29.7.25

Der Film (latente Bilder)

Der Film musste noch irgendwo sein, da war ich mir sicher, als ich vor ein paar Tagen wieder einmal die Kraft und Entschlossenheit zum Aufräumen fand. Ich hatte damit begonnen, aus der mir riesig erscheinenden Sammlung von Diapositiven – abgelegt über Jahrzehnte in weit über hundert Boxen mit je zwei Magazinen à sechsunddreissig Bilder – je zwei bis fünf Dias auszuwählen, um sie in einem professionellen Geschäft digitalisieren zu lassen. Den Rest meinte ich anschliessend entsorgen zu dürfen. Bei dieser Arbeit stiess ich auf mehrere Ordner mit Schwarzweiss-Filmen und Kontaktabzügen aus der Zeit, als J noch mit seiner ersten Minolta-Kamera fotografiert hatte. Es war mir klar, dass der besagte Film nicht darunter zu finden sein würde, denn J hatte ihn nie entwickelt. Aber dann stiess ich auf eine Schuhschachtel aus Karton, in der sich neben ein paar Probeabzügen etwa ein Dutzend Filmspulen befanden, einige nackt, andere in ihren Büchschen aus Plastik oder Aluminium. Einige waren sogar mit dem Aufnahmedatum und einem Stichwort angeschrieben. Ich ging alle durch, öffnete die kleinen Behälter, ohne mich zu erinnern, wonach ich hätte suchen müssen. Bei einem der nicht angeschriebenen Filme – einem Ilford HP 5 – war die blecherne Hülle sichtbar korrodiert. Als ich das dazu gehörende Büchschen umdrehte, zuckte ich zusammen. Es war auf der Unterseite mit einem eingekratzten Kreuz markiert. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück.
T, die damals mit J zusammen die Lehre gemacht hatte – als erstes Mädchen in Basel, wie sie immer behauptete, wobei er später herausfand, dass es nicht ganz so gewesen war – T. also hatte immer Mühe damit gehabt, in absoluter Dunkelheit dazusitzen und dabei die knifflige Arbeit zu verrichten, die nötig ist, um einen Film in die Entwicklerbox zu bekommen. Was hiess, zuerst den Zelluloidstreifen zwischen die zwei gegeneinander verdrehbaren Flanken der spiralig gerillten Spule einzuführen und ihn dann mit koordinierten Bewegungen der Handgelenke und mit Hilfe der Zeigefinger in kleinen Schritten von aussen nach innen zu schieben und aufzuwickeln. T. war dabei immer in eine ungeduldige, auch ängstliche Stimmung geraten, vor sich hinredend und bald auch fluchend, weil sie nicht mehr wusste, wohin sie die notwendigen Dinge platziert hatte. Die Schere, oder den Deckel der Box. J dagegen hatte sich immer wohl gefühlt im Dunkeln.
J’s Wohlgefühl konnte ich noch immer reaktivieren, während ich nun seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in der Besenkammer unter der Treppe sass. Den winzigen, abgeschrägten Raum, in dem ich nur an einer Stelle aufrecht stehen konnte, hatte ich erstaunlich aufgeräumt vorgefunden. Er musste nur staubgesaugt werden, was ich eine halbe Stunde lang sorgfältig tat. Die winzige Arbeitsfläche, einst aus einem Brett und zwei Winkelstützen angefertigt und an der Treppenunterseite gefestigt, war noch da. Ich hatte vor dem Schliessen der Tür und dem Davorziehen des schwarzen Vorhangs alles Nötige auf dem Tischchen zurechtgelegt: Den Film, die Box mit der Spule, den Deckel, die Schere. Die Hände waren gewaschen und sorgfältig getrocknet. Nun schloss ich die Tür von innen ab und setzte mich auf den Stuhl, den ich mit den Kniekehlen erspürte. Wartete dann, bis die Nachbilder auf der Netzhaut verschwanden. Dieser Moment, bevor einem das Gehirn wieder farbige Lichterscheinungen vorgaukelt – nur um sich zu beschäftigen und weil es die Abwesenheit von Reizen nicht wahrhaben will – dieser Moment war etwas vom Schönsten, was ich kannte. Man konnte ihn verlängern, wenn man langsam und tief atmete. In den Tropen, in Afrika, hatte J als junger Mann auf Reisen die plötzliche, dämmerungslose Dunkelheit zu Beginn als bedrohlich empfunden, aber nicht aus Angst vor der Schwärze und den daraus vielleicht hervorbrechenden Gefahren, sondern weil er befürchtete, den Heimweg zu seiner Unterkunft in wenig vertrauter Umgebung nicht mehr zu finden. Ich erinnere mich noch an seine Gangart, die er sich in besonders dunklen Neumondnächten angewöhnt hatte, nachdem er sich einmal an den Rändern schräg liegender Bodenplatten aus Beton die Zehen blutig geschlagen hatte. Seitdem hob er in solchen Nächten die Füsse, indem er die Knie hochzog wie ein Sportler beim Training, auch wenn es lächerlich aussehen mochte. Es sah ihn zwar kaum jemand bei diesen Gelegenheiten, aber seine Bewegungen erinnerten ihn in peinlicher Weise an Versuche mit der «Gangart der Kraft», von der er mit sechzehn, siebzehn Jahren in den Büchern Castanedas gelesen und mit der er damals, als er noch an die Authentizität dieser Texte glaubte, experimentiert hatte. Er trug auf Reisen für den Notfall eine Taschenlampe auf sich, und bemühte sich sorgfältig, dass sie jederzeit genügend geladene Batterien enthielt. Licht zu haben, jederzeit Licht ins Dunkel bringen zu können, war ihm wie der Inbegriff der Zivilisation vorgekommen, von der aus man sich Ausflüge ins Lichtlose leisten und sich dort – mit wohligem Gruseln – sogar für eine Weile einrichten konnte. Gewisse Tätigkeiten liessen sich aber ohne Licht gar nicht verrichten: Lesen, schreiben, zum Beispiel. Und kompliziertere Dinge wie den Fotoapparat von Staub befreien oder die wund gelaufenen Stellen an den Füssen versorgen.

