4.2.24

Nichts ist für immer

Turetti – Es gibt Tage, da machen Härri und ich einen kleinen Ausflug. Er mit seinem E-Bike und ich auf meinem Scooter. Auf meiner «Wolke». Härri hat dem mal so gesagt. Ich auf meinem fahrbaren Untersatz erinnere ihn an den Affenkönig, der auf seiner Wolke über die Meere braust. Fand ich gut. Wobei: so schnell bin ich auch nicht. Aber schnell genug, würd’ ich sagen. Ich habe so einen Tuning-Chip, den ich am Lenker anstecke, einen Booster. Den kann ich schnell verschwinden lassen, wenn ich von den Bullen angehalten werde. Wobei die das in der Zwischenzeit auch kennen ... Aber jedenfalls, auf einer dieser Spazierfahrten, flussabwärts in Richtung des Kraftwerks ... Das ist eine Gegend übrigens, die mir gut gefällt. Nicht so aufgeräumt, wie die Uferwege auf der anderen Seite, wo die Reichen ihre Häuser und Wohnungen haben. Hier gibt’s viele alte Garagen, Lagerhallen, verlassene Geleise und so. Da wird viel gesprayt, Tags und Grafittis – geiles Zeug zum Teil. Kommen wir also zu einer kleinen Fressbude. Dort gibt es richtig leckere Brötchen, und brauchbares Bier. Habe ich Härri gezeigt, und der mochte das dann auch. Wir also: holen uns dort, was wir brauchen und suchen uns einen Platz zum Chillen. Als Lukas auf eine der Bänke am Ufer zusteuert, denke ich: Au nein, bitte nicht die! Aber es ist keine andere frei. Scheisse! Da steht dick und feist, und schon von weitem gut sichtbar drauf: «NÜT ISCH FÜR IMMER». Hab’ ich doch draufgemacht, mit der Spraydose. Ich habe eine mit einem Weiss, das alles schön zudeckt, brauchst du nur einmal drüber. Härri jetzt natürlich – der ist ja ein Augenmensch, der sieht immer alles –, macht Sprüche. So:
«Da war ein Philosoph mit der Spraydose unterwegs», sowas in der Art. Und ich Blödmann wurde wahrscheinlich rot, oder habe ein paar Ticks abgezogen, in einem Rhythmus, dass der gleich Verdacht geschöpft hat.
«Von dir?», hat er gefragt. Und ich musste es zugeben. Dem Härri kann ich nichts vormachen, der merkt das sofort. Und dann, klar, die Standpauke. Als ob er mein Papi wäre. «Du weisst schon, ...Niäniäniä ...? Darfst dich niemals erwischen lassen!», und so weiter. Und dann die Horrorgeschichte von einem Studenten, dem sie die Tags der halben Stadt angehängt hätten. Und er musste sein Leben lang Schulden abzahlen, blabla. Mit der Story ist mir auch der Street-Coach schon gekommen, als sie mich das erste Mal erwischten. Ich musste aber nichts zahlen, war wohl noch zu jung.
Aber ich habe dem Härri dann dort auf der Bank auch eine erzählt, ein wahre. Von dem Graffitti-Künstler in Charkiw. Härri hat schon gemeint, ich rede vom Banksy. Der hat dort auch ein paar Sachen gemacht, ja. So eine Turnerin. Und ein Kind, das einen Judokämpfer flachlegt. Ist schon gut gemacht im Style. Aber ich meinte nicht den. Banksy kann den Krieg dort besuchen als Touri und dann wieder abhauen. Nein, ich meinte den andern, er nennt sich Hamlet. Oder Gamlet, die Ukrainer können ja das H nicht aussprechen. Der lebt dort, habe ich dem Härri erzählt, und der will eben auch dortbleiben. Ist sogar im Militär! Wirklich wahr! Lukas wollte dann weiter, weil ich irgendetwas Krasses gerufen habe und der Typ von der Bude zu uns rübergeglotzt hat. Wir haben unsere Dinger dann gestossen, weil, ich musste ihm das noch fertig erzählen. Der Hamlet malt in seiner Uniform, richtig mit schusssicherer Weste und so. Sein Stil ist speziell, alles mit Pinsel und Farbe. Und nur schwarzweiss. Wirkt gut von Weitem, finde ich. Hab’ ein Video davon gesehen. Die Untertitel waren rumänisch, weiss der Geier warum. Jetzt sage ich das schon wieder! «Weiss der Geier». Das habe ich von Härri, das heisst: ist von seiner Mutter, die hat das immer ... Er musste lachen, als ich das sagte, und ich hab’s gar nicht gemerkt, dass ich das von ihm aufgeschnappt hatte. Jedenfalls, Deepl hat das sofort gemerkt mit dem Rumänisch, und sauber übersetzt. Der Kommandant von dem Hamlet, oder Gamlet, hat ihm befohlen er solle malen! Um seine Kameraden im Schützengraben aufzumuntern. Ob die das überhaupt mitbekommen würden, hat der Härri gefragt. Und ich so: Na klar! Krieg ist endlose Warterei, nicht wie in den Filmen. Der postet seine Filmchen und die Kollegen schauen das dann, wenn’s wummst und kracht um sie herum. Er hat mich übrigens auf die Idee gebracht zu meinem Spruch auf der Bank. Es gibt einen von ihm, so einen kryptischen, der wurde berühmt. Ist ganz kurz auf Ukrainisch, nur wenige riesige Buchstaben, schwarz auf einer weissen Ruinenwand: CHAS CHUYE NAS – ‘DIE ZEIT HÖRT UNS’. Komischer Satz. Aber gut, irgendwie.
Dann wurde es blöd. Lukas, plötzlich ganz ernst, begann über die beiden Kriege zu reden. Er fand es schlimm, dass man nicht weiss, wie lange das noch dauern wird. Finde ich ja auch, aber ich schiebe das halt eher weg als er. Er fing dann an vom Ersten Weltkrieg, weil sie da auch im Schlamm verfault sind in den Gräben. Und viele wurden wahnsinnig wegen dem dauernden Beschuss mit schwerem Geschütz. Vom Chaplin-Film hat er erzählt, den kannte ich nicht. Haben wir dann später mal zusammen geschaut. Der ist hammer! Wie er den ganzen Kriegsmist in etwas Lustiges verwandelt hat, ohne die armen Kerle zu verarschen, die da eingestampft wurden. Und den Film hat Chaplin ja noch während dem Gemetzel gemacht. Respect! Von einem Schriftsteller hat Lukas noch erzählt, ebenfalls in Charkiw. Auch der will dort nicht weg. Ist halt seine Stadt. Ich würde auch nicht abhauen von hier, glaube ich. Also der schreibt Tagebücher, und die kamen jetzt immer wieder in Härris Zeitung. Er schreibe mega, fand er. Könne sehr genau beobachten und so Dinge beschreiben, die andere nicht sehen. Das gefällt Härri natürlich. Wenn einer von Blechen schreibt, die in einer Ruine vom Dach herunterhängen. Im Wind hin und her baumeln und so komische Geräusche machen dabei, dass man an einen Song denken muss, den man kennt. Aber in einer Story kam auch der Hamlet – oder eben: Gamlet – vor mit seinem Spruch. Das stimmte also, was ich ihm erzählt habe.
Wir sind dann wieder aufgestiegen und weitergefahren. Als wir zuhause waren bei ihm, kam er dann nochmals mit dem Tagebuchschreiber. Der traf einmal einen ukrainischen Offizier, und der hat sich geweigert, den Namen des russischen Zombiepräsidenten auszusprechen. Er sagte nur immer: «die Kreatur». Und solange die lebe, würde dieser Krieg niemals aufhören. Und dann habe der Offizier noch gefunden, es müsse doch jemanden geben, der die Skills habe, «die Kreatur» umzubringen. Ich weiss nicht. Vielleicht gibt es auch in meinem Game Monster, die nie jemand besiegen kann. Aber der Spruch heisst ja: «Nichts ist für immer».

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