7.4.24

Wahlmöglichkeiten

Wie konnte man aber wissen, was zeitgenössisch war? Und wenn es einem einmal gelungen sein sollte, etwas zu schaffen, was im Kern gegenwärtig genannt werden durfte, dann müsste es doch, um diese Zuschreibung wenigstens für kurze Dauer weiterhin in Anspruch nehmen zu können, etwas von der Zukunft bereits vorweggenommen und glaubhaft ausgedrückt haben. Sich vom Vergangenen, bereits Gedachten, Erfundenen, Gesagten zu unterscheiden, war eine Frage der Bildung. Was man nicht kannte, würde man, ohne es als Wiederholung zu erkennen, früher oder später nach-denken, nacherfinden, nachsagen. Das Zukünftige aber war auch durch sorgfältigstes Studium nicht zu erschliessen. Zwar gab es im Überfluss Texte, die sich mit der Zukunft nicht nur tastend und fragend befassten, wie es der Unsicherheit des Gegenstands eigentlich angemessen gewesen wäre, sondern mit selbstgewissen Behauptungen kommende Situationen, ja ganze Welten zeichneten, als ob sie schon jetzt wissenschaftlich untersuchbare Tatsachen wären. Mit der sogenannten künstlichen Intelligenz wurde gegenwärtig so verfahren. Während die einen mit Hinweis auf die mit der Technologie und ihren Programmen verbundenen Gefahren düstere Bilder der Zukunft ausmalten und auf eine schnelle Regulierung drängten – manche gar auf ein Anhalten der Entwicklung bis zum Zeitpunkt, zu dem man besser verstünde –, glaubten andere an Fortschritte in fast allen Lebensbereichen, womit der Menschheit bessere Gesundheit, ein längeres Leben, wenn nicht gar Frieden und Wohlstand in bisher nie gekanntem Mass beschert würde. Junge Menschen gingen neugierig, aber auch nüchtern an die Sache heran. Was da war, wurde eben auf seine Nützlichkeit geprüft und eingesetzt. Was andere als gut bezeichneten, daran musste etwas sein. Wenn es einem half, lästige Textaufgaben schneller, einfacher und besser zu erledigen oder die langwierige Suche nach Bildvarianten abzukürzen, dann gab es keinen Grund, dies nicht zu tun. Vor allem solange viele Vertreter der älteren Generation einen Bogen um das Neue machten und die gesellschaftlichen Folgen verdrängten. Führte das Gefühl, nicht nachzukommen auch zu dem Gefühl, es gebe gar keinen Fortschritt, wie Musil vor fast hundert Jahren seinen Ulrich sinnieren liess? Und stimmte es, was der Mann ohne Eigenschaften darüber hinaus über die Zukunft sagte? Dass der Fortschritt doch das sei, was sich aus allen Anstrengungen gemeinsam ergebe und daher der wirkliche Fortschritt immer gerade das sein werde, was keiner wollte? Künstliche Intelligenz, Kunst der Zukunft, die so niemand wollte?

Im September und auch in der ersten Hälfte des Monats Oktober war es so warm wie noch nie zu dieser Jahreszeit. «Noch nie» bezog sich auf die letzten zweihundertzweiundvierzig Jahre seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen, welche 1781 in Bayern durch die Societas Meteorologica Palatina eröffnet worden waren. Augst wurde mediterran, wie die Menschen feststellten, die sich ab dem frühen Nachmittag und bis in die lauen Nachtstunden vor den Buvetten der Rheinpromenaden vergnügten oder auf einem der zahllosen Plätze der Stadt kühle Getränke bei lockerem Geplauder genossen. Mitunter mischte sich ein leichtes Unbehagen in die gute Stimmung. Manche spürten eine diffuse Mitschuld an der Unzeitigkeit und Intensität der Wärme, an der Aufblähung des Sommers bis gegen die zweite Sonnenwende. Das schlechte Gewissen konnte aber mit einem weiteren Bier oder Aperol Spritz hinuntergespült werden.

Härri sass an einem der wunderschönen Nachmittage auf einem neu angeschafften Feldstühlchen mitten auf einer Brachwiese in der Nähe von Degerfelden. Ein Malblock lag auf seinen Knien, den Pinsel hatte er neben sich ins Gras gelegt. Er war umgeben von Schafen, die zwischen auseinanderfallenden Holzbeigen grasten. Man hörte das Summen von Bienen, unregelmässiges Anschlagen der Schafsglöckchen und ganz entfernt das Rauschen der Autobahn. Verstreut konnte man weitere sitzende Gestalten erkennen. Sechs Studierende hatten ihn zu einer Tätigkeit überredet, die er fast schon vergessen hatte: Landschaftsmalen. Ihre Lust auf eine solche historische Disziplin war ausgerechnet durch eine politische Diskussion geweckt worden. Juan hatte von seinem letztjährigen Aufenthalt in Bogotá erzählt, wo er einem Künstlerkollektiv bei der Umsetzung eines grossen Wandbilds hatte helfen dürfen. Die Gruppe nannte sich Colectivo Subarsivos, was, wie Juan erläuterte, ein Wortspiel war. Die Künstler deuteten damit sowohl den subversiven Charakter ihre Arbeit an als auch ihre Verbundenheit mit dem Stadtteil Suba, wo der Fernbus-Terminal stand, dessen Mauer bemalt werden sollte. Es war nicht zu überhören gewesen, wie sehr Juan die aktionistischen Künstler bewunderte, denen er da über die Schultern schauen konnte. Einwände seiner Kolleginnen, die fragten, wo denn die Subversion bliebe, wenn ein Wandbild von der Gemeinde in Auftrag gegeben und bezahlt werde, liess er nicht gelten, sondern hielt ihnen einen langen Vortrag über den Muralismo in Mexiko zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Über dessen Ausstrahlung auf das postkoloniale Mittel- und Südamerika. Solche Malerei im öffentlichen Raum, auch wenn sie vom Staat unterstützt werde, diene durchaus der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wie er meinte. Mit dem Blick auf Gegenwart und Zukunft aber könnten Bilder – natürlich sei gemeint: gute Bilder – das Selbstbewusstsein marginalisierter Menschen stärken. Sie dabei unterstützen, ihre verlorengegangene Identität wiederzufinden und in die Zukunft weiterzuentwickeln. Im Falle des Wandbilds in Bogotá sei es in diesem Sinne um die indigene Kultur der Muisca gegangen. Juan hatte trotz seines Eifers nicht alle Mitstudierenden überzeugen können. Als sie wissen wollten, was denn das Wandbild darstelle, zeigte er ihnen ein Video. Zu sehen war das üppige Panorama einer idealisierten Landschaft, irgendwo zwischen Bogotá und dem Rio Magdalena. Darin bewegten sich riesige mythologische Wesen, Schlangen und weibliche Gottheiten in friedlichem Zusammenleben mit Menschen aus den verschiedenen Epochen dieser Weltgegend. Bei den Figuren erinnerte die Malerei an naive Votivbilder, wie Härri fand. Er behielt diese Einschätzung aber für sich. Erstaunlich gut beobachtet und differenziert präsentierte sich die Vegetation, die einen grossen Teil des Gemäldes ausmachte und es mit ihren Grüntönen farblich zusammenhielt. Auch Juan gefiel dieser Teil des Werks besonders gut und er äusserte sein Bedauern darüber, dass er dazu wenig habe beitragen können, weil es ihm sowohl am zeichnerischen Können als auch an botanischen Kenntnissen fehle. Dieser Feststellung konnten sich fast alle anschliessen, worauf jemand die Frage stellte, ob man nicht einen Intensivkurs im Freien veranstalten könne, solange es das Wetter noch zuliesse. Und so waren sie auf dem Grundstück eines Bauern gelandet, den Härri von früher kannte.
Sie malten mit Aquarellfarben. Harri hatte ihnen ein paar seiner Tricks gezeigt. Wie man die Farbe auf dem schräg gestellten Karton laufen lässt und dabei mit dem Pinsel dirigiert. Wie dieser wie ein Schwamm überschüssige Farbe absaugt, wenn er mit den Fingern ausgedrückt wurde. Dass es manchmal besser ist, die Zeichnung nach der Malerei einzusetzen. Und dass man für die unübersichtliche Fülle an Formen und Strukturen der Vegetation abstrakte Entsprechungen erfinden und sich dann für ein Mass an Fleiss entscheiden muss, das man bereit ist, aufzubringen. Besonderen Wert legte er auf die Tonwerte und deren Wichtigkeit für eine lebendige Wirkung des Bildes. Er hatte dazu eine kleine Kartonmappe mit Reproduktionen aus der Geschichte der Landschaftsmalerei mitgebracht. Nach einer gemeinsamen Einführung verteilten sich die Studierenden im Gelände und Härri besuchte sie reihum. Beantwortete ihre Fragen, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, wenn sie festsassen. Manchmal machte er auch etwas vor auf seinem eigenen Block. Es waren Methoden aus dem letzten, wenn nicht vorletzten Jahrhundert, aber er fühlte sich in seinem Element und die Gruppe war mit grossem Eifer bei der Sache. In der Pause, im Schatten eines alten Birnbaumes, hatten sie darüber gesprochen. Alina und Zhara verstanden nicht, weshalb ihn die Frage so stark beschäftige, ob diese Form der Freilichtmalerei noch möglich sei – er hatte sogar gesagt: «noch erlaubt». Und auch andere fanden, es komme letztlich darauf an, was sie aus dem Erlebnis machten.
«Wir sind andere Menschen als die ... wie hiessen sie noch? ... Plainairisten, genau», sagte eine Studentin, die schwerpunktmässig bei Aurelia studierte. «Wir können diese Veranstaltung als Performance lesen, als eine konstruierte Situation, in der wir im Hier und Jetzt gemeinsame Erfahrungen machen. Erfahrungen in ... ich weiss nicht. In vertieftem Sehen?»
Da hatte sich Härri an eine Performance erinnert, die ein indisch-deutscher Künstler vor einigen Jahren im deutschen Pavillon an der Biennale in Venedig hatte aufführen lassen. Er erzählte den Studierenden davon. Der Raum war leer gewesen. Es gab nur uniformierte Wärter und Wärterinnen, die herumstanden. Und als man sich schon fragte, wo denn die Kunst geblieben sei, begannen diese angestellten Personen umherzugehen und enthusiastisch auszurufen:
«Oh! This is so contemporary, contemporary, contemporary!»
Als die Studierenden wieder an ihre Arbeitsorte zurückgekehrt waren, hörte man nun immer wieder diesen Ruf, begleitet von fröhlichem Lachen. Als die Sonne schon tief stand und Härri zum Aufbruch aufrief, fing wieder jemand damit an. Und es bildete sich ein Chor, der zuerst noch über die ganze Wiese verstreut war und sich nach und nach bei ihm versammelte.
«Oh! We are so contemporary, contemporary, contemporary!»
Härri sah, wie die Schafe zu grasen aufhörten und sich in vorsichtige Distanz zu den lärmenden Menschen begaben.

Erst in der zweiten Oktoberhälfte wurde das Wetter etwas kühler. Da-ras Ausstellung hatte die Halbzeit erreicht und war in Kunstzeitschriften und in den Feuilletons der Tageszeitungen wohlwollend bis begeistert besprochen worden. Es näherte sich das Datum, an dem sie Härri zu sich eingeladen hatte, zu einem koreanischen Abendessen in ihrer Penthousewohnung im Pratteln-Quartier. Er hatte sie seit dem Beginn ihrer Ausstellung selten im Institut angetroffen und war gespannt, ob sie die Einladung noch absagen würde. Fast hoffte er darauf, denn sobald er sich das Treffen auszumalen begann, ergriff ihn grosse Unruhe und er musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. Sie sagte aber nicht ab, sondern schickte ihm am Vortag eine Textnachricht um ihn zu erinnern und ihm mitzuteilen, dass «sie sich darauf freue». Sich zurückzuziehen war nun nicht mehr möglich. Seine Gefühle im Hinblick auf den Abend hätte er aber nicht als Vorfreude bezeichnet. Er überlegte, was er mitbringen könnte und entschied sich für eine Flasche Prosecco, dazu ein paar Rheinkiesel mit speziellen Formen und Zeichnungen aus seiner Sammlung. Er kannte das Haus, in dem sie wohnte, allerdings sah man das Penthouse von der Strasse aus nicht. Als er klingelte, dauerte es einen Moment, bis sich Da-ra meldete. Sie sagte, sie komme ihn mit dem Lift abholen, weil man einen Schlüssel brauche, um bis zu ihr hochzufahren.
Heute war sie in Dunkelblau gekleidet, wie immer mit Hose. Darüber trug sie eine weite Bluse, deren Ärmel sie scheinbar nachlässig unterschiedlich hochgekrempelt hatte. Erst als sie sich im Lift nahe gegenüberstanden, roch er ein dezentes Parfüm. Sie strahlte ihn an und fragte, wie es ihm gehe. Freute sich dabei schon darauf, die Gegenfrage zu beantworten, wie Härri dachte. Und tatsächlich legte sie nach seinem kurzen «Gut, und dir?» sofort los, noch bevor sie oben angekommen waren. Sie zählte Künstlerkollegen, Kuratorinnen, wichtige Kritiker und Journalistinnen auf, die sich schon nur in den letzten zwei Wochen bei ihr gemeldet und etwas von ihr gewollt hätten. Er kannte die wenigsten, aber sie wirkte glücklich. Stolz und selbstsicher.
Der Aufbau auf dem Dach, den sie bewohnte, erinnerte ihn an ein Schiff auf dem Trockenen. Am nördlichen Ende ragte der Liftschacht wie eine Kommandobrücke in die Höhe. Die daran befestigte Antenne verstärkte diesen Eindruck noch. Gegen Süden endete die Wohnung in einer Art Bug. Über einem halbkreisförmigen Grundriss fügten sich Scheiben über die ganze Raumhöhe zu einem kristallinen Vieleck. Die Kanten waren geklebt, ohne Streben. Da-ra führte ihn durch einen schmalen Korridor, von dem Türen nach links und rechts abgingen, in den grosszügigen Raum hinter den Panoramafenstern. Darin gab es eine Kochinsel und ein Cheminée aus schwarzem Stahl. Er sah nicht viel mehr als dass die Wohnung auf elegante Weise spartanisch eingerichtet war, denn Da-ra lotste ihn gleich weiter durch eine offenstehende Glastür auf die Terrasse, wo ein grosser Holztisch bereits gedeckt war. Härri stellte seine Tasche ab und übergab ihr, was er mitgebracht hatte. Die Steine schienen ihr zu gefallen, denn sie unterbrach ihren Redefluss und betrachtete sie ausgiebig. Ordnete sie dann sorgfältig auf der Mittelachse des Tischs und bedankte sich.
«Ich habe als Kind immer Steine gesammelt, aber meine Eltern haben sie wohl in der Zwischenzeit entsorgt. Geblieben sind mir nur noch einer oder zwei, ganz kleine.»
Sie nahm seinen Schaumwein, um ihn in die Kühle zu stellen, blieb dann aber stehen und erklärte ihm, was ihn erwarte.
«Hast du eine Jacke dabei? Dann können wir nämlich draussen essen. Erstens weil es schöner ist, aber auch, weil wir dann das Fleisch auf dem Tisch braten können. Es gibt Bulgogi, kennst du das? «Feuerfleisch»?
Und als Härri den Kopf schüttelte und fragte, ob es sehr scharf sei, beruhigte sie ihn.
«Nein, nein. Es ist nicht wie der chinesische Feuertopf, du kannst die Schärfe selber dosieren mit den Saucen. Ich hole noch die Sachen raus. Magst du schon ein Bier?»
Härri merkte nun an ihrer Stimme und ihrem schnellen Sprechrhythmus, dass auch sie aufgeregt war.
«Ich komme mit dir und helfe dir beim Hinaustragen», sagte er und folgte ihr ins Innere, obwohl sie sagte, es sei nicht nötig.
Auf der steinernen Ablage der Kochinsel hatte Da-ra alles bereitgestellt: einen Tischgrill, Teller und Schälchen verschiedener Grösse. Daneben lagen auf einer Serviette sehr feine Metallstäbchen, flache Löffel mit langen, geraden Stilen und Besteckbänkchen aus Porzellan. Eine grössere Schale war gefüllt mit gezackten grünen Blättern, in den kleineren sah Härri verschiedene rote und dunkelbraune Saucen. Auch Kimchi gab es, das kannte er. Aus dem Eisschrank holte Da-ra eine Platte. Darauf ausgebreitet war ein sorgfältig geschichteter Haufen mit sehr fein geschnittenem Fleisch. Als sie alles nach draussen geschafft hatten, steckte Dara den Stecker des Grills in eine Dose mit Deckel, die aus einem Hochbeet neben dem Tisch ragte. Dann öffnete sie zwei Bierflaschen, gab Härri eine und stiess mit ihm an. Zu Härris grossem Erstaunen kam Da-ra schon beim Warten auf die richtige Betriebstemperatur des Grills auf «ihren Überfall im Sommer» zu sprechen, wie sie es nannte. Und sobald sie damit begonnen hatte, wirkte sie ruhig, sehr bestimmt und sachlich.
«Das war etwas Einmaliges. Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe ... was wir gemacht haben. Aber das wird sich so nicht wiederholen. Ich möchte, dass wir uns zurückhalten, auf jeden Fall solange wir diese komische Situation haben. Wo du unter Beobachtung stehst ... sagt man so?»
Härri spürte, wie ihm ihre Direktheit wohltat. Er gab der Lust nach, ihr entgegenzuhalten.
«Ja, und solange wir uns nicht über den Weg trauen ...»
Sie sah ihn fragend an, wahrscheinlich verstand sie die Redewendung nicht.
«Solang wir einander nicht ganz vertrauen», sagt er. «So ist es doch, oder?»
Sie sah ihn forschend an. Dann mischte sich langsam die Andeutung eines Lächelns in ihren Ausdruck.
«Ja, so ist es wohl», antwortete sie leise.
Das Essen nahm sie so in Anspruch, dass nur noch darüber gesprochen werden konnte. Wie lange man das Fleisch auf der Grillplatte braten sollte. Wie man es danach auf die Shiso-Blätter legen, mit den Saucen würzen und einwickeln musste. Härri nahm dabei bald Zuflucht zum Löffel und zu den Fingern, weil die Stäbchen aus Metall für seine Hände zu fein und zudem rutschig waren. Aber es schmeckte ihm sehr, wie er Da-ra mehrfach versicherte. Das Fleisch war saftig und zart, der feine Minzeduft der Blätter, der Geschmack von Sojasauce und Sesamöl bildeten eine Harmonie, die neu war und ihm behagte. Indem sie auf die Bedeutung des Essens in ihrer Familie zu sprechen kam, leitete Da-ra wieder zu persönlicheren Themen über.
«Du hast Kinder, nicht wahr? Zwei ...?
Härri erzählte ihr von Bruno und Sofia. Dass beide beruflich «im Umbruch» steckten. Er wählte seine Worte sorgfältig und umkreiste die Brennpunkte seiner Sorgen mit gebührendem Abstand. Vielleicht bemerkte sie es, denn sie hörte eine Weile zu, ohne etwas zu sagen. Als er eine Pause machte, fragte sie:
«Hast du Sofia schon lange nicht mehr gesehen?»
Härri bestätigte. Dabei wurde ihm bewusst, dass er Da-ra um ein paar Tage Urlaub bitten musste für den Fall, dass er bis Mitte Januar in New York bleiben sollte. Also begann er von seinem Plan zu sprechen, Sofia über Weihnachten zu besuchen.
Da-ra stand auf, stellte die leeren Teller aufeinander und sammelte das Besteck ein.
«Nimmst du noch ein Bier?», fragte sie. «Ich hole uns noch zwei.»
Und als er aufstehen wollte:
«Nein, bleib sitzen. Geniesse die Aussicht!»
Härri erhob sich trotzdem und sah ihr nach. Dann stellte er sich ans Geländer der Terrasse. Der Himmel im Westen leuchtete gelborange, ebenso die Abschnitte des Rheins, die zwischen den Türmen und Hochhäusern sichtbar waren. Er ging zum Tisch zurück, nahm seine Jacke aus der Tasche und zog sie an. Es war kühl geworden. Sollte er Da-ra die wahre Geschichte von Sofia erzählen? Er war froh, dass er in Ruhe darüber nachdenken konnte. Als sie mit den Bierflaschen zurückkam, hatte er sich entschieden.
Da-ra hörte ruhig zu. Ab und zu stellte sie eine Frage. Er konnte nicht alle beantworten, aber die Offenheit fühlte sich richtig an. Dass sie sich gegenseitig nicht über den Weg trauten, hatte nichts damit zu tun. Da-ra schien zu verstehen, was ihn an Sofias Vergehen so beunruhigte. Es war nicht moralische Entrüstung über die Missachtung des Gebots «Du sollst nicht stehlen!» Es war die Angst vor der Möglichkeit, jederzeit frei entscheiden zu können. Zum Guten oder zum Bösen, zum Hässlichen oder Schönen. Viele mussten diese Angst nicht haben, weil sie Wegweiser, Schranken und Verbote verinnerlicht hatten, die sie vor dem Abgrund der Wahlmöglichkeit fernhielten. Zu diesen Menschen gehörten sie nicht.

29.3.24

Ja, die Kunst

CARMELA – Ich hatte befürchtet, dass die Nachricht von Sofias Entgleisung Lukas hart treffen würde. Darum habe ich es ihm nicht gleich am ersten Abend erzählt. Wie er dann so vor mir sass, kreidebleich im Gesicht und mit hängenden Schultern, tat er mir leid. Sein «Eumele» war auf Abwege geraten und ausgerechnet ihm musste das passieren, der sie so vorbildlich durch die Kindheit gelotst hatte. Sofia war wirklich immer sein Kind gewesen. Als wir uns kennenlernten, war ich Lehrerin für Italienisch und Spanisch an einem badischen Gymnasium. Lukas hatte seine ersten Erfolge als Künstler, verdiente aber noch kaum etwas. Also habe ich während der Schwangerschaft reduziert weitergearbeitet und bin bald nach der Geburt wieder voll eingestiegen. Lukas kriegte das erstaunlich gut hin. Er hauste mit Sofia mehr oder weniger im Atelier und stellte um von Malerei auf Zeichnungen und kleine plastische Arbeiten, was zum Glück von seinem Galeristen geschickt vermarktet wurde. So konnte er zwischen Vater- und Künstlersein hin- und herspringen. Am Abend kam er mit der Kleinen nachhause und wir haben zusammen gekocht und gegessen. Es ging, aber wir waren immer müde. Lukas und Sofia haben daher eine starke Bindung aneinander. Jedenfalls gehabt. Als ein paar Jahre später Bruno zur Welt kam, war dann ich dran mit der Babybetreuung. Lukas wollte wieder malen und ausstellen. Aber er musste auch unterrichten, damit genügend Geld hereinkam. Ich blieb mehrere Jahre zuhause, was mir und unserer Beziehung nicht guttat. Immerhin konnte ich ein Fernstudium machen, was mir dann einiges später half, den Job als Gleichstellungsbeauftragte in Asti zu bekommen. Komisch, dass Lukas immer so Mühe hatte, den Weg zu akzeptieren, den Sofia eingeschlagen hat. Dieses Wirtschafts-Ding war für ihn immer irgendwie des Teufels. Nun hat das Sofia quasi bestätigt, was natürlich blöd ist. Ich bin zuversichtlich, dass sie wieder auf die Füsse fallen wird. Sie ist stark, und ist dann halt gierig geworden. Offenbar brauchte sie einen Tritt in den Hintern. Lukas wird darüber hinwegkommen. Chiodo scaccia chiodo. Er konnte immer gut wegdrücken, was ihn belastet hat. Aber vielleicht ist da ja noch etwas anderes im Spiel. Er war schon seltsam drauf, als er hier ankam. Wir werden sehen. Brunos Entscheid, die Kunst Kunst sein zu lassen und etwas fürs Klima zu tun, finde ich jedenfalls grossartig.

Es war noch immer sehr warm in der zweiten Hälfte des Septembers. Der Sommer verabschiedete sich langsam und fast unmerklich. Weil es immer mal wieder regnete, hatten die Blätter nicht schon Herbstfärbung angenommen wie in den vergangenen Jahren. Es war fast wie früher, hörte man viele Menschen sagen.
Inzwischen hatte Härri sich dazu entschieden, über Weihnachten nach New York zu reisen. Er hatte allerdings noch keinen weiteren Kontakt zu Sofia aufgenommen, wusste also nicht einmal sicher, ob er sie bei seinem Besuch treffen könnte. Solche Zweifel schob er jedoch zur Seite und beauftragte ein kleines Reisebüro damit, ihm Vorschläge für Hin- und Rückflüge sowie den Aufenthalt in einem günstigen Hotel, möglichst in Brooklyn, auszuarbeiten.
Der bevorstehende Semesterbeginn kam ihm gelegen. Die Vorbereitung darauf lenkte ihn ab von den Gedanken, die sich sonst in quälenden Schlaufen um die Brennpunkte seiner Sorgen drehten. Er versuchte, die Ahnung – oder war es schon eine Utopie? – eines Neuanfangs aufrecht zu erhalten, der in Ansätzen während der Vorbereitung und Durchführung der Einführungswoche aufgeschienen war. Selbst wieder ins Malen kommen! Nicht nur darüber nachdenken, sondern es auch anpacken. Er verbrachte mehr Zeit in seinem Atelier, experimentierte sogar wieder mit Ölfarben, nachdem er auf ein relativ unschädliches Lösungsmittel gestossen war, ein ihm bis dahin unbekanntes deutsches Produkt. Er hatte es gesehen in einer Dokumentation über die britische Malerin Shona Mae, ein Video, das er unbedingt seinen Neuen zeigen wollte, Juan Álvarez, Alina Goetze und Zhara Qurban, die sich für den Schwerpunkt Malerei und damit für ihn als Mentor entschieden hatten. Seit er den Film gesehen hatte, benützte er für jede der grossen Leinwände, die er in Arbeit hatte, eine eigene Palette in Form einer langen, weiss beschichteten Spanplatte. Mae’s Prinzip, solche separaten Paletten als Gedächtnis für den Malprozess eines jeden Bildes zu benützen, hatte eine verblüffende Wirkung. Während der vielen Stunden, in denen er jetzt schon an seinen drei Bildern arbeitete – Szenen eines gigantischen Kampfspiels mit Tieren, Menschen Fabelwesen und Maschinen, zwischen Bergen, Wolken und Himmel – war er von Lust und einer vorwärts stürmenden Energie erfüllt gewesen. Die so bekannten und gefürchteten Stockungen, begleitet von trotzigem Murks, waren weitgehend ausgeblieben. Gut taten ihm auch Shona Mae’s Äusserungen zur Aktualität der Malerei. Sie fand, jedes künstlerische Medium, sei es Performance, Installation, Virtual Reality oder sonst etwas, könne old-fashioned wirken. Wenn nämlich die damit ausgedrückten Ideen und Sichtweisen sich wiederholten und das Medium nicht einer starken künstlerischen Mentalität zum Ausdruck verhelfe. Das war auch Härris Ansicht, die er gerne weitergeben wollte. Mehr als in anderen Jahren spürte er die Lücke, welche die Abgänger hinterlassen hatten, vor allem Thea. Er erinnerte sich daran, wie kritisch, ja abweisend sie zu Beginn ihm gegenüber gewesen war und wie ihn dies angestachelt hatte, um ihr Vertrauen zu kämpfen. Patric Álvarez, der Student mit kolumbianischen Wurzeln, forderte ihn auf ähnlich Weise heraus. Man würde sehen.
Zuerst ging es um praktische Dinge. Die Arbeitsplätze mussten ausgehandelt, akzeptiert und dann eingerichtet werden, ein Prozess, der seine Zeit brauchte. Härri ärgerte sich, weil die Abgänger nicht all ihr Material mitgenommen oder entsorgt hatten. Wie immer! Die Studierenden fanden es nicht so schlimm. Sie füllten in fröhlicher Zusammenarbeit eine Abfallmulde und fischten das eine oder andere heraus, von dem sie sich eine Verwendungsmöglichkeit erhofften. Härri zeigte ihnen den Materialladen des Instituts, und darin vor allem die Abteilung, welche die Malerei betraf. Es gab ein grosses Angebot an Pigmenten, Binde- und Lösungsmitteln. Auch an Bildträgern wie Leinwänden, Kartons und Platten in verschiedenen Qualitäten sowie an Grundiermaterialien fehlte es nicht.
Härri hielt es für richtig, seine Seminare über die Malerei wie jedes Jahr mit Inputs über technische Aspekte der Malerei zu beginnen. Damit wollte er verhindern, dass die Studierenden das Falsche anschafften, zum Beispiel zu viele und zu teure Farben und Bildträger kauften, oder unnötig giftiges und für die Umwelt schädliches Material. Dazu wollte er sie mit seiner Philosophie bezüglich der unzähligen Farbenlehren bekannt machen, die es gab und von denen er aus Erfahrung wusste, dass sie mehr Schaden anrichteten als halfen. Zum Beispiel die unsinnige Vorstellung von drei Grundfarben, mit denen man in jedem System, jedem käuflichen Farbsortiment die Totalität der wahrnehmbaren Farben mischen könne. Härri kannte bei jedem für die Studenten erhältlichen Angebot die minimale Anzahl sowie die spezifischen Farbtöne, die man mit schmalem Budget anschaffen musste, um eine möglichst breite und leuchtende Palette zu bekommen.
Vor allem aber wollte er seinen drei Schützlingen Einblicke ins eigene Atelier gewähren. Dieser Plan machte ihn aufgeregt, und obwohl er wusste, dass dies keine eigentliche Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit den Studierenden sein würde, bot er Noah an, seine neuen, noch im Entstehen befindlichen Arbeiten anzuschauen. Er hatte es ihm schon lange versprochen, und Noah freute sich wie ein Kind, das zu einem Geburtstagsfest eingeladen wurde.
Er konnte nicht ruhig stehen, als Härri ihn vor seine Bilder geführt hatte, und musste zuerst einmal Druck ablassen.
«Aff! Maler, Arschloch!», schrie er ein paar Mal, so dass es im hohen Raum widerhallte. Dann musste ihn Härri davon abhalten, mit den Fingern über die Oberfläche der Bilder zu fahren.
«Das ist alles noch nicht trocken», sagte er. «Ich geben dir ein älteres, das kannst du genau untersuchen ...». Aber das interessierte Noah nicht. Er wollte etwas über die Geschichte hören, über die Figuren.
«Den Sun Wukong habe ich schon gesehen. Aber was sollen diese komischen Elefanten? Und die altmodischen Panzer und Flugzeuge? Hast du das aus einem Game?»
Härri erzählte ihm von seiner Reise zum Pass, über den Hannibal nach Italien gezogen sein sollte. Dass man nicht sicher wisse, ob es wirklich dieser gewesen sei. Man habe aber dort eindrückliche Mengen von fossilem Kot gefunden, von grossen Pflanzenfressern. Die Elefanten sähen so komisch aus, weil er mittelalterliche Bilder als Vorlage verwendet habe, von Fresken in Burgen und an Hauswänden im Südtirol, wo man sich die Geschichte von Hannibal auch erzählt und sich eingebildet habe, der imperialistische Feldzug des Puniers sei über diesen Teil der Alpen erfolgt.
Noah liess sein «Hnf – hau!» ertönen. Dann äusserte er wie gewohnt mehrere Fragen und Feststellungen hintereinander.
«Aber warum interessiert dich diese Story? Und was hat sie mit dem Affenkönig zu tun? Warum die Maschinen? Das find’ ich geil, wie die Farbe da heruntergelaufen ist. Sieht aus wie die Fransen von einem Teppich, aus Arabien oder so. Der Sprung von dem Affen da, der sieht nicht so echt aus. Was ist das?»
Härri entschied sich dafür, auf Noahs Kritik einzugehen und suchte den Pinsel, mit dem er den springenden Affen gemalt hatte. Er fand die für eine Korrektur nötigen Farben auf der entsprechenden Palette, sowohl für den Hintergrund als auch für die Figur, rührte beide auf und drückte Noah die Pinsel in die Hand.
«Mach ihn besser!», forderte er Noah auf.
«Maler!», knarrte dieser. Dann traute er sich nicht.
«Wie soll ich das machen, Alter? Du bist hier der Künstler, ich weiss nicht ...»
Härri nahm ihm den schmaleren Pinsel nochmals ab und führte seinen Arm zum Bild.
«Mach einfach. Keine Angst, man kann alles wieder flicken, wenn’s schiefgeht. Überlege dir, was genau an dem Affen nicht stimmt. Dann übermale es mit der Hintergrundfarbe. Nicht alles aufs Mal ...»
«Es ist das Bein hier», sagte Noah, «es muss gestreckt sein.»
Und nach anfänglichem Zögern begann er, mit beiden Pinseln abwechselnd, an der Figur zu arbeiten. Härri hatte ihn noch nie so gesehen. Die Konzentration währte nur ein paar Minuten, dann merkte Noah, wie er beobachtet wurde und begann, Posen einzunehmen wie die Künstler, die er vielleicht schon in Filmen gesehen hatte. Kniff die Augen zusammen, hielt den Kopf schräg, sprang vor und zurück. Härri nahm ihm schliesslich die Pinsel aus der Hand, damit er nicht wieder alles verdarb. Er hatte den Affen nämlich wirklich besser hinbekommen als er gewesen war.
Alina, Zhara und Juan waren nun also seine Coachees. So nannte man im Institut seit Kurzem die von einer Dozentin oder einem Dozenten betreuten Studierenden. Härri bestellte sie wie geplant für die ersten zwei Veranstaltungen in sein Atelier am südlichen Stadtrand, was sie sichtlich erfreut und neugierig zur Kenntnis nahmen. Er widerstand dem Impuls, vorher eine grosse Putzaktion durchzuführen und beschränkte sich darauf, den Raum zu lüften, den Eisschrank zu leeren, die Tassen mit eingetrockneten Kaffeeresten abzuwaschen, steif gewordene Lappen und verklebte Knäuel von Haushaltpapier und Klebeband zu entsorgen. Zudem lieh er sich von Ateliernachbarn ein paar Stühle, eine Espressomaschine und Gläser aus und kaufte eine Harasse Mineralwasser.
Zu Beginn verhielten sich die Drei noch scheu und zurückhaltend. Härri zeigte ihnen zuerst seine Art, den Malprozess zu organisieren. Womit er die Leinwände grundierte. Wie er Pinsel reinigte und bereitlegte, welche Instrumente er zum Verwischen, Verteilen und Abziehen von Farbschichten verwendete – handelsübliche Spachtel und selbst angefertigte Rakel aus Acrylgrals, Gummi und Karton –, und welche Malmittel er verwendete. Seine neuen Paletten kannten sie aus der Dokumentation über Shona Mae, aber er zeigte ihnen auch die traditionellen Formen, die er früher verwendet hatte. Besonderes Interesse zeigten Zhara und Alina für den Marmortisch, die Glasreiben und Regale mit Gläsern voller Pigmente. Härri erklärte ihnen, dass er eine Zeit lang seine Farben selber angerieben und mit verschiedenen Bindemitteln experimentiert habe. Das sei ihm aber zu aufwendig geworden und er habe rückblickend auch das Gefühl, dass er sich damit vor allem beschäftigt habe, wenn ihm nichts eingefallen sei. Als er die Enttäuschung der Studentinnen spürte, vertröstete er sie mit der Aussicht, er werde gerne einen speziellen Workshop zu dem Thema für sie organisieren.
«Wir haben eine Spezialistin in der Stadt. Die kann euch alles zeigen. Zum Beispiel, wie man in der frühen Neuzeit ein Bild aufbaute. Bis ins Detail!»
Es war Juan, der auf seine Bilder zu sprechen kommen wollte. Die aktuellen drei waren die einzigen gewesen, die mit der Bildseite nach vorne herumstanden. Nun wurde Härri gefragt, ob sie auch ältere Arbeiten anschauen dürften, und als er dies bejahte, holten die Besucher Dutzende von Bildern aus den Regalen, die in eine Seitennische des Raums eingebaut waren. Sie lehnten sie an die Wände und stellten sie überall hin, auf Stühle und Kisten. Hängten sie an die Nägel und Haken, die sie an den Wänden vorfanden. Als kein Platz mehr übrig war, spannten sie noch quer über eine Raumecke eine Wäscheleine, an die sie kleine Formate befestigten. Es entstand eine improvisierte Installation, eine Art Retrospektive von Härris Werk der letzten Jahrzehnte, was ihn zunehmend peinlich berührte. Er fühlte sich nackt, diesen jungen Augenpaaren schutzlos ausgeliefert. Am liebsten hätte er die Übung abgebrochen und die Drei weggeschickt. Er hatte aufgehört, ihnen zu helfen und stand verloren herum. Juan bemerkte seine Verlegenheit und trat neben ihn. Auch die beiden jungen Frauen sahen, dass sie übertrieben hatten und kamen näher.
«Sorry», sagte Juan leise. «So war es wohl nicht gemeint. Sollen wir es wieder wegräumen?»
Härri antwortete nicht sofort. Er schaute um sich. Das war ein Teil seiner Welt! Einen beträchtlichen Teil seines Lebens hatte er damit verbracht, das zu erschaffen. Viel Mist war darunter, aber auch grossartige Bilder, die er vergessen hatte. Seine Erstarrung löste sich.
«Nein», sagte er. «Nein – es ist gut. Es ist gut.»
Alina holte sich einen Stuhl und setzte sich rittlings darauf.
«Können wir ...?»
Härri unterbrach sie.
«Ich möchte zuerst ein bisschen schauen. Ich habe die meisten schon lange nicht mehr vor Augen gehabt. Können wir zuerst schauen, geht das? Dann dürft ihr alles fragen, was ihr wollt. Und alles dazu sagen, natürlich ...»

Diese Begegnung mit drei jungen Menschen, die sich eben erst auf die Malerei eingelassen hatten – auf die Kunst, was immer sie darunter verstanden –, füllte Härris Inneres in den nachfolgenden Tagen vollkommen aus. Ganze Passagen des Gesprächs, das sich nach dem Übergriff in sein Bildarchiv entspann, gab sein Gehirn wörtlich wieder und wieder. Die hellen Stimmen bildeten einen Chor, der ihn bis in den Schlaf begleitete. Ihre Fragen wurden zu seinen Fragen. Die Antworten, die sie gefunden, oft auch mühevoll konstruiert hatten, widersprachen, betonten, überdeckten und ergänzten sich wie die Farben einer schrill bunten Palette. Konnte, sollte man heutzutage noch malen? Ja, natürlich – nein, auf keinen Fall! War es wichtig, einen erkennbaren Stil zu entwickeln? Unbedingt – kommt darauf an – bloss nicht! Sollte man politische Aussagen mit der Malerei verbinden, und wenn ja, konnte man sie auch mit abstrakten Bildern ausdrücken? War es richtig, dass jedes gute Bild auch ein dekoratives Bild sei? Ja, vorausgesetzt, dass ... nein, niemals, weil ... vielleicht, nämlich, wenn ...
Wenn Härri aber geglaubt hatte, es ginge in dieser Intensität weiter mit seinen Coachees, dann hatte er sich getäuscht. Sie gaben sich bei den nächsten gemeinsamen Veranstaltungen so, wie Studierende eben oft sind: verspielt und kindisch. Unpünktlich und noch halb schlafend, mit sich selbst beschäftigt, bequem und dabei fordernd. Gelangweilt oder interessiert, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Sie wollten mit ihm nach Bregenz fahren, an die Ausstellung von Da-ra Baeck.
Die Institutsleiterin war viel abwesend gewesen in den letzten Wochen, wovon aber Härri nicht viel mitbekommen hatte. Erst als er Äusserungen des Unmuts von Seiten seiner Kolleginnen hörte – «Warum muss sie die Eröffnung ihrer Ausstellung gerade auf den Semesterbeginn legen?» – realisierte er, dass Da-ra im Begriff war, einen nächsten Schritt in ihrer Karriere als Künstlerin zu vollziehen. Das Kunsthaus in Bregenz war nicht irgendeine Adresse, sondern ein international angesehenes Museum für Gegenwartskunst. Ein bisschen neidisch durfte man da sein.
Sie waren eine Gruppe von knapp zwanzig Personen, zur Hälfte bestehend aus Studierenden, die am letzten Donnerstag des Monats einen frühen Zug nach Zürich und von dort aus den nach Bregenz nahmen. Zwei gemeinsame Fixpunkte waren festgelegt, ansonsten wollte man den Teilnehmenden bei dem Ausflug möglichst viel Freiheit einräumen. Frau Hayoz, die Sekretärin, hatte für das gemeinsames Mittagessen einen Tisch in einem Restaurant reserviert und am Nachmittag war um fünfzehn Uhr ein Treffpunkt abgemacht, an dem – falls alles klappte und die Künstlerin wirklich Zeit fände – Da-ra Baek erscheinen und etwas zu ihrer Ausstellung sagen würde.
Härri war froh, dass ihn die Studierenden weitgehend in Ruhe liessen. Er hatte von Da-ra schon einiges gesehen und war deshalb gefasst auf die komplexe Unübersichtlichkeit, die ihre Werke auch hier ausmachten. Die Vielfalt der Materialien war wieder so breit, dass er sich fragte, was eigentlich nicht vorkomme. Spiegel- und Lichteffekte ermüdeten die Augen und die Wechsel in den Dimensionen – es gab riesige skulpturale Objekte aus bemaltem Stoff und gleich daneben winzig kleine Modellwelten aus dem 3D-Drucker – erforderten anstrengende Perspektivenwechsel. Thematisch bewegte sich Baeck «zwischen Science-Fiction-Filmregisseurin, verrückter Kurzwarenhändlerin und futuristischer Stadtgestalterin mit drängendem politischem Ausdrucksbedürfnis», wie im Saaltext nachzulesen war. Am meisten überzeugte Härri ein Raum, der mit ihm auch die meisten Besucher anzog. In einem dunklen Raum tanzte, freischwebend in einem starken, aus Öffnungen im Boden aufsteigenden Luftstrom, ein weisses Kostüm. Zeitweise verknäulte es sich zu einem formlosen Stoffball, der sich an Ort schwebend zitternd um sich selbst drehte. Dann wieder stieg es wie ein Gespenst in die Höhe und breitete drohend die überdimensionierten Ärmel aus, als ob es sich auf die Betrachter niederstürzen und sie verschlingen wollte. Juan, der plötzlich neben Härri stand, war beeindruckt.
«Stark!» fand er. «Da haben sie wohl lange getüftelt, bis das Ding nicht mehr abstürzte. Die Abschrankung stört etwas, aber es geht wohl nicht ohne.»
«Was siehst du darin?», fragte ihn Härri.
«Es hat etwas mit Schamanismus zu tun. Und mit traditionellem koreanischem Tanz», antwortete Juan. «Hast du die Wand mit dem vielen Text und den Bildern noch nicht gesehen?»
Und als Härri verneinte, fuhr er fort:
«Ist ein bisschen sehr didaktisch gemacht, aber informativ. Ich habe nicht ganz alles gelesen, aber der Schamanismus ist in Korea offenbar sehr lange unterdrückt worden, über Jahrhunderte. Von den Buddhisten, dann von den Konfuzianern. Später kamen die christlichen Missionare, dann die Japaner. Schliesslich die Militärjunta. Die Schamanen, ich glaube, vor allem Frauen, also Schamaninnen, standen zuunterst in der Gesellschaft. Bei der Demokratiebewegung gegen die Diktatur in den 1980er-Jahren spielten sie dann wieder eine Rolle. Als Widerstandsbewegung. Es hat mich an mein Land erinnert. An die Unterdrückung der indigenen Kultur.»
Juan schien in seinem Element, wie er da erzählte. Härri war beeindruckt. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit Da-ra zu dem Thema zu befragen.
Die Gruppe aus Augst traf sich mit ihr in einem Raum der Kunstvermittlung. Sie hatte sich also tatsächlich die Zeit genommen, was ihr von den Anwesenden hoch angerechnet und verdankt wurde. Härri war müde nach dem Mittagessen und konnte dem Gespräch nur schwer folgen. Er verlegte sich darauf, Da-ra zu beobachten. Sie war in einem Hoch, das sah man ihr an. Einfach, aber sehr teuer gekleidet. Schwarz in schwarz diesmal. Die silberweissen Haare leuchteten umso mehr. Ihre Mimik war entspannt und sie sprach selbstbewusst, wechselte zwischendurch ins Englische, wenn sie schneller und präziser sein wollte.
Als es vorbei war und Härri sich an der Gruppe vorbeistehlen wollte, welche die Künstlerin noch immer umstand, trat sie mit einem schnellen Schritt neben ihn und hielt ihn am Ärmel fest.
«Lukas!» Es tönte wie ein unterdrückter Ruf. «Wir machen was ab. Jetzt.»
Sie zog ihr Handy aus der Umhängetasche und forderte ihn mit einem Blick auf, es ihr gleichzutun. Er bekam seinen Mund nicht mehr zu. Alles hatte er erwartet, nur dies nicht.

17.3.24

Was wir weitergeben

Man konnte sich als Eltern nicht herausreden. Der Mensch war nun einmal das Tier, dessen Nachwuchs einen grossen Teil seiner Sichtweisen und Fertigkeiten von den Eltern übernahm – die Hälfte, konnte man sich der Einfachheit halber einreden. Ihnen allerdings für alle Verfehlungen der Sprösslinge die Schuld und für alle Leistungen das Verdienst zuzuschreiben, wäre ebenso albern wie sie freizusprechen von jeglicher Verantwortung. Die Differenzierung des Einflusses der Elternteile war heikel. Aussagen wie «die Mutter ist an allem schuld» oder «Nein, der Vater, vor allem der abwesende ...» sagten mehr aus über die Ideologie der Sprechenden als über die komplexe Dynamik der Erziehung in der Familie. Schon bei zwei Kindern hatte man sehen können, wie sie sich am einen Ort den Erwartungen der Erzeuger fügten, sie an einem andern gegeneinander ausspielten und sich eine eigene Synthese daraus bauten, und wieder anderswo aus Trotz gegen die elterlichen Wünsche komplementäre Strategien entwickelten. Kam dazu, dass sich Kinder gegenseitig beeinflussten, ein Vorgang, der durchaus auch als Erziehung gelten konnte. In der Regel zeigte das Ältere dem Jüngeren die Dinge, dieses wiederum nahm die Unterweisung an und eiferte nach, oder machte es anders, vielleicht besser. Oder es lehnte genau das ab, was das Ältere schon konnte, weil es besetzt war und damit uninteressant erschien, oder weil der Vorsprung schlicht nicht einzuholen war. Dieser Vorgang konnte auch in umgekehrter Richtung ablaufen, vom Jüngeren als Vorbild, zum Älteren als Nachahmer oder Vermeider. Kompliziert war es erst recht bei dem, was «die Werte» genannte wurde. Kannte man denn seine eigenen so gut, dass man sie aufzählen und umschreiben konnte? Hätte man sagen können, was davon man sich selbst zurechtgelegt hatte und was Familientradition war, was einem vom Vater, was von der Mutter eingebläut oder untersagt worden war und das man allmählich verinnerlicht hatte. Oder gar von den Grosseltern? Aber, wenn ja, von welcher Seite? Vater-Grossmutter oder Mutter-Grossvater? Nicht einmal den in der eigenen Familie so offensichtlichen Wertekonflikt zwischen einer künstlerischen und einer wirtschaftlichen Sicht auf die Welt konnte man klar zuordnen.
Warum hatte man es sich zu einem Teil des Berufs gemacht, jungen Menschen etwas von dem weiterzugeben, was man zu wissen und zu können meinte? War man dazu befugt, wenn einem doch die Erziehung der eigenen Kinder missglückte? Und wie machte man es überhaupt? Wenn man sich der Illusion hingab, dass das, was man sagte oder zeigte, unvermittelt von andern aufgenommen würde, dann lag man von vornherein falsch. Und selbst wenn es einen direkten Weg der Tradition gäbe, müsste man seinen Erfahrungen skeptisch gegenüberstehen. Indirekt musste man es angehen, ohne dabei zu tricksen. Ohne den Vorgang manipulierend zu verschleiern, diese paradoxe Mischung aus Lehren und Lernen. Eine Situation schaffen und aufrechterhalten, in der zwei Menschen sich gemeinsam auf die Betrachtung eines Aspekts der Welt einlassen, zu dem der eine mehr Erfahrung und Wissen mitbringt als der andere, der dafür den Vorteil der Unvoreingenommenheit besitzt. Fragen stellen, zu denen man nicht schon eine Antwort hat, die folglich nicht demütigen, wer die Antwort noch nicht kennt. Erwachsenen Menschen konnte man sowieso nur etwas beibringen, wenn sie es von einem verlangten. Und sie auf ihrem je eigenen Weg begleiten, den man erst einmal in seiner Andersartigkeit erkennen musste.

Nachdem Carmela am Morgen Härri im Hotel aufgesucht und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte, tranken sie noch einen Kaffee in der Bar nebenan. Er hatte kaum geschlafen, fühlte sich aber imstande, seine Reise fortzusetzen. Er wollte weiterhin auf Nebenstrassen fahren und versprach, viele Pausen einzulegen. Obwohl er keine Lust hatte, nochmals über Sofia zu reden, überwand er sich und fragte, wann mit dem Prozess gegen ihre Tochter zu rechnen sei. Carmela konnte es nicht genau sagen.
«Ich vermute, dass er noch dieses Jahr stattfinden wird. Vielleicht im Spätherbst. Die Untersuchungen laufen jetzt schon eine Weile, und Sofia hat ja geholfen dabei. Aber es hängt wohl auch davon ab, wie stark das Gericht belastet ist.»
«Weiss man denn, welches es sein wird?», fragte Härri.
«Sofia meinte, die Verhandlung werde von einem Bundesgericht geführt werden, da sie gegen das Wertpapiergesetz des Bundes verstossen hat. Vielleicht vom Southern District Court. Das ist nicht weit von der Wallstreet entfernt, glaube ich. Zwischen den Zufahrten zur Manhattan Bridge und Brooklyn Bridge.»
«Fährst du hin, wenn es soweit ist?», wollte er wissen.
Sie wich der Frage aus und meinte, man werde sehen. Er sagte ihr nicht, dass er Sofia gegenüber angedeutet hatte, er würde sie vielleicht in New York besuchen. Damals hatte er noch nichts gewusst von der Katastrophe. Es war eine andere Situation jetzt, und er wollte sich Zeit nehmen für die Überlegung, was zu tun war.
Carmela begleitete ihn noch zu einem Feinkostladen, in dem er sich Brote füllen lassen konnte. Dann verabschiedeten sie sich und er ging zum Parkhaus, wo er sein Auto abgestellt hatte. Im Halbdunkel der Parketage setzte er sich hinters Steuer und musste sich zuerst besinnen, wozu er eigentlich hier war und welche Reise er einst geplant hatte, damals, als er von Sofias Vergehen und dessen Folgen noch nichts gewusst hatte. Er drückte den Startknopf und schaltete das Navigationsgerät ein, wo er den Namen des Passes eingab, über den er nach Frankreich gelangen wollte: Colle dell’Agnello. Das Gerät gab eine Fahrzeit von gut zweieinhalb Stunden an. Wenn er unterwegs eine Pause machen und etwas trinken wollte, zum Beispiel in Savigliano, dann wäre er wohl gegen drei Uhr auf der Passhöhe. Als er die Weiterfahrt nach Grenoble eingab, wurde er gewarnt, dass die französische Seite des Passes gesperrt sein könnte. Er beschloss, bis Savigliano zu fahren und dort weiter zu entscheiden. Vielleicht liess sich ja herausfinden, ob der Pass tatsächlich geschlossen war.
Kaum war er unterwegs, machten sich Müdigkeit und Unaufmerksamkeit auf gefährliche Weise bemerkbar. Am Ausgang der Stadt wechselte er unvermittelt die Spur, weil er die Schilder zu spät sah. Er löste damit ein wütendes Hupkonzert aus. Später, auf der schmalen Überlandstrasse fuhr er so langsam, dass sich hinter ihm eine Kolonne bildete, aus deren Reihe sich Einheimische zu selbstmörderischen Überholaktionen hinreissen liessen. Er war froh, als er nach gut einer Stunde heil in Savigliano ankam. Er fand einen Parkplatz im Zentrum und dann eine Bank am Fusse des mittelalterlichen Turms an der Piazza Santarosa. Die Brote waren ausgezeichnet, und als er eine Flasche Mineralwasser getrunken hatte, fühlte er sich besser.
Über den Colle d’Agnello hatte er fahren wollen, weil dieser Alpenübergang in der Nähe des Passes lag, der mit grösster Wahrscheinlichkeit Hannibal zur Überquerung des Gebirges gedient hatte. Der Col de la Traversette. Er wusste nicht, was er sich davon versprach. Elefantenskelette würden keine herumliegen, aber vielleicht könnte ihn die Landschaft und das Wissen um ihre historische Bedeutung etwas ablenken. Im Informationsbüro für Touristen erfuhr Härri, dass der Colle d’Agnello tatsächlich nicht durchgängig befahrbar war. Als er die Frau an der Theke fragte, ob es sich lohne, auf die Passhöhe und danach wieder zurückzufahren, meinte sie, dann könne er auch gleich zum richtigen Hannibal-Pass fahren. Wobei er nicht auf die Passhöhe gelangen könne mit dem Auto, aber bis zum Gasthof Pian del Re, von wo aus zu Fuss die Quelle des Po zu besichtigen sei. Ob man dort übernachten könne, fragte Härri, was sie bejahte. Er müsse aber selber anrufen. Er war nicht überrascht, aber enttäuscht, dass alles ausgebucht war. Trotzdem machte er sich auf den Weg. Er nahm sich vor, vorsichtig zu fahren.
Nach einem Spaziergang durch die Gebirgslandschaft, zwischen Gruppen plaudernder Spaziergänger aus aller Welt, sass er nun bei geöffnetem Fenster auf dem Bett, das er unverhofft doch bekommen hatte. Schon unterwegs hatte ihn der freundliche Concierge zurückgerufen und ihm mitgeteilt, ein Gast habe sich abgemeldet und es sei ein Einzelzimmer frei geworden. Kaum sass er still, überfielen ihn Angst und Scham. Um sich abzulenken, öffnete er auf seinem Smartphone die elektronische Fassung der Affenkönig-Geschichte. Hatte er nicht die Episode nochmals nachlesen wollen, in der Sun Wukong von Buddha gebändigt wird mit einer Wette? Härri tat so, als interessiere es ihn noch immer und suchte nach der Stelle. Er fand sie im siebten Kapitel und las.
«Auf seinem Weg aber sah der Grosse Heilige ...»
Er musste kurz überlegen, dann wusste er es wieder: es war einer der vielen Namen für Sun Wukong. Dieser war auf dem Weg, über Buddhas Hand zu springen. Wenn er dies schaffe, dürfe er wie gewünscht in den Himmelspalast einziehen, hatte Buddha gesagt. Wenn nicht, müsse er als Dämon zur Erde zurückkehren und sich noch ein paar tausend Jahre der Vervollkommnung widmen. Sun Wukong hatte gelacht über den Vorschlag, schaffte er es doch, mit einem Wolkenüberschlag hundertachttausend Meilen weit zu springen. Härri las weiter.
«Auf seinem Weg aber sah der Grosse Heilige plötzlich fünf fleischfarbene Säulen, welche den blauen Äther zu stützen schienen. Da sagte er: ‘Hier ist das Ende. Jetzt gehe ich zurück, der Buddha ist Zeuge, der Himmelspalast ist mein.’»
Härri warf das Handy auf das Fussende des Betts und legte sich hin. Die Geschichte hatte ihn wieder. Der Affenkönig zupft sich ein Haar aus und verwandelt es in einen Pinsel. Damit schreibt er auf die mittlere Säule: «Der Himmelsebenbürtige Grosse Heilige kam bis hier!» Zusätzlich markiert er mit seiner Pisse den Sockel der ersten Säule. Mit ein paar Wolkenüberschlägen kehrt er zurück auf Buddhas Handfläche. Dieser verhöhnt ihn. Er sei nicht über seine Handfläche hinausgekommen. Als der Affenkönig protestiert und verlangt, man solle vor Ort prüfen, ob er bis zum Ende des Himmels gekommen sei oder nicht, meint Buddha trocken, dies sei nicht nötig und zeigt ihm seine Hand. Auf dem Mittelfinger steht geschrieben: «Der Himmelsebenbürtige Grosse Heilige kam bis hier!» und sein Zeigefinger stinkt nach ...
Härri war eingeschlafen. Schon bald träumte er von fliegenden Elefanten.

Es störte ihn nicht, dass er den Ausflug nach Frankreich auslassen musste. Er liess sich dafür mehr Zeit in Turin, wo er das Auto zurückgab, eine Übernachtung buchte und sich am andern Tag ausgiebig das Ägyptische Museum anschaute.
Auf dem Heimweg im Zug war er in Gedanken schon bei der kommenden Einführungswoche für die neuen Studentinnen und Studenten. Härri fand es immer eine seltsame Veranstaltung, weil die Dozenten, Werkstattleiterinnen, die Leitung und ihre Administration je einzeln die aus ihrer Sicht wichtigen Informationen und Annäherungsschritte an die Studierenden herantrugen, dabei aber immer nur ihren Beitrag mitbekamen. Es war eine Frage der Perspektive. Um Charakter und Wirkung der Einführungswoche als Ganzes mitzubekommen, hätte man in die Haut einer Studentin schlüpfen müssen.
Eigentlich war Härris Aufgabe klar umrissen. Er hatte ein halbtägiges Seminar abzuhalten, in dessen Rahmen er Stellung und Bedeutung der Malerei im Studium skizzieren sollte, wobei auch dem gegenseitigen Sichkennenlernen einen Platz einzuräumen war. An einem Nachmittag hatte er die Verteilung der Arbeitsplätze in einem der Grossraumateliers zu moderieren und durfte die Infrastruktur vorstellen, die mit dem Zeichnen und der der Malerei zusammenhing.
Wieder zurück in Augst, bereitete er sein Seminar nicht zuhause vor, weil er sich in jener Umgebung nicht vom Grübeln über seine familiäre Situation, von den um Sofia, Bruno, Carmela und sich selbst kreisenden Gedanken lösen konnte. Er richtete sich ein in der kleinen Fachbibliothek der Spinnerei, die wenig benutzt wurde und in der es einen riesigen Schreibtisch gab, den er für sich freiräumte. Die Anfälle lähmender Müdigkeit, welche die Ereignisse der letzten Wochen in ihm hervorgerufen hatten, waren vorbei. Er fühlte sich aufgekratzt, hatte Lust und Mut, alles auf den Kopf zu stellen und neu zu beginnen, wobei er sich gut genug kannte um zu wissen, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein würde. Aber jetzt wollte er es anders machen als letztes Jahr und alle die Jahre davor, in denen sich die Routine breit gemacht hatte, vor allem in immer wiederkehrenden Veranstaltungen. Er wollte an den Kern gelangen, an die Basis des Lehrens und Lernens. Dem Vorgang selbst sollte die Aufmerksamkeit gelten, und den beteiligten Menschen. Auch ihm selbst. Er wollte sich zeigen, sich «aus seiner Komfortzone herausbewegen», genauso wie sie dies Mantra-artig von ihren Studentinnen und Studenten verlangten. Wenn er so, allgemein und abstrakt, darüber nachdachte, fühlte er sich voller Energie. Schwieriger wurde es, wenn konkret festzulegen war, worüber er sprechen, was er zeigen und zu welchen Aktivitäten er die Studierenden einladen wollte. Als er schliesslich vor ihnen stand, war es wie immer. Er hatte zu viele Themen im Kopf, zu umfangreiches Material auf dem Tisch und seinem Laptop.
Als er hinterher Bilanz zog, musste er sich immerhin zugestehen, dass er nicht alles schlecht gemacht hatte. Wieder zuhause, schaute er die Porträts durch, welche er die Studierenden hatte gegenseitig machen lassen, und begann mithilfe der Liste ihre Namen zu lernen. Auf den Fotos hielten alle ein Schild vor sich hin mit dem Vornamen, dazu hatten sie auf Vorschlag eines Studenten die Pronomen geschrieben, mit denen sie genannt werden wollten: «sie / ihr», «er / sein», «they / them» oder «kein Pronomen». Härri wusste, dass er mit der Pluralform für eine Einzelperson nicht klarkam. Er hatte sich angewöhnt, für die Studierenden, die sich als non-binär bezeichneten, den Vornamen ohne Pronomen zu verwenden. Bisher hatte sich noch niemand darüber beschwert.
Gut war der Teil des Seminars gewesen, den er mit dem Zeigen einiger seiner aktuellen Zeichnungen einleitete. Das hatte ihn einige Überwindung gekostet, weil er es bisher immer vermieden hatte, sich auf diese Weise ins Zentrum zu stellen. Diesmal hatte er aber gefunden – in der Aufbruchsstimmung, in der er sich wähnte –, dass die Zurückhaltung der eigenen Künstlerpersönlichkeit in Wahrheit auf noch machtvollere Weise Dominanz markiere, weil sie die Studenten und Studentinnen nötige, sich ihr Bild des Dozenten gänzlich selbst zusammenzusetzen. Aus Katalogen, aus dem Internet, durch Nachfragen und so weiter. Und dass diese Verweigerung – denn was war es anderes? – sich als Zurückhaltung und Bescheidenheit nur tarne, in Wahrheit aber ein Zeichen von Eitelkeit sei, denn selbstverständlich gehe der Professor davon aus, dass sich seine Zöglinge schnellstmöglich mit den nötigen Informationen eindeckten, schon nur, um sich nicht zu blamieren. Dies alles wären intransparente Machtverhältnisse, die zu Projektionen geradezu einluden.
Als er also seine Arbeiten ausgebreitet hatte wie es sonst die Studierenden in ihren Präsentationen tun mussten, kam nach einem kurzen Moment scheuer Stille ein sehr lebhaftes Gespräch in Gang. Er wurde viel befragt über seine Strategien, mit denen er sich in einen produktiven Zustand bringe. Über die Entwicklung seines eigenen Stils, über seine Vorlieben bezüglich der Themen, Medien und Formate, die er benütze. Härri hatte den Eindruck, dass er noch nie in so kurzer Zeit so viele Erkenntnisse über die Malerei und die Kunst hatte anbringen können. Zudem – und das war das Beste daran – folgten diese Belehrungen fast ausschliesslich auf konkrete Fragen aus dem Kreis der jungen Leute. Es war also davon auszugehen, dass das, was er sagte, auch auf guten Boden fiel.
Nicht zufriedenstellend verlief sein Vortrag mit einem Exkurs in die Geschichte der Informationsvermittlung durch Bilder. Er zeigte den Studierenden einen Faksimile-Druck des ägyptischen Papyrus, den er von seiner Lombardei-Reise aus Turin mitgebracht hatte. Es handelte sich um eine der ersten topografischen Karten überhaupt, sicher um die erste geologische Karte, auf der ein Schreiber von Ramses dem Vierten um das Jahr 1160 vor Christus seinem Dienstherrn eine reale Landschaft aufgezeichnet und darin mögliche Stollen für den Abbau eines Gesteins eingezeichnet hatte, die dieser für repräsentative Grossporträts verwenden wollte. Härri hatte mit seiner Präsentation die Absicht verbunden, ein Gespräch über die Macht der bildnerischen Weitergabe von Informationen zu eröffnen. Da hatte sich ein Student gemeldet. Er hiess Juan Álvarez, wie Härri auf der Liste sehen konnte.
«Aber wieso ist die Karte jetzt in Turin? Und noch immer in Italien?»
Härri hatte einen Moment überlegt, ob es ein Fehler gewesen sei, die Diskussion über koloniale Raubkunst und Restitution von Kulturgütern nicht an den Anfang zu stellen. Er erzählte von Bernardino Drovetti, der die Bildrollen in seiner Funktion als Napoleons Prokonsul in Theben gefunden und nach Turin gebracht hatte.
«Ein klassischer Fall von kolonialistischer Aneignung also?», fragte Juan nach, wobei deutlich der Vorwurf mitschwang: «Warum sagten Sie das nicht gleich?»
Die daraufhin entstehende Debatte wurde lebhaft und kontrovers geführt, worüber Härri eigentlich hätte froh sein müssen. Aber das von ihm vorbereitete Thema wurde nur am Rande behandelt und er musste sich zum Schluss die unangenehme Frage stellen, ob er der postkolonialistischen Fragestellung unbewusst ausgewichen war, wie es der kritische Student unterstellt hatte. Warum nur hatte er den Papyrus als Anschauungsgegenstand gebracht?

Da sie in dieser Woche beide am selben Tag frei hatten, konnte Helen endlich ihr Versprechen einlösen und Härri auf eine Tour mit dem Weidling mitnehmen. Es zeichnete sich bereits jetzt, Mitte September, ab, dass der Monat einer der wärmsten werden könnte seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Helen schlug deshalb vor, dass sie früh, am besten schon um sieben Uhr aufs Wasser gehen sollten. Sie trafen sich beim Lokal ihres Wasserfahrvereins. Helen hatte ihm Knieschoner mitgebracht und bot ihm auch Handschuhe an. Er wollte es aber ohne probieren.
«Du wirst ein paar Blasen erwischen», lachte sie.
Er hatte zwar schon oft zugesehen, wenn die Weidlinge vor seinem Haus dem Ufer entlang hochgestachelt wurden, aber als sie nun unterwegs waren, staunte er wie schwierig und schweisstreibend dieser Sport war. Helen bewegte sich geschmeidig und korrigierte seine Haltung und Bewegungen mit präzisen Hinweisen. Am besten lief es ihm, als sie etwa einen Kilometer hinter sich hatten. Seine Stösse wurden länger und vor allem gerader, so dass Helen weniger seitliche Ausschläge von ihm ausgleichen musste. Danach aber wurde er bereits müde. Seine Knie schmerzten trotz der Polster, die Blasen an den Daumengelenken waren aufgeplatzt und brannten, und er bekam Durst.
Er überwand sich und meldete seine Bedürfnisse an:
«Ich brauche bald eine Pause, kann man mit dem Ding irgendwo anlegen?»
«Ich dachte, wir stacheln bis Beuggen. Noch etwa zehn Minuten. Magst du noch so lange?»
Und als er bejahte, fuhr sie fort:
«Wir gehen dort etwas trinken. Es hat eine Anlegestelle gleich unterhalb vom Schloss, dort können wir den Weidling festmachen.»

Als sie im Schatten unter dem Sonnenschirm sassen, vor grossen Gläsern Eiswasser, erzählte ihm Helen von ihren Erfahrungen im Verein, wo sie lange Zeit das einzige Mädchen gewesen war. Wie sie sich immer zuhause hatte umziehen und duschen müssen, weil es im Klubhaus weder Garderobe noch Dusche gab für Frauen. Die Sprüche dann und die Schikanen, als sie hatte an Wettkämpfen teilnehmen wollen. Wie sie dafür sogar den Verein gewechselt und ihren eigenen erst nach ersten Medaillen hatte dazu bringen können, sie zu unterstützen. Nun sei das alles Geschichte, und fast niemand komme mehr auf die Idee, das Wasserfahren als reinen Männersport zu bezeichnen.
Härri betrachtete seine Hände und schüttelte den Kopf.
«Du bist unglaublich fit! Nimmst du immer noch teil an Wettkämpfen?»
«Nicht mehr so streng. Ich hätte gar nicht mehr die Zeit, so intensiv zu trainieren. Ich halte mich fit mit meinem Job bei der Zimmerei. Wobei, dort muss ich aufpassen, dass ich mich nicht verletze. Ich bin dort umgeben von Murksern ...
Sie lachte. Und als er fragte, was sie mit «Murksern» meine, sagte sie:
«Die Sorte Männer halt, die sich für unkaputtbar halten. Die immer ein bisschen zu schwer heben, das Sicherungsseil zu spät einklinken. Die finden, Handschuhe oder Arbeitsstiefel mit Stahlkappen seien etwas für Weicheier ...
Er zeigte ihr seine Handflächen.
«So wie ich ...?» Wieder lachte sie ihn an.
«Genau wie du. Aber auf der Abfahrt nachher kannst du ja immer noch die Handschuhe anziehen. Beim Rudern gibt es dann auch Reibung an anderen Orten – und neue Blasen.»
Das Rudern gefiel Härri besser als das Stacheln, obwohl es technisch eher noch anspruchsvoller war. Vor allem das Abdrehen des Ruders fiel ihm zu Beginn schwer. Er durchschaute zwar das Prinzip – kräftiger Stoss mit quergestelltem Blatt, senkrechte Führung des Ruders beim Vorziehen durchs Wasser gegen den Bug –, trotzdem wollte seine Griffhand zuerst nicht mitmachen. Vielleicht lag es daran, dass er als Anfänger vorne ruderte und damit seine linke Hand für die Drehung verantwortlich war. Mit der Zeit aber ging es besser und sie fanden sich zwischendurch zu einem schönen Rhythmus. Helens Ratschläge bezogen sich auf Details, die er nachvollziehen konnte und sie bestärkte ihn sofort, wenn er etwas besser machte. Mit der Strömung waren sie viel schneller zurück in Warmbach als er gedacht hatte.

12.3.24

Downburst

AURELIA – Darf ich mich auch noch äussern zu Lukas? Zu dem Mist, den er gebaut hat und zur Androhung der Direktion, ihn hinauszuwerfen? Es ist ja typisch, dass die Häme gegen feministische Konzepte an unserem Institut von zwei alten Cis-Männern ausgeht, die mal kurz zusammen ein Bier trinken gegangen sind. Offenbar war Härri frustriert, weil er sich beim Konzipieren des neuen Leitbilds und Namens nicht gehört fühlte. Weil er unterlag mit seinen Ansichten. Aber, mein Gott, wir Frauen erleben das seit tausend Jahren! Ich weiss, es ist nicht einfach für ihn mit seiner Malerei. In Deutschland, wo er herkommt, ist die immer noch hoch im Kurs an den Akademien. In Berlin, Hamburg, Düsseldorf und so weiter. Dort hat an vielen Orten das System der Meister mit ihren Schülern überlebt. Selten auch der Meisterinnen. Da ist für die jungen KünstlerInnen entscheidend, dass sie einen berühmten Namen angeben können, bei dem sie studiert haben. So ein richtig beschissenes patriarchales System. Das würde Härri natürlich passen. Aber dazu hätte er es halt an eine der deutschen Akademien schaffen müssen. Ich weiss gar nicht, warum und wie der in Augst gelandet ist. Als ich kam, war er schon lange hier. Ein alter Hase. Ich muss zugeben, er hat mir gefallen, und wir hatten sogar mal eine Zeit lang was miteinander. Als wir dann in der Zwischenphase vor Da-ra die Leitung zusammen gemacht haben, war diese Beziehung schon vorüber. Ich hatte mich in Richtung pansexuell umorientiert, und ihm war es wohl lieber, Privates und Berufliches schärfer zu trennen. Härri kann explosiv sein, aber im Grunde ist er ein friedliebender Mensch. Mit seinen Privilegien kann man sich das leisten. Geschieht ihm recht, dass er nun mal aufs Dach bekommen hat. Ich hoffe, Da-ra zieht das auch konsequent durch und haut ihm sofort auf die Finger, wenn er sich nochmals so querlegt. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sie zu ihm steht. Natürlich wäre es hart für ihn, wenn er ein paar Jahre vor der Pensionierung seine Stelle verlieren würde, ist mir schon klar. Er würde dafür ausschliesslich uns die Schuld geben, den Hexen. Aber wir lassen uns einfach nichts mehr gefallen. Von jetzt an müssen sich die Männer anpassen, die alten sowieso.

Nach dem aussergewöhnlichen meteorologischen Ereignis vom vorigen Tag in La Chauds-de-Fonts wurde man auf allen Informationskanälen über den dazugehörigen Begriff, die dahintersteckende Dynamik sowie den vermuteten Zusammenhang mit der Klimaerwärmung belehrt. Das in dieser Heftigkeit zum Glück seltene Wetterphänomen hiess «Downburst», was wörtlich übersetzt das «Herunterplatzen» eines grossen Luftpakets unter einer sehr aktiven Gewitterzelle bedeutet. Den Grund dafür sahen die Meteorologen in einer rasanten Abkühlung der Luft, wenn das darin enthaltene Wasser in kurzer Zeit seine Zustände wechselt und von Eis zu Regen, dann zu Dampf wird. Die Luftsäule wird dadurch stark abgekühlt und so schwer, dass sie in sich zusammenbricht und sich senkrecht nach unten stülpt, wo sie auf den Boden trifft und explosionsartig in alle Richtungen verspritzt. Der Aufprall beschleunigt die Bewegung zusätzlich und es entstehen wie beim vorliegenden Fall im Freiburger Jura Windböen mit einer Geschwindigkeit von über zweihundert Kilometern pro Stunde. Auf den verwackelten Videos, die von geschockten Augenzeugen aufgenommen und im Netz verbreitet wurden, konnte man sehen, was bei solcher Dynamik alles zu fliegen beginnt: Tische und Stühle, von Dächern abgerissene Bleche, Fahrräder und Mopeds, Äste, Teile von Gerüsten und Baukranen, Firmenschilder und Plakatwände. Es war lebensgefährlich, sich im Freien aufzuhalten, und im Innern der Häuser hielt man sich besser fern von den Fenstern, die zum Teil eingedrückt wurden wie unter Artilleriebeschuss. Ein Baukran fiel auf zwei Autos, die dadurch in Brand gerieten. Dabei kam eine Frau ums Leben. Die Experten wiesen auf einen indirekten Zusammenhang des ausserordentlichen Ereignisses mit der Klimaerwärmung hin. Mehr Wärme bedeute mehr Energie und Dynamik in der Atmosphäre, was wiederum besonders heftige Wetterausschläge begünstige.
Obwohl die Gewitterzelle, die das Ereignis in der Uhrenstadt verursacht hatte, auf dem weiteren Weg noch lange nicht ihre ganze Kraft aufgebraucht hatte und auch über Augst hinwegfegte, kam es dort nur zu geringen Schäden. Immerhin hatte Härri noch nie zuvor solche Wogen auf dem Rhein gesehen. Der Wind schien in den oberen Wasserschichten die Strömung des Flusses gänzlich anzuhalten, was zu stehenden Wellen von gegen zwei Metern Höhe führte. Ihre Breite erstreckte sich über die halbe Breite des Rheins und die Schaumkronen wurden in Fetzen weggerissen. Als Härri nach dem Sturm ums Haus ging, um nach Schäden Ausschau zu halten, stellte er fest, dass ein Fensterladen am Boden lag. Die Beschläge hingen noch an den Angeln. Die Blache, mit der er seinen Holzhaufen abgedeckt hatte, war verschwunden, und auch den kleinen Gartentisch sah er nirgends. Er fand ihn später bei einem der Doppelhäuser weiter rheinaufwärts in der Garageeinfahrt, die ins Untergeschoss führte und sich mit allerlei Sperrmüll gefüllt hatte. Die Schweissnaht eines der Tischbeine war gebrochen. Er würde das Möbel bei Gelegenheit in die Werkstatt des Instituts mitnehmen müssen.
Ein Donnerwetter ganz anderer Art gab es von Noah, der ihn an diesem Tag nach dem Sturm besuchte. Härri bemerkte Turettis Wut schon bei dessen Eintreten an den vielen und heftigen Ausrufen. Noch bevor er ihm den üblichen Kaffee brauen konnte, kam Noah zur Sache.
«Was ist denn das für eine Kacke, Lukas? Von deinen Studis muss ich erfahren, dass sie dich rausschmeissen wollen? Ja, fuck, Alter, ich habe gemeint, wir können uns alles erzählen! Und was machst du? Spielst den grossen Schweiger oder was?»
Härri versuchte, den Redeschwall seines jugendlichen Freundes zu unterbrechen. Mit einer mehrfach ausgesprochenen Entschuldigung konnte er ihn schliesslich zum Zuhören bringen.
«... entschuldige bitte, es tut mir leid, Noah, wirklich. Es ging bei der ganzen Geschichte ja genau darum, dass ich jemandem zuviel erzählt habe aus dem Inneren ...»
Noah heulte buchstäblich auf.
«Traust du mir nicht? Traust du mir nicht zu, dass ich etwas für mich behalten kann? Fick dich, Mann!»
Die Beschimpfung am Schluss stiess er in seiner normalen Stimme aus, er war also sehr aufgebracht. Und als Härri in seinen Augen Tränen glitzern sah, verstärkte sich sein schlechtes Gewissen. Was sollte er sagen? Es war nie gut darin gewesen zu merken, wann er schweigen und wann reden sollte. Wenn Chaos in seinem Inneren herrschte, meinte er dies zuerst für sich klären zu müssen, bevor er andere damit belästigte. Carmela hatte ihm dies immer vorgeworfen und gemeint, ein Durcheinander sei am besten im Gespräch mit andern auseinanderzudröseln. Für sie stimmte das zweifellos.
Es herrschte angespanntes Schweigen, während er beiden einen Kaffee machte und Gläser mit Wasser füllte. Noah hatte sich aufs Sofa plumpsen lassen, sein Handy herausgezogen und sich Stöpsel in die Ohren gesteckt. Wahrscheinlich beschäftigte er sich mit seinem Spiel, oder tat wenigstens so. Härri stellte ihm Glas und Tasse hin, setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl und bedeutete ihm, er solle die Dinger aus den Ohren nehmen.
«Hör zu Noah ...»
Als dieser nur kurz aufschaute und gleich weiter an seinem Handy herumfingerte, wurde Härri laut.
«Turetti! Jetzt hör mir zu! Natürlich vertraue ich dir. Aber meine Situation am Institut ist kompliziert, und heikel. Ich kann nicht machen, was ich will. Kann mich nicht frei bewegen ...»
Und wie als Beweis seines Vertrauens begann er Noah von Da-ras Besuch an jenem heissen Nachmittag zu erzählen. Es war ein intuitiver Entscheid, dies zu tun. Er tastete sich vor bei der Erzählung der Geschichte, und ging nicht allzu sehr ins Detail. Einerseits tat er es, weil ihm bei Noahs Vorwurf, er habe kein Vertrauen in ihn und erzähle ihm nicht alles, in den Sinn gekommen war, dass der Junge sich ihm gegenüber noch nie über das Thema Frauen geäussert hatte – obwohl es ihn offensichtlich stark beschäftigte – und er dies schon manchmal seinerseits einem Mangel an Vertrauen zwischen ihnen beiden zugeschrieben hatte. Andererseits wollte er, indem er darüber sprach, sich selbst und Noah den subtilen Zusammenhang dieses Erlebnisses mit seiner Widersetzung und den daraus entstandenen Folgen erklären. Welche Rolle die Konkurrenz zwischen Männern und Frauen, zwischen Älteren und Jüngeren dabei spielte. Die Konkurrenz zwischen den Kunstsparten, die zunehmende Abgrenzung der Queeren und Nonbinären gegenüber den Cis-Normierten. Wie der Druck zur Anpassung bei ihm Trotz auslöse, Phantasien von Überlegenheit seiner eigenen Ideen und Konzepte über die der anderen. Und dann komme zu all dem die höchst zwiespältige Faszination, welche diese Frau auf ihn ausübe. Von der er nicht einmal ganz sicher sei, ob sie sich als Frau definiere. Die aber seine Chefin sei, also in gewisser Hinsicht über ihn zu bestimmen habe.
Noah hatte seine Ohrstöpsel längst herausgenommen und hörte ihm mit staunend aufgerissenen Augen und offenem Mund zu. Als Härri eine Pause machte, warf er zweimal den Kopf zur Seite und schnaubte laut.
«Krass!», rief er dann aus. «Ich würde mir glatt in die Hose machen, wenn eine Tussi so aggressiv bei mir auftreten würde. Ich meine, wünscht man sich ja immer – so heimlich, klar – dass man als Macker nichts tun müsste. Wär’ man auch an nichts Schuld. Aber in real ist’s dann was anderes. Ich verkack’s immer bei den Frauen, weil ich zuviel Schiss habe, glaub’ ich. Habe mich deswegen auch schon gefragt, ob ich schwul bin. Aber bin ich wohl definitiv nicht. Ich wurde schon mehrmals angebaggert von Schwulen, aber das ist nicht mein Ding, das wurde mir schnell klar. Wie geht’s denn jetzt weiter? Mit dir und der ... wie heisst sie? Da-ra? Komischer Name. Eine Dana kannte ich mal ...»
Härri unterbrach ihn und ging auf seine Frage ein, wie es weitergehe.
«Ich weiss es nicht. Ich hänge in der Luft, irgendwie. Ich bin jetzt für ein halbes Jahr auf Bewährung und darf in dieser Zeit nicht mehr aufmucken. Das ist ziemlich ungewohnt für mich. Da-ra Baeck wird solange sicher auf Distanz bleiben. Ich weiss nicht genau, ob sie gleicher Meinung ist wie die Direktorin. Von der geht ja die Verwarnung aus, mit Kündigungsandrohung. Ob Da-ra froh ist darüber, dass ich ruhiggestellt werde und sie so einen Konkurrenten loswird? Keine Ahnung.»
«Warum Konkurrent?», fragte Noah, «Versteh’ ich nicht.»
«Ich habe das Institut geleitet, bevor sie kam. Nicht sehr lange, und auch mit einer anderen Kollegin zusammen, mit Aurelia, von der ich dir auch schon erzählt habe. Als Da-ra kam, wusste und kannte sie nichts bei uns. Sie war vollkommen auf mich und die Kollegen angewiesen, und wir haben den Laden weitergeführt. In dieser Zeit habe ich wohl gemeint, das liefe nun immer so weiter, wie ich es gewohnt war. Ich konnte fast alles dorthin lenken, wo ich es haben wollte und wie es mir richtig schien. Mit einem informellen Schwatz hier, einer kleinen Sitzung dort. Ab und zu mit einem schriftlichen Statement.»
Noah schnaubte wieder mehrmals.
«Du warst richtig der Oberboss, Mann! Und dann? Hat ihr das nicht gepasst?»
«Nein, natürlich nicht. War ja auch nicht so gemeint. Wir waren nur die Pausenclowns. Sie war gewählt worden als neue Institutsleiterin. Als Frau, als Feministin, als Performerin. Da steckte eine Absicht dahinter. Man wollte ein neues Image für das Institut. Das Ende des Dinosaurier-Zeitalters.»
«Dafür habt ihr jetzt die Hexen! «, rief Noah aus. «Toller Tausch, bravo!»
Härri fühlte sich verpflichtet, dagegenzuhalten.
«Ja, aber das ist nicht einfach alles Blödsinn, das habe ich dir auch schon erklärt. Ich durchschaue es zwar auch nicht ganz, aber man sollte nicht automatisch alles ablehnen, was man nicht versteht. Es ist eine andere Zeit ...»
«Und du ein alter Sack, oder was?», unterbrach ihn Noah. «Wo ist dein Sun-Wukong-Spirit? Verwandelst du dich jetzt in diese blöde Zikade, damit dich keiner sieht?»
Und wie es typisch war für Noah, interessierte ihn das Gesprächsthema plötzlich nicht mehr, von dem er gerade eben gefesselt gewesen war. Härris Kaffee war kalt geworden. Er stand auf und ging die Tasse ausspülen, während Noah hinter ihm über seine jüngsten Vorstösse als Affenkönig im chinesischen Videospiel berichtete, ohne sich darum zu kümmern, ob ihm zugehört wurde. Härri war an seiner letzten Bemerkung hängengeblieben. Er versuchte sich zu erinnern, wie der Affenkönig im Roman von Buddha gedemütigt, besiegt und schliesslich unter einem Berg in Gefangenschaft gesetzt worden war.

Die Zeit vor Beginn des neuen Semesters nutzte Härri, um wieder einmal Carmela, seine Exfrau zu besuchen. Er war mit dem Zug bis Turin gereist und hatte dort ein Auto gemietet, um weiterzufahren nach Asti, wo sie noch immer einen Teil des Jahres verbrachte. Er liess sich Zeit und fuhr bei schönstem Spätsommerwetter auf der Landstrasse über Chieri, Villanova und Villafrancha. In Asti angekommen, zog er es vor, in einem Hotel zu übernachten, obwohl sie ihm angeboten hatte, er könne bei ihr wohnen, in dem Haus, in dem sie eine Zeit lang mit den Kindern gelebt und in dessen Instandstellung sie beide viel investiert hatten. Er wollte auch nicht so lange in der Stadt bleiben, wie sie sich das vorstellte, sondern nach zwei, drei Tagen weiterziehen durch Ligurien. Danach hatte er vor, einen Abstecher durch Südfrankreich zu unternehmen und von dort wieder über die Alpen nach Turin zurückzukehren, wo er das Auto zurückgeben konnte.
Carmela schien es gut zu gehen. Sie hatte sich die Haare kürzer schneiden lassen und sah erstaunlich jung aus. Ihren jetzigen Lebenspartner Enzo, auch in der Lombardei aufgewachsen und zwei Jahre jünger als sie, Manager in einer Versicherung, hatte Härri erst zweimal getroffen. Er fand ihn nicht unsympathisch, aber anstrengend, weil er pausenlos und sehr schnell italienisch sprach und dabei jedes Gespräch auf die paar Dinge lenkte, die ihn interessierten. Es störte Härri nicht, dass er auch diesmal auf Geschäftsreise war. Carmela kochte noch immer ungern, also gingen sie auswärts essen, in einem kleinen Restaurant in einer schmalen Gasse, in dem fast nur Einheimische und italienische Feriengäste zu sehen waren. Carmela schien alle zu kennen und sie wurden sehr gut bedient. Sie genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. Als sie den Secondo fertiggegessen hatten, bestellte sie sich zum Dessert noch einen Semifreddo mit Nougat, er beschränkte sich auf einen schwarzen Kaffee.
«Du bist stiller als sonst. Etwas bedrückt dich ...», stellte sie unvermittelt fest.
Härri hatte sich vorgenommen, ihr kein Wort von den beruflichen Verwicklungen zu erzählen. Trotzdem spürte er einen Moment lang den Impuls, sich ihr gegenüber zu öffnen wie früher. Er besann sich aber und begann von Brunos Ausstieg aus der Kunst zu sprechen. Schliesslich waren die Kinder noch immer das Thema, das sie beide verband. Und er spekulierte darauf, Carmela würde sich damit zufriedengeben, wenn er Brunos Entscheid als Grund für seine Sorgen vorschob. Sie hatte weniger Probleme mit der beruflichen Umorientierung ihres Sohnes und liess sich darauf ein, das Dafür und Dagegen mit ihrem Exmann zu bereden. Um die Frage, wie es Sofia ging, machten sie an dem Abend beide einen Bogen.
Es war am zweiten Abend, Carmela und er sassen auf der Piazza vor dem Rathaus beim Aperitif, als er von ihr die Nachrichten über Sofia erfuhr. Er hatte versucht die Befürchtungen zu verdrängen, die ihn beim letzten Video-Anruf in New York angefallen hatten. Es traf ihn mit zerstörerischer Wucht, was er von Carmela hörte und er konnte danach nicht einfach mit ihr ins Restaurant gehen, wo sie wieder einen Tisch hatten reservieren lassen fürs Abendessen. Es hatte ihm den Appetit verschlagen und er bekam hämmernde Kopfschmerzen. Carmela brachte ihn in sein Hotel, besorgte ihm Tabletten und versprach, am Morgen wieder nach ihm zu schauen. Nun lag er angezogen auf dem Bett und starrte die Decke an. Versuchte zu verstehen.
Seine Tochter war eine Kriminelle! Sie war vor kurzem in New York verhaftet worden, in ihrer teuren Wohnung in Manhattan, und jetzt nur auf freiem Fuss dank einer Kaution, deren eine Hälfte seine Exfrau bezahlt hatte. Den Rest hatten die Eltern einer Freundin Sofias aufgebracht, in deren Wohnung sie untergekommen war. Von dort, von der Küche aus hatte sie mit ihm telefoniert, bereits in Erwartung des Prozesses! Und sie hatte nichts davon erzählt! Zwei bis fünf Jahre Gefängnis blühten ihr, hatte Carmela gesagt. Sie musste dreimal wiederholen, dass Sofia laut Auskunft der Anwältin mit dem tiefsten Strafmass innerhalb des Rahmens rechnen könne, weil sie sofort kooperiert habe mit den Untersuchungsbehörden.
Er konnte nicht richtig zuhören, in seinem Kopf herrschte Sturm. Wann war es passiert? Was war ihre Schuld, was sein Anteil? Hätte er verhindern können, was sie angestellt hatte, wenn er sich nur mehr um sie gekümmert hätte? Sich interessiert hätte für die Welt, in die hinein sie sich entwickelt, in der sie gelebt hatte? Carmela versuchte es ihm zu erklären, was schier unmöglich war, weil er sie immer wieder unterbrochen hatte mit Fragen, die nicht zu beantworten waren. Was haben wir falsch gemacht? Was hätten wir anders machen müssen?
Sofia hatte sich vor etwa drei Jahren dazu verleiten lassen, ihr Wissen um bevorstehende Käufe ihres Arbeitgebers – einer Grossbank, deren Namen er früher gewusst hatte – für eigene, illegale Gewinne zu missbrauchen. Sie hatte das zusammen mit einem Kollegen aus der Branche gemacht, wie Carmela erzählte. Wenn die Bank an der Börse ein grösseres Paket Wertpapiere kaufen wollte, steckte sie die Informationen ihrem Komplizen zu, der dann sofort zupackte. Durch den Kauf wurde der Kurs nach oben getrieben und Sofias Kollege verkaufte der Bank die Papiere zum höheren Preis. Den Gewinn teilten sie. Gegen vier Millionen insgesamt! Die teure Wohnung hatte sie damit gemietet. Das Auto, die Klamotten, Taschen und Schuhe gekauft. Und Ferien gemacht mit dem Kollegen, in der Südsee. Er spürte eine moralische Entrüstung über das Verhalten seines Kindes, die Carmela nicht zu teilen schien. Ihre grösste Sorge war, dass Sofia «nach Verbüssung ihrer Strafe» – er schauderte, als ihm der Ausdruck dafür wieder in den Sinn kam – womöglich den Beruf wechseln müsse, weil man sie vom Handel mit Wertpapieren lebenslänglich ausschliessen werde.
«... und das kann sie doch so gut!», war Carmelas Kommentar gewesen. Sie waren sich nie einig gewesen bezüglich der Berufswege ihrer Kinder. Er blieb immer skeptisch bis ablehnend gegenüber der Vorstellung, Sofia könnte einen Sinn sehen, sich wohl fühlen im Kerngeschäft des Kapitalismus, beim Handel. Umgekehrt hatte Carmela ihrem Sohn Bruno immer wieder die Kunst auszureden versucht. Härri rappelte sich ächzend hoch und suchte nach seinem Laptop. Er wollte nachschauen, was die englischen Begriffe bedeuteten, die Carmela erwähnt hatte und die er sich hatte aufschreiben müssen: «Front running» und «wash trade». Kaum hatte er zu lesen begonnen, merkte er, dass er den Sinn nicht aufnehmen konnte. Er klappte das Gerät deshalb wieder zu und beschloss, sich ordentlich aufs Bett vorzubereiten. Zu duschen und die Zähne zu putzen. Er musste sich an der Routine festhalten. Etwas war über ihn hereingebrochen.

3.3.24

Ästhetische Betrachtungen

Härri zwang sich, den ganzen Abend zu bleiben. Mit Helen, einer der jüngsten Kolleginnen, Schreinerin und Werkstattleiterin, konnte er offen und ungezwungen über seine Lage sprechen. Sie versuchte nicht, ihre Neugier zu verbergen und schien frei zu sein von Vorurteilen gegenüber den Beteiligten. Schon gar nicht hatte sie Mitleid mit ihm. Eigentlich sah sie es wie er: Es war ein Fehler von ihm gewesen, sich auf das Treffen mit dem Journalisten einzulassen. Die Verwarnung sah sie als logische Folge an, wenn man es mit den Augen der Leitung ansehe. Moralisch verwerflich fand sie seine Übertretung nicht. Sie warnte ihn aber vor den Konsequenzen einer Entlassung «in seinem Alter». Einen kurzen Moment lang kränkte ihn die Bemerkung, dann aber musste er die abgeklärt pragmatische Sicht der jungen Frau bewundern, die als Handwerkerin Mitglied einer Gewerkschaft war, sich mit drei Teilzeit-Jobs durchschlug und prekären wirtschaftlichen Situationen nicht so naiv gegenüberstand wie er.
Es kam ihm sehr entgegen, dass sie nicht auf dem Thema herumritt, sondern sich schon bald interessiert den ausgestellten Arbeiten zuwandte und seine Meinung dazu hören wollte. Sie behauptete, sie könne von den meisten Werken nur die handwerkliche Qualität beurteilen, was aber nicht stimmte. Ihre Fragen betrafen mehrmals genau den Punkt, den er in einer Arbeit problematisch fand. Sie waren nicht einfach zu beantworten.
Am längsten beschäftigte sie die Installation einer Studentin, die er gemeinsam mit Ksenjia Novak betreut hatte. Es handelte sich um Zeichnungen auf pergamentähnlichem Papier, die mit groben Stichen zusammengenäht und auf ein primitiv zusammengefügtes Holzgestell gespannt waren. Helen erinnerte es an die Einrichtung zum Trocknen von Tierhäuten, wie sie von indigenen Nordamerikanern bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert verwendet worden war. Härri fand den Vergleich treffend, und es brachte ihm sogar das Werk etwas näher, mit dem er während dessen Entstehung nicht warm geworden war. Seine Aufgabe hatte darin bestanden, die Studentin bei den Zeichnungen zu beraten, die sie auf den Blättern zeigen wollte. Kern ihrer Idee war ein fast lebensgrosses Ganzkörper-Porträt, eine kauernde, nackte Figur, die man weder als Frau noch als Mann einordnen können sollte. Zudem wollte sie der Figur eine abwehrende Wirkung verleihen. Sie sollte klar und unmissverständlich signalisieren, mit ihrer Haltung und einer Geste, dass sie «nicht angefasst werden» wolle.
Härri gab Helen zu verstehen, dass sie sich etwas von der Installation weg in den Hintergrund bewegen müssten, da sich immer mehr Besucher der Ausstellung, darunter die Künstlerin, vor dem Werk einfanden, wo die dazugehörige Performance angekündigt war. Als sie etwas abseitsstanden, versuchte er Helen die Schwierigkeiten zu erklären, die er mit der Absicht, vor allem aber mit der Umsetzung der Studentin gehabt hatte. Das Hauptproblem war gewesen, dass hinter der künstlerischen Idee eine in der Realität erlebte Verletzung gestanden habe, die aber nicht explizit angesprochen, geschweige denn bearbeitet werden durfte. Um was es sich dabei gehandelt habe, blieb seiner und Ksenjias Spekulation überlassen. Für seine Kollegin ging es ganz klar um sexuellen Missbrauch im familiären Umfeld, was der Studentin in ihren Augen eine Art Aura verlieh. Härris Reflex wäre gewesen, die junge Frau zu einer guten Trauma-Therapeutin zu schicken und ihr davon abzuraten, künstlerisch mit dem Thema zu arbeiten, bevor sie etwas Distanz dazu gewonnen hätte. Bei Ksenjia biss er aber schon auf Granit, wenn er nur Andeutungen in diese Richtung machte. Also versuchte er, das Beste aus der Situation zu machen und die Studentin auf dem Weg zu wirkungsvollen Zeichnungen zu unterstützen. Aber schon das war alles andere als einfach, weil diese keinerlei Ambivalenz in der Wirkung der Figur zulassen wollte.
«Darum streckt sie uns jetzt die Hand zum Stoppzeichen entgegen», schloss Härri seine Erklärungen ab.
«Ja, komisch», antwortete Helen. «Es erinnert an eine Verkehrskadettin, die versucht, Autofahrer zum Anhalten zu bringen. Aber warum die nackt auf dem Boden kauert ...?»
Er bedeutete ihr, still zu sein, da die Studentin sich in der Zwischenzeit neben die Installation gestellt hatte. Sie hielt ein grosses Blatt Papier in der Hand und wartete darauf, dass die Zuschauer verstummten. Dann begann sie, eine Art Manifest vorzulesen.
«Die Leinwand ist dein Körper. Deine Haut, eine Projektionsfläche für die Schatten der eingeflößten Lektionen. Tristes Schauspiel. Irrtum? Veraltet? Und überhaupt, das Abbild des Körpers – immer eine Lüge? Eine durch Vorurteile der Gesellschaft verzerrte Fiktion, geformt von rassistischen, ableistischen, cisnormativen Dogmen. Sie formen deinen Körper von Anfang an und drücken ihn zu Boden, sorry to tell you. Dein Gender-Geschlecht ist nicht nur ein Produkt des freien Willens. Oops? Zeit, sich mit deiner Konditionierung auseinanderzusetzen – ja, eine mühsame Aufgabe, aber du musst ...»
Helen hatte sich leise nach vorne gearbeitet, Härri folgte ihr nicht. Aus der hinteren Reihe konnte er diskret beobachten, wie die Darbietung ankam. Er sah nur zustimmend nickende Köpfe und Augenpaare, die unverwandt auf die Rednerin gerichtet waren. Er zwang sich, seine Vorurteile – wogegen eigentlich? – zurückzudrängen und einfach zuzuhören. Man musste zugeben, dass sie es gut machte. Sie hatte eine tiefe, tragende Stimme und intonierte den Text gekonnt. Spielte mit der Dynamik von laut und leise, ohne dabei auf falsche Weise künstlich zu wirken. Ihre Wut erinnerte ihn an seine eigene, damals. Als sie geendet hatte, gab es eine sekundenlange Stille. Dann folgte begeisterter Applaus, durchsetzt mit anerkennenden Pfiffen und Jauchzern. Wie bei einem Rockkonzert.
Bevor er weiterzog, wollte sich Härri bei Helen verabschieden. Als er sah, dass sie sich mit der Studentin unterhielt, welche die Performance gezeigt hatte, winkte er ihr nur kurz zu und gab ihr mit Gesten zu verstehen, dass er den Rest der Ausstellung ansehen wolle. Sie löste sich von ihrer Gesprächspartnerin und kam zu ihm.
«Tschüss, gehst du weiter?», fragte sie. «Ist interessant, was sie mir gerade erzählt hat, ich muss dann noch weiterquatschen mit ihr. Kommst du mal mit auf den Rhein diesen Sommer, machen wir was ab?»
Helen hatte ihm schon im Frühling angeboten, zusammen mit dem Weidling aufs Wasser zu gehen, aber es war nie dazu gekommen. Er freute sich, dass sie die Einladung gerade jetzt wiederholte und sagte gerne zu.
Er wollte noch die Arbeiten der Studenten sehen, die sich mit Virtual Reality befasst und die Projekte bei Miles Kellner abgeschlossen hatten. Ihre Werke waren in der Halle des ehemaligen Kraftwerks der Spinnerei aufgebaut. Schon als er durch das grosse Tor eintrat, musste er feststellen, dass nicht daran zu denken war, an diesem Eröffnungsabend eine der Brillen zu bekommen. Er würde sich mit dem Anschauen von Projektionen auf Displays, mit schriftlichen Erklärungen und den Modellen begnügen müssen, die auf Tischen aufgestellt waren. Er wollte nicht schmollen deswegen und die Immersion, das Eintauchen in die Kunstwerke, auf später verschieben. Miles hatte ihn sofort entdeckt und bot ihm eine Führung durch seine Ausstellung an. Er freute sich sichtlich über Härris Interesse.
«Wir hatten dieses Jahr einen Studenten, der VR mit seiner Malerei verbinden wollte. Aber er hat leider nach ein paar Versuchen aufgegeben», erzählte er und führte den Kollegen zu einer Koje, in der die Arbeiten hingen. Es waren drei mittelgrosse Querformate auf Leinwand, surreal wirkende Landschaften mit allerlei Mobiliar. Ruinenartige Architekturteile, verkrüppelte Bäume, verloren herumstehende Menschengruppen. Die Bilder zeigten wenig Kontrast und wirkten neblig, müde. Erst als Härri nahe herantrat, sah er, dass es auf Leinwand ausgedruckte Screenshots einer VR-Umgebung waren, die der Student mit Ölfarbe überarbeitet hatte.
«Ich verstehe nicht, warum er die Bildsprache des Computers in seiner Malerei eins zu eins wiederholt. Vor allem diese fliessenden Farbübergänge überall. Es ist ja mit dem Pinsel eine mühsame Fleissarbeit, seine Malspuren so zu verschleiern und zu zerreiben. Umgekehrt macht es das Programm quasi aus Faulheit, weil es weniger Rechenleistung braucht als malerisch aufgeraute Übergänge wie sie natürliche, dreckige Oberflächen haben. Oder liege ich da falsch?»
«Nein, da hast du vollkommen recht!» Miles wurde ganz aufgedreht. «Wir sollte unbedingt mal etwas zusammen machen, in der nächsten Projektwoche oder so. Was meinst du? Hast du selber denn schon weitergemacht mit deinen Versuchen? Du hattest doch vor einem Jahr mal bei uns vorbeigeschaut und etwas ausprobiert ...»
Härri erklärte ihm, warum er wieder aufgehört hatte. Er war überfordert gewesen von den unendlich vielen Variationen, die einem das Computerprogramm simultan und direkt vergleichbar anbot. Auch die Umkehrbarkeit jedes einzelnen Schritts und jedes Entscheids im gestalterischen Prozess erlebte er nicht als Gewinn, sondern als Ärgernis. Sogar als Qual. Dazu kam, dass er sich beim Malen immer sehr viel bewegte, dagegen bei der Arbeit am Computer die Zeit vor dem Bildschirm sitzend vollkommen vergass, bis er vor lauter Nackenproblemen nicht mehr schlafen konnte. Und die Ästhetik der VR-Bilder, von der er gerade gesprochen habe, sei für ihn noch immer viel zu wenig komplex, zu plastic, obwohl ja die Hochschule nicht gerade die schwächsten Maschinen zur Verfügung stelle. Er habe bei den Bildern immer das Gefühl, als würden seine Blicke daran abprallen wie Pingpongbälle. Zu wenig könne man sich hineinbohren, sich verlieren. Es gebe keine aufregenden Brachflächen, keinen Dreck, weder Samt noch Kristall. Keine Flügeldecken von Käfern, menschliche Haut ... Härri hatte sich in Fahrt geredet und Miles hörte etwas verdattert zu. «Ok», sagte er schliesslich. «Lass uns die nächste Projektwoche zusammen machen, Lukas. Und dann gibt es Samt und Kristalle, ich versprech’s dir!»

THEA – Es ist noch immer eine verrückte Erfahrung für mich, die eigenen Bilder in einer Ausstellung zu sehen, obwohl ich es jetzt schon einige Male erlebt habe. In der Galerie, die auch Lukas’ Werke vertritt, oder in der Gruppenausstellung letztes Jahr in der Kunsthalle, was für mich eine Riesengeschichte war. Die Bilder, die nun hier hängen, hatte ich ja schon in den Präsentationen gezeigt. Zwar nicht alle, und einen Teil noch im Zustand ihrer Entstehung. Aber wenn sie dann hängen, sorgfältig ausgewählt und in Position gebracht, wenn sie mit den anderen Arbeiten zu sprechen beginnen – so empfinde ich das jedenfalls –, wenn dann das Publikum kommt und sie anschaut, darüber redet – hoffentlich! –, dann ist das sehr speziell für mich. An der Vernissage machte ich zuerst einen Bogen um meine Sachen, obwohl ich eigentlich am liebsten gleich dorthin gerannt wäre um zu sehen, wie sie sich machen. Ob sie ohne meine Hilfe auskommen und wirken. Aber das hätte dumm ausgesehen, wie wenn ich nach Anerkennung und Lob gelechzt hätte. Was definitiv der Fall war, aber man sollte das natürlich nicht sehen. Ach, es ist kompliziert. Man trägt noch immer so ein Bild des Künstlers in sich, des männlichen eben. Der als Genie sein autonomes Ding macht und scheisst auf den Geschmack, auf Vorlieben und Empfindlichkeiten der Betrachter. Erst recht auf die Ansichten der Kritiker. Aber so ist es eben nicht. Nicht nur. Ein Bild muss auch für andere irgendwie funktionieren, ich habe das immer wieder erlebt. Wenn ich die Einzige war, die es gut fand, war immer etwas faul. Dann war es irgendwo im Zwischenreich hängengeblieben, zwischen «zu unfertig» und «overcooked», wie die Amerikaner sagen. Dass es mir gefiel, war dann so etwas wie Trotz. Oder Solidarität mit einem Patienten, dessen elenden Zustand ich nicht sehen wollte. Von den Bildern, die jetzt hier hängen, habe ich mich gelöst. Oder sie haben sich von mir emanzipiert. Wenn ich sie mir ansehe, empfinde ich nicht mehr diese Unruhe und Unsicherheit, als müsste ich sie gleich abhängen und im Atelier in Sicherheit bringen, um an ihnen weiterzuarbeiten. Sie sind geworden wie sie sind. So stelle ich mir die Sicht von Eltern auf ihre erwachsenen Kinder vor. Nicht alles an ihnen passt einem, manches ist ein bisschen fremd, vielleicht. Aber alles in allem sind sie in Ordnung. Sie haben ihr Eigenleben und gehören doch zu einem. Dass nun der Kanton eines kauft und ich einen Preis bekomme, ist natürlich schön. Ich weiss, dass da immer eine Portion Glück mit im Spiel ist, aber man nimmt das halt gerne mit als Bestätigung, dass man nicht völlig falsch liegt.
Ich bin Härri unendlich dankbar für seine Geduld. Und für seinen Dickschädel, mit dem er an der Qualität festhält. An genauer Wahrnehmung. Und an der Kraft der Malerei. Ihrer Gültigkeit. Ich hoffe, dass nichts dran ist an dem Gerede, dass sie ihn entlassen wollen. Das wäre schlimm für die Malerei am Institut. Ich weiss nicht, was dahintersteckt, und ob es überhaupt wahr ist. Er will anscheinend nicht darüber reden, also halte ich mich auch zurück.
Ich hatte immer wieder Zweifel, ob ich mit meiner Arbeit nicht «old-fashioned» bin, gerade auch jetzt in dieser Ausstellung, wo so viele meiner Kolleginnen Performances gezeigt haben, oder Videoarbeiten, Computerspiele, Installationen und so weiter. Aber Härri sagt immer, Malerei sei nicht altmodisch. Oder wenn schon, dann sei im Kunstsystem alles altmodisch, sobald man es ein, zwei Jahre gesehen habe. Die Malerei sei noch immer ein ausreichend komplexes, reiches Medium, um sich künstlerisch «abzuarbeiten». Das ist so ein Ausdruck von ihm, den hat er von Fässler, aus Hamburg mitgebracht. Härri sagt, in Deutschland malten sie noch immer – oder wieder – wie die Verrückten. Und auch in den USA, würde ich sagen. Dort gibt es ein paar Malerinnen, die für mich so etwas wie Vorbilder geworden sind. Ich würde gerne eine Zeit lang in den USA malen. Aber jetzt muss man zuerst schauen, wie dort die Wahl ausgeht.

TURETTI – Lukas wollte mich an das Opening der grossen Ausstellung mitnehmen, die die Künstler immer zum Abschluss machen, in der Spinnerei. Eigentlich wäre ich gerne hingegangen, und er hat gesagt, da seien so viele Durchgeknallte beisammen, dass ich mit meinen Ticks nicht gross auffalle. Aber ich hab’s dann doch nicht gepackt und habe ihm abgesagt. Es ist in letzter Zeit ein bisschen besser geworden bei mir und ich wollte keinen Backlash riskieren bei so vielen Leuten. Es war eine gute Entscheidung, denke ich. Wir haben dann an einem der nächsten Abende abgemacht, das war genauso cool wie die «Vernissage», wie sie dem sagen. Härri hat mir das Wort erklärt. Hatte ich auch schon gehört, klar, aber nie recht gewusst, was es bedeutet. Aber er macht ja gerne den Lehrer. Es kommt vom französischen Wort für den Lack, den sie früher auf die Bilder geschmiert haben, damit sie schön glänzen. Das hat man kurz vor der Ausstellung gemacht, weil die Künstler ja ihre Bilder immer erst in der letzten Minute fertigkriegten. Und dann haben sie gefeiert mit Weisswein, mitten im Dampf der frisch lackierten Bilder. Na ja, jedem das Seine. An dem Abend, als ich mit ihm in die Ausstellung ging, war aber auch Party, einfach nur von den Studenten. Und draussen. Da bin ich dann auch noch ein wenig abgestürzt, nachdem Härri gegangen war. Aber eins nach dem anderen, wie er immer sagt. Ich muss zugeben: die Show hat mir gut gefallen. Also nicht alles, und meistens genau das, was Härri nicht so gut fand. Am wichtigsten war ihm, dass ich die Bilder seiner Lieblingsschülerin anschaue, Thea heisst die, glaub’ ich. Da wollte er gar nicht mehr weg. Ich kann Bilder nicht so lange anschauen, aber er hat immer wieder auf irgendein kleines Dingsbums gezeigt und einen Vortrag dazu angefangen. Ich fand die Bilder dieser Thea nicht schlecht, das ist es nicht. Es war für mich einfach zu schnell klar, dass sie von einer Frau gemalt sind. Er war ganz erstaunt, als ich das sagte, und wollte wissen warum. Ich konnte es nicht so genau sagen. Vielleicht die Storys? Oder die Farben? Es sind halt fast auf jedem Bild Frauen drauf. Gut, das heisst ja nichts. Die männlichen Maler haben auch Frauen gemalt, aber die mussten sich dann ausziehen. Oder sonstwie sexy dreinschauen. Bei ihr gab es auch Nackte, aber auf mich wirkten die nicht sexy, sondern eher so, dass man als Mann die Finger davonlässt. Aggressiv und aufgedreht. Frauen, die ohne Typen auskommen. Härri wollte mir unbedingt ein Spiel zeigen, dass ein Student mit den IT-Leuten des Instituts gemacht hat. Fand ich aber nicht so ... Gut, ich bin verwöhnt von den Games wie «Wu-kong – The Myth», da stecken die Chinesen Jahre von Entwicklung rein, und kosten darf es, soviel es braucht. Aber auch wenn man das fast ganz alleine macht, und halt mit den Maschinen, die da sind, eine Story braucht’s schon, finde ich, damit ein Spiel flasht. Oder ein Challenge, irgendwas Kniffliges, was du unbedingt hinkriegen willst, und mit Übung immer besser wirst. Sowas in der Art. Super fand ich so Tech-Dinger, die waren an die Wand geschraubt. Sah aus wie im Spital in der Abkratz-Station. Drei oder vier davon. Von einer Frau, glaub’ ich. Schwer zu beschreiben. Sahen aus wie kleine Labors für Frankenstein-Experimente. Eingeweide, Knochen und so Zeug, verbunden durch blaue und rote Plastikschläuche. Das war nicht gross, aber wenn man sich davorstellte und hineinguckte, wirkte das riesig. Das hat sie echt gut hinbekommen, diesen Effekt, weil die Innereien aufgehängt waren in einer gebogenen Spiegelfolie. Hat sich darin alles verdoppelt. Und, klar, auch verzerrt. Du konntest nicht sehen, wo das Richtige aufhört und das Gespiegelte anfängt. Hat einen so hineingesogen, viel mehr als das Computerspiel. Fand ich echt gut. «Installation» nennen sie sowas. Saudummes Wort eigentlich, aber hier hat’s gepasst, weil das so was Klempnerhaftes hatte, mit den Schläuchen und all dem.
Härri wollte nicht bleiben bei der Spontiparty der Studenten. Fand ich schon mal irgendwie komisch, muss ich sagen. Er sei müde. Behauptete er jedenfalls. Gut, es war schon wieder so stickig, Gewitter angesagt. Aber sonst ist er eigentlich immer zu haben für ein spätes Bierchen. Jedenfalls bin ich dann geblieben, irgendwie aus Trotz oder so. Obwohl ich da niemanden kannte. Die Künstler-Jungs und -Mädels waren aber sehr chillig drauf. Schnell im Checken, was mein Tourette betraf. Und auch, dass ich nicht zur Künstlergang dazugehöre, hatten die sofort raus. Haben mich natürlich gefragt, warum ich gekommen sei. Und als ich von Härri erzählt habe, und dass ich den schon eine Weile kenne, wurden sie komisch. Habe ich gedacht: Scheisse, Mann! Ist der vielleicht gar nicht so der beliebte Lehrer, wie ich gemeint habe. War aber nicht so. Zwei oder drei von denen hatten bei ihm ihr Diplom gemacht, und die fanden ihn alle super. Aber es gehe so ein Gerücht um, Härri habe ein Problem mit der Leitung. Dass sie ihn rausschmeissen wollten. Ja, Alter! Warum sagt er mir nichts davon, ey? Von mir weiss er alles! Aber alles! Ich werde ihn hart anmotzen deswegen. Geht gar nicht, find’ ich.