30.10.26

Pfingsten

Der Kreis von Menschen, mit denen Ben es in seiner dreijährigen Lehrzeit zu tun hatte, war beschränkt, nicht nur in der Zahl, sondern auch in dem, was man mit anderen teilte. Er hatte gelernt, manche seiner Beobachtungen und Gedanken für sich zu behalten. Ein Beispiel dafür war sein Eindruck, dass sich die Zeit beim Fahren auf dem Fluss eigentümlich verhielt. Vielleicht gab es dort die Zeit gar nicht. Es lebte, wie er beobachtet hatte, seit einer Weile eine kleine Eidechse auf ihrem Schiff. Wann und wie sie vom Land dorthin gelangt war, wusste er nicht. Sie musste über eine Planke spaziert sein, oder auf einem Drahtseil hinüber balanciert, vielleicht auf der Jagd nach Ameisen. Die Eidechse sah man nur, wenn die Arbeit an Deck keine lauten und plötzlichen Geräusche erzeugte. An die dauernde Vibration und das tiefe Brummen der Maschine oder das Schnurren des Generators schien sie sich gewöhnt zu haben. Er traf sie zuweilen an, wenn sie sich an einem ruhigen Plätzchen in der Sonne auf die Temperatur aufwärmen liess, die ihr die schnellen Bewegungen für die Jagd auf Insekten oder die Flucht vor den drei auf dem Schiff lebenden Menschen erlaubte. Vor ihm, dem Fast-Matrosen, Lehrling im dritten Lehrjahr; vor Richie, dem ehemaligen Heimjungen, der als Schmelzer erst angefangen und noch fast alles zu lernen hatte; schliesslich vor Émile Urban, dem über sechzigjährigen Ablöser-Kapitän, einem knorrigen, etwas einsam wirkenden Mann, mit dem Ben aber gut zurechtkam. Wenn er das kleine Tier sah, dachte er, dass es wohl nichts von der Reise begriff, auf der sich sein neuer Lebensraum befand. Und nicht einmal er, der von ihren Bewegungen auf den achthundertfünfzig Flusskilometern zwischen Rotterdam und Basel ziemlich genaue Kenntnisse hatte, konnte wissen, ob sich der Ort, an dem die Echse aus dem Ei geschlüpft war, von ihnen weg oder auf sie zu bewegte. Alle diese vorüberziehenden Orte – wer zog an wem vorüber? Das Schiff an der Landschaft oder umgekehrt? – schienen eine eigensinnige, den auf dem Fluss Fahrenden erst beim Anlegen zugängliche Existenz zu besitzen, ja vielleicht sogar eine eigene Zeit. Man konnte sich einbilden, dass alles, was man von weitem am Ufer erblickte, was unter fliessend wechselndem Winkel näherkam, einen unbestimmten Moment lang wie ein Bild frontal vor Augen lag und sich dann wieder entfernte, dass diese Hügel, Bäume, Häuser mit Vorgärten, die Anlegestellen, Kiesbänke und Schilfdickichte, die Industrieanlagen und Häfen, aber auch alle Menschen mit ihren kurz aufscheinenden Beschäftigungen noch lange nach der Begegnung, vielleicht für immer unverändert, genau gleich dort verharrten. So wäre die kleine Eidechse, die sich dazu entschieden hatte, auf ihre fahrende Welt zu klettern, an ihrem Heimatufer ewig jung geblieben. Wenn man sich aber vorstellen konnte, dass die Zeit am Ufer stillstand, oder sich in einer kurzen Schlaufe ewig wiederholte, dann waren ihr auch gröbere Kapriolen zuzutrauen, sobald man sich nicht auf gleicher Höhe befand und hinschaute, oder anhielt und vor Anker ging. Während man auf dem Schiff in einer eigenen, durch etliche Uhren bestätigten Zeitkapsel dahinglitt, im Rhythmus der Wachen, der abzuarbeitenden Aufträge und Pflichten, im nie endenden Lärm der Maschinen und Werkzeuge, dem Hin und Her auf dem Gangbord, mal mit, mal gegen die Fahrtrichtung, dem Auf und Ab zwischen dem Dunkel des Schiffsbauchs und der Helligkeit des Decks, akustisch begleitet von Befehls- und Verständigungsrufen, aus dem Kofferradio plärrenden Melodien und Nachrichten, spielten die Uhren an Land vielleicht verrückt und liessen alte Zeiten zurückkehren. In Remagen, wo sie bald anhalten und den Kapitän an Land gehen lassen würden, damit er über die Pfingsttage mit dem Zug ins Elsass fahren und seine Familie besuchen konnte, wäre zum Beispiel bis zu dem Moment, wo sie bei Unkel um die Kurve kämen, noch die im letzten grossen Krieg so umkämpfte Brücke zu sehen, wie im Film, den Ben einmal gesehen hatte. Oder, nach ihrem Einsturz, die verbogenen Reste der Eisenkonstruktion, die den Fluss versperrten. Und auf dem linksrheinischen Schwemmland gleich unterhalb sähe man die zwei riesigen Elendslager für die deutschen Kriegsgefangenen, die über diese Brücke getrieben worden waren, als sie noch stand, die aber schon nach kürzester Zeit wieder verschwanden wie ein Spuk. Vielleicht spränge die Zeit auch in die Zukunft und es kämen Kiesbänke zum Vorschein, und wären sogar begehbar, die normalerweise metertief unter Wasser lagen, genau hier aber von einer nie dagewesenen Dürre zeugten, oder von einem missratenen Eingriff der Wasserbau-Ingenieure. Solche Flausen bevölkerten manchmal seine Gedanken, wenn er fuhr. Aber jetzt, wo sich das Landemanöver näherte und er den Anker vorzubereiten hatte, schob er sie zur Seite und richtete seinen Blick auf das Ufer, mit dessen Zeit und Raum sich die des Schiffs bald vereinen würde, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Es herrscht Hochdruckwetter an diesem zweitletzten Maitag des Jahres 1982. Es ist so angenehm warm, dass Ben und Richie mit nacktem Oberkörper arbeiten. Der Rhein glitzert in der Nachmittagssonne und zeigt sich auch vom Pegel her von seiner freundlichsten, durchschnittlichsten Seite. Das Schiff hat bergwärts fahrend die zwischen Kilometer 640 und 636.5 genau von Nord nach Süd verlaufende Strecke hinter sich gebracht, auf welcher der Strom die Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz überquert, danach zu Beginn der langgestreckten S-Kurve zwischen Unkel und Remagen den ruhigeren Teil der Fahrrinne gesucht, um Energie und Treibstoff zu sparen. Nach Bonn hat der Schiffsführer das Steuer wieder von Ben übernommen. Die Fahrt entlang der Unkeler Kiesgründe bringt der Alte ohne Geräusche aus der Tiefe des Schiffsbodens hinter sich, was man seiner Erfahrung und dem Umstand zuschreiben kann, dass sie noch nicht vollgeladen haben. Dann, in der Mitte zwischen den Flussbögen, wo das Ende des Schwemmlandes, auf dem Unkel liegt, sich mit dem des gegenüber liegenden, zu Remagen gehörenden überschneidet, lässt er zweimal kurz das Horn ertönen, setzt dann das Schiff auf die andere Seite und kreuzt dabei die Hauptströmung, die sich von einem Prallhang, von den Basaltfelsen beim Schloss Marienfels, zum nächsten beim Erpeler Ley und Kasbach abstösst. Der Schiffsführer hat bekannt gegeben, im ruhigen Wasser zwischen den Kiesbänken und der Fahrrinne, auf Höhe von Kilometer 630, vor Anker gehen zu wollen.
