Das Wetter hatte schon seit Anfang des Jahres verrückt gespielt. Viel zu warm waren die ersten zwei Monate gewesen, und vor allem zu trocken. Im März dann schwankten die Temperaturen in so wilder Folge, dass man beim Verlassen des Hauses nie wissen konnte, ob man richtig angezogen war. Am Dreizehnten sassen die Augster im T-Shirt am Rhein und tranken Bier oder Spritz. Der Monat hatte seinen Charakter mit dem des April getauscht, der sich darauf ausdauernd und regelmässig kühl präsentierte. An den wenigen Tagen mit guter Fernsicht zeigten die Jurahöhen sogar weisse Kappen. Man war also gespannt gewesen auf den Mai. Doch so anhaltenden Regen hatte niemand erwartet. Die Höhenwinde schleppten Girlanden von Atlantiktiefs nach Europa, die sich grau und schwer auf das Land setzten und ihre aus dem Ozean aufgesaugten Wassermassen fahrenliessen. Der Rheinpegel stieg und blieb auf Rekordhöhe. Man musste froh sein um jede Pause im Dauerregen.
Härri hatte sich schon im Januar dazu entschlossen, sein altes Fahrrad durch eines mit Elektromotor zu ersetzen. Nun hatte er endlich vom Händler die Mitteilung erhalten, sein neues Fahrzeug sei abholbereit. Schon nach der kurzen Fahrt vom Industriegebiet im Quartier Herten, wo der Fahrradladen stand, bis zu seinem kleinen Haus war er aber völlig durchnässt worden. Deshalb beschloss er, sich zuerst geeignete Regensachen zu kaufen und die geplanten Erkundungsfahrten auf später zu verschieben. Bis zum alten Akademiegebäude auf der Rheininsel war es nicht weit, da konnte er zu Fuss gehen. Er hatte daran gedacht, einen Schirm mitzunehmen, musste aber den Kampf mit dem Wind schon aufgeben, als er aus dem schmalen Tunnel kam, der den Uferweg unter dem Kopf der Oberen Rheinbrücke hindurchführte. Er trat nochmals zurück ins Halbdunkel der Betonröhre, um den Schirm zusammenzuklappen. Die Böen hatten bereits die Bespannung eingerissen. Leise fluchend machte er sich wieder auf den Weg ins Freie. Der Wind donnerte in seinen Ohren.
Er war auf dem Weg, sich mit Lena Richards zu treffen, einer jungen Wiener Slam-Poetin. Aurelia, seine Kollegin in der Institutsleitung und Verantwortliche für den Bereich Performance, hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht, als er ihr von seinen Plänen zur Frühlings-Projektwoche erzählte. Er wollte schon lange etwas machen zu Werktiteln in der bildenden Kunst. Das Thema musste einen interessieren, wenn man Schüler von Werner Fässler gewesen war, der noch jetzt, wo er sich als Professor in Hamburg hatte pensionieren lassen, mit unversiegbarer anarchistischer Phantasie Serien von Bildtiteln erfand, die sich in Härris Gedächtnis einbrannten und ihn mit Neid erfüllten. Weil er erlebt hatte, wie Fässler seine Titel sowohl hinterher setzte als sie auch im Voraus wie ein Motto für eine noch im Unbestimmten schwebende Bildidee festlegte, hatte er den Plan gefasst, einen Workshop durchzuführen zum Wechselspiel zwischen Wort und Bild. Er hatte zuerst gezögert, die Projektwoche zu zweit zu planen und durchzuführen, weil er den damit verbundenen Mehraufwand scheute. Als sich aber herausstellte, dass Lena seit einem Jahr in Zürich wohnte und schon für die Zeit der Vorbereitung nach Augst kommen wollte – Aurelia bot ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung an – und zudem am Telefon sehr wach und sympathisch getönt hatte, willigte er ein.
Das alte Gebäude der Akademie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf den solideren westlichen Teil der Rheininsel Gwerd gebaut worden, mit der repräsentativen viergeschossigen Fassade gegen Süden, gegen die Altstadt. Die unteren zwei Stockwerke wirkten wuchtig, ein Mauerwerk aus ockerfarbigen Kalkstein-Bossen, das an norditalienische Paläste erinnerte. Darüber zwei klassizistisch anmutende, sehr hohe Etagen mit Bogenfenstern zwischen Halbsäulen und -pfeilern, nach aussen hin unterbrochen durch je zwei halbrunde Nischen, in denen steinerne Musen standen. Hier war der Stein hell, glatt behauen und gelblich. Beide oberen Stockwerke schlossen mit einem mehrfach gegliederten breiten Sims ab. Das Dach, schiefergedeckt, deutete links und rechts einen Turm nur an, dazwischen lagen in einer langen Reihe die Fenster der Ateliers und des Aktsaals. Härri liebte den Anblick des Gebäudes, hielt heute aber den Kopf gesenkt unter der Kapuze, als er die Klinke an der schweren Eichentüre des Hauptportals hinunterdrückte. Sie öffnete sich wie von Geisterhand nach aussen und er trat einen halben Schritt zurück als sei er ein Teil des Mechanismus.
Lena stand vor der gläsernen Loge und unterhielt sich mit Mariette Hayoz, der Sekretärin, Pförtnerin und guten Seele des Instituts. Als er eingetreten war und im Halbdunkel des Eingangs seine Schuhe über den Putzteppich zog, hielt er Lena zuerst für Aurelia. Sie hatte die gleiche rundliche Statur und ebenfalls lange gerade Haare, die allerdings grüne Strähnen hatten und nicht pinkfarbene, wie er beim Nähertreten feststellte. Und als sie sich ihm zuwandte und ihn mit starkem wienerischem Akzent begrüsste, erkannte er ihr jugendliches Alter. Er schätzte sie auf höchstens fünfundzwanzig.
Sie wollte zunächst die Ateliers der Studentinnen sehen, das gefiel ihm. Er führte sie in einen der grossen Räume. Sie trafen darin nur zwei Studenten an, die andern schienen das verlängerte Wochenende mit dem ersten Mai am Montag noch weiter auszudehnen. Zwischen den einzelnen Arbeitszonen standen weiss gestrichene Stellwände, für die je zwei grosse Spanplatten zu einem schmalen Kasten zusammengefügt waren. Im Zwischenraum konnte man Leinwände und andere Bildträger lagern. Neben den vom Institut zur Verfügung gestellten einfachen Möbeln aus Vierkant-Stahlrohren standen allerlei Tische, Kommoden, Kästen und Sitzmöbel herum, eine Flohmarktmischung, welche offensichtlich von den Studierenden organisiert und mitgebracht worden war.
«Die Individualität der Menschen, die hier arbeiten, kann man gut sehen. Toll!», fand Lena. «Wieviel Ordnung oder Unordnung jemand braucht. Die Materialien, Themen ...»
Sie deutete auf zwei aneinanderstossende Ateliers. Das eine sah aus wie ein Bilderlager. Alles war verstellt mit vollgemalten Leinwänden, beschichtet mit einem dichten Gewebe aus weissen und roten Krakeleien. Der Boden war übersäht mit Farbspritzern und zeigte eine ähnliche Struktur wie die Bilder. Tadellos aufgeräumt war der Tisch, auf dem eine schwarze Schneidunterlage aus Kunststoff, ein Stapel Skizzenhefte und ein Laptop, ebenfalls schwarz, sorgsam rechtwinklig ausgerichtet waren. In der anderen Koje verschwand die Tischplatte unter einem Durcheinander aus Computerausdrucken, Kabeln, Leim- und Farbtuben, Filzstiften, zerknüllten Taschentüchern und gebrauchtem Geschirr. In der Mitte lag ein dickes Buch mit dem Titel «FEMINISM and Pornografy». Um dieses Thema schien sich auch die Auslegung von Bildern zu drehen, welche an die weisse Wand gepinnt waren: diverse Vulven und erigierte Penisse, Sexspielzeuge. Dazu kleine Plastikbeutel, in denen Haare, Knochenfragmente, Stofffetzen und getrocknete Früchte und Blüten zu erkennen waren.
Härri musste lachen.
«Ja, da hast du eine unserer Konfliktlinien erkannt! – Schau ...!»
Er zeigte auf ein Brett über dem Durchgang zwischen den beiden Arbeitsplätzen, auf dem ein paar Töpfe mit hängenden Zimmerplanzen standen. Auf der Kante des Bretts klebte ein Stück Abdeckband, auf das mit Filzstift geschrieben war: «Welcome to male territory - Testosteronia!»
Lena klopfte mit den Fingerknöcheln an eine Stellwand.
«Ich liebe das! Und wir sind schon mitten im Thema, oder? Wort und Bild ...»
«Genau!», bestätigte Härri. «Und: Kunst und Aktivismus.»
Er hatte sich im Internet umgesehen nach Videos von Lenas Auftritten und war beeindruckt gewesen von ihrer Präsenz und ihrem Wortwitz. Er musste sich eingestehen, dass sie auf der Bühne besser war als er damals, in seiner Undergroundband. Irritiert und fasziniert war er gewesen vom Kippmoment in einem ihrer Stücke, in dem sie flapsig begann und sich über die tausende von Gelegenheiten lustig machte, bei denen man sich für etwas schämen konnte. Den Hintergrund bildeten die idealisierten Bilder, die von Influenzerinnen als Norm verbreitet wurden und den Durchschnitts-Followerinnen den Alltag zu Hölle machten. Sie plauderte über ihre vielfältigen Versuche der Selbstoptimierung, als sie plötzlich, gegen Ende ihrer Nummer, den Tonfall wechselte, und von Ironie zu Ernst. Sie sprach über Dinge, deren sich zu schämen sie nicht länger bereit sei und erzählte von einem Erlebnis in einem Wellness-Hotel, wo sie – oder die Ich-Slam-Poetin, das war für Härri nicht mehr klar – während einer Massage einen sexualisierten Übergriff erlebte. Auch das Publikum schien schockiert, und das Klatschen war, nach sehr lebhaften Zwischenapplausen und -lachern, zum Schluss auffallend verhalten. Härri hatte sich vorgenommen, sie während der Projektwoche bei Gelegenheit darauf anzusprechen, denn die Frage, wieviel Distanz zur eigenen Geschichte nötig sei in der künstlerischen Arbeit, beschäftigte ihn bei der Begleitung seiner Studentinnen zunehmend. Damit hing für ihn auch die andere Frage zusammen, über die sie sich im Kollegium nicht einig waren: wie direkt und in welcher Form sich die Kunst zu gesellschaftspolitischen Fragen äussern solle. Er war gespannt auf die Zusammenarbeit mit Lena.
Er hätte nicht gedacht, dass es so lustig werden könnte in ihrer Projektwoche. Lena sprudelte nur so von Ideen und hielt die neun Studentinnen und zwei Studenten unermüdlich auf Trab. Es wurde viel gelacht. Sie hatte deutlich weniger Hemmungen als er, den jungen Leuten dreinzureden, die gleich alt oder gar älter waren als sie. Auch mit konkreten Vorschlägen und Ideen hielt sie nicht zurück, und Härri beobachtete erstaunt, wie dankbar diese aufgenommen wurden. Vor allem aber waren Lenas Humor und ihr Sinn fürs Absurde erfrischend, wobei letzterer ihm mehr zusagte als den Studentinnen, die manchmal irritiert reagierten und die krudesten Ideen der Slam-Künstlerin ignorierten.
In der Mitte der Woche gesellte sich noch der IT-Spezialist Miles Kellner für einen Tag zu ihnen. Er hatte sich als Springer für verschiedene Workshops angeboten, um bei Bedarf den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Form von Sprach- und Bildgeneratoren anzuleiten. Härri hatte er dazu überreden können, diese Form des Zusammenspiels von Text und Bild in sein Programm aufzunehmen, und Lena war sofort begeistert gewesen, als er sie darüber informierte.
«Wenn dein Fässler Bildtitel im Voraus setzt, dann macht er doch nichts anderes, als seine Phantasie mit Prompts zu füttern», fand sie, und Härri musste ihr recht geben.
Nun sassen sie alle vor der Leinwand und liessen sich von Miles zeigen, was mit diesen Mitteln möglich war. Härri hatte ihm drei Bilder von Fässler ausgesucht, die witzige und für den Meister typische Titel trugen. Miles forderte den Chatbot auf, die Art und Weise, oder den Stil der Titelgebung zu analysieren und anschliessend einen Titel für ein viertes Bild Fässlers vorzuschlagen, von dem er den Originaltitel für sich behielt. Das hochformatige Bild zeigte ein Sammelsurium von Gegenständen auf einer Tischplatte, die schwindlig schräg die Fläche beherrschte: ein roter Damenschuh, ein altmodischer Telefonhörer mit abgerissenem spiraligem Kabel, eine groteske Maske. Ein phallisches braunes Ding, eventuell ein Sexspielzeug, der untere Teil einer bemalten Leinwand, schief angelehnt an etwas ausserhalb des Bildes. Dazu viele kleine Klekse und Zeichen, Buchstaben vielleicht. In Sekundenschnelle erschien auf dem Bildschirm der Vorschlag des Bots:
«Ein möglicher Titel im Sinne von Fässlers Ansatz könnte sein: ‘Menükarte für das letzte Abendmahl’.»
Ein kurzer Moment lang herrschte verblüffte Ruhe, dann brach Gelächter aus und ein wildes Durcheinander von Fragen, Ausrufen der Verwunderung, Vorschlägen für weitere Eingaben in das System. Man einigte sich darauf, dem Chatbot die Vermutung vorzulegen, Fässler habe zuweilen die Titel als Ausgangspunkt für bildnerische Umsetzungen vorausgesetzt. Er solle unter dieser Annahme ein paar Vorschläge machen, witzig-ernst und absurd-tiefgründig. À la Fässler eben. Was der Computer ausspuckte, sorgte wieder für Heiterkeit und Erstaunen. «Die Melancholie des Dauerläufers – Marathon auf dem Möbiusband» war ein Vorschlag, «Das Flüstern der Bücher – eine Bibliothek kurz vor Schliesszeit» ein anderer. Miles fand, die Studentinnen könnten doch gleich mit bildnerischen Umsetzungen der vom Sprachmodell gelieferten Titel beginnen. Aber weder Härri noch Lena war entgangen, dass es nicht allen wohl war bei dem Gedanken. Man wollte wenigstens im Ansatz verstehen, was man eben erlebt hatte und den Chatbot nicht gleich als «Tool» behandeln, das nicht weiter hinterfragt werden müsse. Also versuchte Miles eine Erklärung.
Die Sprachmodelle gingen, wie man sicher auch schon gehört habe, vom einzelnen Wort aus. Sätze und dann längere inhaltliche Aussagen würden also Wort für Wort zusammengesetzt. Dafür müsse man wissen, wie die Wörter von den Modellen dargestellt und codiert würden. Zahlenreihen würden dafür verwendet, hunderte, wenn nicht tausende von Zahlen für nur ein einziges Wort. Solche Reihen nenne man Vektoren, die, in einem vieldimensionalen Raum, die häufigsten und damit wahrscheinlichsten Relationen zu anderen Wörtern darstellten.
Härri verstand nur halb, was er da hörte. Da er annahm, es gehe auch den andern ähnlich, fragte er nach.
«Kannst du das an einem Beispiel zeigen?»
«Ja, es gibt eine einfache Analogie. Ist nicht von mir, sondern von einem Blogger. Wir kennen die räumliche Codierung von Orten auf der Weltkugel. Washington DC befindet sich bei 38.9 Grad Nord und 77 Grad West. In einer Vektorschreibweise könnte man das ausdrücken als [38.9, 77]. Mit Hilfe dieser Zahlenreihe lässt sich nun eine räumliche Beziehung Washingtons zu anderen Städten herstellen: [38.9, 77], also Washington, liegt näher bei [40.7, 74] – New York – als bei [51.5, 0.1] – London – oder [48.9, -2.4] – Paris. Bei den zwei europäischen Städten sieht man auch gleich an ihrem Vektor, dass sie relativ nahe beieinander liegen.»
«Cool», meinte Lena. «Hast du das alles auswendig gelernt?»
«Ich habe das schon so oft erklärt, irgendwann musste ich nicht mehr auf dem Handy nachschauen.»
«Aber wie geht es dann weiter?» wollte ein Student wissen. «Die Titelvorschläge, die wir da bekommen haben, benötigen ja viel mehr Informationen über mögliche Bedeutungszusammenhänge der Wörter. «Marathon auf dem Möbiusband» zum Beispiel. Da muss beim Wort «Marathon» ja zuerst einmal geklärt sein, ob es sich um den Ort in Griechenland oder um eine davon abgeleitete Sportart handelt. Und wenn das richtig entschieden ist, muss die physische Realität der Laufdisziplin für eine Verwendung des Worts in der Metapher aufgegeben werden. Marathonläufe finden ja auf Strassen statt, und auf einem Möbiusband zu laufen wäre sowieso schwierig ...»
«Ausser in der Schwerelosigkeit und mit magnetischen Schuhen!» flachste Miles. «Nein, du hast natürlich recht. Die aktuellen Sprachmodelle arbeiten mit Vektorräumen von Hunderten oder gar Tausenden von Dimensionen. Und die Wörter werden zwischen den verschiedenen Ebenen zigmal hoch und runter geschickt, dabei mit immer differenzierteren Wenn-dann-Beziehungen versehen. Was wir uns gar nicht vorstellen können, ist für Computer kein grundsätzliches Problem, nur eines der Rechenleistung.»
«... und der Energie, die das frisst!», warf Thea ein, die schon bei Miles’ Vorschlag protestiert hatte, man solle doch die Titel des Chatbots gleich als Anstoss für eigene Bilder nehmen.
Lenas Idee wurde schliesslich von allen akzeptiert. Sie teilten die Titel der Maschine per Los unter sich auf, einigten sich auf ein kleines, quadratisches Format und eine kombinierte Technik aus Collage und Acrylmalerei. Zudem machten sie aus, die Umsetzung bis zur Kaffeepause um drei fertigzustellen. Und an wen das Bild weitergegeben werden sollte zur Betitelung.
Als Härri in der Pause vom Klo zurückkam, sah er Lena und Miles auf der pinkfarbenen Treppe unter dem Fenster sitzen. Sie waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Offenbar erläuterte ihr Miles seine transhumanistische Philosophie, denn jetzt gerade hielt er ihr seine linke Hand entgegen. Am Ringfinger haftete eine kleine Handvoll Büroklammern – sein bewährter Trick. Härri schaute um sich, Thea war nicht zu sehen. Er fand sie schliesslich im benachbarten Raum in ihrer Atelierkoje. Sie machte sich Notizen in ein Skizzenbuch.
«Na?», sprach er sie an. «Ist nicht so deine Sache?»
«Doch. Ich find’s schon interessant. Aber es ist auch spooky. Dieses Pseudo-Gespräch: «Bitte machen Sie dies, bitte analysieren Sie jenes ...Und dann geht es sofort los, schneller als jeder Mensch antworten würde. Antworten könnte. Und warum siezt Miles die Maschine überhaupt? Und lobt sie für Antworten, die ihm passend erscheinen? Das ist doch der reine Anthropomorphismus! Ist das einfach Miles? Sein Transhumanist-Ding?»
«Nein, ich glaube nicht. Ich habe ihn auch schon danach gefragt. Er sagt, er mache das aus Erfahrung. Die Maschine gebe qualitativ bessere Antworten, wenn man freundliche und höfliche Prompts eingebe. Er vermutet, und das sage auch die aktuelle Theorie, die Vektoren würden dann eher in Zusammenhänge führen, wo eine gewisse formelle Höflichkeit normal sei. Man bekomme so eher Antworten aus der Welt der Wissenschaft und des seriösen Journalismus.»
Sie schwiegen eine Weile. Dann stand Thea auf und sagte:
«Ich gehe jetzt raus, ich muss nachdenken. Und es hat aufgehört zu regnen. Kommst du mit?»
«Nein, das geht nicht, ich kann jetzt nicht davonlaufen. Aber geh du ruhig. Nachdenken schadet nie.»
Als sie gegangen war, stand er noch am Fenster. Man konnte jetzt zwei Lagen von Wolken erkennen. Die unteren sahen aus wie dreckige Polierwatte nach dem Silberputz. Sie zogen mit grosser Geschwindigkeit von West nach Ost und gaben in ihren Lücken den Blick frei auf eine zweite, viel höher gelegene Schicht, die sich quer und langsamer dazu bewegte. Für einen kurzen Moment blitzte die Sonne auf und überzog die Welt mit blendenden Reflexen. Er ging zurück zu den andern.

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