6.8.25

Die Medaille

Was ihn überraschte: es fiel ihm wieder leicht, früh aufzustehen und als einer der ersten auf der Baustelle zu sein. Oder auf der «Grabungsstätte», wie es sein Lehrmeister Chiesa oder der Anthropologe Bachmann nannten. Er musste sich nun von seiner seriösen Seite zeigen, das war ihm klar. Den Frühmorgenjob in der Börse hatte er schon vor längerer Zeit aufgegeben. Er brauchte das Geld auch nicht mehr so dringend, weil er kaum noch zu seinen Trips kam und den Lehrlingslohn nicht zuhause abgeben musste für Kost und Logis wie einige seiner Kollegen.
Heute war er sogar zu früh dran, die Tür im Bauzaun aus Schalungsbrettern, welcher die gesamte Breite der Münsterfassade abdeckte, war noch verschlossen. Er zündete sich eine Zigarette an und wartete auf den Vorarbeiter, der mit seiner Vespa angefahren kam noch bevor er fertig geraucht hatte.
«Kannst es nicht erwarten weiterzugrübeln?», fragte der Mann, der nicht zu wissen schien, was Js Aufgabe bei den Ausgrabungen war. Vom Alter her hätte er sein Vater sein können. Er trug noch den kugeligen Helm auf dem Kopf und nahm seine Kippe nicht aus dem Mundwinkel beim Reden. Er schloss auf und liess J zu dessen Verwunderung zuerst eintreten.
«Mal sehen, ob ihr heute was zu Fotografieren bekommt», brummte er, als sie beide ihre Jacken an die Haken beim Eingang hängten. Also wusste er es doch.
Obwohl sie nun schon seit Wochen hier arbeiteten, war er noch immer bei jedem Eintreten von Neuem gefesselt vom Raum, aus dem der gesamte Boden herausgerissen war. Er erinnerte ihn an den Wald in einem Bergsturzgebiet, durch den er einmal in den Ferien gestreift war. Die Säulen und Pfeiler schienen wie die Tannen dort und damals keine gemeinsame Ebene zu haben, aus der sie emporwuchsen. Sie fussten auf inselartigen, amorphen und bröselig erscheinenden Wurzelbänken. Drei tiefe Gräben, zwei auf den Seiten, einer in der Mittelachse, dazwischen lehmige, helle Flächen aus gestampftem Lehm, – aus der vor-römischen Schicht, wie er gehört hatte – führten nach vorne zur Vierung, wo das Gelände noch unübersichtlicher wurde und anstieg, gestuft und durchbrochen von geöffneten Gräbern und ruinenhaften Treppenauf- und abgängen. J liebte den Geruch von Zement, der im Raum schwebte und in den sich im Laufe des Tages andere Düfte mischen würden: Kaffee, Bier und Salamibrote. Schweiss und – obwohl er verboten war – Zigarettenrauch. Selten, wenn wieder ein Grab geöffnet worden war, roch es nach Moder und Schimmel.
Heute sollte es beim Grab mit der Nummer 45 soweit sein. Die Reste des eingedrückten Sargdeckels waren am Vortag freigelegt worden, darunter konnte man deutlich die Knochen erkennen, mit braunviolett-schwärzlichem Belag dort, wo sich Reste der Bekleidung zersetzt hatten. Seufzend hatte der Anthropologe gestern, als sie den Zwischenstand fotografisch dokumentierten, festgestellt, dass der Leichnam offenbar mit Ätzkalk bestreut worden war, wobei er auf die Stellen zeigte, an denen zwischen den Resten der Bretter ein weissliches Gebrösel zu sehen war. J wusste von anderen Gräbern, dass es sehr schwer war, durch Löschkalk verätzte Knochen am Stück zu bergen. Sie waren davor schon kaum so zu fotografieren, dass sie als menschliche Überreste zu erkennen waren. Das Grab 45 zog im Moment viel Aufmerksamkeit auf sich. J hatte den Grund dafür bruchstückhaft aus den Unterhaltungen der Erwachsenen erfahren. Bachmann hatte eine These bezüglich des hier Bestatteten, der nach einer Untersuchung in den späten 1920er-Jahren als Grabnachbar des berühmten Erasmus von Rotterdam galt. Der niederländische Gelehrte liege aber eben nicht in der Grube nebenan, wie man damals gemeint habe, unmittelbar am Fuss der Säule, an der einst seine Gedenktafel angebracht gewesen war, sondern zwei knappe Schritte davor, in der nun geöffneten Nummer 45. Der nun Auszugrabende sei der wahre Erasmus. Das andere Grab, das aus Platzmangel später dazwischen gequetscht worden war, habe übrigens die Knochen zweier Toter enthalten, die Bachmann sogar meinte, mithilfe schriftlicher Quellen identifiziert zu haben. Es handle sich um zwei Chorherren mit Namen Oeuglin, Onkel und Neffe, deren sterbliche Überreste dreissig Jahre nach Erasmus’ Tod gemeinsam begraben worden seien. Das besser erhaltene Skelett des Jüngeren sei damals vom zuständigen Anthropologen fälschlicherweise für das des Erasmus gehalten und die Behauptung mit viel Aufwand belegt worden. Sein Lehrmeister Chiesa hatte J dann noch genüsslich die Geschichte erzählt, die für grosse Aufregung und Irritation in der Fan-Gemeinde des Rotterdamers gesorgt habe. Nämlich der Befund einer schweren, an den Schienbeinkochen deutlich sichtbaren Syphilis-Erkrankung, die man nicht mit der Überlieferung vom Leben des Humanisten zusammenbringen wollte. Bachmann war entschlossen, eine neue Geschichte zu begründen.