Die Zeit vor fünfhundert Jahren war viel dunkler als unsere. Erasmus muss von Kindsbeinen an daran gewöhnt gewesen sein, sich um Licht zu kümmern. Er wusste um dessen Unabdingbarkeit in manchen Situationen, aber auch um die Wirkungen, die Helligkeit auf unsere Seele und den Geist ausüben. Im Übergang zwischen Jugend und Erwachsenwerden, im Kloster von Stein, stahl er sich zwischen den streng geregelten Tätigkeiten, zu denen auch, eingerahmt von der letzten Abendandacht und der Frühmesse, ein paar Stunden Schlaf gehört hätten, seine private und verbotene Arbeitszeit beim Licht einer Kerze oder Öllampe und schrieb das erst viel später gedruckte Pamphlet «Gegen die Barbaren», seine Klage gegen geistige Dunkelheit, gegen das Verbot der «heidnischen» Literatur und die Unterdrückung des kritischen Lernens. Lucubratio heisst auf lateinisch die Arbeit bei Nacht, bei künstlichem Licht, und lucubratiuncula nannte Erasmus später zuweilen in scherzhaftem Diminutiv seine Werke.

Der Film war ganz eingedreht, also musste ich die metallene Kapsel öffnen. Lebhaft erinnerte Erfahrungen bewahrten mich davor, dazu die Fingernägel zu gebrauchen. Ich tastete stattdessen nach der Schere, setzte sie mit leicht geöffneten Spitzen am Rand des Kapseldeckels an und versuchte, ihn wegzudrücken. Zuerst widerstand er meiner Anstrengung, aber als ich die Kapsel etwas gegen den Spalt hin zusammenpresste, flog der Deckel davon und klingelte in der Dunkelheit zu Boden. Ich zog den Film sorgfältig aus seinem Behälter, der nun leicht klaffte, und achtete darauf, dass er sich dabei nicht entrollte, indem ich ihn mit der linken Hand so umschloss, dass ich möglichst nur die Kanten berührte. Es war erstaunlich, wie sich meine Hände in absoluter Dunkelheit erinnerten. An den Fingern meiner Rechten steckte die Schere, gleichzeitig konnte ich mit ihnen den schmalen Anfangsteil des Films ertasten, der abzuschneiden war. Dabei spürte ich am Rand des Zellulosestreifens eine Kruste – ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass der Film mit der Korrosion des Blechs der Hülle reagiert hatte. Man würde sehen, dachte ich, und begann damit, den Film in die Spule einzuführen. Er liess sich problemlos weitertransportieren, ausser zweimal, wo er wegen der Kruste am Rand steckenblieb. Ich konnte die Widerstände aber wegpulen, dann lief es wieder. Schliesslich spürte ich die leere Metallspule an meinen Daumen. Ich ertastete die Schere und schnitt sie vom Film ab, verdrehte die Räder aus Plastik noch ein paarmal gegeneinander, damit auch das Filmende sicher versorgt war. Dann griff ich nach dem Deckel der Dose, setze ihn auf das Gewinde und erkundete mit leichter Drehung, ob er geradesass und sich leicht zuschrauben liess. Als der Behälter dicht verschlossen war, konnte ich das Licht anschalten. Wie auch früher immer zögerte ich einen Moment und überlegte, ob ich an alles gedacht hätte. Dann machte ich hell.
Der Filmstreifen war nun sicher in seinem lichtlosen Behälter untergebracht. Ich hatte frische Chemikalien besorgt um ihn zu entwickeln und zu fixieren. Zusehen dabei, wie die latenten Negativbilder langsam auftauchen, kann man nicht. Obwohl ich die nötigen Manipulationen unzählige Male vollzogen hatte in meinen jungen Jahren, wollte ich sichergehen und las auf einem Beipackzettel nochmals nach. Neben der Wichtigkeit frischer Entwickler- und Fixierlösung wurde sorgfältiges und ausgiebiges Wässern zwischendurch und am Schluss betont. Um auch hier sicher zu gehen, spülte ich die Dose zum Schluss viermal, wobei ich die Anzahl der Kippbewegungen von drei auf vierundzwanzig steigerte. Dann durfte ich die Dose öffnen. Aufgeregt nahm ich die Spule heraus und sah sofort, dass sich Bilder auf dem Film befanden. Als das obere Rad abgedreht war, liess ich den Film vorsichtig in den Plastikkübel mit Wasser fallen, dem ich ein paar Tropfen Benetzungsmittel zugefügt hatte. Dann konnte ich nicht widerstehen, packte das eine Ende des Streifens und hob ihn hoch. Meine Augen suchten und fanden die zwei Bilder des Grabes sofort, obwohl sie als Negativ sehr abstrakt aussahen. Aber das feine, gegen das Fussende leicht zusammenlaufende Rechteck des Sarges war gut zu sehen. Beim Kopfteil, um das es mir wegen des Schädels ja ging, war das eine Bild durch die Korrosion angefressen. Ich liess den Film zurück ins Wasser gleiten und holte eine Lupe.

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