Härri war nicht einmal dazugekommen, an allen Wänden einen Kommentar zu hinterlassen, als Baek schon zur nächsten Etappe überleitete. Sie stellte sich in die Mitte des Raums, mehr brauchte sie nicht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und die Diskussionen zum Verstummen zu bringen. Sie wartete, bis sich ihr alle zugewandt hatten und begann dann, ihre Instruktionen zu erteilen.
«Ich bitte euch, diejenigen Sätze, Kommentare und Fragen zu markieren, die euch am meisten im Herzen liegen – sagt man so?» Kurzes, strahlendes Lächeln in die Runde.
Jemand im Hintergrund korrigierte halblaut: «...am Herzen», aber sie fuhr schon weiter.
«Nehmt euch dazu einen breiten Filzstift und setzt Punkte, im Ganzen dreizehn. Ihr dürft sie verteilen oder konzentrieren wie ihr wollt.»
Da nun bereits Bewegung entstand, weil einzelne damit begannen, einen Stift zu suchen, musste sie die Stimme für einen Moment erheben.
«Wir werden anschliessend in Gruppen gehen und so bis zur Pause weitersprechen. Bitte beendet das Gespräch ...», sie schaute auf ihre riesige Armbanduhr, «...um zehn Uhr und schreibt die zwei wichtigsten Resultate auf eines dieser grünen Blätter. Um zehn Uhr fünfzehn bis elf Uhr ist Kaffeepause.»
Miles Kellner hatte sich neben Härri gestellt und meinte:
«Sie macht das gut. Aber wieso dreizehn Punkte. Und zwei Resultate?»
«Weiss nicht. Zahlenmystik?»
Miles lachte kurz auf.
«Meinst du? Es gibt vielleicht auch Formeln bei den Moderations-Tools. Anzahl der zu gewichtenden Items zur Anzahl der Punkte, die man ...»
Härri hob die Schultern, murmelte: «Entschuldige!» und wandte sich ab. Er wollte Baeck fragen, weshalb Otto Ulich nicht da war. Da er sie in ein Gespräch mit Aurelia und Ksenjia vertieft sah, holte er sich einen Stift und begann zu überlegen. Dazu musste er sich setzen. Wenn er Aufmerksamkeit erzielen und eine grundsätzliche Diskussion zur Richtung anstossen wollte, in die man hier offensichtlich einschwenken wollte, konnte er eigentlich nur er alle seine dreizehn Punkte auf eine Stelle konzentrieren. Welchen Satz, welchen Begriff sollte er herausheben? Die «Liebe»? «Hoffnung»? Der Glaube war im ganzen Text verteilt, den konnte man nicht fassen mit einem Filzstift. Oder sollte er seine Markierung zur x-millionsten Definition von Kunst setzen: «Die Kunst ist der Ort, an dem aktuelle Wissenschaft und Technologie mit altem Wissen koexistieren»? Er spürte seine Aufregung im Bauch. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte irgendetwas in die Runde gerufen wie Tourettchen. Oder noch lieber wäre er still und heimlich abgehauen, mit dem Fahrrad irgendwo hingefahren, wo es keine Menschen gab, und keine Sprüche auf Flipchart-Bögen. Es juckte ihn im Ohr, er musste sich kratzen und um sich blicken. Baek stand nun in einem kleinen Grüppchen beim zweiten Plakat, auf dem es nach seiner Erinnerung um den «Menschen als Teil der Natur» ging. Mariette Hyoz, die Sekretärin, hielt sich dicht neben ihr, die beiden von IT, Miles und Arjeta, standen ihr gegenüber. Bruno Segesser, der Bildhauer etwas abseits daneben, zuhörend. Im Moment redete Miles auf die Chefin ein. Er war bei seinem Lieblingsthema, Härri schnappte den Begriff «next nature» auf. Er stand auf und näherte sich der Gruppe. «Natur» war auch so ein Wort, zu dem er etwas zu sagen gehabt hätte. Baek erlaubte sein Dazutreten mit einem leisen Kopfnicken, Miles war mittendrin in seinem Plädoyer.
« ...wenn wir uns als Teil der Natur bezeichnen «wie alle Formen des Lebens, wie «alle Spezies». Dann sind wir doch wieder in dieser biologischen Definition von «nature», oder? Und dann geht’s gleich weiter zu dieser Trennung von «culture» und «nature», die doch einen Teil unserer Probleme spiegelt. Der niederländische Künstler van Vosmeer sagt: ‘Die wahre Natur ist nicht grün.’ Und da finde ich interessant, was er als Trennlinie vorschlägt zwischen Kultur und Natur, nämlich die zwischen «controllable» und «autonomous». Nach dieser neuen Definition, sagt er, gehörten die Gurken, die wir essen, zu «culture», Staus auf Autobahnen und ein wachsender Teil von Artificial Intelligence dagegen zu «nature».»
Nun wurde er von Da-ra Baeck unterbrochen, die ihn über den Brillenrand ansah.
«Ja, das ist interessant, Miles. Wie man mir erklärt hat, wissen die Entwickler der aktuellen Sprachmodelle nur noch ungefähr, wie diese zu ihren Ergebnissen kommen. Die neusten Versionen der Systeme sind bereits daran, theories of mind zu entwickeln, wie sie etwa siebenjährige Kinder haben. Aber ich frage dich: steht die von uns vorgeschlagene Version des Textes wirklich im Widerspruch zu diesen Überlegungen? Du darfst gerne noch eine Korrektur oder einen ergänzenden Vorschlag einbringen.» Sie schaute wieder auf die Uhr. «Aber bitte entschuldigt mich nun, ich muss darauf schauen, dass wir den Abschluss finden vor der Pause.» Und damit war sie weg, und mit ihr die Sekretärin.
Miles hatte keine Lust mehr, weiter über das Thema zu sprechen und war verstummt. Dafür hatte der Bildhauer einen Schritt auf die andern zu gemacht und meinte:
«Mir ist der ganze Text viel zu abstrakt, ehrlich gesagt. Man muss ja nicht gleich ins andere Extrem verfallen wie Kunsthochschulen, die auf die Frontseite schreiben, sie gehörten zu den führenden in Europa. Und dass sie staatliche Hochschulen seien und institutionell akkreditiert.»
«Gibt’s das?», fragte Arjeta und schob gleich noch ein «Wahnsinn!» nach.
«Ja!», antwortete Paul. «Schaust du nie, wie sich die so auf ihren Webseiten präsentieren? Finde ich interessant. Bei einem der Beispiele, von denen ich sprach, geht es dann gleich in den Ausschreibungen der Module weiter im Stil eines Gymi-Lehrplans, so mit Kompetenzen und Du-Ansprache: «Du schaffst Grundlagen für ..., oder: «du entwickelst die und die Kompetenzen» ...Das finde ich auch blöd. Aber dass der Begriff «Grundlagen» in unserem Text gar nicht vorkommen soll, das stört mich!»
Dem konnte Härri zustimmen.
«Ja, das sehe ich auch so. Ich finde, wenn sich ein junger Mensch überlegt, ob er an unserem Institut studieren will, sollte er – oder sie – etwas Orientierungshilfe bekommen. Und da gehören für mich Aussichten auf konkrete Lerninhalte eher dazu als so abstrakte Zielansprachen wie «die unterschiedlichsten Denksysteme zusammenzubringen», was eher zu einem Philosophiestudium passen würde. Oder: «die Werte des Lebens zu schützen und zu pflegen». Das wäre ein Studium in Umweltmanagement, vielleicht Biologie, oder?»
Paul nickte, aber Arjeta wollte noch etwas anderes loswerden.
«Von wegen «nature» und «culture»: Wir sind da wirklich an einem anderen Ort als vor fünf oder zehn Jahren, da hat die Baek recht. Das KI-Genie aus Zypern, Hassounis, der ist überzeugt davon, dass mit künstlicher Intelligenz bald der Punkt erreicht sein wird, an dem sich eine «allgemeine», das heisst selbständige, unspezifische künstliche Intelligenz herausbildet, die AGI, also Artificial General Intelligence. Die wäre dann sehr nahe bei der menschlichen. Natürlich arbeiten die alle wie verrückt daran und jeder will der Erste sein, also «culture» total. Aber wie sie sich dann diese Wende vorstellen, den Eintritt in die «Singularität», wie sie das nennen, das tönt für mich eher nach «nature». Wie ein Schub in der Evolution nach einer Reihe von Mutationen. So ähnlich. Ich habe übrigens den Chatbot nach Alternativen zum neuen Titel «Art Gender Planet» gefragt. Die Antworten waren richtig hochgestochen. Art Ecology Diversity ist eine, die ich noch weiss. Und Art Diversity Symbiosis. Fand ich noch cool, eigentlich. Aber auch unser Titel gefällt mir ganz gut. Das war Aurelias Idee, nicht? Oder kam das von Baek?»
Härri war froh, dass die Kaffeepause angesagt wurde. Er musste pinkeln gehen. Als er vor der Pissoirschüssel stand, liess er seinen Blick über die Wand gleiten, die lückenlos mit Zeichnungen und Sprüchen bedeckt war. Links über ihm war ein Klebstreifen platziert, auf dem schwarz auf weiss aufgedruckt stand: «Niemand will das!»
Auf dem Rückweg hörte er leise Ambient-Klänge aus einem der Ateliers im oberen Stock. Wahrscheinlich waren seine Studentinnen am Malen, und er musste sich zwingen, in den Sitzungsraum zurückzugehen. Da er sich alleine fühlte im halbdunkeln Korridor, machte er im Gehen ein paar Taiji-Übungen in seinem eigenen grotesken Punk-Stil. Dabei wusste er wie affig das aussah, aber es tat ihm gut. Und jetzt brauchte er einen Kaffee.
Nach der Pause wurde Otto Ulich per Video zugeschaltet. Er befand sich auf einer Vortragsreise durch Deutschland und begrüsste nun aus einem Hotelzimmer in Düsseldorf Dara Baek und «seine lieben Kolleginnen und Kollegen». Dann kam er gleich zur Sache.
«Ich erkenne im neuen Namen, den sich das Institut geben will, ebenso wie in den Textvorschlägen für die zukünftige Präsentation auf der Webseite, den dezidierten Willen, ein eigenständiges Profil zu entwickeln, das sich explizit absetzen soll von vergleichbaren Instituten anderer Hochschulen. Ich weise ja schon seit längerer Zeit darauf hin, dass sich im Kunstsystem eine Spaltung, eine Art Schisma vollzogen hat – und sich weiter fortsetzt – zwischen einer sich selbst als autonom bezeichnenden Kunst, die sich jedoch am Markt orientiert. Der Kunstmarkt wird von seiner Spitze aus dominiert von Künstlern mit Siegermentalität sowie von Sammlern und Kunstmuseen der obersten Liga. Dieser Kunst steht eine andere gegenüber, die sich als Engagement, Aktionismus und Politik versteht und sich dem Markt gegenüber sperrig bis verweigernd verhält. Sie befriedigt das Distinktionsbedürfnis der Diskurseliten, zum Beispiel der Kuratorinnen und Organisatoren von Grossevents wie die Kasseler Dokumenta oder die Biennale in Venedig. Dass die Ausbildungsinstitutionen auf diese Entwicklung reagieren würden, war absehbar. Ebenso, dass sich ihre Mehrheit eher auf der Seite der politisch engagierten Kunst positionieren würde, wie es jetzt unser Institut offenbar mit Nachdruck und, wie ich finde, auch aus guten Gründen tut. Für die marktorientierte Kunst, welche im Erfolgsfall Oligarchen sowohl unterhält als auch ihr Bedürfnis nach Distinktion und positivem Image bedient, gibt es keine spezifische Ausbildung – noch keine, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch: ein globales Schullabel, eine durch Private finanzierte Schule mit Filialen in New York, Tokyo, Shanghai, London, Paris, Berlin und Dubai, wo den Studierenden beigebracht wird, welche Interessen und Mentalitäten die Superreichen in verschiedenen Kulturen entwickeln, und wie man diese bedient.»
Nun musste sich Härri einschalten.
«Ich möchte dich etwas fragen, Otto.»
Man schob das Mikrofon in seine Nähe. Härri räusperte sich und begann nochmals.
«Ich möchte gerne wissen, Otto ... Was spricht denn dagegen, dass die Kunstausbildung sich weiterhin auf die Vermittlung von Grundlagen konzentriert und es den jungen Künstlerinnen und Künstlern überlässt, ob sie ihre Kunst autonom verstanden haben oder sich politisch, aktionistisch ausdrücken wollen. Meinetwegen auch etwas dazwischen. Sollte man sie nicht die Grundlagen und das Rüstzeug für ihren je eigenen Weg erarbeiten lassen und sie darin begleiten? Zu einer Kunst mit den von ihnen gewählten Inhalten und Aussagen? So könnten sie selbst entscheiden, in welche der von dir beschriebenen Kunstwelten sie sich hineinbegeben wollen. Wir würden dafür sorgen, dass sie überall erfolgreich sein können.»
Härri wusste genau, dass er mehr zu Da-ra Baeck und Aurelia sprach als zu Ulich, und seine Äusserung war auch nur zum Schein in eine Frage gehüllt. Trotzdem antwortete ihm Ulich in der ihm eigenen, freundlich distanzierten Weise.
«Es spricht nichts grundsätzlich dagegen, Lukas. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren merken müssen, dass der Umfang und die Vielfalt dessen, was man unter dem sich immer mehr erweiternden Kunstbegriff als Grundlagen verstehen kann, dermassen in die Breite gewachsen ist, dass die Zahl der Workshops und Module manchmal kaum mehr zu organisieren war. Und logischerweise litt unter dem Bemühen nach Vollständigkeit auch die Vertiefung. Vielleicht ist also der Anspruch, alle Richtungen der Kunst in einer Ausbildung, in ein und derselben Institution abzudecken, schlicht und einfach unrealistisch geworden. Ein prononciertes Profil wie das hier vorgeschlagene sehe ich da als einen durchaus plausiblen Weg. Wer sich in Zukunft bei uns bewirbt, weiss, was sie oder er bekommt.»
Härri spürte, wie es in ihm hochkochte. Das Setting mit dem per Video zugeschalteten Kunsthistoriker, der dafür bekannt war, kontrovers geführte Diskussionen mit ein paar wohlgesetzten Argumenten entscheiden zu können, kam Härri wie ein abgekartetes Spiel vor. Ja, er traute Baek, dieser koreanischen Sphinx, einen solchen Schachzug durchaus zu! Dass alles schon im Voraus mit Aurelia und Ulich abgemacht gewesen war, die ganze Veranstaltung mit Einbezug der Kolleginnen nur der Wahrung des Scheins diente, Leitbild und Namensgebung des Instituts seien gemeinsam entwickelt und im Konsens verabschiedet worden.
Er hatte nichts mehr gesagt nach Ulichs Urteil. Mehrere seiner Kolleginnen, auch Da-ra Baek, stellten noch Fragen an den virtuellen Gast, aber Härri bekam davon nichts mit. Erst als ihm die Sekretärin seinen Becher mit Mineralwasser auffüllte und ihn fragte, ob alles gut sei, kehrte sein Geist wieder in die Wirklichkeit zurück, die ihn umgab. Ulich hatte sich verabschiedet, auf der Leinwand war ein Ablauf mit Terminen zu sehen. Baeck hatte sich daneben aufgestellt und erklärte die weiteren Schritte bis zur Inkrafttretung des neuen Namens und Leitbilds ihres Instituts. Es war noch möglich, Ergänzungen und Korrekturen einzubringen, aber nur noch kosmetisch, wie Härri feststellte. Wenn er in die Runde schaute, konnte er niemanden entdecken, der so enttäuscht und unzufrieden war wie er. Ulich hatte gesagt, zukünftige Studentinnen und Studenten würden in Zukunft wissen, was sie in der Ausbildung bekämen. Wussten die Kolleginnen und Kollegen, was sie zu vermitteln hatten? Wusste er es?
Als Baek zu einer abschliessenden Runde aufgefordert hatte und er an der Reihe war, musste er zuerst überlegen, was er sagen sollte. Dann entschied er sich für ein Zitat aus dem dicken gelben Buch, in dem er gerne las. Er richtete es direkt an seine Chefin.
«Die Worte des Ministers sind vernünftig, entschied Taizong erleichtert, wer weitere Einwände vorbringt, wird bestraft.»
Baek sah ihn mit undurchdringlicher Miene an.

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