Der Kapitän hat jetzt die Höhe der von ihm ausgesuchte Stelle erreicht, sie fahren etwa sechzig Meter vom Ufer entfernt. Er drosselt langsam den Motor herunter, bis das Schiff über Grund stillsteht. Mit eingeübten Handzeichen arbeitet er sich nun durch das Manöver, für das er Ben braucht, einen erfahrenen Mann auf dem Vorschiff. Als dieser den erhobenen Daumen des Kapitäns gesehen hat, löst er behutsam die Bremse und lässt die Kette herunterrasseln, wobei er genau beobachtet, wann ihre Spannung nachlässt. Als sie den Flussboden erreicht hat, gibt er ein Zeichen zur Brücke hin, worauf der Kapitän das Schiff mit noch weiter zurückgenommenem Vortrieb langsam rückwärts treiben lässt. Ben achtet darauf, dass die Kette rasch genug abgespult wird und sich mit ihrem ganzen Gewicht auf die Flusssole legt, damit sie den Anker nicht nach oben, sondern flach über den Grund zieht, wo er sich eingraben soll. Sobald er fasst, gibt es einen sanften Ruck, bevor das Schiff erneut stillsteht und sich in der Strömung, «in seinem Bett» einrichtet. Er weiss, dass Urban die Maschine zur Sicherheit noch ein paar Minuten weiterlaufen lassen und dazu verschiedene senkrechte Objekte auf dem Schiff – den nahen Fensterrahmen, einen weiter weg stehenden Flaggstock ¬– mit dem Ufer vergleichen wird, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht mehr bewegen. Er wartet auf sein erneutes Zeichen und hängt dann den Stopper in die Kette ein, um die Winde vom Zug zu befreien. Als dies geschehen ist, signalisiert er zur Brücke, dass Urban die Maschine abschalten kann. Einen Moment lang ist es still, dann hört man, dass Richie den Stromgenerator angeworfen hat.
Nun kann es dem Alten plötzlich nicht schnell genug gehen, an Land zu kommen. Die gepackte Tasche stellt er nicht einmal mehr ab, als er ihnen seine Anweisungen für die nächsten drei Tage erteilt. Die meisten betreffen Selbstverständlichkeiten, die man ihm, dem kurz vor dem Abschluss der Lehrzeit Stehenden, nicht mehr sagen muss. Sie werden ermahnt, beim Eindunkeln das Ankerlicht zu setzen, das Schiff niemals alleine zu lassen, begonnene Reparaturen zu Ende zu führen, das Beiboot sicher zu befestigen, und anderes mehr. Er werde am Montag zurücksein, dann fahre man gleich weiter. Als er fertig ist, hängen sie die eiserne Leiter in die Bordumrandung ein und lassen das Boot hinunter. Richie bugsiert es mit der Leine an die richtige Stelle und fixiert es, sodass zuerst Ben, und als dieser richtig sitzt und die Riemen eingehängt hat, der Kapitän einsteigen kann. Die Strömung zwischen Schiff und Ufer ist nicht stark, sodass sie mit schräg dagegen gestelltem Bug das Ufer fast auf gleicher Höhe erreichen. Ben setzt es mit zwei kräftig abschliessenden Zügen in den Kies, zieht die Ruder ein, schlüpft aus Schuhen und Socken und steigt aus, um das Boot noch weiter ans Ufer zu ziehen und dem Alten nasse Schuhe zu ersparen. Dieser macht sich, nach einem kurzen «Bis Montag!», sofort mit eiligen Schritten auf den Weg zum Bahnhof.
Die Hühner sieht Ben bereits jetzt. Dicke, schwarze Tupfer, verteilt auf einer Wiese jenseits des Uferwegs, und mitten drin, hochgereckt, der Hahn. Wem sie gehören, ist unklar. Er sucht die einzeln nebeneinanderstehenden Häuser ab nach einem Stall und meint, ihn etwas rheinaufwärts neben einem mit grobem grauem Verputz und einem mützenartigen Dach entdeckt zu haben. Seine Füsse sind kalt, deshalb geht er zum Boot zurück und schiebt es aus dem Kies zurück in den Fluss. Als er wieder in Socken und Schuhe geschlüpft ist, ergreift er beide Rudergriffe und stellt die Blätter für den ersten Zug rechtwinklig ins Wasser. Dabei kommen ihm die kreuzweise ausgelegten Brotstücke in den Sinn, mit dem Buschs Max und Moritz die Hühner der Witwe fingen. Er muss immer wieder den Kopf wenden, um die Richtung zum Schiff zu korrigieren, deshalb bekommt er nicht mehr den ganzen Streich zusammen, kann aber das Bild der beiden Strolche heraufbeschwören, wie sie nach dem Schmaus mit runden Bäuchen daliegen, mit je einem letzten Hühnerschenkel, der aus ihrem Mund ragt. Er will Richie von den Hühnern erzählen. Als er beim Schiff angekommen ist, muss er ein paar Mal rufen, bis der Kopf des Schmelzers über der Bordwand erscheint. Er riecht sofort, und sieht es dann auch, dass sich der Junge zur Feier der sturmfreien Bude bereits eine dicke Tüte gedreht und angezündet hat. Das kann ja heiter werden, denkt er, und muss ihm die Leine zweimal hinaufwerfen, bevor es Richie schafft, sie zu fangen und festzumachen.
«Du musst noch kochen heute», gibt er dem Jungen Bescheid, als er oben steht.
«Warum?», mault der andere, und schiebt herausfordernd sein Kinn vor. «Wir können doch machen, was wir wollen, wenn der Alte nicht da ist. Du musst ja heute auch nichts mehr schaffen, warum dann ich?»
Ben weiss, dass er solches Hinterfragen von Hierarchie und Routine augenblicklich unterbinden muss, sonst hätten sie die nächsten zwei Tage Krach und bekämen vielleicht noch grössere Probleme.
«Du kochst heute, und zwar richtig, so wie wir’s dir gezeigt haben!», schnauzt er den Lehrling an. Als dieser zusammenzuckt und ihn unsicher anschaut, ob er es auch ernst meine, hat er schon einen Plan gefasst, was die Hühner und das Abendessen am Pfingstsonntag angeht. Er legt Richie die Hand auf die Schulter, packt ihn dann im Genick und dreht ihn gegen Land.
«Siehst du das dort?»
Richie weiss zuerst nicht, was er meint, die schwarzen Tupfer sind nur knapp als Hühner zu erkennen. Gerade jetzt aber löst sich eine Gestalt vom Haus und beginnt, die Vögel zum Stall hin zusammenzutreiben. Das sieht auch er.
«Ja, Hühner ... und ...?
Ben hat ihn wieder losgelassen und grinst ihn an, zuckt mit den Schultern. Da dämmert es dem Jungen.
«Meinst du, wir könnten ...?» Er beginnt mit dem Kopf zu nicken, zuerst nur ganz fein, dann immer begeisterter. «Mhm», macht er dann und reibt sich den Bauch. Aber dann kommen ihm Zweifel.
«Kannst du das denn? Ich meine, ein Huhn abmurksen und ..., und ..., das muss man doch ...?
Ben lacht.
«Ausbluten lassen, rupfen, ausnehmen ... ja, muss man. Das ist nun mal so bei Hühnern, die wachsen nicht als Poulets an den Bäumen. Bist du dabei?»
«Ja, klar! Gleich heute Nacht?
«Nein, heute kochst du, hab’ ich dir ja gesagt. Und morgen übrigens auch, wir fangen nichts Neues an. Samstagnacht fahren wir dann rüber und holen uns den Braten. Wir machen alles zusammen, ich zeig’ dir, wie’s geht. Kochen werden wir es aber erst am Sonntag. Es wird besser, wenn es noch eine Nacht liegt vorher. Als Pfingstbraten passt das.»
Richie sieht ihn an mit Bewunderung.
«Aye aye, Sir!», ruft er dann, und reisst die Hand hoch an die Schläfe.

Am Samstag kann es Richie kaum erwarten, dass sie endlich losfahren, aber Ben findet es noch zu hell. Sie haben beide einen Schnaps gehabt nach dem Abendessen. Den Tag hindurch die richtige Mischung aus Faulenzen und einem Rest an Arbeitsmoral zu finden, ist nicht leicht gewesen. Wenigstens die ausdrücklichen Aufträge des Kapitäns mussten erledigt werden, bevor dieser wieder zurückkam, und Richie tat von sich aus gar nichts in diese Richtung. Er ist auch kaum aus dem Bett zu bewegen gewesen, obwohl Ben den Wecker erst auf sieben Uhr morgens gestellt hat. Er musste laut werden um den Jungen dazu zu bewegen, Kaffee und Frühstück für sie beide vorzubereiten, während er den ersten Rundgang auf dem Schiff machte. Er hat das nächtliche Ankerlicht gelöscht und dafür den schwarzen Ball noch etwas höher hinaufgezogen, damit er gut sichtbar ist. Dann hat er Werkzeug und Material zusammengesucht für eine der Reparaturarbeiten, die er heute erledigen wollte. Ein hölzerner Fensterrahmen der Schiffsführerwohnung war angefault und er wusste schon, wie er das flicken wollte. Richie konnte er dabei nicht brauchen, darum suchte er für ihn eine Roststelle aus, die so weit entfernt lag, dass der Schmelzer nicht die ganze Zeit bei ihm auftauchen würde, um ihm etwas zu erzählen. Zum Trost hat er ihm das Kofferradio überlassen. Am frühen Nachmittag sind sie beide fertig gewesen, haben sich Stullen gemacht und die ersten Bierflaschen geköpft. Als Richie wieder mit dem Kiffen anfangen wollte, hat er ihm klargemacht, dass sie für die Hühnertour noch einen halbwegs klaren Kopf haben müssten. Er hat ihm versprochen, dass danach, wenn alles gut gegangen sei, ausgiebig gefeiert werde.
Erst um zehn Uhr abends wird es langsam dunkel. Richie lässt sich nicht mehr länger hinhalten, er hat schon das Boot heruntergelassen, während Ben noch die Dinge zusammensucht die sie brauchen: die Taschenlampe, ein scharfes Küchenmesser, ein altes Stuhlbein als Keule und grosse Einkaufstasche aus Jute, um darin das Huhn diskret wegtragen zu können.
Als sie übergesetzt haben, lässt er Richie noch ein Stück rheinaufwärts rudern für den Fall, dass sie erwischt werden. Dann wäre es, falls sie zum Boot rennen müssten, nicht so offensichtlich, woher sie gekommen sind. Sie finden auch eine Anlegestelle, wo die Böschung etwas höher ist und man das Boot vom Uferweg aus nicht sieht. Als sie ausgestiegen sind, läuft Richie sofort los. Dabei bewegt er sich wie die Karikatur eines Einbrechers, auf Zehenspitzen trabend und mit bis zu den Ohren heraufgezogenen Schultern. Ben holt ihn mit ein paar Schritten ein und reisst ihn herum.
«Spinnst du!?», blafft er ihn an. Dann erklärt er ihm, was er sich überlegt hat.
«Wir müssen ganz normal dahinspazieren, so als wohnten wir im Städtchen. Wenn wir nachher beim Stall sind und jemand kommen sollte, tun wir so, als seien wir von Kollegen zum Feiern eingeladen und hätten vergessen, wo sie wohnen. Hast du verstanden!?»
Zuerst geht alles leichter, als Ben gedacht hat. Der Stall ist nicht abgeschlossen und im Haus nebenan brennt nur in einem Zimmer Licht. Sie öffnen die Tür nur einen Spalt weit und drücken sich hinein. Ben richtet die Taschenlampe zu Boden und knipst sie an, übergibt sie dann so an Richie, der aber sofort die schlafenden Hühner anleuchtet. Er will schon den Arm des Jungen herunterreissen, doch die Hühner scheint das Licht nicht zu stören. Es sind sechs oder sieben, die nebeneinander links und rechts vom Hahn auf einer Dachlatte sitzen und alle schlafen. Man sieht die bläulich weissen Häute über ihren Augen. Richie zündet mit dem Lichtstrahl von einem zum andern.
«Welches?», fragt er flüsternd.
Ben zeigt auf eines, das den Kopf etwas vornüber und nach unten hängen lässt. So kann er zuschlagen, ohne es schon vorher ergreifen und aufwecken zu müssen. Er weiss aber, dass er schnell und entschlossen zupacken muss, wenn das Huhn heruntergefallen ist. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er Richie besser hätte aufklären müssen. Er bedeutet ihm mit einer Geste, dass er die Lampe nochmals ausschalten soll. Als es dunkel ist, beginnt er flüsternd:
«Ich haue ihm jetzt das Stuhlbein über den Schädel, dann muss ich es sofort packen und ... ich drehe ihm zur Sicherheit noch den Hals um. Es wird mit den Flügeln um sich schlagen, also mach’ dir nicht in die Hosen. Knips die Lampe nun wieder an und leuchte immer das Huhn an. Nie mich blenden, hörst du?»
Nach Bens kräftigem Hieb fällt das Huhn schlaff von der Stange. Ben ergreift es mit der Linken am Hals und dreht ihm mit der Rechten den Kopf herum, bis er ein Geräusch hört wie von einem brechenden Zweig. Erst jetzt beginnt das Huhn wie verrückt zu flattern, und obwohl er darauf gefasst war, entwischt es ihm für einen Moment. Zum Glück bleibt es am Boden, so dass er sich darauf werfen, es an den Füssen ergreifen und dann hochheben kann. Der Vogel ist schwer. Richie fuchtelt mit der Lampe herum und blendet ihn. Gleichzeitig kommt ihm in den Sinn, was er vergessen hat: dass man ein betäubtes Tier sofort ausbluten lassen muss. Richie hat die Lampe hingeschmissen und ist zur Türe hinaus abgehauen. Die Hühner auf der Stange, die bisher kaum Laute von sich gegeben haben, beginnen leise zu gackern. Ben atmet tief ein und aus. Ganz ruhig, sagt er sich, und lauscht. Draussen bleibt alles still, und auch die schlafenden Vögel sind wieder verstummt. Er überlegt, wo er dem Huhn den Hals aufschneiden soll. Bis zum Boot ist es zu weit, denkt er, dann schlägt das Herz nicht mehr und das Blut verteilt sich im Fleisch. Also gleich hier? Oder draussen? Wie kann man es nach dem Raub eines Marders oder Fuchses aussehen lassen? Kurz entschlossen greift er nach der Tasche und holt das Messer heraus.
Als er mit dem Huhn in der Tasche in Richtung ihres Landeplatzes trabt, erwartet ihn Richie auf halber Strecke. Er ist noch immer in Panik, riecht intensiv nach Schweiss und stottert, wenn er spricht. Ben beschliesst, nicht mit ihm zu schimpfen. Gemeinsam rennen sie zum Boot, stossen es aus dem Kies und setzen ab. Ben lässt den Jungen rudern, so würde er sich ehr beruhigen, denkt er. Er erzählt ihm, was er noch im Stall gemacht hat. Wie er ein paar Federn ausgerupft und verteilt habe, dann auf der Schwelle das Huhn unter den linken Arm geklemmt und ihm die Kehle durchgeschnitten. Das Blut ein wenig überallhin spritzen lassen wie ein Marder, der die Beute schüttelt. Richie rudert und bringt nicht mehr heraus als immer wieder:
«Mensch, Mensch! Wie das getönt hat ...!»
Der Junge kommt erst zur Ruhe, als sie auf der noch warmen Ladeluke nebeneinanderliegen, einen Joint hin- und herreichen und in den Sternenhimmel gucken. Das Huhn hängt wie ein zweiter, übergrosser Ankerball am Signalstock, und Ben trägt frische Klamotten, weil die andern mit But bespritzt sind und in einem Eimer mit kaltem Wasser zum Einweichen liegen. Richie gesteht Ben, dass ihn das Umdrehen des Halses, das Geräusch dabei, so erschreckt habe, dass er davonrennen musste. Sonst habe ihn die Einbruchstour nicht gestresst, behauptet er. Er habe in seiner Zeit im Heim einige Brüche gemacht mit Kollegen. Tankstellen, Kioske, einmal den Laden der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Dabei seien sie dann erwischt worden, was ihn in ein noch härteres Heim gebracht habe. Aber Tiere habe er nie quälen können, dabei habe er nie mitgemacht. Beim Töten schon gar nicht.
