Lukas Härri – Er hatte seinen Familiennamen gehasst als Kind. Wenn er sich zuhause beklagte, in Laichingen, er sei in der Schule wieder einmal gehänselt worden deswegen, so pflegte sein aus dem Aargauischen eingewanderter Vater zu sagen: «Auch deine Kameraden haben doch Namen, mit denen man sie aufziehen könnte: Pfleiderer, Goller, Schneck und Pflumm! Kehr den Spiess doch einfach um!» Damit war aber die Mutter, eine geborene Vöhringer, gar nicht einverstanden.
«Stift’ ihn ned an zu solcha Bosheida! Man kann nix dafür für sai Nama!»
Irritierend war auch, dass alle den Namen anders aussprachen als sein Vater, bei dem das Ä behäbig offen klang und das R fast gerollt wurde, mit einfachem Zungenschlag: Härri. Die Schwaben sagten eher «Herri», mit gutturalem R. Gegen Ende der Primarschule nannte ihn ein Anführer unter den Buben dann auf einmal «Harry». Zwar war er der Einzige, der das R so aussprechen konnte, dass es amerikanisch tönte. Aber auch wenn die andern den Namen gleich aussprachen wie zuvor, schien er jetzt auf einmal cool zu klingen. Lukas war es recht.
Erst als er in die Schweiz kam, stellte er fest, dass der Name hier so tönte wie aus dem Mund seines Vaters, und dass ihn niemand für ungewöhnlich oder komisch hielt. Und als er einmal Birrwil am Hallwilersee besucht hatte, von wo der Name und auch sein Vater herkamen, gefiel ihm die Gegend so gut, dass er immer wieder dorthin zurückkehrte. Erst kürzlich, als er mit seinem alten Vater wieder einmal darüber gesprochen hatte und dieser sich vergeblich abmühte, Bedeutung und Herkunft des Familiennamens zu rekonstruieren, war er auf die Idee gekommen, selbst nachzuschauen. Es war ihm sicher schon einige Male erklärt worden, er hatte aber nie zugehört. «Härri» war ein Kosename für ein verspielt umherspringendes Fohlen. Der Ausdruck konnte auch verwendet werden, um unbestimmte Tiere zu bezeichnen, die sich so bewegten. Oder für unsichtbare, die Laute von sich gaben, die man wiederum als Anzeichen für den Frühling oder Frühsommer auffasste. Schliesslich konnte «s Härri ha» oder «s Härri übercho» bedeuten, dass man von einer nicht recht fassbaren Laune oder Sehnsucht ergriffen wurde. Ihm gefielen alle Erklärungen. Die Menschen um den kleinen See herum hatten einen Ausdruck erfunden für eine schwer zu fassende Energie, für unkontrollierbare, unvorhersehbare Äusserungen und Bewegungen.
Aber er wusste, dass seine beiden Kinder froh waren, den Familiennamen der Mutter zu tragen und nicht seinen.

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