SOFIA – Papas Besuch war schwierig für mich. Ihn so zu sehen, fand ich wirklich hart. Es war so sichtbar, dass es ihm schlecht ging, dass ich automatisch in der coolen Ecke landete. Dabei bin ich noch gar nicht so stabil, wie ich mich ihm gegenüber geben musste. Sein Mitgefühl tut schon gut, aber wenn er ins Jammern gerät und eigentlich vor allem sich selbst leidtut, das kann ich nicht brauchen, nicht im Moment jedenfalls. Das finanzielle Desaster, das ich mir mit meinen illegalen Aktionen eingebrockt habe, belastet mich sehr. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich das stemmen soll. Es kommen harte Jahre auf mich zu. Ich besuche einen Kurs zu solchen Themen, berufliche Wiedereingliederung und Neuorientierung, unter erschwerten Bedingungen, so ungefähr. Das wird geleitet von einem Mann und einer Frau, sie aus der Wirtschaft, er Psychologe und Coach, glaube ich. Bis jetzt passt mit das, sie machen es gut, finde ich. Sehr harte und direkte Ansagen, aber viel Erfahrung und gute Connections. Aber ich habe noch immer starke Symptome vom Entzug, ich schlafe schlecht, habe sehr oft Kopf- und Gliederschmerzen. Kommt dazu, dass meine Co-Inmate Gloria mich stark herausfordert. Sie ist an sich lieb, aber eine dieser sich selbst bemitleidenden Frauen, von denen ich Papa erzählt habe. Sie behauptet, sie könne nichts für die Scheisse, die sie zusammen mit einem Cousin ihrer Grossmutter angetan hat. Sie um alles Geld betrogen, und ihr Kumpel hat die alte Frau dann noch fast totgeschlagen. Ich habe ihr gesagt, ich wolle von dieser Geschichte nichts mehr hören. Obwohl sie gut erzählen kann, oft sind ihre Geschichten zum Kugeln. Sie holt mich ganz schön aus meiner Bubble mit ihrer Art und mit dem, was sie mir sonst noch so alles berichtet. Auch sie war auf Drogen und versucht den Entzug, mit manifesting, diesem «Ganz-fest-dran-glauben-dann-wird-es-wahr-Unsinn. Aber sie kommt nun auch mit mir zusammen in die Gesprächsgruppe. Nachts ist sie eine Nervensäge. Zuerst quasselt sie endlos, und dann, wenn sie meint, ich schlafe, macht sie geräuschvoll an sich rum, mühsam. Aber was will man, es gibt sicher Schlimmere, und ich habe mich ja selbst in diese Situation gebracht.
Was mir nach Papas Besuch total eingefahren ist: ich habe plötzlich realisiert, dass er gar nicht wissen kann, ob sie ihn wirklich rausgeschmissen haben. Ich musste sofort Bruno schreiben deswegen. Ich bat ihn, mit Papa zu reden, weil er näher dran ist. Geografisch und auch von der Erfahrung her mit solchen Kunstinstitutionen. Ich vermute, Papa könnte kämpfen. Das heisst, falls ihm überhaupt gekündigt wurde. Diese Prüfungssituationen, bei denen er abgebrochen hat oder davongelaufen ist, waren wohl nicht über alle Zweifel erhaben, wenn auch nur schon die Hälfte so ablief, wie er das erlebt und erzählt hat. Er könnte sicher rekurrieren gegen seinen Rauswurf. Ich weiss nicht, wann er das nächste Mal hier auftauchen wird. Hoffentlich kann ihn Bruno umstimmen und vielleicht auch unterstützen.
Härris Lebensgeister und damit auch die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, kehrten langsam und auf merkwürdigen Pfaden zurück. Weil er sich bemühte, gesund zu essen, hielt er in den Lebensmittelläden der Lower Eastside ständig Ausschau nach Obst und Gemüse. Dabei entdeckte er die ersten Pfirsiche aus Florida. Pfirsiche waren seine Lieblingsfrüchte, also kaufte er sich eine grosse Tüte voll und verteilte sie zuhause auf zwei tönerne Schalen, die sein Freund auf einem Schaft stehen hatte, wahrscheinlich in Mexiko gekauft, wie Härri vermutete. Die Früchte sahen so schön aus, dass er Lust bekam, sie zu malen. Er fand zwei alte englische Aquarellkästchen im Atelier und machte sich ans Werk. Es war sehr schwierig, das Spiel zwischen Rot- und Grüntönen, dazu die Bandbreite zwischen Licht und Schatten ohne Brechung und Eintrübung der Farben zu erreichen. Als es ihm zum ersten Mal gelang, sahen die Pfirsiche eher wie Äpfel aus, weil der Glanz des feinen Samts auf der Haut der Früchte noch fehlte. Auf dem Netz suchte er nach «Pfirsichen in der Malerei». Von Cézanne fand er eines, dessen Titel von Pfirsichen sprach, aber die Früchte sahen aus wie alle anderen Äpfel des Meisters. Weil er sich das so angewöhnt hatte in seiner Arbeit am Institut, suchte er gezielt nach weiblichen Künstlerinnen, die Pfirsiche gemalt hatten, und gab ein: «peaches women artists painters». Und auf einmal wurde es so aufregend, dass er alle seine Sorgen vergass. Aus einem Gemälde, das ihm unter den vielen Bildern ins Auge sprang, und zwar gleich in mehrfacher Ausführung, blickte ihm Sofia als Zehnjährige entgegen. «Girl with Peaches» hiess es, und war, wie er gleich bemerkte, wegen seines Inhalts in die Auswahl geraten. Gemalt hatte es 1887 der russische Maler Valentin Aleksandrovich Serov. Härri hatte ihn nicht gekannt. Das Bild mit der kleinen Sofia – in Wirklichkeit hatte das Mädchen Vera Mamontova geheissen – wurde in Kommentaren als Serovs bestes Werk bezeichnet, was Härri durchaus bestätigen konnte. Er schickte es sofort mit einem Gruss an seine Tochter. Für seine Arbeit taugten die Pfirsiche nicht als Vorbilder. Sehr schön gemachte gab es bei der italienischen Malerin Fede Galizia, die um Sechzehnhundert einige Stillleben mit den gesuchten Früchten geschaffen hatte. Und schliesslich fand er das Bild, das ihm für seine weiteren Ideen am meisten brachte: «Peach Packing, Spartanburg County», 1938 gemalt von einer Malerin aus den Südstaaten, Wenonah Bell. Darauf waren einige stark abstrahierte Frauenfiguren mit dem Abpacken von Pfirsichen beschäftigt. Härri hatte in der Zwischenzeit eine Episode aus dem chinesischen Roman gesucht und wieder gelesen, in der Sun Wukong von den unsterblich machenden himmlischen Pfirsichen nascht. Diese Szene wollte er in eines seiner grossen Bilder einbauen und dazu musste er eine Menge Pfirsiche darstellen können, die auf dem Gemälde recht klein und trotzdem überzeugend zu malen waren. Bell war das mit sparsamen Mitteln sehr gut gelungen, wie er anerkennend feststellte. Er fertigte eine Serie von Skizzen an und vergass völlig die Zeit darüber, bis sein Laptop sich mit Signaltönen meldete. Es war Bruno, via Skype. Härri zögerte einen Moment, dann drückte er den grünen Knopf.
«Hallo, Papa», begrüsste ihn sein Sohn. Er trug einen gepflegten Bart, darunter sah Härri ein fein blau-weiss gestreiftes Hemd. Bruno hatte seinen Stil gewechselt.
«Grüss’ dich, Bruno», sagte Härri. «Gut siehst du aus.»
Bruno ging nicht darauf ein, sondern legte gleich los in unüberhörbar vorwurfsvollem Ton.
«Sag’ mal, was machst denn du für Sachen? Sofia hat mir geschrieben, du seist wieder in New York. Abgehauen, weggelaufen von deinem Institut, weil es dort irgendwelche Schwierigkeiten gab? Und niemand wisse, wo du bist, nicht mal Mama, hat sie geschrieben.»
Härri hatte keine Lust, sich seinem Sohn gegenüber zu rechtfertigen. Trotzdem erzählte er ihm in groben Zügen, was passiert war und weshalb er nach New York gegangen sei.
«Sie haben mir gekündigt, und ich muss mich jetzt neu orientieren. Zudem wollte ich in Sofias Nähe sein.»
Bruno gab sich mit seinen Erklärungen nicht zufrieden.
«Sofia hat mir von deinem Besuch berichtet. Das tönte nicht danach, als ob du ihr viel hättest helfen können, ehrlich gesagt. Sie muss jetzt zuerst einmal freikommen vom Gift, dazu kannst du kaum beitragen.»
«Aber sie hat sich gefreut, dass ich sie besucht habe», entgegnete Härri trotzig.
«Ja, sicher. Aber sie hat auch gesagt, sie sei erschrocken gewesen, wie schlecht du ausgesehen hättest. Und dass sie Angst gehabt habe, du würdest im Selbstmitleid absaufen.»
Härri schluckte.
«Ich weiss. Sie hat mich in den Hintern getreten deswegen. Hat sie auch recht damit. Aber ich gebe mir Mühe, habe mich wieder etwas gefangen. Glaub’ ich jedenfalls. Ich trinke nicht. Und ich zeichne wieder.»
«Das ist sicher mal was», antwortete Bruno. «Aber jetzt der Reihe nach. Du sagst, dir sei gekündigt worden. Hat man dir das so gesagt? Hast du das schriftlich? Sofia hat geschrieben, du seist nach dem Abbruch der Prüfungsveranstaltung gleich weggelaufen, ohne noch mit jemandem zu reden. Und du würdest auch alle Kontaktversuche deiner Chefin wegdrücken. Stimmt das?»
Härri nickte.
«Warum kämpfst du nicht, weshalb rennst du weg?», fragte Bruno.
Härri dachte nach, dann begann er eine längere Rede.
Zuerst sei da nur der Impuls gewesen, wegzurennen, das stimme. Das Institut mit seinen Ritualen, die Entwicklung, die es genommen habe, seine Abhängigkeit, die ihm durch die Anwesenheit der zwei Inspektoren so überdeutlich vor Augen geführt worden sei, und dann dieses Getue seiner Kolleginnen und der Studienanwärter, die um Aufmerksamkeit buhlten, dies alles sei ihm auf einmal so zuwider gewesen, dass er einen unkontrollierten Wutanfall habe befürchten müssen. Es stimme auch, dass er nicht sicher wisse, ob ihm gekündigt worden sei. Er gehe aber davon aus, dass seine Chefin und die Direktorin genug von ihm hätten. Dass er ihnen zu viel Ärger und Aufwand verursache im Verhältnis zu dem, was er mit seiner Malerei beitragen könne zu «Art Gender Planet». Und er habe ja unter einem klaren Ultimatum gestanden: dass er sich nicht mehr querstellen dürfe gegen Anordnungen der Leitung. Das aber habe er mit seinem Verhalten eindeutig wieder getan, und auch zusätzlichen Aufwand verursacht im ohnehin schon anspruchsvollen Programm der Aufnahmeverfahren. Er nehme aber seinen Rauswurf zum Anlass, über seine Rückkehr zur Kunst, zur ausschliesslichen Arbeit an der eigenen Kunst, nachzudenken. Darum habe er den Kontakt zum Institut blockiert, und eigentlich überhaupt zu allen ausser Sofia.
Bruno zeigte Verständnis, ermunterte ihn aber dennoch, sich den Leuten am Institut zu stellen, schon nur, um die Geschichte abzuschliessen.
