2.2.25

Schlussfeiern

In den letzten zwei Tagen vor den Frühlingferien, am Ende des Schuljahrs, das für mich zum Ende meiner Schulzeit werden sollte, war an einen geordneten Unterricht nicht mehr zu denken. Damals begrüsste ich das ausbrechende Chaos, es passte zu den Umständen, in die ich mich gebracht hatte. Die vier Abschlussklassen zogen durch die Schulgebäude, die maturi, wie sie von manchen Lehrern der Anstalt genannt wurden. Singend und gröhlend, als wilde Horden brachen sie in die Klassenzimmer ein, grotesk verkleidete Jünglinge, die sich demonstrativ an keine Regel mehr hielten. Die eingesteckte weisse Nelke schien sie dazu zu berechtigen. Einige hatten die Hochzeitsfräcke ihrer Väter ausgegraben – ich meinte, Mottenkugeln zu riechen –, die Nadelstreifenhosen waren um den Bauch zu weit oder endeten eine Handbreit über den Knöcheln. Zylinder und Melonen standen den einen erstaunlich gut und machten sie zu Gentlemen, die sie vielleicht schon bald sein würden. Andere sahen aus wie trottelige Figuren aus den Slapstick-Stummfilmen. Es gab auch solche, die mit dieser altbackenen Tradition nichts zu tun haben wollten. Die daherkamen wie sonst, in Jeans und Pulli. Oder sich als Hippies gebärdeten. Einen sah ich, mit dunklen, halblangen Haaren und Schnurrbart, der trug auch einen Zylinder, über den Schultern aber einen Poncho, wie ihn peruanische Hirten tragen. Darunter eine weite Manchester-Hose, deren Enden nachlässig in Lederstiefel gestopft waren. Wie ein mexikanischer Wegelagerer aus einem Westernfilm sah er aus. Aber alle, so schien mir, strahlten diese unerschütterliche Genugtuung aus, etwas Bedeutsames erreicht zu haben. Und ich kann mich gut erinnern, wie ich, als einer dieser Haufen kostümierter Jungmänner sich für die Darbietung eines Liedes vor uns Viertklässler aufstellte, mich so klar als nicht dazugehörig empfand, dass sich in meinen Kummer ein trotziger Stolz mischte. Ja, ich war wieder durchgefallen und würde diese uraltehrwürdige Schule verlassen, an der man den Schülern – Schülerinnen gab es erst in einer Klasse eine Handvoll – mit schöner Regelmässigkeit einredete, dass sie dereinst zur Elite der Gesellschaft gehören würden. Ich wollte Fotograf werden, eine Lehre beginnen.
Später, im Pausenhof, verfolgte ich wie alle den abschliessenden Höhepunkt des Rituals. Von der hölzernen Terrasse eines kleinen barocken Wirtschaftsgebäudes, das quer zum Schulhaus der Unterstufe stand und den südlichen vom nördlichen Teil des Hofs trennte, warfen die Maturanden ihre Hefte und Schulbücher hinunter. Einige hatten vorgesorgt und die Lehrmittel bereits in Einzelblätter zerlegt, andere zerrissen sie theatralisch erst jetzt, angefeuert von den Jubelrufen der unter ihnen herumwuselnden Unterstufenschüler, die versuchten, die herabschaukelnden Fetzen aufzufangen. Wenn eine Abschlussklasse keine Munition mehr hatte, war die nächste dran, die meist schon ungeduldig darauf wartete, die schmale Holtreppe hochzustürmen und die Belege ihrer über Jahre angesammelten Gelehrsamkeit in einer grossen Geste der Verachtung in den Schulhof regnen zu lassen. Ich weiss noch, wie ich mich fragte, ob sie denn nun alles im Kopf gespeichert hätten, was auf dem zerknüllten und zerrissenen Papier stand, das die Pflastersteine knöcheltief bedeckte. Ich bückte mich nach einem lateinischen Wörterbuch, an dessen zäher Bindung der frühere Besitzer offenbar gescheitert war und es deshalb am Stück hinuntergeworfen hatte. Da es noch fast unversehrt war, steckte ich es in die Schultasche, denn ich hatte mein Exemplar beim Austritt abgeben müssen. Und Latein war das einzige Fach gewesen, das ich zum Schluss noch mochte – wegen des Lehrers.
Ein anderer, der Mathelehrer, trat in dem Moment hinter mich und stupste mich an. Ich erschrak, weil ich meinte, er würde mich wegen des Buches zur Rede stellen. Aber er wollte sich nur von mir verabschieden, auf seine grobe Art. Trotzdem war ich fast ein wenig gerührt, als er sagte:
«Ich wünsche dir alles Gute. Schade, du bist ein intelligenter Kerl, warst aber immer ein fauler Siech. Wenn du eine Lehre machen willst, wirst du an die Säcke müssen. Ich hoffe, du packst das!»
Weil das Gymnasium keine genügend grosse Aula besass um die gesamte Schule einschliesslich der Angehörigen der maturi zu beherbergen, wurde die offizielle Schlussfeier in der nahen St. Martinskirche abgehalten. Wieder abgehalten, muss man sagen. Denn zwei Jahre lang hatte man diese grosse Feier ausgesetzt und stattdessen einen schlichten Anlass im engen Rahmen abgehalten, weil die antiautoritäre Stimmung nach 1968 auch auf die Schüler des Humanistischen Gymnasiums übergeschwappt war und dazu geführt hatte, dass die Rede des Rektors mehrfach durch ironischen Applaus und durch Zwischenrufe unterbrochen worden war, und von der Empore verdächtig würzige Gerüche in den Kirchenraum geweht waren. Ein Skandal! In dem Jahr, als ich die Schule verliess, war diese Feier wieder in geordnete Bahnen zurückgelenkt worden, und ich hätte sie eigentlich auslassen können. Ich ging aber trotzdem hin und hörte mir die Reden, die Musik und die Liste mit den Studienrichtungen an, welche die Maturanden einzuschlagen gedachten. Medizin und Jura standen zuvorderst, gefolgt von Geschichte, Germanistik, Theologie, solches Zeug. Mich interessierten die wenigen Abweichler, die zum Schluss kamen: einer wollte Zeichenlehrer werden, ein anderer zum Film, immerhin.

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