In den letzten Tagen war J klar geworden, wieviel für die Verantwortlichen der «Grabungsstätte» auf dem Spiel stand. Chiesa, der behauptete, dies «von aussen» beobachten zu können, hatte ihm erklärt, dass es um beruflichen Ehrgeiz gehe, um Machtspiele zwischen den zuständigen Disziplinen – Archäologie versus Anthropologie, mittelalterliche versus antike Bodenforschung und so weiter –, aber auch um Zeit, die Geld bedeute. Geld fresse, das durch ein Budget begrenzt sei. Es hatte lautstarke Auseinandersetzungen gegeben zwischen dem Archäologen, der möglichst bald in die tieferen, römischen und keltischen Schichten vorstossen wollte, für die er dann allein zuständig sein würde, und dem Grabungsleiter Sabatier. Das Münster mit seinen mittelalterlichen Strukturen sei für ihn nur ein Hindernis, das ihn ärgerlicherweise von seinem Ziel trenne, warf ihm dieser an den Kopf, als er wieder einmal drängte, Bachmann solle «endlich vorwärts machen mit seinen Knochen». Der aber liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wollte seinen Erasmus finden und ausgraben, mit der unbeirrbaren Sorgfalt, die er dafür nötig erachtete.

Mit Erasmus verbanden J eher unangenehme Erinnerungen. Natürlich hatten sie, noch mit dem ersten Lateinlehrer, wie ihm schien, sämtliche lateinischen Inschriften in der Umgebung der Schule besucht, was ihnen als Schüler wenig brachte, weil sie davon meist nur einzelne Wörter verstanden. Der Lehrer begründete diesen Umstand mit dem mittelalterlichen «Kirchenlatein» oder mit den zahllosen Abkürzungen der in Stein gemeisselten Würdigungen. Bei der Gedenktafel des Erasmus, der einer dieser Besuche galt, hatte er sich nur noch an den blutwurstfarbigen Stein und an die Graffiti erinnern können, welche Bewunderer frecherweise schon ab dem 16. Jahrhundert hineingeritzt und sich damit vereweigt hatten. So wurde es ihnen erklärt und gezeigt. Eines, an das er sich noch erinnern konnte, suchte und fand er wieder. Es war winzig, eingeschrieben in ein gemeisseltes und vergoldetes C: JOAÑES Crucius. J machte sich nicht die Mühe, herauszufinden, wer das gewesen war, aber der Lateinlehrer hatte es ihnen sicher gesagt: Jean de la Croix, ein wallonischer, evangelischen Geistlicher, der knapp hundert Jahre nach Erasmus gelebt hatte, sein Bewunderer gewesen und offenbar zu seinem Grab gepilgert war.
J ärgerte sich noch immer, wenn er daran dachte, dass ausgerechnet der zweite Lateinlehrer, den er gut mochte, ihm in seiner zuweilen flapsigen Art einen Übernamen angehängt hatte, von dem er behauptete, er hänge mit Erasmus zusammen: «Körperchen». Dabei hiess er Körber, und nicht Körper, was es auch gab als Name. Beide Schreibweisen hatten, wie er vom Vater wusste, mit dem Beruf des Korbmachens zu tun und gar nichts mit dem Körper, der einem mit vierzehn Jahren – so alt war er bei der unerwünschten Namensgebung – sowieso peinlich ist. Erasmus sei oft krank gewesen in seinem Leben, so der Lehrer, und dadurch zum Hypochonder geworden, ein Wort, dessen Bedeutung J bei dieser Gelegenheit in den Zusammenhang des «eingebildeten Kranken» zu bringen lernte, den sie im Französischunterricht kennengelernt hatten. Erasmus habe das Gejammer über seinen jeweiligen Gesundheitszustand aber ironisch zu mildern gewusst, indem er von seinem «Körperchen» sprach. Der Lateinlehrer schien das sehr lustig zu finden und bekam Zustimmung von Js Klassenkameraden. So blieb der Übername zu seinem Kummer eine Zeit lang an ihm kleben. Vor seinem Weggang war er aber von seinem Klassenkameraden nur noch selten so genannt worden, und nun war es für ihn Geschichte.

