16.2.24

Ceasefire

DA-RA BAEK – Als ich hier anfing, hat mich Härri sehr freundlich und kompetent eingeführt, indem er mir die Abläufe erklärte, mich mit allen MitarbeiterInnen bekannt machte und mir die Gebäude und die Infrastruktur im Detail erklärte. Er wusste auch gut Bescheid über die politische Landschaft, über Hochschulpolitik genauso wie über diejenige von Stadt, Kanton und Bund. Er erklärte mir die komplizierten Beziehungen zwischen den Institutionen und der Öffentlichkeit. Wie es sich gehört, hatte ich mich über meine zukünftigen MitarbeiterInnen im Netz erkundigt. Über Härri war einiges zu finden. Interviews, Ausstellungsbesprechungen, Galerien, mit denen er zusammengearbeitet hat. Allerdings gibt es aus den letzten zwei, drei Jahren kaum mehr Einträge. Eher zufällig stiess ich auf ein altes Video, das ihn bei einem Auftritt mit einer damals berühmtberüchtigten Undergroundband zeigt. Ich habe es mehrmals angeschaut, weil ich eine Verwandtschaft gesehen habe zu dem, was ich mir einst auf den Strassen von Seoul zugemutet hatte. Eine Aufgabe, die man für sich erfand, um erfahrenen Schmerz umzudeuten.
Mein Überfall auf Lukas war sicher ein Fehler, wenn man es mit dem so genannten gesunden Menschenverstand betrachtet. Erst recht aus der Sicht der Führungsseminare, die ich schon besucht habe. Dort wurden erotische Beziehungen zwischen Vorgesetzten und MitarbeiterInnen als problematisch wenn nicht gar unprofessionell (was als das Schlimmste galt!) angesehen. Aber das ist eine stark verkürzte Sicht auf das Leben, die letztlich nur den Zweck hat, Komplikationen zu vermeiden und den Apparat gut geschmiert am Laufen zu halten. Arbeitsrechtlich verboten sind solche Beziehungen nicht. Warum habe ich das getan? Weshalb dieser Übergriff? (Denn das war es. Allerdings ist mir Lukas physisch klar überlegen und ich habe ihn weder mit einer Waffe bedroht noch gefesselt. Er war zuerst verblüfft, ja, erschrocken vielleicht, aber er musste in der Folge keine Angst haben. Er wurde weder verletzt noch wurden seine Körpergrenzen missachtet. Ein Abbruch war ihm jederzeit möglich.) Ich habe ihm gegenüber angedeutet, dass seine Behausung am Fluss etwas mit mir gemacht habe. Eine Erinnerung wurde reaktiviert, an eine Erfahrung der Ohnmacht, deren Auflösung ich noch immer suche. Vielleicht kann ich es ihm irgendwann erklären, später. Auch die Verbindung, die ich zwischen unseren frühen Performances sehe. Die Verwandlung von Schmerz in Schmerzlust. Ob er das verstehen wird? Er wird es vielleicht als feministisches Konzept sehen, und ich weiss noch nicht, wie er zum Feminismus steht. So, wie ich ihn einschätze, ist er sicher skeptisch. Ein Macho da und dort. Ein attraktiver Mann auf jeden Fall. Charmeur, wenn er will. Ich mag seinen Humor. Ob der Vorfall negative Konsequenzen auf unsere Zusammenarbeit haben wird? Ich hoffe nicht. Die Transformation des Instituts ist auch so eine Gratwanderung. Aber ich traue Lukas zu, dass er das trennen kann und kooperativ bleiben wird. Und sonst kommt es eben so, wie es kommen muss. Bereuen werde ich mein Verhalten nicht.

Just in der Nacht auf den letzten Unterrichtstag am fünfzehnten Juni fiel es einer Gruppe von Studenten noch ein, ein riesiges Transparent an der Fassade des alten Akademiegebäudes anzubringen. Der schwarze Schriftzug auf dem Leintuch war weithin lesbar:
CEASEFIRE NOW
Was mit feinerer Schrift obendrüber geschrieben stand, ebenfalls auf englisch, schmerzte die Leitungspersonen von Hochschule und einzelnen Instituten, aber auch einige Dozenten und Assistenten viel mehr:
You teach us critical thinking, but then censor the outcome?
Härri wusste zuerst einmal nicht, worauf sich diese in eine rhetorische Frage gepackte Kritik bezog. Von dem Plakat hatte er schon am frühen Morgen von Noa erfahren, der auf dem Weg zur Berufsschule bei ihm vorbeigeschaut und aufgeregt von der Neuigkeit berichtet hatte. Er fand die Initiative der Studenten «mega». Wie er so früh davon unterrichtet sein konnte, blieb sein Geheimnis. Als Härri in der Akademie ankam – er war eingeteilt als Aufsicht und Begleiter in einer der Modulschlussprüfungen – realisierte er das Ausmass der Unruhe, die der Vorfall im Haus auslöste. Die Hochschuldirektorin hatte kurzfristig über Mittag einen Informationsanlass in der Aula angeordnet, zu dem die Institutsleitungen zusammen mit ihren Vorständen zu erscheinen hatten.
Immerhin gab es Sandwiches und Mineralwasser, worüber besonders die froh waren, die noch den ganzen Nachmittag und bis in den Abend hinein mit Prüfungen beschäftigt sein würden. Die Direktorin war gut vorbereitet, informierte kurz und knapp und gab abschliessend verbindliche Weisungen heraus.
Die Studentengruppe hatte zuerst vorgehabt, ein Plakat in der Eingangshalle aufzuhängen, wozu sie die Bewilligung sogar eingeholt und erhalten hatten. Als die Direktorin jedoch das bereits fertige Plakat sah, musste sie die Erlaubnis wieder zurückziehen, weil die Studenten die umstrittene, in der Zwischenzeit aber völlig unmöglich gewordene Losung «From the River to the Sea» auf die zusammengenähten Leinwände geschrieben hatten.
Als nun unter den anwesenden Vertretern der Studenten ebenso wie vonseiten junger Assisiteninnen Gemurmel und Gemurre entstand, wurde die Direktorin deutlich.
«Ich bin nicht bereit, die unterschiedlichen Verwendungen und Bedeutungen des Slogans in diesem Zusammenhang zu diskutieren. Man kann in dieser Diskussion nur verlieren. Und ich habe mich um die Wirkung zu kümmern, die das Anbringen eines solchen Plakats in unserem Gebäude hätte. Wir könnten nämlich weder unsere Prüfungen noch unsere Schlussausstellung in Ruhe durchführen, weil wir Presseleute und Lokalpolitiker im Haus hätten, die uns dann in den Medien durch den Kakao ziehen würden.»
Es gelang ihr schliesslich, die Zwischenrufe zu unterbinden und die Geschichte zu Ende zu berichten. Man habe sich schliesslich mit der Gruppe der Studierenden auf den Slogan «CEASEFIRE NOW» geeinigt, der unverfänglicher sei und sich sogar auf beide aktuelle Kriege beziehen liesse. Leider sei nun aber das Plakat in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aussen an der Fassade zur Stadt hin angebracht worden, womit die Abmachung klar unterlaufen sei. Aber sie fände es klüger, das Ding jetzt ein paar Tage hängen zu lassen. Mit dem Vorwurf der Zensur könne sie leben. Unterricht fände ja keiner mehr statt und damit seien auch nur noch die Studenten im Haus, die Prüfungen zu absolvieren hätten. So könne man das Plakat bald durch den Hausdienst entfernen lassen, ohne dass es zu Widerstandsaktionen komme.
Wieder gab es laut geäusserte Einwände und Fragen. Die Direktorin ging aber nicht mehr darauf ein, sondern gab folgende Anweisung:
«Es kann sein, dass Journalisten oder Politiker auftauchen, die Auskünfte erfragen und die Geschichte ausschlachten wollen. Ich fordere Sie alle dringend auf, keine Informationen irgendwelcher Art zu dem Vorfall nach aussen abzugeben, sondern die Personen allenfalls an mich zu verweisen. Ausserdem unterlassen Sie bitte jeglichen Kommentar dazu in den sozialen Medien. Solche werden die StudentInnen ohnehin anbringen, aber von den Mitarbeitenden will ich sowas nirgendwo sehen. Ich erinnere Sie daran, dass diese Zurückhaltung im Interesse aller ist, die einen geordneten und ruhigen Abschluss des Jahres erleben möchten. Bitte geben Sie diese Weisung mündlich an ihre KollegInnen weiter. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und Ihre Geduld und wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen bei Ihren Aufgaben.»
Als die versammelten Menschen nun aufstanden und sich auf den Weg zu ihren Arbeitsorten machten, wurde es laut. Rings um Härri diskutierte man heftig über die vermuteten Anliegen der Studenten, über Bedeutung und Wirkung der politischen Slogans und über Mut oder Hasenfüssigkeit der Leitung. Er näherte sich Da-ra Baeck von hinten, die alleine und ziemlich eilig in die Richtung ihres Büros durch den Korridor schritt.
«Da-ra!», rief er, und als sie anhielt und sich zu ihm umdrehte, merkte er, dass er gar nicht wusste, was er hier, unter diesen Umständen von ihr wollte. Also fragte er sie, was ihm zuerst in den Sinn kam.
«Waren da auch unsere beteiligt? Weisst du etwas?»
Sie sah ihn mit leicht schräg gestelltem Kopf an. Sie durchschaute ihn, das war ihm klar.
«Spielt das eine Rolle?», fragte sie. «Wir sollten uns jetzt auf die Prüfungen konzentrieren und dann auf die Ausstellung. Das gut machen, was wir können, nicht?»
Und dann, als er nichts sagte: «Läuft es gut bei euch bisher?»
Er antwortete nicht auf die Frage, sondern gab sich einen Ruck.
«Wir sollten dann schon mal reden ...» Er sagte es leise und spürte dabei, wie seine Arme an den Schultern hingen. Da-ra trat überraschend einen Schritt auf ihn zu und für einen Moment bildete er sich ein, ihre Gesichtszüge würden weicher.
«Das werden wir, Lukas. Aber nicht jetzt. Jetzt gehen wir zu unseren Studentinnen und holen sie aus ihrer Komfortzone.»
Sie benützte seinen Ausdruck und brachte ihn damit zum Lachen.

Er hatte jetzt keine Lust, mit dem Lift zu fahren, aber als er im Dachgeschoss ankam, war er erstaunt, wie sehr er atmen musste. Im Zwiespalt darüber, ob er sich über Da-ras Antwort freuen oder ärgern sollte, war er die Treppen beinahe hochgerannt. Und als er nun einen Moment innehielt um sich zu erholen, sah er vor dem Fenster eine Ecke des Transparents. Ceasefire. Eine Feuerpause ohne vertragliche Festlegung. War dies der Zustand, der zwischen ihm und Da-ra nun offenbar herrschte? Sie waren nicht im Krieg gegeneinander, aber der Gedanke an ein nur vorübergehend gebändigtes Feuer war nicht ganz abwegig.
Vor dem Atelier, in dem seine Prüfung stattfand, sah er, dass es vom Plakat draussen an der Fassade auch eine auf Papier gedruckte Fassung gab. Sie hing gleich dreifach, sowohl an der Tür als auch links und rechts davon an der Wand. Die anwesenden Studenten und Studentinnen schien es nicht zu kümmern. Sie sassen auf den Heizungsradiatoren im Gang und assen ihre Salate aus Plastikboxen. Nur eine stand bei der Tür und war damit beschäftigt, ein weiteres Poster mit Klebeband anzuheften. Da es sich immer wieder zusammenrollte und sie zu wenig Hände hatte, um es zu bändigen, half ihr Härri dabei. Als es endlich gerade angeklebt war, sah er, dass er es vom letzten Tag der Offenen Tür her kannte. Es war das Awareness Concept einer kleinen Gruppe junger Menschen, die sich dieses Themas angenommen hatten. Er blieb davor stehen und las halblaut:
«Wir leben in einer mehrheitlich weissen, heteronormativen Gesellschaft und kein sozialer Raum ist frei von gesellschaftlichen Machtverhältnissen.»
Er wandte sich der Studentin zu, die das Plakat mitgebracht hatte und noch immer neben ihm stand.
«Stimmt. Es ist sicher gut, wenn wir uns dieser Machtverhältnisse bewusst sind, gerade während den Prüfungen. Ich hoffe nicht, dass ihr irgendeine unserer Interventionen und Urteile als Übergriff erleben werdet.»
Sie nahm freundlich zur Kenntnis, was er sagte, und so gingen sie beide hinein um den andern beim Umstellen von Stühlen und Bänken zu helfen. Es musste Platz geschaffen werden für eine Installation, die in Kürze präsentiert und beurteilt werden sollte. Dafür waren auch Aurelia sowie der Bildhauer Paul Segesser da. Die Plakatkleberin war, wie Härri jetzt feststellte, als Vertreterin der Studentinnen Mitglied ihrer Jury. Er selbst war in dieser Prüfung zugezogener Experte und kannte deshalb weder sie noch die Studentin, die ihre Arbeit verteidigen musste, aus seinem Unterricht oder einem Mentorat. Immerhin hatte er sich ihre Namen gemerkt.
Zeynep hiess die junge Frau, die geprüft wurde. Sie trug ein Kopftuch, eine rote Bluse, die nach Härris Empfinden zu weit offenstand, und schwarze Hosen aus Kunstfaser mit Bügelfalten. Man umstand das textile Objekt, das sie in fleissiger Handarbeit gefertigt hatte. Es bestand aus einer etwa vier Meter langen, an beiden Enden spitz zulaufende Wurst aus weissem Baumwollstoff, darauf aufgenäht fingerlange Dornen, aus dem gleichen Material und ebenso gestopft. Der stachelige Wurm war in der Mitte verknotet und die beiden Enden anschliessend miteinander verdreht worden. Eigentlich fand Harry das am Boden liegende Objekt recht schön. Nicht sehr originell, aber ästhetisch ansprechend, wenn man berücksichtigte, dass das Material später durch etwas Glänzendes, grell Rotes ersetzt werden sollte, von dem die Studentin eine Probe mitgebracht hatte.
«Ich wollte mit dem Knoten und dieser Verdrehung – wie ein Zopf – einen Teppichklopfer nachbilden. Ich habe dann von Hand die Stacheln angenäht, damit das so bedrohlich aussieht. Aggressiv irgendwie ...»
Härri litt. Manchmal wäre es besser, man sagte als Künstler nichts zu seinem Werk, dachte er. Jetzt bekam er den Teppichklopfer nicht mehr aus seinem Kopf, der ihn an überforderte Eltern und heulende Kinder denken liess, oder an frustrierte Hausfrauen auf der Schwäbischen Alb, die im Garten hinter dem Haus die Wut über ihr Schicksal an Orientteppich-Imitationen ausliessen. Er wollte die Situation retten, die Banalität wieder wegjagen mit einer Assoziation, die ihm überlegen schien.
«Das Ding erinnert mich an die Dornenkrone», sagte er und ging davon aus, dass sein Angebot dankbar aufgenommen würde. Aber Zeynep sah ihn nur mit gerunzelter Stirn an und schien nicht zu verstehen. Und Aurelia seufzte hörbar und sah ihn fast schon zornig an. Er verstand. Wie konnte er nur, schien sie zu denken. Einer Studentin, von der er wissen musste, dass sie eine Muslima war, dieses Motiv aus der christlichen Ikonografie zur Verortung ihres Werks anbieten? Er liess sich nicht beirren. Zur näheren Erläuterung seiner Assoziation wollte er mit einem grossen Schritt über das Objekt auf die andere Seite gelangen, wurde dabei aber von der jungen Frau mit überraschender Heftigkeit am Ärmel gepackt und zurückgerissen.
«Nicht darübersteigen!», rief sie laut, und ihre Stimme war auf einmal klar und bestimmt.
«Ich habe beim Prozess für dieses Objekt Regeln aufgestellt. Daran habe ich mich immer gehalten. Die Zahl der Stacheln, auch die der Stiche, mit denen sie angenäht sind, gehören zu einem System. Der Knoten hat eine magische Struktur, zur Heilung von ... von einem Trauma. Und man darf nicht darübersteigen. Der Raum um das Objekt muss respektiert werden. Auch der darüber!» Härri hatte seinen Schritt längst zurückgenommen und war verstummt. Zeynep sprach nun ausschliesslich zu ihrer Mentorin Aurelia, die ihr mit strahlendem Lächeln und Dauernicken anzeigte, wie gut sie verstand. So gut, dass sie an ihrer Stelle erklären konnte, wie das Werk zu interpretieren sei.
«Ich sehe, dass es hier eben gerade nicht um dieses Stoffding geht, jedenfalls nur zu einem geringen Teil. Wir haben es mit einem existenziell bedeutsamen Ritual zu tun, mit altem Wissen eigentlich. Hier entwickelt sich eine künstlerische Praxis, von der diese Präsentation – als Performance – ein Teil ist.»
Und indem sie Härri fixierte, schloss sie mit den Worten: «So sehe ich das.»

In der anschliessenden Besprechung der Jury, bei der die Studentin nicht anwesend war, wollte sich Härri zuerst zurückhalten. Aber es wurde schwierig. Sein Kollege Paul erklärte sich für die Beurteilung des Werks nicht zuständig. Er habe sein Leben lang als Bildhauer mit Stein und Metall gearbeitet, sehe daher in textilen Objekten immer das Formlose, Unkontrollierbare, und damit nicht Gestaltbare.
«Ich konnte auch mit Oldenburgs weichen Objekten nie etwas anfangen, und das ist keine gute Voraussetzung, um ein Urteil zu fällen. Bei Performances bin ich sowieso überfordert, bei Ritualen erst recht, ehrlich gesagt.»
Als nun Aurelia ihre Einschätzung wiederholte und sowohl Zeyneps Auftritt als auch ihr Objekt in den weiten Zusammenhang der Geschichte der Performance stellte, wurde es Härri zuviel.
«In meinen Augen ist das Suggestion. Wenn es so wäre, hätte die junge Künstlerin doch wohl von Anfang an deutlich gemacht, wie sie mit ihrem Werk verstanden werden wollte. Und ihre Bemerkungen zu den Regeln, zu den Zahlen, dem Knoten und so weiter, auch das Verbot, darüber zu steigen, – wenn es denn ernst gemeint ist, und nicht ironisch – erscheint mir ein bisschen gruselig, ehrlich gesagt. Ich halte es für eine Form von Aberglauben. Sowas sollte man nicht bestärken.»
Nun wurde Härri mit Nachdruck zurechtgewiesen. Nicht nur Aurelia, die während der Präsentation zu verstehen gegeben hatte, dass sie weder seine Meinung teilte noch seine Intervention billigte, holte nun zu einer langatmigen Argumentation aus. Auch die andern stimmten weitgehend darin überein, dass der Begriff Aberglaube immer aus der Perspektive der Macht eines vorherrschenden Glaubens dazu benützt worden sei – und wie man sehe, noch immer benützt werde – um abweichende religiöse Inhalte und Praktiken zu diffamieren und letztlich zu «überschreiben», was auf ihre Auslöschung abziele.
Damit hatten sie recht, wie er zugeben musste. Trotzdem blieb sein Gefühl, dass man der Studentin keinen Dienst tue, wenn man sie in ihrem sonderbaren Verhalten bestärke, dieses gar stilisiere zu einer besonders wertvollen, schützenswerten künstlerischen Praxis. Er fand, die Integration aller möglichen Äusserungen, Meinungen, Lebensformen und Kulturen in den Mainstream der Institution erfolge oft vorschnell, unter dem Diktat der diversity genannten Vielfalt. Bevor Empfindungen von Fremdheit, Sonderbarkeit, Abwegigkeit überhaupt zugelassen und geäussert worden seien.
Er stimmte aber in der Schlussrunde einer sehr wohlwollenden Beurteilung von Zeyneps Arbeit zu. Ceasefire, dachte er wieder, als sie endlich fertig waren.

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