei von Räubern überfallen worden, die den Vater getötet, ihn und seine Mutter aber entführt hätten. Er selbst sei hier aufgehängt worden, damit er erfriere und verhungere. Tripitaka befahl Bajie, den Knaben loszubinden, aber Sun Wukong erkannte in dem Knaben den Dämon. Er beschimpfte ihn und wies ihm nach, dass seine Geschichte nicht stimmen könne. Bajie aber hielt zu Tripitaka, holte den Jungen herunter und band ihn los. Der Meister bot ihm das Pferd zum Reiten an, aber der Dämon wusste sehr wohl, dass es sich bei dem Reittier um ein Drachenpferd handelte. Also lehnte er ab mit der Behauptung, er könne nicht reiten. Auch von Bajie und von Sandmönch wollte er nicht getragen werden unter dem Vorwand, dass er sich vor ihrem Äusseren fürchte. Mit solchen Ausflüchten erreichte er es, von Sun Wukong getragen zu werden, den er mit seinen Zauberkräften zu besiegen gedachte. Aber Sun Wukong, der den Knaben lachend auf den Buckel nahm, hatte umgekehrt vor, den Dämonen bei der nächsten Gelegenheit zu töten. Da dieser jedoch die Absichten des Affenkönigs durchschaute, machte er sich durch Zauber bald so schwer wie ein Berg, sodass ihn Sun Wukong abwarf, packte, und gegen einen Felsen schleudern wollte. Der Dämon aber liess seinen Urgeist aus dem Körper entfliehen und stieg so bis in den neunten Himmel empor, von wo aus er zusah, wie Sun Wukong den Knabenkörper zerschmetterte. Noch während dieser mit seiner Vernichtungsarbeit beschäftigt war, erzeugte der Dämon einen Wirbelwind, der die Pilger in eine Wolke von Staub einhüllte und ihnen Holzstücke und Steine ins Gesicht blies. In dem entstehenden Durcheinander entführte er Tripitaka, ohne dass es seine Beschützer verhindern konnten.
Sun Wukong und Bajie waren so ernüchtert und enttäuscht über diese Niederlage, dass sie sogleich ihre Mission aufgeben wollten und fanden, jeder solle nun seiner Wege gehen. Darüber entrüstete sich der Sandmönch heftig und rief seine Kollegen zur Pflicht, den Mönch aus den Klauen des Dämons zu retten. Und tatsächlich verstärkte Sun Wukong nun seine Anstrengungen. Er verwandelte sich in ein Ungeheuer mit sechs Armen und drei Köpfen, und auch seine Waffe, die Eisenstange, verdreifachte er. In dieser eindrucksvollen Gestalt jagte er von Ost nach West und wieder zurück, scheuchte dabei eine ganze Horde von Berggöttern und Erdgeistern auf, die in der Gegend wohnten und nun ihre Hilfe anboten. Alle litten sie seit langem unter der Herrschaft des Dämons und wollten ihn endlich loswerden. Sun Wukong erfuhr von ihnen, dass es sich bei dem Ungeheuer um den Sohn des Rinderdämons handle. Er heisse «Rotkindchen», oder mit Ehrennamen «Grosser König des Heiligen Embryos». Erfreut stellte Sun Wukong fest, dass er eigentlich der Onkel des Dämons sei, da er mit dessen Vater, dem Rinderdämon, einst Bruderschaft geschlossen habe. Sicher könne er sich über die Herausgabe des Meisters mit dem Dämon einigen, wenn dieser erfahre, dass sie verwandt seien.
Die Berggötter und Erdgeister führten nun Sun Wukong und Bajie zur Grotte des Dämons, während Sandmönch mit dem Pferd auf ihre Rückkehr wartete. Vor der Höhle tummelten sich viele kleine Ungeheuer, die sofort hineinflitzten und ihrem Meister die Ankunft von Sun Wukong und Bajie meldeten. Der Dämon liess seine Untergebenen darauf fünf Schubkarren vor die Höhle stellen und zwar in der Anordnung der fünf Wandlungsphasen oder Elemente. Erst dann trat der Dämon mit einem Flammenspeer vor die Grotte und fragte, wer es wage, seine Ruhe zu stören. Sun Wukong trat vor, sprach ihn als «Neffen» an und forderte die Freigabe Tripitakas. Er würde es sonst dem Vater des Dämons melden, mit dem er einst Bruderschaft geschlossen habe. Der Dämon glaubte ihm nicht und verhöhnte ihn, worauf ein wilder Kampf über zwanzig Runden begann. Als Bajie sah, dass der Dämon in Defensive geriet, wollte er Sun Wukong helfen, den Kampf zu beenden und schlug mit seinem Rechen zu. Da floh der Dämon zu seiner Grotte, wo er begann, sich selbst die Nase blutig zu schlagen. Aus dem Blut wurde Feuer, womit er, speiend und schneuzend, die Karren in Brand setzte und schliesslich die ganze Höhle in ein Flammenmeer verwandelte. Bajie zog sich eilends zurück, aber Sun Wukong vollzog ein Fingerzeichen zur Flammenabwehr und stürzte sich in die Grotte.
Was er nicht wusste: das Feuer war ein wahres «Samadhi-Feuer». Der Dämon konnte die Energie der höchsten Erleuchtung in ein zerstörerisches Feuer verwandeln. Die Karren, angeordnet nach den fünf Wandlungsphasen, verstärkten dessen Kraft zusätzlich. Sun musste bald einsehen, dass er dem Feuer nicht standhalten konnte und floh aus der Grotte zu Bajie und Sandmönch. Sie berieten sich, wie man weiter gegen den Dämon vorgehen könnte. Sandmönch schlug vor, die Hierarchie der Wandlungsphasen zu nutzen und das Feuer mit Wasser zu bekämpfen. Sun Wukong fand den Vorschlag gut und machte sich auf den Weg zum Drachenkönig des Ostmeers um ihn um Wasser zu bitten in der Form eines lokalen Starkregens. Der Drachenkönig rief seine Brüder der anderen Meere zusammen und gemeinsam machten sie sich auf zur Grotte des Dämons. Sun Wukong ordnete an, die Verbündeten sollten erst und nur dann eingreifen, wenn der Dämon sein Feuer zünde.
Wieder stellte sich der Affenkönig vor die Grotte und forderte den Dämon mit lauter Stimme heraus. Dieser trat aus dem Dunkel der Höhle und es gab einen langen Kampf, bis der Dämon sich abermals zurückzog, sich die Nase blutig schlug und alles in Brand steckte. Sofort liessen die Drachenkönige einen gewaltigen Platzregen auf die Grotte niedergehen. Aber leider konnte gewöhnliches Wasser ein Samadhi-Feuer nicht löschen, im Gegenteil: es war, als ob man Öl ins Feuer gegossen hätte. Alles brannte lichterloh und unter höllischer Hitze.
Trotzdem stürzte sich Sun Wukong voller Wut und mit Feuerschutz in die Grotte. Aber diesmal blies ihm der Dämon auch noch einen beizenden Rauch in die Augen, was Sun Wukong seit seinem Kampf mit Laozi, als dieser ihm ebenfalls mit Rauch die Augen verätzt hatte, gar nicht vertragen konnte. Sun Wukong floh blindlings aus der Grotte und stürzte sich in den nahen Wildbach, um sich abzukühlen und sich die Augen auszuwaschen. Das kalte Wasser aber trieb ihm die Energie des Feuers direkt ins Herz, sodass ihm alle drei Lichtseelen aus dem Leib fuhren. Dem armen Affenkönig blieb der Atem stehen, und sein Leben war hin. Doch davon, wie Sun Wukong sein Leben wieder erlangte, sei hier nicht weiter die Rede.
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