Der Raum der ausgeschlachteten Kirche wurde auch heute belebt von vielerlei Geräuschen. Man konnte rhythmisches Picken von Hämmern und Meisseln unterscheiden vom Kratzen und Scheuern der Besen oder vom pfeifenden Knirschen des Kieses unter Schaufeln. Ab und zu war auch lautes Poltern und Klopfen zu hören, die sich durch Echo vervielfältigten, wenn Bretter umgeschichtet oder mit Klammern zu Laufstegen und Geländern vorübergehend zusammengefügt werden mussten. Der Lärm der Arbeiten wurde von den Gewölben und Wänden reflektiert und kreuz und quer zwischen Säulen und Bögen hin- und hergeschickt, sodass man oft nicht bestimmen konnte, wo seine Quellen waren. Dazu kamen die Stimmen derer, die sich etwas zuriefen, Anweisungen, Warnungen. Aufforderungen, irgendetwas von A zu holen und nach B zu bringen. Oder eine aufgefundene Situation musste diskutiert, das weitere Vorgehen besprochen und die nötigen Anweisungen ausgegeben werden. Manche sangen oder pfiffen auch beim Schaffen ohne sich darum zu kümmern, wo sie waren. Die Heiligkeit des Ortes war suspendiert.
Js hauptsächliche Aufgabe war es, Material herumzuschleppen, in erster Linie die Ausrüstung seines Lehrmeisters Chiesa. Die Stative und Lampen waren am schwersten, gefolgt von den Taschen mit den Kameras, Objektiven und Belichtungsmessern, die der Meister aber nur ungern jemand anderem überliess. Die Grabungshelfer und selbst die Arbeiter hatten längst herausgefunden, das J immer wieder mal «nichts zu tun» hatte, also wurde er für alles eingesetzt, wozu noch ein paar Hände gebraucht wurden, oder was man gerade nicht selber machen wollte. J war es egal, sein Rücken war robust und seine Arme und Beine kräftig. Und so sah er in alle Bereiche hinein und lernte alle Menschen kennen, die zu der Unternehmung gehörten.
Er hatte es schon ein paar Mal erlebt, dass sich an einem bestimmten Ort des Raums die Energie verdichtete. Jetzt gerade ging sie von einem lauten Ausruf Bachmanns aus, der mit ausgestrecktem Arm und dramatisch deutendem Zeigefinger eine Stelle in der Grube bezeichnete, die sofort wie ein Gravitationszentrum wirkte, die verstreuten Menschen bewog, alles stehen und liegen zu lassen und sich zum Ort zu bewegen, wo Bedeutendes zu Tage getreten war. J liess sich Zeit, konnte aber schliesslich der Neugier auch nicht widerstehen und begab sich zum Grab mit der ominösen Nummer. Das wusste er schon: wenn man beim Graben auf ein Objekt von auffälliger Farbe und regelmässiger Form stösst, dann handelt es sich um etwas Wichtiges. Zwar war er belehrt worden, dass es sich immer auch um ein seiner umgebenden Schicht fremdes Ding handeln könne, aber das schien hier nicht der Fall zu sein. Das Skelett war schon beinahe vollständig freigelegt. Und nun lag da auf seiner linken Bauchseite, über den Resten der linken Hand, eine petrolgrüne Scheibe von etwa zehn Zentimetern Durchmesser. Bachmann war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber gerade war er völlig aus dem Häuschen.
«Bronze, sage ich euch! Es ist Bronze!», wiederholte er mehrmals, als würde ihm widersprochen. Aber alle, die von ringsherum in die Grube hinunterschauten, stimmten ihm zu.
«Ja, aber was ist es? Für eine Münze ist es viel zu gross, oder?», fragte einer.
«Eine Gedenkmedaille!», dozierte Bachmann. «Und wenn es die ist, an die ich denke, dann ...»
Da brach es los von allen Seiten, gleichzeitig: «Die vom Erasmus? – Meinst du, er ist es? – Mensch, dann hatte er recht! – Waren die Dinger so riesig? – Die haben sie ihm in die Hand gedrückt, aber wozu?»
Bachmann war schon wieder am Pinseln. Dann richtete er sich auf in seiner Grube, stellte sich auf ein quer verkeiltes Arbeitsbrett und sprach zu der Runde, die sich ein ganzes Stück über ihm versammelt hatte:
«Ich werde sie heute ins Museumslabor mitnehmen. Dann wissen wir es morgen!»