Der Mann auf dem Pferd lehnt sich weit nach vorne. Ächzend versucht er, sein rechtes Bein über den Hinterzwiesel des Sattels zu schieben. Die Müdigkeit liess den Schwung zu früh enden, sodass er einen Moment in grotesker Stellung am heissen Tierleib hängt. Nun setzt sich das Pferd auch noch in Bewegung, was der ordinario aber zum Glück gesehen hat. Der Reiseführer stellt sich dem Tier in den Weg und packt es dicht neben dem Maul am Zaumzeug. So kann sich der Mann heruntergleiten lassen. Als er seinen rechten Fuss auf den Boden gesetzt hat, muss ihm dabei geholfen werden, den andern aus dem Steigbügel herauszudrehen.
«Gratias!»
Der Dank tönt, als werde er mit dem letzten Schnauf ausgestossen. Dazu hebt der Mann die Schultern und lässt sie resigniert wieder fallen, begleitet die Geste mit einem entschuldigenden Lächeln hin zu seinem Helfer. Der beobachtet ihn ungerührt, ordnet dann aber eine Pause an.
Nachdem der Mann etwas getrunken und gegessen hat, kommt er zur Ruhe und kann nachdenken.
«More, Morus ... Moria! Mori encomion ... Moriae encomion, id est: Mori laus, stultitiae laus. Das Lob des Morus, das Lob der Torheit! Wir hätte beide unsere Freude daran! Wen die Verspieltheit des Vorhabens stört, soll daran erinnert werden, dass ich damit an Vorbilder grosser Autoren anschliesse. Hat nicht Homer in grauer Vorzeit seine «Batracho-Myo-Machia», seinen «Froschmäusekrieg» geschrieben, Vergil seine «Mücke» und Ovid die «Nuss»? Von Glaukon gibt es ein «Lob der Ungerechtigkeit», von Favorinus eines «des viertägigen Fiebers». Synesus hat die Glatzköpfigkeit auf das Podest gehoben, Lukian die Fliegen und andere Schmarozer. Von Seneca gibt es gar eine «Koloquinte» auf den Kaiser Claudius, was nichts weniger meint als dessen Verwandlung in einen Kürbis, anstatt, wie in einer ordentlichen Apotheose üblich, in einen Gott. Lukian und Apuleius haben Eselsromane geschrieben – letzerer einen ziemlich gewagten – und irgendwer, den Hieronymus erwähnt, das «Testament des Schweines Grunnius Corocotta». Also bitte, werft mir nicht vor, ich würde nur Schachfiguren auf dem Brett hin- und herschieben, oder mein Steckenpferdchen reiten. Nein, mein Spiel soll ernsthafte Einsichten vermitteln, jedoch ohne den geneigten Leser zu langweilen. Und so könnten wir beginnen:
Die Dummheit stellt sich vor.
Ihr Vater ist der Reichtum, ihre Mutter die Nymphe Jugend. Geboren wurde sie auf der Insel der Glückseligen, als Säugling gestillt von zwei Nymphen-Ammen, von der Bacchus-Tochter Methe, was Trunkenheit bedeutet, sowie von der Pan-Tochter Apaedia, welche die Beschränktheit verkörpert.
Die Dummheit, oder Torheit, hat ständige Begleiter, eigentliche Trabanten, die da sind:
Philautía, die Eigenliebe,
Kolakía, die Schmeichelei,
Léthe, das Vergessen,
Misoponía, die Vermeidung von Anstrengung,
Hedoné, das Vergnügen,
Ánoia, der Wahnsinn.
Dazu gesellen sich noch zwei «Götterknaben»:
Kõmon, die Ausgelassenheit, und
Négreton Hypnon, der Tiefschlaf.
Auf der Reise von Italien nach England, im Sommer 1509, sei ihm die Idee zum «Lob der Torheit» gekommen, schreibt Erasmus in seinem Vorwort, das eine Widmung an Thomas More enthält und diesen wie in einem Brief direkt anspricht. Der Freund habe zwar mit der Dummheit nicht das Geringste zu tun, aber die Vorfreude auf das Zusammentreffen mit ihm sowie die Nähe seines Namens zur griechischen Bezeichnung der Dummheit, Moría, habe ihn, Erasmus, dazu inspiriert ein Lob auf diese menschliche Hauptschwäche zu schreiben. Dabei solle sie, die Dummheit, ausführlich zu Wort kommen, ihre Vorzüge also gleich selbst anpreisen.
Erasmus reiste zu Pferd, was bei seiner immer prekären Gesundheit – er neigte zu Nierensteinen, die ihn plagten – und der eher zarten Konstitution erstaunt. Er kam nach mehrjährigem Italienaufenthalt von Rom, wo er das verlockende Angebot eines Kardinals, für ihn zu arbeiten und bei ihm in Luxus zu wohnen, mit einiger Mühe ausschlug. Seine englischen Freunde hatten ihn nach London gerufen, weil Heinrich VII. im Frühling dieses Jahres gestorben war und sie für ihn im Umfeld des neuen, jungen Königs Heinrich VIII. glanzvolle Karrieremöglichkeiten sahen. Erasmus reiste über Mailand nach Como. Es könnte sein, dass er sich dort einem der regelmässig zwischen Mailand und Lindau verkehrenden «Ordinari» des Transportdienstes der «Lindauer Boten» anschloss und ihn als Reiseführer bezahlt hat, denn dass er ganz alleine reiste, ist angesichts der damit verbundenen Gefahren unwahrscheinlich. Die Reise von Mailand nach Lindau, über eine Strecke von dreihundertfünfundzwanzig Kilometer, dauerte wohl etwa zwei Wochen, die für ihn sehr anstrengend waren. In Como wurde ein Schiff bestiegen, das bei günstigem Wind rund einen Tag brauchte um den Comersee der Länge nach von Süden nach Norden zu durchsegeln. Ins nördliche Seeende mündet die Mera, deren unterer Teil noch gegen leichte Strömung schiffbar ist und sich bald wieder zu einem kleinen See öffnet, dem Lago die Mezzola. An dessen oberem Ende erst setzte man die Reise zu Pferd fort. Durch das Tal der Mera führte sie zum Städtchen Chiavenna. Von da an stieg der Weg kontinuierlich um achtzehnhundert Höhenmeter, auf einer Strecke von knapp vierzig Kilometern, bis zur Passhöhe des Splügen. Der Abstieg auf der anderen Seite führte durch die Viamalaschlucht. «Schlechte Strasse» war sie wegen ihres zunehmenden Verfalls seit dem dreizehnten Jahrhundert genannt worden. Der Bischof von Chur hatte weiter östlich mit der «Oberen Strasse» über den Septimerpass eine kürzere Konkurrenzroute favorisiert und in einem Machtpoker mit den regionalen Kräften immer mehr ausgebaut. Als Erasmus über den Splügenpass ritt, war aber diese Variante, die so genannte «Untere Strasse», seit gut einer Generation wieder zu Hauptroute geworden. Die Gemeinden Thusis, Masein und Cazis hatten sich 1473 zusammengetan, um den Einfluss des Churer Bischofs einzudämmen. Sie liessen den alten Römerweg über den Splügen erneuern und bauten in der Viamalaschlucht eine imposante steinerne Brücke mit zwei Jochen, die «Punt da Tgiern». Sie steht heute nicht mehr.
Über Chur gelangte Erasmus dann nach Fussach, zur Mündung des Rheins in den Bodensee, wo er sich vom Lindauer Boten trennte, der über den See sein Ziel Lindau per Schiff erreichte. Erasmus zog auf der linken Seeseite weiter, immer auf Pferderücken, nach Konstanz und von dort quer durch den Schwarzwald nach Strassburg. Rheinabwärts führte ihn seine Weiterreise in die Niederlande. Man könnte sich vorstellen, dass er dazu auf einem grossen Floss als Passagier mitfuhr. Wo er den Rhein verliess, ist unklar. Jedenfalls machte er noch kurz Halt in Antwerpen und Löwen, wo er Verleger und alte Freunde traf, bevor er dann über den Kanal nach England übersetzte. Ende August 1509 erreichte er London, von wo er drei Jahre zuvor nach Italien abgereist war. Nach ermüdenden sechs bis sieben Wochen, von denen er einen grossen Teil im Sattel verbracht hatte, konnte er sich erholen und die Gastfreundschaft von Thomas More und dessen Familie geniessen. Er machte sich sogleich daran, den unterwegs konzipierten ironischen Text aufzuschreiben: Moriae encomium – Das Lob der Torheit.

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