CARMELA – Ich hatte befürchtet, dass die Nachricht von Sofias Entgleisung Lukas hart treffen würde. Darum habe ich es ihm nicht gleich am ersten Abend erzählt. Wie er dann so vor mir sass, kreidebleich im Gesicht und mit hängenden Schultern, tat er mir leid. Sein «Eumele» war auf Abwege geraten und ausgerechnet ihm musste das passieren, der sie so vorbildlich durch die Kindheit gelotst hatte. Sofia war wirklich immer sein Kind gewesen. Als wir uns kennenlernten, war ich Lehrerin für Italienisch und Spanisch an einem badischen Gymnasium. Lukas hatte seine ersten Erfolge als Künstler, verdiente aber noch kaum etwas. Also habe ich während der Schwangerschaft reduziert weitergearbeitet und bin bald nach der Geburt wieder voll eingestiegen. Lukas kriegte das erstaunlich gut hin. Er hauste mit Sofia mehr oder weniger im Atelier und stellte um von Malerei auf Zeichnungen und kleine plastische Arbeiten, was zum Glück von seinem Galeristen geschickt vermarktet wurde. So konnte er zwischen Vater- und Künstlersein hin- und herspringen. Am Abend kam er mit der Kleinen nachhause und wir haben zusammen gekocht und gegessen. Es ging, aber wir waren immer müde. Lukas und Sofia haben daher eine starke Bindung aneinander. Jedenfalls gehabt. Als ein paar Jahre später Bruno zur Welt kam, war dann ich dran mit der Babybetreuung. Lukas wollte wieder malen und ausstellen. Aber er musste auch unterrichten, damit genügend Geld hereinkam. Ich blieb mehrere Jahre zuhause, was mir und unserer Beziehung nicht guttat. Immerhin konnte ich ein Fernstudium machen, was mir dann einiges später half, den Job als Gleichstellungsbeauftragte in Asti zu bekommen. Komisch, dass Lukas immer so Mühe hatte, den Weg zu akzeptieren, den Sofia eingeschlagen hat. Dieses Wirtschafts-Ding war für ihn immer irgendwie des Teufels. Nun hat das Sofia quasi bestätigt, was natürlich blöd ist. Ich bin zuversichtlich, dass sie wieder auf die Füsse fallen wird. Sie ist stark, und ist dann halt gierig geworden. Offenbar brauchte sie einen Tritt in den Hintern. Lukas wird darüber hinwegkommen. Chiodo scaccia chiodo. Er konnte immer gut wegdrücken, was ihn belastet hat. Aber vielleicht ist da ja noch etwas anderes im Spiel. Er war schon seltsam drauf, als er hier ankam. Wir werden sehen. Brunos Entscheid, die Kunst Kunst sein zu lassen und etwas fürs Klima zu tun, finde ich jedenfalls grossartig.
Es war noch immer sehr warm in der zweiten Hälfte des Septembers. Der Sommer verabschiedete sich langsam und fast unmerklich. Weil es immer mal wieder regnete, hatten die Blätter nicht schon Herbstfärbung angenommen wie in den vergangenen Jahren. Es war fast wie früher, hörte man viele Menschen sagen.
Inzwischen hatte Härri sich dazu entschieden, über Weihnachten nach New York zu reisen. Er hatte allerdings noch keinen weiteren Kontakt zu Sofia aufgenommen, wusste also nicht einmal sicher, ob er sie bei seinem Besuch treffen könnte. Solche Zweifel schob er jedoch zur Seite und beauftragte ein kleines Reisebüro damit, ihm Vorschläge für Hin- und Rückflüge sowie den Aufenthalt in einem günstigen Hotel, möglichst in Brooklyn, auszuarbeiten.
Der bevorstehende Semesterbeginn kam ihm gelegen. Die Vorbereitung darauf lenkte ihn ab von den Gedanken, die sich sonst in quälenden Schlaufen um die Brennpunkte seiner Sorgen drehten. Er versuchte, die Ahnung – oder war es schon eine Utopie? – eines Neuanfangs aufrecht zu erhalten, der in Ansätzen während der Vorbereitung und Durchführung der Einführungswoche aufgeschienen war. Selbst wieder ins Malen kommen! Nicht nur darüber nachdenken, sondern es auch anpacken. Er verbrachte mehr Zeit in seinem Atelier, experimentierte sogar wieder mit Ölfarben, nachdem er auf ein relativ unschädliches Lösungsmittel gestossen war, ein ihm bis dahin unbekanntes deutsches Produkt. Er hatte es gesehen in einer Dokumentation über die britische Malerin Shona Mae, ein Video, das er unbedingt seinen Neuen zeigen wollte, Juan Álvarez, Alina Goetze und Zhara Qurban, die sich für den Schwerpunkt Malerei und damit für ihn als Mentor entschieden hatten. Seit er den Film gesehen hatte, benützte er für jede der grossen Leinwände, die er in Arbeit hatte, eine eigene Palette in Form einer langen, weiss beschichteten Spanplatte. Mae’s Prinzip, solche separaten Paletten als Gedächtnis für den Malprozess eines jeden Bildes zu benützen, hatte eine verblüffende Wirkung. Während der vielen Stunden, in denen er jetzt schon an seinen drei Bildern arbeitete – Szenen eines gigantischen Kampfspiels mit Tieren, Menschen Fabelwesen und Maschinen, zwischen Bergen, Wolken und Himmel – war er von Lust und einer vorwärts stürmenden Energie erfüllt gewesen. Die so bekannten und gefürchteten Stockungen, begleitet von trotzigem Murks, waren weitgehend ausgeblieben. Gut taten ihm auch Shona Mae’s Äusserungen zur Aktualität der Malerei. Sie fand, jedes künstlerische Medium, sei es Performance, Installation, Virtual Reality oder sonst etwas, könne old-fashioned wirken. Wenn nämlich die damit ausgedrückten Ideen und Sichtweisen sich wiederholten und das Medium nicht einer starken künstlerischen Mentalität zum Ausdruck verhelfe. Das war auch Härris Ansicht, die er gerne weitergeben wollte. Mehr als in anderen Jahren spürte er die Lücke, welche die Abgänger hinterlassen hatten, vor allem Thea. Er erinnerte sich daran, wie kritisch, ja abweisend sie zu Beginn ihm gegenüber gewesen war und wie ihn dies angestachelt hatte, um ihr Vertrauen zu kämpfen. Patric Álvarez, der Student mit kolumbianischen Wurzeln, forderte ihn auf ähnlich Weise heraus. Man würde sehen.
Zuerst ging es um praktische Dinge. Die Arbeitsplätze mussten ausgehandelt, akzeptiert und dann eingerichtet werden, ein Prozess, der seine Zeit brauchte. Härri ärgerte sich, weil die Abgänger nicht all ihr Material mitgenommen oder entsorgt hatten. Wie immer! Die Studierenden fanden es nicht so schlimm. Sie füllten in fröhlicher Zusammenarbeit eine Abfallmulde und fischten das eine oder andere heraus, von dem sie sich eine Verwendungsmöglichkeit erhofften. Härri zeigte ihnen den Materialladen des Instituts, und darin vor allem die Abteilung, welche die Malerei betraf. Es gab ein grosses Angebot an Pigmenten, Binde- und Lösungsmitteln. Auch an Bildträgern wie Leinwänden, Kartons und Platten in verschiedenen Qualitäten sowie an Grundiermaterialien fehlte es nicht.
Härri hielt es für richtig, seine Seminare über die Malerei wie jedes Jahr mit Inputs über technische Aspekte der Malerei zu beginnen. Damit wollte er verhindern, dass die Studierenden das Falsche anschafften, zum Beispiel zu viele und zu teure Farben und Bildträger kauften, oder unnötig giftiges und für die Umwelt schädliches Material. Dazu wollte er sie mit seiner Philosophie bezüglich der unzähligen Farbenlehren bekannt machen, die es gab und von denen er aus Erfahrung wusste, dass sie mehr Schaden anrichteten als halfen. Zum Beispiel die unsinnige Vorstellung von drei Grundfarben, mit denen man in jedem System, jedem käuflichen Farbsortiment die Totalität der wahrnehmbaren Farben mischen könne. Härri kannte bei jedem für die Studenten erhältlichen Angebot die minimale Anzahl sowie die spezifischen Farbtöne, die man mit schmalem Budget anschaffen musste, um eine möglichst breite und leuchtende Palette zu bekommen.
Vor allem aber wollte er seinen drei Schützlingen Einblicke ins eigene Atelier gewähren. Dieser Plan machte ihn aufgeregt, und obwohl er wusste, dass dies keine eigentliche Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit den Studierenden sein würde, bot er Noah an, seine neuen, noch im Entstehen befindlichen Arbeiten anzuschauen. Er hatte es ihm schon lange versprochen, und Noah freute sich wie ein Kind, das zu einem Geburtstagsfest eingeladen wurde.
Er konnte nicht ruhig stehen, als Härri ihn vor seine Bilder geführt hatte, und musste zuerst einmal Druck ablassen.
«Aff! Maler, Arschloch!», schrie er ein paar Mal, so dass es im hohen Raum widerhallte. Dann musste ihn Härri davon abhalten, mit den Fingern über die Oberfläche der Bilder zu fahren.
«Das ist alles noch nicht trocken», sagte er. «Ich geben dir ein älteres, das kannst du genau untersuchen ...». Aber das interessierte Noah nicht. Er wollte etwas über die Geschichte hören, über die Figuren.
«Den Sun Wukong habe ich schon gesehen. Aber was sollen diese komischen Elefanten? Und die altmodischen Panzer und Flugzeuge? Hast du das aus einem Game?»
Härri erzählte ihm von seiner Reise zum Pass, über den Hannibal nach Italien gezogen sein sollte. Dass man nicht sicher wisse, ob es wirklich dieser gewesen sei. Man habe aber dort eindrückliche Mengen von fossilem Kot gefunden, von grossen Pflanzenfressern. Die Elefanten sähen so komisch aus, weil er mittelalterliche Bilder als Vorlage verwendet habe, von Fresken in Burgen und an Hauswänden im Südtirol, wo man sich die Geschichte von Hannibal auch erzählt und sich eingebildet habe, der imperialistische Feldzug des Puniers sei über diesen Teil der Alpen erfolgt.
Noah liess sein «Hnf – hau!» ertönen. Dann äusserte er wie gewohnt mehrere Fragen und Feststellungen hintereinander.
«Aber warum interessiert dich diese Story? Und was hat sie mit dem Affenkönig zu tun? Warum die Maschinen? Das find’ ich geil, wie die Farbe da heruntergelaufen ist. Sieht aus wie die Fransen von einem Teppich, aus Arabien oder so. Der Sprung von dem Affen da, der sieht nicht so echt aus. Was ist das?»
Härri entschied sich dafür, auf Noahs Kritik einzugehen und suchte den Pinsel, mit dem er den springenden Affen gemalt hatte. Er fand die für eine Korrektur nötigen Farben auf der entsprechenden Palette, sowohl für den Hintergrund als auch für die Figur, rührte beide auf und drückte Noah die Pinsel in die Hand.
«Mach ihn besser!», forderte er Noah auf.
«Maler!», knarrte dieser. Dann traute er sich nicht.
«Wie soll ich das machen, Alter? Du bist hier der Künstler, ich weiss nicht ...»
Härri nahm ihm den schmaleren Pinsel nochmals ab und führte seinen Arm zum Bild.
«Mach einfach. Keine Angst, man kann alles wieder flicken, wenn’s schiefgeht. Überlege dir, was genau an dem Affen nicht stimmt. Dann übermale es mit der Hintergrundfarbe. Nicht alles aufs Mal ...»
«Es ist das Bein hier», sagte Noah, «es muss gestreckt sein.»
Und nach anfänglichem Zögern begann er, mit beiden Pinseln abwechselnd, an der Figur zu arbeiten. Härri hatte ihn noch nie so gesehen. Die Konzentration währte nur ein paar Minuten, dann merkte Noah, wie er beobachtet wurde und begann, Posen einzunehmen wie die Künstler, die er vielleicht schon in Filmen gesehen hatte. Kniff die Augen zusammen, hielt den Kopf schräg, sprang vor und zurück. Härri nahm ihm schliesslich die Pinsel aus der Hand, damit er nicht wieder alles verdarb. Er hatte den Affen nämlich wirklich besser hinbekommen als er gewesen war.
Alina, Zhara und Juan waren nun also seine Coachees. So nannte man im Institut seit Kurzem die von einer Dozentin oder einem Dozenten betreuten Studierenden. Härri bestellte sie wie geplant für die ersten zwei Veranstaltungen in sein Atelier am südlichen Stadtrand, was sie sichtlich erfreut und neugierig zur Kenntnis nahmen. Er widerstand dem Impuls, vorher eine grosse Putzaktion durchzuführen und beschränkte sich darauf, den Raum zu lüften, den Eisschrank zu leeren, die Tassen mit eingetrockneten Kaffeeresten abzuwaschen, steif gewordene Lappen und verklebte Knäuel von Haushaltpapier und Klebeband zu entsorgen. Zudem lieh er sich von Ateliernachbarn ein paar Stühle, eine Espressomaschine und Gläser aus und kaufte eine Harasse Mineralwasser.
Zu Beginn verhielten sich die Drei noch scheu und zurückhaltend. Härri zeigte ihnen zuerst seine Art, den Malprozess zu organisieren. Womit er die Leinwände grundierte. Wie er Pinsel reinigte und bereitlegte, welche Instrumente er zum Verwischen, Verteilen und Abziehen von Farbschichten verwendete – handelsübliche Spachtel und selbst angefertigte Rakel aus Acrylgrals, Gummi und Karton –, und welche Malmittel er verwendete. Seine neuen Paletten kannten sie aus der Dokumentation über Shona Mae, aber er zeigte ihnen auch die traditionellen Formen, die er früher verwendet hatte. Besonderes Interesse zeigten Zhara und Alina für den Marmortisch, die Glasreiben und Regale mit Gläsern voller Pigmente. Härri erklärte ihnen, dass er eine Zeit lang seine Farben selber angerieben und mit verschiedenen Bindemitteln experimentiert habe. Das sei ihm aber zu aufwendig geworden und er habe rückblickend auch das Gefühl, dass er sich damit vor allem beschäftigt habe, wenn ihm nichts eingefallen sei. Als er die Enttäuschung der Studentinnen spürte, vertröstete er sie mit der Aussicht, er werde gerne einen speziellen Workshop zu dem Thema für sie organisieren.
«Wir haben eine Spezialistin in der Stadt. Die kann euch alles zeigen. Zum Beispiel, wie man in der frühen Neuzeit ein Bild aufbaute. Bis ins Detail!»
Es war Juan, der auf seine Bilder zu sprechen kommen wollte. Die aktuellen drei waren die einzigen gewesen, die mit der Bildseite nach vorne herumstanden. Nun wurde Härri gefragt, ob sie auch ältere Arbeiten anschauen dürften, und als er dies bejahte, holten die Besucher Dutzende von Bildern aus den Regalen, die in eine Seitennische des Raums eingebaut waren. Sie lehnten sie an die Wände und stellten sie überall hin, auf Stühle und Kisten. Hängten sie an die Nägel und Haken, die sie an den Wänden vorfanden. Als kein Platz mehr übrig war, spannten sie noch quer über eine Raumecke eine Wäscheleine, an die sie kleine Formate befestigten. Es entstand eine improvisierte Installation, eine Art Retrospektive von Härris Werk der letzten Jahrzehnte, was ihn zunehmend peinlich berührte. Er fühlte sich nackt, diesen jungen Augenpaaren schutzlos ausgeliefert. Am liebsten hätte er die Übung abgebrochen und die Drei weggeschickt. Er hatte aufgehört, ihnen zu helfen und stand verloren herum. Juan bemerkte seine Verlegenheit und trat neben ihn. Auch die beiden jungen Frauen sahen, dass sie übertrieben hatten und kamen näher.
«Sorry», sagte Juan leise. «So war es wohl nicht gemeint. Sollen wir es wieder wegräumen?»
Härri antwortete nicht sofort. Er schaute um sich. Das war ein Teil seiner Welt! Einen beträchtlichen Teil seines Lebens hatte er damit verbracht, das zu erschaffen. Viel Mist war darunter, aber auch grossartige Bilder, die er vergessen hatte. Seine Erstarrung löste sich.
«Nein», sagte er. «Nein – es ist gut. Es ist gut.»
Alina holte sich einen Stuhl und setzte sich rittlings darauf.
«Können wir ...?»
Härri unterbrach sie.
«Ich möchte zuerst ein bisschen schauen. Ich habe die meisten schon lange nicht mehr vor Augen gehabt. Können wir zuerst schauen, geht das? Dann dürft ihr alles fragen, was ihr wollt. Und alles dazu sagen, natürlich ...»
Diese Begegnung mit drei jungen Menschen, die sich eben erst auf die Malerei eingelassen hatten – auf die Kunst, was immer sie darunter verstanden –, füllte Härris Inneres in den nachfolgenden Tagen vollkommen aus. Ganze Passagen des Gesprächs, das sich nach dem Übergriff in sein Bildarchiv entspann, gab sein Gehirn wörtlich wieder und wieder. Die hellen Stimmen bildeten einen Chor, der ihn bis in den Schlaf begleitete. Ihre Fragen wurden zu seinen Fragen. Die Antworten, die sie gefunden, oft auch mühevoll konstruiert hatten, widersprachen, betonten, überdeckten und ergänzten sich wie die Farben einer schrill bunten Palette. Konnte, sollte man heutzutage noch malen? Ja, natürlich – nein, auf keinen Fall! War es wichtig, einen erkennbaren Stil zu entwickeln? Unbedingt – kommt darauf an – bloss nicht! Sollte man politische Aussagen mit der Malerei verbinden, und wenn ja, konnte man sie auch mit abstrakten Bildern ausdrücken? War es richtig, dass jedes gute Bild auch ein dekoratives Bild sei? Ja, vorausgesetzt, dass ... nein, niemals, weil ... vielleicht, nämlich, wenn ...
Wenn Härri aber geglaubt hatte, es ginge in dieser Intensität weiter mit seinen Coachees, dann hatte er sich getäuscht. Sie gaben sich bei den nächsten gemeinsamen Veranstaltungen so, wie Studierende eben oft sind: verspielt und kindisch. Unpünktlich und noch halb schlafend, mit sich selbst beschäftigt, bequem und dabei fordernd. Gelangweilt oder interessiert, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Sie wollten mit ihm nach Bregenz fahren, an die Ausstellung von Da-ra Baeck.
Die Institutsleiterin war viel abwesend gewesen in den letzten Wochen, wovon aber Härri nicht viel mitbekommen hatte. Erst als er Äusserungen des Unmuts von Seiten seiner Kolleginnen hörte – «Warum muss sie die Eröffnung ihrer Ausstellung gerade auf den Semesterbeginn legen?» – realisierte er, dass Da-ra im Begriff war, einen nächsten Schritt in ihrer Karriere als Künstlerin zu vollziehen. Das Kunsthaus in Bregenz war nicht irgendeine Adresse, sondern ein international angesehenes Museum für Gegenwartskunst. Ein bisschen neidisch durfte man da sein.
Sie waren eine Gruppe von knapp zwanzig Personen, zur Hälfte bestehend aus Studierenden, die am letzten Donnerstag des Monats einen frühen Zug nach Zürich und von dort aus den nach Bregenz nahmen. Zwei gemeinsame Fixpunkte waren festgelegt, ansonsten wollte man den Teilnehmenden bei dem Ausflug möglichst viel Freiheit einräumen. Frau Hayoz, die Sekretärin, hatte für das gemeinsames Mittagessen einen Tisch in einem Restaurant reserviert und am Nachmittag war um fünfzehn Uhr ein Treffpunkt abgemacht, an dem – falls alles klappte und die Künstlerin wirklich Zeit fände – Da-ra Baek erscheinen und etwas zu ihrer Ausstellung sagen würde.
Härri war froh, dass ihn die Studierenden weitgehend in Ruhe liessen. Er hatte von Da-ra schon einiges gesehen und war deshalb gefasst auf die komplexe Unübersichtlichkeit, die ihre Werke auch hier ausmachten. Die Vielfalt der Materialien war wieder so breit, dass er sich fragte, was eigentlich nicht vorkomme. Spiegel- und Lichteffekte ermüdeten die Augen und die Wechsel in den Dimensionen – es gab riesige skulpturale Objekte aus bemaltem Stoff und gleich daneben winzig kleine Modellwelten aus dem 3D-Drucker – erforderten anstrengende Perspektivenwechsel. Thematisch bewegte sich Baeck «zwischen Science-Fiction-Filmregisseurin, verrückter Kurzwarenhändlerin und futuristischer Stadtgestalterin mit drängendem politischem Ausdrucksbedürfnis», wie im Saaltext nachzulesen war. Am meisten überzeugte Härri ein Raum, der mit ihm auch die meisten Besucher anzog. In einem dunklen Raum tanzte, freischwebend in einem starken, aus Öffnungen im Boden aufsteigenden Luftstrom, ein weisses Kostüm. Zeitweise verknäulte es sich zu einem formlosen Stoffball, der sich an Ort schwebend zitternd um sich selbst drehte. Dann wieder stieg es wie ein Gespenst in die Höhe und breitete drohend die überdimensionierten Ärmel aus, als ob es sich auf die Betrachter niederstürzen und sie verschlingen wollte. Juan, der plötzlich neben Härri stand, war beeindruckt.
«Stark!» fand er. «Da haben sie wohl lange getüftelt, bis das Ding nicht mehr abstürzte. Die Abschrankung stört etwas, aber es geht wohl nicht ohne.»
«Was siehst du darin?», fragte ihn Härri.
«Es hat etwas mit Schamanismus zu tun. Und mit traditionellem koreanischem Tanz», antwortete Juan. «Hast du die Wand mit dem vielen Text und den Bildern noch nicht gesehen?»
Und als Härri verneinte, fuhr er fort:
«Ist ein bisschen sehr didaktisch gemacht, aber informativ. Ich habe nicht ganz alles gelesen, aber der Schamanismus ist in Korea offenbar sehr lange unterdrückt worden, über Jahrhunderte. Von den Buddhisten, dann von den Konfuzianern. Später kamen die christlichen Missionare, dann die Japaner. Schliesslich die Militärjunta. Die Schamanen, ich glaube, vor allem Frauen, also Schamaninnen, standen zuunterst in der Gesellschaft. Bei der Demokratiebewegung gegen die Diktatur in den 1980er-Jahren spielten sie dann wieder eine Rolle. Als Widerstandsbewegung. Es hat mich an mein Land erinnert. An die Unterdrückung der indigenen Kultur.»
Juan schien in seinem Element, wie er da erzählte. Härri war beeindruckt. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit Da-ra zu dem Thema zu befragen.
Die Gruppe aus Augst traf sich mit ihr in einem Raum der Kunstvermittlung. Sie hatte sich also tatsächlich die Zeit genommen, was ihr von den Anwesenden hoch angerechnet und verdankt wurde. Härri war müde nach dem Mittagessen und konnte dem Gespräch nur schwer folgen. Er verlegte sich darauf, Da-ra zu beobachten. Sie war in einem Hoch, das sah man ihr an. Einfach, aber sehr teuer gekleidet. Schwarz in schwarz diesmal. Die silberweissen Haare leuchteten umso mehr. Ihre Mimik war entspannt und sie sprach selbstbewusst, wechselte zwischendurch ins Englische, wenn sie schneller und präziser sein wollte.
Als es vorbei war und Härri sich an der Gruppe vorbeistehlen wollte, welche die Künstlerin noch immer umstand, trat sie mit einem schnellen Schritt neben ihn und hielt ihn am Ärmel fest.
«Lukas!» Es tönte wie ein unterdrückter Ruf. «Wir machen was ab. Jetzt.»
Sie zog ihr Handy aus der Umhängetasche und forderte ihn mit einem Blick auf, es ihr gleichzutun. Er bekam seinen Mund nicht mehr zu. Alles hatte er erwartet, nur dies nicht.

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