AURELIA – Darf ich mich auch noch äussern zu Lukas? Zu dem Mist, den er gebaut hat und zur Androhung der Direktion, ihn hinauszuwerfen? Es ist ja typisch, dass die Häme gegen feministische Konzepte an unserem Institut von zwei alten Cis-Männern ausgeht, die mal kurz zusammen ein Bier trinken gegangen sind. Offenbar war Härri frustriert, weil er sich beim Konzipieren des neuen Leitbilds und Namens nicht gehört fühlte. Weil er unterlag mit seinen Ansichten. Aber, mein Gott, wir Frauen erleben das seit tausend Jahren! Ich weiss, es ist nicht einfach für ihn mit seiner Malerei. In Deutschland, wo er herkommt, ist die immer noch hoch im Kurs an den Akademien. In Berlin, Hamburg, Düsseldorf und so weiter. Dort hat an vielen Orten das System der Meister mit ihren Schülern überlebt. Selten auch der Meisterinnen. Da ist für die jungen KünstlerInnen entscheidend, dass sie einen berühmten Namen angeben können, bei dem sie studiert haben. So ein richtig beschissenes patriarchales System. Das würde Härri natürlich passen. Aber dazu hätte er es halt an eine der deutschen Akademien schaffen müssen. Ich weiss gar nicht, warum und wie der in Augst gelandet ist. Als ich kam, war er schon lange hier. Ein alter Hase. Ich muss zugeben, er hat mir gefallen, und wir hatten sogar mal eine Zeit lang was miteinander. Als wir dann in der Zwischenphase vor Da-ra die Leitung zusammen gemacht haben, war diese Beziehung schon vorüber. Ich hatte mich in Richtung pansexuell umorientiert, und ihm war es wohl lieber, Privates und Berufliches schärfer zu trennen. Härri kann explosiv sein, aber im Grunde ist er ein friedliebender Mensch. Mit seinen Privilegien kann man sich das leisten. Geschieht ihm recht, dass er nun mal aufs Dach bekommen hat. Ich hoffe, Da-ra zieht das auch konsequent durch und haut ihm sofort auf die Finger, wenn er sich nochmals so querlegt. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sie zu ihm steht. Natürlich wäre es hart für ihn, wenn er ein paar Jahre vor der Pensionierung seine Stelle verlieren würde, ist mir schon klar. Er würde dafür ausschliesslich uns die Schuld geben, den Hexen. Aber wir lassen uns einfach nichts mehr gefallen. Von jetzt an müssen sich die Männer anpassen, die alten sowieso.
Nach dem aussergewöhnlichen meteorologischen Ereignis vom vorigen Tag in La Chauds-de-Fonts wurde man auf allen Informationskanälen über den dazugehörigen Begriff, die dahintersteckende Dynamik sowie den vermuteten Zusammenhang mit der Klimaerwärmung belehrt. Das in dieser Heftigkeit zum Glück seltene Wetterphänomen hiess «Downburst», was wörtlich übersetzt das «Herunterplatzen» eines grossen Luftpakets unter einer sehr aktiven Gewitterzelle bedeutet. Den Grund dafür sahen die Meteorologen in einer rasanten Abkühlung der Luft, wenn das darin enthaltene Wasser in kurzer Zeit seine Zustände wechselt und von Eis zu Regen, dann zu Dampf wird. Die Luftsäule wird dadurch stark abgekühlt und so schwer, dass sie in sich zusammenbricht und sich senkrecht nach unten stülpt, wo sie auf den Boden trifft und explosionsartig in alle Richtungen verspritzt. Der Aufprall beschleunigt die Bewegung zusätzlich und es entstehen wie beim vorliegenden Fall im Freiburger Jura Windböen mit einer Geschwindigkeit von über zweihundert Kilometern pro Stunde. Auf den verwackelten Videos, die von geschockten Augenzeugen aufgenommen und im Netz verbreitet wurden, konnte man sehen, was bei solcher Dynamik alles zu fliegen beginnt: Tische und Stühle, von Dächern abgerissene Bleche, Fahrräder und Mopeds, Äste, Teile von Gerüsten und Baukranen, Firmenschilder und Plakatwände. Es war lebensgefährlich, sich im Freien aufzuhalten, und im Innern der Häuser hielt man sich besser fern von den Fenstern, die zum Teil eingedrückt wurden wie unter Artilleriebeschuss. Ein Baukran fiel auf zwei Autos, die dadurch in Brand gerieten. Dabei kam eine Frau ums Leben. Die Experten wiesen auf einen indirekten Zusammenhang des ausserordentlichen Ereignisses mit der Klimaerwärmung hin. Mehr Wärme bedeute mehr Energie und Dynamik in der Atmosphäre, was wiederum besonders heftige Wetterausschläge begünstige.
Obwohl die Gewitterzelle, die das Ereignis in der Uhrenstadt verursacht hatte, auf dem weiteren Weg noch lange nicht ihre ganze Kraft aufgebraucht hatte und auch über Augst hinwegfegte, kam es dort nur zu geringen Schäden. Immerhin hatte Härri noch nie zuvor solche Wogen auf dem Rhein gesehen. Der Wind schien in den oberen Wasserschichten die Strömung des Flusses gänzlich anzuhalten, was zu stehenden Wellen von gegen zwei Metern Höhe führte. Ihre Breite erstreckte sich über die halbe Breite des Rheins und die Schaumkronen wurden in Fetzen weggerissen. Als Härri nach dem Sturm ums Haus ging, um nach Schäden Ausschau zu halten, stellte er fest, dass ein Fensterladen am Boden lag. Die Beschläge hingen noch an den Angeln. Die Blache, mit der er seinen Holzhaufen abgedeckt hatte, war verschwunden, und auch den kleinen Gartentisch sah er nirgends. Er fand ihn später bei einem der Doppelhäuser weiter rheinaufwärts in der Garageeinfahrt, die ins Untergeschoss führte und sich mit allerlei Sperrmüll gefüllt hatte. Die Schweissnaht eines der Tischbeine war gebrochen. Er würde das Möbel bei Gelegenheit in die Werkstatt des Instituts mitnehmen müssen.
Ein Donnerwetter ganz anderer Art gab es von Noah, der ihn an diesem Tag nach dem Sturm besuchte. Härri bemerkte Turettis Wut schon bei dessen Eintreten an den vielen und heftigen Ausrufen. Noch bevor er ihm den üblichen Kaffee brauen konnte, kam Noah zur Sache.
«Was ist denn das für eine Kacke, Lukas? Von deinen Studis muss ich erfahren, dass sie dich rausschmeissen wollen? Ja, fuck, Alter, ich habe gemeint, wir können uns alles erzählen! Und was machst du? Spielst den grossen Schweiger oder was?»
Härri versuchte, den Redeschwall seines jugendlichen Freundes zu unterbrechen. Mit einer mehrfach ausgesprochenen Entschuldigung konnte er ihn schliesslich zum Zuhören bringen.
«... entschuldige bitte, es tut mir leid, Noah, wirklich. Es ging bei der ganzen Geschichte ja genau darum, dass ich jemandem zuviel erzählt habe aus dem Inneren ...»
Noah heulte buchstäblich auf.
«Traust du mir nicht? Traust du mir nicht zu, dass ich etwas für mich behalten kann? Fick dich, Mann!»
Die Beschimpfung am Schluss stiess er in seiner normalen Stimme aus, er war also sehr aufgebracht. Und als Härri in seinen Augen Tränen glitzern sah, verstärkte sich sein schlechtes Gewissen. Was sollte er sagen? Es war nie gut darin gewesen zu merken, wann er schweigen und wann reden sollte. Wenn Chaos in seinem Inneren herrschte, meinte er dies zuerst für sich klären zu müssen, bevor er andere damit belästigte. Carmela hatte ihm dies immer vorgeworfen und gemeint, ein Durcheinander sei am besten im Gespräch mit andern auseinanderzudröseln. Für sie stimmte das zweifellos.
Es herrschte angespanntes Schweigen, während er beiden einen Kaffee machte und Gläser mit Wasser füllte. Noah hatte sich aufs Sofa plumpsen lassen, sein Handy herausgezogen und sich Stöpsel in die Ohren gesteckt. Wahrscheinlich beschäftigte er sich mit seinem Spiel, oder tat wenigstens so. Härri stellte ihm Glas und Tasse hin, setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl und bedeutete ihm, er solle die Dinger aus den Ohren nehmen.
«Hör zu Noah ...»
Als dieser nur kurz aufschaute und gleich weiter an seinem Handy herumfingerte, wurde Härri laut.
«Turetti! Jetzt hör mir zu! Natürlich vertraue ich dir. Aber meine Situation am Institut ist kompliziert, und heikel. Ich kann nicht machen, was ich will. Kann mich nicht frei bewegen ...»
Und wie als Beweis seines Vertrauens begann er Noah von Da-ras Besuch an jenem heissen Nachmittag zu erzählen. Es war ein intuitiver Entscheid, dies zu tun. Er tastete sich vor bei der Erzählung der Geschichte, und ging nicht allzu sehr ins Detail. Einerseits tat er es, weil ihm bei Noahs Vorwurf, er habe kein Vertrauen in ihn und erzähle ihm nicht alles, in den Sinn gekommen war, dass der Junge sich ihm gegenüber noch nie über das Thema Frauen geäussert hatte – obwohl es ihn offensichtlich stark beschäftigte – und er dies schon manchmal seinerseits einem Mangel an Vertrauen zwischen ihnen beiden zugeschrieben hatte. Andererseits wollte er, indem er darüber sprach, sich selbst und Noah den subtilen Zusammenhang dieses Erlebnisses mit seiner Widersetzung und den daraus entstandenen Folgen erklären. Welche Rolle die Konkurrenz zwischen Männern und Frauen, zwischen Älteren und Jüngeren dabei spielte. Die Konkurrenz zwischen den Kunstsparten, die zunehmende Abgrenzung der Queeren und Nonbinären gegenüber den Cis-Normierten. Wie der Druck zur Anpassung bei ihm Trotz auslöse, Phantasien von Überlegenheit seiner eigenen Ideen und Konzepte über die der anderen. Und dann komme zu all dem die höchst zwiespältige Faszination, welche diese Frau auf ihn ausübe. Von der er nicht einmal ganz sicher sei, ob sie sich als Frau definiere. Die aber seine Chefin sei, also in gewisser Hinsicht über ihn zu bestimmen habe.
Noah hatte seine Ohrstöpsel längst herausgenommen und hörte ihm mit staunend aufgerissenen Augen und offenem Mund zu. Als Härri eine Pause machte, warf er zweimal den Kopf zur Seite und schnaubte laut.
«Krass!», rief er dann aus. «Ich würde mir glatt in die Hose machen, wenn eine Tussi so aggressiv bei mir auftreten würde. Ich meine, wünscht man sich ja immer – so heimlich, klar – dass man als Macker nichts tun müsste. Wär’ man auch an nichts Schuld. Aber in real ist’s dann was anderes. Ich verkack’s immer bei den Frauen, weil ich zuviel Schiss habe, glaub’ ich. Habe mich deswegen auch schon gefragt, ob ich schwul bin. Aber bin ich wohl definitiv nicht. Ich wurde schon mehrmals angebaggert von Schwulen, aber das ist nicht mein Ding, das wurde mir schnell klar. Wie geht’s denn jetzt weiter? Mit dir und der ... wie heisst sie? Da-ra? Komischer Name. Eine Dana kannte ich mal ...»
Härri unterbrach ihn und ging auf seine Frage ein, wie es weitergehe.
«Ich weiss es nicht. Ich hänge in der Luft, irgendwie. Ich bin jetzt für ein halbes Jahr auf Bewährung und darf in dieser Zeit nicht mehr aufmucken. Das ist ziemlich ungewohnt für mich. Da-ra Baeck wird solange sicher auf Distanz bleiben. Ich weiss nicht genau, ob sie gleicher Meinung ist wie die Direktorin. Von der geht ja die Verwarnung aus, mit Kündigungsandrohung. Ob Da-ra froh ist darüber, dass ich ruhiggestellt werde und sie so einen Konkurrenten loswird? Keine Ahnung.»
«Warum Konkurrent?», fragte Noah, «Versteh’ ich nicht.»
«Ich habe das Institut geleitet, bevor sie kam. Nicht sehr lange, und auch mit einer anderen Kollegin zusammen, mit Aurelia, von der ich dir auch schon erzählt habe. Als Da-ra kam, wusste und kannte sie nichts bei uns. Sie war vollkommen auf mich und die Kollegen angewiesen, und wir haben den Laden weitergeführt. In dieser Zeit habe ich wohl gemeint, das liefe nun immer so weiter, wie ich es gewohnt war. Ich konnte fast alles dorthin lenken, wo ich es haben wollte und wie es mir richtig schien. Mit einem informellen Schwatz hier, einer kleinen Sitzung dort. Ab und zu mit einem schriftlichen Statement.»
Noah schnaubte wieder mehrmals.
«Du warst richtig der Oberboss, Mann! Und dann? Hat ihr das nicht gepasst?»
«Nein, natürlich nicht. War ja auch nicht so gemeint. Wir waren nur die Pausenclowns. Sie war gewählt worden als neue Institutsleiterin. Als Frau, als Feministin, als Performerin. Da steckte eine Absicht dahinter. Man wollte ein neues Image für das Institut. Das Ende des Dinosaurier-Zeitalters.»
«Dafür habt ihr jetzt die Hexen! «, rief Noah aus. «Toller Tausch, bravo!»
Härri fühlte sich verpflichtet, dagegenzuhalten.
«Ja, aber das ist nicht einfach alles Blödsinn, das habe ich dir auch schon erklärt. Ich durchschaue es zwar auch nicht ganz, aber man sollte nicht automatisch alles ablehnen, was man nicht versteht. Es ist eine andere Zeit ...»
«Und du ein alter Sack, oder was?», unterbrach ihn Noah. «Wo ist dein Sun-Wukong-Spirit? Verwandelst du dich jetzt in diese blöde Zikade, damit dich keiner sieht?»
Und wie es typisch war für Noah, interessierte ihn das Gesprächsthema plötzlich nicht mehr, von dem er gerade eben gefesselt gewesen war. Härris Kaffee war kalt geworden. Er stand auf und ging die Tasse ausspülen, während Noah hinter ihm über seine jüngsten Vorstösse als Affenkönig im chinesischen Videospiel berichtete, ohne sich darum zu kümmern, ob ihm zugehört wurde. Härri war an seiner letzten Bemerkung hängengeblieben. Er versuchte sich zu erinnern, wie der Affenkönig im Roman von Buddha gedemütigt, besiegt und schliesslich unter einem Berg in Gefangenschaft gesetzt worden war.
Die Zeit vor Beginn des neuen Semesters nutzte Härri, um wieder einmal Carmela, seine Exfrau zu besuchen. Er war mit dem Zug bis Turin gereist und hatte dort ein Auto gemietet, um weiterzufahren nach Asti, wo sie noch immer einen Teil des Jahres verbrachte. Er liess sich Zeit und fuhr bei schönstem Spätsommerwetter auf der Landstrasse über Chieri, Villanova und Villafrancha. In Asti angekommen, zog er es vor, in einem Hotel zu übernachten, obwohl sie ihm angeboten hatte, er könne bei ihr wohnen, in dem Haus, in dem sie eine Zeit lang mit den Kindern gelebt und in dessen Instandstellung sie beide viel investiert hatten. Er wollte auch nicht so lange in der Stadt bleiben, wie sie sich das vorstellte, sondern nach zwei, drei Tagen weiterziehen durch Ligurien. Danach hatte er vor, einen Abstecher durch Südfrankreich zu unternehmen und von dort wieder über die Alpen nach Turin zurückzukehren, wo er das Auto zurückgeben konnte.
Carmela schien es gut zu gehen. Sie hatte sich die Haare kürzer schneiden lassen und sah erstaunlich jung aus. Ihren jetzigen Lebenspartner Enzo, auch in der Lombardei aufgewachsen und zwei Jahre jünger als sie, Manager in einer Versicherung, hatte Härri erst zweimal getroffen. Er fand ihn nicht unsympathisch, aber anstrengend, weil er pausenlos und sehr schnell italienisch sprach und dabei jedes Gespräch auf die paar Dinge lenkte, die ihn interessierten. Es störte Härri nicht, dass er auch diesmal auf Geschäftsreise war. Carmela kochte noch immer ungern, also gingen sie auswärts essen, in einem kleinen Restaurant in einer schmalen Gasse, in dem fast nur Einheimische und italienische Feriengäste zu sehen waren. Carmela schien alle zu kennen und sie wurden sehr gut bedient. Sie genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. Als sie den Secondo fertiggegessen hatten, bestellte sie sich zum Dessert noch einen Semifreddo mit Nougat, er beschränkte sich auf einen schwarzen Kaffee.
«Du bist stiller als sonst. Etwas bedrückt dich ...», stellte sie unvermittelt fest.
Härri hatte sich vorgenommen, ihr kein Wort von den beruflichen Verwicklungen zu erzählen. Trotzdem spürte er einen Moment lang den Impuls, sich ihr gegenüber zu öffnen wie früher. Er besann sich aber und begann von Brunos Ausstieg aus der Kunst zu sprechen. Schliesslich waren die Kinder noch immer das Thema, das sie beide verband. Und er spekulierte darauf, Carmela würde sich damit zufriedengeben, wenn er Brunos Entscheid als Grund für seine Sorgen vorschob. Sie hatte weniger Probleme mit der beruflichen Umorientierung ihres Sohnes und liess sich darauf ein, das Dafür und Dagegen mit ihrem Exmann zu bereden. Um die Frage, wie es Sofia ging, machten sie an dem Abend beide einen Bogen.
Es war am zweiten Abend, Carmela und er sassen auf der Piazza vor dem Rathaus beim Aperitif, als er von ihr die Nachrichten über Sofia erfuhr. Er hatte versucht die Befürchtungen zu verdrängen, die ihn beim letzten Video-Anruf in New York angefallen hatten. Es traf ihn mit zerstörerischer Wucht, was er von Carmela hörte und er konnte danach nicht einfach mit ihr ins Restaurant gehen, wo sie wieder einen Tisch hatten reservieren lassen fürs Abendessen. Es hatte ihm den Appetit verschlagen und er bekam hämmernde Kopfschmerzen. Carmela brachte ihn in sein Hotel, besorgte ihm Tabletten und versprach, am Morgen wieder nach ihm zu schauen. Nun lag er angezogen auf dem Bett und starrte die Decke an. Versuchte zu verstehen.
Seine Tochter war eine Kriminelle! Sie war vor kurzem in New York verhaftet worden, in ihrer teuren Wohnung in Manhattan, und jetzt nur auf freiem Fuss dank einer Kaution, deren eine Hälfte seine Exfrau bezahlt hatte. Den Rest hatten die Eltern einer Freundin Sofias aufgebracht, in deren Wohnung sie untergekommen war. Von dort, von der Küche aus hatte sie mit ihm telefoniert, bereits in Erwartung des Prozesses! Und sie hatte nichts davon erzählt! Zwei bis fünf Jahre Gefängnis blühten ihr, hatte Carmela gesagt. Sie musste dreimal wiederholen, dass Sofia laut Auskunft der Anwältin mit dem tiefsten Strafmass innerhalb des Rahmens rechnen könne, weil sie sofort kooperiert habe mit den Untersuchungsbehörden.
Er konnte nicht richtig zuhören, in seinem Kopf herrschte Sturm. Wann war es passiert? Was war ihre Schuld, was sein Anteil? Hätte er verhindern können, was sie angestellt hatte, wenn er sich nur mehr um sie gekümmert hätte? Sich interessiert hätte für die Welt, in die hinein sie sich entwickelt, in der sie gelebt hatte? Carmela versuchte es ihm zu erklären, was schier unmöglich war, weil er sie immer wieder unterbrochen hatte mit Fragen, die nicht zu beantworten waren. Was haben wir falsch gemacht? Was hätten wir anders machen müssen?
Sofia hatte sich vor etwa drei Jahren dazu verleiten lassen, ihr Wissen um bevorstehende Käufe ihres Arbeitgebers – einer Grossbank, deren Namen er früher gewusst hatte – für eigene, illegale Gewinne zu missbrauchen. Sie hatte das zusammen mit einem Kollegen aus der Branche gemacht, wie Carmela erzählte. Wenn die Bank an der Börse ein grösseres Paket Wertpapiere kaufen wollte, steckte sie die Informationen ihrem Komplizen zu, der dann sofort zupackte. Durch den Kauf wurde der Kurs nach oben getrieben und Sofias Kollege verkaufte der Bank die Papiere zum höheren Preis. Den Gewinn teilten sie. Gegen vier Millionen insgesamt! Die teure Wohnung hatte sie damit gemietet. Das Auto, die Klamotten, Taschen und Schuhe gekauft. Und Ferien gemacht mit dem Kollegen, in der Südsee. Er spürte eine moralische Entrüstung über das Verhalten seines Kindes, die Carmela nicht zu teilen schien. Ihre grösste Sorge war, dass Sofia «nach Verbüssung ihrer Strafe» – er schauderte, als ihm der Ausdruck dafür wieder in den Sinn kam – womöglich den Beruf wechseln müsse, weil man sie vom Handel mit Wertpapieren lebenslänglich ausschliessen werde.
«... und das kann sie doch so gut!», war Carmelas Kommentar gewesen. Sie waren sich nie einig gewesen bezüglich der Berufswege ihrer Kinder. Er blieb immer skeptisch bis ablehnend gegenüber der Vorstellung, Sofia könnte einen Sinn sehen, sich wohl fühlen im Kerngeschäft des Kapitalismus, beim Handel. Umgekehrt hatte Carmela ihrem Sohn Bruno immer wieder die Kunst auszureden versucht. Härri rappelte sich ächzend hoch und suchte nach seinem Laptop. Er wollte nachschauen, was die englischen Begriffe bedeuteten, die Carmela erwähnt hatte und die er sich hatte aufschreiben müssen: «Front running» und «wash trade». Kaum hatte er zu lesen begonnen, merkte er, dass er den Sinn nicht aufnehmen konnte. Er klappte das Gerät deshalb wieder zu und beschloss, sich ordentlich aufs Bett vorzubereiten. Zu duschen und die Zähne zu putzen. Er musste sich an der Routine festhalten. Etwas war über ihn hereingebrochen.

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