Ich hatte damit begonnen, Artikel zu sammeln über die Wiederentdeckung der psychedelischen Substanzen für diverse therapeutische Zwecke. Mich erstaunte ihre Häufigkeit und ich fragte mich, ob sie eine zufällige Koinzidenz mit meinem Interesse für das Thema bedeutete, ob mir mein Gehirn in einem selbstverstärkenden Kreislauf aus innerem Fokus und gesteigerter, nach aussen gerichteter Aufmerksamkeit die Artikel zuspielte, oder der personalisierte Algorithmus die halluzinogenen Drogen bereits als einen meiner Lieblingsinhalte errechnet hatte. Bei sorgfältiger Durchsicht des bisher Zusammengetragenen meinte ich allerdings ein dichtes und noch zunehmendes Forschungsinteresse für LSD, Psilocybin, MDMA, Ayahuasca feststellen zu können. Für therapeutische Anwendungen im Zusammenhang mit Depressionen, Suchterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstneurosen und so weiter waren die Hürden in den USA und in Grossbritannien höher als in der Schweiz, wo es bereits Angebote mit fallbezogenen Genehmigungen gab wie jene, die Priska erlebt hatte. Psychoaktive Substanzen, so las ich, hätten es in den angelsächsischen Ländern schwerer, den schlechten Ruf und die rigorosen Verbote aus der Hippiezeit loszuwerden. Die Forschung hatte aber auch dort wieder Fahrt aufgenommen und zeigte bereits erstaunliche Resultate. Einige der Psychedelika entfalteten eine entzündungshemmende Wirkung, ohne dass sie das Immunsystem unterdrückten wie die dafür üblicherweise eingesetzten Kortikosteoride. Das machte sie interessant für die Behandlung chronischer Entzündungen einschliesslich der durch sie ausgelösten und verlängerten Krankheiten. Dabei konnte man feststellen, dass dieser Wirkungsmechanismus im Gehirn über andere Kanäle ablief als derjenige, welcher den Trip auslöste. Und folglich wurde nach Möglichkeiten gesucht, Entzündungshemmer zu entwickeln, welche die Patienten nicht als Nebenwirkung noch auf eine Reise schickten. Ebenso waren bei der Unterstützung der Plastizität des Gehirns nach Traumata oder im Alter, wo den Psychedelika positive Wirkungen zugetraut wurde, Halluzinationen unerwünscht. Es gab auch schon einen kuriosen Namen für die angepeilten Medikamente: Pipi-Drogen, pipi drugs, psychedelic-informed but psychedelic-inactive. In der Palliativmedizin, wo Psilocybin im Zusammenhang mit dem für den Sterbeprozess so wichtigen Loslassen untersucht wurde, und ebenso bei der Behandlung psychischer Erkrankungen war aber wohl die mit dem Trip verbundene Flutung des Bewusstseins keine unerwünschte Nebenwirkung, sondern Bestandteil der heilenden Wirkung. Interessant fand ich auch einen Artikel, in dem erklärt wurde, dass sich in der Evolution der Pilze die Produktion der halluzinogenen Alkaloide gleich zweimal auf chemisch verschiedenen Wegen entwickelt hätte. Dies wurde als Beleg dafür angesehen, dass diese Substanzen für die Pilze eine wichtige Funktion haben müssten, die aber noch unerforscht sei. Ich freute mich darauf, Priska von dem zu erzählen, was ich gelernt hatte. Vielleicht würde es ihr helfen, die Therapie als Gewinn anzusehen. Ich hatte das Gefühl, dass eine solche Einschätzung wichtig sei für ihren Heilungsprozess, oder, wie man bei einer Alkoholikerin vielleicht eher sagen musste, für die Stabilisierung ihres Entschlusses, trocken zu bleiben.
Zuerst einmal war sie krank geworden nach ihrem letzten Trip. Sie rief mich ein paar Tage danach an, als es ihr schon wieder besser ging. Ihre Stimme war noch heiser und sehr tief, aber das Gemüt heiter und unternehmungslustig.
«Es hat mich voll erwischt, Husten, verstopfte Nase und ein dicker Kopf. Aber jetzt geht es mir wieder gut.»
Mir kam in den Sinn, wie leicht sie gewesen war, als ich sie die Treppen hochgetragen hatte.
«Isst du genug?», fragte ich sie deshalb. Sie überhörte die Frage.
«Ich habe gerade dein Foto vom Grab angeschaut. Und weisst du, woran mich das Skelett erinnert hat? An die alte Geisterbahn vom Wiener Prater! Die haben sie renoviert und jetzt wieder auf dem Petersplatz aufgestellt. In allen Zeitungen haben sie das gebracht.» Sie war nicht zu bremsen. «Das Bild auf der Front sieht fast wieder aus wie früher, mit dem Totengerippe, das vom Balkon des Spukschlosses herunterkriecht, und dem Drachen auf der anderen Seite. Waren wir nicht mal zusammen auf diese Bahn gegangen?»
Wusste sie das nicht mehr oder tat sie nur so? Mir war es als erstes in den Sinn gekommen, als sie davon angefangen hatte. Der Hauptgrund, warum man als Halbwüchsiger mit einem Mädchen auf die Geisterbahn ging, war die Hoffnung, dass sie sich einem in der Dunkelheit in tatsächlicher oder gespielter Angst an die Brust werfen und tröstendes Streicheln und Küssen tolerieren würde. Was damals auch bei uns funktioniert hatte. Ich war zu langsam und bevor ich antworten konnte, redete sie weiter.
«Ich möchte hingehen, die Herbstmesse ist ja noch bis am Wochenende. Kommst du mit, es ist doch bei dir um die Ecke. Bitte!»
Ich war nach dem Tag, an dem ich sie in die Klinik begleitet hatte, insgeheim froh gewesen, nichts von ihr zu hören. Es hatte mich viel gekostet, ihr die Geschichte von der missglückten Bergung der Erasmusgebeine zu erzählen, weil ich mir über meine damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle zuerst selbst hatte klar werden müssen und die Symbolik, die der Vorfall für mich angenommen hatte, so schwer zu vermitteln war. Ihre spärliche Reaktion darauf hatte mich zwar in keiner Weise überrascht, aber dennoch war ich enttäuscht, dass es sie kaum zu interessieren schien, über unsere damalige gemeinsame Zeit nachzudenken und es mir nicht gelungen war, sie dafür zu gewinnen. Vielleicht tat ich ihr aber unrecht. Vielleicht dachte sie darüber nach und würde irgendwann in der ihr eigenen sprunghaft assoziativen Weise darauf zu sprechen kommen. Der Abschluss ihrer Tripserie hatte sie sichtlich stark beschäftigt und, wie man an der kurzen Erkrankung in einer Phase der Entspannung erkennen konnte, viel Energie gekostet. Jetzt war sie in einem enthusiastischen, energiegeladenen Zustand, von dem ich hoffte, dass er nicht ein manisch überdrehtes Zwischenhoch vor einem Absturz in irgendeiner Form war. Soviel meine erwachsenen Gedanken dazu, darunter regte sich aber die Erinnerung an ihr fröhliches Drauflosstürmen als Jugendliche, das seinerzeit oft Passivität und Sprachlosigkeit von meiner Seite ausgelöst hatte. Ich versprach ihr den gemeinsamen Besuch der Geisterbahn am Wochenende, nahm mir aber gleichzeitig vor, mich dadurch nicht ablenken zu lassen. Wovon genau, hätte ich aber nicht sagen können.
Ich hatte die letzten Tage genutzt um meine Bilder für das Projekt mit den Dingen weiter zu ordnen. Dabei zeigte sich, dass ich zunehmend auf meine Intuition zählen konnte bei der Auswahl und dafür keine Themen oder Kategorien brauchte. Es ging um eine gewisse Dichte sowohl in der Ästhetik als auch im Potenzial, eine Geschichte zu erzählen. Das war der Leim, der die Bilder haften liess in meiner Wahrnehmung, und hoffentlich auch in derjenigen ihrer zukünftigen Betrachter. Ich fixierte ein paar der neu ausgesuchten Fotografien mit Stecknadeln an die Wand. Drei davon hatte ich einst auf einer Reise in Hongkong aufgenommen, Bilder von winzigen, in unübersichtlichen urbanen Umgebungen installierten Altären. Ob sie der individuellen Verehrung von Ahnen gedient hatten oder einer kollektiven, in der Öffentlichkeit gelebten Alltagsfrömmigkeit gegenüber Göttern, wusste ich nicht. Besonders interessant wurden sie, wenn man sie nebeneinander betrachtete. Das gemeinsame Muster in den improvisiert wirkenden Arrangements war subtil. Einzig das mit Sand gefüllte Gefäss, in das die Räucherstäbchen gesteckt wurden, fehlte bei keinem, alle anderen Merkmale wie Anzahl, Materialität und Farbe der Opfergaben verbanden immer nur zwei der drei Installationen.
Um mir etwas Druck zu machen bezüglich einer Ausstellung, hatte ich mir die Kontaktdaten einer Fotogalerie in Kleinbasel herausgesucht, deren Betreiberin ich vor langer Zeit gekannt hatte. Auf ihrer Webseite sah ich Bilder einer aktuellen Ausstellung mit Porträts von randständigen Menschen, die Priska sicher interessieren würde. Vielleicht kannte sie sogar den Fotografen.
An der Herbstmesse war ich schon lange nicht mehr gewesen. Für meine Schwester und mich war es, wie wohl für die meisten Basler Kinder, eines der grossen Ereignisse im Jahresablauf gewesen. Als wir klein waren, warteten aufregende Erlebnisse wie das Reiten eines Pferdchens auf dem Karussell, der Kauf eines Gasballons oder von Süssigkeiten, die es sonst nicht gab, auf uns: gefüllte Lebkuchen, die «Biber» hiessen, oder fingerlange, fingerdicke in Cellophan eingepackte Schleckstengel, die man «Messmocken» nannte und unter denen jedes Kind seine Lieblinge hatte. Meine Favoriten waren weissliche mit Anisgeschmack und durchsichtig dunkelgrüne, in die kleine schwarze Rhomben, die «Wybert»-Bonbons, eingegossen waren. Meine Schwester liebte die roten mit Erdbeergeschmack, welche die Zunge am intensivsten färbten. Es gab Kartoffeln aus Marzipan, die ich mochte und meine Schwester nicht, oder das schwärzliche «Magenbrot», das nur die Erwachsenen assen. Als wir grösser wurden, suchten wir nach stärkeren Reizen. Auf die hölzerne Achterbahn, die teuerste an der Messe, lud uns, zu unserer Jahr für Jahr wiederholten Überraschung und Freude, die Grossmutter ein. Ebenso auf eine der Bahnen, deren Wagen kreisförmig zusammengeschlossen waren und über Wellen und Täler sausten. Der Sammelbegriff dafür war «Himmalaya-Bahn», aber der Grossmutter gefiel die am besten, deren Design einer Bahn der Landesausstellung von 1939 nachempfunden war und die auch gleich hiess: «Schifflibach». Die Wagen glichen kleinen Motorbooten. Das Gestänge, mit dem sie vom Zentrum aus angetrieben wurden, war durch eine grosse blaue Plane abgedeckt, und wenn sich die bewegte, sah es aus wie Wellen. Auf diesem künstlichen Meer schwammen, oder besser, rollten und hüpften aufblasbare Wasserbälle, die man zu schnappen versuchte. Und wenn man damit einen der in der Mitte mitdrehenden Körbe traf, hatte man eine Extrafahrt gewonnen. Vor der Geisterbahn schreckte ich lange Zeit zurück, und als ich mich dann endlich getraut hätte, galt mir die Bahn bereits wieder als etwas für Eltern mit kleinen Kindern, oder für jugendliche Liebespaare. Als solches war ich dann später mit Priska zusammen in eines der rot gestrichenen Wägelchen gestiegen.
Sie holte mich zuhause ab. Bevor wir loszogen, tranken wir noch Tee in meiner Küche. Priska schien sich noch immer in aufgekratzter Stimmung zu befinden und plauderte über alles mögliche, bis ich sie unterbrach und von ihr wissen wollte, wie sie den letzten Trip denn nun einschätze. Ob er das gebracht habe, was sie erwartet hätte.
«Du hast mir von der Vision erzählt, in der deine Mutter herumrannte und versuchte zu verhindern, dass euch die Luft ausgeht. Hast du noch andere Wahrnehmungen oder Träume gehabt?», fragte ich sie.
