Härri zwang sich, den ganzen Abend zu bleiben. Mit Helen, einer der jüngsten Kolleginnen, Schreinerin und Werkstattleiterin, konnte er offen und ungezwungen über seine Lage sprechen. Sie versuchte nicht, ihre Neugier zu verbergen und schien frei zu sein von Vorurteilen gegenüber den Beteiligten. Schon gar nicht hatte sie Mitleid mit ihm. Eigentlich sah sie es wie er: Es war ein Fehler von ihm gewesen, sich auf das Treffen mit dem Journalisten einzulassen. Die Verwarnung sah sie als logische Folge an, wenn man es mit den Augen der Leitung ansehe. Moralisch verwerflich fand sie seine Übertretung nicht. Sie warnte ihn aber vor den Konsequenzen einer Entlassung «in seinem Alter». Einen kurzen Moment lang kränkte ihn die Bemerkung, dann aber musste er die abgeklärt pragmatische Sicht der jungen Frau bewundern, die als Handwerkerin Mitglied einer Gewerkschaft war, sich mit drei Teilzeit-Jobs durchschlug und prekären wirtschaftlichen Situationen nicht so naiv gegenüberstand wie er.
Es kam ihm sehr entgegen, dass sie nicht auf dem Thema herumritt, sondern sich schon bald interessiert den ausgestellten Arbeiten zuwandte und seine Meinung dazu hören wollte. Sie behauptete, sie könne von den meisten Werken nur die handwerkliche Qualität beurteilen, was aber nicht stimmte. Ihre Fragen betrafen mehrmals genau den Punkt, den er in einer Arbeit problematisch fand. Sie waren nicht einfach zu beantworten.
Am längsten beschäftigte sie die Installation einer Studentin, die er gemeinsam mit Ksenjia Novak betreut hatte. Es handelte sich um Zeichnungen auf pergamentähnlichem Papier, die mit groben Stichen zusammengenäht und auf ein primitiv zusammengefügtes Holzgestell gespannt waren. Helen erinnerte es an die Einrichtung zum Trocknen von Tierhäuten, wie sie von indigenen Nordamerikanern bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert verwendet worden war. Härri fand den Vergleich treffend, und es brachte ihm sogar das Werk etwas näher, mit dem er während dessen Entstehung nicht warm geworden war. Seine Aufgabe hatte darin bestanden, die Studentin bei den Zeichnungen zu beraten, die sie auf den Blättern zeigen wollte. Kern ihrer Idee war ein fast lebensgrosses Ganzkörper-Porträt, eine kauernde, nackte Figur, die man weder als Frau noch als Mann einordnen können sollte. Zudem wollte sie der Figur eine abwehrende Wirkung verleihen. Sie sollte klar und unmissverständlich signalisieren, mit ihrer Haltung und einer Geste, dass sie «nicht angefasst werden» wolle.
Härri gab Helen zu verstehen, dass sie sich etwas von der Installation weg in den Hintergrund bewegen müssten, da sich immer mehr Besucher der Ausstellung, darunter die Künstlerin, vor dem Werk einfanden, wo die dazugehörige Performance angekündigt war. Als sie etwas abseitsstanden, versuchte er Helen die Schwierigkeiten zu erklären, die er mit der Absicht, vor allem aber mit der Umsetzung der Studentin gehabt hatte. Das Hauptproblem war gewesen, dass hinter der künstlerischen Idee eine in der Realität erlebte Verletzung gestanden habe, die aber nicht explizit angesprochen, geschweige denn bearbeitet werden durfte. Um was es sich dabei gehandelt habe, blieb seiner und Ksenjias Spekulation überlassen. Für seine Kollegin ging es ganz klar um sexuellen Missbrauch im familiären Umfeld, was der Studentin in ihren Augen eine Art Aura verlieh. Härris Reflex wäre gewesen, die junge Frau zu einer guten Trauma-Therapeutin zu schicken und ihr davon abzuraten, künstlerisch mit dem Thema zu arbeiten, bevor sie etwas Distanz dazu gewonnen hätte. Bei Ksenjia biss er aber schon auf Granit, wenn er nur Andeutungen in diese Richtung machte. Also versuchte er, das Beste aus der Situation zu machen und die Studentin auf dem Weg zu wirkungsvollen Zeichnungen zu unterstützen. Aber schon das war alles andere als einfach, weil diese keinerlei Ambivalenz in der Wirkung der Figur zulassen wollte.
«Darum streckt sie uns jetzt die Hand zum Stoppzeichen entgegen», schloss Härri seine Erklärungen ab.
«Ja, komisch», antwortete Helen. «Es erinnert an eine Verkehrskadettin, die versucht, Autofahrer zum Anhalten zu bringen. Aber warum die nackt auf dem Boden kauert ...?»
Er bedeutete ihr, still zu sein, da die Studentin sich in der Zwischenzeit neben die Installation gestellt hatte. Sie hielt ein grosses Blatt Papier in der Hand und wartete darauf, dass die Zuschauer verstummten. Dann begann sie, eine Art Manifest vorzulesen.
«Die Leinwand ist dein Körper. Deine Haut, eine Projektionsfläche für die Schatten der eingeflößten Lektionen. Tristes Schauspiel. Irrtum? Veraltet? Und überhaupt, das Abbild des Körpers – immer eine Lüge? Eine durch Vorurteile der Gesellschaft verzerrte Fiktion, geformt von rassistischen, ableistischen, cisnormativen Dogmen. Sie formen deinen Körper von Anfang an und drücken ihn zu Boden, sorry to tell you. Dein Gender-Geschlecht ist nicht nur ein Produkt des freien Willens. Oops? Zeit, sich mit deiner Konditionierung auseinanderzusetzen – ja, eine mühsame Aufgabe, aber du musst ...»
Helen hatte sich leise nach vorne gearbeitet, Härri folgte ihr nicht. Aus der hinteren Reihe konnte er diskret beobachten, wie die Darbietung ankam. Er sah nur zustimmend nickende Köpfe und Augenpaare, die unverwandt auf die Rednerin gerichtet waren. Er zwang sich, seine Vorurteile – wogegen eigentlich? – zurückzudrängen und einfach zuzuhören. Man musste zugeben, dass sie es gut machte. Sie hatte eine tiefe, tragende Stimme und intonierte den Text gekonnt. Spielte mit der Dynamik von laut und leise, ohne dabei auf falsche Weise künstlich zu wirken. Ihre Wut erinnerte ihn an seine eigene, damals. Als sie geendet hatte, gab es eine sekundenlange Stille. Dann folgte begeisterter Applaus, durchsetzt mit anerkennenden Pfiffen und Jauchzern. Wie bei einem Rockkonzert.
Bevor er weiterzog, wollte sich Härri bei Helen verabschieden. Als er sah, dass sie sich mit der Studentin unterhielt, welche die Performance gezeigt hatte, winkte er ihr nur kurz zu und gab ihr mit Gesten zu verstehen, dass er den Rest der Ausstellung ansehen wolle. Sie löste sich von ihrer Gesprächspartnerin und kam zu ihm.
«Tschüss, gehst du weiter?», fragte sie. «Ist interessant, was sie mir gerade erzählt hat, ich muss dann noch weiterquatschen mit ihr. Kommst du mal mit auf den Rhein diesen Sommer, machen wir was ab?»
Helen hatte ihm schon im Frühling angeboten, zusammen mit dem Weidling aufs Wasser zu gehen, aber es war nie dazu gekommen. Er freute sich, dass sie die Einladung gerade jetzt wiederholte und sagte gerne zu.
Er wollte noch die Arbeiten der Studenten sehen, die sich mit Virtual Reality befasst und die Projekte bei Miles Kellner abgeschlossen hatten. Ihre Werke waren in der Halle des ehemaligen Kraftwerks der Spinnerei aufgebaut. Schon als er durch das grosse Tor eintrat, musste er feststellen, dass nicht daran zu denken war, an diesem Eröffnungsabend eine der Brillen zu bekommen. Er würde sich mit dem Anschauen von Projektionen auf Displays, mit schriftlichen Erklärungen und den Modellen begnügen müssen, die auf Tischen aufgestellt waren. Er wollte nicht schmollen deswegen und die Immersion, das Eintauchen in die Kunstwerke, auf später verschieben. Miles hatte ihn sofort entdeckt und bot ihm eine Führung durch seine Ausstellung an. Er freute sich sichtlich über Härris Interesse.
«Wir hatten dieses Jahr einen Studenten, der VR mit seiner Malerei verbinden wollte. Aber er hat leider nach ein paar Versuchen aufgegeben», erzählte er und führte den Kollegen zu einer Koje, in der die Arbeiten hingen. Es waren drei mittelgrosse Querformate auf Leinwand, surreal wirkende Landschaften mit allerlei Mobiliar. Ruinenartige Architekturteile, verkrüppelte Bäume, verloren herumstehende Menschengruppen. Die Bilder zeigten wenig Kontrast und wirkten neblig, müde. Erst als Härri nahe herantrat, sah er, dass es auf Leinwand ausgedruckte Screenshots einer VR-Umgebung waren, die der Student mit Ölfarbe überarbeitet hatte.
«Ich verstehe nicht, warum er die Bildsprache des Computers in seiner Malerei eins zu eins wiederholt. Vor allem diese fliessenden Farbübergänge überall. Es ist ja mit dem Pinsel eine mühsame Fleissarbeit, seine Malspuren so zu verschleiern und zu zerreiben. Umgekehrt macht es das Programm quasi aus Faulheit, weil es weniger Rechenleistung braucht als malerisch aufgeraute Übergänge wie sie natürliche, dreckige Oberflächen haben. Oder liege ich da falsch?»
«Nein, da hast du vollkommen recht!» Miles wurde ganz aufgedreht. «Wir sollte unbedingt mal etwas zusammen machen, in der nächsten Projektwoche oder so. Was meinst du? Hast du selber denn schon weitergemacht mit deinen Versuchen? Du hattest doch vor einem Jahr mal bei uns vorbeigeschaut und etwas ausprobiert ...»
Härri erklärte ihm, warum er wieder aufgehört hatte. Er war überfordert gewesen von den unendlich vielen Variationen, die einem das Computerprogramm simultan und direkt vergleichbar anbot. Auch die Umkehrbarkeit jedes einzelnen Schritts und jedes Entscheids im gestalterischen Prozess erlebte er nicht als Gewinn, sondern als Ärgernis. Sogar als Qual. Dazu kam, dass er sich beim Malen immer sehr viel bewegte, dagegen bei der Arbeit am Computer die Zeit vor dem Bildschirm sitzend vollkommen vergass, bis er vor lauter Nackenproblemen nicht mehr schlafen konnte. Und die Ästhetik der VR-Bilder, von der er gerade gesprochen habe, sei für ihn noch immer viel zu wenig komplex, zu plastic, obwohl ja die Hochschule nicht gerade die schwächsten Maschinen zur Verfügung stelle. Er habe bei den Bildern immer das Gefühl, als würden seine Blicke daran abprallen wie Pingpongbälle. Zu wenig könne man sich hineinbohren, sich verlieren. Es gebe keine aufregenden Brachflächen, keinen Dreck, weder Samt noch Kristall. Keine Flügeldecken von Käfern, menschliche Haut ... Härri hatte sich in Fahrt geredet und Miles hörte etwas verdattert zu.
«Ok», sagte er schliesslich. «Lass uns die nächste Projektwoche zusammen machen, Lukas. Und dann gibt es Samt und Kristalle, ich versprech’s dir!»
THEA – Es ist noch immer eine verrückte Erfahrung für mich, die eigenen Bilder in einer Ausstellung zu sehen, obwohl ich es jetzt schon einige Male erlebt habe. In der Galerie, die auch Lukas’ Werke vertritt, oder in der Gruppenausstellung letztes Jahr in der Kunsthalle, was für mich eine Riesengeschichte war. Die Bilder, die nun hier hängen, hatte ich ja schon in den Präsentationen gezeigt. Zwar nicht alle, und einen Teil noch im Zustand ihrer Entstehung. Aber wenn sie dann hängen, sorgfältig ausgewählt und in Position gebracht, wenn sie mit den anderen Arbeiten zu sprechen beginnen – so empfinde ich das jedenfalls –, wenn dann das Publikum kommt und sie anschaut, darüber redet – hoffentlich! –, dann ist das sehr speziell für mich. An der Vernissage machte ich zuerst einen Bogen um meine Sachen, obwohl ich eigentlich am liebsten gleich dorthin gerannt wäre um zu sehen, wie sie sich machen. Ob sie ohne meine Hilfe auskommen und wirken. Aber das hätte dumm ausgesehen, wie wenn ich nach Anerkennung und Lob gelechzt hätte. Was definitiv der Fall war, aber man sollte das natürlich nicht sehen. Ach, es ist kompliziert. Man trägt noch immer so ein Bild des Künstlers in sich, des männlichen eben. Der als Genie sein autonomes Ding macht und scheisst auf den Geschmack, auf Vorlieben und Empfindlichkeiten der Betrachter. Erst recht auf die Ansichten der Kritiker. Aber so ist es eben nicht. Nicht nur. Ein Bild muss auch für andere irgendwie funktionieren, ich habe das immer wieder erlebt. Wenn ich die Einzige war, die es gut fand, war immer etwas faul. Dann war es irgendwo im Zwischenreich hängengeblieben, zwischen «zu unfertig» und «overcooked», wie die Amerikaner sagen. Dass es mir gefiel, war dann so etwas wie Trotz. Oder Solidarität mit einem Patienten, dessen elenden Zustand ich nicht sehen wollte. Von den Bildern, die jetzt hier hängen, habe ich mich gelöst. Oder sie haben sich von mir emanzipiert. Wenn ich sie mir ansehe, empfinde ich nicht mehr diese Unruhe und Unsicherheit, als müsste ich sie gleich abhängen und im Atelier in Sicherheit bringen, um an ihnen weiterzuarbeiten. Sie sind geworden wie sie sind. So stelle ich mir die Sicht von Eltern auf ihre erwachsenen Kinder vor. Nicht alles an ihnen passt einem, manches ist ein bisschen fremd, vielleicht. Aber alles in allem sind sie in Ordnung. Sie haben ihr Eigenleben und gehören doch zu einem. Dass nun der Kanton eines kauft und ich einen Preis bekomme, ist natürlich schön. Ich weiss, dass da immer eine Portion Glück mit im Spiel ist, aber man nimmt das halt gerne mit als Bestätigung, dass man nicht völlig falsch liegt.
Ich bin Härri unendlich dankbar für seine Geduld. Und für seinen Dickschädel, mit dem er an der Qualität festhält. An genauer Wahrnehmung. Und an der Kraft der Malerei. Ihrer Gültigkeit. Ich hoffe, dass nichts dran ist an dem Gerede, dass sie ihn entlassen wollen. Das wäre schlimm für die Malerei am Institut. Ich weiss nicht, was dahintersteckt, und ob es überhaupt wahr ist. Er will anscheinend nicht darüber reden, also halte ich mich auch zurück.
Ich hatte immer wieder Zweifel, ob ich mit meiner Arbeit nicht «old-fashioned» bin, gerade auch jetzt in dieser Ausstellung, wo so viele meiner Kolleginnen Performances gezeigt haben, oder Videoarbeiten, Computerspiele, Installationen und so weiter. Aber Härri sagt immer, Malerei sei nicht altmodisch. Oder wenn schon, dann sei im Kunstsystem alles altmodisch, sobald man es ein, zwei Jahre gesehen habe. Die Malerei sei noch immer ein ausreichend komplexes, reiches Medium, um sich künstlerisch «abzuarbeiten». Das ist so ein Ausdruck von ihm, den hat er von Fässler, aus Hamburg mitgebracht. Härri sagt, in Deutschland malten sie noch immer – oder wieder – wie die Verrückten. Und auch in den USA, würde ich sagen. Dort gibt es ein paar Malerinnen, die für mich so etwas wie Vorbilder geworden sind. Ich würde gerne eine Zeit lang in den USA malen. Aber jetzt muss man zuerst schauen, wie dort die Wahl ausgeht.
TURETTI – Lukas wollte mich an das Opening der grossen Ausstellung mitnehmen, die die Künstler immer zum Abschluss machen, in der Spinnerei. Eigentlich wäre ich gerne hingegangen, und er hat gesagt, da seien so viele Durchgeknallte beisammen, dass ich mit meinen Ticks nicht gross auffalle. Aber ich hab’s dann doch nicht gepackt und habe ihm abgesagt. Es ist in letzter Zeit ein bisschen besser geworden bei mir und ich wollte keinen Backlash riskieren bei so vielen Leuten. Es war eine gute Entscheidung, denke ich. Wir haben dann an einem der nächsten Abende abgemacht, das war genauso cool wie die «Vernissage», wie sie dem sagen. Härri hat mir das Wort erklärt. Hatte ich auch schon gehört, klar, aber nie recht gewusst, was es bedeutet. Aber er macht ja gerne den Lehrer. Es kommt vom französischen Wort für den Lack, den sie früher auf die Bilder geschmiert haben, damit sie schön glänzen. Das hat man kurz vor der Ausstellung gemacht, weil die Künstler ja ihre Bilder immer erst in der letzten Minute fertigkriegten. Und dann haben sie gefeiert mit Weisswein, mitten im Dampf der frisch lackierten Bilder. Na ja, jedem das Seine. An dem Abend, als ich mit ihm in die Ausstellung ging, war aber auch Party, einfach nur von den Studenten. Und draussen. Da bin ich dann auch noch ein wenig abgestürzt, nachdem Härri gegangen war. Aber eins nach dem anderen, wie er immer sagt. Ich muss zugeben: die Show hat mir gut gefallen. Also nicht alles, und meistens genau das, was Härri nicht so gut fand. Am wichtigsten war ihm, dass ich die Bilder seiner Lieblingsschülerin anschaue, Thea heisst die, glaub’ ich. Da wollte er gar nicht mehr weg. Ich kann Bilder nicht so lange anschauen, aber er hat immer wieder auf irgendein kleines Dingsbums gezeigt und einen Vortrag dazu angefangen. Ich fand die Bilder dieser Thea nicht schlecht, das ist es nicht. Es war für mich einfach zu schnell klar, dass sie von einer Frau gemalt sind. Er war ganz erstaunt, als ich das sagte, und wollte wissen warum. Ich konnte es nicht so genau sagen. Vielleicht die Storys? Oder die Farben? Es sind halt fast auf jedem Bild Frauen drauf. Gut, das heisst ja nichts. Die männlichen Maler haben auch Frauen gemalt, aber die mussten sich dann ausziehen. Oder sonstwie sexy dreinschauen. Bei ihr gab es auch Nackte, aber auf mich wirkten die nicht sexy, sondern eher so, dass man als Mann die Finger davonlässt. Aggressiv und aufgedreht. Frauen, die ohne Typen auskommen. Härri wollte mir unbedingt ein Spiel zeigen, dass ein Student mit den IT-Leuten des Instituts gemacht hat. Fand ich aber nicht so ... Gut, ich bin verwöhnt von den Games wie «Wu-kong – The Myth», da stecken die Chinesen Jahre von Entwicklung rein, und kosten darf es, soviel es braucht. Aber auch wenn man das fast ganz alleine macht, und halt mit den Maschinen, die da sind, eine Story braucht’s schon, finde ich, damit ein Spiel flasht. Oder ein Challenge, irgendwas Kniffliges, was du unbedingt hinkriegen willst, und mit Übung immer besser wirst. Sowas in der Art. Super fand ich so Tech-Dinger, die waren an die Wand geschraubt. Sah aus wie im Spital in der Abkratz-Station. Drei oder vier davon. Von einer Frau, glaub’ ich. Schwer zu beschreiben. Sahen aus wie kleine Labors für Frankenstein-Experimente. Eingeweide, Knochen und so Zeug, verbunden durch blaue und rote Plastikschläuche. Das war nicht gross, aber wenn man sich davorstellte und hineinguckte, wirkte das riesig. Das hat sie echt gut hinbekommen, diesen Effekt, weil die Innereien aufgehängt waren in einer gebogenen Spiegelfolie. Hat sich darin alles verdoppelt. Und, klar, auch verzerrt. Du konntest nicht sehen, wo das Richtige aufhört und das Gespiegelte anfängt. Hat einen so hineingesogen, viel mehr als das Computerspiel. Fand ich echt gut. «Installation» nennen sie sowas. Saudummes Wort eigentlich, aber hier hat’s gepasst, weil das so was Klempnerhaftes hatte, mit den Schläuchen und all dem.
Härri wollte nicht bleiben bei der Spontiparty der Studenten. Fand ich schon mal irgendwie komisch, muss ich sagen. Er sei müde. Behauptete er jedenfalls. Gut, es war schon wieder so stickig, Gewitter angesagt. Aber sonst ist er eigentlich immer zu haben für ein spätes Bierchen. Jedenfalls bin ich dann geblieben, irgendwie aus Trotz oder so. Obwohl ich da niemanden kannte. Die Künstler-Jungs und -Mädels waren aber sehr chillig drauf. Schnell im Checken, was mein Tourette betraf. Und auch, dass ich nicht zur Künstlergang dazugehöre, hatten die sofort raus. Haben mich natürlich gefragt, warum ich gekommen sei. Und als ich von Härri erzählt habe, und dass ich den schon eine Weile kenne, wurden sie komisch. Habe ich gedacht: Scheisse, Mann! Ist der vielleicht gar nicht so der beliebte Lehrer, wie ich gemeint habe. War aber nicht so. Zwei oder drei von denen hatten bei ihm ihr Diplom gemacht, und die fanden ihn alle super. Aber es gehe so ein Gerücht um, Härri habe ein Problem mit der Leitung. Dass sie ihn rausschmeissen wollten. Ja, Alter! Warum sagt er mir nichts davon, ey? Von mir weiss er alles! Aber alles! Ich werde ihn hart anmotzen deswegen. Geht gar nicht, find’ ich.

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