7.4.24

Wahlmöglichkeiten

Wie konnte man aber wissen, was zeitgenössisch war? Und wenn es einem einmal gelungen sein sollte, etwas zu schaffen, was im Kern gegenwärtig genannt werden durfte, dann müsste es doch, um diese Zuschreibung wenigstens für kurze Dauer weiterhin in Anspruch nehmen zu können, etwas von der Zukunft bereits vorweggenommen und glaubhaft ausgedrückt haben. Sich vom Vergangenen, bereits Gedachten, Erfundenen, Gesagten zu unterscheiden, war eine Frage der Bildung. Was man nicht kannte, würde man, ohne es als Wiederholung zu erkennen, früher oder später nach-denken, nacherfinden, nachsagen. Das Zukünftige aber war auch durch sorgfältigstes Studium nicht zu erschliessen. Zwar gab es im Überfluss Texte, die sich mit der Zukunft nicht nur tastend und fragend befassten, wie es der Unsicherheit des Gegenstands eigentlich angemessen gewesen wäre, sondern mit selbstgewissen Behauptungen kommende Situationen, ja ganze Welten zeichneten, als ob sie schon jetzt wissenschaftlich untersuchbare Tatsachen wären. Mit der sogenannten künstlichen Intelligenz wurde gegenwärtig so verfahren. Während die einen mit Hinweis auf die mit der Technologie und ihren Programmen verbundenen Gefahren düstere Bilder der Zukunft ausmalten und auf eine schnelle Regulierung drängten – manche gar auf ein Anhalten der Entwicklung bis zum Zeitpunkt, zu dem man besser verstünde –, glaubten andere an Fortschritte in fast allen Lebensbereichen, womit der Menschheit bessere Gesundheit, ein längeres Leben, wenn nicht gar Frieden und Wohlstand in bisher nie gekanntem Mass beschert würde. Junge Menschen gingen neugierig, aber auch nüchtern an die Sache heran. Was da war, wurde eben auf seine Nützlichkeit geprüft und eingesetzt. Was andere als gut bezeichneten, daran musste etwas sein. Wenn es einem half, lästige Textaufgaben schneller, einfacher und besser zu erledigen oder die langwierige Suche nach Bildvarianten abzukürzen, dann gab es keinen Grund, dies nicht zu tun. Vor allem solange viele Vertreter der älteren Generation einen Bogen um das Neue machten und die gesellschaftlichen Folgen verdrängten. Führte das Gefühl, nicht nachzukommen auch zu dem Gefühl, es gebe gar keinen Fortschritt, wie Musil vor fast hundert Jahren seinen Ulrich sinnieren liess? Und stimmte es, was der Mann ohne Eigenschaften darüber hinaus über die Zukunft sagte? Dass der Fortschritt doch das sei, was sich aus allen Anstrengungen gemeinsam ergebe und daher der wirkliche Fortschritt immer gerade das sein werde, was keiner wollte? Künstliche Intelligenz, Kunst der Zukunft, die so niemand wollte?

Im September und auch in der ersten Hälfte des Monats Oktober war es so warm wie noch nie zu dieser Jahreszeit. «Noch nie» bezog sich auf die letzten zweihundertzweiundvierzig Jahre seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen, welche 1781 in Bayern durch die Societas Meteorologica Palatina eröffnet worden waren. Augst wurde mediterran, wie die Menschen feststellten, die sich ab dem frühen Nachmittag und bis in die lauen Nachtstunden vor den Buvetten der Rheinpromenaden vergnügten oder auf einem der zahllosen Plätze der Stadt kühle Getränke bei lockerem Geplauder genossen. Mitunter mischte sich ein leichtes Unbehagen in die gute Stimmung. Manche spürten eine diffuse Mitschuld an der Unzeitigkeit und Intensität der Wärme, an der Aufblähung des Sommers bis gegen die zweite Sonnenwende. Das schlechte Gewissen konnte aber mit einem weiteren Bier oder Aperol Spritz hinuntergespült werden.