Sie reagierte zuerst etwas verärgert wegen meines dezidierten Wechsels zu einem «ernsten» Thema, dann aber schien ihr einzufallen, dass es früher immer umgekehrt gewesen war und sie mich hatte auf «das Wesentliche» stossen müssen in unseren Gesprächen. Sie machte eine feine Bewegung mit dem Kopf, ihre Stirn entspannte sich und dann lächelte sie mich an und erzählte. Es sei ziemlich farbig und laut zugegangen dieses letzte Mal. Zuerst habe sie den ornamentalen Firlefanz, in den sich die Einrichtung um sie herum verwandelt habe, als quälend erlebt. Kitschig und abstossend, diese Buntheit, die Blümchen und Schnörkel überall, wie an einer übereifrig dekorierten Tanzparty im Altersheim, nur dass sich noch alles bewegte, was eigentlich einfach ruhig hätte da sein sollen. Ein Gewoge und Geschnaufe, wie eine Sexszene in einem schlechten Film. Total lächerlich. Und so sei es weitergegangen, alles habe sie auf einmal zum Lachen gereizt, vor allem die Stimmen der Begleiter, die wahrscheinlich wie immer in ruhigem und sachlichem Ton gefragt hätten, ob alles in Ordnung sei, nun aber getönt hätten, als würden sie durch einen Wha-wha-Verzerrer reden und damit herumalbern. Auch die Ambient-Musik sei aufdringlich geworden und habe sich wie flüssiger Honig überallhin ausgebreitet. Ihr sei furchtbar schlecht geworden. Ob sie sich habe übergeben müssen, wisse sie nicht mehr. Erst als alles durchsichtig und durchlässig geworden sei, habe sie sich etwas beruhigen und entspannen können. Sie meine, dass dann diese Vision mit ihrer Familie und der herumsausenden Mutter entstanden sei. Danach habe sie wohl eine Weile gedöst oder sogar geschlafen. Und ganz zum Schluss, als die Wirkung des Stoffs schon merklich nachgelassen habe, hätte sie noch die deutliche Empfindung gehabt, die sie auch bei früheren Trips schon ergriffen habe und von der ich ihr in ähnlicher Weise erzählt hätte. Sie habe sich irgendwie «mit allem verbunden» gefühlt. Wenn man dies so ausspreche, töne es immer blöd, so banal und klischeehaft. Aber im Erleben sei es sensationell gewesen, weil es sich nicht als Verbindung ihres inneren Ichs und ihres Körpers mit «allem da draussen» angefühlt habe, sondern so, als sei sie dieses Alles, dem aussen und innen einerlei war. Dieses Mal habe sich noch der Gedanke, oder mehr die Empfindung daran gehängt, dass diesem Alles auch die Unterscheidung zwischen tot und lebendig, zwischen früher, heute und morgen nichts gelte. Sie wisse nicht, ob ihr da der Einfall gekommen sei, oder ob sich der später eingestellt habe, dass so zu sterben einfach und schön wäre.
Sie schwieg und schien abgeschlossen zu haben. Ich beschloss, ihr ein anderes Mal von den Psilocybin-Studien in der Palliativmedizin zu erzählen und schlug vor, aufzubrechen und uns die Geister reinzuziehen.
Das Wetter war nicht ideal für einen Besuch der Herbstmesse. Der Himmel war düster grau und es nieselte so stark, dass wir beide einen Schirm mitnehmen mussten. Wir gingen durch das Stadttor und am Botanischen Garten vorbei, als vom Petersplatz her bereits die Geräusche der Messe zu vernehmen waren. Hier gab es wenige Bahnen, darum hörte man vor allem durcheinanderredende und lachende Menschen, die Musik eines Karussells, und am lautesten das Kreischen junger Frauen aus der Geisterbahn, die mitten auf dem Platz stand. Sie war, wie so vieles, was man seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat, viel kleiner als wir sie in Erinnerung hatten. Wir blieben lange vor der Fassade stehen, deren Malerei uns als Kinder und Jugendliche so beeindruckt hatte. Wir fanden beide, dass sie recht schön restauriert worden war.
«Ich habe sie vor ein paar Jahren gesehen», sagte Priska, «da hat man eigentlich von den Figuren nichts mehr erkennen können. Alles war schwarz, nur die vergitterten Fenster der Schlossruine hat jemand mit Leuchtrot ausgemalt. Absurd sah das aus.»
Ich hatte über die Bahn nachgelesen, nachdem sie mich gebeten hatte, gemeinsam dahinzugehen. Man wisse nicht, wer dieses Bild ursprünglich gemalt habe. Wahrscheinlich sei es jemand gewesen, die oder der auch grosse Kinoplakate gemalt habe, wie sie früher an den Fassaden der Säle angebracht worden seien.
«Wie Tilly Keiser!», rief Priska aus.
Die kannte ich nicht.
«Ja, niemand kennt die. Ich habe eine Ausstellung ihres Nachlasses gesehen vor zwei Jahren. Sie war befreundet mit Max Kämpf, und manche ihrer Bilder sind besser als seine. Aber sie wurde nie bekannt als Malerin. Plakate hat sie gemalt anfangs der 1940er-Jahre, für das Kino «Uhu» in Liestal. Das gibt es schon lange nicht mehr.»
«Dies hier gäbe es auch nicht mehr ohne einen Verein, der die Bahn gekauft hat», sagte ich. «Gehen wir rein?»
Beeindruckend war noch immer die grobe Heftigkeit gewesen, mit der unser Wägelchen in die Schwenktüre krachte. Als Kind hatte mich das erschreckt, weil ich dachte, die Geister würden einen im Innern vernichten, wenn sie ihre Opfer bereits am Eingang so voller Verachtung gegenüber ihrer Zerbrechlichkeit behandelten. Im ersten Moment war dann die Dunkelheit total undurchdringlich gewesen, und das war sie auch dieses Mal. Unwillkürlich legte ich meinen Arm um Priskas Schulter und bevor ich ihn wieder zurücknehmen konnte, rückte sie näher an mich heran, darum liess ich ihn dort. Prinzip und Rhythmus der Geistererscheinungen waren ziemlich durchschaubar, das war mir schon als Jugendlicher aufgefallen. Es handelte sich auch eher um Skelette, die plötzlich auf einen zu zappelten und dabei grell von unten beleuchtet wurden, um sogleich wieder ins Dunkle zu versinken. Allerlei Geräusche wie Jaulen, Heulen oder Knurren schienen mir realistischer und klarer zu sein als damals, und auch die Abdichtung gegenüber dem Tageslicht, das früher da und dort unter den Zeltplanen hindurchgeschienen und die Illusion des Schlosslabyrinths gestört hatte, war perfekt. Am lautesten war das Gekreisch von Kindern und Jugendlichen, das aber meist fröhlich tönte und sich mit Lachen und allerlei Sprüchen mischte. Die Schienen stiegen an und plötzlich wurde man im ersten Stock aus einer weiteren Schwenktüre ins Freie der Schlossveranda geboxt, von wo aus man kurz zum wartenden Publikum heruntersah und von diesem aufmerksam gemustert und auf Anzeichen von Panik geprüft wurde. Priska und ich sahen uns kurz an, beide lachend, dann polterte schon wieder die Türe zur Seite und die Dunkelheit verschluckte uns. Verkleidete Menschen fassten uns keine an, wie wir meinten, und auch die gefürchteten feuchten Seile und Jutefetzen, die einem früher übers Gesicht gefahren waren, blieben aus. Wir vermuteten, dass die Bahnbetreiber heute vorsichtiger sein mussten, um sich nicht dem Vorwurf von Übergriffen auszusetzen.
Als wir später an einem Stand noch eine Wurst assen, erzählte ich Priska, dass ich einmal unter LSD an der Herbstmesse gewesen sei, und zwar auf dem Platz vor der Mustermesse, wo die grossen und wilden Bahnen standen. Die Farbigkeit der Lichter und die wummernde Musik habe mich zuerst in höchste Ekstase versetzt, bald aber sei mir alles zu viel geworden und der liebe Kerl, der damals den Tripsitter für uns drei Reisende gemacht habe, wollte uns auch vom Platz weglotsen, weil einer auf die Riesenschaukel gehen wollte. Es war mir so herausgerutscht, obwohl ich wusste, dass Priska von diesem Thema nichts hören wollte. Sie kommentierte es auch nicht, sondern knüpfte wieder an dem an, was sie zu ihrem letzten Trip gesagt hatte.
«Meinst du», fragte sie, «dass es, bis wir soweit sind, ein Angebot geben wird von Exit oder Dignitas oder wie sie heissen, wo man vor dem Sirup, der einen umbringt, einen Trip einwerfen kann?»