«Das hindert dich doch nicht, deinen Entschluss durchzuziehen und wieder ganz in die Kunst zu gehen, oder? Und vielleicht könntest du in Zukunft als Gast-Künstler Workshops oder Artists-Talks am Institut machen, ohne in dieser Abhängigkeit zu stecken, die dich so stört. Ich würde mich an deiner Stelle melden bei dieser ... wie heisst sie? ... Da-ra Baeck, genau.»
Nachdem Härri versprochen hatte, darüber nachzudenken, fragte er seinen Sohn über Hamburg und seine Firma aus. Bruno erzählte begeistert von der Zusammenarbeit in seinem Team, das mit einer Ausnahme, einem Physiker in Härris Alter, sehr jung sei. Viel und zunehmend zu reden gebe bei ihnen die rasche Entwicklung im Bereich der CO2-Abscheidung und anschliessenden Speicherung in unterirdischen oder unterseeischen geologischen Formationen. Und die damit verbundene Frage, ob die Firma an ihrer Spezialisierung auf die Pyrolyse festhalten solle. Härri konnte zu dem Thema wenig sagen. Er staunte, wie viel Bruno schon darüber zu wissen schien. Aber dann kam ihm die Zeitverschiebung in den Sinn und dass sein Sohn sicher längst hätte schlafen gehen sollen. Sie verabschiedeten sich, und Härri kehrte zurück zu seinen Pfirsichen.
Bruno hatte mit seinem Rat, Härri solle mit Da-ra Baeck Kontakt aufnehmen, einen Haken in sein Fleisch gebohrt, den er nicht mehr loswurde. Am nächsten Morgen rechnete er aus, wann Da-ra nach dem Arbeitstag noch in ihrem Büro sein müsste, bevor sie nach Hause ging. Zur gegebenen Zeit schickte er ihr eine Anfrage für ein Video-Telefonat, mit wild klopfendem Herzen. Zurück kam eine kurze schriftliche Nachricht.
«Gerne! In ca. einer Stunde?»
Also wollte sie von zuhause aus anrufen. Er schrieb «OK» zurück.
Schreibt man «Gerne», mit einem Ausrufezeichen, wenn man mit einem Angestellten das Kündigungsgespräch vereinbart? Eine schwer zu beantwortende Frage, auch wenn man eine Stunde Zeit hat dafür. Aber gelten in einem Chatraum dieselben Regeln bezüglich des formellen schriftlichen Austauschs wie beim Schreiben von Mails oder betriebsbezogenen Mitteilungen? Wie konnte man sich auf ein Gespräch vorbereiten, dessen Gegenstand die eigene Kündigung durch die Arbeitgeberin sein würde, ohne vorher zu wissen, ob das Verdikt überhaupt beabsichtigt oder schon beschlossen war? Die eigene Ohnmacht wurde einem so vor Augen geführt, man war gezwungen, die Voraussetzungen des Gesprächs zuerst durch eigenes Fragen abzutasten. Oder dann darauf zu warten, von der anderen Seite darüber belehrt zu werden, wie es um die eigene berufliche Existenz stand. Von diesem Gegenüber, dessen Macht und Anziehungskraft man sich mit soviel Anstrengung vom Leibe halten wollte. Durch Rationalisierung und Abstraktion. Aber es half alles nichts, immer wieder brach durch alle Abschrankungen, was und wer dieses Gegenüber war: eine Frau, die man begehrte. Da ... ra! Die man nicht begehren, nicht lieben sollte, weil man in einem hierarchischen Arbeitsverhältnis zu ihr stand. Weil sie die gefeierte, erfolgreiche Künstlerin war, während man selbst künstlerisch in einer Sackgasse steckte. Und weil sie nach einer ersten stürmischen Vereinigung gesagt hatte, es solle die letzte bleiben, wenigstens vorläufig. Konnte man aus dem Gespräch etwas ganz anderes machen als die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch seine Chefin, oder – sehr unwahrscheinlich – dessen Neuausrichtung? Den Spiess umdrehen und seinerseits kündigen? Seine Liebe, sein Begehren erklären? Einem Gesicht auf dem Bildschirm?
Er duschte, bürstete sich die Haare und zog frische Kleider an. Kam sich dabei lächerlich vor. Als der Signalton zu hören war, zwang er sich, einen Moment mit dem Antippen des virtuellen Knopfes zu warten. Als sie dann erschien, war sie mehr als ein Gesicht. Er wusste sofort, wo sie sass. Sie hatte sich einen Sessel in die Nähe der geöffneten Terrassentür gestellt. Sie trug eine weisse Bluse und hatte Gel in den Haaren. Härri blieben die geplanten Worte im Hals stecken.
«Lukas! Ich bin froh, dich zu sehen», sagte sie, und es klang ehrlich. «Wo bist du? – Nein, sag’ nichts! ... »
Sie suchte mit den Augen seine Umgebung ab.
«Du bist in New York! Ich habe es mir halb gedacht ...»
Wahrscheinlich hatte sie das Wasserreservoir auf einem der Dächer gesehen, durch das Fenster in seinem Rücken.
Härri brachte noch immer kein Wort heraus. Dann holte er tief Luft und sagte:
«Da-ra ... Jetzt wo ich nicht mehr am Institut bin, wo ihr mir gekündigt habt, meine ich, kann ich es dir ja sagen ...»
Er dachte mit aller Kraft an ihr Badekleid, an ihren Körper im letzten Sommer, und als er sah, dass sie den Mund öffnete, wollte er sagen: Ich liebe dich, Da-ra. Ich will dich, Da-ra.
Aber er brachte nur heraus:
«Ich wünschte, du wärst hier ...» Es klang heiser und er musste husten.
Da-ra hatte den Mund wieder zugeklappt und sah ihn mit grossen Augen an.
Sie schob ihr Gesicht näher an die Kamera, wodurch es verzerrt wurde. Daran konnte er sich noch immer nicht gewöhnen. Was würde sie sagen?
Staunend sah er zu, wie sie zu lächeln begann, und dann in ein Lachen ausbrach, das immer lauter, befreiter wurde. Sie steckte ihn an damit. Zuerst lachte er verlegen, weil er nicht sicher war, ob sie sich über ihn lustig machte. Dann war es ihm gleichgütig. Wann hatte er das letzte Mal gelacht?
Plötzlich hörte Da-ra auf und setzte sich gerade hin. In ihren Augen glitzerte es, und er wusste nicht, ob es vom Lachen kam.
«Lukas, Lukas ...» murmelte sie. «Wer bist du?»
Dann war ihre Stimme wieder laut und klar zu hören.
«Hör mir zu! Ich habe dir nicht gekündigt, niemand hat das. Du bist im Urlaub.»
Sie blickte ihn an und wartete auf seine Reaktion. Härri verschwand aus ihrem Blickfeld, weil er aufstehen musste. Er atmete schwer und in seinen Ohren rauschte es. Da-ra wartete geduldig.
Härri ging in die Küche und öffnete den Eisschrank. Weil er nicht mehr wusste, was er hatte herausnehmen wollen, stand er solange davor, bis das Warnsignal ertönte. Erst dann griff er nach der Wasserflasche und einem der Pfirsiche, von denen er zu viele gekauft hatte. Das Da-ra noch auf ihn wartete, hatte er vergessen.
Die Strasse war schon in blauen Schatten getaucht und nur die Dachaufbauten in der Nachbarschaft wurden noch durch rotes Licht der untergehenden Sonne gestreift, als Härri wieder bei seinem aufgeklappten Laptop vorbeikam. Was hatte er in der Zwischenzeit gemacht? Was war in seinem Kopf vorgegangen? Er wusste es nicht mehr. Einmal hatte er im Badezimmer die Tabletten gegen den Bluthochdruck gesucht und eine genommen. Dann sich hingelegt, daran konnte er sich erinnern. Er sah, dass ihm Da-ra eine lange Textnachricht hinterlassen hatte, aber er fand noch nicht die Kraft, sie zu lesen. Er ging ins Atelier und setzte sich an den Tisch, auf dem seine Zeichnungen und Aquarelle lagen, in unterschiedlich hohen Stapeln sortiert. Den mit dem Pfirsichdieb-Motiv zog er zu sich und blätterte ihn langsam durch. Zwei Arbeiten zerriss er und warf die Papierstücke in die Kiste mit dem Altpapier. Die andern stellte er als Reihe auf, indem er sie an verschiedene Objekte anlehnte, die auf dem Tisch herumstanden, Flaschen, Büchsen, Schachteln, eine kleine Bronzefigur. Er nahm ein leeres Blatt und begann zu zeichnen. Da-ra als Boddhisatva Guanyin. Morgen lese ich deine Botschaft, versprach er.
«Hallo Lukas! Ich habe sicher noch eine Viertelstunde gewartet, aber dann musste ich gehen. Und du hast offenbar Zeit gebraucht, um die Nachricht zu verdauen. Wenn du wirklich geglaubt hast, dass wir dir gekündigt hätten, kann ich das verstehen. Jetzt kannst du selber entscheiden, was du machen willst. Ob du wieder ins Institut zurückkehren willst und wie bisher weiter arbeiten mit uns. Aber vielleicht willst du dich ja wieder ganz der Malerei widmen. Ich merke selber, wie schwer es ist, die beiden Welten zusammenzubekommen. Nicht nur wegen der zeitlichen Belastung, es sind auch zwei Arten des Arbeitens, auch des Denkens und Fühlens, die oft nicht zusammenpassen. Ich weiss noch nicht, wie lange ich das so weitermachen werde (das unter uns ;-). Du hast etwas gesagt, worüber ich noch am Nachdenken bin: «Ich wünschte, du wärst hier.» So, wie du es gesagt hast, tönte es, als hättest du noch mehr sagen wollen. Dass du mich liebst? Oder mich willst – mich begehrst, sagt man so? Oder beides? Natürlich willst du jetzt wissen, wie es bei mir steht, umgekehrt. Als du plötzlich verschwunden warst, habe ich gemerkt, dass du sehr fehlst. Es ging aber eine Weile, bis ich zugeben konnte (natürlich, mir gegenüber, ich habe mit niemandem darüber gesprochen!), dass du mir fehlst, und nicht «dem Institut». Seit ich dich damals im Sommer «überfallen» habe und wir so sehr (!) Liebe machten, habe ich mir einfach verboten, mich in dich zu verlieben. Und auch dir habe ich das untersagt, als ob ich auch über deine Gefühle Chefin wäre. Das kommt mir jetzt so lächerlich vor! Also, jetzt ganz «offiziell», auch wenn das ein blöde Form ist, so in einem Chat: Ich liebe dich, Lukas! Ich will dich, ich begehre dich (so ein komisches Wort, aber in der Kunst ist es ja sehr wichtig, das «Begehren» ;-)
Und, das Beste kommt erst: Ich komme bald, in etwa drei Wochen, nach New York!! Ich hoffe jetzt ganz fest, dass du dann noch dort sein wirst!? Ich kann eine Ausstellung machen in meiner dortigen Galerie. Nichts Riesiges, aber ich freue mich darauf. Und wenn du solange im Big Apple ausharren könntest, wäre das supergrossartig! (Der Urlaub ist leider unbezahlt, da konnte ich nichts machen, und ob das noch in deine Aufenthaltsbewilligung passt ... Hast du 90 Tage?)
So, ich glaube, eine so lange Nachricht habe ich noch nie geschrieben in einem Chat. Ich grüsse dich, mein lieber Lukas, mein liebster Härri. Vielleicht kündigst du nun ja mir, aber ich hoffe, nur als Mitarbeiter. Und vielleicht machen wir in Zukunft auch mal ein Kunstprojekt zusammen, wer weiss? Bitte rufe mich bald wieder an, oder ich versuche es einfach auch in den nächsten Tagen. Wir haben so viel zu erzählen!
Ich umarme dich, bleib gesund!
Deine Da-ra

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