Es ging auf die Abschlüsse zu. Vier aus dem Bachelor-Studiengang und drei Masterstudenten hatte er zu betreuen, fünf Frauen und zwei Männer. Zwei der jüngsten, T., die sich als Malerin verstand und P., der an einer graphic novel, seinem Opus magnum, arbeitete, hatten sich im Laufe des Jahres für die Lithografie interessiert. L. war glücklich gewesen darüber, dass die Druckwerkstatt wieder im Hauptstudium gebraucht wurde, und nicht nur in gelegentlichen wahlpflichtigen Workshops, die er anbieten durfte, oder in den öffentlichen Abendkursen, die von einer Kollegin aus der Vermittlung erteilt wurden. Dass es die Werkstatt mit ihrer tonnenschweren Ausrüstung überhaupt noch gab – historische Handpressen und jüngere, umgebaute Offsetmaschinen, ein paar Kubikmeter Kalksteine sowie Kästen voller Zubehör für die Malerei auf Stein, die Ätz- und Druckvorgänge –, und dass dies alles nicht verschenkt oder für einen symbolischen Preis ins Ausland verkauft worden war, durfte er seiner Beharrlichkeit anrechnen. Andere fanden: seiner Sturheit oder gar seiner Rückwärtsgewandtheit, eine Einschätzung, mit der er nie einverstanden gewesen war.
Er stand am grossen Trog aus Klinker und hielt den oberen seiner zwei Steine in wirbelndem Schwung. Der untere war sehr schwer, etwa acht Zentimeter dick bei einer Fläche von einem halben Quadratmeter. Er hatte ihn mit einem kleinen Handstapler hergeschafft, dessen Gabel sorgfältig auf die Höhe des Holzgestells über den Trögen eingestellt und ihn dann hinübergeschoben, immer darauf bedacht, seinem Rücken nicht zu viel Gewicht oder eine unbedachte Bewegung zuzumuten. Daraufhin hatte er den Stapler zur Seite gestellt, die Ärmel hochgekrempelt und den Stein mit der Brause gründlich benetzt. Die letzte Zeichnung, die er damit gedruckt hatte, war noch deutlich zu sehen. Farblos zwar, aber dunkler als der Rest des Steins, und das Wasser abstossend. Es war eine phantastisch überhöhte Abwandlung eines der Holzschnitte aus der «Reise in den Westen» gewesen, die er für seinen Freund Tourettchen gemacht hatte. Der Impuls, diesem eine Freude zu machen, hatte sich dabei verbunden mit einem diffusen Bedürfnis, frühere Themen und Arbeitsweisen wieder aufzunehmen, noch ohne zu wissen, wohin dies führen könnte. Er streute von dem groben, grünen Karborund-Sand auf den Stein, goss einen Becher Wasser dazu, vermischte und verteilte die dunkel gewordene Sauce auf der Fläche. Holte dann einen Stein aus dem Regal, mit dem er gerade noch ohne Stapler hantieren konnte. Er hievte ihn auf den grösseren und begann ihn auf dem Schleifbrei in Drehung zu versetzten.
Nein, es ging nicht um Rückständigkeit. Weder um retro noch um vintage. Es war ihm ums Verstehen gegangen, um sein eigenes in erster Linie. Fast gleichzeitig hatte er sich damals die Grafikprogramme auf dem Computer und die Lithografie von Experten zeigen lassen, sich dann als überzeugter Autodidakt in die Komplexität der Techniken und Abläufe verbissen. Und viel darüber gelesen. Das am meisten benutzte Programm war von Lithografen entwickelt worden, wie ihm schnell klar wurde. Als Maler hatte er immer gelitten unter den sumpfig-instabilen Verhältnissen auf Palette und Leinwand. Unter seiner Ungeduld, mit der er auf noch nicht trockenen Schichten weitergemalt hatte wider besseres Wissen, Farbmischungen und Strukturen erzeugend, die chaotisch aus Ungeschick entstanden und nachträglich unter beträchtlichem Aufwand integriert werden mussten, auf dem Bild durch immer weitere Korrekturen, und im Kopf durch Kapriolen, welche Ungewolltem eine höhere Absicht, Absurdem einen Sinn zu geben suchten. Das war auch der Grund gewesen, warum er die Ölmalerei aufgegeben und sich der Acrylfarbe zugewandt hatte. In der Lithografie genoss er nach einer langen Phase der Annäherung, während der er jeden Arbeitsschritt von einem Handzettel hatte ablesen müssen, die klare Trennung vom Akt des Zeichnens und Malens, der immer mit Schwarz auf den gräulichen bis ockerfarbigen Stein