Gleichzeitig mit dem Abschluss der Prüfungen Mitte Juli wurde das Sommerwetter unbeständig und unberechenbar. Auf drückend heisse Tage folgten immer wieder heftige Gewitter. Zum Glück blieb Augst von den anderswo niedergehenden Hagelschlägen verschont und der doch recht häufige und ausgiebige Regen sorgte dafür, dass die Rasenflächen in Gärten und Parks nicht schon im Juli braun wurden wie im Jahr zuvor.
Härri genoss die freien Tage zwischen dem Abschluss der Prüfungen und den Vorbereitungen für die Ausstellung. Thea, die Studentin, in deren Begleitung er am meisten Zeit und Geduld investiert hatte, war für ihre hervorragenden Leistungen mit Bestnoten und einem Preis ausgezeichnet worden. Härri war stolz auf sie, und ein klein wenig auch auf sich, denn er wusste um seinen Anteil am Erfolg der jungen Frau, die so oft an sich gezweifelt hatte. Thea sah es übrigens auch so. Sie wollte im Ausland weiterstudieren, eine für sie typische und passende Entscheidung, die allerdings bei vielen, die sie kannten, Kopfschütteln auslöste. Härri hatte sie ein sehr schönes Bild aus der Serie ihrer kleinen Formate geschenkt, und das hing nun in seinem Haus über dem alten Sofa. Er schaute es oft an und war ein bisschen neidisch auf die Kraft und die malerische Qualität, die ihm da begegneten. Vielleicht war es auch diesem Bild zu verdanken, dass er nach langer Zeit wieder einmal in sein Atelier in der Lagerhalle am Südrand der Stadt ging um ein paar Leinwände zu präparieren.
Weil er nicht alles Material dazu fand – das weisse Pigment und die Kreide waren verklumpt – musste er nochmals in das Malereigeschäft fahren. Dort traf er Jörg Hunziker, einen alten Bekannten aus der Zeit, als die Kinder noch klein gewesen waren und Carmela und er anderthalb Jahre in Italien gelebt hatten. Härris Frau hatte in ihrer Heimatstadt Asti ein Haus geerbt, das knapp bewohnbar war. Dort wurden sie von Jörg zwei- dreimal besucht und er half ihnen sogar bei ihren Versuchen, das Haus zu renovieren, wie sich Härri erinnern konnte. Auch jetzt war er offenbar mit der Erneuerung eines Hauses beschäftigt, das am Rand des badischen Dorfs Riehen stand. Er hatte es sich gekauft, aus Steuergründen, wie er sagte.
«Kommst du mich besuchen?», fragte er. «Ich kann dich in dem Häuschen noch nicht bewirten, es ist völlig ausgekernt und ich habe nur eine Matratze am Boden. Aber ich kann dir zeigen, wie es wird und wir können im «Hirschen» zusammen Schneckensüppchen essen. Du magst doch Schnecken?»
Und als Härri bejahte, fügte er hinzu:
«Riehen ist ein verschlafenes Nest. Ein Strassendorf. Aber der Weisswein vom Hügel ist trinkbar und die Schnecken, oder auch Speck und Sauerkraut sind ausgezeichnet.»
Jörg war Journalist und schrieb für die Lokalzeitungen. Auch führte er seit jüngerer Zeit einen Blog, auf dem er Kommentare zum Zeitgeschehen publizierte. Die Liebe zu gutem Essen und alkoholischen Getränken sah man ihm an. Sein Bauchumfang war medizinisch gesehen gefährlich, jedoch bewegte er sich mit erstaunlich jugendlichem Elan. Sie machten ab für den nächsten Tag.
Das Süppchen schmeckte wunderbar und hatte auch eine perfekte Farbe, wie Jörg fand.
«Es muss schön gelb sein und ohne Grauton, was schnell passieren kann, wenn die Schnecken nicht sauber sind oder wenn sie noch Pilze hineintun, was ich für völlig überflüssig halte.»
Er bestellte noch ein Flasche Weisswein. Sie sassen unter einer der Rosskastanien auf dem mit feinem Kies bestreuten Platz vor dem «Hirschen» und genossen die Wärme, die jetzt genau richtig war und sie wohlig umhüllte. Alle Tische waren besetzt, hauptsächlich von Augstern, die mit dem Auto hergefahren waren, und die Gespräche um sie herum plätscherten an Härris Ohren. Er lehnte sich behaglich zurück. Jörg hatte eine seltsame Betrachtung der Region begonnen und sich dabei in Erfinderlust geredet. Härri versuchte sich auf das zu konzentrieren, was er zu hören bekam.
«Die Planung und Gründung von Städten waren doch oft von Zufällen bestimmt. Oder ausgelöst durch spontane Einfälle der Personen mit Macht. Nehmen wir mal an, die römischen Einwohner von Augst hätten sich von den Überfällen der Alemannen im vierten Jahrhundert zermürben lassen. Wären ein paar Jahrhunderte später wieder Opfer geworden der mordenden und plündernden Magyaren, die nicht einmal ihren Bischof verschont hätten. Dessen Nachfolger hätte den weiter rheinabwärts gelegenen Militärstützpunkt für sicherer und zukunftstauglicher befunden. So wäre Basel heute die grösste, kulturell und wirtschaftlich bedeutendste Stadt der Nordwestschweiz, und nicht Augst. Das Münster – ein etwas anderes Münster als wir es kennen – stünde in Basel. Augst hätte keine Brücken, dafür Basel einige. Die Universität, die Museen, die Pharmaindustrie, das Fussballstadion ... alles in Basel!»
Härri musste lachen ob der Vorstellung.
«Ja, du lachst? Aber es wäre möglich gewesen, leichter, als du denkst! Es gäbe vielleicht einen Kanton Basel. Auch die Landesgrenzen könnten ganz anders verlaufen. Hier wären wir vielleicht noch in der Schweiz, dafür wären Inzlingen und das rechte Rheinufer bis Rheinfelden badisch, wer weiss. Unser Kanton Augst wäre wohl Teil des Aargaus.»
Härri wollte protestieren, aber Jörg liess ihn nicht zu Wort kommen.
«Ja, doch! – Augst wäre ein Dorf, vielleicht mit einem Römermuseum. Die Rheininsel von Schilf überwachsen, das Wasser der alten Rheinschlaufe dahinter seicht und verkrautet. Ein Vogelreservat allenfalls. Übungsplatz für Stehpaddler ...»
Härri überlegte, ob ihm das gefallen würde ... Was wäre, wenn ...?
Seine Blase drückte. Als er aufstand, um im Gasthaus aufs Klo zu gehen, spürte er den Wein in Kopf und Gliedern. Im Westen glühte der Himmel zwischen schwarzen Wolkentürmen. Erst jetzt bemerkte er, dass das Personal begonnen hatte, die Gäste nach drinnen zu bitten. Mit besorgten Blicken nach oben klappten sie Tische in die Senkrechte, räumten Sonnenschirme und Stühle zusammen und brachten sie unter das ausladende Vordach. Als er von der Toilette zurückkam, sass auch Jörg schon in der Gaststube. Er blickte auf, als Härri an den Tisch trat, und erhob sich.
«Ich muss auch. Und nachher will ich dich etwas fragen ...»
Härri nahm Platz und versuchte sich zu konzentrieren. Der Lärm störte ihn, und dann auch der auftauchende Gedanke an die Weisung der Direktorin. Er traf sich da mit einem Journalisten, von dem er wusste, dass er politisch eher rechts tickte und dem «Kunstkuchen» sicher kritisch wenn nicht verachtend gegenüberstand. Ihm und seiner Kunst gegenüber hatte sich Jörg zwar immer wohlwollend und wie es schien, aufrichtig interessiert gezeigt. Aber Härri ahnte, dass sich dieses «etwas-fragen-Wollen» wohl auf die Aktion der Studenten beziehen würde, denn das Plakat, und vor allem der Zensur-Vorwurf darauf, hatte die Lokalpresse bereits beschäftigt. Er musst also aufpassen.
Aber es ging gar nicht um die Plakataktion. Als sich Jörg wieder auf seinem Stuhl eingerichtet hatte, holte er aus.
«Ich habe da einen Tipp bekommen, dass die von der Volkspartei ihre Vertreter im Parlament damit beauftragt haben, der Fachhochschule auf die Finger zu schauen. Mit Recherchen und darauf Bezug nehmenden Anfragen an die Regierung. Und da ist eure Abteilung natürlich ein gefundenes Fressen.»
Härri musste sich wegen der Durchkreuzung seiner Erwartung zuerst einmal neu orientieren.
«Was meinst du damit? Warum sollen wir besonders interessant sein für die Völkler?»
«Es geht die Vermutung um, dass es bei euch besonders schlimm sein soll mit dem, was sie «Gender-Gaga» nennen. Dass sich das Institut ein neues Leitbild und gar einen neuen Namen zulegen will, in dem das nach aussen demonstriert werden soll. Mir wurde ein Verzeichnis mit Veranstaltungen zugespielt, und ich muss sagen ...»
Jörg wiegte bedeutungsschwer seinen Schädel. Härri war auf der Hut.
«Was musst du sagen? Was passt euch nicht?»
Jörg protestierte.
«Ich bewerte gar nichts, ich bin Journalist. Ich beschreibe nur, und stelle fest. Wenn da Module ausgeschrieben werden, in denen es um «queer-feministisches Hexenwissen» gehen soll, ich bitte dich!»
Er kramte sein Mobiltefelfon aus der Tasche und suchte nach etwas. Als er es gefunden hatte, las er vor:
«Wir werden mit wahlverwandten W.I.T.C.H.es verschiedener Generationen hexendiffamierende Mythen verkehren, Theorie und Praxis miteinander amalgamieren und Schutzkreise ziehen gegen die Mächte des Beherrschens, Bemeisterns und Disziplinierens».
Härri kannte den Text, er stammte von Aurelia Wittmann und Da-ra Baek, die sich die Leitung des Moduls teilten. Jörg redete sich in Fahrt.
«Ich meine: «Schutzkreise ziehen»? In der Hochschule? Da fragen sich doch die Normalbürger: Geht’s noch? Was kommt als nächstes? Die Fahrt auf dem Besen zum Bocksberg als Performance?»
Härri war unbehaglich zumute. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken so zu ordnen, dass er den Zeitungsfuchs nicht durch unbedachte Äusserungen in seinen Stammtischansichten bestärkte. Auch er hatte sich ja, seit Da-ra Baeck die Leitung übernommen hatte, wiederholt gefragt, wie das von einer weiteren Öffentlichkeit aufgenommen würde, was im Institut gesagt, geschrieben und in Veranstaltungen präsentiert wurde. Aber wenn er Jörg so sprechen hörte, konnte er sich schon die gedruckte Version vorstellen, mit suggestiven Fragen im Titel und massenhaften Zitaten in Abführungszeichen. Er fühlte sich also genötigt, sein Institut zu verteidigen, ja sogar das, was er still für sich die «Hexenfraktion» nannte.
«Du darfst das nicht mit dem Bierernst der Völkler anschauen, da steckt auch eine gehörige Portion Ironie drin. Ursprünglich waren Hexen ja Frauen, die sich ausserhalb der gesellschaftlichen Norm bewegten, oder unkonventionelles Wissen besassen in so existenziellen Bereichen wie der Kräuterheilkunde oder Geburtshilfe. Damit haben sie an der Macht der Männer gekratzt.»
«Ja, weiss ich doch», unterbrach in Jörg. «Aber was willst du damit sagen?»
Härri liess sich nicht drausbringen.
«Man hat sie dann als böse und gefährlich abgestempelt. Sie stünden mit dem Teufel in Verbindung, würden sich sogar von ihm vögeln lassen und solchen Stuss. Unter Folter hat das jede zugegeben, und dann konnte man sie verbrennen.»
Jörg schnippte mit den Fingern ungeduldig gegen sein Weinglas. Härri machte weiter.
«Es hat lange genug gebraucht, das aufzudecken, und das haben vor allem Frauen geleistet. Die feministischen Hexen gehen einfach noch einen Schritt weiter in ihrer Selbstermächtigung, übrigens schon seit den 1970er-Jahren. Sie besetzen den Begriff der «Hexe» neu.»
«Soso, Herr Feminist», spöttelte Jörg. «Und wozu, bitte, soll das gut sein? Weshalb, um Himmels Willen, bringt sich die Bewegung in die Nähe von Hokuspokus und Zauberei? Damit machen sie es doch dem gesunden Männerverstand sehr einfach!»
Das musste Härri zugeben. Er geriet ins Schlingern.
«Ja, das habe ich jetzt auch manchmal befürchtet ...»
Und anstatt seinen Bogen zu schliessen und Jörg zu erklären, dass diese Umdeutung des Hexen-Worts mit Punk zu vergleichen sei, mit einem trotzigen Scharade-Spiel, bei dem man sich die zerrissenen Klamotten freiwillig überziehe und so dem Establishment um die Ohren tanze, im Fall der Feministinnen halt dem Patriarchat, fand er sich unversehens in einer Schilderung der Präsentation wieder, bei der ihn die Studentin am Übersteigen ihres Kunstwerks gehindert hatte. Mit der Begründung, man müsse den Raum darum und darüber respektieren.
«Schutzkreise», schnaubte Jörg, «da hast du’s!»
Und obwohl Härri spürte, dass er auf eine falsche Schiene geraten war, holte er nun seinerseits das Handy hervor und zeigte dem Journalisten ein Foto des Plakats mit dem Awareness-Konzept, bei dessen Aufhängung er der Studentin geholfen hatte. Dieser war ganz gierig auf das Bild und wollte es zugeschickt bekommen, was Härri immerhin von sich wies. Er beging aber noch einen weiteren Fehler, wie er später reumütig einsehen musste, indem ihm im weiteren, hitzigen Gespräch die neue, noch nicht abgesegnete Bezeichnung des Instituts entschlüpfte: «Art Gender Planet».
Als sie schliesslich vom Wirt freundlich aber bestimmt zum Aufbruch aufgefordert worden waren, Härri sich verabschiedet und durch den Regen rennend die letzte S-Bahn zurück nach Augst erreicht hatte, liess er sich mit einem tiefen Seufzer auf die Zugbank fallen. Er hatte Kopfschmerzen und ahnte Ungemach.
Er wurde vor die Direktorin zitiert, noch bevor er Hunzikers Artikel in der Augster Zeitung selbst gelesen hatte. Dara Baeck war auch dabei sowie ein Mann aus dem Hochschulrat. Es galt also ernst, und Härri war ein wenig aufgeregt. Man liess ihm Zeit, zuerst den Text durchzulesen. Schon beim Titel hatten sie mächtig aufgedreht, wie er befürchtet hatte:
«Zensur und «queer feministisches Hexenwissen» an einer Augster Hochschule». Jörgs reisserische Story begann mit der Plakataktion der Studenten. Offenbar war er von der Gruppierung offenherzig mit Informationen ausgestattet worden, denn der Bericht war sehr detailliert. Dann kam er in der zweiten Hälfte auf das neue Leitbild und den Namen des Instituts, der zu Härris Erschrecken zitiert wurde. Zwar bezog sich Hunziker nur immer wieder auf «eine gut unterrichtete Quelle», aber durch weitere Andeutungen machte er deutlich, dass jemand aus der Leitungscrew mit ihm gesprochen hatte. Nach dem Zwischentitel «War die Wahl der neuen Institutsleiterin richtig?» wurde insinuiert, dass es innerhalb des Instituts verschiedene Fraktionen gebe und dass vor allem «alteingesessene» Dozenten Mühe hätten mit einem Kurs, der sich an «queer-feministischem Hexenwissen» orientiere.
Die Buchstaben begannen vor Härris Augen zu flimmern und er schaute auf, bevor er ganz zu Ende war mit Lesen.
«Ihnen ist schon klar, weshalb Sie hier sind?», fragte ihn die Direktorin. Und ohne seine Reaktion abzuwarten, fuhr sie fort.
«Wir gehen davon aus, dass Sie das waren, der mit dem Journalisten gesprochen hat. Seine Kenntnis des neuen Institutsnamens, die Bezugnahme auf «alteingesessene» Dozenten, die Anspielungen auf Auseinandersetzungen im Vorstand ...?
Sie machte eine bedeutungsschwere Pause und sah ihn fragend an.
«Waren Sie es?
«Ja», sagte Härri ohne zu zögern.
«Sie haben damit gegen meine ausdrückliche Weisung verstossen. Was haben Sie sich nur dabei gedacht?»
Härri begann langsam. Er überlegte sich jedes Wort.
«Ich hätte nicht mit ihm reden sollen, ja, das war ein Fehler. Vor allem die Information über den Namen, «Art Gender Planet», hätte ich ihm nicht geben sollen. Das ist mir herausgerutscht, weil wir das Institut intern manchmal jetzt schon so bezeichnen. Damit habe ich aber nicht gegen Ihre Weisung verstossen, sondern gegen die von Frau Baeck. Wir hatten eine Sperrfrist für den Namen vereinbart, und die läuft – oder jetzt halt: lief – bis zur Eröffnung der Abschlussausstellung.»
Er wandte sich Da-ra Baeck zu, die ihn unverwandt anblickte.
«Es tut mir leid, Da-ra. Wirklich. Das war blöd von mir.»
Die Direktorin wartete einen Moment, ob Härri eine Antwort von seiner Institutschefin bekäme, aber als diese stumm blieb, fuhr sie fort.
«Mir geht es vor allem um den Vorfall mit dem Plakat an der Fassade. Ich hatte an jener Krisensitzung über Mittag darauf hingewiesen, dass ein lautes Medienecho unseren Semesterabschluss massiv beeinträchtigen würde und hatte deshalb Kontakte von Mitarbeitenden zur Presse ausdrücklich untersagt.»
Nun wollte Härri doch etwas zu seiner Verteidigung sagen.
«Über diesen Vorfall habe ich mit dem Journalisten gar nicht gesprochen. Kein Wort. Er hat das alles in einen Topf geworfen.»
«Und woher hat er dann diese Informationen?» fragte die Direktorin in scharfem Ton.
«Ich nehme an, von den Studenten selbst. Das dürfte nicht schwierig gewesen sein ...», meinte Härri, und wollte nochmals betonen, dass er darüber mit Hunziker nicht geredet habe.
«Wie dem auch sei», schnitt ihm die Direktorin das Wort ab. «Wir haben entschieden, Sie zu verwarnen. Unter Androhung der fristlosen Entlassung im Wiederholungsfall. Damit ist eine weitere Zuwiderhandlung gegenüber Anweisungen Ihrer Vorgesetzten gemeint. Wir setzen Ihnen dafür eine Bewährungsfrist bis zum Abschluss der Aufnahmeverfahren im nächsten Frühjahr. Die schriftliche Verfügung werden Sie per Post und eingeschrieben zugestellt bekommen.»
Nachdem er von dem Mann aus dem Hochschulrat über sein Einspracherecht informiert worden war, wurde Härri verabschiedet. Da-ra Baeck hatte bis zu diesem Zeitpunkt kein Wort von sich gegeben. Nun sagte sie:
«Komm in einer halben Stunde bitte noch in meinem Büro vorbei.»
Als Härri wieder draussen im Korridor stand, wollte er ein Fester aufreissen, aber es war zugeschraubt. Er stürmte die Treppe hinunter, grusslos vorbei an Frau Hayoz in ihrer Loge, ab ins Freie. Er war aufgebracht. Wütend auf die Direktorin, auf Da-ra. Auf Hunziker, dieses Arschloch. Wütend auch auf sich selbst. Beschämt.
Wieder zurück im Haus, in Da-ra Baeks Büro, hatte er sich ein wenig beruhigt. Es war ihm zu warm für einen Kaffee, er bekam ein grosses Glas Mineralwasser. Weil er nicht wusste, womit er beginnen sollte, wiederholte er, dass es ihm leidtue.
«Ich nehme deine Entschuldigung an, Lukas. Aber ich muss dir auch sagen, dass ich die Verwarnung richtig finde. Das darf nicht wieder vorkommen. Du weisst, wo diese Zeitung steht, wie Hunziker und seine Leute denken. Wenn die von der Volkspartei nun im Parlament Druck gegen uns machen – und das werden sie –, dann müssen wir unbedingt den Ball flach halten. So sagt man doch?»
«Ja, ich weiss, was du meinst.»
«Mit Leuten, die ihre Meinung schon gemacht haben, kannst du nicht über so schwierige Dinge reden wie es aktuelle Tendenzen in der Kunst und Kunstvermittlung nun mal sind. Und wenn sich die Diskussion in die Medien verlagert, verlierst du immer», belehrte ihn Da-ra.
Härri liess es geschehen. Er fand auch, sie habe recht. Er war auf Hunzikers Trick hereingefallen, seine Recherche für die heisse Story als Gespräch unter alten Freunden zu tarnen. Bei Schneckensüppchen und Weisswein – pah!
Da-ra hatte den Tonfall gewechselt, als sie ihm in die Augen schaute und leise sagte:
«Ich muss wissen, wo du stehst, Lukas. Es geht nicht, dass du gegen uns arbeitest ...»
«Wen meist du mit «uns?», fragte Härri. «Die Hexenfraktion?»
Und als ihn Da-ra mit gerunzelter Stirn anstarrte, fuhr er schnell fort.
«Ich habe euch verteidigt gegenüber dem Journi, ehrlich! Uns verteidigt, eigentlich. Versuchte ihm zu erklären, was mit solchen ironischen Umdeutungen bewirkt werden soll. Er hat so getan, als würde er verstehen. Ich war einfach naiv, und ein wenig angesäuselt, muss ich zugeben.»
Da-ra hatte sich wieder entspannt. Sie lächelte sogar, als sie sagte:
«Hexenfraktion, sag mal ... Auf jeden Fall: Halte dich fern von Journalisten und Politikern von jetzt an. Das ist ernst, Lukas!»
Er versprach es und verabschiedete sich. Freute sich auf den Heimweg den Rhein entlang.

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