Härri sass an einem der wunderschönen Nachmittage auf einem neu angeschafften Feldstühlchen mitten auf einer Brachwiese in der Nähe von Degerfelden. Ein Malblock lag auf seinen Knien, den Pinsel hatte er neben sich ins Gras gelegt. Er war umgeben von Schafen, die zwischen auseinanderfallenden Holzbeigen grasten. Man hörte das Summen von Bienen, unregelmässiges Anschlagen der Schafsglöckchen und ganz entfernt das Rauschen der Autobahn. Verstreut konnte man weitere sitzende Gestalten erkennen. Sechs Studierende hatten ihn zu einer Tätigkeit überredet, die er fast schon vergessen hatte: Landschaftsmalen. Ihre Lust auf eine solche historische Disziplin war ausgerechnet durch eine politische Diskussion geweckt worden. Juan hatte von seinem letztjährigen Aufenthalt in Bogotá erzählt, wo er einem Künstlerkollektiv bei der Umsetzung eines grossen Wandbilds hatte helfen dürfen. Die Gruppe nannte sich Colectivo Subarsivos, was, wie Juan erläuterte, ein Wortspiel war. Die Künstler deuteten damit sowohl den subversiven Charakter ihre Arbeit an als auch ihre Verbundenheit mit dem Stadtteil Suba, wo der Fernbus-Terminal stand, dessen Mauer bemalt werden sollte. Es war nicht zu überhören gewesen, wie sehr Juan die aktionistischen Künstler bewunderte, denen er da über die Schultern schauen konnte. Einwände seiner Kolleginnen, die fragten, wo denn die Subversion bliebe, wenn ein Wandbild von der Gemeinde in Auftrag gegeben und bezahlt werde, liess er nicht gelten, sondern hielt ihnen einen langen Vortrag über den Muralismo in Mexiko zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Über dessen Ausstrahlung auf das postkoloniale Mittel- und Südamerika. Solche Malerei im öffentlichen Raum, auch wenn sie vom Staat unterstützt werde, diene durchaus der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wie er meinte. Mit dem Blick auf Gegenwart und Zukunft aber könnten Bilder – natürlich sei gemeint: gute Bilder – das Selbstbewusstsein marginalisierter Menschen stärken. Sie dabei unterstützen, ihre verlorengegangene Identität wiederzufinden und in die Zukunft weiterzuentwickeln. Im Falle des Wandbilds in Bogotá sei es in diesem Sinne um die indigene Kultur der Muisca gegangen. Juan hatte trotz seines Eifers nicht alle Mitstudierenden überzeugen können. Als sie wissen wollten, was denn das Wandbild darstelle, zeigte er ihnen ein Video. Zu sehen war das üppige Panorama einer idealisierten Landschaft, irgendwo zwischen Bogotá und dem Rio Magdalena. Darin bewegten sich riesige mythologische Wesen, Schlangen und weibliche Gottheiten in friedlichem Zusammenleben mit Menschen aus den verschiedenen Epochen dieser Weltgegend. Bei den Figuren erinnerte die Malerei an naive Votivbilder, wie Härri fand. Er behielt diese Einschätzung aber für sich. Erstaunlich gut beobachtet und differenziert präsentierte sich die Vegetation, die einen grossen Teil des Gemäldes ausmachte und es mit ihren Grüntönen farblich zusammenhielt. Auch Juan gefiel dieser Teil des Werks besonders gut und er äusserte sein Bedauern darüber, dass er dazu wenig habe beitragen können, weil es ihm sowohl am zeichnerischen Können als auch an botanischen Kenntnissen fehle. Dieser Feststellung konnten sich fast alle anschliessen, worauf jemand die Frage stellte, ob man nicht einen Intensivkurs im Freien veranstalten könne, solange es das Wetter noch zuliesse. Und so waren sie auf dem Grundstück eines Bauern gelandet, den Härri von früher kannte.
Sie malten mit Aquarellfarben. Harri hatte ihnen ein paar seiner Tricks gezeigt. Wie man die Farbe auf dem schräg gestellten Karton laufen lässt und dabei mit dem Pinsel dirigiert. Wie dieser wie ein Schwamm überschüssige Farbe absaugt, wenn er mit den Fingern ausgedrückt wurde. Dass es manchmal besser ist, die Zeichnung nach der Malerei einzusetzen. Und dass man für die unübersichtliche Fülle an Formen und Strukturen der Vegetation abstrakte Entsprechungen erfinden und sich dann für ein Mass an Fleiss entscheiden muss, das man bereit ist, aufzubringen. Besonderen Wert legte er auf die Tonwerte und deren Wichtigkeit für eine lebendige Wirkung des Bildes. Er hatte dazu eine kleine Kartonmappe mit Reproduktionen aus der Geschichte der Landschaftsmalerei mitgebracht. Nach einer gemeinsamen Einführung verteilten sich die Studierenden im Gelände und Härri besuchte sie reihum. Beantwortete ihre Fragen, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, wenn sie festsassen. Manchmal machte er auch etwas vor auf seinem eigenen Block. Es waren Methoden aus dem letzten, wenn nicht vorletzten Jahrhundert, aber er fühlte sich in seinem Element und die Gruppe war mit grossem Eifer bei der Sache. In der Pause, im Schatten eines alten Birnbaumes, hatten sie darüber gesprochen. Alina und Zhara verstanden nicht, weshalb ihn die Frage so stark beschäftige, ob diese Form der Freilichtmalerei noch möglich sei – er hatte sogar gesagt: «noch erlaubt». Und auch andere fanden, es komme letztlich darauf an, was sie aus dem Erlebnis machten.
