«Was müssen Sie? Einen wiedererkennbaren Stil entwickeln, einen style?»
Er kehrte immer wieder, besonders aber, wenn er wie jetzt rot anlief und engagiert sprach, also laut wurde, zur Sie-Ansprache zurück. «Entschuldigen Sie, aber das ist Schwachsinn!»
Er wühlte in einer Schublade seines Pultes und klaubte ein quadratisches schwarzes Kästchen heraus, dessen Kabel er in seinen Laptop einstöpselte. Die meisten Studentinnen warteten geduldig, nur ein paar verdrehten die Augen, bis er in einer anderen Schublade eine CD-Rom-Scheibe gefunden hatte, sie in das Fach des Kästchens einlegte und zweimal auf das Symbol klickte, das auf der Leinwand erschien.
Sie kannten, was jetzt kam. Einer seiner Götter, Michel Martin, trommelte auf einem Schlagzeug herum. In den zwei Tomtoms, unter durchsichtigen Fellen, steckten die Köpfe zweier Buben, die jedes Mal die Augen zukniffen und aufschrien, wenn sie drankamen. Auf einem Cymbal stand VIDEOS, das klickte er an. Martin vollführte einen abschliessenden Wirbel und liess das Becken zischen. Es erschien eine offene Farbstiftschachtel. Die Stifte waren angeschrieben mit den Titeln der unzähligen Videoclips, die Martin gemacht hatte.
«Ihr wisst schon, es gibt noch eine zweite Seite der Scheibe, mit nochmals so vielen Clips. Fand jemand einen Stil darin? Sind zwei einander ähnlich, oder gar gleich? Erkennen Sie ein Muster, einen style?»
Eine traute sich.
«Es gibt doch diese Vorliebe für Parallelität. Synchronisation von Bewegungen mit dem Rhythmus der Tonspur, oder? Einmal sogar von Bildelementen, die genau im Takt der Musik erscheinen – bei der Zugfahrt, meine ich ...
L. war verstummt. Schaute ins Leere, sichtbar am Nachdenken.
«Guter Punkt!», sagte er dann. Sein grauer Schädel nickte. «Ja – touché! Aber ...», er begann zu grinsen, freute sich darauf, seinen Einwand zu platzieren. «Das ist ein Bauprinzip, das Sie da entdeckt haben, eine Kompositionsweise. Ein abstraktes Konzept. Da hinein kann er füllen, was immer er will. Inhalte, Geschichten. Formen, Farben, Kostüme, Hintergründe.»
«Aber auch das ist doch so etwas wie ein Stil!», warf ein anderer ein.
«Ist es das?» Er sprang auf, zog den Hosenbund am Gürtel hoch, schlenkerte mit den Armen. Und begann herumzulaufen zwischen Pulten und den Pfeilern, die aus der Zeit stammten, als der Raum noch eine Fabrikationshalle gewesen war. Die Zuhörer folgten seinen schnellen Bewegungen mit Augen Köpfen Oberkörpern. Sie sahen ihn angeschlagen. Die Mutige wagte sich weiter vor.
«Sagt Michel Martin nicht – in dem Intro, das Sie uns zeigten –, er habe sich entgegen des Konsenses, in der Kunst gehe es um Qualität und nicht um Quantität, für das zweite entschieden?» Sie zitierte Martins Satz, imitierte dabei dessen kruden französischen Akzent: «Ai disaidit forr quontiti.»
Das Lachen der jungen Leute steckte auch ihn an. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen. Die junge Frau war schneller.
«Es gibt doch diesen abendfüllenden Film von ihm: «Be Kind Rewind». Über den Laden in New York ...»
«Passaic! New Jersey!», rief jemand dazwischen.
«... OK, über den Laden in Dingsbums. Wo man VHS-Kassetten ausleihen konnte. Ein Freund des Besitzers verübt ein Attentat auf ein Elektrizitätswerk und bekommt dabei einen Stromschlag. Weil er so aufgeladen ist, löscht er alle Kassetten, als er das nächste Mal in den Laden tritt. Und dann beginnen sie, die gefragtesten Blockbusters mit primitiven Mitteln nachzudrehen, weil sie die Kundschaft nicht verlieren wollen. Sie verkaufen, oder vermieten, ihre Filme als «schwedische Kopien», und die werden zu einem Riesenerfolg. Das ist doch so unverwechselbar Michel Martin. Das würde man jederzeit als ein Werk von ihm wiedererkennen, behaupte ich.»
L. hatte angehalten, stand wie angeschraubt und starrte seine Schülerin an. Bewegte die Lippen, keuchte hörbar und begann dann:
«Ja ... ja, diese Menge! Die endlosen Regale, voll mit Kassetten! Mit berühmten, millionenschweren Produktionen, alle naturalistisch und opulent bis zum Erbrechen. Das nachdrehen zu wollen mit einer Handvoll durchgeknallter Kindsköpfe. Mit null Mitteln! Mit Kostümen, Kulissen aus Pappkartons und Alufolie, zusammengehalten von Kilometern des rotzfarbigen Klebebands, wie bei diesem Installationskleber aus Bern ... Quontiti! Sie haben recht! So ein Trotz! Sisyphos! Diese Frechheit, der Unmöglichkeit des Unterfangens gegenzuhalten! Selbstermächtigung! Anmassung! Mit DIY-Gewurstel, mit Punk-Allüren den Hollywood-Pomp auf die Essenz eindampfen!»
Eine andere, oft stille Frau meldet sich.
«Also doch style? Sein Stil? Wie hiess der Ausdruck? «Sweding»? Oder: «sweded movies»? Das hat sich ja dann viral verbreitet ...»
L. räusperte sich.
«Ich ...
... muss darüber nachdenken.», ergänzten die Studentinnen im Chor.
Er verzog das Gesicht. Es war unklar, ob er lächeln wollte oder Schmerzen hatte.
Wo war er wieder gelandet? Wovon waren sie ausgegangen? War es seine Idee gewesen? Die Wiedererkennbarkeit der Künstlerin, des Autors – oder eben das Gegenteil? Konnte, wollte man das: in jedem Werk, ja, bei jedem Schritt ganz von vorne, bei null anfangen? Und wenn keine neue Idee auftauchte: gar nicht erst anfangen? Schachspielen stattdessen! Oder Drachen steigen lassen, oder Cello spielen? Onanieren, trinken, lesen? Joggen, shoppen? Stundenlang Filmchen reinziehen und zocken auf dem Handy ... Oder dann lieber: sich festlegen. Sich festbeissen in eine einzige Idee, in ein Thema, ein Medium, oder wenigstens in eine Technik. Obsessionen entwickeln und pflegen! Die Sucht? Oder nur Manier? Das Dampfschiff im Urwald, Porträts aus Gemüse. FitzcaraldoArchimboldo. Flackerndes Licht, gen Himmel verdrehte Augen, Gummiarme und -hände, Licht und Schatten wie auf verknitterter Kunstseide. Fanatisch religiös werden wie der Grieche! Oder: einsame, verzwergte Gestalten von hinten. Vor Klippenabgründen, Nebelmeeren, Urlandschaften. Pferde und Männer mit Cowboyhüten vor Sonnenuntergängen. CasparDavidMalboro. Ein viel zu kleines Segelboot, angetrieben an Norwegens Küste, der Künstler verschollen? BlaueBlumeBasJanKeaton. Ziel- und endlose Kamerafahrten durch Gärten aus Rosa und Grün, zwischen Innen und Aussen, von Haut zu Schleimhaut. Bei Ambientklängen anzuschauen auf weichen Daunenkissen. WorryWillPippiVanish! Oder im Gegenteil: eine Baulücke füllen mit Stühlen, die Schuhe von Gewaltopfern in Wandnischen als Reliquien zeigen. Wie hiess Sie? SalcedoInDenWunden. KunstAusDerPerspektiveDerUnterdrückten! – Oder: blödeln! Kaugummi kauen, ausspucken, ins Gigantische vergrössern. Sich selber als UrsKerze abbrennen lassen. Quontiti? Ein Müllmurgang, ein Bildertsunami im Rückfluss erfasste ihn: einsamer Jäger in der Wildnis, Schuss. First-Nation-Gesänge zu einer Fahrt auf ölglattem Fluss, monströse Industriebauwerke. Ein alter Mann im Zwiegespräch mit einem Ibis, schlammbedecktes Liebespaar in Umarmung. Kitsch Quatsch Trauerzug mit einer eskortierten Limousine, opernhaftes Ritual vor einer Staumauer. Giesser in einem Stahlwerk dirigieren flüssiges, wild sprühendes Metall. Eine Frau erwacht mit einer Kuhmaske, zwei schwangere Frauen reiben ihre Nabel aneinander. Totes Pferd in einem Bachbett, das Gesicht einer weinenden Alten. Etwas, jemand wird geschlachtet. Kuss, startender Adler, Goldfolie auf greisen Lippen, schreiende Menschenmenge ...
«Alles gut?»
Eine Studentin stand vor ihm, berührte ihn scheu am Arm, eine zweite reichte ihm ein Glas Wasser. Er nahm einen Schluck, fing sich wieder.
«Hat sich also Henri gegen die Kunst entschieden, indem er «quontiti» gewählt hat, was meinen Sie?»
Es blieb eine Weile still, nicht weil die Studentinnen auf die Frage nichts zu sagen gewusst hätten. Eher waren sie unschlüssig, ob man sich auf das Überspielen eines solchen Blackouts ihres Professors einlassen sollte.

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