20.11.23

Krankes Bild

T., eine der Studentinnen, die L. in der Schlussphase ihrer Ausbildung zu begleiten hatte, traf er eines Abends noch spät in ihrer Koje im Grossraumatelier an. Es roch intensiv nach Terpentinöl. Und vom Laptop, das halb zugeklappt mitten in den Farbtöpfen, zerknüllten Lappen und als Paletten dienenden Kartonstücken stand, tönte ein blecherner Beat. Sie bemerkte sein Kommen nicht, da sie ihm den Rücken zuwandte, und er musste überlegen, wie er es anstellen könnte, sie nicht zu erschrecken. Das Bild, vor dem sie stand und an dem sie seit Wochen arbeitete, sah schlimm aus. L. zog sich leise zurück und machte einen grösseren Umweg durch die verlassenen Arbeitsplätze in T.’s Nachbarschaft, um sich ihr von vorne nähern zu können. Erst als er neben dem Metallgestell stand, das ihr als Staffelei diente, blickte sie langsam auf und sah ihn aus müden Augen an. Rang sich schliesslich ein gequältes Lächeln ab. Sie bückte sich nach einer Rolle Haushaltpapier, riss ein Stück ab, zerknüllte es zu einem Ball und begann sich damit die Finger abzureiben.
«Hallo», rief er ihr zu und deutete auf das Gerät. «Darf ich?» Und als sie nickte, hob er es hoch, klappte es auf und stellte die Musik leise. Danach schien es ihm besser, es auf dem Tisch zu platzieren. Sie sagte noch immer nichts, also trat er neben sie, und man schaute eine Weile schweigend auf das Bild. Es war ein Schlachtfeld. Offenbar hatte sie Lösungsmittel darüber geleert und heftig nachgerieben. Man konnte noch knapp die zwei Frauenfiguren erahnen, von denen die eine links am Boden kauerte und die andere in der Mitte tanzte. Oder eher: getanzt hatte, denn von ihren Beinen, die er als blau bestrumpft in Erinnerung hatte, waren nur noch zwei verschmierte Wolken übrig.
«Ich hab’s versaut», meinte sie schliesslich. «Zum wievielten Mal schon?» Sie drehte sich ab und ging zu einem Stapel von Leinwänden, die an die Kojenwand angelehnt waren, mit der Rückseite nach aussen. Die vorderste wurde umgedreht und mit schief gelegtem Kopf angeschaut.
«Ich habe auf deinen Rat gehört und gleichzeitig an diesem da gearbeitet. Immer gewechselt, wenn es bei einem geharzt hat», sagte sie. Dann, mit bitterem Spott: «Hat super funktioniert: jetzt ist auch das futsch!»
«Na, na! Ich nehme alles auf mich!», antwortete er, war aber schon intensiv am Schauen. «Stell’ es unter das andere!» Er half ihr, die Bilder so zu platzieren, dass man sie beide betrachten und vergleichen konnte. Das taten sie eine Weile ohne zu reden.
«Es ist nicht futsch», befand er dann, indem er auf die zweite, dazu geholte Leinwand deutete.
«Tatsächlich ist etwas Wichtiges besser geworden. Du hast die Figur da vergrössert und aus der Mitte genommen, nicht?»
«Ja. Aber ...» Sie verstummte wieder, trat näher an das Bild heran und deutete auf die Umgebung der Frauenfigur, die einen hellblauen Pullover über einem Rock trug, der in Farbe und Form an ein Ei erinnerte. «Sie versäuft jetzt im Hintergrund.»
«Das stimmt», gab L. zu, und überlegte. «Du könntest den Ast von der Zeder – das ist doch eine? – den müsstest du viel grösser machen. So eine Wolke aus feinen, sehr dunklen Nadeln. Wie da oben. Das könnte dann hinter ihr durchgehen und sie nach vorne schieben. Und sie umschmeicheln wie eine riesige Stola. Das dunkle, kalte Grün ginge auch gut mit ihren roten Haaren. Oder ist dir das zu sehr ...?»
Sie hatte schon ein paar Mal fast unmerklich genickt, was ihn dazu ermunterte, in seinem Rat so weit zu gehen. Jetzt murmelte sie: «Nein.» Und: «Ja, das könnte man machen, glaub’ ich.» «Ihr Blick ist toll jetzt, das musst du hüten! Das ist – vieldeutig. Frech, irgendwie. Sehr schön!»
Dann wandte er sich der anderen Leinwand zu, um die es viel mehr ging.
«Es ist krank, dieses Bild.» Nach solcher Diagnose schwiegen sie längere Zeit. Bis er fortfuhr:
«Ich kenne das, dann wirst du zornig. Und unterziehst es allerlei zornigen Kuren. Manchmal hilft es dem Patienten, vielleicht aber auch nicht. Manchmal ist es besser, zurückzugehen auf die Basics. Vernünftig zu sein und zu schauen, was denn genau schlecht ist im Moment ...»
Sie unterbracht ihn, drängte: «... am schlechtesten, meinst du? Was ist es hier, sag’s mir!»
Er antwortete betont sachlich.
«Über die tanzenden Beine haben wir schon einmal gesprochen, weisst du noch? Du hast gemeint, dass du die nicht hinkriegst, weil du eigentlich keine Ahnung hast von Anatomie. Obwohl alle deine Bilder bevölkert sind von Figuren. Du seist viel zu wenig geübt im Zeichnen von Menschen. Ich habe dir dann gesagt, dass die daraus folgende Unbeholfenheit deiner Ausdrucksweise zu unverwechselbarem Charme verhelfe. Einer Aura von Naivität, die glaubhaft ist. Und zu einem schönen Abstraktionsgrad, der sich ohne Anstrengung ergibt. Aber damit bist du nun an einem Wendepunkt angelangt, meine ich. Naivität kann man nicht mimen, ohne dass es peinlich wird. Und diese Beine wurden dir peinlich, das sieht man. Du führst schon fast Krieg gegen sie.»
«Ja, stimmt. Und was folgt daraus? Was muss ich machen, was sind die Basics?»
Er lachte. «Beine studieren!»
Sie sah ihn ungläubig an. «Meinst du das ernst? Richtig nach Modell und so?»
«Ja. Und nach Bildern. Vor allem nach gemalten Vorbildern. Denn du wirst sehen: das Lernen von Naturalismus ist das eine. Das ist gar nicht so schwierig, eine klar umrissene Aufgabe. Das macht sogar Freude, wenn man sich darauf einlässt. Man sieht die Fortschritte, das zieht einen weiter.»
«Aber ich kann ja in meine Bilder nicht supernaturalistische Körper einbauen, das sähe grauenhaft aus! Ich zwinge so schon die unterschiedlichsten Elemente hinein. Da ist meine Art, zu abstrahieren wichtig als Klammer ...»
«Zusammen mit den Farben deiner Palette», ergänzte er, «und deiner malerischen Handschrift. Ja, richtig.» Er schaute sich um. «Kann man sich hier irgendwo hinsetzen?»
Als sie sassen, er auf einem Stuhl, den er sich geholt und so hingestellt hatte, dass er auf die Bilder schauen konnte, sie auf dem alten Sofa, das ihren Bereich im Atelier begrenzte, nahm er den Faden wieder auf.
«Eben – Naturalismus zu lernen ist das Eine. Ihn dann wieder zu verlernen, das Andere.»
«Versteh’ ich nicht!», brummte sie, und er merkte, dass er vorsichtig sein musste.
«Ich denke es mir so: Du zeichnest und malst jetzt schon so lange menschliche Gestalten, dass du sowohl reale als auch abgebildete Menschen anders anschaust als noch vor, sagen wir, zwei Jahren. Und du nimmst immer mehr auf. Beobachtest und speicherst anatomische Details, Bewegungsabläufe, individuelle Unterschiede, und so weiter. Vieles wahrscheinlich unbewusst.»
«Nein, das mache ich nicht bewusst», sagte sie, als er eine kleine Pause machte.
«Und es ist logisch», fuhr er fort, «dass dir das Gelernte nun hineinrutscht in deine Bilder.»
«Aber das müsste mir ja nicht peinlich sein!», wandte sie ein. «Ist es aber! Richtig scheisspeinlich!» Sie wurde heftig: «Die Figuren haben im Moment so etwas Ich-haftes, das mich richtig ekelt. Behindert! Ich hasse sie!» Dann beruhigte sie sich wieder und grinste ihn an. «Das ist krasser Ableismus, oder? Meinen eigenen Figuren gegenüber!»
Er wurde angesteckt von ihrem Lachen. Versuchte dann aber, wieder ernst, seinen letzten Punkt anzubringen.
«Das Reinrutschen der naturalistischen Details könnte das Problem sein. Weil dir dein Repertoire nur teilweise bewusst ist, kannst du nicht frei darüber bestimmen. Und die einzelnen Teile fügen sich nicht organisch zusammen. Wenn du dich da in ein gezieltes Lernen hineinbegibst, kannst du dich vielleicht wieder freistrampeln.»
Er behielt ihre Reaktion im Auge. Sie sah ihn aufmerksam an, darum wagte er noch eine Prognose.
«Es wird neue Probleme geben, und du wirst wieder Entscheidungen treffen müssen. Auf einem anderen Level.»

Weil er schon da war, tranken sie noch einen Fruchtsaft zusammen und er half ihr etwas beim Aufräumen. T. hatte sich dazu überreden lassen, für heute Schluss zu machen.
«Genug der Rosskur!», hatte er gesagt, und als sie ihn verständnislos anschaute: «Kennst du das nicht, die Mär von Munchs angeblicher Technik, vermurkste Bilder zu retten?»
«Kenne ich nicht», antwortete sie. «Müsste man?»
«Nein. Ja! Weiss nicht ... Ich habe als junger Maler alles verschlungen, was mit dem Norweger zusammenhing. Habe das auch gelesen, und geglaubt! Dass er seine Bilder bewusst einer «Pferdekur» unterzogen haben soll. "Hestekur" hiess das bei ihm, auf norwegisch. Er hat sich mehrere Freilichtateliers bauen lassen. Eigentlich nur ein paar hohe Bretterwände, mit einem Streifen Dach darüber. Da hat er gemalt und seine Bilder an den Wänden aufgehängt. Oder daran gestapelt. Die Möven haben draufgeschissen, Regen hat sie ausgewaschen, der Frost die Farben abplatzen lassen. Auch sonst hat er die Bilder grob behandelt. Sie zum Beispiel aus dem Fenster in den Hof geworfen, weil die Treppe eng war.»
«Echt? Nichts mit blauen Handschuhen und so?», fragte sie, und war wieder guter Laune.
«Nein. Man hat dann geschrieben, er habe das gezielt gemacht, um seine Bilder zu verbessern. Ihnen den Glanz zu nehmen. Einer seiner Sammler, ein gewisser Stenersen, hat das ausgebaut zu einer guten Geschichte. Er wollte belegen, dass Munch ein moderner Künstler sei, ein Wegbereiter der Moderne. So wichtig wie Cézanne, Van Gogh, oder Mondrian, was weiss ich. Einer, der den Zufall in den Malprozess einbezog.»
«Ja und? Stimmte das nicht?»
«Nein, es stimmt wahrscheinlich nicht. Eine norwegische Konservatorin hat das an fast tausend seiner Werke untersucht. Die Verwitterungsspuren, die Vogelkacke, Spuren von unsorgfältigem Umgang und so weiter, sind so in seinem Werk verteilt, dass man von einer groben Unsorgfalt ausgehen muss, der die Bilder zufällig zum Opfer fielen, oder davon verschont blieben. Auch der Ausdruck «Rosskur», oder eben "Hestekur", findet sich nirgends in Munchs Schriften.»
«Eigentlich schade», überlegte T., «die Rosskur-Geschichte ist besser.»
«Fand ich auch. Ich habe damals sogar einen Song geschrieben darüber, weil ich das so toll fand. Und weil ich auch oft gegen meine Bilder gekämpft habe.»
Jetzt war sie hellwach.
«In deiner Undergroundband?
«Ja», bestätigte er. «Das waren keine richtigen Songs, mehr Sprechgesänge. Ich schrie das eigentlich mehr. Konnte nie richtig singen. Es gibt sogar ein Video davon ...»

Zwei Tage später zeigte er den Film nicht nur T., sondern mit ihr zusammen einer Gruppe von Studentinnen, denen sie davon erzählt hatte. Er warnte sie vor der schlechten Qualität der Aufnahme. Sie hätten damals, in den Achtzigerjahren, eine VHS-Videokamera benützt, welche mit Lichtverhältnissen und Akustik in einem alternativen Clublokal schlecht zurechtkam. Die jungen Leute zuckten zusammen, als er plötzlich losschrie:
Schmeiss dich aus dem Fenster! Krankes Bild!
Rosskur! Rosskur!
Schab’ dich mit dem Messer! Krankes Bild!
Hestekur! Hestekur!
Terpentin auf dich! Krankes Bild!
Rosskur! Rosskur!

Während die Studentinnen noch kicherten und ein «Oh-mein-Gott!» nach dem andern ausstiessen, teilte er ihnen ein Blatt mit dem Songtext aus, zu dem er vor dem Abspielen ein paar Erklärungen abgab. Zu Munch, zur Legende der «Pferdekur» und zur Romantisierung des Scheiterns in der Kunst. Und zu seinem Auftritt.
«Ich habe meine Augen versteckt hinter einer hölzernen Inuit-Sonnenbrille. Das war praktisch, weil es mich geschützt hat vor den grellen Scheinwerfern. Und vor den Blicken der Leute, denn ich hatte schreckliches Lampenfieber. Wollte aber cool und gefährlich wirken. Darum auch die merkwürdigen Bewegungen. Langsam, langsam, dann plötzlich: Zack! Das hatte ich aus dem Taiji. Und ich habe immer geschrien auf der Bühne. Singen fand ich zu gewöhnlich. Zu schön, zu glatt, harmlos. Obwohl mein Gesang vielleicht noch kränker getönt hätte als das Geschrei. Aber das Singen hätte ich mir beibringen müssen. Und üben! Üben wollten wir auf keinen Fall! Wir fürchteten, dass das Können alles kaputtmachen würde. Und irgendwie stimmt das ja auch, ich habe mit T. darüber gesprochen. Die Naivität wird durch Wissen und Können angegriffen.»
«Wird sie auch zerstört?», fragte jemand aus der Runde.
Er zögerte mit der Antwort. T. antwortete an seiner Stelle:
«Sie wird verdrängt, auf ein höheres Level. Das meintest du doch, oder?»
«Ja. Wobei ich schon der Meinung bin, sie verschwinde irgendwann so weit, dass sie keine Rolle mehr spielt. Vielleich wird Naivität abgelöst durch Intuition, die ähnlich wie die Naivität überraschende, belebende Entscheidungen begünstigt. Und schräge, frisch wirkende Resultate. Letztlich trägt Intuition zu besseren Werken bei. Aber ich habe euch immer gesagt: Intuition kommt zwar aus dem Vorbewussten, fusst aber auf Wissen und Können.»
«Können wir jetzt den Film schauen?», getraute sich eine zu fragen.

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