24.6.25

Rausch

Wenn ich wüsste, was ihn damals umtrieb. Die Schule, dieses seltsame, elitäre Männerbiotop, langweilte ihn fast durchgehend. Selten engagierte er sich mehr als für ein knappes Weiterkommen nötig war, wie jenes eine Mal, als er zum Erstaunen des Lehrers und der Klassenkameraden einen fulminanten Vortrag über die Verwendung von Drogen in der islamischen Kultur hielt. Wobei er sich auf die Medizin konzentrierte, die in dem Buch, auf das er sich hauptsächlich bezog, den geringeren Teil ausmachte. Aber er hielt es für besser, die hedonistischen und mystisch-transzendenten Motive der orientalischen Haschisch- und Opium-Esser nicht ins Zentrum seiner Ausführungen zu rücken, da er damals schon seine ersten Erfahrungen mit halluzinogenen Substanzen gemacht hatte, wovon einzelne Menschen in seiner Umgebung auch Kenntnis hatten.
Ausserhalb der Schule schuf er sich eine Parallelwelt, die ihn zunehmend beschäftigte und ausfüllte, oft auch in Atem hielt. Da er Geld brauchte für die stetig anwachsende Plattensammlung und die Aufrüstung seiner Musikanlage einerseits, andererseits zur Finanzierung der Trips an den Wochenenden, hatte er mit einem frühmorgendlichen Job begonnen: er putzte in einem der Gebäude der Basler Börse von halb sechs bis etwas nach sieben Uhr morgens. Seine Tour war eigentlich auf drei Stunden angesetzt, aber er legte sich ins Zeug und schaffte es in der Hälfte der Zeit. Auf dem anschliessenden Weg in die Schule traf er am Rheinsprung öfter mal auf den Lateinlehrer, der wohl seinen Wohnort kannte und sich wundern mochte, weshalb J aus dieser Richtung kam. Aber er sagte nichts dazu. So war das damals, man liess sich gegenseitig in Ruhe.

Als J seine ersten LSD-Trips einwarf, waren sie noch relativ teuer. Für einen kleine Tablette, die in einem illegalen Labor produziert worden war, zahlte er fünfzehn bis achtzehn Franken, was viel Geld war. Damit konnte man sich fast eine Langspielplatte kaufen. Dazu musste er lernen, dass man nicht wissen konnte, wie viel LSD sie enthielten, weil oft andere Stoffe beigemischt waren. Manche Pastillen liessen sich halbieren oder sogar vierteln, wobei die Verteilung der Substanz darin nicht gleichmässig war, weil sie nicht in einer professionellen Fabrikation hergestellt wurden. Nur ab und zu bekam er etwas aus den Labors der Sandoz. Da hatte er einen guten Freund, Hanspeter, genannt Hampe, der dort Laborant war. Hampe starb später leider an einer Überdosis, als das Heroin kam. Aber auf solchen Wegen wurden chemische Stoffe aus der Sandoz herausgeschmuggelt. Das war sehr reines LSD in Form kleiner, durchsichtiger Plättchen, die wie ein Stück Film aussahen und sich gut teilen liessen. Zudem fielen insgesamt die Preise, so dass die Einnahme für eine «Reise» schliesslich auf etwa fünf Franken kam.
J hat sich auch illegal betätigt. Was in seiner Stadt, in Basel, aus den Chemielabors kam, war nur sehr unregelmässig verfügbar. Da ging es wie gesagt um den Gelegenheitsklau von Laboranten, die dort gearbeitet haben. Wo aber regelmässig und in genügender Menge LSD-Trips hergestellt wurden, vor allem 1968, das war im Umkreis der amerikanischen Soldaten in Deutschland. Und der nächstgelegene Ort, wo es ein grosses Umfeld von amerikanischen Kasernen gab, war Heidelberg. Da fuhr man hin. J bevorzugte die Eisenbahn. Er kannte Leute, die machten das mit einem dicken Auto, z. B. Heinz mit seinem Chevy Impala. Der war natürlich sehr auffällig, wenn er zurückkam an die Grenze. Mit einem Riesenauto und drei, vier verwegenen Typen drin, ziemlich dumm war das. J hat sich mit einem Deutschen zusammengetan, den er gut kannte. Sie fuhren nach Heidelberg, füllten die Tabletten in einen Filzstift oder einen Caran d’Ache-Bleistift und steckten die in ihre Taschen. Da kamen die Polizisten nicht so schnell drauf. Oder was sie manchmal auch machten: den Stoff einpacken und dann in der Deutschen Bahn im Papierkorb verstauen. Denn sie wurden öfter mal gefilzt. Wenn man wie J lange Haare hatte, schauten die Beamten genau hin, weil sie ahnten, dass da was lief. Und sie wussten natürlich, dass in den Zügen aus dem Frankfurter Raum oder aus Heidelberg Drogen transportiert wurden. Wenn man es also über die Grenze geschafft hatte, wurde verteilt. Es war kein Gewinngeschäft, sie empfanden und bezeichneten es nicht als Dealen, sondern man hat vier, fünf, oder sechs Stück für sich behalten und die restlichen zwanzig mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis verkauft. Auf der Gasse. Die «Klagemauer» auf dem Barfüsserplatz war dafür beliebt, und das Café Oasis in der Greifengasse, das es heute nicht mehr gibt.
Die gekauften Portionen wurden geteilt und dann zusammen eingenommen. J und seine Freunde trafen sich an einem ruhigen Ort, spazierten zum Beispiel auf die Muttenzer Höhe, manchmal auf das Bruderholz. Oder man ging zu jemandem nachhause, wo es eine gute Musikanlage und genügend Schallplatten gab. Jemand kochte Tee und vielleicht wurde noch eine Pfeife geraucht, je nach den Leuten, die da zusammenkamen. Es handelte sich um Zweier, Dreier- Vierer-, selten auch Fünfergrüppchen. Im Wald und in der Natur konnten es bis zu zehn Personen sein. Meistens wusste jemand Bescheid, ob man die Tabletten teilen konnte oder ob man eine ganze nehmen musste, weil das LSD gestreckt war. Obwohl die Zusammensetzung der jugendlichen Gruppen immer wieder wechselte, fühlte es sich für J an wie eine verschworene Gemeinschaft, wie etwas Neues, ganz Anderes im Vergleich zu seinem Zuhause und zur Schule. Man entwickelte eine eigene Sprache für das, was man tat und erlebte. Und die Trips warfen einen um.

