16.4.24

Ghost in the Shell

Nach seinem Besuch bei Da-ra, es war an einem Samstagmorgen, erwachte Härri erst um elf Uhr. Geweckt hatte ihn das feine Rauschen des Regens, das durch das geöffnete Fenster zu ihm drang. Er stand auf und sah auf den Fluss. Die Stadt am Gegenufer lag unter grauen Schleiern. Er schloss das Fenster und zog sich einen Pullover über. Es hatte merklich abgekühlt.
Er war gegen drei Uhr morgens zurückgekehrt. Erst kurz vor Mitternacht, als er eigentlich schon ans Heimkehren dachte, hatte ihn Da-ra nach seiner Meinung zu ihrer Ausstellung gefragt. Sein Schweigen zu diesem Thema hatte sie zu dem Zeitpunkt schon als Ablehnung ihrer Arbeit interpretiert. Er hatte ihr daraufhin zu erklären versucht, dass dem nicht so sei.
«Überfordert war ich», sagte er schliesslich, als er einsehen musste, dass sie ihm nicht glaubte. Er war froh, dass ihm dieser Ausdruck eingefallen war.
«Die Gleichzeitigkeit der vielen Gegensätze, ihre Gleichwertigkeit auch, das hat mich wirklich überfordert. Schon bei der Wahl der Materialien: Hartes und Weiches, Gewachsenes und industriell Gefertigtes. Glatte, glänzende Oberflächen gegen aufgeraute, scharfkantige. Festes und Flüssiges. Und das ziehst du ja durch auf allen Ebenen. In den Dimensionen, der Farbigkeit, der Art der Präsentation. Mit und ohne Sockel oder Rahmen. Gestellt, gelegt, aufgehängt ...»
Sie hatte gelacht und ergänzt:
«... und hingeworfen!
Und er:
«Oder im Luftstrom schwebend. Das scheint in dieser Ausstellung das populärste Werk zu sein, dein weisses Gespenst. Hat mir auch sehr gut gefallen. Und die drei Cyborgs übrigens auch. Das sind ältere Arbeiten, nicht?»
Da-ra hatte bestätigt, dass sie die Cyborg-Figuren schon einige Male gezeigt habe. Für die Ausstellung in Bregenz sei aber wieder eine andere Aufhängung probiert worden. Was ihm an ihnen denn gefallen habe, wollte sie wissen.
Er hatte überlegen müssen. Die Figuren erinnerten ihn auf den ersten Blick an Heldinnen aus japanischen Comics. Allerdings hatten sie keine Köpfe, und allen fehlte mindestens ein Arm und ein Bein. Die Stümpfe, dort wo die Gliedmassen fehlten, waren so gestaltet, dass sie einmal an antike Torsi, dann wieder an amputierte Kriegsversehrte denken liessen. Vieldeutigkeit auch bei den Geschlechtsmerkmalen, die zwar mehrheitlich weiblich wirkten, an den «entscheidenden Stellen» aber die Erwartungen durchkreuzten.
«Du meinst, die männlichen Erwartungen?», hatte sie spöttisch bemerkt. «Die für den male gaze entscheidenden Merkmale?»
«Ja, natürlich», hatte er zugegeben, wobei leiser Ärger in ihm hochstieg. Wie oft hatte er mit Carmela über dieses Thema gestritten, dann auch mit Sofia, als sie erwachsen geworden war. Nach jahrelanger Bearbeitung hatten sie ihn schliesslich davon überzeugen können, dass er als Mann die Wirkung des male gaze auf die Frauen nicht wirklich beurteilen könne. Vor allem gehe es bei der Diskussion über den männlichen Blick nicht nur um das Scannen weiblicher Körper durch einzelne Männer, um ihre Reduktion dieser Körper auf potenziell erregende Merkmale. Dies sei nur der individuelle Aspekt des Phänomens, bei dem man allenfalls über unbewusste, genetisch bedingte, und – wenn es das überhaupt gebe – quasi biologisch determinierte Anteile diskutieren und diese in Beziehung setzen könne zu den genderbedingten Prägungen. Nur auf dieser Ebene mache es Sinn die Frage zu stellen, ob es umgekehrt auch einen vergleichbaren weiblichen Scan-Blick auf männliche Körper gebe. Entscheidend in der Diskussion sei aber die institutionellen, in männlich dominierte Machtstrukturen eingebauten Formen des male gaze. In allen Bereichen der Kultur. In der Literatur, der bildenden Kunst, in Film und Fotografie. Auch in der Mode. In der Art, wie Frauen sich zu präsentieren hätten in den sozialen Medien, bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit, der Politik und so weiter.