«Meinst du, es hat was gespürt?», fragt er.
Ben weiss es nicht. Er glaube nicht. Er sei einmal beim Eishockey kopfvoran in die Wand geknallt und ohnmächtig liegengeblieben. Davon habe er gar nichts mitbekommen. Erst beim Aufwachen hätten ihn Kopfschmerzen und Übelkeit überfallen. Nicht einmal an den Check seines Gegners habe er sich noch erinnern können. Das Huhn sei ja nicht mehr aufgewacht nach dem Schlag, und geflattert habe es wegen der Nerven, Hühner könnten auch davonfliegen, wenn der Kopf schon ab sei. Richie scheint nicht überzeugt zu sein, lässt das Thema aber fallen.
Mit den Vorbereitungen für das pfingstliche Abendessen beginnen sie am nächsten Nachmittag. Ben hat erneut darauf bestanden, dass sie zur normalen Zeit aufstehen und nach dem Kaffee ihre Aufgaben erledigen. Er lackiert den Holzrahmen, den er ausgebessert hat, und Richie muss die Stellen am Gangbord, die er am Vortag vom Rost befreit hat, mit Bleimennige streichen. Nachdem sie sich aus dem Eisschrank verpflegt haben, setzen sie in der grössten Pfanne heisses Wasser auf, um das Huhn für das Rupfen der Federn vorzubereiten. Als es kocht, leert Ben das Wasser in das verstöpselte Spülbecken und lässt es soweit abkühlen, dass er für eine Sekunde den Finger hineinstecken kann, ohne sich zu verbrühen. In der Zwischenzeit soll Richie das Huhn holen. Er hält es an den Füssen, als er zurückkommt, und schwenkt es mit der einen Hand hin und her. In der andern hält er eine Axt.
«Wir machen noch ein Foto, wie ich ihm den Kopf abhacke!»
Er ist ganz begeistert von seiner Idee. Wahrscheinlich will er damit seine Angst und den Ekel überspielen, die ihn gestern gepackt haben, denkt Ben. Er tut ihm den Gefallen und holt den Apparat. Mit Selbstauslöser machen sie ein Bild davon, wie Richie theatralisch die Axt schwingt über dem toten Huhn. Den Kopf hackt er ihm danach ab, und es klappt erst beim zweiten Schlag. Sie müssen jetzt nochmals Wasser heiss machen. Mit Holzkellen sorgen sie dafür, dass das Huhn überall untergetaucht ist. Gestern Nacht war es schnell steif geworden, jetzt ist es wieder locker und lässt sich gut bewegen. Es dauert ziemlich lange, bis sich die Federn leicht herauszupfen lassen. Mit vier Händen geht es recht schnell, aber das nasse Zeug klebt überall. Vor dem Ausnehmen muss geputzt werden, und Richie findet schon alles zu mühsam. Dann aber sieht er fasziniert zu, wie Ben, der einst hatte Koch werden wollen, das Huhn ausnimmt.

Zwei Stunden hat es nun, von Richie unter Bens Anleitung fein säuberlich zerlegt in mundgerechte Stücke, zwischen den Zwiebeln im Bier geschmort. Dazu haben sie Kartoffelstampf gemacht, in einer Mischung aus flockigem Fertigzeug und einem Rest von Kartoffeln, die schon zu keimen begonnen hatten und verarbeitet werden mussten. Es hat Geduld gebraucht, nicht zu früh mit dem Essen zu beginnen. Das Huhn war nicht mehr ganz jung, was Ben schon an der Farbe des Fleischs gemerkt und später beim wiederholten Prüfen mit der Gabel festgestellt hat. Nun aber beginnt es von den Knochen zu fallen und wird von Ben freigegeben. Sie setzen sich an den gedeckten Tisch, im Dunst ihrer Kochkunst und gerührt über die Ehre und den Aufwand, den sie sich selbst gönnen. Zum Festschmaus wird nicht zu knapp Bier und Schnaps getrunken. Sie nagen und saugen an den Knochen, um ja nichts Köstliches zu vergeuden, errichten immer neue Kartoffelberge und füllen die Stauseen mit Sauce, hantieren mit fettigen Fingern und glasigen Augen zwischen ihren Tellern und den Töpfen, zwei glückliche Strolche, die sich die Höhepunkte ihres Streichs noch und nochmals erzählend vor Augen führen. Richie ist so euphorisch, dass er bei der abschliessenden Aufräumaktion gar nicht merkt, dass Ben am Tisch sitzenbleibt, in sein Glas schaut und ihn alleine machen lässt. Die Knochen mitsamt dem abgehackten Kopf und den Füssen kippt der Schiffsjunge bei einer letzten Zigarette über Bord. Ein riesiger Wels taucht auf, saugt die Hühnerreste Stück für Stück ein und verschwindet wieder in der Tiefe. Richie hat davon nichts mitbekommen.

