Hätte man es anders machen können? Womit hätte man beginnen müssen? Was wäre gewesen, wenn ...?
Schon kleine Veränderungen der Handlung hätten weitreichende Folgen nach sich gezogen. Hätte man an jenem Nachmittag im Atelier noch etwas länger nach geeignetem Material gesucht, wäre einem im Malereigeschäft der zwielichtige Journalist wohl nicht mehr über den Weg gelaufen. Aber mit solcherlei Überlegungen machte man es sich zu einfach. Die Begegnung mit Hunziker wäre ja auch aktiv in andere Richtungen zu lenken gewesen. Zum Beispiel, indem man sich nicht hätte verleiten lassen durch die Aussicht auf kulinarische Freuden in angenehm ländlicher Umgebung. Man hätte einen Mangel an Zeit und Musse leicht vorschieben können mit Hinweis auf die hektische Abschlussphase des Hochschulsemesters. Dazu hätte man die Absichten des Artikelschreibers vorausahnen müssen, was mit etwas Konzentration und sich Erinnern an frühere Begegnungen mit diesem Menschen möglich gewesen wäre. Sass man aber einmal mit ihm beim Wein, wurde es schon schwieriger, die fatale Wendung zum eigenen Versagen zu verhindern. Man hätte nicht so viel Wein trinken dürfen. Die Bestellung einer zweiten Flasche wäre wohl mit etwas Nachdruck zu verwehren gewesen. So, in noch einigermassen nüchternem Zustand, wäre einem Hunzikers seltsame Geschichte über die Vertauschung der Schicksale von Augst und Basel als das vorgekommen, was sie war: ein Ablenkungsmanöver. Man sollte eingelullt werden vor dem eigentlichen Angriff, der auf die Preisgabe von Informationen aus dem Innern des Instituts abzielte. Spätestens dann, und damit war man beim Kern der Sache angelangt, hätte man die Geistesgegenwart und auch den Mut aufbringen müssen, den Fiesling damit zu konfrontieren, dass man seine unlauteren Absichten durchschaue und jede weitere Auskunft verweigere, weil sie ja nur dazu dienen würde, seine Vorurteile zu bestätigen, genauso wie diejenigen seiner tumben Leser.
Härri hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Nachricht über seinen Fehltritt im Institut so schnell verbreiten würde. Da-ra Baek musste es Aurelia erzählt haben, nur so war zu erklären, weshalb sofort alle Bescheid wussten und nun dem gemassregelten Kollegen auf die je eigene Weise begegneten. Mit zurückhaltendem Mitleid (der Transhumanist Miles), offener Neugier (die jüngsten Kolleginnen Arjeta und Helen), solidarischer Entrüstung (der bald pensionierte Bildhauer-Kollege Paul) oder heimlicher Schadenfreude (die beiden Performance-Frauen Aurelia und Ksenjia). Für Härri war es ungewohnt und unangenehm, so im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Am liebsten hätte er gar nicht geantwortet, wenn er auf die Geschichte angesprochen wurde, aber nachdem er feststellen musste, dass Schweigen in beliebige Richtungen interpretiert wurde, gab er sich Mühe, seine Worte so zu wählen und zu dosieren, dass sie zur Beruhigung beitrugen. «Den Ball flach zu halten», darum hatte ihn Da-ra gebeten, und er wollte sich daran halten, weil es schliesslich auch in seinem Interesse lag.
Da-ra bestellte ihn in der Sache noch einmal zu sich, als sie Kenntnis bekommen hatte von der schriftlichen Anfrage eines Vertreters der Volkspartei an die Augster Regierung. Was bereits Hunziger angetönt und Da-ra Baeck befürchtet hatte, war also eingetreten. Die schriftliche Anfrage des Volksvertreters mit Namen Dürig trug den Titel: «... betreffend mit Steuergeldern alimentierte Genderwahnsinn-Veranstaltungen an der Kunsthochschule Augst» und strotzte von suggestiven und offen verächtlichen Fragen. Ob Titel und Inhalt des betreffenden Moduls als Aprilscherz zu verstehen seien, und falls ja, was daran lustig sein solle. Da-ra war schockiert über den primitiven Tonfall. Härri versuchte sie zu beruhigen.