Härri hatte Da-ra Einblicke gegeben in die Streitgespräche mit «seinen zwei Frauen» und ihr damit auch zeigen wollen, wie weit er es in seinem Lernprozess schon gebracht habe. Sie hatte ihm ruhig zugehört, da und dort eine Frage gestellt. Viel gelächelt dazu, sodass er nicht wusste, ob sie sich über seine Bemühungen lustig machte.
«Du hältst mich für eine feministische Künstlerin?», hatte sie schliesslich gefragt.
«Ja», bestätigte Härri. «Bist du’s nicht?»
Da-ra hatte überlegt.
«Ich weiss nicht ... Es gab sicher eine Zeit, wo die Bezeichnung stimmte. Als ich meine Performances gemacht habe. Allein durch die Tatsache, dass ich das mit meinem Körper machte, der nun mal weiblich ist, wurde das so gelesen. Aber ich habe nie auf diese Weise Kunst gemacht, dass ich mir sagte: ‘Jetzt mache ich was Feministisches. Oder was Politisches.’ Ich fühlte mich schon damals als «ghost in a shell», als Geist ... als Seele ... besser noch: als Wille in einer körperlichen Hülle, die mir oft fremd vorkam. Irgendwie austauschbar. Und paradoxerweise unzerstörbar.»
An diesem Punkt ihres Gesprächs hatte Härri völlig vergessen, dass er schon einmal soweit gewesen war, aufzubrechen. Ein plötzlicher Einfall hatte ihn veranlasst zu fragen:
«Glaubst du an Geister?»
«Komm, wir gehen hinein, mir wird kalt», hatte sie geantwortet. Und noch während sie Gläser hineintrugen und Sitzkissen versorgten, hatte es zu regnen begonnen. Da-ra hatte Tee gemacht, und als er schon dachte, sie wolle seine Frage nicht beantworten, begann sie von Erinnerungen an die Kindheit zu erzählen. Von Behandlungen durch eine Mudang, eine Schamanin, deren Rituale dem kleinen Mädchen unverständlich und unheimlich vorkamen. Ihre Eltern zahlten jedoch viel Geld dafür, für Opfergaben wie Schweinsköpfe. Oder für die Medizin, die zu trinken man Da-ra nötigte. Die so völlig verschiedenen Stimmen, mit denen die Mudang sprach, in denen sie auch sehr laut sang oder herumbrüllte, hatten sie am meisten geängstigt. Aber wenn sie in ihrer Panik die Augen zudrückte, wurde es nur noch schlimmer, weil sie dann glaubte, der Raum sei gefüllt mit Geistern. Also hatte sie sich gezwungen, der Schamanin auf dem Mund zu schauen und sich eingeredet, dass diese nur ein «Theater» aufführe. Dieser Ausdruck, den Da-ras Eltern, vor allem ihre Mutter, oft gebrauchte, um die ungewöhnlichen Verhaltensweisen ihrer Tochter zu geisseln, Anfälle von etwas, was in ihren Augen unanständig oder gar Tollheit war und sie die Hilfe einer Geisterbeschwörerin suchen liess, ausgerechnet dieser Ausdruck half nun dem Kind, sich den Exorzismus der Mudang kleinzureden und so vom Leibe zu halten. Ob die koreanischen Schamaninnen etwas mit den europäischen Hexen zu tun hätten, wollte Härri wissen, worauf Da-ra weit ausholen musste.
«Es ist kompliziert. Ich bin mit Aurelia schon länger dran an diesem Thema. Der von Frauen dominierte Schamanismus war Koreas ursprüngliche Religionsform, wobei man nicht weiss, ob es sich um die Variante eines Schamanismus handelt, der aus Sibirien kam, oder um eine eigenständige Parallelform. Der Ursprung der europäischen Heilerinnen und Magierinnen ist dagegen kaum einer einheitlichen Religion zuzuordnen. Die Feministinnen stellen oft den Bezug her zur jüngeren Altsteinzeit, auch Aurelia tut das. Aber das reicht zurück in Epochen, wo die Archäologie keine Beweise erbringen kann für die Behauptung matriarchalisch organisierter Gesellschaften. Dagegen gibt es Parallelen in der Geschichte der Unterdrückung der «weisen Frauen» in Europa und in Korea.»
Da-ra hatte nochmals Tee gebrüht, und nachdem sie beiden eingeschenkt hatte, fuhr sie fort.
«In den frühen Dynastien Koreas war der Schamanismus Staatsreligion, die männlichen Herrscher waren Könige und Schamanen gleichzeitig. Mit der Behauptung, sie hätten eine direkte Verbindung zum Himmel und zu den Geistern, legitimierten sie ihre Macht.»
«Wie die Ayatollahs?», fragte Härri.
«Zum Beispiel, ja. Als aber andere, neue Religionen auftauchten, kam der Schamanismus unter Druck. Zur Zeit des europäischen Mittelalters war es der Buddhismus, dann etwa ab Vierzehnhundert der Konfuzianismus. Da wurden die Schamanen völlig ausgegrenzt. Allerdings auch die Taoisten und Buddhisten. Später kamen die christlichen Missionare, dann die Japaner. Alle waren den Schamanen feindlich gesinnt. Vielleicht blieben darum hauptsächlich die Frauen übrig, für die Unterdrückung eh schon der Normalzustand war. Es wurde auch nicht besser nach dem zweiten Weltkrieg, nach der Kapitulation Japans und der Trennung Koreas. Im Norden ist der Schamanismus verboten, wird aber wohl heimlich trotzdem praktiziert. Im Süden wird er von einem Teil der Bevölkerung als rückständiger Aberglaube verachtet. In den 1970er-Jahren wurde er als Folklore wiederentdeckt, in den 1980ern zu einem Teil des Widerstands gegen die Militärjunta erklärt. Heute ist das meiste kommerzialisiert, ein Riesengeschäft.»
«Glaubst du denn an Schamanismus? An Geister?», hatte Härri seine Frage wiederholt.
«Nein», antwortete Da-ra. «Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie meine Mutter daran glaubte. Dass man einen Schweinskopf opfert und die Mudang ihr Ritual durchführen lässt, und dann funktioniert die Tochter wieder normal. In meinen frühen Performances habe ich ironisch auf dieses magische Denken Bezug genommen.»
Sie hatte gelacht, und war darauf wieder ernst geworden.
«Aber dass man nicht nur nehmen kann auf dieser Welt, und wir mit allem verbunden sind auf dem Planeten ..., an solche Sachen glaube ich schon.»

Da-ras Bemerkungen zum «ghost in the shell» beschäftigten Härri. Er kannte selbst Momente, in denen sich sein Ich, sein «ghost», wenn man so wollte, im Körper zwar noch beheimatet fühlte, aber auf seltsame Weise von diesem dann als «Hülle» empfundenen Leib getrennt. Wenn ihm dies bei seinen Taiji-Übungen widerfuhr, missglückten ihm nicht nur die Bewegungen, sondern auch die ganze Koordination. Die Beherrschung von Raum und Zeit, Impuls und Gravitation, Auswahl und Fokus der Gedanken, einfach alles. Dann, so hatten es ihn seine Meister gelehrt, musste er auf die Grundelemente zurückgreifen und diese mit all der Sorgfalt ausüben, derer er noch fähig war. Und hoffen, dass sich alles wieder zusammenfüge, der Geist mit seiner Hülle wieder eins werde. Das war, wie er inzwischen wusste, der Hauptgrund, warum er noch immer Taiji machte.
Er begann eine Serie von Zeichnungen zu dem Thema. Und er wollte ein paar der Filme ansehen, die es gab und die alle auf den Manga-Comic von Neunzehnneunundachtzig zurückgingen. Noah würde ihm sicher Auskunft geben können, welche sich zu sehen lohnten und vielleicht wollte er sogar einen mit Härri zusammen anschauen. Er schrieb ihm eine Nachricht und fragte ihn, ob er Zeit und Lust dazu habe. Von den Trickfilmserien habe er genug, schrieb Noah zurück. Er sei eine Weile süchtig gewesen. Aber den Film mit Scarlett Johansson habe er damals nicht anschauen wollen und deshalb noch nicht gesehen. Ob Härri den besorgen könne.
Sie verabredeten sich an einem Abend, wo sie beide am Morgen danach nicht früh aufstehen mussten, und Härri mietete nicht nur den Film, er buk auch einen Kuchen, von dem er wusste, dass der Junge ihn gerne ass.
Dass mit Noah etwas los war, merkte Härri an dessen Reaktion auf die Figur des Cyborgs «Major», den Johansson verkörperte. Normalerweise hätte Noah die Szenen, in denen der künstliche, aber eben auch sehr naturalistische Frauenkörper Majors aufreizend inszeniert wird, mit allerlei derb anerkennenden Ausrufen kommentiert. Heute blieb er merkwürdig stumm. Auch als Härri nachfragte, ob ihm Johansson in der Rolle nicht gefalle, wollte er nichts sagen.
«Es war eigentlich klar, dass sie das spielen muss», meinte Härri. «Nach ihrem Auftritt in dem Science-Fiction-Film «Under the Skin», ein paar Jahre vor diesem hier.»
Noah schnaubte nur ein paar Mal. Er hatte auch jenen Film nicht gesehen und wollte jetzt schauen. «Krass» fand er die Umsetzung der Grossstadt, die Werbung zum Beispiel, die in der Form leuchtender und animierter Hologramme über und zwischen den Wolkenkratzern schwebte. Besonders gefielen ihm die Shubunkin-Goldfische, die gemächlich und elegant durch die Strassenschluchten schwammen.
«Zu was die gut sein sollen, weiss niemand», fand er. «Wenn mir einer entgegenkäme, ich so auf meiner Wolke, meine ich ... Ich würde dem garantiert nachgucken, bis ich in eine parkierte Karre knalle. Aber geil irgendwie, dass das in dieser Stadt erlaubt ist.»
Härri fiel auf, welch starke Rolle das Wasser und Unterwasserwelten in dem Film spielten. Wie in der Kunst, dachte er. In den Videos, die er in den letzten Jahren gesehen hatte. Ursuppen, in die tief eingetaucht wird. Die an die Urmeere denken liessen, in denen einst das Leben auf dem Planeten entstand. Dann wieder an Datenfluten, in denen Algorithmen-Quallen auf die Jagd gingen.
Noah wiederholte Sätze aus dem Film, als er vorbei war.
«I’m not a machine, I’m a weapon! – Hnf! My mind is human, but my body is manufactured! Ich kenne ein paar Leute, die glauben, dass das bald kommen wird. Dass man seine Birne irgendwo hochladen kann, auf einen anderen Körper, eine Maschine, was weiss ich. Was meinst du?»
Härri hatte vor Kurzem wieder mit Miles darüber gesprochen.
«Unser Transhumanist ist fest davon überzeugt, dass er das noch erleben wird. Ich wohl eher nicht ...»
«Was jetzt?», fuhr Noah auf. «So alt bist du nun auch wieder nicht!»
Härri wiegte seinen Kopf hin und her.
«Na, ich weiss nicht. Ich glaube eben nicht daran, dass es so schnell gehen wird. Jetzt ist das ein Riesenhype, und viele reden schon von einer allgemeinen künstlichen Intelligenz, die bald kommen soll. Von künstlichem Bewusstsein. Aber nach all dem, was ich dazu gelesen und nachgedacht habe, kann man das nicht ausserhalb eines Körpers, ohne einen Körper machen. Nur mit Computern erzeugen, meine ich, und es dann – nachträglich – in eine Hülle einpflanzen. Allgemeine Intelligenz, Bewusstsein braucht einen Leib, und zwar schon bei seiner Entstehung. Sinnesorgane und Gliedmassen, mit denen es mit der Umwelt kommunizieren und sich in ihr bewegen kann. Von ihr, von anderen Wesen lernen, sich an sie anpassen, und umgekehrt auf sie einwirken.»
«I’m a Monster!», knarzte Noah. Dann, in bewunderndem Tonfall:
«Mann, du hast schon viel nachgedacht!
Und, nach einer Pause:
«Ich bin auch am Lernen gerade ...»
Härri spürte sein Gewissen. Er hatte Noah schon lange nicht mehr zum Fortgang seiner Lehre befragt.
«Habt ihr bald wieder Prüfungen? Woran bist du, was musst du lernen?»
Noah winkte ab.
«Nein, nicht so. Es ist ... Hnf!» Sein Kopf flog so heftig hin und her, dass Härri versucht war, ihn festzuhalten. Er hielt sich zurück und wartete, bis Noah sich beruhigt hatte und weitersprach.
«Ich ... also ... Nnhf! Wir hatten da so eine Party, und da war ... Also, ich ...»
Er hat jemanden kennengelernt, dachte Härri, und wollte nachfragen, als Noah aufsprang, zum Fenster rannte und es aufriss.
«Uuaaah!», schrie er hinaus in die Nacht. Dann drehte er sich um und lachte hysterisch. Schrie dann wieder, als Härri das Fenster bereits geschlossen hatte.
«Peng! Verknallt, Mann. Ich bin verknallt! Und sie ... sie in mich! Mich!»
Er schlug sich mit der Faust auf die Brust, mehrmals. Diesmal ging Härri mit zwei schnellen Schritten auf ihn zu, umfasste sein Handgelenk und bremste einen letzten Schlag ab. Umarmte ihn dann, strich ihm über den struppigen Kopf.
«Noah! Ach, wie schön!», sagte er leise. Und als sich Noah etwas beruhigt hatte:
«Das müssen wir feiern! Ich habe noch eine Flasche Knallwein im Eisschrank. Magst du? Komm, zum Kuchen ...»
Den Korken liess Noah ungebremst gegen die Zimmerdecke sausen. Er war sehr aufgeregt und nicht in der Lage, der Reihe nach zu erzählen. Mit vielem Nachfragen konnte Härri herausfinden, dass die neue Freundin Milena hiess. Sie war in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ihr Vater kam aus Tschechien, die Mutter war von hier. Sie war ein bisschen älter als Noah, aber «überhaupt nicht hochnäsig», wie dieser betonte. Und sie störe sich nicht an seinen Ticks, obwohl sie immer noch manchmal zusammenzucke, wenn er plötzlich losschreie. Sie habe auch lange Probleme gehabt in der Schule, bis man gemerkt habe, dass sie ADS habe, wie er. Nur ohne Tourette und ohne Zappeldings. Vor allem aber, und da musste Noah tief Luft holen, sei sie wunderschön.
«Wenn sie so neben mir geht ... Alter! Ich kann’s gar nicht glauben, dass sie mit so einem wie mir ... Sie ist eine, der man nachschaut, Mann. Ist das gewohnt. Merkst du daran, wie sie sich bewegt und so. Sie macht ein bisschen auf etwas zwischen gothic und punk, aber nicht extrem. Hat halt gerne schwarze Klamotten. Schwarze Strubbel-Frise, schwarze Lippen. Lässt sie jetzt manchmal weg, mir zuliebe. Ist zum Knutschen nicht ideal.»
Härri verkniff sich die Frage, ob Noah seine Freundin einmal zu ihm mitnehme, da hob dieser an:
«Ähm, ich wollte ... das heisst, ich habe ... Es ist so: Ich kann Milena schon zu mir nachhause mitnehmen, aber wir haben da keine ... Verstehst du, was ich meine?»
Härri verstand sehr gut.
«Und bei Milena ist das ähnlich, nehme ich an? Nichts mit sturmfrei ...?
Noah atmete auf.
«Du hast’s gecheckt. Bei Milena ist die Bude immer voll mit Kids. Ihre Geschwister, deren Kollegen ... Und da wollte ich dich fragen ...»
Härri unterbrach ihn.
«Ich hab’s schon begriffen. Ihr möchtet ab und zu hierherkommen? Wenn ich nicht da bin, nehme ich an?»
Noah nickte eifrig.
«Hör zu, Turetti. Von mir aus ist das völlig in Ordnung. Was ich nicht brauche, sind Spielchen mit euren Eltern, wo ich dann ein Teil davon werde. Ihr seid alt genug, um das mit ihnen auszuhandeln, finde ich. Und ich will auch nicht schuld sein, wenn es ein Kind gibt, das niemand gewollt hat ...»
Noah versprach, das mit den Eltern würden sie regeln. Überhaupt habe Milena fast dasselbe gesagt wie Härri, und auch er, Noah, sei schliesslich bald erwachsen. Als er fertig war, nahm ihn Härri nochmals in die Arme. Noah liess es geschehen.

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