Am nächsten Morgen wacht Ben um sieben auf, weil er von weit weg jemanden schreien und pfeifen hört. Er springt auf und schlüpft in seine Jeans, rennt dann die Treppe hoch und hinaus. Mit dem Schiff scheint alles in Ordnung zu sein, aber am Ufer, woher das Geschrei kam und jetzt wieder laut wird, springt eine Gestalt umher, wedelt mit den Armen, pfeift durch die Finger und brüllt zu ihm herüber. Der Alte!
Jetzt ist auch Richie aufgetaucht, mit verstrubbelten Haaren und noch schlaftrunken.
«Was ist los?», fragt er gähnend.
Ben ist schon auf dem Weg zum Heck, zum Beiboot.
«Komm, hilf mir, ein bisschen dalli! Der Käpt’n ist zurück! Der schreit wahrscheinlich schon lange, und wir haben nichts gehört ...»
Richie hilft ihm, ins Boot zu steigen. Er sieht zum Kapitän hinüber, der noch immer mit den Armen fuchtelt und ihnen etwas Unverständliches zuruft.
«Scheisse, der ist sauer! Meinst du, er wollte um fünf losfahren? Wir wussten ja nicht, wann er genau ...
Ben rudert los. Obwohl er dasselbe denkt wie Richie, weiss er, dass der Alte die Ausrede nicht würde gelten lassen.
Noch bevor er das Boot ans Ufer setzen kann, legt der Kapitän los. Er warte seit vier Uhr morgens hier in der Saukälte, habe sich heiser geschrien, und das in seinem Alter. Aber die zwei Herren auf Bordwache hätten gepennt wie die Murmeltiere, das Schiff hätte man ihnen unter dem Arsch anzünden können, sie hätten es nicht gemerkt. Ben möchte sich entschuldigen:
«Es tut mir leid! Wir wussten nicht ...»
Urban unterbricht ihn sofort. Er habe gesagt, dass sie am Montag gleich weiterfahren würden, und gleich heisse eben, um fünf Uhr früh wie immer, damit man noch etwas aus dem Tag herausholen könne. Und nochmals packt ihn die Wut. Ob es ihm, dem Möchtegern-Matrosen, Spass mache, seinen Kapitän stundenlang am Ufer die Wacht am Rhein singen zu lassen und ihn so zum Gespött der Umgebung zu machen?

Inzwischen ist der Kapitän ins Boot gestiegen und Ben rudert los. Er ist froh, dass er einen Vorwand hat, nichts mehr zu sagen. Der Alte wird sich bald beruhigen, er kennt ihn.
Kurz bevor sie beim Schiff angelangt sind, bückt sich Urban und zieht eine schwarze Feder unter der Sitzbank hervor.
«Wo kommt denn die her?» Er schaut Ben prüfend in die Augen, dann zum Ufer, wo auf der Wiese wieder die schwarzen Tupfer zu sehen sind. Als er seinen Blick zurück auf Ben richtet, zuckt dieser mit den Schultern, kann aber ein verlegenes Lächeln nicht unterdrücken. Urban schüttelt den Kopf. Aber er schmunzelt dazu, Ben hat es gesehen.