Vielleicht war es einfach der fehlenden Kraft zuzuschreiben, dass man vor, während und nach dem Arbeiten nicht in der Lage war, Ordnung zu schaffen. Nichts vorbereitet und schon mittendrin, mit einem schlecht gespitzten Bleistift auf dem Block aus Makulatur, auf schlechtes Papier für den Drucker, mit von der Rückseite durchscheinender Schrift. Oder mitten in den Spänen und Spritzer der letzten Arbeit, die unter den Sohlen knirschten, bereits ein neues Werkstück im Schraubstock bearbeitend, nachdem die noch herumliegenden Werkzeuge mit dem Ellbogen zur Seite geschoben waren.
Man konnte es sich aber auch zur Methode machen, mit dem Arbeiten zu beginnen, bevor überhaupt die richtigen Werkzeuge dafür bereitgelegt, ja bevor auch nur genügend Platz und eine ausreichend geordnete Umgebung geschaffen waren. Das würde einen bewahren vor der Beschämung zu scheitern, nachdem und obwohl alles sorgfältig bereitet war. Die Arbeitskleidung übergezogen, die Tischfläche abgedeckt, genügend Material in Griffnähe, verschiedene Werkzeuge in Wartestellung gebracht, gewisse Vorentscheidungen bezüglich der zu benützenden Mittel, Formate und Vorgehensweisen getroffen, der Kopf geleert, die Schultern entspannt und im Künstlerhabitus eingerichtet. Dann die Niederlage, den Misserfolg hinnehmen zu müssen, erschiene zweifach demütigend, weil sich zur Bitternis des Misslingens die Lächerlichkeit gesellte. Das sorgsam inszenierte Ritual der Vorbereitung würde durch die klägliche Qualität, oder noch schlimmer, durch das völlige Ausbleiben von Ergebnissen als Anmassung blossgestellt.
Und wenn auch die Umgebung kopfschüttelnd fragte, «wie kannst du bloss in einer solchen Unordnung ...?» – oder anrät, «ich würde zuerst einmal dies und jenes ...» – so erschien es dennoch verlockend, und leichter, jede Vorbereitung überspringend direkt mit der Arbeit zu beginnen. Nein, ein Anfang sollte gar nicht zu erkennen sein, dann liesse sich im Falle einer Stockung, eines Scheiterns oder gar Abbruchs leichter so tun, als habe man gar nichts getan, ja nicht einmal etwas gewollt. Und man könnte einen Teil des Misserfolgs den Umständen zuschreiben, die einen Erfolg nicht zugelassen hätten. Noch nicht.
Das so unvermittelte Beginnen mitten in grosser Unordnung und damit unter unmöglich erscheinenden Bedingungen würde also Schutz bieten vor dem Druck – von wem, von welcher Seite? –, etwas Bedeutsames erreichen zu müssen, ja schon nur ins Auge zu fassen. Dabei galt dies nicht nur für ein Schaffen, aus dem materialisierte Werke hervorgingen. Vergleichbares liess sich beobachten bei geistiger Tätigkeit, die der sichtbar produzierenden vorausging. Die sich der Planung oder Verbesserung von Werken zuwandte, noch in ihrer Entwicklung. Oder noch deutlicher, wenn der Künstler sich gedanklich ins gänzlich Offene bewegte. Assoziationen und intuitiven Ahnungen nachgehend, dabei hoffend auf Erfindung und Eingebung. Dabei wäre er dann am ehesten in einen von ihm als fliessend empfundenen Zustand geraten, in dem sich Lust am Entdecken und sogar Zuversicht des Gelingens ausbreiteten, in Situationen und zu Zeiten, in denen es ausgeschlossen war, eine produktive Umsetzung der entstehenden Ideen zu beginnen. Also zum Beispiel, wenn der Tag schon seinem Ende entgegenging. Oder zwar erst begonnen hatte, aber verstellt war mit vielerlei Verpflichtungen, die mit der Kunst nichts zu tun hatten, ja dieser sogar entgegenstanden. Oder wenn er draussen unterwegs war, in Bewegung. Sich vielleicht sogar in einer milden Form sportlich betätigte. Alles war dann denkbar, alles erschien möglich, weil im Hier und Jetzt nichts begonnen werden konnte und darum auch nichts begonnen werden musste.
Oder lieber gar nichts machen? Sich dabei einreden, man halte alle Möglichkeiten offen. Die Kraft – aber auch die Schwäche – des Potenzials zeigte sich ja erst bei seiner Verwirklichung. Bis dahin konnte ihm jede Grösse, jegliche Macht, unterstellt werden. Wobei es darauf ankam, wie lange dieser Dornröschenschlaf der Schaffenskraft dauerte. Ob das Vertrauen auf sie anhielt. Ob es genährt wurde von einem früheren Ruf, vom Glauben einer Gefolgschaft, vom überlebenden Selbstvertrauen des Künstlers. Fehlte dem Potenzial solche Nahrung, so wurde aus der kreativen Pause eine Schaffenskrise. Und wenn diese sich zu lange hinzog, versiegten Kraft und Wille, etwas zu schaffen. Von aussen erwartete es dann niemand mehr. Manche mochten es bedauern, dass ein Künstler am Ende war mit seiner Kunst, andere hatten ihn bald vergessen. Wieder andere waren vielleicht froh, einen Konkurrenten losgeworden zu sein, auf den sie einst neidisch sein mussten.
Der Eisvogel war wieder da. Winzig kleiner, aber sofort ins Auge stechender, weil einziger Farbtupfer an diesem grauen Morgen. Er sass, türkis und orange, auf dem Pfosten des Stegs, aber als sein Beobachter den Feldstecher vom Bücherschaft holen ging und zurück ans Fenster trat, war er schon nicht mehr dort. Der Mann suchte den Uferstreifen ab, von links nach rechts, dann wieder zurück, erkannte aber nur das Muster aus Kringeln und Zipfelchen, welche die Regentropfen in die Haut des Flusses schlugen. Und den Wechsel von hellen und dunklen Wasserflächen, die aufkommenden Wind ankündigten. Als er das Fernglas absetzte, sah er den kleinen Vogel wieder, eine bunt blinkende Zwergdrohne, blitzschnell und dicht über der Wasseroberfläche dahinsausend, ungebremst hinein in eine Lücke der Büsche, deren unterste Äste in der Strömung hin und her strichen. Der Mann wusste nicht, dass auch er beobachtet wurde.

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