20.11.23

Tourettchen

«Eben! – was man jetzt nicht mehr sagen darf, ist: ABER.»
L. war dabei gewesen, seine Zeichnungen und Notizen vom Vortag zu ordnen, als er K.’s Schnauben und Bellen hörte, zweimal. «Hnf – hau!», zuerst leise, vom Uferweg her. Dann laut: «Hhnff - haa-huu!», vor der Tür.
K’s Auftauchen passte nie. Jetzt gerade gar nicht, wo L. sich schwer tat, Brauchbares vom Müll abzusondern, der zu verbrennen war. Es dauerte darum einen Moment, bis er sich von seinem Tisch lösen und zur Türe gehen konnte, vor der sich, schemenhaft zu sehen durch das geriffelte Glas, K. bereits bog und wand, als ob er sich von Fesseln befreien müsste. L. wollte ihm ja aufmachen, aber es ging nicht, weil K. sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen stemmte.
«Nicht drücken, Tourettchen!», rief er K’s Schatten zu. Der gab schliesslich nach, die Türe konnte geöffnet werden und der Besucher eintreten.
«Maler! Arschloch!», rief er dabei über L.’s Schulter hinweg ins Haus, mit lauter Knarr-Stimme. Darauf lächelte er L. freundlich an.
Er hatte einen Pickel auf der Stirn und die schwarz gefärbten Haare zeigten büschelweise in verschiedene Richtungen, wie bei Son Goku von Dragonball. Aber es schien ihm gut zu gehen. Die Augen blitzten aus Vorfreude darauf, was er alles erzählen wollte, und als sie beide eine Umarmung andeuteten, roch L., dass der Junge frisch geduscht hatte.
«Alles gut bei dir?», fragte er L., und bevor dieser antworten und seinerseits nach dem Befinden fragen konnte, begann er mit seinen Überlegungen zur Konjunktion, die nicht mehr geknüpft werden durfte.
«Eben! – dieser Gutterres, was der UNO-Chef ist, heisst zwar Sekretär, ist aber der Chef, wenn du mich fragst, der hat ABER gesagt. Und sofort von allen Seiten Seufzen und Augen zum Himmel verdrehen und Zischen und Füssescharren, schlimmer, als wenn ich durch den ALDI «Kassen-Fotze» rufe. Darfst du eben nicht sagen, was der ... Zuerst schon laut und deutlich von ihm: dass die Hamas-Brüder Mörder seien, und Schlächter, die nichts kennen würden. Kindermörder wie damals die vom Herodes. Hat er nicht gesagt, habe ich aber dran denken müssen. Eben! – und dass so etwas Terrorismus sei und in jeder Hinsicht zu verdammen. ABER. Dann kam eben dieses ABER. Viel zu früh! Dass die Barbarei nicht von ungefähr komme, nicht aus dem Nichts. Nicht aus dem Vakuum, hat er gesagt. Dass die anderen auch eine Verantwortung für das Böse hätten, das da über sie hereingebrochen sei. Und dass sie es nicht mit Gleichem vergelten dürften. Der deutsche Nebenkanzler, von dem alle denken: Schade, dass er nicht der Hauptkanzler ist!, der hat’s geschafft. Der hat es irgendwie hingekriegt, ABER zu sagen. Das kam aber viel später und tönte eher wie UND. Finden alle gut jetzt. Also: natürlich alle ausser den Palästinensern. Und den Arabern.»
L., der weniger Nachrichten schaute und las denn je, fragte:
«Und wen meinte Gutteres mit «den andern»? Die Israeli, die Regierung? Die Orthodoxen, oder die bewaffneten Siedler?
K. war schon weiter.
«Der Aussenminister der Israeli hat sofort losgedonnert: Unglaublich! Er meint uns alle, die JUDEN! Er dreht alles um, Gut und Böse, Täter und Opfer!»
L. hatte K. eine Hand auf die Schulter gelegt und schob ihn in Richtung des Tischs.
«Setz dich erst mal, ich mach uns einen Kaffee.»
Er nahm sich vor, am Abend die Tagesschau über sich ergehen zu lassen, denn er wusste, dass von K. durch Nachfragen keine weiteren Einzelheiten zu dem Vorfall zu erfahren seien. Auch nicht, wie er es bewertete, dass man nicht mehr ABER sagen durfte. K.’s Gehirn war zu voll und zu schnell, und er würde so oder so, eingeleitet durch ein kurzes «Eben!», vielleicht auch durch Gröberes, gleich zum nächsten Thema hüpfen. Sobald er ihm den Rücken zudrehte um in der Kochnische die Kaffeemaschine vorzubereiten, war es auch schon so weit.
«Aff! Gorilla Blauarsch!», knarrend – dann, mit normaler Stimme: «Eben!»
Er hatte einen der kleinen Papierstapel vom Tisch aufgenommen und begann ihn blitzschnell durchzusehen, indem er das oberste Blatt abhob, es umdrehte und prüfte, ob es auch auf der Rückseite etwas zu sehen gab, und es dann unter den Stapel schob. L. ärgerte sich.
«Leg’ das wieder hin! Das wird verbrannt.»
K. war begeistert.
«Echt? Da hat’s aber gutes Zeug drunter, die Affen da zum Beispiel ...»
L. hatte ihn am Arm gepackt und wollte ihm den Stapel aus der Hand drehen, aber K. entwand sich, machte einen Schritt zurück und blätterte. Fand das Blatt, das er gesucht hatte und warf den Rest auf den Tisch zurück, wo ein weiterer, höherer Stapel sich durch den Luftzug neigte und umfiel. L. sprang hinzu und versuchte die Papiere wieder zu richten, ohne dass seine prekäre Ordnung noch mehr gestört wurde. Er war jetzt richtig wütend.
«Mensch, K., ich war an der Arbeit gerade. Wenn du wüsstest, was mich das Aufräumen kostet, ich ...
K. schien seinen Ärger nicht zu bemerken, tat jedenfalls so, denn er plapperte munter weiter.
«Eben! Der Affe! Ich bin jetzt endlich fertig geworden mit dem blöden Blitzdämon, du weisst schon. Der muss dich mit seinen Flashs gar nicht direkt treffen, haut sie so in den Boden, dann gibt’s diese weissglühenden Kreise, sie sich – wash! – ausbreiten. Und wenn dich so einer trifft, weil du zu langsam gejumpt bist, dann ist Bye Bye Affe. Dann kannst du beim letzten Altar wieder neu anfangen. Also, ich habe jetzt herausgefunden ... das heisst, ich wusste schon, dass der Rhythmus der Kreise mit der chinesischen Musik synchronisiert ist, das hört ja jeder. Aber es gibt dann so einen Stolperer – sagt man Synkope? – und das kommt jedes Mal, bei jedem Angriff, ein bisschen später. Und als ich das raushatte, war’s auf einmal ganz entspannt. Weisst, wie ich meine? Ich habe ihn echt relaxt umgehauen mit meiner Stange. Und eben ...»
L. unterbrach ihn: «Nun setz dich doch!» Er hatte inzwischen, um sich zu beruhigen, zwei kurze Kaffees gemacht und kam zurück zum Tisch. Er blieb stehen und suchte nach einem Ort, wo er die Tässchen hinstellen konnte. K. schoss von seinem Stuhl wieder hoch und räumte zwei Papierstapel zur Seite, sehr sorgsam und konzentriert diesmal. Setzte sich dann wieder. Bevor er Luft holen konnte, sagte L. in sehr bestimmtem Ton:
«Jetzt hör mir mal zu, K.! Du erscheinst hier zu jeder Tages- und Nachtzeit, gehst immer davon aus, dass ich auch Zeit habe für einen Schwatz mit dir. Dass das «Maler-Arschloch» sowieso nie richtig an der Arbeit ist. Und wenn, dann macht er «Kunst», was keine wirkliche Arbeit ist. Was du eher als Spiel ansiehst ...»
K. war auf dem Stuhl zusammengesunken, knetete seine Fingerknöchel und sah ihn mit panisch aufgerissenen Augen an, so dass L. verstummte und bereits heftig bereute, so streng mit ihm geredet zu haben.
«Ich hab’s dir doch erklärt», stotterte K. mit dünner Stimme. «Ich meine mit diesen ... diesen Wörtern nie die Leute. Das hat mit denen nichts zu tun, die gerade vor mir stehen. Mit dir sowieso nicht! Nicht einmal mit mir wirklich. Das kribbelt im Hals und auf der Zunge, dann muss es ... Darf ich echt nicht mehr zu dir kommen?» Sein Tonfall war jetzt weinerlich.
L. wollte wieder gut machen, was er angerichtet hatte. Er zog seinen Stuhl neben den von K., legte ihm einen Arm um die Schulter und rüttelte ihn ein wenig. Entschuldigte sich.
«Natürlich darfst du kommen! Oft bin ich ja froh um eine Unterbrechung, weil ich zu wenig Pausen mache. Und ich freue mich auch jedes Mal, dich zu sehen und zu hören. Deinen Sprüngen zu folgen, deinen Kommentaren zur Lage der Welt.»
K. schnaubte zweimal: «Hnf – Hnnf!», und warf den Kopf zur Seite. L. nahm es als Ermunterung, weiterzureden.
«Ich bin neben den Schienen zurzeit. Keine Ideen – oder die falschen! Und im Institut läuft es in die verkehrte Richtung, finde ich. Aber da scheine ich der einzige zu sein. Umtaufen wollen sie es, natürlich auf englisch.»
L. merkte, dass er auf Abwege geriet und nur drauflosredete, um seine Grobheit zu überspielen. Wie K.!, dachte er, und fuhr trotzdem fort.
«Und damit ist nicht nur ein neuer Titel gemeint, sondern ein Programm. «Kunst» wird drinbleiben, immerhin. Als «Art». Dann aber soll es Zusätze geben, natürlich zwei, was dann so eine Dreifaltigkeit gibt: «Art - Gender - Planet», oder «Art - Nature - Diversity».
K. hatte sich etwas erholt und schien fasziniert. Murmelte vor sich hin.
«Geil! «Art - Sex and Rock’n Roll” – Mhm? – “Art - Space - Universe” ...
K. würde blitzschnell ein Dutzend weitere Kombinationen erfinden, befürchtete L., also unterbrach er ihn und kam auf die Schaffenskrise zurück, mit der er seine harsche, ungeduldige Reaktion von vorhin erklären wollte. Obwohl er sah, dass K. schon längst wieder an etwas Neuem war, sprach er weiter.
«Zum Glück bleibt mir im Moment das Zeichnen, aber da muss ich streng sein. Ich habe mir schon lange verboten, Arbeiten noch am selben Tag zu vernichten, an dem sie entstehen. Aber dann, nach einer Woche oder so, weiss ich es. Dann sehe ich, was etwas taugt. Und das andere muss mir aus den Augen! Ich kann nichts anfangen mit dieser romantischen Sicht auf das Scheitern. Scheitern heisst krachend versagen. Ich hasse es, weil da nichts heil bleibt, nichts zu retten ist.»
K. sass da und blickte ihn ruhig an. Er hatte den Modus gewechselt, das sah man ihm immer an. Er hörte zu. Er kannte das.

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