ausgeführt wurde, von dem der Farbentscheidung. Er stellte diese und viele weitere Parallelen zwischen der körperlich anstrengenden Drucktechnik und der Arbeit mit dem Grafikprogramm fest. Die rationale Planung einer Bildidee, dank der Ebenen, in denen das Bild gedacht werden musste. Die Verwendung von Schablonen und Masken, einer grossen Auswahl an Zeichen- und Malwerkzeugen. Die Reversibilität von Entscheidungen, die bei der digitalen Malerei grundsätzlich gegeben war unter Voraussetzung einer gewissen Disziplin beim Speichern und Ordnen der Zwischenergebnisse, erwies sich bei der Lithografie allerdings als deutlich eingeschränkt. Erst wenn eine Farbe gedruckt war, konnte man letztlich ihre Wirkung im Zusammenspiel mit den anderen Farben erkennen, vor allem dann, wenn man sie mit Transparentweiss gemischt hatte und beim Überdrucken neue Töne entstanden. Eine Korrektur war dann zwar möglich, aber erst im Hinblick auf ein anderes Blatt. Er musste also lernen, von Anfang an so viele zu drucken, dass nach dem Wegfall der Fehldrucke noch eine genügend grosse Auflage übrigblieb. Er hatte sich beim Lithografieren zuweilen dabei ertappt, dass er, für den Bruchteil einer Sekunde, den Reset-Befehl suchte, die Tasten command und Z.
Als er zum zweiten Mal Sand auf die Fläche streute, war der ursprünglich noch erkennbare, gefesselt in einem Baum hängende Dämon verschwunden.
Mit welchen Arbeitsschritten L. nun seinen Stein fertig präparierte, sei hier nicht weiter aufgeführt. Wenden wir uns dem aufgehängten Dämon zu um zu erfahren, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Auf ihrer Reise in den Westen kamen der Schriftenholer und Mönch Xuanzang, auch Tripitaka genannt, und seine drei Schüler und Bewacher, der Pilger Sun Wukong, der auch Affenkönig hiess, der eberköpfige Tölpel Zhu Bajie und der Sandmönch Sha Wujing, zwischen Herbst und Winter zu einem hoch aufragenden Gebirge. Es wurde beleuchtet von einem unheimlichen Licht, und plötzlich erblickten sie eine rote Wolke, die bis zum neunten Himmel aufstieg. Sun Wukong warnte die andern, hier gehe ein Dämon um und zog den Meister aus dem Sattel, um ihn besser beschützen zu können.
In der roten Wolke versteckte sich tatsächlich ein Dämon, der von der Pilgerreise Tripitakas erfahren hatte und wusste, dass dieser die Reinkarnation von Meister Goldzikade, einem der ersten Jünger Buddhas war. Er wollte den Heiligen fangen und fressen, da er sich von seinem Fleisch Unsterblichkeit erhoffte. Wie er aus seiner Wolke herabsah auf die Pilgergruppe, musste er allerdings feststellen, dass das Objekt seiner Begierde gut bewacht war. Darum beschloss er, eine List anzuwenden. Er verwandelte sich in einen nackten siebenjährigen Knaben, fesselte sich selbst mit Stricken und hängte sich in das Geäst eines Baumes, an dem die Pilger vorbeikommen mussten. Dann begann er, um Hilfe zu schreien.
Da sich unterdessen die rote Wolke aufgelöst hatte, liess Sun Wukong seinen Meister wieder auf das Pferd steigen und weiterreiten. Es habe sich wohl nur um einen «durchreisenden Dämon» gehandelt. Tripitaka bezweifelte diese Erklärung, und dazu hörte er nun Hilfeschreie aus der Ferne. Sofort wollte er dem Notleidenden zu Hilfe eilen. Sun Wukong aber ahnte, dass dies eine Falle sein könnte und bat den Meister, das Geschrei nicht zu beachten. Damit sie dem Schreienden gar nicht begegneten, vertauschte er durch einen Zauber ein paar Berge und Entfernungen, sodass sie bereits an dem Ort vorbei waren, woher der Hilferuf gekommen war. Tripitaka und die andern merkten nichts davon, wohl aber der Dämon, der sich wieder mit seiner roten Wolke hoch hinauferhob, um Ausschau zu halten. Sun Wukong sah ihn und hiess den Meister wie zuvor absteigen, bis die Wolke verschwunden war. Als er die Gruppe zum Weiterreiten aufforderte, ärgerte sich Tripitaka so sehr über Sun Wukongs Hin und Her, dass er beinahe den Zauberspruch aufsagte, mit dem er den Reif um den Kopf des Affenkönigs verengen und ihn so bestrafen konnte.
Unterdessen hatte sich der Dämon wieder in der Gestalt des nackten Jungen in einen Baum gehängt, diesmal ganz in ihrer Nähe, und wieder schrie er jämmerlich um Hilfe. Tripitaka war nun nicht mehr davon abzuhalten, dem Schreienden zu helfen. Er ritt zu dem Baum und fragte den Knaben, wie er heisse und wie er in diese Notlage geraten sei. Der Dämon erzählte ihm eine erfundene Geschichte. Seine Familie sei von Räubern überfallen worden, die den Vater getötet, ihn und seine Mutter aber entführt hätten. Er selbst sei hier aufgehängt worden, damit er erfriere und verhungere. Tripitaka befahl Bajie, den Knaben loszubinden, aber Sun Wukong erkannte in dem Knaben den Dämon. Er beschimpfte ihn und wies ihm nach, dass seine Geschichte nicht stimmen könne. Bajie aber hielt zu Tripitaka, holte den Jungen herunter und band ihn los. Der Meister bot ihm das Pferd zum Reiten an, aber der Dämon wusste sehr wohl, dass es sich bei dem Reittier um ein Drachenpferd handelte. Also lehnte er ab mit der Behauptung, er könne nicht reiten. Auch von Bajie und von Sandmönch wollte er nicht getragen werden unter dem Vorwand, dass er sich vor ihrem Äusseren fürchte. Mit solchen Ausflüchten erreichte er es, von Sun Wukong getragen zu werden, den er mit seinen Zauberkräften zu besiegen gedachte. Aber Sun Wukong, der den Knaben lachend auf den Buckel nahm, hatte umgekehrt vor, den Dämonen bei der nächsten Gelegenheit zu töten. Da dieser jedoch die Absichten des Affenkönigs durchschaute, machte er sich durch Zauber bald so schwer wie ein Berg, sodass ihn Sun Wukong abwarf, packte, und gegen einen Felsen schleudern wollte. Der Dämon aber liess seinen Urgeist aus dem Körper entfliehen und stieg so bis in den neunten Himmel empor, von wo aus er zusah, wie Sun Wukong den Knabenkörper zerschmetterte. Noch während dieser mit seiner Vernichtungsarbeit beschäftigt war, erzeugte der Dämon einen Wirbelwind, der die Pilger in eine Wolke von Staub einhüllte und ihnen Holzstücke und Steine ins Gesicht blies. In dem entstehenden Durcheinander entführte er Tripitaka, ohne dass es seine Beschützer verhindern konnten.
Sun Wukong und Bajie waren so ernüchtert und enttäuscht über diese Niederlage, dass sie sogleich ihre Mission aufgeben wollten und fanden, jeder solle nun seiner Wege gehen. Darüber entrüstete sich der Sandmönch heftig und rief seine Kollegen zur Pflicht, den Mönch aus den Klauen des Dämons zu retten. Und tatsächlich verstärkte Sun Wukong nun seine Anstrengungen. Er verwandelte sich in ein Ungeheuer mit sechs Armen und drei Köpfen, und auch seine Waffe, die Eisenstange, verdreifachte er. In dieser eindrucksvollen Gestalt jagte er von Ost nach West und wieder zurück, scheuchte dabei eine ganze Horde von Berggöttern und Erdgeistern auf, die in der Gegend wohnten und nun ihre Hilfe anboten. Alle litten sie seit langem unter der Herrschaft des Dämons und wollten ihn endlich loswerden. Sun Wukong erfuhr von ihnen, dass es sich bei dem Ungeheuer um den Sohn des Rinderdämons handle. Er heisse «Rotkindchen», oder mit Ehrennamen «Grosser König des Heiligen Embryos». Erfreut stellte Sun Wukong fest, dass er eigentlich der Onkel des Dämons sei, da er mit dessen Vater, dem Rinderdämon, einst Bruderschaft geschlossen habe. Sicher könne er sich über die Herausgabe des Meisters mit dem Dämon einigen, wenn dieser erfahre, dass sie verwandt seien.
Die Berggötter und Erdgeister führten nun Sun Wukong und Bajie zur Grotte des Dämons, während Sandmönch mit dem Pferd auf ihre Rückkehr wartete. Vor der Höhle tummelten sich viele kleine Ungeheuer, die sofort hineinflitzten und ihrem Meister die Ankunft von Sun Wukong und Bajie meldeten. Der Dämon liess seine Untergebenen darauf fünf Schubkarren vor die Höhle stellen und zwar in der Anordnung der fünf Wandlungsphasen oder Elemente. Erst dann trat der Dämon mit einem Flammenspeer vor die Grotte und fragte, wer es wage, seine Ruhe zu stören. Sun Wukong trat vor, sprach ihn als «Neffen» an und forderte die Freigabe Tripitakas. Er würde es sonst dem Vater des Dämons melden, mit dem er einst Bruderschaft geschlossen habe. Der Dämon glaubte ihm nicht und verhöhnte ihn, worauf ein wilder Kampf über zwanzig Runden begann. Als Bajie sah, dass der Dämon in Defensive geriet, wollte er Sun Wukong helfen, den Kampf zu beenden und schlug mit seinem Rechen zu. Da floh der Dämon zu seiner Grotte, wo er begann, sich selbst die Nase blutig zu schlagen. Aus dem Blut wurde Feuer, womit er, speiend und schneuzend, die Karren in Brand setzte und schliesslich die ganze Höhle in ein Flammenmeer verwandelte. Bajie zog sich eilends zurück, aber Sun Wukong vollzog ein Fingerzeichen zur Flammenabwehr und stürzte sich in die Grotte.
Was er nicht wusste: das Feuer war ein wahres «Samadhi-Feuer». Der Dämon konnte die Energie der höchsten Erleuchtung in ein zerstörerisches Feuer verwandeln. Die Karren, angeordnet nach den fünf Wandlungsphasen, verstärkten dessen Kraft zusätzlich. Sun musste bald einsehen, dass er dem Feuer nicht standhalten konnte und floh aus der Grotte zu Bajie und Sandmönch. Sie berieten sich, wie man weiter gegen den Dämon vorgehen könnte. Sandmönch schlug vor, die Hierarchie der Wandlungsphasen zu nutzen und das Feuer mit Wasser zu bekämpfen. Sun Wukong fand den Vorschlag gut und machte sich auf den Weg zum Drachenkönig des Ostmeers um ihn um Wasser zu bitten in der Form eines lokalen Starkregens. Der Drachenkönig rief seine Brüder der anderen Meere zusammen und gemeinsam machten sie sich auf zur Grotte des Dämons. Sun Wukong ordnete an, die Verbündeten sollten erst und nur dann eingreifen, wenn der Dämon sein Feuer zünde.
Wieder stellte sich der Affenkönig vor die Grotte und forderte den Dämon mit lauter Stimme heraus. Dieser trat aus dem Dunkel der Höhle und es gab einen langen Kampf, bis der Dämon sich abermals zurückzog, sich die Nase blutig schlug und alles in Brand steckte. Sofort liessen die Drachenkönige einen gewaltigen Platzregen auf die Grotte niedergehen. Aber leider konnte gewöhnliches Wasser ein Samadhi-Feuer nicht löschen, im Gegenteil: es war, als ob man Öl ins Feuer gegossen hätte. Alles brannte lichterloh und unter höllischer Hitze.
Trotzdem stürzte sich Sun Wukong voller Wut und mit Feuerschutz in die Grotte. Aber diesmal blies ihm der Dämon auch noch einen beizenden Rauch in die Augen, was Sun Wukong seit seinem Kampf mit Laozi, als dieser ihm ebenfalls mit Rauch die Augen verätzt hatte, gar nicht vertragen konnte. Sun Wukong floh blindlings aus der Grotte und stürzte sich in den nahen Wildbach, um sich abzukühlen und sich die Augen auszuwaschen. Das kalte Wasser aber trieb ihm die Energie des Feuers direkt ins Herz, sodass ihm alle drei Lichtseelen aus dem Leib fuhren. Dem armen Affenkönig blieb der Atem stehen, und sein Leben war hin. Doch davon, wie Sun Wukong sein Leben wieder erlangte, sei hier nicht weiter die Rede.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen