12.2.24

Nachbeben

Härri hatte kaum geschlafen. Was gestern geschehen war, kam ihm so unwirklich vor, dass er es vermied, daran zu denken. Es war kurz nach sechs, als er sich mit einem doppelten Kaffee vors Haus setzte und die Tasse auf das verrostete Gartentischchen neben der Bank stellte. Er stand nochmals auf und ging zum Briefkasten um die Zeitung zu holen. Die Sonne hatte sich soeben über den hügeligen Horizont rheinaufwärts erhoben und tauchte die Türme im Osten der Stadt in goldenes Licht. Die Altstadt gegenüber, sogar der Münsterturm, lagen noch im Schatten. Auf dem Weg war nur ein älterer Mann mit seinem Hund zu sehen, dazu eine Gestalt, die sich joggend entfernte. Härri suchte blinzelnd das Ufer ab. Der Eisvogel war nicht zu sehen, dafür ein Reiher, der bewegungslos, mit gestrecktem Hals auf einem Pfosten stand und auf Beute wartete.
In der Zeitung, die er wieder auf Papier las, schlug er die Seite des Feuilletons auf und legte sie halb auf seinen Schoss, halb auf das Tischchen. Zwischen Schlucken aus der Kaffeetasse versuchte er, den Artikel zu lesen. Er war ein langsamer Leser, vor allem am Morgen, und musste die Sätze oft mehrmals lesen. Zuerst überflog er die Zeilen, um dann nochmals im Text zurückzugehen und die Wörter, Sätze und Abschnitte wirken zu lassen. Die Wahl der Wörter, ihr Klang, die Reihenfolge und überraschende Formulierungen interessierten ihn, lenkten ihn aber auch ab vom Zusammenhang.
Heute war es anders. Vom Inhalt des Gedruckten hatte er nach zwei Abschnitten so wenig mitbekommen, dass er nochmals von vorne begann. Er war sehr irritiert, als er zuoberst eine ihm völlig unbekannte und wie er meinte, neuen Überschrift las. Auch die Zwischentitel, die er nun schnell überflog, schienen ausgetauscht zu sein, ja sie bezogen sich auf ein Thema, von dem er sicher war, dass er nicht vor ein paar Minuten bereits darüber gelesen hatte. Er zwang sich ruhig zu bleiben und die ganze Seite durchzulesen. Als er fertig war, stellte er fest, dass er nicht hätte sagen können, wovon der Autor – oder war es eine Autorin? – geschrieben hatte. Auch die Titel waren ihm wieder gänzlich neu, wie er mit inzwischen starkem Herzklopfen feststellte. Er legte die Zeitung zusammen, nahm die Tasse und ging hinein, um sich noch einen Kaffee zu machen. Dabei redete er sich ein, dass er noch nicht ganz wach sei und dieser Zustand schon vorbeigehen werde. Am besten, man achtete nicht darauf!

Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, klappte den Laptop auf und begann die letzten Einträge in der Gruppenunterhaltung mit seinen Studentinnen durchzusehen. Da wurde ihm deutlich, dass es nicht vorbei war. Er sah sich die Fotos und kurzen Filme an, die in den letzten Tagen neu dazugekommen waren. Es waren nicht viele, so dass er schnell bei älteren, ihm gut vertrauten Beiträgen landete. Als Administrator der virtuellen Gruppe fühlte er sich verpflichtet, zu allem, was die Teilnehmenden zum Projekt beisteuerten, einen wertschätzenden Kommentar abzugeben, weshalb er die kurzen Texte alle auswendig kannte. Umso verblüffter und zunehmend erschrockener las er deshalb, was da zwischen den Bildern geschrieben stand. Ein Geist, ein Hacker war in die Geschichte eingedrungen und hatte Texte eingefügt, die er noch nie gelesen hatte, die auch keinen Sinn machten. Oder einen völlig verdrehten! Er las sich die absurden Bemerkungen laut vor, um sich zu vergewissern, dass es nicht die richtigen waren. Verschob die schier endlose Reihe der Bilder und Kommentare hoch und runter, kehrte wieder zu denen zurück, die er gerade eben angesehen hatte. Und schon wieder war alles anders! Er spürte, wie sich Panik in seinem Körper ausbreitete. Das Blickfeld war eingeschränkt, der Nacken verspannte sich. Die Luft brannte kalt in der Nase und sein Puls raste. Er griff sich aus dem Papierabfall ein paar Blätter, dazu den erstbesten Stift, und begann, Kommentare wortwörtlich abzuschreiben. Dazu zeichnete er eine Skizze des Bildes, auf den sich der Text bezog. Bald schrieb er ganze Unterhaltungen ab, vom ursprünglichen Beitrag bis zu den Antworten und Reaktionen, die sich meist direkt aufeinander bezogen. Systematisch wollte er das Abgeschriebene mit dem vergleichen, was er auf dem Bildschirm sah. Vor allem mit dem, was er sehen würde, wenn er nach einem Moment des Wegschauens wieder zurückkehrte. Denn der Kobold, oder was immer das war, was ihn da narrte, schien die Lücken zu nutzen, die sich aus den Wechseln seiner Aufmerksamkeit ergaben. Von den Abschnitten weiter oben zu denen weiter unten, vom Abgeschriebenen zu dem, was der Bildschirm zeigte. Immer fahriger schrieb er ab – seine Schrift sah grauenhaft aus –, und immer schneller wollte er zu eben erst Gelesenem zurückkehren, um wenigstens einmal wieder etwas zu entdecken, was ihm bekannt vorkam. Umsonst! Auch das, was er gerade eben auf dem Papier hatte festhalten wollen, erschien ihm fremd, neu, zusammenhangslos. Immerhin konnte er für kurze Momente feststellen, dass es dasselbe war, wie auf dem Bildschirm, aber wenn er seine Aufmerksamkeit nur ein wenig davon löste, war schon wieder alles verrutscht. Er musste eine Pause machen, legte Stift und Papier weg – er hatte inzwischen einen ganzen Stapel vollgeschrieben! – und lehnte sich zurück. Atmete bewusst ein paarmal tief ein und aus. Dabei liess er den Gedanken zu, dass etwas mit seinem Gehirn nicht stimmte. Eine Streifung? Die Andeutung eines Schlaganfalls? Er versuchte, vernünftig darüber nachzudenken. Die Aufregung war sicher nicht gut in einem solchen Fall, dachte er. Also beendete er das Programm und beschloss, abzuwarten. Ging hinüber zur Couch und legte sich hin. Döste eine Weile.
Als er wieder aufstand, schaute er auf die Uhr. Es war halb neun, er fühlte sich ruhig und traute sich zu, zum Computer zurückzukehren. Als er den Chat geöffnet hatte, sah er sofort, dass der Spuk vorbei war. Die Kommentare waren wieder vertraut, antworteten stimmig aufeinander und wichen auch nicht ab von seinen krakeligen Transkripten, die er schliesslich beschämt, aber erleichtert zum Altpapier legte.
Er liess das Programm nach Artikeln suchen mit Begriffen wie "Verlust des Kurzzeitgedächtnisses", "Verlust der Lesefähigkeit" und ähnlichem. Was er zu lesen bekam, war erschreckend, weil es mit Schlaganfällen oder Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer zu tun hatte. Erst als er sich zugestand, das Adjektiv "vorübergehend" hinzuzufügen, stiess er auf eine Bezeichnung für das Erlebte, die ihn einigermassen beruhigte und von der er hoffte, dass sie auch stimmte. Ein Artikel trug den Titel: "Vorübergehende Amnesie: Wenn das Gedächtnis Pause macht". Das gefiel ihm. Es gab sogar einen medizinischen Namen mit der entsprechenden fachlichen Abkürzung dafür: «Transiente globale Amnesie», TGA. In den meisten Fällen bleibe eine Episode von TGA einmalig im Leben. Einige Patienten könnten sich, anders als er dies bei sich feststellte, nicht mehr an die Zeit des Vorfalls erinnern, wobei sie während dieser Phase weder die zeitliche und räumliche Orientierung verlören noch Schwierigkeiten beim Erkennen von Personen hätten. Kurze Zeit nach dem Vorfall liessen sich mit bildgebenden Methoden kleine weisse Flecken im Gehirn feststellen, die auf Läsionen hindeuteten. Diese Symptome verschwänden aber relativ schnell wieder und es blieben keine erkennbaren Folgen zurück.
Trotzdem musste er sich eingestehen, tief erschüttert zu sein. Nun gab es zwei Fälle von Kontrollverlust, über die er mit niemandem würde reden können. Nach dem gestrigen, der nach einem Moment des Schocks und der Passivität schliesslich zu unbändiger Lust geführt hatte, war der heutige nur peinigend. Sein Gehirn hatte eine Organstörung erfahren. Etwas in seinem Innern war durcheinandergeraten, was er aber als Attacke von aussen erfuhr. Als Durcheinander in der Welt, das sein Ich verwirrte. Während des Anfalls hatte er für einige Momente wirklich geglaubt, jemand habe sich in die virtuelle Plattform eingeschlichen und ihn in Echtzeit mit willkürlich eingegebenen Texten genarrt.
Sein Vater kam ihm in den Sinn, bei dem er Zeichen einer schleichend zunehmenden Demenz beobachtete. Auch der alte Mann erlebte die Irritationen des eigenen Gehirns als Störungen im Aussen, ausgehend von anderen. "Sie haben wieder ein grosses Durcheinander gemacht!" klagte er zuweilen, wenn er mit Wochentagen, Anlässen und Terminen nicht mehr klarkam. Dann beschwerte er sich über die in seinen Augen schlecht informierten Pflegerinnen, die Abmachungen verwechselten oder vergässen. Die ihn mit Falschinformationen verwirrten und schlecht organisiert seien. Jetzt, wo er kaum mehr ass und immer schwächer wurde, waren von ihm solche Klagen nicht mehr zu hören. Hatte er sich damit abgefunden, dass die Zeit willkürliche Sprünge machte und die Welt nicht mehr zu verstehen war? War er am Sterben? Härri nahm sich vor, ihn bald zu besuchen.

Der Vater aber wartete seinen Entschluss nicht ab und starb eine halbe Woche später. Man teilte es ihm aus dem Heim in Beinwil telefonisch mit. Friedlich eingeschlafen sei er, dem Anschein nach am frühen Morgen zwischen vier und fünf Uhr. Härri rief im Institut an und sagte seine Teilnahme an der Präsentation einer Studentin ab. Dann fuhr er mit dem nächsten Zug nach Lenzburg und von dort mit der S-Bahn an den See. Durch die wiederholten Gewitter der letzten Tage war es kühler geworden, aber die Luft war noch immer sehr feucht, und als er nach einem halbstündigen Marsch den Hügel hinauf beim Heim ankam, klebte ihm das Hemd am Rücken. Er hatte unterwegs Zeit gehabt darüber nachzudenken, was alles getan werden musste. Mit seinem Bruder und der Schwester Kontakt aufzunehmen war das Erste, wobei sie die Mitteilung von Vaters Tod bereits von der Administration bekommen hatten. Er war froh, dass sein Vater, noch bei klarem Verstand, einer Feuerbestattung zugestimmt hatte, denn begraben werden sollte er nach dem Wunsch seiner schon verstorbenen Frau – Härris Mutter – in deren Familiengrab auf dem Gottesacker in Ulm. So sollte die Überführung der Überreste über die Grenze kein allzu grosses Problem werden. Aber das musste mit den Geschwistern besprochen und organisiert werden, ebenso wie die Räumung des Zimmers, die Meldung des Todesfalls an Ämter, Bank und Versicherungen, und weiteres mehr. Härri merkte, wie ihn solche Gedanken ablenkten von seiner inneren Unruhe, von der er nicht hätte sagen können, ob sie mit Trauer etwas zu tun hatte.
Er meldete sich an im Büro des Stockwerks, auf dem sich das Zimmer befand. Man begrüsste ihn mit leise ausgesprochenen Worten der Anteilnahme. Eine Pflegerin hatte sogar Tränen in den Augen, so dass er sich fragte, ob er ein schlechtes Gewissen haben müsste. Man führte ihn in das Zimmer mit Seeblick, in dem er schon so viele Stunden verbracht hatte. Für ihn war da noch kein Leichnam, der Vater hatte schon längere Zeit so ausgesehen, wenn er schlief. Die gelbliche Gesichtshaut über den Schädelknochen gespannt, die Nase so spitz, die Augenkugeln in ihren Höhlen ruhend, hinter nicht ganz geschlossenen Lidern. Der Mund leicht geöffnet. Man hatte ihm ein Leichenhemd angezogen, das sehr schön aussah und ihm gut stand. Die Hände waren locker aufeinandergelegt. Härri legte seine darauf, beugte sich über das Kopfkissen und gab dem Toten einen Kuss auf die Stirn. Sie war noch nicht so kalt wie er erwartet hatte.

Zum Begräbnis fuhr er mit dem Zug. Er musste recht früh aufstehen, um die Trauerfeier zu erreichen, die auf dreizehn Uhr angesetzt war auf dem Hauptfriedhof von Ulm. Die Bahnverbindungen liessen ihm kaum Zeit zum Umsteigen in Zürich, dann im bayerischen Hemmingen. Aber er konnte sich nicht beklagen, denn wie er wusste, sass Bruno seit halb sechs Uhr früh im Zug von Berlin nach Ulm. Es hatte ihn gerührt, dass sein Sohn darauf bestand, an die Beerdigung des Grossvaters zu kommen, obwohl es mit grossem Aufwand und allerlei Umstellungen in seinem Terminplan verbunden war. Sofia war in New York und Carmela, seine Exfrau, in Italien. Die konnten nicht kommen. Als Härri vom Taxifahrer auf dem Hügel über der Stadt ausgeladen wurde, war es fünf vor eins. Als hätte man nur noch auf ihn gewartet, wurde die Türe nach seinem Eintreten geschlossen. Ihm schien, als würden ihn einige missbilligende Blicke treffen, als er sich in eine der hintersten Bänke setzte. Aber vielleicht überlegten die Leute nur angestrengt, in welcher Beziehung er wohl zum Verstorbenen stünde, weil er schon so lange nicht mehr in seiner alten Heimat gewesen war. Etwa dreissig Menschen hatten sich in dem hohen Raum aus Backstein versammelt, der hier «Aussegnungshalle» genannt wurde. Vorne stand ein Farbfoto des Auszusegnenden inmitten von Blumenarrangements. Ein Cellist hatte sich daneben auf seinem Stuhl eingerichtet, das Instrument schon zwischen den Beinen. Die Pfarrerin sprach eine kurze Begrüssung, dann begann der Musiker mit einer Suite von Bach, die Härri zu kennen meinte. Er musste später nachsehen: es war das Präludium der ersten Suite in G-Dur. Sie wurde ruhig und unprätentiös gespielt, sehr rein und mit weichem Klang. Es war nichts daran auszusetzen. Zeit, um diskret umherzuschauen, wer alles da war. Einige kannte er nicht. Frühere Kollegen aus der Textilfabrik in Laichingen, nahm er an. Freunde, mit denen der Vater sich zum Kartenspiel getroffen hatte oder früher Segeltouren unternommen. Vielleicht deren Kinder schon, denn der Verstorbene war ja weit über achtzig geworden.
Er sah: sein Bruder war da mit seiner Familie. Ebenso seine Schwester, mit ihrem zweiten Mann und den gemeinsamen Kindern. Daneben Bruno, sein Sohn.
Der Lebenslauf des Verstorbenen wurde von der Pfarrerin nacherzählt, aufgrund von Notizen des älteren Bruders, wie Härri annahm. Die schweizerische Herkunft wurde betont, sein Mut, in jungen Jahren auszuwandern und das Glück in der Textilindustrie der Schwäbischen Alb zu versuchen. Der Aufstieg zum leitenden Ingenieur, die Liebesgeschichte mit einer Hiesigen, die glücklichen Familienjahre mit drei Kindern, die alle etwas Rechtes geworden waren. Und zuletzt der herbe Schicksalsschlag mit dem allzu frühen Tod der geliebten Frau. Dezent wurde angedeutet, wie schwer der Zurückgebliebene unter diesem Verlust gelitten hatte. Versöhnlich wurde hinzugefügt, er sei im Land seiner Herkunft bis zum Tod vorbildlich gepflegt worden.

Als dieser Teil der Feier zu Ende war, hob ein Friedhofsangestellter mit Dienstmütze die Urne aus ihrem Gestell, um den gemeinsamen Gang zum Grab einzuleiten. Zusammen mit der Frau Pfarrer führte er den Zug der Gäste an, in gemessenem Schritt. Erst jetzt konnte Härri Verwandte und Bekannte begrüssen, die er seit einiger Zeit nicht mehr besucht hatte. Auf diese Tatsache wurde er hingewiesen: Di han mir scho lang nemme dehana gseha...
Der Friedhof war schön angelegt in einem terrassierten Park. Man hielt in der Nähe eines kleinen Lochs in der Erde, dessen Ränder mit einer Matte aus Kunstrasen verkleidet waren. Schwierig sich vorzustellen, dass hier Erde zu Erde zurückkehren sollte. Es erinnerte an eine chirurgische Öffnung im Boden, hatte etwas Obszönes, fand er. Daneben stand auf drei Beinen der übliche Behälter mit einem Schäufelchen und der Erde, die man später ins Loch werfen durfte. Wenn einem diese Geste zu grob vorkam, gab es auch Blumen in einem Kupferkessel.
Über dem Friedhof kreiste während der ganzen Zeremonie ein Polizeihelikopter. Er konnte nichts mit ihnen zu tun haben, trotzdem wurden die Blicke immer wieder nach oben gelenkt und einige tauschten leise ausgesprochene Vermutungen darüber aus, was die lästige Riesenhummel über den Köpfen wohl suche. Die Pfarrerin musste ihre Stimme erheben um Bezug zu nehmen auf ihre Lesung des Korintherbriefs von Paulus über die Liebe, mit der sie die Trauernden schon in der Halle hatte aufmuntern wollen. Als die Urne mit der Asche seines Vaters in das Loch im Kunstrasen hinuntergelassen wurde, – ein Akt, der vom behandschuhten Angestellten in ihm angemessen erscheinendem Zeitlupentempo verrichtet wurde – musste Härris Schwester sehr weinen. Ihre Gesichtszüge zerflossen in verzweifelter Trauer und viele wandten den Blick ab. Auch er.
Beim Vaterunser betete er seit einiger Zeit nicht mehr mit, wenigstens äusserlich. Er merkte aber, wie tief dieser Text in ihm verankert war seit der Kindheit. Er stellte sich Begräbnisrituale anderer Religionen vor, – jüdischen Gesang, muslimische Gebete, das Füttern des Toten bei den Buddhisten – wodurch ihm nun auch das hier Aufgeführte so fremd vorkam, dass der Gedanke mitzumachen absurd wurde. Die Behauptung der Zeremonienmeisterin, der Tote werde weiterleben in einer anderen Welt, bei Gott, machte es ihm noch leichter. Er hatte sich in den letzten Tagen fast zärtlich an seinen Vater erinnert, aber als Mensch hatte er sich aus seiner Sicht aufgelöst. Einerseits physisch in einem chemischen Prozess, in diesem Fall durch Verbrennung bei zwölfhundert Grad. Andererseits als Person in einem Vorgang der Projektion, der Verschiebung in Erinnerungen und Geschichten. In aufbewahrte Dinge, Texte und Bilder, deren Bedeutung nach drei bis vier Generationen verblassen und schliesslich verschwinden würde.
Er bildete sich ein, das gleichmütige Dastehen der alten Linde, unter der die Urne begraben wurde, gebe ihm recht.

Als sie später in einem Café neben dem Münsterplatz ein verspätetes Mittagessen einnahmen – die Schwester hatte den «Leichenschmaus» organisiert –, setzte sich Härri neben seinen Sohn, der bald wieder zurück nach Berlin fahren musste. Er wollte sich nach Sofia erkundigen, denn er wusste, dass Bruno sie über den Tod des Grossvaters informiert hatte. «Sie ist speziell drauf», fand Bruno. «Ich glaube, sie macht unglaublich Geld. Kann sich eine Wohnung leisten wie im Film, mitten in Manhattan. Im fünfzehnten Stock, mit Blick auf den East River. Sie ist mit dem Handy rumgegangen und hat mir alles gezeigt. Wahnsinn!»
Härri war unruhig geworden.
«Was meinst du mit «speziell drauf»?
«Ich weiss nicht recht, ich will ihr nicht unrecht tun. Aber sie wirkte speedy, überdreht. Und ist total aufgebrezelt, perfekt geschminkt, gestylte Frisur. Sie hat endlos teure Markenklamotten und Taschen, auf Gestellen wie im Laden. Quadratmeterweise Schuhe. Ein dickes Auto. Das hab’ ich nicht gesehen, hat sie aber erzählt von.»
«Ist sie mit jemandem zusammen?», traute sich Härri zu fragen.
«Keine Ahnung, hat sie nicht gesagt. Hab’ ich auch nicht gefragt.»
«Muss ich mir Sorgen machen?»
Bruno zuckte mit den Schultern.
«Machst du dir ja eh schon. Aber dann würde ich mich auch wieder mal melden bei ihr. Kann nicht schaden.»

Keine Kommentare: