Das allsommerliche, von grossen Menschenmassen vollzogene Schwimmen im Rhein war eine Besonderheit der Stadt. Während man noch vor knapp zwei Generationen die Nase gerümpft hätte bei der Vorstellung, sich den Fluten des völlig verschmutzten Flusses anzuvertrauen, war dies nun dank vielfältiger Massnahmen zur Säuberung des Abwassers sowie der so genannten Renaturierung von Uferzonen zu einer Art Volkssport geworden. Menschen aus der ganzen Region wurden davon angezogen. Mit Schwimmsäcken für den Transport von Kleidung und Wertsachen ausgerüstet pilgerten die Badenden auf den Uferwegen rheinaufwärts zu den geeigneten Einstiegplätzen, wo sie sich auf den Treppenstufen zwischen Uferweg und Kiesstrand geduldig in die Schlangen einreihten, dann im knietiefen Wasser angekommen einen Moment zögerten, in die Kühle einzutauchen, bis sie sich von den hinter ihnen Wartenden durch Zurufe zum Sprung ins Nass animieren liessen. Die ungenierte Zurschaustellung der Körper in Badekleidung wurde am rechtsrheinischen Ufer stillschweigend geduldet. Dort waren auch die Beschaffenheit der Uferbänke sowie die Strömungsverhältnisse besser zum Schwimmen geeignet als auf der Gegenseite, wo nur die wenigen Unerschrockenen anzutreffen waren, die sich auch im Winter in den Fluss wagten. So kam es, dass an warmen Tagen, vor allem am Wochenende, ein nicht enden wollender Strom von Menschenkörpern vor Härris Haus vorbeizog und dabei eine vielstimmige Wolke aus Geplauder und Gelächter über die Umgebung breitete.
Mit der Kunstmesse war es noch wärmer geworden, und der Semesterunterricht in seiner Hochschule hatte aufgehört. Es begann die Zeit der Vorbereitung auf die Kolloquien und Schlussprüfungen der Module, und damit eine Phase der Beschränkung von Härris Aufgaben auf die intensive Begleitung weniger Studierender, auf die er sich immer freute. Er hoffte, in den kommenden Wochen vermehrt zum Zeichnen zu kommen und hatte dafür seinen Tisch aufgeräumt. Da sich das Haus an solchen Tagen stark aufheizte, waren die Läden geschlossen und er hantierte im Halbdunklen. Obwohl er nichts anhatte als ein paar alte Shorts, spürte er, wie sich der Schweiss in seinem Rücken sammelte. Er überlegte, ob er nochmals kühl duschen sollte, als es an der Türe klopfte. Er meinte, es sei Turetti, der ihn zum Schwimmen überreden wolle und bereitete sich auf dem Weg durch den Flur darauf vor, ihm eine Absage zu erteilen. Doch hinter dem geriffelten Glas der Tür sah er die Silhouette einer Frau. Für einen Moment überlegte er, ob er nochmals ins Zimmer zurückgehen und sich ein T-Shirt holen sollte, doch nun war er schon hier und öffnete. Vor ihm stand, in einem dunkelblauen Badekleid, Da-ra Baek.
Was folgte?
Wie man es auch anstellte: man konnte das heftige, ja, gewalttätige Begehren dieser Besucherin nicht vorbehaltlos und ausschliesslich auf sich beziehen, auch wenn es zur zweifellos aufregendsten sexuellen Begegnung geführt hatte, an die man sich erinnern konnte. Die Vorgeschichte, die Umstände, das turbulente Ereignis der körperlichen Vereinigung, und vor allem ihr Verhalten und ihre Äusserungen danach weckten Zweifel, ob man überhaupt gemeint gewesen war.
Härri, wieder allein, blieb lange unter der Dusche. ‘Der Kater leckt seine Wunden’ – er wusste nicht, woher dieser Satz kam, der in seinem Kopf drehte. Er stellte sich vor den Spiegel und wischte mit dem Handballen einen Bogen in den Film aus Kondenswasser. Erst jetzt, wo er sie sah, begann ihn die Bissmarke an seiner Schulter zu schmerzen. Sie blutete kaum. Er vermied es, sich in die Augen zu schauen und wandte sich ab.
Er war so verblüfft gewesen, sie vor sich stehen zu sehen, noch dazu in diesem Aufzug, dass er keinen Ton herausbrachte. Sie war überraschend klein ohne die gewohnten Plateausohlen. Ihr Körper zeichnete sich ab unter dem noch feuchten Kunstfaserstoff des Badkleids. Kleine, flache Brüste, Rundungen an Hüfte und Bauch, unter dem sogar die Behaarung zu erahnen war. Endlich wollte er sie fragen:
«Was ...?»
Aber sie hielt ihm den Zeigefinger vor den Mund und sah ihn durchdringend an: schwarze Halbmonde, darüber die scharf geschnittenen Lidfalte, darüber dunkelbuschige Brauen, zuoberst die silberweiss gefärbte Haare. Sie roch nach Sonnencrème, darunter, ganz schwach, nach Rheinwasser.
Das war nicht die normale Da-ra, etwas war in sie gefahren. Ihre Hände und Lippen waren plötzlich überall, sie zog ihn energisch hinüber zum alten Sofa, dabei zerriss sie das Gummiband seiner Hose, die ihn stolpern und hinfallen liess. Sofort war sie über ihm, es schien sie nicht zu kümmern, dass sich seine Erregung erst später ins Geschehen einmischte. Er konnte sich erinnern, dass ihm einmal das Wort «unangemessen» in den Sinn kam, – er hörte es geschrien in seiner Punk-Stimme – und ihn dieser Ausdruck aufgeilte. Da-ra suchte Druck in jeder Berührung, sie bremste ihn in seinen Bewegungen und wollte pressen und gepresst werden. Er verlor das Gefühl für die verstreichende Zeit, und sie bestätigte später, als es vorüber war, dass es ihr gleich gegangen sei. Sonst hatte er kaum die Möglichkeit, etwas zu sagen. Sie redete.
Sie war schon einmal hier, bei seinem Haus gewesen, gegen Ende des letzten Winters. Aurelia hatte ihr verraten, wo Härri wohnte, er war aber nicht zuhause. Es war neblig gewesen, fast windstill, und das Wasser wärmer als die Luft. Und so stiegen überall kleine Dampfsäulen aus dem Rhein, wie Wattebäusche habe es ausgesehen. Bada yeongi nenne man das in Korea, «Meeresrauch». Da sei es über sie gekommen. Sie hatte das schon einmal gesehen, in ihrer Jugend, an einem See in Korea. Auch sein Haus erinnerte sie in Form und Grösse, vor allem aber durch seine Verbindung zum Wasser an die Fischerhäuser damals, die auf Stelzen standen, manche auch im Uferwasser schwammen. Als er fragte, ob sie als Mädchen dort in den Ferien gewesen sei, wollte sie nichts mehr dazu sagen. Stattdessen fragte sie ihn, ob er die Filme von Kim Ki-duk kenne.
Sie begann zu frösteln, also schickte er sie in die Dusche, holte den Schwimmsack mit ihren Kleidern aus dem Eingang und setzte einen Tee auf. Als er die Läden aufklappte, sah er, dass die Sonne tief stand, aber er unterliess es, auf die Uhr zu schauen.
Wieder angezogen, war sie zurückverwandelt in die Da-ra Baeck, die er kannte. Er beantwortete ihre Frage nach den Filmen. Er hatte nur einen gesehen, und davon war ihm vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben, nur ein Bild eigentlich. Ein junger Mönch, der sich einen Mühlstein mit einem Seil an den Hüften befestigt hatte und diesen übers Eis zog. Sein Oberkörper war nackt, und als ob der Mühlstein nicht genug wäre, schleppte er eine bronzene Statue mit sich. Die Stoffschuhe an seinen Füssen liessen ihn immer wieder ausrutschen und hinfallen. Da-ra schien ihm nicht zuzuhören. Sie war schon weiter.
«Das bleibt besser unter uns.», sagt sie in sachlichem Ton und schaute ihn fragend an. Härri nickt nur. Etwas anderes wäre ihm auch nie in den Sinn gekommen. Und es würde wohl bei diesem einen Mal bleiben, dachte er, schon ein wenig bedauernd.
Als es zu dämmern begann und nur noch vereinzelte Menschen den Uferweg entlangspazierten, holte sich Härri eine Bierdose aus dem Kühlschrank, dazu seinen Laptop, und setzte sich draussen auf die Bank, von der aus er auf den Rhein schauen konnte. Die Hauswand in seinem Rücken gab die Hitze des Tages ab und wärmte ihn. Als er die kalte Dose an seine Lippen drückte, merkte er, dass er noch immer ihren Geschmack im Mund hatte. Er nahm mehrere grosse Schlucke ohne zu atmen.
Schon mehrmals hatte er das Internet nach Informationen über Da-ra Baek abgesucht. Erst wenige ihrer Werke hatte er mit eigenen Augen gesehen. Ein Ensemble komplexer Turm-Skulpturen mit Lichtern im Arsenale von Venedig, ein riesiges, silbern glänzendes, aufblasbares Flugzeug und eine laborartige Sciencefiction-Installation in der South Bank von London. Er gab ihren Namen ein, dazu den Filter «Bilder», und erschrak, als sie ihn aus mehreren Porträts anschaute. Wer war sie? Was suchte sie?
Unter den vielen Bildern, die ihren Erfolg als international gefeierte Künstlerin zur Schau stellten gab es ein paar wenige aus ihren Anfängen als Performerin. Verwackelte, unscharfe Stills aus improvisierten Videos: Da-ra Baek in einem monströsen Kostüm, in den Farben von blutigem Fleisch. Unzählige Gliedmassen und Tentakel aus ausgestopftem Stoff hängen an ihr herunter, ihre Arme bewegen die zwei längsten von innen. Sie tanzt oder schreitet durch die Strassen von Seoul, ein anderes Mal von Tokyo, begleitet von den Blicken verständnislos dreinschauender Geschäftsleute, Touristen, Polizeibeamter. Härri konnte sich die Rührung nicht erklären, die ihn ergriff beim Anblick ihrer offenen, schwarzen Haare und der roten Schuhe, die sie zum Kostüm passend ausgesucht hatte. «Sorry I’m suffering» nannte sie die Vorführung, die sie an zwölf aufeinander folgenden Tagen auf sich nahm. Der Mönch aus Kim Ki-duks Film kam ihm wieder in den Sinn, der Mühlstein, die viel zu schwere Statue, das Hinfallen auf dem Eis. Selbst gemachtes Leiden. War es das? Sich selbst Leiden auferlegen, um zu verstehen? Um sich auf den Weg der vier edlen Wahrheiten des Buddhismus zu machen, die da sind erstens: die edle Wahrheit über das Leiden. Zweitens: die edle Wahrheit über die Ursache des Leidens, nämlich den Durst, das Begehren nach den Sinneslüsten, dem Dasein und der Selbstzerstörung? Um dann zur Erkenntnis der dritten und vierten Wahrheit zu gelangen, dass das Leiden beendet werden kann und welche Übungen dazu auszuführen sind? Es durchfuhr in wie ein Blitz, und hastig tippte er seinen Namen in das Fenster der Suchmaschine, verlangte nach «Bildern». Und plötzlich war er sicher, dass auch sie ihn im Netz gesucht hatte. Dass sie auf das verschwommene und verwackelte Video gestossen war, das seinen Auftritt in einem schmuddeligen Club in der deutschen Provinz zeigte.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen