20.11.23

Superstitious

Monkeys on my back
Holding me down
Black dogs in the corner
Looking up at me
I'm superstitious, spit three times over my shoulder
I hit the ground hard
It's you
I got the fever in me


Als Reaktion auf die Geschehnisse hatten sich diese Songzeilen in seinem Gehirn eingenistet, Nene Cherrys zerbrechliche Stimme, darunter der Bass, ein einziger Ton und ein einfacher Beat. Sieben Schläge, Pause auf dem achten.
L. hatte einen Shitstorm ausgelöst mit seiner Bemerkung zu den Ritualen einer Studentin, die er als «abergläubisch» bezeichnete. An einer der regelmässigen und verbindlichen Präsentationen, bei denen die Studierenden ihre Zwischenresultate vor Kollegen und Dozentinnen verteidigen mussten, umstanden sie ein textiles Objekt, das die junge Frau in fleissiger Handarbeit gefertigt hatte. Es bestand aus einer etwa vier Meter langen, an beiden Enden spitz zulaufende Wurst aus weissem Baumwollstoff, darauf aufgenäht fingerlange Dornen, aus dem gleichen Material und ebenso gestopft. Der stachelige Wurm war in der Mitte verknotet und die beiden Enden anschliessend miteinander verdreht worden. Eigentlich fand er das am Boden liegende Objekt recht schön. Nicht wahnsinnig originell, aber ästhetisch ansprechend, wenn man berücksichtigte, dass das Material später durch etwas Glänzendes, grell Farbiges ersetzt werden sollte. Da irritierte ihn die Studentin mit der Aussage, sie habe mit dem Knoten und der zopfartigen Verdrehung einen Teppichklopfer nachbilden wollen, vergrössert und mit Stacheln versehen, um die Bedrohlichkeit des Objekts zu verstärken. «Si tacuisses – Wenn du doch geschwiegen hättest!» Die Erklärung zum Gesehenen bewirkte nicht dessen Erhellung, sondern liess es zu etwas Banalem schrumpfen. Er wollte die Situation retten, machte aber alles nur noch schlimmer mit seiner Bemerkung, das Ding erinnere ihn an die Dornenkrone, was die Studentin mit stirnrunzelndem Unverständnis quittierte. Und auch eine seiner Kolleginnen verdrehte seufzend die Augen. Wie konnte er nur, schien sie zu denken. Einer Studentin, von der er wissen musste, dass sie eine Muslima war, dieses Motiv aus der christlichen Ikonografie zur Verortung ihres Werks anbieten? Er liess sich nicht beirren. Zur näheren Erläuterung seiner Assoziation wollte er mit einem grossen Schritt über das Objekt auf die andere Seite gelangen, wurde dabei aber von der jungen Frau mit überraschender Heftigkeit am Ärmel gepackt und zurückgerissen. Man dürfe auf keinen Fall darübersteigen, rief sie laut, und ihre Stimme war auf einmal klar und bestimmt. Bei der Herstellung und Installation ihres Werks habe sie sich Regeln auferlegt und diese akkurat eingehalten. Die Zahl der Stacheln zum Beispiel, sogar die der Stiche, mit denen sie angenäht wurden, repräsentiere eine verborgene Ordnung. Der Knoten sei eine magische Struktur zur Heilung eines Traumas. Und der Raum sowohl um das Objekt als auch darüber müsse respektiert werden. Er hatte seinen Schritt längst zurückgenommen und war verstummt. Die Studentin sprach nun fast nur zu der Dozentin, die ihr mit strahlendem Lächeln und Dauernicken anzeigte, wie gut sie verstand. Bald waren sich die beiden Frauen einig, dass es hier nicht in erster Linie um das Stoffding ginge, man es im Gegenteil mit einem existenziell bedeutsamen Ritual, mit einer sich entwickelnden künstlerischen Praxis zu tun habe, von der die Präsentation als Performance Teil sei.
Suggestion, dachte er. Wenn es so wäre, hätte die junge Künstlerin doch wohl von Anfang an deutlich gemacht, wie sie mit ihrem Werk verstanden werden wollte. Aber er hütete sich, noch etwas zu sagen. Als er dann in einer Nachbesprechung unter Kolleginnen und Kollegen jene Bemerkung machte, er halte das Verhalten der Studentin für abergläubisch, was man nach seiner Meinung nicht bestärken sollte, wurde er mit Nachdruck zurechtgewiesen. Nicht nur die Dozentin, die während der Präsentation zu verstehen gegeben hatte, dass sie weder seine Meinung teilte noch seine Intervention billigte, holte nun zu einer langatmigen Argumentation aus. Auch die andern stimmten weitgehend darin überein, dass der Begriff Aberglaube immer aus der Perspektive der Macht eines vorherrschenden Glaubens dazu benützt worden sei – und wie man sehe, noch immer benützt werde – um abweichende religiöse Inhalte und Praktiken zu diffamieren und letztlich zu «überschreiben», was auf ihre Auslöschung abziele. Damit hatten sie recht, wie er zugeben musste. Trotzdem blieb sein Gefühl, dass man der Studentin keinen guten Dienst tue, wenn man sie in ihrem sonderbaren Verhalten bestärke, dieses gar stilisiere zu einer besonders wertvollen, schützenswerten künstlerischen Praxis. Er meinte, die Integration aller möglichen Äusserungen, Meinungen, Lebensformen und Kulturen in den Mainstream der Institution erfolge unter dem Diktat der diversity genannten Vielfalt oft vorschnell. Bevor Empfindungen von Fremdheit,

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