1.6.25

Trotz

In Js Schädel, wie er damals funktionierte, können wir nicht mehr hineinsehen. Auch ich nicht, dessen Jugendform J einst war. Seine inneren Dialoge sind mir verschlossen, ich kann sie nur ableiten aus der Art, wie ich heute innerlich mit mir selbst und meinen Projektionen spreche, von dieser Sprechweise allenfalls die Lebenserfahrung subtrahieren. Im Grunde bleibt es Erfindung. Erst recht dann, wenn es um seine Gefühlswelt geht, die ich mir aus heutiger Sicht immer etwas dumpf, verwirrt und trotzig vorstelle. Starken Schwankungen unterworfen, die er meinte, hinnehmen zu müssen, ohne sie direkt beeinflussen zu können. Dann lieber die schmerzhaften wegschieben, sich ablenken mit irgendeiner Aktion. Fussball spielen mit Freunden zum Beispiel. Rauchen, irgendein Zeug einwerfen und schauen, was passiert. Manchmal, selten, half auch zeichnen oder, seit er die Kamera hatte, auch fotografieren. Vielleicht ist mir seine innere Bildwelt noch am ehesten zugänglich. Langeweile war immer gefährlich gewesen, blieb es eigentlich bis heute. Js Trotz, gegen die Eltern, die Lehrer, überhaupt gegen alle Erwachsenen, aber auch gegenüber Gleichaltrigen, überschritt kaum je die Schwelle zwischen innerlichem Groll und widerständiger Aktion. Schämte er sich dafür, oder ist Scham mein heutiges Gefühl, das mich immer noch leise anrührt, wenn ich «an ihn» denke?

«Die Leute werden bockig», war die Diagnose einer Kulturwissenschaftlerin in einer kürzlich gesehenen Fernsehsendung. Es ging um Schuld und Eigenverantwortung. Ihre Bemerkung zielte auf Menschen, die angesichts der Folgen von Klimaerwärmung, Rückgang der Artenvielfalt und Vermüllung des Planeten mit Plastik trotzig sagen: «Was solls, ich kann das auch nicht ändern. Ich will mein Leben leben. Und wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich mir trotzdem ein dickes Auto, fliege im Urlaub in der Welt herum und geniesse es. Jetzt erst recht!»
Man erinnert sich an die drei autofreien Sonntage 1973, an die Bilder der fröhlich zweckentfremdeten Autobahnen in der Schweiz, die aufgrund der verordneten Autofreiheit von picknickenden, spielenden, Rollschuh und Velo fahrenden Familien besetzt wurden. Der Krieg im Nahen Osten hatte mit einer schockartigen Verknappung und darauffolgender Preiserhöhung den Ölmarkt durchgeschüttelt und den Industrienationen ihre Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Ländern klargemacht. Autofreie Sonntage und Appelle an die Vernunft der Bürger sollten die autobasierte Mobilität einschränken und so eine schlimmere Notlage abwenden. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise war es in der Schweiz noch möglich, die Unterschriften zusammenzubekommen für eine Initiative, die dauerhaft jeden zweiten Sonntag vom Autoverkehr befreien wollte. Sie kam nochmals zwei Jahre später zur Abstimmung und wurde trotzig abgelehnt. Eine deutlich nachhaltigere Auswirkung hatte die Krise in Deutschland, wo mit dem VW Golf ein leichtes Auto populär wurde, das nur die Hälfte des Benzins pro hundert Kilometer verbrauchte, die der seit dem Zweiten Weltkrieg dominierende Käfer benötigt hatte.

Was man als Trotzalter bezeichnet ist eigentlich das üblicherweise zwischen eineinhalb und knapp vier Jahren auftretende Autonomiebestreben von Kleinkindern. Die Äusserungen reichen vom Aussprechen des ‘Nein, ich will nicht / Doch, ich will das!’ bis zu tobsuchtartiger Verweigerung, Verhinderung, Störung, Durchkreuzung der Pläne und Anordnungen der Erwachsenen, meistens der Eltern.

Und was ist das? Im Wallis musste ein Dorf evakuiert werden, weil der Gipfel des Hausbergs drohte, auseinanderzubrechen. Jahrtausendelang hatte nie auftauendes Eis den brüchigen Fels zusammengehalten, nun musste man befürchten, dass er unter seinem eigenen Gewicht kollabieren und aufs Dorf herunterstürzen könnte. Die Bewegung des Gipfels wurde sorgfältig überwacht, eine Zeit lang schien es so, als würden die Gesteinsmassen in kleinen Portionen abbrechen und sich auf ihrem Weg nach unten verteilen, sodass das Dorf unbeschadet davonkäme. Dann aber wurde klar, dass sich der grösste Teil auf einem Gletscher staute, der zwischen Gipfel und Tal eine Terrasse bildete. Diese wurde durch das zunehmende Gewicht in Bewegung versetzt, nach unten natürlich, was zu immer grösseren Abbrüchen und Murgängen führte. Die Hoffnung der evakuierten Bewohner, die sich zwischendurch zur Vorstellung gesteigert hatte, sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren, wurde am Nachmittag vor Auffahrt zunichtegemacht, als sich der Gletscher mit einem lauten Krachen vom Felsen losriss. Die Eismassen wurden beim tausend Meter tiefen Sturz verflüssigt, mischten sich mit dem nachstürzenden Geröll zu einem riesigen gelbgrauen Ungetüm – man konnte nicht sagen, wo die Wolke in Murgang überging und umgekehrt. Das Dorf wurde verschluckt und die Masse wälzte sich noch ein Stück weit den Gegenhang hinauf. Als sich der Staub gesetzt hatte, wurde ein ockerfarbiger Schuttkegel sichtbar, der den Schutzwald und die meisten Häuser unter sich begraben hatte. Er staute bald den Fluss am Talgrund zu einem See, der die wenigen bisher verschonten Häuser überschwemmte. GLEICHZEITIG – TROTZdem – bewegten sich zur gleichen Zeit endlose Autokolonnen im Schritttempo auf ihrem Weg in den Kurzurlaub nach Süden und stauten sich mehrere Tage vor der Tunnelröhre. Die Autos in der Kolonne wogen im Durchschnitt doppelt so viel wie der erste VW Golf von 1974. Die vermehrte Sicherheit, welche die Vergrösserung den Insassen der SUVs verspricht - mittlerweile der Hälfte der Autos in der Schweiz –, geht bei einem Unfall auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, und der verringerte CO2-Ausstoss könnte bei vernünftigem Durchschnittsgewicht noch viel geringer sein. Worum geht es also? Man schaue sich nur die Schnauzen der Fahrzeuge an: trotzig aggressive Grimassen! Platz da, jetzt komme ich!

Contumacia, das lateinische Wort, hat eine ambivalente Bedeutung: es kann trotzigen Eigensinn meinen, aber auch den heldenhaften Widerstand gegen Tyrannen. Das Adjektiv contumax bedeutet trotzig, halsstarrig. Zusammen mit dem Wort für Silbe, syllaba, wird es im übertragenen Sinn zu sperrig, unpassend, sich nicht ins Metrum einfügend. Verwandt sind contumacia und contumax mit tumere, tumidus und tumor, die neben anderen Bedeutungen das Anschwellen eines menschlichen Gesichts im Zorn, vor Stolz oder Wollust bezeichnen können.
Erasmus’ Wahlspruch war (con-)cedo nulli = «Ich weiche niemandem», was trotzig tönt. Der Vorwurf, er drücke damit Sturheit und Überheblichkeit aus, wurde ihm wiederholt gemacht. Er lavierte und behauptete in seinen Erwiderungen, der Spruch beziehe sich auf den Gott Terminus, ja sei eine Äusserung dieser Symbolfigur, und nicht seiner selbst. Terminus hat nach dem Mythos den Spruch geäussert, als sein Tempel demjenigen Jupiters weichen sollte. Erasmus behauptete, sein Spruch beziehe sich auf die Deutung des Terminus als Tod, der auch niemandem weiche. Er hat sich Terminus, als Bild einer Büste des Gottes, die auf einen Grenzstein aufgesetzt ist, als ‘Brand’, als ‘Marke’ gewählt, die er auf Drucken, Gedenkmedaillen und als Siegel verwendete. Terminus wäre auch als Beschützer der Grenzen, als Vollender von Aufgaben und Lebensabschnitten lesbar gewesen. Aber Erasmus setzte ihn gleich mit dem Tod, indem er den griechischen Spruch «hora telos makrou biou» = «Bedenke das Ende eines langen Lebens» daneben setzen liess, dazu den lateinischen «mors ultima linea rerum» = «Der Tod ist die letzte Linie der Dinge». Interessant ist auch, wie Erasmus zu dem Symbol gekommen war.
Er hatte von einem ehemaligen Schüler, einem englischen Prinzen, einen Siegelring mit einer antiken Gemme aus Karneol geschenkt bekommen. In den Stein war der Kopf von Dionysos geschnitten, kein Terminus. Erasmus hat diesen Kopf aber als Terminus uminterpretiert (er gab an, ein Antikenkenner habe in dem Kopf Terminus erkannt, was Unsinn war) und sich ausdrücklich in Anlehnung an diesen Ring ein Petschaft machen lassen, das Terminus zeigt und dessen Namen trägt, dazu den Spruch «Cedo nulli». Schon das erregte Anstoss bei konservativen Theologen. Allerdings wäre der Kopf des Dionysos, als heidnischer Gott des Weins und des Rausches, noch anstössiger gewesen als Schutzpatron eines Geistlichen, der Erasmus trotz Dispens des Papstes ja blieb. Terminus war unverfänglicher. Dennoch wurde Erasmus deswegen angegriffen. Reagiert hat er mit dem Hinweis, es ginge nicht um den antiken Gott, sondern um ein ‘Memento Mori’, also um das Motto, man solle sich seiner Sterblichkeit immer bewusst bleiben.
So war sein Trotz. Der eines eher ängstlichen, harmoniebedürftigen Geistes. Wenn es hart auf hart kam, hieb er nicht auf den Tisch mit geschwollenen Zornesadern wie sein Gegenspieler Luther. Sein Trotz äusserte sich in manchmal endlosen Repliken. Er argumentierte und zündelte einfach immer weiter, am liebsten in gedruckter Form.

Ist Trotz Ausdruck von und gleichzeitig Mittel gegen Ambivalenz? Trotz schafft scheinbar klare Verhältnisse, nach innen und nach aussen. Da man eigentlich nur trotzig sein kann gegen etwas konkretes oder jemanden konkreten, wird durch Trotz eine klare Trennung gezogen zwischen mir und dem Anderen. Oder zwischen uns und den Anderen.
Ist das Trotz? Oder Resilienz? Wenn der Gemeindepäsident des verschütteten Dorfes sagt: «Auch wenn das Dorf unter einem grossen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen.»

Keine Kommentare: