Man konnte sich als Eltern nicht herausreden. Der Mensch war nun einmal das Tier, dessen Nachwuchs einen grossen Teil seiner Sichtweisen und Fertigkeiten von den Eltern übernahm – die Hälfte, konnte man sich der Einfachheit halber einreden. Ihnen allerdings für alle Verfehlungen der Sprösslinge die Schuld und für alle Leistungen das Verdienst zuzuschreiben, wäre ebenso albern wie sie freizusprechen von jeglicher Verantwortung. Die Differenzierung des Einflusses der Elternteile war heikel. Aussagen wie «die Mutter ist an allem schuld» oder «Nein, der Vater, vor allem der abwesende ...» sagten mehr aus über die Ideologie der Sprechenden als über die komplexe Dynamik der Erziehung in der Familie. Schon bei zwei Kindern hatte man sehen können, wie sie sich am einen Ort den Erwartungen der Erzeuger fügten, sie an einem andern gegeneinander ausspielten und sich eine eigene Synthese daraus bauten, und wieder anderswo aus Trotz gegen die elterlichen Wünsche komplementäre Strategien entwickelten. Kam dazu, dass sich Kinder gegenseitig beeinflussten, ein Vorgang, der durchaus auch als Erziehung gelten konnte. In der Regel zeigte das Ältere dem Jüngeren die Dinge, dieses wiederum nahm die Unterweisung an und eiferte nach, oder machte es anders, vielleicht besser. Oder es lehnte genau das ab, was das Ältere schon konnte, weil es besetzt war und damit uninteressant erschien, oder weil der Vorsprung schlicht nicht einzuholen war. Dieser Vorgang konnte auch in umgekehrter Richtung ablaufen, vom Jüngeren als Vorbild, zum Älteren als Nachahmer oder Vermeider. Kompliziert war es erst recht bei dem, was «die Werte» genannte wurde. Kannte man denn seine eigenen so gut, dass man sie aufzählen und umschreiben konnte? Hätte man sagen können, was davon man sich selbst zurechtgelegt hatte und was Familientradition war, was einem vom Vater, was von der Mutter eingebläut oder untersagt worden war und das man allmählich verinnerlicht hatte. Oder gar von den Grosseltern? Aber, wenn ja, von welcher Seite? Vater-Grossmutter oder Mutter-Grossvater? Nicht einmal den in der eigenen Familie so offensichtlichen Wertekonflikt zwischen einer künstlerischen und einer wirtschaftlichen Sicht auf die Welt konnte man klar zuordnen.
Warum hatte man es sich zu einem Teil des Berufs gemacht, jungen Menschen etwas von dem weiterzugeben, was man zu wissen und zu können meinte? War man dazu befugt, wenn einem doch die Erziehung der eigenen Kinder missglückte? Und wie machte man es überhaupt? Wenn man sich der Illusion hingab, dass das, was man sagte oder zeigte, unvermittelt von andern aufgenommen würde, dann lag man von vornherein falsch. Und selbst wenn es einen direkten Weg der Tradition gäbe, müsste man seinen Erfahrungen skeptisch gegenüberstehen. Indirekt musste man es angehen, ohne dabei zu tricksen. Ohne den Vorgang manipulierend zu verschleiern, diese paradoxe Mischung aus Lehren und Lernen. Eine Situation schaffen und aufrechterhalten, in der zwei Menschen sich gemeinsam auf die Betrachtung eines Aspekts der Welt einlassen, zu dem der eine mehr Erfahrung und Wissen mitbringt als der andere, der dafür den Vorteil der Unvoreingenommenheit besitzt. Fragen stellen, zu denen man nicht schon eine Antwort hat, die folglich nicht demütigen, wer die Antwort noch nicht kennt. Erwachsenen Menschen konnte man sowieso nur etwas beibringen, wenn sie es von einem verlangten. Und sie auf ihrem je eigenen Weg begleiten, den man erst einmal in seiner Andersartigkeit erkennen musste.
Nachdem Carmela am Morgen Härri im Hotel aufgesucht und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte, tranken sie noch einen Kaffee in der Bar nebenan. Er hatte kaum geschlafen, fühlte sich aber imstande, seine Reise fortzusetzen. Er wollte weiterhin auf Nebenstrassen fahren und versprach, viele Pausen einzulegen. Obwohl er keine Lust hatte, nochmals über Sofia zu reden, überwand er sich und fragte, wann mit dem Prozess gegen ihre Tochter zu rechnen sei. Carmela konnte es nicht genau sagen.
«Ich vermute, dass er noch dieses Jahr stattfinden wird. Vielleicht im Spätherbst. Die Untersuchungen laufen jetzt schon eine Weile, und Sofia hat ja geholfen dabei. Aber es hängt wohl auch davon ab, wie stark das Gericht belastet ist.»
«Weiss man denn, welches es sein wird?», fragte Härri.
«Sofia meinte, die Verhandlung werde von einem Bundesgericht geführt werden, da sie gegen das Wertpapiergesetz des Bundes verstossen hat. Vielleicht vom Southern District Court. Das ist nicht weit von der Wallstreet entfernt, glaube ich. Zwischen den Zufahrten zur Manhattan Bridge und Brooklyn Bridge.»
«Fährst du hin, wenn es soweit ist?», wollte er wissen.
Sie wich der Frage aus und meinte, man werde sehen. Er sagte ihr nicht, dass er Sofia gegenüber angedeutet hatte, er würde sie vielleicht in New York besuchen. Damals hatte er noch nichts gewusst von der Katastrophe. Es war eine andere Situation jetzt, und er wollte sich Zeit nehmen für die Überlegung, was zu tun war.
Carmela begleitete ihn noch zu einem Feinkostladen, in dem er sich Brote füllen lassen konnte. Dann verabschiedeten sie sich und er ging zum Parkhaus, wo er sein Auto abgestellt hatte. Im Halbdunkel der Parketage setzte er sich hinters Steuer und musste sich zuerst besinnen, wozu er eigentlich hier war und welche Reise er einst geplant hatte, damals, als er von Sofias Vergehen und dessen Folgen noch nichts gewusst hatte. Er drückte den Startknopf und schaltete das Navigationsgerät ein, wo er den Namen des Passes eingab, über den er nach Frankreich gelangen wollte: Colle dell’Agnello. Das Gerät gab eine Fahrzeit von gut zweieinhalb Stunden an. Wenn er unterwegs eine Pause machen und etwas trinken wollte, zum Beispiel in Savigliano, dann wäre er wohl gegen drei Uhr auf der Passhöhe. Als er die Weiterfahrt nach Grenoble eingab, wurde er gewarnt, dass die französische Seite des Passes gesperrt sein könnte. Er beschloss, bis Savigliano zu fahren und dort weiter zu entscheiden. Vielleicht liess sich ja herausfinden, ob der Pass tatsächlich geschlossen war.
Kaum war er unterwegs, machten sich Müdigkeit und Unaufmerksamkeit auf gefährliche Weise bemerkbar. Am Ausgang der Stadt wechselte er unvermittelt die Spur, weil er die Schilder zu spät sah. Er löste damit ein wütendes Hupkonzert aus. Später, auf der schmalen Überlandstrasse fuhr er so langsam, dass sich hinter ihm eine Kolonne bildete, aus deren Reihe sich Einheimische zu selbstmörderischen Überholaktionen hinreissen liessen. Er war froh, als er nach gut einer Stunde heil in Savigliano ankam. Er fand einen Parkplatz im Zentrum und dann eine Bank am Fusse des mittelalterlichen Turms an der Piazza Santarosa. Die Brote waren ausgezeichnet, und als er eine Flasche Mineralwasser getrunken hatte, fühlte er sich besser.
Über den Colle d’Agnello hatte er fahren wollen, weil dieser Alpenübergang in der Nähe des Passes lag, der mit grösster Wahrscheinlichkeit Hannibal zur Überquerung des Gebirges gedient hatte. Der Col de la Traversette. Er wusste nicht, was er sich davon versprach. Elefantenskelette würden keine herumliegen, aber vielleicht könnte ihn die Landschaft und das Wissen um ihre historische Bedeutung etwas ablenken. Im Informationsbüro für Touristen erfuhr Härri, dass der Colle d’Agnello tatsächlich nicht durchgängig befahrbar war. Als er die Frau an der Theke fragte, ob es sich lohne, auf die Passhöhe und danach wieder zurückzufahren, meinte sie, dann könne er auch gleich zum richtigen Hannibal-Pass fahren. Wobei er nicht auf die Passhöhe gelangen könne mit dem Auto, aber bis zum Gasthof Pian del Re, von wo aus zu Fuss die Quelle des Po zu besichtigen sei. Ob man dort übernachten könne, fragte Härri, was sie bejahte. Er müsse aber selber anrufen. Er war nicht überrascht, aber enttäuscht, dass alles ausgebucht war. Trotzdem machte er sich auf den Weg. Er nahm sich vor, vorsichtig zu fahren.
Nach einem Spaziergang durch die Gebirgslandschaft, zwischen Gruppen plaudernder Spaziergänger aus aller Welt, sass er nun bei geöffnetem Fenster auf dem Bett, das er unverhofft doch bekommen hatte. Schon unterwegs hatte ihn der freundliche Concierge zurückgerufen und ihm mitgeteilt, ein Gast habe sich abgemeldet und es sei ein Einzelzimmer frei geworden. Kaum sass er still, überfielen ihn Angst und Scham. Um sich abzulenken, öffnete er auf seinem Smartphone die elektronische Fassung der Affenkönig-Geschichte. Hatte er nicht die Episode nochmals nachlesen wollen, in der Sun Wukong von Buddha gebändigt wird mit einer Wette? Härri tat so, als interessiere es ihn noch immer und suchte nach der Stelle. Er fand sie im siebten Kapitel und las.
«Auf seinem Weg aber sah der Grosse Heilige ...»
Er musste kurz überlegen, dann wusste er es wieder: es war einer der vielen Namen für Sun Wukong. Dieser war auf dem Weg, über Buddhas Hand zu springen. Wenn er dies schaffe, dürfe er wie gewünscht in den Himmelspalast einziehen, hatte Buddha gesagt. Wenn nicht, müsse er als Dämon zur Erde zurückkehren und sich noch ein paar tausend Jahre der Vervollkommnung widmen. Sun Wukong hatte gelacht über den Vorschlag, schaffte er es doch, mit einem Wolkenüberschlag hundertachttausend Meilen weit zu springen. Härri las weiter.
«Auf seinem Weg aber sah der Grosse Heilige plötzlich fünf fleischfarbene Säulen, welche den blauen Äther zu stützen schienen. Da sagte er: ‘Hier ist das Ende. Jetzt gehe ich zurück, der Buddha ist Zeuge, der Himmelspalast ist mein.’»
Härri warf das Handy auf das Fussende des Betts und legte sich hin. Die Geschichte hatte ihn wieder. Der Affenkönig zupft sich ein Haar aus und verwandelt es in einen Pinsel. Damit schreibt er auf die mittlere Säule: «Der Himmelsebenbürtige Grosse Heilige kam bis hier!» Zusätzlich markiert er mit seiner Pisse den Sockel der ersten Säule. Mit ein paar Wolkenüberschlägen kehrt er zurück auf Buddhas Handfläche. Dieser verhöhnt ihn. Er sei nicht über seine Handfläche hinausgekommen. Als der Affenkönig protestiert und verlangt, man solle vor Ort prüfen, ob er bis zum Ende des Himmels gekommen sei oder nicht, meint Buddha trocken, dies sei nicht nötig und zeigt ihm seine Hand. Auf dem Mittelfinger steht geschrieben: «Der Himmelsebenbürtige Grosse Heilige kam bis hier!» und sein Zeigefinger stinkt nach ...
Härri war eingeschlafen. Schon bald träumte er von fliegenden Elefanten.
Es störte ihn nicht, dass er den Ausflug nach Frankreich auslassen musste. Er liess sich dafür mehr Zeit in Turin, wo er das Auto zurückgab, eine Übernachtung buchte und sich am andern Tag ausgiebig das Ägyptische Museum anschaute.
Auf dem Heimweg im Zug war er in Gedanken schon bei der kommenden Einführungswoche für die neuen Studentinnen und Studenten. Härri fand es immer eine seltsame Veranstaltung, weil die Dozenten, Werkstattleiterinnen, die Leitung und ihre Administration je einzeln die aus ihrer Sicht wichtigen Informationen und Annäherungsschritte an die Studierenden herantrugen, dabei aber immer nur ihren Beitrag mitbekamen. Es war eine Frage der Perspektive. Um Charakter und Wirkung der Einführungswoche als Ganzes mitzubekommen, hätte man in die Haut einer Studentin schlüpfen müssen.
Eigentlich war Härris Aufgabe klar umrissen. Er hatte ein halbtägiges Seminar abzuhalten, in dessen Rahmen er Stellung und Bedeutung der Malerei im Studium skizzieren sollte, wobei auch dem gegenseitigen Sichkennenlernen einen Platz einzuräumen war. An einem Nachmittag hatte er die Verteilung der Arbeitsplätze in einem der Grossraumateliers zu moderieren und durfte die Infrastruktur vorstellen, die mit dem Zeichnen und der der Malerei zusammenhing.
Wieder zurück in Augst, bereitete er sein Seminar nicht zuhause vor, weil er sich in jener Umgebung nicht vom Grübeln über seine familiäre Situation, von den um Sofia, Bruno, Carmela und sich selbst kreisenden Gedanken lösen konnte. Er richtete sich ein in der kleinen Fachbibliothek der Spinnerei, die wenig benutzt wurde und in der es einen riesigen Schreibtisch gab, den er für sich freiräumte. Die Anfälle lähmender Müdigkeit, welche die Ereignisse der letzten Wochen in ihm hervorgerufen hatten, waren vorbei. Er fühlte sich aufgekratzt, hatte Lust und Mut, alles auf den Kopf zu stellen und neu zu beginnen, wobei er sich gut genug kannte um zu wissen, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein würde. Aber jetzt wollte er es anders machen als letztes Jahr und alle die Jahre davor, in denen sich die Routine breit gemacht hatte, vor allem in immer wiederkehrenden Veranstaltungen. Er wollte an den Kern gelangen, an die Basis des Lehrens und Lernens. Dem Vorgang selbst sollte die Aufmerksamkeit gelten, und den beteiligten Menschen. Auch ihm selbst. Er wollte sich zeigen, sich «aus seiner Komfortzone herausbewegen», genauso wie sie dies Mantra-artig von ihren Studentinnen und Studenten verlangten. Wenn er so, allgemein und abstrakt, darüber nachdachte, fühlte er sich voller Energie. Schwieriger wurde es, wenn konkret festzulegen war, worüber er sprechen, was er zeigen und zu welchen Aktivitäten er die Studierenden einladen wollte. Als er schliesslich vor ihnen stand, war es wie immer. Er hatte zu viele Themen im Kopf, zu umfangreiches Material auf dem Tisch und seinem Laptop.
Als er hinterher Bilanz zog, musste er sich immerhin zugestehen, dass er nicht alles schlecht gemacht hatte. Wieder zuhause, schaute er die Porträts durch, welche er die Studierenden hatte gegenseitig machen lassen, und begann mithilfe der Liste ihre Namen zu lernen. Auf den Fotos hielten alle ein Schild vor sich hin mit dem Vornamen, dazu hatten sie auf Vorschlag eines Studenten die Pronomen geschrieben, mit denen sie genannt werden wollten: «sie / ihr», «er / sein», «they / them» oder «kein Pronomen». Härri wusste, dass er mit der Pluralform für eine Einzelperson nicht klarkam. Er hatte sich angewöhnt, für die Studierenden, die sich als non-binär bezeichneten, den Vornamen ohne Pronomen zu verwenden. Bisher hatte sich noch niemand darüber beschwert.
Gut war der Teil des Seminars gewesen, den er mit dem Zeigen einiger seiner aktuellen Zeichnungen einleitete. Das hatte ihn einige Überwindung gekostet, weil er es bisher immer vermieden hatte, sich auf diese Weise ins Zentrum zu stellen. Diesmal hatte er aber gefunden – in der Aufbruchsstimmung, in der er sich wähnte –, dass die Zurückhaltung der eigenen Künstlerpersönlichkeit in Wahrheit auf noch machtvollere Weise Dominanz markiere, weil sie die Studenten und Studentinnen nötige, sich ihr Bild des Dozenten gänzlich selbst zusammenzusetzen. Aus Katalogen, aus dem Internet, durch Nachfragen und so weiter. Und dass diese Verweigerung – denn was war es anderes? – sich als Zurückhaltung und Bescheidenheit nur tarne, in Wahrheit aber ein Zeichen von Eitelkeit sei, denn selbstverständlich gehe der Professor davon aus, dass sich seine Zöglinge schnellstmöglich mit den nötigen Informationen eindeckten, schon nur, um sich nicht zu blamieren. Dies alles wären intransparente Machtverhältnisse, die zu Projektionen geradezu einluden.
Als er also seine Arbeiten ausgebreitet hatte wie es sonst die Studierenden in ihren Präsentationen tun mussten, kam nach einem kurzen Moment scheuer Stille ein sehr lebhaftes Gespräch in Gang. Er wurde viel befragt über seine Strategien, mit denen er sich in einen produktiven Zustand bringe. Über die Entwicklung seines eigenen Stils, über seine Vorlieben bezüglich der Themen, Medien und Formate, die er benütze. Härri hatte den Eindruck, dass er noch nie in so kurzer Zeit so viele Erkenntnisse über die Malerei und die Kunst hatte anbringen können. Zudem – und das war das Beste daran – folgten diese Belehrungen fast ausschliesslich auf konkrete Fragen aus dem Kreis der jungen Leute. Es war also davon auszugehen, dass das, was er sagte, auch auf guten Boden fiel.
Nicht zufriedenstellend verlief sein Vortrag mit einem Exkurs in die Geschichte der Informationsvermittlung durch Bilder. Er zeigte den Studierenden einen Faksimile-Druck des ägyptischen Papyrus, den er von seiner Lombardei-Reise aus Turin mitgebracht hatte. Es handelte sich um eine der ersten topografischen Karten überhaupt, sicher um die erste geologische Karte, auf der ein Schreiber von Ramses dem Vierten um das Jahr 1160 vor Christus seinem Dienstherrn eine reale Landschaft aufgezeichnet und darin mögliche Stollen für den Abbau eines Gesteins eingezeichnet hatte, die dieser für repräsentative Grossporträts verwenden wollte. Härri hatte mit seiner Präsentation die Absicht verbunden, ein Gespräch über die Macht der bildnerischen Weitergabe von Informationen zu eröffnen. Da hatte sich ein Student gemeldet. Er hiess Juan Álvarez, wie Härri auf der Liste sehen konnte.
«Aber wieso ist die Karte jetzt in Turin? Und noch immer in Italien?»
Härri hatte einen Moment überlegt, ob es ein Fehler gewesen sei, die Diskussion über koloniale Raubkunst und Restitution von Kulturgütern nicht an den Anfang zu stellen. Er erzählte von Bernardino Drovetti, der die Bildrollen in seiner Funktion als Napoleons Prokonsul in Theben gefunden und nach Turin gebracht hatte.
«Ein klassischer Fall von kolonialistischer Aneignung also?», fragte Juan nach, wobei deutlich der Vorwurf mitschwang: «Warum sagten Sie das nicht gleich?»
Die daraufhin entstehende Debatte wurde lebhaft und kontrovers geführt, worüber Härri eigentlich hätte froh sein müssen. Aber das von ihm vorbereitete Thema wurde nur am Rande behandelt und er musste sich zum Schluss die unangenehme Frage stellen, ob er der postkolonialistischen Fragestellung unbewusst ausgewichen war, wie es der kritische Student unterstellt hatte. Warum nur hatte er den Papyrus als Anschauungsgegenstand gebracht?
Da sie in dieser Woche beide am selben Tag frei hatten, konnte Helen endlich ihr Versprechen einlösen und Härri auf eine Tour mit dem Weidling mitnehmen. Es zeichnete sich bereits jetzt, Mitte September, ab, dass der Monat einer der wärmsten werden könnte seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Helen schlug deshalb vor, dass sie früh, am besten schon um sieben Uhr aufs Wasser gehen sollten. Sie trafen sich beim Lokal ihres Wasserfahrvereins. Helen hatte ihm Knieschoner mitgebracht und bot ihm auch Handschuhe an. Er wollte es aber ohne probieren.
«Du wirst ein paar Blasen erwischen», lachte sie.
Er hatte zwar schon oft zugesehen, wenn die Weidlinge vor seinem Haus dem Ufer entlang hochgestachelt wurden, aber als sie nun unterwegs waren, staunte er wie schwierig und schweisstreibend dieser Sport war. Helen bewegte sich geschmeidig und korrigierte seine Haltung und Bewegungen mit präzisen Hinweisen. Am besten lief es ihm, als sie etwa einen Kilometer hinter sich hatten. Seine Stösse wurden länger und vor allem gerader, so dass Helen weniger seitliche Ausschläge von ihm ausgleichen musste. Danach aber wurde er bereits müde. Seine Knie schmerzten trotz der Polster, die Blasen an den Daumengelenken waren aufgeplatzt und brannten, und er bekam Durst.
Er überwand sich und meldete seine Bedürfnisse an:
«Ich brauche bald eine Pause, kann man mit dem Ding irgendwo anlegen?»
«Ich dachte, wir stacheln bis Beuggen. Noch etwa zehn Minuten. Magst du noch so lange?»
Und als er bejahte, fuhr sie fort:
«Wir gehen dort etwas trinken. Es hat eine Anlegestelle gleich unterhalb vom Schloss, dort können wir den Weidling festmachen.»
Als sie im Schatten unter dem Sonnenschirm sassen, vor grossen Gläsern Eiswasser, erzählte ihm Helen von ihren Erfahrungen im Verein, wo sie lange Zeit das einzige Mädchen gewesen war. Wie sie sich immer zuhause hatte umziehen und duschen müssen, weil es im Klubhaus weder Garderobe noch Dusche gab für Frauen. Die Sprüche dann und die Schikanen, als sie hatte an Wettkämpfen teilnehmen wollen. Wie sie dafür sogar den Verein gewechselt und ihren eigenen erst nach ersten Medaillen hatte dazu bringen können, sie zu unterstützen. Nun sei das alles Geschichte, und fast niemand komme mehr auf die Idee, das Wasserfahren als reinen Männersport zu bezeichnen.
Härri betrachtete seine Hände und schüttelte den Kopf.
«Du bist unglaublich fit! Nimmst du immer noch teil an Wettkämpfen?»
«Nicht mehr so streng. Ich hätte gar nicht mehr die Zeit, so intensiv zu trainieren. Ich halte mich fit mit meinem Job bei der Zimmerei. Wobei, dort muss ich aufpassen, dass ich mich nicht verletze. Ich bin dort umgeben von Murksern ...
Sie lachte. Und als er fragte, was sie mit «Murksern» meine, sagte sie:
«Die Sorte Männer halt, die sich für unkaputtbar halten. Die immer ein bisschen zu schwer heben, das Sicherungsseil zu spät einklinken. Die finden, Handschuhe oder Arbeitsstiefel mit Stahlkappen seien etwas für Weicheier ...
Er zeigte ihr seine Handflächen.
«So wie ich ...?»
Wieder lachte sie ihn an.
«Genau wie du. Aber auf der Abfahrt nachher kannst du ja immer noch die Handschuhe anziehen. Beim Rudern gibt es dann auch Reibung an anderen Orten – und neue Blasen.»
Das Rudern gefiel Härri besser als das Stacheln, obwohl es technisch eher noch anspruchsvoller war. Vor allem das Abdrehen des Ruders fiel ihm zu Beginn schwer. Er durchschaute zwar das Prinzip – kräftiger Stoss mit quergestelltem Blatt, senkrechte Führung des Ruders beim Vorziehen durchs Wasser gegen den Bug –, trotzdem wollte seine Griffhand zuerst nicht mitmachen. Vielleicht lag es daran, dass er als Anfänger vorne ruderte und damit seine linke Hand für die Drehung verantwortlich war. Mit der Zeit aber ging es besser und sie fanden sich zwischendurch zu einem schönen Rhythmus. Helens Ratschläge bezogen sich auf Details, die er nachvollziehen konnte und sie bestärkte ihn sofort, wenn er etwas besser machte. Mit der Strömung waren sie viel schneller zurück in Warmbach als er gedacht hatte.

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