«Der ist bekannt für seine Tiraden. Ein Populist, der sich dem Stammtisch einer behaupteten Mehrheit der Bevölkerung anbiedert. Er stellt Fragen, die von der Regierung gar nicht beantwortet werden können. Ob der Regierungsrat es als sinnvoll erachte, wenn sich die vom Steuerzahler finanzierten Angestellten der Hochschule «dem Gendergaga widmen» ... Mann! Was sollen die darauf schreiben?»
«Ja, schon. Aber dann verlangt er, dass detaillierte Kostenrechnungen zu allen Veranstaltungen der letzten vier Jahre aufgestellt werden sollen. Wer soll das machen?»
Härri konnte auf seine Erfahrung aus der Zeit zurückgreifen, als er das Institut geleitet hatte. Er machte sich bezüglich der Finanzen keine Sorgen.
«Die Gelder kommen von allen vier Vertragskantonen, und über das Budget verfügt der Hochschulrat. Es handelt sich um eine Globalbudget, wie du ja weisst. Der Regierungsrat nimmt sicher keinen Einfluss auf die schulinterne Verteilung der Finanzen. Diese inhaltliche und wirtschaftliche Autonomie der Hochschule ist übrigens durch die Verfassung garantiert. Wozu sich Dürig wenigstens ein bisschen hätte schlau machen können.»
Da-ra Baeck hatte noch immer Zweifel.
«Dann hoffen wir mal, dass es zu keinen Komplikationen kommt. Mir liegt wirklich viel daran, dass die Abschlussausstellung ein Erfolg wird.»
Härri versprach, seinen Teil dazu beizutragen.
Mitten in den Vorbereitungen erreichte ihn eine Nachricht von Bruno, der ihn bat, zurückzurufen. Härri war aufgeregt. Wozu hatte sich sein Sohn nun entschieden? Da er seit dessen Besuch in Augst nichts mehr gehört hatte, war er, ohne eingehender darüber nachdenken zu wollen, von der schlimmstmöglichen Wendung ausgegangen. Dass nämlich Bruno das Studium gegen jede Vernunft kurz vor dem Abschluss abgebrochen hatte, um sich in irgendeinem Startup als Selfmade-Programmierer zu verwirklichen.
Die Tage anfangs August waren nicht mehr so heiss, und als er nun an einem lauen Abend vor dem Haus sass und Bruno auf dem Bildschirm erschien, musste er ins Haus wechseln, um ihn richtig sehen zu können.
«Bruno! Wie geht’s?», fragte er.
«Hallo Papa. Ich habe das Diplom.»
Härri sass da, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Keinen Ton brachte er heraus.
«Papa?» Bruno war erschrocken über die heftige Reaktion seines Vaters. «Das sind doch gute Nachrichten für dich, oder? Das wolltest du doch?»
Härri fand langsam zu sich zurück.
«Das ist ... Ja! Das ist sehr gut! Aber ich wollte gar nicht ... also, schon, aber ...
Jetzt lachte Bruno, befreit.
«Natürlich wolltest du das! Dass ich, verdammt nochmal, vernünftig sein und das Ding nach Hause bringen soll, oder?»
«Ja, so sind Eltern nun mal», musste Härri zugeben. «Aber was hat dich dazu gebracht? Hat schliesslich doch die Kunst gewonnen?»
Bruno winkte ab.
«Nein, nein. Die Termine haben sich einfach verschoben bei Neocarbon. Zuerst sollte ich schon im Juli anfangen, und da hätte ich die Prüfungen und Schlusspräsentationen nicht machen können. Nun fange ich am ersten September an dort, und so hat’s einfach gepasst. Der Batza ond des Weckle, wie die Oma sagte.»
Härri konnte eine leise Enttäuschung nicht verheimlichen.
«Dann ist es dir also ernst mit diesem CO2-Ding? Die Kunst hängst du an den Nagel?»
«Ja. Papa, ich will etwas machen, etwas bewirken. Die Klimaerwärmung ist kein Spass. Und wenn ich gesehen habe, was in der Kunst dazu gemacht wurde rings um mich herum – und es haben sich ja viele damit beschäftigt, auch ich! Aber alles auf der symbolischen, metaphorischen Ebene. Im besten Fall sollte das die Augen öffnen, die Welt neu sehen machen. Aber wir brauchen zum Beispiel eine neue Landwirtschaft, und den Bauern musst du nicht mit Kunst kommen.»
Härri dachte an die Armeen von Traktoren, mit denen sie in Frankreich und Deutschland in den vergangenen Wochen die Städte belagert hatten, und wie der französische Präsident fast verprügelt worden war bei der Landwirtschaftsschau. Er wusste nicht, womit man den Bauern überhaupt kommen konnte.
«Na, dann bin ich mal gespannt, was du bei denen erleben wirst. Was ihr bewirken könnt.»
Und als er merkte, wie falsch das klang, korrigierte er sich.
«Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute für den Start bei der Firma. Und natürlich gratuliere ich dir auch für dein Diplom. Das feiern wir dann noch.»
«Ja, ja», sagte Bruno. «Ich habe hier schon mit Kollegen gefeiert gestern. Heute muss ich früher schlafen gehen. Hast du dich schon bei Sofia gemeldet?»
Härri versprach, dies bald nachzuholen und verabschiedete sich von Bruno.
Er schaute auf die Uhr und rechnete nach, wie viel Uhr es in New York war im Moment. Vier Uhr nachmittags. Sofia wäre wohl noch bei der Arbeit, aber probieren konnte man es ja. Sonst würde er es wieder verschieben und vergessen.
Und tatsächlich zeigte sich Sofia nach ein paar Wiederholungen des akustischen Signals auf dem Display. Im ersten Moment erkannte er sie nicht, weil er das Bild im Kopf hatte, das Bruno ihm beschrieben hatte. Von einer aufgebrezelten Bankerin in luxuriöser Umgebung. Was er sah, konnte er nicht einordnen. Sofia war ungeschminkt und wirkte zerzaust, als ob er sie geweckt hätte. Als sie ihr Handy hingestellt und sich gesetzt hatte, meinte er im Hintergrund eine altmodischen Küche zu erkennen, wie man sie in studentischen Wohngemeinschaften antreffen kann.
«Papa?» Sie hatte eine belegte Stimme und musste sich zuerst räuspern. «Hallo, Papa, was verschafft mir die Ehre?»
Härri überspielte seine Verblüffung und Verlegenheit, indem er laut drauflosplauderte:
«Sofia, Liebes, wie geht’s dir? Ich habe gerade mit Bruno telefoniert und er hat mir befohlen, dich anzurufen. Hatte ich aber sowieso vor. Hast du überhaupt Zeit? Bist du nicht an der Börse? Wo ... wo bist du überhaupt?» Er spürte, wie sich sein Nacken schmerzhaft verspannte. Es gab eine Pause. Sofia redete mit jemandem im Hintergrund und drehte sich dann wieder ihm zu.
«Ich habe frei genommen. Bin bei bei einer Freundin, in Broocklyn. Meine Wohnung wird gerade neu gemacht. Kann ich nicht hin im Moment.»
Härri war nervös. Diese kurzen, knappen Auskünfte, der müde Tonfall, das war nicht die Sofia, die er kannte. Aber kannte er sie überhaupt noch? Wann hatte er ihr zum letzten Mal gegenübergestanden, sie in den Arm genommen?
«Aber, geht’s dir gut?» fragte er vorsichtig.
«Ja ... es geht. Es ist alles etwas kompliziert», sagte sie.
«Was ist kompliziert? Lässt du die Wohnung renovieren? Bruno hat mir erzählt, die sei ganz toll. Mit Aussicht auf den East River und so.»
