22.4.24

Mit anderen Augen

Vom Regen hatte man schon Mitte November mehr als genug. Es gab Reihen von Tagen, an denen es von morgens bis abends schüttete. Der Rhein schwoll wieder an, sein Wasser wurde undurchsichtig und ockerfarben. Bei Windstille war die Oberfläche durchsetzt von plattgepressten Wirbeln, welche sich der schnell fliessenden Strömung zu widersetzen schienen. Auffrischender und lange anhaltender Westwind – man hätte meinen können, dass er nach Meer, nach dem Atlantik roch – formte stehende Wellen mit Schaumhäubchen. Die Wasserfahrer hatten ihre Saison früher als sonst beendet.

Seit dem Gespräch in der Abschlussausstellung vom August, als sich Härri gegenüber Miles kritisch über die Ästhetik computergenerierter Bilder geäussert und ihm dieser eine Zusammenarbeit in der nächsten Projektwoche angeboten hatte, war aus diesem Vorschlag ein konkreter Plan geworden, den man der Institutsleitung zur Genehmigung vorlegte. Nach ausführlichen Diskussionen mit Studierenden aus den verschiedenen Bereichen hatten sie sich auf das Thema «With other Eyes» geeinigt, was Härri trotz seiner Abneigung gegen englische Bezeichnungen akzeptieren konnte, weil er die damit gemeinten Inhalte und Aspekte gut fand. Auf der Ebenen der Medien sollten neue Verbindungen und Mischformen erkundet werden zwischen Zeichnung, Malerei, Fotografie, Computergrafik und Virtual Reality. Dabei hatte er einbringen können, dass ästhetischen und inhaltlichen Aspekten mehr Gewicht beigemessen werden sollte als den technischen. Zudem konnte er die Studierenden dafür gewinnen, sich mit der Frage der Perspektive in einem weit gefassten, aktuellen Sinne zu beschäftigen. Mit der Frage zum Beispiel, was die Idee des «Eintauchens» in Bilder, die seit einigen Jahren viel beschworene «Immersion», bedeute für das Verhältnis zwischen Bildschaffenden und Betrachtern, und wie sich dieses Verhältnis im Laufe der Geschichte verändert habe.
Es war dieser Aspekt des Themas, mit dem es Härri gelungen war auch Juan für die Mitarbeit in der Studienwoche zu überreden. Dieser hatte sich nämlich zuerst geweigert, an die Teilnahme bei einer Veranstaltung auch nur zu denken, in der VR-Headsets zum Einsatz kämen. Ein Instrument, das gegenwärtig im Krieg in der Ukraine dafür eingesetzt werde, Spielzeugdrohnen zu lenken, die mit ein paar Kilogramm Sprengstoff ausgerüstet seien. Mit den VR-Brillen, diesen künstlichen Augen, würden einzelne Soldaten aufgespürt, durch die Schützengräben gejagt und schliesslich dabei beobachtet, wie sie in einem Feuerball zerrissen würden. Miles hatte versucht, dagegenzureden und gesagt, die Augen könnten nicht sehen, was sie anrichteten, da sie beim Angriff zerstört würden. Zudem würde diese Technik mehrheitlich von den Ukrainern angewendet, weil ihnen nämlich schon lange die Munition für ihre Panzer und die Artillerie ausgegangen sei. Aber es nützte nichts. Juan fand, beim Tod jedes Menschen gehe eine Welt unter, ob Russe oder Ukrainer. Ausserdem seien die Russen in den vordersten Reihen meist arme junge Schlucker aus Zentralasien, die mit einem Gehalt in den Krieg gelockt worden seien, den sie in der Heimat nie bekommen würden. Und dieser fliessende Übergang von den Computerspielen zum realen Mord an Menschen, den man aus sicherer Distanz verübe, sei einfach widerlich, egal auf welcher Seite und zu welchem Zweck. Härri hatte dem Gespräch eine neue, friedlichere Wendung gegeben, indem er es auf die Macht der Perspektive lenkte und Juan fragte, ob er sich die Wirkung der ersten zentralperspektivischen Bilder auf die Betrachter vorstellen könne. Und das Gefühl der Maler, wenn sie die Blicke auf einmal so lenken konnten, dass alle die dargestellte Realität gleich sahen – gleich sehen mussten! – wie sie selbst.
«Du hast doch von der suggestiven Kraft der Perspektive in dem Wandbild in Bogotá erzählt und dich gefragt, wie deine Kollegen das Problem mit den Fluchtpunkten gelöst hatten in einem so breiten Panorama ...»
Härri war sich sicher, dass sein plumper Versuch, an Juans Erfahrung anzuknüpfen, von diesem durchschaut würde. Aber er wollte ihn einfach dabeihaben, und als er sah, dass Juan noch immer zögerte, überwand er sich und sagte es ihm direkt. Am nächsten Tag schrieb sich Juan ein für die Projektwoche. Da Alina von Anfang an begeistert dabei gewesen war und Zhara damit angesteckt hatte, waren nun alle seine drei Schützlinge im Team.

Härri traf sich vor der Veranstaltungswoche zur Vorbereitung mehrmals mit Miles, das letzte Mal am Freitagnachmittag bei ihm zuhause. Miles wohnte zusammen mit seiner Frau und der halbjährigen Tochter in einer Wohnung an der Lunastrasse, gleich neben dem Violenteich, dem östlichen, wassergefüllten Stadtgraben. Härri suchte in seinem Atelier einige Bücher und Bildmappen zusammen, mit denen er in der Projektwoche das Perspektive-Thema illustrieren wollte, und packte sie in seine Satteltaschen. In letzter Minute war ihm dabei eine Monografie über die britische Malerin Anna Airy in die Hände geraten, die er fast vergessen hatte. Er war froh, Airys wuchtige Fabrikhallenbilder wiederentdeckt zu haben, denn ein paar der Studentinnen, die sich gegen eine Teilnahme an seiner und Miles’ Projektwoche entschieden hatten, waren der Meinung gewesen, die Zentralperspektive sei so ein typisches Männerding.
Für einmal regnete es nicht und er musste sich nicht umständlich in seine wasserdichte Kleidung zwängen. Er konnte sogar sein Handy auf den Lenker stecken und der vom GPS angegebenen Route folgen, die für nicht motorisierte Fahrräder auf eine Dauer von fünfundzwanzig Minuten geschätzt wurde. Er würde etwas weniger brauchen. Den Rhein querte er über die Brücke des Kraftwerks, wo alle Schleusen geöffnet waren und einige Spaziergänger den herunterdonnernden Wassermassen zusahen. Auch Härri hielt an und stellte sich für einen Moment mit seinem Vehikel ans Geländer, das leicht vibrierte. Der Rhein führte viel Holz mit und es gab Kinder, die gespannt darauf warteten, wie der nächste Baumstamm über die Kante kippte. Ihre Eltern mussten sie daran hindern, unbedacht auf die andere Seite der schmalen Strasse zu rennen um zu schauen, wie es dem Stamm im Widerwasser ergehen würde. Auch Sofia und Bruno hatten das früher so gemacht, dachte Härri, früher, als Hochwasser noch eine Seltenheit und darum umso sensationeller gewesen war. Er stieg wieder auf und fuhr weiter. Nahm dabei einen kleinen Umweg in Kauf, zuerst weg vom Rhein, weil er die vielbefahrene Rheinfelderstrasse meiden wollte. Erst kurz vor der Wylerbrücke kehrte er auf die Uferstrasse zurück, die von da an für den Autoverkehr gesperrt war. Er bemühte sich, sein Tempo dem gemächlichen Rhythmus anzupassen, der hier gewünscht wurde.
Als er bei dem Wohnblock angekommen war, in dem Miles wohnte, schloss er sorgfältig sein Rad an einen Pfosten, lud die Taschen ab und läutete. Zuerst passierte gar nichts. Er nahm das Handy hervor und schaute nach, ob ihm Miles eine Nachricht geschrieben habe, und als er nichts fand, ob er sich im Datum oder in der Zeit geirrt habe. Als er zum dritten Mal klingeln wollte, ertönte aus dem kleinen Lautsprecher Miles’ verzerrte Stimme, dahinter, schwach hörbar, eine heulende Kinderstimme.
«Sorry, ist grad ein bisschen strub hier. Ich drück dir auf.»
Es stellte sich heraus, dass die Kleine krank war und deshalb nicht hatte in die Kinderbetreuung gebracht werden können. Miles’ Frau war in Fribourg an ihrem Institut für Psychologie und so musste er schauen, wie er zurechtkam. Die folgende Halbestunde war auch für Härri anstrengend, weil das kleine Mädchen ununterbrochen weinte, Miles aber nichts davon wissen wollte, dass sein Kollege wieder gehe und man sich übers Wochenende treffe oder eine Videobesprechung abmache. Schliesslich schlief die kleine Patientin aber erschöpft ein, nachdem sie ihr Vater in der Badewanne sanft heruntergekühlt und ihr ein Zäpfchen gegen das Fieber verabreicht hatte.
Härri konnte sich in der Zwischenzeit in der Wohnung umsehen, die nicht, wie er erwartet hatte, futuristisch eingerichtet war mit allerlei smarter Haustechnik, sondern wie das normale, eher biedere Heim einer Kleinfamilie. Mit vielen gerahmten Fotos und erstaunlich kitschigen Postern an den Wänden. Und mit billigen Ikea-Möbeln. Nur Miles’ Studio entsprach Härris Erwartungen, ein recht geräumiges Zimmer, das sehr ordentlich und dicht mit Technik vollbepackt war. Es gab ein breites Panorama aus zusammengesetzten Bildschirmen, davor einen bequemen Sessel. Verschiedene Kameras steckten auf Stativen, Tablare waren belegt mit VR-Brillen und Hand-Controllern, und es standen Aufhängevorrichtungen für Kabel herum, die wie Fischerangeln auf Sockeln aussahen. Nicht von allen Objekten, die er sah, konnte Härri die Funktion ablesen. Als Miles von seinen Vaterpflichten zurückkam, begann er so ausführlich zu erklären, dass ihn Härri unterbrechen und an den Zweck seines Besuchs erinnern musste.
Das meiste hatten sie schon besprochen und sich darauf geeinigt, nicht alle Aktivitäten gemeinsam anzuleiten, weil sonst zu befürchten war, dass technische Fragen und Probleme im Vordergrund stünden, die nur von Miles zu lösen waren und somit Härri in eine Assistentenrolle gedrängt würde. Sie beschlossen darum, den Studierenden zwei Unterthemen anzubieten, von denen je eines schwerpunktmässig von einem von ihnen betreut würde. Anfang und Abschluss der Woche wollten sie auf jeden Fall gemeinsam im Plenum abhalten. Miles schlug vor, unter dem Titel «Perpektivenwechsel – ein Spaziergang in meinen Schuhen» ein Mixed-Media-Projekt aufzuziehen, bei dem eine oder zwei Studentinnen aus seiner Gruppe einen persönlichen Spaziergang durch die Stadt unternehmen und mit einer 3-D-Kamera filmen sollten. Diese subjektive Sicht sollte dann so aufbereitet werden, dass es andern möglich würde, quasi in die Schuhe der Spaziergängerin zu schlüpfen und mit ihren Augen zu sehen, mit VR-Headsets, aber in der realen Umgebung, aus der dann auch live Elemente eingespielt werden könnten. An der Präsentation, die er am letzten Tag durchführen wollte, sollte es allen Studierenden offenstehen, den virtuellen Spaziergang zu erleben.
Härri war beeindruckt.
«Ich habe noch nicht alles verstanden, aber ich glaube dir, dass du das hinbekommst», meinte er lachend.
Er selbst brauchte keinen neuen Titel für sein Vorhaben, er verwendete denjenigen der ganzen Projektwoche, auf Deutsch: «Mit anderen Augen». Er wollte den Studierenden möglichst viel Raum lassen, um im Hin-und-Her zwischen den Medien zu experimentieren. Technisch kannte er sich am besten damit aus, Zeichnung, Malerei und Fotografie mit digitalen Mitteln weiterzubearbeiten, dann wieder zu übermalen, wieder zu digitalisieren und so weiter.
«Wenn die Studierenden meiner Gruppe auch Virtual Reality einbauen wollen, kannst du uns dann helfen, oder bist du durch dein Vorhaben völlig absorbiert?», wollte er von Miles wissen.
«Nein», beruhigte ihn dieser. «Ich habe schon etwas vorbereitet. Deine Gruppe könnte eine Ausstellung in einer virtuellen Umgebung einrichten, in der man als Betrachter ihren Resultaten der Woche begegnet. Das würde auch zu deinem Thema passen.»
Das stimmte. Inhaltlich wollte sich Härri nämlich mit «dem Blick» beschäftigen. Mit der Frage, wer beim Machen und Betrachten von Bildern schaue und erschaffe, wer angeschaut und erschaffen werde. Ausgehen wollte er einerseits von dem Selbstbildnis der Renaissance-Malerin Sofonisba Anguissola, das als Bild im Bild gerade von ihrem Lehrer Bernardino Campi gemalt wird. Als zweiter Impuls sollte ein Wortbild des Künstlers Rémy Zaugg dienen:
ICH
DAS BILD
ICH SEHE

Als sie fertig waren, stellte sich Miles nochmals vor die Türe des Kinderzimmers, die einen Spalt weit offenstand. Härri folgte ihm und roch den Dunst des schwitzenden Kindes.
«Es überfällt mich auch sonst noch manchmal», sagte Miles mit leiser Stimme. «Das ich mich vergewissern muss, ob sie noch atmet.»
An diese Angst konnte sich Härri erinnern. Sie gingen in die Küche und tranken noch ein Glas Mineralwasser. Als ihm eingeschenkt wurde, sah Härri, wie sich die implantierten Magnete auf Miles’ Fingerrücken abzeichneten.
«Hast du eigentlich keine Probleme damit?», fragte er ihn.
Miles zögerte mit der Antwort.
«Eigentlich nicht. Einen grösseren auf dem Handrücken musste ich wieder entfernen lassen. Weil es eine Infektion gab. Aber die andern möchte ich nicht mehr missen. Ich spüre damit elektrische Felder um mich herum. Zuerst war das eine Art sehr feiner Vibration, in den Fingern selbst. Mittlerweile hat das aber mein Gehirn integriert und es ist ein neues Wahrnehmungsorgan entstanden, das den Sinneseindruck nach aussen projiziert. Ich spüre es draussen, im Raum, es ist wirklich verrückt! Ich weiss unmittelbar, wo Leitungen verlaufen, wo magnetische Quellen sind, die ich nicht sehe ...»
«Du glaubst wirklich daran?» fragte Härri.
«Das ist keine Glaubensfrage, Lukas», protestierte Miles.
«Nein, ich meine nicht das», korrigierte sich Härri. «Ich meinte: du glaubst daran, dass unser Gehirn eines Tages in einen Cyporg-Körper hochgeladen werden kann?»
«Ja! Und wenn uns die künstliche Intelligenz bald dabei hilft, das Alter zu überwinden, werde ich das vielleicht noch erleben. Dann kann ich theoretisch ewig leben ...»
Bevor Härri etwas erwidern konnte, begann die Kleine zu weinen. Er verabschiedete sich schnell und nahm dann die Treppe. Er musste nachdenken.

Die Projektwoche strengte Härri so sehr an, dass er sich zwischendurch fragte, wie lange er so etwas noch machen wollte. Miles und er waren pausenlos im Einsatz, vor allem und wie er befürchtet hatte, als Helfer und Problemlöser bei technischen Schwierigkeiten. Härri drängte in seiner Gruppe zwar immer wieder darauf, das Augenmerk auf die Qualität, die Tiefe der Gedanken und die Ästhetik bei der Ausführung zu richten und sich nicht zu verzetteln im Ausprobieren immer neuer Werkzeuge. Aber es war schwierig. Die jungen Menschen waren neugierig und er wollte sie nicht bremsen, nur weil er es besser zu wissen meinte.
Trotz der Hektik gab es auch Momente, in denen Staunenswertes geschah und die Zeit auf einmal stillzustehen schien. Alina war schon bei Härris Einführung tief beeindruckt gewesen von Anguissolas rätselhaftem Gemälde. Ihre erste Idee war gewesen, das Prinzip des Bildes – das Selbstporträt erscheint als Bild im Bild im Zustand seiner Erschaffung durch einen ebenfalls im Bild erscheinenden Autor – in die Welt digitaler Selfies zu übertragen. Da die Malerin damals ihren renommierten Lehrer Campi als Modell für den fiktiven Maler ihres Porträts ausgewählt hatte, musste Härri als Alinas Lehrer für ein paar Stunden zur Verfügung stehen. Mit der Einwilligung seiner anderen Schützlinge durfte er sich so wenigstens für eine Weile von der Betriebsamkeit seiner Rolle als Troubleshooter beurlauben lassen.
Aline hatte zuerst viel zu viele Ideen im Kopf, was dazu führte, dass sie sich auch in Anguissolas über vierhundert Jahre altem, ins Bild gesetztem Gedankenexperiment komplett verhedderte.
«Ich komme nicht mehr draus», klagte sie schliesslich. «Ist das Selbstporträt im Bild nun von ihr oder von Campi?»
Härri erklärte ihr, das Gemälde sei immer als «autoritratto» bezeichnet worden und anhand von Stilanalysen sei das Bild im Bild eindeutig ihr zuzuordnen. Er zeigte Aline eine Fotografie, auf der man das Gemälde im Zustand seiner kürzlich erfolgten Restaurierung sah. Dabei war eine frühere, später wieder verworfene Variante des einen Arms der Porträtierten zum Vorschein gekommen.
«Siehst du, es sieht fast so aus, als wolle sie ihrem Lehrer den Pinsel aus der Hand nehmen», sagte er. «Vielleicht hat ihr Campi auch ins Werk gepfuscht bei dem Porträt, da kannten die Meister damals nichts. Auch ich habe das noch erlebt, bei Fässler in Hamburg.»
«Aber wie machen wir es jetzt», drängte Aline. «Hilf mir ein bisschen!»
Sie fanden einen Weg. Es entstand eine Serie von Fotos, die sie immer weiter verbesserten, bis Aline eine Form gefunden hatte, die sie überzeugte, zuletzt sogar begeisterte. Damit konnte sie weiterfahren, mit malerischen Mitteln, wie sie vorhatte.
Die Fotografie wurde dominiert von Alines Porträt, zu sehen auf einem grossen, hochkant gestellten Bildschirm. Links daneben stand Härri, halb abgedreht und über die Schulter zum Betrachter blickend. Statt des Pinsels hielt er eine kleine Systemkamera, deren Objektiv ebenfalls auf den Betrachter – oder wenn man es sich so vorstellen konnte: auf Aline als Modell – gerichtet war. Statt des Malstocks, den Campi im Original auf den Rand des Gemäldes aufstützt, führte ein Kabel von der Kamera weg zur Rückseite des Monitors. Aline hatte es zuerst gestört, dass die auf diese Weise suggerierte Bildübertragung nicht «der Wirklichkeit» entsprach, aber Härri hatte sie davon überzeugen können, dass die Aussagekraft des Bildes nicht von einer solch technischen Übereinstimmung abhinge. Auch er fand das zum Schluss ausgewählte Bild sehr gelungen, obwohl ihm sein Erscheinen im Bild einer Studentin nach den ersten Versuchen noch peinlich gewesen war.
Ein weiterer Höhepunkt war für Härri der Spaziergang durch die Stadt, den er am letzten Tag, ausgerüstet mit einem VR-Headset und fürsorglich begleitet durch eine Studentin, erleben durfte. Die Gruppe von Miles hatte sich für zwei Protagonisten entschieden, «in deren Schuhe» man in den Rundgang eintauchen konnte. Der eine war Juan, und natürlich wollte es sich Härri nicht entgehen lassen, Augst mit den Augen des jungen Kolumbianers zu sehen.
Die visuellen Einspielungen von Wandgemälden aus Bogotá, immer wieder über Hauswände gelegt, die Härri so gut kannte, waren eindrücklich. Es war aber Juans Stimme, die ihn tief berührte. Er hörte sie über die Kopfhörer, dann aber breitete sie sich immer mehr aus im Inneren seines Schädels, synchronisierte sich mit den Bewegungen, von denen er bald nicht mehr wusste, welches seine eigenen waren. Der Kerl hat einen Sinn für Rhythmus, unglaublich, dachte er. Noch mehr staunte er, als er mit seiner Begleiterin von der Sichelenstrasse in die Nordcaveastrasse abgebogen war und Juans Stimme plötzlich in einem anderen Tonfall sprach. Gleichzeitig schob sich ein Bild über den kleinen ovalen Platz vor Härris Augen, und er befand sich mitten in einer Visualisierung des römischen Amphitheaters, das hier einst gestanden hatte.
«Du hast mich gerufen? Hier bin ich!», rief die Stimme dazu. «Der genius huius loci, oder der GHL, wie die schlauen Römer auf ihre Andachtssteine schrieben, wenn sie ihn einem Ortsgeist widmeten, den sie nicht kannten und trotzdem auf Nummer sicher gehen wollten. Was willst du von mir wissen? Wie es hier einst aussah? Wie es roch und tönte, wenn hier die Provinzgladiatoren räudige Bären und Wölfe totschlugen?»
Gut recherchiert, Juan, dachte Härri, aber nun wurden im Hintergrund die Geräusche einer tobenden Zuschauermenge eingeblendet, vermischt mit heiseren Schreien von Tieren. Kurz bildete er sich tatsächlich ein, er könne den Schweiss der Menschen, das Blut und den Kot riechen. Dann kam ihm in den Sinn – und er war fast froh um den Gedanken, der ihn aus der Immersion riss –, dass Miles und seine Gruppe auf solche olfaktorischen Mittel verzichtet hatten, weil es den Rahmen der Möglichkeiten gesprengt hätte. Aber er musste zugeben, dass er für einen kurzen, fremden Augenblick überwältigt worden war.

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