Er wollte sehen und hören. Ich weiss nicht, warum er sich bei seinem ersten Versuch das Kommende wie Kino vorstellte, oder wie den Besuch einer Oper. Man kennt halt nichts anderes: Er, als Beobachter und Zuhörer, als feste Bewusstseinsinsel im Zuschauerraum. Dort, auf der Bühne – und um ihn herum auch die nachbarliche Umgebung, die Logen mit gleichzeitig Teilnehmenden – findet «das Geschehen» statt, das, «was gespielt wird». Als der Rausch einsetzte, wollte er sich noch eine Weile an seine Erwartung klammern. Objektiver Beobachter bleiben, der später davon erzählen, das Erlebte irgendwie festhalten könnte. Aber es erwies sich als unmöglich, ja es schien sogar, als ob sein Widerstand – wogegen? was, wer trieb die Dynamik an? – sich auswirkte wie Böen, die in ein an sich schon lebhaftes Feuer bliesen. Hören und Sehen verging «ihm», oder vielmehr, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung blähten sich auf und vervielfältigten sich dermassen, dass es «ihn» nicht mehr gab. Jedenfalls nicht so, wie er sich kannte. Ich erinnere mich, dass ihm die Bäume eine wichtige Rolle spielten und mit ihnen eine Mischung aus Ehrfurcht und ästhetischem Genuss verbunden war. Dass sie in den Farben eines «schwarzen Regenbogens» leuchteten – es war mittlerweile Nacht geworden –, war noch ihre harmloseste Eigenheit. Sie waren in ständiger Bewegung, stürmten immer wieder als rauschende Horde in irgendeine Richtung, blieben dann stehen, oft ganz schräg. Ein allwissender Beobachter hätte vielleicht feststellen können, dass dies nur für diesen halluzinierenden Jungen so stattfand, und zwar dann, wenn er den Kopf bewegte. Die Bewegungen der Bäume waren furchtbar erschreckend und lustig. Ihre Wurzeln verbanden sich miteinander, Seh- und Hörnerven, mit denen sie alle zusammen «sahen und gesehen wurden», «horchten und gehört wurden». Die Blätter, Millionen in «schwarzem Neon» leuchtender und wie Glasröhren glöckelnder Aug-Ohren – man sah und hörte sie, man war sie, sie sahen-hörten sich und alles, sie erschufen das Gesehene und hörten das Erschaffene. Der Hügel, auf dem sich die kleine Gruppe der Berauschten befand, war zu einem Schiff von ungeheuren Ausmassen geworden. Die Stadt, deren Lichter aus der Flussebene heraufleuchteten, war ein Meer, gewoben aus edelsteinfarbigen Wellen, wobei diese Zuordnungen, zum Hügel, zur Stadt, völlig aufgehoben waren und erst post festum angestellt werden konnten. Er fuhr tatsächlich auf einem inselgrossen Schiff, auf dem Meer, dass sich in seiner Tiefe mit dem Weltall vereinte. Und er war Schiff, Meer, Weltall.

Die Dauer eines Trips war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die Dosierung wurde 1970, 1971 noch schwieriger, als der Handel kommerzialisiert und damit auch kriminell wurde. Auf einmal traf J Typen auf der Strasse, vor denen er Angst haben und notfalls davonrennen musste. LSD wurde rücksichtslos gestreckt oder mit anderen Stoffen versetzt. Beliebt war es zum Beispiel, ein wenig LSD mit viel Amphetamin oder damit verwandten Stoffen zu mischen, die eine aufputschende Wirkung hatten und auch halluzinogen wirken konnten. So wurden negative Nebenwirkungen verstärkt und es kam vermehrt zu Horrortrips, bei denen die Leute durchdrehten. Und auch ihm passierte das einmal. Wobei er es selbst gar nicht als Horrortrip erlebte, aber wie ihm danach erzählt wurde, habe er «sehr psychotisch» gewirkt. Für ihn war es einfach eine starke Erfahrung gewesen. Angstzustände hatte er sonst kaum je. Er erklärte es sich mit seiner Grundkonstitution. Wenn man einen Hang zur Paranoia hatte, wurde der verstärkt. Er erlebte Dealer, die auf dem Trip mit riesigen Augen herumliefen, panisch um sich schauten und immer meinten, die Polizei sei da. Ihre dauernde Wachsamkeit und Angst in nüchternem Zustand vereinten und verstärkten sich unter Drogen zum Horror vor dem Monster.
Kombiniert wurde der Konsum von LSD oft mit Rauchen von Haschisch, oder mit Kiffen. Und später mit Amphetamin und allen möglichen anderen Drogen. Wenn wieder etwas Neues kam, war es schlau, zuerst nur ganz wenig einzunehmen. Oder sich umzuhören und nachzufragen bei denen, die es schon versucht hatten. Von vielem musste man ganz die Finger lassen. Das Zeug hatte lustige, oft auch zynische, irreführende Namen. Einmal tauchten Tabletten auf, die relativ teuer waren und so stark in ihrer Wirkung, dass man sie vierteln konnte. Die hiessen «Peace Trips», dabei waren sie mit Strychnin versetzt. Und dann gab es die «Heidelberger Fürze», da war das LSD mit Amphetamin, mit Speed, angereichert. Dazwischen gab es eher poetische Namen wie den «Sunshine Trip», der von recht guter Qualität war. Die Tabletten hatten ihr je eigenes Design und verschiedene Farben. Etwas Besonderes waren die Fliesspapiere, worauf das LSD getröpfelt wurde, meist in reiner Qualität, weil es direkt aus den Labors kam. Diese Papiere hat man dann zerschnitten. Sie waren nicht geeignet für den Transport, weil die Droge in dieser Form flüchtig war.
Aber die Entwicklung insgesamt war verstörend. Immer öfter wurden in Js Umfeld Drogenmischungen gespritzt. Das war gefährlich, und ihm wurde klar, dass er da nicht mitmachen wollte. Er kannte Leute, die sich wahnsinnige Cocktails in die Venen pumpten. Einige überlebten das nicht oder nur noch drei, vier Jahre lang. Es war brutal und machte ihn sehr traurig. Zwei gute Freunde blieben auf der Strecke, weil ihr Herz irgendwann nicht mehr mitmachte. Und als dann noch das Heroin dazukam, zwischen 1970 und 71, wurde es noch schlimmer. Alles veränderte sich.

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