Härri war vom Geräusch des Flusses erwacht, einem gleichmässigen Rauschen, das er träumend in die Tonspur eines Films eingebaut hatte. Das Haus, in dem er früher mit seiner Frau und den zwei Kindern gewohnt hatte. Er schliesst die schwere Haustüre auf, hastig, weil er seiner Frau etwas Wichtiges sagen muss. Durch die Windfangtüre mit den geätzten Gläsern hört er schon das Wasser. Als er hineinstürzt: Ein Wasserfall anstelle der Treppe! Er muss hinter den tosenden Vorhang gelangen, kann sich aber der quälenden Unmöglichkeit entziehen, indem er aufwacht.
Als er mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor die Türe des kleinen Fischerhauses trat, suchte er nach der Quelle des Rauschens. Der ufernahe Teil des Stegs war überflutet, der vordere hatte sich zwischen den eisernen Pfosten emporgearbeitet und zeigte wie eine Sprungschanze in den Himmel. Darunter vibrierte der graue Schwimmkörper, eine Bugwelle aufwölbend wie ein auftauchendes U-Boot. Der Fluss war ockerfarben, das Wasser teigig und voll mit Holz. Knapp über die Oberfläche ragende Äste, Balken und Baumstämme flitzten mit beunruhigender Geschwindigkeit an Härri vorbei. Eine zerbrochene Palette hatte sich zwischen Pfosten und Schwimmer des Stegs verkeilt und würde bald weiteres Treibgut einfangen. Das war es, was so rauschte. Er hoffte, der Steg würde dem Druck standhalten, der Höchststand des Hochwassers war noch nicht erreicht. Es sollte noch ein paar Tage anhalten. Schon wieder!
Härri kehrte ins Haus zurück. Über den Tisch verstreut lagen die Notizen für die heutige Sitzung der Institutsleitung. Er hatte sich vorgenommen, seine Bedenken gegenüber dem neuen Leitbild deutlich zu äussern. Wobei zu erwarten war, dass er damit den Konsens der Kolleginnen stören würde, die sowohl Leitlinien als auch die neue Bezeichnung des Instituts, im Wesentlichen vorgeschlagen von Da-ra Baek als kürzlich an die Akademie berufene Chefin, begeistert aufgenommen und sich darauf eingestellt hatten, alles per Akklamation durchzuwinken. Er wollte also gut vorbereitet und mit schwer widerlegbaren Argumenten bewaffnet zu dem Anlass erscheinen. Zusätzlich zu den Randnotizen und Unterstreichungen, die er in Baeks Entwurfstext geschrieben hatte, nahm er zwei Gedanken mit, die er im Hinterkopf behalten wollte. Es waren schon fast Vorsätze. Erstens: «Halte dich fern von Illusionen!» Das war die Stimme von Fässler, seinem früheren Lehrer in Hamburg. Härri wollte sich damit in Erinnerung rufen, dass selbst dann, wenn es ihm gelänge, alle von seiner Meinung zu überzeugen und einen Text durchzusetzen, der ganz mit seiner Haltung übereinstimmte, dies doch nur in eine auf Papier und auf Bildschirmen festgehaltene Absichtserklärung münden würde. Die tatsächliche Umsetzung in die chaotische und oft von Zufällen geleitete Praxis war immer etwas anderes. Er war schon eine ganze Weile an der Akademie, hatte folglich schon mehrere solcher Anläufe erlebt. Auch er hatte einmal, als er für kurze Zeit die alleinige Leitung des Instituts innehatte, dem Betrieb auf solche Weise seinen Stempel aufdrücken wollen. Funktioniert hatte es nicht. Innovationen fanden dennoch statt, aus kollektiver Intuition, an den schriftlich festgehaltenen Setzungen vorbei, manchmal, eher zufällig, mit ihnen im Einklang. Zweitens sagte er sich: «Du bist alt, vielleicht schnallst du nicht mehr alles.» Das war Tourettchens Stimme. Er wusste, dass dies der schwierigere Teil seiner Vorsätze war: In Bescheidenheit den jüngeren Leuten zugestehen, dass vielleicht sie recht hatten, und er unrecht. Dass die Jüngeren anders in der Gegenwart lebten als er, der nur noch einen Teil ihrer Zukunft mit ihnen teilen würde. Viele von ihnen waren auf eine existenzielle Weise besorgt um die Entwicklung der Welt, von der er, im Gegensatz zu ihnen, nur noch einen Zipfel erleben würde. Da-ra Baek stand vom Alter her zwischen ihm und den jungen Dozentinnen, aber sie redete, als wüsste sie viel mehr über die Zukunft als er.
Er wappnete sich zusätzlich, indem er sich ein dunkles, fast faltenfreies Hemd aussuchte und vor dem Spiegel anzog, die kleine Plastikbürste unter den Wasserhahn hielt und sich damit die weissgrauen, struppigen Haare durchkämmte. Sie hatten die richtige Länge, so wie auch der kurz geschnittene Bart, und als er den Busch auf seinem Scheitel zu einem schräg nach hinten strebenden Kamm geformt hatte, wandte er sich zufrieden ab, langte die warme Jacke vom Haken, holte das Fahrrad aus dem Schopf und machte sich auf den Weg.
Die Akademie hatte zwei Standorte. Der eine davon war das historistische Gebäude der einstigen Kunstgewerbeschule auf der Rheininsel. Der zweite befand sich in zwei grossen Hallen einer ehemaligen Spinnerei, die man nach dem Konkurs des Unternehmens zuerst hatte verwahrlosen lassen. Später waren sie abwechslungsweise von Jugendlichen, dann wieder von der Polizei besetzt worden. Auf Druck des Parlaments und der Öffentlichkeit musste die Stadt die Anlage kaufen, worauf man sie der Akademie mit der Auflage, regelmässig öffentliche Ausstellungen zu organisieren, zur Nutzung überliess. Das war vor gut dreissig Jahren gewesen. Die «Spinnerei», wie dieser Standort, halb liebevoll, halb spöttisch noch immer genannt wurde, stand am südlichen Stadtrand in der Nähe der Eisenbahnlinie. Dorthin sollte Härri eigentlich unterwegs sein.
Weil er seine Einwände gegen Baeks Konzept in Gedanken nochmals durchging, fuhr er allerdings einem Automatismus folgend in die Richtung des alten Gebäudes und musste, als er es merkte, einen Umweg nehmen, so dass es knapp wurde, obwohl er genau das nicht gewollt hatte: verschwitzt ankommen und keine Zeit haben, sich zu sammeln vor dem Sitzungsbeginn. Nun war es wieder einmal anders gekommen, aber als er erhitzt beim Personenlift ankam, sah er zu seiner Erleichterung, dass er nicht der Letzte war.
Härri liess A. und X. den Vortritt in die Kabine, die mit ihnen drei wegen A’s. Leibesfülle und ausladender Kleidung auch schon voll war. A. trug einen weiten, schwarzgrünen Daunenmantel mit einem Pelzkragen aus grell pinkfarbigen Fasern, die wie Zuckerwatte ihr rundes Gesicht umrahmten und sich mit den offenen, metallisch dunkelrosa gefärbten Haaren vermischten. Unter dem offenstehenden Mantel, den sie beim Sprechen mit in den Taschen versenkte Händen in lebhafte Bewegung versetzte, sah man ein silbern glänzendes Top, darunter einen weissen, gestrickten kurzen Rock, der sich über ihren runden Bauch spannte. Sie hatte Härri knapp begrüsst und gleich weiter auf ihre Freundin X eingeredet, die ihr nun, eingeklemmt in die hintere Ecke des Lifts, gegenüberstand mit gerunzelter Stirn. Ihr Gesicht wurde eingerahmt von rabenschwarzen Haaren – halblang und mit akkurat geschnittenen Fransen – und wirkte wie immer bleich. Ihre Kleidung war im Wesentlichen schwarz. Ein Wolljäckchen mit zwei silbernen Broschen – Härri konnte nicht erkennen, ob sie Blumen oder Vögel darstellten –, darunter ein schwarzes T-Shirt mit verschiedensten Variationen christlicher Kreuze, weiss aufgedruckt. Der Rock gefältelt, schwarz mit feinen rosa Streifen. X. schien A’s begeistertem Bericht über irgendeine Serie nicht zuzuhören. Ihre mit Kajal umrandeten Augen starrten unter den schwarzen Brauen ins Leere.
Als sie im dritten Stock angekommen waren, stieg Härri als erster aus. Er hatte den unangenehmen Eindruck, auf der kurzen Fahrt mit dem Duft von A’s. blumigen Parfüm imprägniert worden zu sein und roch auf dem Weg zum Saal, in dem die Sitzung stattfinden sollte, verstohlen an seinen Ärmeln. Als er sah, wie beide Begleiterinnen aus dem Lift auf die Tür des Raums zustrebten, begriff er, dass Baek entschieden hatte, die Diskussion über das neue Leitbild schon jetzt im erweiterten Kreis der Dozentinnen zu führen und nicht zuerst im Vierergremium der Leitung, zu dem er gehörte, Vorentscheidungen zu treffen. Einen Stich gab es ihm, das war nicht abgesprochen! Aber wie auch schon, seit Baek seine Chefin war, fragte er sich beim Eintreten, ob vielleicht er etwas verpasst habe, denn seine Kolleginnen wirkten nicht überrascht vom Setting.
Und da sass, oder besser: tronte sie. Da-ra Baek! Noch nicht am rechten Kopfende des langen Tischs, wo bald ihr Platz sein würde, mit der ausziehbaren Projektionswand im Rücken. Sie hatte es sich, ganz und bis auf die Farbe der Knöpfe an Bluse und Hose, in Schwarz gekleidet, auf dem Sofa bequem gemacht. Die silbrig weiss gefärbten Haare verschmolzen mit der weiss gestrichenen Backsteinwand dahinter. Sie liess die Eintretenden an sich vorbeiziehen und ihre Plätze am Tisch einnehmen. Von manchen wurde sie begrüsst mit Kopfnicken und verhaltenem ‘Hallo’, andere bemerkten sie erst, als sie sassen. Härri hatte nach dem Eintreten etwas beschleunigt, weil er seine Position am Tisch nicht dem Zufall überlassen wollte. Er setzte sich mit dem Rücken zum Fenster auf den zweiten Stuhl, rechts neben dem noch leeren Platz der Chefin, und wie er erwartet hatte, kam gleich nach ihm die Sekretärin und Pförtnerin des Instituts und nahm den ersten ein. Ihre Wärme und vermittelnde Freundlichkeit würden ihm helfen ruhig zu bleiben, falls es mit Baek zu einer Konfrontation kommen sollte, so seine Hoffnung. Er packte Notizen und Stift aus dem Rucksack und blickte dann zu Baek hinüber, die noch immer auf dem Sofa sass. Woran nur erinnerte ihn diese Haltung? Sie hatte den einen Schuh abgestreift. Ihr rechtes Bein stand auf der Sitzfläche des Sofas, spitz angewinkelt zwischen dem nackten Fuss und ihrem Gesäss. Das andere Bein in entspannter Sitzhaltung, mit dem Fuss flach am Boden. Auf dem hochgezogenen Knie ruhte lässig der ausgestreckte rechte Arm, mit leicht hängender Hand wie bei einer Frau, die ihren Nagellack aushärten lässt. Die linke Hand stützte sie auf der Sitzfläche auf, bei gestrecktem Arm. Königlich sah sie aus, das musste Härri zugeben. In diesem Moment sah sie ihn durch die breitrandige Brille kurz an, nahm dann das Bein vom Sofa und stand auf. Suchte nun nach ihrem Schuh, zirkelte den Fuss hinein und kam an den Tisch. Noch im Gehen begann sie mit ihrer Begrüssung:
«Guten Tag uns allen! Ich bin glücklich, dass ihr euch den Termin einrichten konntet. Alle, die ich eingeladen habe zu dieser für unser Institut wichtigen Zusammenkunft.»
Jetzt wusste er es: Guanyin! Die Boddhisatva in der Pose, die er Tourettchen in mehreren Variationen gezeigt hatte und die jener hatte nachmachen wollen, vergeblich, weil er die Ruhe nicht hinbekam, die nötig war, um «den Mond im Wasser zu betrachten» und dabei «den Ton der Welt zu hören».
Die Einleitung seiner Chefin hatte er nun verpasst. Bereits leuchtete von der Leinwand der Text auf, den sie alle auch auf Papier ausgedruckt vor sich liegen hatten. Härri verglich die aktuelle Version mit seiner von eigenen Kommentaren übersähten. Es waren keine Änderungen mehr dazugekommen. Rings um ihnen standen die Kolleginnen auf und rüsteten sich mit farbigen Zetteln und breiten Filzstiften aus. Erst jetzt bemerkte er die grossen Poster an den Wänden, auf denen im oberen Teil je zwei Sätze aus dem Text aufgedruckt waren. Er machte sich an den Werkstattleiter heran und fragte ihn mit einem entschuldigenden Grinsen: «Was müssen wir jetzt machen?»
«Auch nicht aufgepasst?, fragte dieser freundlich zurück. «Unsere Kommentare dazu hängen. Und gleich auch diskutieren, so «marktplatzmässig» ... Glaube ich jedenfalls.»
Härri ärgerte sich. Er hatte sich auf einen einzigen Auftritt vorbereitet, eine Art Plädoyer für einen Textvorschlag, der mehr von Nüchternheit geprägt wäre, auch von expliziten Bezugnahmen auf die zu erwartende Berufsrealität der Studienabgängerinnen. Für eine Zurücknahme auch der vielen, seiner Meinung nach zu hohen und zu diffusen Ansprüchen. Nun griff er halt zu seinen Notizen, nahm sich einen kleinen Stapel gelber Zettel – X. sah es und kommentierte: «Oh, da hat jemand einiges einzuwenden!» – und machte sich auf den Weg zum Plakat mit den ersten zwei Sätzen. Da stand:
Das Institute «Art Gender Planet» steht ein für eine Praxis der Kunst, welche sich an Werten der Vielfalt, des friedlichen Zusammenlebens und der Koexistenz mit allen Lebewesen des Planeten, der sozialen Gerechtigkeit und der Liebe orientiert. Die Praxis soll zur Substanz werden, die alles durchdringt und sowohl Materialien als auch Technologien befragt.
A. stand bereits zusammen mit X und den beiden IT-Menschen vor dem Text und las ihn laut vor, obwohl ihn sicher alle auswendig kannten. Härri entfernte sich nochmals von der Gruppe, auf der Suche nach einer Schreibunterlage, setzte sich kurz an einen kleinen Tisch in der Nähe und übertrug verkürzte Versionen der Einwände in seinen Notizen auf die gelben Papierstücke. Als er zurückkam um sie an die Wand zu heften, traten die andern zur Seite, verstummten und schauten ihm zu. Es waren vier Zettel, auf denen kaum genug Platz war für seine Kommentare.
Auf dem ersten Zettel stand:
Zum Titel:
- «Gender» kommt im Text nur implizit vor. Warum dann im Titel?
- «Planet»: Auf diesem uralten Planeten sind wir eine Episode, der Planet kann (und wird) gut ohne uns weiterexistieren. Ist es nicht anmassend, «für die Natur», gar «für den Planeten» zu sprechen?
Auf dem zweiten Zettel:
Zur «Koexistenz mit allen Lebewesen»:
- Da wird ein ökologischer Ansatz beschworen, der sehr schwer einzulösen ist. Es gibt Kunsthochschulen in unserem Land, die viel in entsprechende Forschung investieren. Wollen / können wir das?
Auf dem dritten:
Zur «Liebe»:
Was ist das? Verstehen wir alle dasselbe darunter? (Es gibt toxische Formen der Liebe!) Und: wie ist die Aussenwirkung, wenn wir so etwas auf die Startseite schreiben?
Und auf dem vierten:
Zur «Praxis als Substanz»:
Der Begriff Substanz hat eine lange und komplizierte Geschichte. Was soll er für uns, heute, bedeuten? Oder geht es da um «altes Wissen», um die «prima materia» der Allchemisten etwa?
Kaum war er von der Wand zurückgetreten, als A. auf das Blatt mit der Liebe zutrat, mit einer grossen Geste darauf zeigte und eine Rede zugunsten des Begriffs hielt. Dafür war sie die zuständige Fachfrau, ohne Zweifel. Härri hatte es schon beim ersten Durchlesen des Textes für wahrscheinlich gehalten, dass sie die Liebe ins Spiel gebracht hatte. A., die immer und jederzeit in jemanden verliebt war, manchmal in zwei drei Personen auf einmal, wobei weder biologisches Geschlecht noch die gendermässige Einordnung eine Rolle spielten. Heikel fand nicht nur er die verschwommenen Grenzen zu Kolleginnen, noch mehr zu Studentinnen und Studenten, die A. ziemlich willkürlich und eigenmächtig definierte. Das war auch ein Grund gewesen, warum er die Bemerkung zur Aussenwirkung aufgeschrieben hatte. Er wollte aber nicht mit ihr, und schon gar nicht jetzt schon zu streiten anfangen und machte sich mit einer gemurmelten Entschuldigung auf den Weg zu den anderen Wänden.

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