Härri ahnte, dass etwas mit ihrer beruflichen Arbeit schiefgelaufen sein könnte, aber er getraute sich nicht, danach zu fragen. Und Sofia liess es bei Andeutungen.
«Ja. Die war cool, die Wohnung. Aber ich muss mich neu orientieren. Weiss noch nicht genau, wohin es mich verschlägt. Aber, kommt schon gut ... irgendwie.»
Härri schluckte. Ganz kurz war er versucht, ihr von seiner Situation zu erzählen, merkte aber sofort, wie unmöglich das war.
«Ja, hoffentlich geht alles gut», sagte er deshalb nur. Und dann:
«Vielleicht komme ich im Herbst mal für ein paar Tage nach New York.»
Sein Herz klopfte wie verrückt. Was sagte er da? Das hatte er nie vorgehabt. Nur ihre Stimme hatte das mit ihm gemacht. Und das zaghafte «irgendwie».
Sofia wirkte nicht gerade begeistert von seiner Idee, sie zu besuchen.
«Wegen mir musst du nicht kommen, Papa, ich kam bisher auch klar. Sehr gut sogar. Aber du darfst natürlich kommen, wenn du das willst.»
Sie tönte jetzt wieder normaler.
«Dann können wir zusammen ins Whitney Museum gehen. Und du erklärst mir die Kunst, wie früher. Aber ich muss jetzt Schluss machen, wir müssen noch einkaufen gehen. Mach’s gut, Papa. Schlaf gut.»
Aber an Schlaf war nicht zu denken nach dieser aufwühlenden Begegnung. Er holte sich ein Bier und ging nach draussen. Stand lange am Ufer und schaute zwischen langen Schlucken auf den gleichgültigen Fluss.
Härri verbrachte seine Tage in der Spinnerei, wo die Abschlussausstellung gleich dreier Institute eingerichtet wurde. Die Kunst musste die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten mit den Designern und der Kunstvermittlung teilen, was zu Revierkämpfen geführt hatte. Schliesslich konnte man sich aber einigen, nachdem die Direktorin ein jährliches Rotationsprinzip bei den begehrtesten Ausstellungshallen vorgeschlagen hatte. Härri war zufrieden mit der Verteilung, die für die Hängung von «Flachware» ideal war. So hatten sie in Hamburg alles genannt, was bildartig daherkam und bei traditioneller Präsentationsweise Wände benötigte. In der Halle, welche der Malerei zugewiesen wurde, hatten früher grosse Spinnmaschinen gestanden. Am Boden, einem reizvollen Flickenteppich aus Zementüberzügen in verschiedenen Grau- und Ockertönen, konnte man ihre ehemaligen Standorte noch ablesen, ebenso wie diejenigen von Zwischenwänden und Transportschienen. Die über dreissig Meter lange Decke war quer unterteilt durch vier wuchtige Stahlträger, die sich auf je zwei weiss gestrichene Säulen stützten. Zwischen den Trägern verteilten die Bänder des Sheddachs ein schönes, indirektes Licht nach unten. Die Abstände zwischen Stützen und Wänden liessen viel Spielraum, um die mobilen Zwischenwände nach Gutdünken der Ausstellungsmacher zu platzieren.
Dies war auch das erste, was Härri mit seinen Studentinnen und Studenten in Angriff nahm. Sie hatten ihre Bildauswahl als Ausdrucke im Massstab eins zu zwanzig mitgebracht, und gemeinsam probierten sie nun im Modell verschiedene Anordnungen aus. Dabei wollte Härri sowohl auf eine gewisse Gerechtigkeit bei der Zumessung von Raum als auch auf für Besucher spannende Abfolgen beim Begehen der Ausstellung achten. Thea war der anerkannte Star unter den Absolventinnen. Ihr war bereits eine Auszeichnung des Kantons in Aussicht gestellt, sie brachte auch die grössten Formate in die Präsentation. Und die besten Bilder, wie Härri fand. Er war darum froh, dass der Vorschlag, ihr einen prominenten Platz in der Mitte der Ausstellung zu überlassen, von ihren Kolleginnen eingebracht wurde und er sich zurückhalten konnte. Als sie sich im Modell auf eine vorläufige Hängung geeinigt hatten, wurde vereinbart, dass zuerst die Wände gestellt, dann die Bilder an den zugewiesenen Orten daran angelehnt und bis zu einem gemeinsamen abschliessenden Rundgang nicht montiert würden. Zwei Tage vor der Eröffnung der Ausstellung, kurz vor der Lunchpause, waren sie so weit.
Theas Bild, das er einst als «krank» bezeichnet hatte, wurde nun auch aufgehängt. Es war nicht ihr bestes, aber immerhin auch sehr schön geworden, wie Härri fand. Dominiert vom Kontrast zwischen den kühlen Tönen des Hintergrunds – eine türkisfarbene Fläche, die man nur am oberen Rand des Bildes als Himmel interpretieren konnte, darin schwebend Theas Lieblingsbäume, die Zedern, mit Wurzeln, die wie die Tentakel von Quallen hin und herwogten – und den warmen Farben in der Kleidung der Frauen. Dem leuchtenden Karminrot einer Bluse, oder dem Scharlachrot eines Balls, der einen Schweif hinter sich herzog wie ein Komet. Die blaubestrumpften Beine der Tänzerin, mit denen Thea so gehadert hatte, waren nun sehr schlicht und auf eine souveräne Art abstrakt gehalten. Härri gefiel auch, wie die Anspielungen auf Hexentanz-Bilder, die in dem Werk deutlich zu sehen waren und auf die er beim ersten Sehen allergisch reagiert hatte, nun vieldeutig daherkamen, ohne dass die Idee verraten wurde, die Thea offenbar wichtig war. Vor allem, wie die zu einem Zopf verdrehten Haare der kauernden Frau in den Baum übergingen, den sie auf dem Kopf trug, das war grossartig gemacht. Die dreistöckige Krone der Zeder erinnerte an die Explosionswolken einer Atombombe, und der Gesichtsausdruck der Frau zeigte ironisch die Konzentration, die für eine solche Kopfgeburt nötig war.
Thea überprüfte die Hängung nochmals mit der Laser-Wasserwaage und trat dann neben Härri. Er sah sie an und wartete darauf, dass sie etwas sagen würde, aber sie hatte nur Blicke für das Bild und nickte dazu ganz leicht mit dem Kopf.
«Na?», fragte er, «zufrieden?»
Sie blies die Backen auf und stiess einen langen Seufzer aus.
«Erleichtert!»
Er wollte ihr die Hand hinstrecken für ein Abklatschen, aber sie schob seinen Arm weg und umarmte ihn.
«Danke!» wiederholte sie mehrmals, bevor sie sich von ihm löste und nach draussen ging.
Am Abend der Vernissage, am fünfzehnten August, versammelte sich bei sehr warmen Temperaturen ein bunte, vielgestaltige Gesellschaft auf dem Areal der Spinnerei. Härri kam es so vor, als seien die Farbkontraste invertiert, die noch vor zehn, fünfzehn Jahren eine solche Veranstaltung geprägt hatten. Nicht mehr dominierten die sich intellektuell gebenden Künstler und Designerinnen in uniformem Schwarz, worin vereinzelte Farbtupfer von Punks, Drags und Bohémiens für dekorative Effekte gesorgt hatten. Nein, nun war es genau umgekehrt. Es war ein Galaabend für die LGBTQAI+-Menschen, deren überdurchschnittliche Vertretung an der Kunsthochschule noch deutlicher zur Sichtbarkeit gebracht wurde als im Alltag. Die schwarzen Minimalisten fielen auf in diesem karnevalesken Treiben. Es umgab sie die Aura einer selten gewordenen Spezies aus vergangenen Epochen. Auch Härri hatte länger als sonst überlegt, wie er sich kleiden sollte für den Anlass. Er hatte schliesslich resigniert vor allzu komplizierten Überlegungen und sich für dunkelblaue Sommerjeans und ein weisses T-Shirt entschieden, was der Ausstattung entsprach, in der ihn alle kannten.
Da-ra Baeck war, soweit Härri erkennen konnte, die Einzige, die ganz in Weiss erschienen war. Sie stand bereits in der Nähe des Eingangs zur grössten Ausstellunghalle, wo eine kleine Bühne mit Verstärker-Anlage aufgebaut war. Da sich der Zeitpunkt der offiziellen Eröffnung näherte, holten sich die Besucher noch etwas zu trinken an einer der Buden, die an den Rändern des Vorplatzes aufgestellt waren, und bewegten sich plaudernd an den Ort, wo sie die Begrüssungsreden erwarteten.
Härri war wohl nicht als Einziger gespannt darauf, wie die Direktorin der Hochschule, noch mehr aber, wie Da-ra Baeck auf die Ereignisse der letzten Wochen Bezug nehmen würden. Die Begrüssung der Direktorin war so, wie er erwartet hatte: sehr allgemein, langweilig und floskelhaft. Auf die Plakataktion ging sie nur ganz kurz ein, indem sie auf die Werte der Hochschule verwies, unter denen das Prinzip der freien Meinungsäusserung höchste Priorität geniesse. Dass die weisse Fahne mit dem Cease-Fire-Spruch einige Tage habe hängen dürfen, stellte sie als erfolgreich ausgehandelten Kompromiss zwischen Studentenschaft und Hochschulleitung dar. Den Vorwurf der Zensur auf dem Transparent überging sie einfach.
Als Da-ra Baeck die Bühne betrat, staunte Härri über ihre Wirkung. Die Besucher, welche die Bühne bereits vorher umstanden hatten, traten näher heran und viele, die während der Begrüssung der Direktorin noch auf dem Platz verteilt weitergeplaudert hatten, stellten sich nun in den hinteren Reihen dazu. Es wurde auffallend still. Da-ra hatte sich sorgfältig vorbereitet, sie hielt einen kleinen Stapel von Notizen in der Hand. Ein Student richtete das Mikrofon auf ihre Höhe ein, dann begann sie zu sprechen.
Zuerst ging es ihr darum, die Besucher willkommen zu heissen und sie einzustimmen auf eine, wie sie betonte, wunderbar vielstimmige, engagierte und Mut machende Ausstellung junger KünstlerInnen. Sie gratulierte diesen zum Abschluss ihres Studiums und verdankte die grosse Arbeit aller Beteiligten an der Präsentation der Werke, die auch dieses Jahr wieder in den grosszügigen Räumen der Spinnerei durchgeführt werden könne. Nach dieser allgemeinen und durchaus konventionellen Einleitung wurde ihre Rede zunehmend pointierter.
«Eigentlich hätte der neue Name des Instituts Kunst am heutigen Abend der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Er wurde jedoch, wie Sie wissen, durch eine bedauerliche Indiskretion vorzeitig der Presse zugespielt. Einer Presse, die uns, unserem Institut und ganz allgemein der aktuellen Kunst gegenüber weder offen noch freundlich eingestellt ist.»
Härri, der sich etwas im Hintergrund aufgestellt hatte, meinte zu spüren, wie er von allen Seiten angestarrt wurde, traute sich aber nicht, es durch Drehen des Kopfs zu überprüfen. Am liebsten wäre er jetzt weggelaufen, aber auch das ging nicht. Also stand er starr und blickte zu Rednerin.
Diese war nun dabei, die Bedeutung der neuen Bezeichnung «Art Gender Planet» zu erklären. Er kannte den Text, konnte sich aber nicht auf dessen Bedeutung konzentrieren. Es war wie eine schon mal gehörte, fremd gebliebene Melodie, die gegen seine Ohren plätscherte.
« ... weil wir an der Zukunft einer postkolonialen Gesellschaft mitgestalten wollen. Dies wird uns nur gelingen, wenn wir die unterschiedlichsten Denksysteme zusammenzubringen und die Werte des Lebens zu schützen und zu pflegen lernen».

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