«Wir sind andere Menschen als die ... wie hiessen sie noch? ... Plainairisten, genau», sagte eine Studentin, die schwerpunktmässig bei Aurelia studierte. «Wir können diese Veranstaltung als Performance lesen, als eine konstruierte Situation, in der wir im Hier und Jetzt gemeinsame Erfahrungen machen. Erfahrungen in ... ich weiss nicht. In vertieftem Sehen?»
Da hatte sich Härri an eine Performance erinnert, die ein indisch-deutscher Künstler vor einigen Jahren im deutschen Pavillon an der Biennale in Venedig hatte aufführen lassen. Er erzählte den Studierenden davon. Der Raum war leer gewesen. Es gab nur uniformierte Wärter und Wärterinnen, die herumstanden. Und als man sich schon fragte, wo denn die Kunst geblieben sei, begannen diese angestellten Personen umherzugehen und enthusiastisch auszurufen:
«Oh! This is so contemporary, contemporary, contemporary!»
Als die Studierenden wieder an ihre Arbeitsorte zurückgekehrt waren, hörte man nun immer wieder diesen Ruf, begleitet von fröhlichem Lachen. Als die Sonne schon tief stand und Härri zum Aufbruch aufrief, fing wieder jemand damit an. Und es bildete sich ein Chor, der zuerst noch über die ganze Wiese verstreut war und sich nach und nach bei ihm versammelte.
«Oh! We are so contemporary, contemporary, contemporary!»
Härri sah, wie die Schafe zu grasen aufhörten und sich in vorsichtige Distanz zu den lärmenden Menschen begaben.

Erst in der zweiten Oktoberhälfte wurde das Wetter etwas kühler. Da-ras Ausstellung hatte die Halbzeit erreicht und war in Kunstzeitschriften und in den Feuilletons der Tageszeitungen wohlwollend bis begeistert besprochen worden. Es näherte sich das Datum, an dem sie Härri zu sich eingeladen hatte, zu einem koreanischen Abendessen in ihrer Penthousewohnung im Pratteln-Quartier. Er hatte sie seit dem Beginn ihrer Ausstellung selten im Institut angetroffen und war gespannt, ob sie die Einladung noch absagen würde. Fast hoffte er darauf, denn sobald er sich das Treffen auszumalen begann, ergriff ihn grosse Unruhe und er musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. Sie sagte aber nicht ab, sondern schickte ihm am Vortag eine Textnachricht um ihn zu erinnern und ihm mitzuteilen, dass «sie sich darauf freue». Sich zurückzuziehen war nun nicht mehr möglich. Seine Gefühle im Hinblick auf den Abend hätte er aber nicht als Vorfreude bezeichnet. Er überlegte, was er mitbringen könnte und entschied sich für eine Flasche Prosecco, dazu ein paar Rheinkiesel mit speziellen Formen und Zeichnungen aus seiner Sammlung. Er kannte das Haus, in dem sie wohnte, allerdings sah man das Penthouse von der Strasse aus nicht. Als er klingelte, dauerte es einen Moment, bis sich Da-ra meldete. Sie sagte, sie komme ihn mit dem Lift abholen, weil man einen Schlüssel brauche, um bis zu ihr hochzufahren.
Heute war sie in Dunkelblau gekleidet, wie immer mit Hose. Darüber trug sie eine weite Bluse, deren Ärmel sie scheinbar nachlässig unterschiedlich hochgekrempelt hatte. Erst als sie sich im Lift nahe gegenüberstanden, roch er ein dezentes Parfüm. Sie strahlte ihn an und fragte, wie es ihm gehe. Freute sich dabei schon darauf, die Gegenfrage zu beantworten, wie Härri dachte. Und tatsächlich legte sie nach seinem kurzen «Gut, und dir?» sofort los, noch bevor sie oben angekommen waren. Sie zählte Künstlerkollegen, Kuratorinnen, wichtige Kritiker und Journalistinnen auf, die sich schon nur in den letzten zwei Wochen bei ihr gemeldet und etwas von ihr gewollt hätten. Er kannte die wenigsten, aber sie wirkte glücklich. Stolz und selbstsicher.
Der Aufbau auf dem Dach, den sie bewohnte, erinnerte ihn an ein Schiff auf dem Trockenen. Am nördlichen Ende ragte der Liftschacht wie eine Kommandobrücke in die Höhe. Die daran befestigte Antenne verstärkte diesen Eindruck noch. Gegen Süden endete die Wohnung in einer Art Bug. Über einem halbkreisförmigen Grundriss fügten sich Scheiben über die ganze Raumhöhe zu einem kristallinen Vieleck. Die Kanten waren geklebt, ohne Streben. Da-ra führte ihn durch einen schmalen Korridor, von dem Türen nach links und rechts abgingen, in den grosszügigen Raum hinter den Panoramafenstern. Darin gab es eine Kochinsel und ein Cheminée aus schwarzem Stahl. Er sah nicht viel mehr als dass die Wohnung auf elegante Weise spartanisch eingerichtet war, denn Da-ra lotste ihn gleich weiter durch eine offenstehende Glastür auf die Terrasse, wo ein grosser Holztisch bereits gedeckt war. Härri stellte seine Tasche ab und übergab ihr, was er mitgebracht hatte. Die Steine schienen ihr zu gefallen, denn sie unterbrach ihren Redefluss und betrachtete sie ausgiebig. Ordnete sie dann sorgfältig auf der Mittelachse des Tischs und bedankte sich.
«Ich habe als Kind immer Steine gesammelt, aber meine Eltern haben sie wohl in der Zwischenzeit entsorgt. Geblieben sind mir nur noch einer oder zwei, ganz kleine.»
Sie nahm seinen Schaumwein, um ihn in die Kühle zu stellen, blieb dann aber stehen und erklärte ihm, was ihn erwarte.
«Hast du eine Jacke dabei? Dann können wir nämlich draussen essen. Erstens weil es schöner ist, aber auch, weil wir dann das Fleisch auf dem Tisch braten können. Es gibt Bulgogi, kennst du das? «Feuerfleisch»?
Und als Härri den Kopf schüttelte und fragte, ob es sehr scharf sei, beruhigte sie ihn.
«Nein, nein. Es ist nicht wie der chinesische Feuertopf, du kannst die Schärfe selber dosieren mit den Saucen. Ich hole noch die Sachen raus. Magst du schon ein Bier?»
Härri merkte nun an ihrer Stimme und ihrem schnellen Sprechrhythmus, dass auch sie aufgeregt war.
«Ich komme mit dir und helfe dir beim Hinaustragen», sagte er und folgte ihr ins Innere, obwohl sie sagte, es sei nicht nötig.
Auf der steinernen Ablage der Kochinsel hatte Da-ra alles bereitgestellt: einen Tischgrill, Teller und Schälchen verschiedener Grösse. Daneben lagen auf einer Serviette sehr feine Metallstäbchen, flache Löffel mit langen, geraden Stilen und Besteckbänkchen aus Porzellan. Eine grössere Schale war gefüllt mit gezackten grünen Blättern, in den kleineren sah Härri verschiedene rote und dunkelbraune Saucen. Auch Kimchi gab es, das kannte er. Aus dem Eisschrank holte Da-ra eine Platte. Darauf ausgebreitet war ein sorgfältig geschichteter Haufen mit sehr fein geschnittenem Fleisch. Als sie alles nach draussen geschafft hatten, steckte Dara den Stecker des Grills in eine Dose mit Deckel, die aus einem Hochbeet neben dem Tisch ragte. Dann öffnete sie zwei Bierflaschen, gab Härri eine und stiess mit ihm an. Zu Härris grossem Erstaunen kam Da-ra schon beim Warten auf die richtige Betriebstemperatur des Grills auf «ihren Überfall im Sommer» zu sprechen, wie sie es nannte. Und sobald sie damit begonnen hatte, wirkte sie ruhig, sehr bestimmt und sachlich.
«Das war etwas Einmaliges. Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe ... was wir gemacht haben. Aber das wird sich so nicht wiederholen. Ich möchte, dass wir uns zurückhalten, auf jeden Fall solange wir diese komische Situation haben. Wo du unter Beobachtung stehst ... sagt man so?»
Härri spürte, wie ihm ihre Direktheit wohltat. Er gab der Lust nach, ihr entgegenzuhalten.
«Ja, und solange wir uns nicht über den Weg trauen ...»
Sie sah ihn fragend an, wahrscheinlich verstand sie die Redewendung nicht.
«Solang wir einander nicht ganz vertrauen», sagt er. «So ist es doch, oder?»
Sie sah ihn forschend an. Dann mischte sich langsam die Andeutung eines Lächelns in ihren Ausdruck.
«Ja, so ist es wohl», antwortete sie leise.
Das Essen nahm sie so in Anspruch, dass nur noch darüber gesprochen werden konnte. Wie lange man das Fleisch auf der Grillplatte braten sollte. Wie man es danach auf die Shiso-Blätter legen, mit den Saucen würzen und einwickeln musste. Härri nahm dabei bald Zuflucht zum Löffel und zu den Fingern, weil die Stäbchen aus Metall für seine Hände zu fein und zudem rutschig waren. Aber es schmeckte ihm sehr, wie er Da-ra mehrfach versicherte. Das Fleisch war saftig und zart, der feine Minzeduft der Blätter, der Geschmack von Sojasauce und Sesamöl bildeten eine Harmonie, die neu war und ihm behagte. Indem sie auf die Bedeutung des Essens in ihrer Familie zu sprechen kam, leitete Da-ra wieder zu persönlicheren Themen über.
«Du hast Kinder, nicht wahr? Zwei ...?
Härri erzählte ihr von Bruno und Sofia. Dass beide beruflich «im Umbruch» steckten. Er wählte seine Worte sorgfältig und umkreiste die Brennpunkte seiner Sorgen mit gebührendem Abstand. Vielleicht bemerkte sie es, denn sie hörte eine Weile zu, ohne etwas zu sagen. Als er eine Pause machte, fragte sie:
«Hast du Sofia schon lange nicht mehr gesehen?»
Härri bestätigte. Dabei wurde ihm bewusst, dass er Da-ra um ein paar Tage Urlaub bitten musste für den Fall, dass er bis Mitte Januar in New York bleiben sollte. Also begann er von seinem Plan zu sprechen, Sofia über Weihnachten zu besuchen.
Da-ra stand auf, stellte die leeren Teller aufeinander und sammelte das Besteck ein.
«Nimmst du noch ein Bier?», fragte sie. «Ich hole uns noch zwei.»
Und als er aufstehen wollte:
«Nein, bleib sitzen. Geniesse die Aussicht!»
Härri erhob sich trotzdem und sah ihr nach. Dann stellte er sich ans Geländer der Terrasse. Der Himmel im Westen leuchtete gelborange, ebenso die Abschnitte des Rheins, die zwischen den Türmen und Hochhäusern sichtbar waren. Er ging zum Tisch zurück, nahm seine Jacke aus der Tasche und zog sie an. Es war kühl geworden. Sollte er Da-ra die wahre Geschichte von Sofia erzählen? Er war froh, dass er in Ruhe darüber nachdenken konnte. Als sie mit den Bierflaschen zurückkam, hatte er sich entschieden.
Da-ra hörte ruhig zu. Ab und zu stellte sie eine Frage. Er konnte nicht alle beantworten, aber die Offenheit fühlte sich richtig an. Dass sie sich gegenseitig nicht über den Weg trauten, hatte nichts damit zu tun. Da-ra schien zu verstehen, was ihn an Sofias Vergehen so beunruhigte. Es war nicht moralische Entrüstung über die Missachtung des Gebots «Du sollst nicht stehlen!» Es war die Angst vor der Möglichkeit, jederzeit frei entscheiden zu können. Zum Guten oder zum Bösen, zum Hässlichen oder Schönen. Viele mussten diese Angst nicht haben, weil sie Wegweiser, Schranken und Verbote verinnerlicht hatten, die sie vor dem Abgrund der Wahlmöglichkeit fernhielten. Zu diesen Menschen gehörten sie nicht.

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