11.12.25

III, 19

Ich hatte damit begonnen, Artikel zu sammeln über die Wiederentdeckung der psychedelischen Substanzen für diverse therapeutische Zwecke. Mich erstaunte ihre Häufigkeit und ich fragte mich, ob sie eine zufällige Koinzidenz mit meinem Interesse für das Thema bedeutete, ob mir mein Gehirn in einem selbstverstärkenden Kreislauf aus innerem Fokus und gesteigerter, nach aussen gerichteter Aufmerksamkeit die Artikel zuspielte, oder der personalisierte Algorithmus die halluzinogenen Drogen bereits als einen meiner Lieblingsinhalte errechnet hatte. Bei sorgfältiger Durchsicht des bisher Zusammengetragenen meinte ich allerdings ein dichtes und noch zunehmendes Forschungsinteresse für LSD, Psilocybin, MDMA, Ayahuasca feststellen zu können. Für therapeutische Anwendungen im Zusammenhang mit Depressionen, Suchterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstneurosen und so weiter waren die Hürden in den USA und in Grossbritannien höher als in der Schweiz, wo es bereits Angebote mit fallbezogenen Genehmigungen gab wie jene, die Priska erlebt hatte. Psychoaktive Substanzen, so las ich, hätten es in den angelsächsischen Ländern schwerer, den schlechten Ruf und die rigorosen Verbote aus der Hippiezeit loszuwerden. Die Forschung hatte aber auch dort wieder Fahrt aufgenommen und zeigte bereits erstaunliche Resultate. Einige der Psychedelika entfalteten eine entzündungshemmende Wirkung, ohne dass sie das Immunsystem unterdrückten wie die dafür üblicherweise eingesetzten Kortikosteoride. Das machte sie interessant für die Behandlung chronischer Entzündungen einschliesslich der durch sie ausgelösten und verlängerten Krankheiten. Dabei konnte man feststellen, dass dieser Wirkungsmechanismus im Gehirn über andere Kanäle ablief als derjenige, welcher den Trip auslöste. Und folglich wurde nach Möglichkeiten gesucht, Entzündungshemmer zu entwickeln, welche die Patienten nicht als Nebenwirkung noch auf eine Reise schickten. Ebenso waren bei der Unterstützung der Plastizität des Gehirns nach Traumata oder im Alter, wo den Psychedelika positive Wirkungen zugetraut wurde, Halluzinationen unerwünscht. Es gab auch schon einen kuriosen Namen für die angepeilten Medikamente: Pipi-Drogen, pipi drugs, psychedelic-informed but psychedelic-inactive. In der Palliativmedizin, wo Psilocybin im Zusammenhang mit dem für den Sterbeprozess so wichtigen Loslassen untersucht wurde, und ebenso bei der Behandlung psychischer Erkrankungen war aber wohl die mit dem Trip verbundene Flutung des Bewusstseins keine unerwünschte Nebenwirkung, sondern Bestandteil der heilenden Wirkung. Interessant fand ich auch einen Artikel, in dem erklärt wurde, dass sich in der Evolution der Pilze die Produktion der halluzinogenen Alkaloide gleich zweimal auf chemisch verschiedenen Wegen entwickelt hätte. Dies wurde als Beleg dafür angesehen, dass diese Substanzen für die Pilze eine wichtige Funktion haben müssten, die aber noch unerforscht sei. Ich freute mich darauf, Priska von dem zu erzählen, was ich gelernt hatte. Vielleicht würde es ihr helfen, die Therapie als Gewinn anzusehen. Ich hatte das Gefühl, dass eine solche Einschätzung wichtig sei für ihren Heilungsprozess, oder, wie man bei einer Alkoholikerin vielleicht eher sagen musste, für die Stabilisierung ihres Entschlusses, trocken zu bleiben.

Zuerst einmal war sie krank geworden nach ihrem letzten Trip. Sie rief mich ein paar Tage danach an, als es ihr schon wieder besser ging. Ihre Stimme war noch heiser und sehr tief, aber das Gemüt heiter und unternehmungslustig.
«Es hat mich voll erwischt, Husten, verstopfte Nase und ein dicker Kopf. Aber jetzt geht es mir wieder gut.»
Mir kam in den Sinn, wie leicht sie gewesen war, als ich sie die Treppen hochgetragen hatte.
«Isst du genug?», fragte ich sie deshalb. Sie überhörte die Frage.
«Ich habe gerade dein Foto vom Grab angeschaut. Und weisst du, woran mich das Skelett erinnert hat? An die alte Geisterbahn vom Wiener Prater! Die haben sie renoviert und jetzt wieder auf dem Petersplatz aufgestellt. In allen Zeitungen haben sie das gebracht.» Sie war nicht zu bremsen. «Das Bild auf der Front sieht fast wieder aus wie früher, mit dem Totengerippe, das vom Balkon des Spukschlosses herunterkriecht, und dem Drachen auf der anderen Seite. Waren wir nicht mal zusammen auf diese Bahn gegangen?»
Wusste sie das nicht mehr oder tat sie nur so? Mir war es als erstes in den Sinn gekommen, als sie davon angefangen hatte. Der Hauptgrund, warum man als Halbwüchsiger mit einem Mädchen auf die Geisterbahn ging, war die Hoffnung, dass sie sich einem in der Dunkelheit in tatsächlicher oder gespielter Angst an die Brust werfen und tröstendes Streicheln und Küssen tolerieren würde. Was damals auch bei uns funktioniert hatte. Ich war zu langsam und bevor ich antworten konnte, redete sie weiter.
«Ich möchte hingehen, die Herbstmesse ist ja noch bis am Wochenende. Kommst du mit, es ist doch bei dir um die Ecke. Bitte!»

Ich war nach dem Tag, an dem ich sie in die Klinik begleitet hatte, insgeheim froh gewesen, nichts von ihr zu hören. Es hatte mich viel gekostet, ihr die Geschichte von der missglückten Bergung der Erasmusgebeine zu erzählen, weil ich mir über meine damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle zuerst selbst hatte klar werden müssen und die Symbolik, die der Vorfall für mich angenommen hatte, so schwer zu vermitteln war. Ihre spärliche Reaktion darauf hatte mich zwar in keiner Weise überrascht, aber dennoch war ich enttäuscht, dass es sie kaum zu interessieren schien, über unsere damalige gemeinsame Zeit nachzudenken und es mir nicht gelungen war, sie dafür zu gewinnen. Vielleicht tat ich ihr aber unrecht. Vielleicht dachte sie darüber nach und würde irgendwann in der ihr eigenen sprunghaft assoziativen Weise darauf zu sprechen kommen. Der Abschluss ihrer Tripserie hatte sie sichtlich stark beschäftigt und, wie man an der kurzen Erkrankung in einer Phase der Entspannung erkennen konnte, viel Energie gekostet. Jetzt war sie in einem enthusiastischen, energiegeladenen Zustand, von dem ich hoffte, dass er nicht ein manisch überdrehtes Zwischenhoch vor einem Absturz in irgendeiner Form war. Soviel meine erwachsenen Gedanken dazu, darunter regte sich aber die Erinnerung an ihr fröhliches Drauflosstürmen als Jugendliche, das seinerzeit oft Passivität und Sprachlosigkeit von meiner Seite ausgelöst hatte. Ich versprach ihr den gemeinsamen Besuch der Geisterbahn am Wochenende, nahm mir aber gleichzeitig vor, mich dadurch nicht ablenken zu lassen. Wovon genau, hätte ich aber nicht sagen können.
Ich hatte die letzten Tage genutzt um meine Bilder für das Projekt mit den Dingen weiter zu ordnen. Dabei zeigte sich, dass ich zunehmend auf meine Intuition zählen konnte bei der Auswahl und dafür keine Themen oder Kategorien brauchte. Es ging um eine gewisse Dichte sowohl in der Ästhetik als auch im Potenzial, eine Geschichte zu erzählen. Das war der Leim, der die Bilder haften liess in meiner Wahrnehmung, und hoffentlich auch in derjenigen ihrer zukünftigen Betrachter. Ich fixierte ein paar der neu ausgesuchten Fotografien mit Stecknadeln an die Wand. Drei davon hatte ich einst auf einer Reise in Hongkong aufgenommen, Bilder von winzigen, in unübersichtlichen urbanen Umgebungen installierten Altären. Ob sie der individuellen Verehrung von Ahnen gedient hatten oder einer kollektiven, in der Öffentlichkeit gelebten Alltagsfrömmigkeit gegenüber Göttern, wusste ich nicht. Besonders interessant wurden sie, wenn man sie nebeneinander betrachtete. Das gemeinsame Muster in den improvisiert wirkenden Arrangements war subtil. Einzig das mit Sand gefüllte Gefäss, in das die Räucherstäbchen gesteckt wurden, fehlte bei keinem, alle anderen Merkmale wie Anzahl, Materialität und Farbe der Opfergaben verbanden immer nur zwei der drei Installationen.
Um mir etwas Druck zu machen bezüglich einer Ausstellung, hatte ich mir die Kontaktdaten einer Fotogalerie in Kleinbasel herausgesucht, deren Betreiberin ich vor langer Zeit gekannt hatte. Auf ihrer Webseite sah ich Bilder einer aktuellen Ausstellung mit Porträts von randständigen Menschen, die Priska sicher interessieren würde. Vielleicht kannte sie sogar den Fotografen.
An der Herbstmesse war ich schon lange nicht mehr gewesen. Für meine Schwester und mich war es, wie wohl für die meisten Basler Kinder, eines der grossen Ereignisse im Jahresablauf gewesen. Als wir klein waren, warteten aufregende Erlebnisse wie das Reiten eines Pferdchens auf dem Karussell, der Kauf eines Gasballons oder von Süssigkeiten, die es sonst nicht gab, auf uns: gefüllte Lebkuchen, die «Biber» hiessen, oder fingerlange, fingerdicke in Cellophan eingepackte Schleckstengel, die man «Messmocken» nannte und unter denen jedes Kind seine Lieblinge hatte. Meine Favoriten waren weissliche mit Anisgeschmack und durchsichtig dunkelgrüne, in die kleine schwarze Rhomben, die «Wybert»-Bonbons, eingegossen waren. Meine Schwester liebte die roten mit Erdbeergeschmack, welche die Zunge am intensivsten färbten. Es gab Kartoffeln aus Marzipan, die ich mochte und meine Schwester nicht, oder das schwärzliche «Magenbrot», das nur die Erwachsenen assen. Als wir grösser wurden, suchten wir nach stärkeren Reizen. Auf die hölzerne Achterbahn, die teuerste an der Messe, lud uns, zu unserer Jahr für Jahr wiederholten Überraschung und Freude, die Grossmutter ein. Ebenso auf eine der Bahnen, deren Wagen kreisförmig zusammengeschlossen waren und über Wellen und Täler sausten. Der Sammelbegriff dafür war «Himmalaya-Bahn», aber der Grossmutter gefiel die am besten, deren Design einer Bahn der Landesausstellung von 1939 nachempfunden war und die auch gleich hiess: «Schifflibach». Die Wagen glichen kleinen Motorbooten. Das Gestänge, mit dem sie vom Zentrum aus angetrieben wurden, war durch eine grosse blaue Plane abgedeckt, und wenn sich die bewegte, sah es aus wie Wellen. Auf diesem künstlichen Meer schwammen, oder besser, rollten und hüpften aufblasbare Wasserbälle, die man zu schnappen versuchte. Und wenn man damit einen der in der Mitte mitdrehenden Körbe traf, hatte man eine Extrafahrt gewonnen. Vor der Geisterbahn schreckte ich lange Zeit zurück, und als ich mich dann endlich getraut hätte, galt mir die Bahn bereits wieder als etwas für Eltern mit kleinen Kindern, oder für jugendliche Liebespaare. Als solches war ich dann später mit Priska zusammen in eines der rot gestrichenen Wägelchen gestiegen.
Sie holte mich zuhause ab. Bevor wir loszogen, tranken wir noch Tee in meiner Küche. Priska schien sich noch immer in aufgekratzter Stimmung zu befinden und plauderte über alles mögliche, bis ich sie unterbrach und von ihr wissen wollte, wie sie den letzten Trip denn nun einschätze. Ob er das gebracht habe, was sie erwartet hätte.
«Du hast mir von der Vision erzählt, in der deine Mutter herumrannte und versuchte zu verhindern, dass euch die Luft ausgeht. Hast du noch andere Wahrnehmungen oder Träume gehabt?», fragte ich sie.
Sie reagierte zuerst etwas verärgert wegen meines dezidierten Wechsels zu einem «ernsten» Thema, dann aber schien ihr einzufallen, dass es früher immer umgekehrt gewesen war und sie mich hatte auf «das Wesentliche» stossen müssen in unseren Gesprächen. Sie machte eine feine Bewegung mit dem Kopf, ihre Stirn entspannte sich und dann lächelte sie mich an und erzählte. Es sei ziemlich farbig und laut zugegangen dieses letzte Mal. Zuerst habe sie den ornamentalen Firlefanz, in den sich die Einrichtung um sie herum verwandelt habe, als quälend erlebt. Kitschig und abstossend, diese Buntheit, die Blümchen und Schnörkel überall, wie an einer übereifrig dekorierten Tanzparty im Altersheim, nur dass sich noch alles bewegte, was eigentlich einfach ruhig hätte da sein sollen. Ein Gewoge und Geschnaufe, wie eine Sexszene in einem schlechten Film. Total lächerlich. Und so sei es weitergegangen, alles habe sie auf einmal zum Lachen gereizt, vor allem die Stimmen der Begleiter, die wahrscheinlich wie immer in ruhigem und sachlichem Ton gefragt hätten, ob alles in Ordnung sei, nun aber getönt hätten, als würden sie durch einen Wha-wha-Verzerrer reden und damit herumalbern. Auch die Ambient-Musik sei aufdringlich geworden und habe sich wie flüssiger Honig überallhin ausgebreitet. Ihr sei furchtbar schlecht geworden. Ob sie sich habe übergeben müssen, wisse sie nicht mehr. Erst als alles durchsichtig und durchlässig geworden sei, habe sie sich etwas beruhigen und entspannen können. Sie meine, dass dann diese Vision mit ihrer Familie und der herumsausenden Mutter entstanden sei. Danach habe sie wohl eine Weile gedöst oder sogar geschlafen. Und ganz zum Schluss, als die Wirkung des Stoffs schon merklich nachgelassen habe, hätte sie noch die deutliche Empfindung gehabt, die sie auch bei früheren Trips schon ergriffen habe und von der ich ihr in ähnlicher Weise erzählt hätte. Sie habe sich irgendwie «mit allem verbunden» gefühlt. Wenn man dies so ausspreche, töne es immer blöd, so banal und klischeehaft. Aber im Erleben sei es sensationell gewesen, weil es sich nicht als Verbindung ihres inneren Ichs und ihres Körpers mit «allem da draussen» angefühlt habe, sondern so, als sei sie dieses Alles, dem aussen und innen einerlei war. Dieses Mal habe sich noch der Gedanke, oder mehr die Empfindung daran gehängt, dass diesem Alles auch die Unterscheidung zwischen tot und lebendig, zwischen früher, heute und morgen nichts gelte. Sie wisse nicht, ob ihr da der Einfall gekommen sei, oder ob sich der später eingestellt habe, dass so zu sterben einfach und schön wäre.
Sie schwieg und schien abgeschlossen zu haben. Ich beschloss, ihr ein anderes Mal von den Psilocybin-Studien in der Palliativmedizin zu erzählen und schlug vor, aufzubrechen und uns die Geister reinzuziehen.

Das Wetter war nicht ideal für einen Besuch der Herbstmesse. Der Himmel war düster grau und es nieselte so stark, dass wir beide einen Schirm mitnehmen mussten. Wir gingen durch das Stadttor und am Botanischen Garten vorbei, als vom Petersplatz her bereits die Geräusche der Messe zu vernehmen waren. Hier gab es wenige Bahnen, darum hörte man vor allem durcheinanderredende und lachende Menschen, die Musik eines Karussells, und am lautesten das Kreischen junger Frauen aus der Geisterbahn, die mitten auf dem Platz stand. Sie war, wie so vieles, was man seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat, viel kleiner als wir sie in Erinnerung hatten. Wir blieben lange vor der Fassade stehen, deren Malerei uns als Kinder und Jugendliche so beeindruckt hatte. Wir fanden beide, dass sie recht schön restauriert worden war.
«Ich habe sie vor ein paar Jahren gesehen», sagte Priska, «da hat man eigentlich von den Figuren nichts mehr erkennen können. Alles war schwarz, nur die vergitterten Fenster der Schlossruine hat jemand mit Leuchtrot ausgemalt. Absurd sah das aus.»
Ich hatte über die Bahn nachgelesen, nachdem sie mich gebeten hatte, gemeinsam dahinzugehen. Man wisse nicht, wer dieses Bild ursprünglich gemalt habe. Wahrscheinlich sei es jemand gewesen, die oder der auch grosse Kinoplakate gemalt habe, wie sie früher an den Fassaden der Säle angebracht worden seien.
«Wie Tilly Keiser!», rief Priska aus.
Die kannte ich nicht.
«Ja, niemand kennt die. Ich habe eine Ausstellung ihres Nachlasses gesehen vor zwei Jahren. Sie war befreundet mit Max Kämpf, und manche ihrer Bilder sind besser als seine. Aber sie wurde nie bekannt als Malerin. Plakate hat sie gemalt anfangs der 1940er-Jahre, für das Kino «Uhu» in Liestal. Das gibt es schon lange nicht mehr.»
«Dies hier gäbe es auch nicht mehr ohne einen Verein, der die Bahn gekauft hat», sagte ich. «Gehen wir rein?»

Beeindruckend war noch immer die grobe Heftigkeit gewesen, mit der unser Wägelchen in die Schwenktüre krachte. Als Kind hatte mich das erschreckt, weil ich dachte, die Geister würden einen im Innern vernichten, wenn sie ihre Opfer bereits am Eingang so voller Verachtung gegenüber ihrer Zerbrechlichkeit behandelten. Im ersten Moment war dann die Dunkelheit total undurchdringlich gewesen, und das war sie auch dieses Mal. Unwillkürlich legte ich meinen Arm um Priskas Schulter und bevor ich ihn wieder zurücknehmen konnte, rückte sie näher an mich heran, darum liess ich ihn dort. Prinzip und Rhythmus der Geistererscheinungen waren ziemlich durchschaubar, das war mir schon als Jugendlicher aufgefallen. Es handelte sich auch eher um Skelette, die plötzlich auf einen zu zappelten und dabei grell von unten beleuchtet wurden, um sogleich wieder ins Dunkle zu versinken. Allerlei Geräusche wie Jaulen, Heulen oder Knurren schienen mir realistischer und klarer zu sein als damals, und auch die Abdichtung gegenüber dem Tageslicht, das früher da und dort unter den Zeltplanen hindurchgeschienen und die Illusion des Schlosslabyrinths gestört hatte, war perfekt. Am lautesten war das Gekreisch von Kindern und Jugendlichen, das aber meist fröhlich tönte und sich mit Lachen und allerlei Sprüchen mischte. Die Schienen stiegen an und plötzlich wurde man im ersten Stock aus einer weiteren Schwenktüre ins Freie der Schlossveranda geboxt, von wo aus man kurz zum wartenden Publikum heruntersah und von diesem aufmerksam gemustert und auf Anzeichen von Panik geprüft wurde. Priska und ich sahen uns kurz an, beide lachend, dann polterte schon wieder die Türe zur Seite und die Dunkelheit verschluckte uns. Verkleidete Menschen fassten uns keine an, wie wir meinten, und auch die gefürchteten feuchten Seile und Jutefetzen, die einem früher übers Gesicht gefahren waren, blieben aus. Wir vermuteten, dass die Bahnbetreiber heute vorsichtiger sein mussten, um sich nicht dem Vorwurf von Übergriffen auszusetzen.
Als wir später an einem Stand noch eine Wurst assen, erzählte ich Priska, dass ich einmal unter LSD an der Herbstmesse gewesen sei, und zwar auf dem Platz vor der Mustermesse, wo die grossen und wilden Bahnen standen. Die Farbigkeit der Lichter und die wummernde Musik habe mich zuerst in höchste Ekstase versetzt, bald aber sei mir alles zu viel geworden und der liebe Kerl, der damals den Tripsitter für uns drei Reisende gemacht habe, wollte uns auch vom Platz weglotsen, weil einer auf die Riesenschaukel gehen wollte. Es war mir so herausgerutscht, obwohl ich wusste, dass Priska von diesem Thema nichts hören wollte. Sie kommentierte es auch nicht, sondern knüpfte wieder an dem an, was sie zu ihrem letzten Trip gesagt hatte.
«Meinst du», fragte sie, «dass es, bis wir soweit sind, ein Angebot geben wird von Exit oder Dignitas oder wie sie heissen, wo man vor dem Sirup, der einen umbringt, einen Trip einwerfen kann?»

6.8.25

Die Medaille

Was ihn überraschte: es fiel ihm wieder leicht, früh aufzustehen und als einer der ersten auf der Baustelle zu sein. Oder auf der «Grabungsstätte», wie es sein Lehrmeister Chiesa oder der Anthropologe Bachmann nannten. Er musste sich nun von seiner seriösen Seite zeigen, das war ihm klar. Den Frühmorgenjob in der Börse hatte er schon vor längerer Zeit aufgegeben. Er brauchte das Geld auch nicht mehr so dringend, weil er kaum noch zu seinen Trips kam und den Lehrlingslohn nicht zuhause abgeben musste für Kost und Logis wie einige seiner Kollegen.
Heute war er sogar zu früh dran, die Tür im Bauzaun aus Schalungsbrettern, welcher die gesamte Breite der Münsterfassade abdeckte, war noch verschlossen. Er zündete sich eine Zigarette an und wartete auf den Vorarbeiter, der mit seiner Vespa angefahren kam noch bevor er fertig geraucht hatte.
«Kannst es nicht erwarten weiterzugrübeln?», fragte der Mann, der nicht zu wissen schien, was Js Aufgabe bei den Ausgrabungen war. Vom Alter her hätte er sein Vater sein können. Er trug noch den kugeligen Helm auf dem Kopf und nahm seine Kippe nicht aus dem Mundwinkel beim Reden. Er schloss auf und liess J zu dessen Verwunderung zuerst eintreten.
«Mal sehen, ob ihr heute was zu Fotografieren bekommt», brummte er, als sie beide ihre Jacken an die Haken beim Eingang hängten. Also wusste er es doch.
Obwohl sie nun schon seit Wochen hier arbeiteten, war er noch immer bei jedem Eintreten von Neuem gefesselt vom Raum, aus dem der gesamte Boden herausgerissen war. Er erinnerte ihn an den Wald in einem Bergsturzgebiet, durch den er einmal in den Ferien gestreift war. Die Säulen und Pfeiler schienen wie die Tannen dort und damals keine gemeinsame Ebene zu haben, aus der sie emporwuchsen. Sie fussten auf inselartigen, amorphen und bröselig erscheinenden Wurzelbänken. Drei tiefe Gräben, zwei auf den Seiten, einer in der Mittelachse, dazwischen lehmige, helle Flächen aus gestampftem Lehm, – aus der vor-römischen Schicht, wie er gehört hatte – führten nach vorne zur Vierung, wo das Gelände noch unübersichtlicher wurde und anstieg, gestuft und durchbrochen von geöffneten Gräbern und ruinenhaften Treppenauf- und abgängen. J liebte den Geruch von Zement, der im Raum schwebte und in den sich im Laufe des Tages andere Düfte mischen würden: Kaffee, Bier und Salamibrote. Schweiss und – obwohl er verboten war – Zigarettenrauch. Selten, wenn wieder ein Grab geöffnet worden war, roch es nach Moder und Schimmel.
Heute sollte es beim Grab mit der Nummer 45 soweit sein. Die Reste des eingedrückten Sargdeckels waren am Vortag freigelegt worden, darunter konnte man deutlich die Knochen erkennen, mit braunviolett-schwärzlichem Belag dort, wo sich Reste der Bekleidung zersetzt hatten. Seufzend hatte der Anthropologe gestern, als sie den Zwischenstand fotografisch dokumentierten, festgestellt, dass der Leichnam offenbar mit Ätzkalk bestreut worden war, wobei er auf die Stellen zeigte, an denen zwischen den Resten der Bretter ein weissliches Gebrösel zu sehen war. J wusste von anderen Gräbern, dass es sehr schwer war, durch Löschkalk verätzte Knochen am Stück zu bergen. Sie waren davor schon kaum so zu fotografieren, dass sie als menschliche Überreste zu erkennen waren. Das Grab 45 zog im Moment viel Aufmerksamkeit auf sich. J hatte den Grund dafür bruchstückhaft aus den Unterhaltungen der Erwachsenen erfahren. Bachmann hatte eine These bezüglich des hier Bestatteten, der nach einer Untersuchung in den späten 1920er-Jahren als Grabnachbar des berühmten Erasmus von Rotterdam galt. Der niederländische Gelehrte liege aber eben nicht in der Grube nebenan, wie man damals gemeint habe, unmittelbar am Fuss der Säule, an der einst seine Gedenktafel angebracht gewesen war, sondern zwei knappe Schritte davor, in der nun geöffneten Nummer 45. Der nun Auszugrabende sei der wahre Erasmus. Das andere Grab, das aus Platzmangel später dazwischen gequetscht worden war, habe übrigens die Knochen zweier Toter enthalten, die Bachmann sogar meinte, mithilfe schriftlicher Quellen identifiziert zu haben. Es handle sich um zwei Chorherren mit Namen Oeuglin, Onkel und Neffe, deren sterbliche Überreste dreissig Jahre nach Erasmus’ Tod gemeinsam begraben worden seien. Das besser erhaltene Skelett des Jüngeren sei damals vom zuständigen Anthropologen fälschlicherweise für das des Erasmus gehalten und die Behauptung mit viel Aufwand belegt worden. Sein Lehrmeister Chiesa hatte J dann noch genüsslich die Geschichte erzählt, die für grosse Aufregung und Irritation in der Fan-Gemeinde des Rotterdamers gesorgt habe. Nämlich der Befund einer schweren, an den Schienbeinkochen deutlich sichtbaren Syphilis-Erkrankung, die man nicht mit der Überlieferung vom Leben des Humanisten zusammenbringen wollte. Bachmann war entschlossen, eine neue Geschichte zu begründen.
In den letzten Tagen war J klar geworden, wieviel für die Verantwortlichen der «Grabungsstätte» auf dem Spiel stand. Chiesa, der behauptete, dies «von aussen» beobachten zu können, hatte ihm erklärt, dass es um beruflichen Ehrgeiz gehe, um Machtspiele zwischen den zuständigen Disziplinen – Archäologie versus Anthropologie, mittelalterliche versus antike Bodenforschung und so weiter –, aber auch um Zeit, die Geld bedeute. Geld fresse, das durch ein Budget begrenzt sei. Es hatte lautstarke Auseinandersetzungen gegeben zwischen dem Archäologen, der möglichst bald in die tieferen, römischen und keltischen Schichten vorstossen wollte, für die er dann allein zuständig sein würde, und dem Grabungsleiter Sabatier. Das Münster mit seinen mittelalterlichen Strukturen sei für ihn nur ein Hindernis, das ihn ärgerlicherweise von seinem Ziel trenne, warf ihm dieser an den Kopf, als er wieder einmal drängte, Bachmann solle «endlich vorwärts machen mit seinen Knochen». Der aber liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wollte seinen Erasmus finden und ausgraben, mit der unbeirrbaren Sorgfalt, die er dafür nötig erachtete.

Mit Erasmus verbanden J eher unangenehme Erinnerungen. Natürlich hatten sie, noch mit dem ersten Lateinlehrer, wie ihm schien, sämtliche lateinischen Inschriften in der Umgebung der Schule besucht, was ihnen als Schüler wenig brachte, weil sie davon meist nur einzelne Wörter verstanden. Der Lehrer begründete diesen Umstand mit dem mittelalterlichen «Kirchenlatein» oder mit den zahllosen Abkürzungen der in Stein gemeisselten Würdigungen. Bei der Gedenktafel des Erasmus, der einer dieser Besuche galt, hatte er sich nur noch an den blutwurstfarbigen Stein und an die Graffiti erinnern können, welche Bewunderer frecherweise schon ab dem 16. Jahrhundert hineingeritzt und sich damit vereweigt hatten. So wurde es ihnen erklärt und gezeigt. Eines, an das er sich noch erinnern konnte, suchte und fand er wieder. Es war winzig, eingeschrieben in ein gemeisseltes und vergoldetes C: JOAÑES Crucius. J machte sich nicht die Mühe, herauszufinden, wer das gewesen war, aber der Lateinlehrer hatte es ihnen sicher gesagt: Jean de la Croix, ein wallonischer, evangelischen Geistlicher, der knapp hundert Jahre nach Erasmus gelebt hatte, sein Bewunderer gewesen und offenbar zu seinem Grab gepilgert war.
J ärgerte sich noch immer, wenn er daran dachte, dass ausgerechnet der zweite Lateinlehrer, den er gut mochte, ihm in seiner zuweilen flapsigen Art einen Übernamen angehängt hatte, von dem er behauptete, er hänge mit Erasmus zusammen: «Körperchen». Dabei hiess er Körber, und nicht Körper, was es auch gab als Name. Beide Schreibweisen hatten, wie er vom Vater wusste, mit dem Beruf des Korbmachens zu tun und gar nichts mit dem Körper, der einem mit vierzehn Jahren – so alt war er bei der unerwünschten Namensgebung – sowieso peinlich ist. Erasmus sei oft krank gewesen in seinem Leben, so der Lehrer, und dadurch zum Hypochonder geworden, ein Wort, dessen Bedeutung J bei dieser Gelegenheit in den Zusammenhang des «eingebildeten Kranken» zu bringen lernte, den sie im Französischunterricht kennengelernt hatten. Erasmus habe das Gejammer über seinen jeweiligen Gesundheitszustand aber ironisch zu mildern gewusst, indem er von seinem «Körperchen» sprach. Der Lateinlehrer schien das sehr lustig zu finden und bekam Zustimmung von Js Klassenkameraden. So blieb der Übername zu seinem Kummer eine Zeit lang an ihm kleben. Vor seinem Weggang war er aber von seinem Klassenkameraden nur noch selten so genannt worden, und nun war es für ihn Geschichte.

Der Raum der ausgeschlachteten Kirche wurde auch heute belebt von vielerlei Geräuschen. Man konnte rhythmisches Picken von Hämmern und Meisseln unterscheiden vom Kratzen und Scheuern der Besen oder vom pfeifenden Knirschen des Kieses unter Schaufeln. Ab und zu war auch lautes Poltern und Klopfen zu hören, die sich durch Echo vervielfältigten, wenn Bretter umgeschichtet oder mit Klammern zu Laufstegen und Geländern vorübergehend zusammengefügt werden mussten. Der Lärm der Arbeiten wurde von den Gewölben und Wänden reflektiert und kreuz und quer zwischen Säulen und Bögen hin- und hergeschickt, sodass man oft nicht bestimmen konnte, wo seine Quellen waren. Dazu kamen die Stimmen derer, die sich etwas zuriefen, Anweisungen, Warnungen. Aufforderungen, irgendetwas von A zu holen und nach B zu bringen. Oder eine aufgefundene Situation musste diskutiert, das weitere Vorgehen besprochen und die nötigen Anweisungen ausgegeben werden. Manche sangen oder pfiffen auch beim Schaffen ohne sich darum zu kümmern, wo sie waren. Die Heiligkeit des Ortes war suspendiert.
Js hauptsächliche Aufgabe war es, Material herumzuschleppen, in erster Linie die Ausrüstung seines Lehrmeisters Chiesa. Die Stative und Lampen waren am schwersten, gefolgt von den Taschen mit den Kameras, Objektiven und Belichtungsmessern, die der Meister aber nur ungern jemand anderem überliess. Die Grabungshelfer und selbst die Arbeiter hatten längst herausgefunden, das J immer wieder mal «nichts zu tun» hatte, also wurde er für alles eingesetzt, wozu noch ein paar Hände gebraucht wurden, oder was man gerade nicht selber machen wollte. J war es egal, sein Rücken war robust und seine Arme und Beine kräftig. Und so sah er in alle Bereiche hinein und lernte alle Menschen kennen, die zu der Unternehmung gehörten.
Er hatte es schon ein paar Mal erlebt, dass sich an einem bestimmten Ort des Raums die Energie verdichtete. Jetzt gerade ging sie von einem lauten Ausruf Bachmanns aus, der mit ausgestrecktem Arm und dramatisch deutendem Zeigefinger eine Stelle in der Grube bezeichnete, die sofort wie ein Gravitationszentrum wirkte, die verstreuten Menschen bewog, alles stehen und liegen zu lassen und sich zum Ort zu bewegen, wo Bedeutendes zu Tage getreten war. J liess sich Zeit, konnte aber schliesslich der Neugier auch nicht widerstehen und begab sich zum Grab mit der ominösen Nummer. Das wusste er schon: wenn man beim Graben auf ein Objekt von auffälliger Farbe und regelmässiger Form stösst, dann handelt es sich um etwas Wichtiges. Zwar war er belehrt worden, dass es sich immer auch um ein seiner umgebenden Schicht fremdes Ding handeln könne, aber das schien hier nicht der Fall zu sein. Das Skelett war schon beinahe vollständig freigelegt. Und nun lag da auf seiner linken Bauchseite, über den Resten der linken Hand, eine petrolgrüne Scheibe von etwa zehn Zentimetern Durchmesser. Bachmann war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber gerade war er völlig aus dem Häuschen.
«Bronze, sage ich euch! Es ist Bronze!», wiederholte er mehrmals, als würde ihm widersprochen. Aber alle, die von ringsherum in die Grube hinunterschauten, stimmten ihm zu.
«Ja, aber was ist es? Für eine Münze ist es viel zu gross, oder?», fragte einer.
«Eine Gedenkmedaille!», dozierte Bachmann. «Und wenn es die ist, an die ich denke, dann ...»
Da brach es los von allen Seiten, gleichzeitig: «Die vom Erasmus? – Meinst du, er ist es? – Mensch, dann hatte er recht! – Waren die Dinger so riesig? – Die haben sie ihm in die Hand gedrückt, aber wozu?»
Bachmann war schon wieder am Pinseln. Dann richtete er sich auf in seiner Grube, stellte sich auf ein quer verkeiltes Arbeitsbrett und sprach zu der Runde, die sich ein ganzes Stück über ihm versammelt hatte:
«Ich werde sie heute ins Museumslabor mitnehmen. Dann wissen wir es morgen!»

29.7.25

Der Film (latente Bilder)

Der Film musste noch irgendwo sein, da war ich mir sicher, als ich vor ein paar Tagen wieder einmal die Kraft und Entschlossenheit zum Aufräumen fand. Ich hatte damit begonnen, aus der mir riesig erscheinenden Sammlung von Diapositiven – abgelegt über Jahrzehnte in weit über hundert Boxen mit je zwei Magazinen à sechsunddreissig Bilder – je zwei bis fünf Dias auszuwählen, um sie in einem professionellen Geschäft digitalisieren zu lassen. Den Rest meinte ich anschliessend entsorgen zu dürfen. Bei dieser Arbeit stiess ich auf mehrere Ordner mit Schwarzweiss-Filmen und Kontaktabzügen aus der Zeit, als J noch mit seiner ersten Minolta-Kamera fotografiert hatte. Es war mir klar, dass der besagte Film nicht darunter zu finden sein würde, denn J hatte ihn nie entwickelt. Aber dann stiess ich auf eine Schuhschachtel aus Karton, in der sich neben ein paar Probeabzügen etwa ein Dutzend Filmspulen befanden, einige nackt, andere in ihren Büchschen aus Plastik oder Aluminium. Einige waren sogar mit dem Aufnahmedatum und einem Stichwort angeschrieben. Ich ging alle durch, öffnete die kleinen Behälter, ohne mich zu erinnern, wonach ich hätte suchen müssen. Bei einem der nicht angeschriebenen Filme – einem Ilford HP 5 – war die blecherne Hülle sichtbar korrodiert. Als ich das dazu gehörende Büchschen umdrehte, zuckte ich zusammen. Es war auf der Unterseite mit einem eingekratzten Kreuz markiert. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück.
T, die damals mit J zusammen die Lehre gemacht hatte – als erstes Mädchen in Basel, wie sie immer behauptete, wobei er später herausfand, dass es nicht ganz so gewesen war – T. also hatte immer Mühe damit gehabt, in absoluter Dunkelheit dazusitzen und dabei die knifflige Arbeit zu verrichten, die nötig ist, um einen Film in die Entwicklerbox zu bekommen. Was hiess, zuerst den Zelluloidstreifen zwischen die zwei gegeneinander verdrehbaren Flanken der spiralig gerillten Spule einzuführen und ihn dann mit koordinierten Bewegungen der Handgelenke und mit Hilfe der Zeigefinger in kleinen Schritten von aussen nach innen zu schieben und aufzuwickeln. T. war dabei immer in eine ungeduldige, auch ängstliche Stimmung geraten, vor sich hinredend und bald auch fluchend, weil sie nicht mehr wusste, wohin sie die notwendigen Dinge platziert hatte. Die Schere, oder den Deckel der Box. J dagegen hatte sich immer wohl gefühlt im Dunkeln.
J’s Wohlgefühl konnte ich noch immer reaktivieren, während ich nun seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in der Besenkammer unter der Treppe sass. Den winzigen, abgeschrägten Raum, in dem ich nur an einer Stelle aufrecht stehen konnte, hatte ich erstaunlich aufgeräumt vorgefunden. Er musste nur staubgesaugt werden, was ich eine halbe Stunde lang sorgfältig tat. Die winzige Arbeitsfläche, einst aus einem Brett und zwei Winkelstützen angefertigt und an der Treppenunterseite gefestigt, war noch da. Ich hatte vor dem Schliessen der Tür und dem Davorziehen des schwarzen Vorhangs alles Nötige auf dem Tischchen zurechtgelegt: Den Film, die Box mit der Spule, den Deckel, die Schere. Die Hände waren gewaschen und sorgfältig getrocknet. Nun schloss ich die Tür von innen ab und setzte mich auf den Stuhl, den ich mit den Kniekehlen erspürte. Wartete dann, bis die Nachbilder auf der Netzhaut verschwanden. Dieser Moment, bevor einem das Gehirn wieder farbige Lichterscheinungen vorgaukelt – nur um sich zu beschäftigen und weil es die Abwesenheit von Reizen nicht wahrhaben will – dieser Moment war etwas vom Schönsten, was ich kannte. Man konnte ihn verlängern, wenn man langsam und tief atmete. In den Tropen, in Afrika, hatte J als junger Mann auf Reisen die plötzliche, dämmerungslose Dunkelheit zu Beginn als bedrohlich empfunden, aber nicht aus Angst vor der Schwärze und den daraus vielleicht hervorbrechenden Gefahren, sondern weil er befürchtete, den Heimweg zu seiner Unterkunft in wenig vertrauter Umgebung nicht mehr zu finden. Ich erinnere mich noch an seine Gangart, die er sich in besonders dunklen Neumondnächten angewöhnt hatte, nachdem er sich einmal an den Rändern schräg liegender Bodenplatten aus Beton die Zehen blutig geschlagen hatte. Seitdem hob er in solchen Nächten die Füsse, indem er die Knie hochzog wie ein Sportler beim Training, auch wenn es lächerlich aussehen mochte. Es sah ihn zwar kaum jemand bei diesen Gelegenheiten, aber seine Bewegungen erinnerten ihn in peinlicher Weise an Versuche mit der «Gangart der Kraft», von der er mit sechzehn, siebzehn Jahren in den Büchern Castanedas gelesen und mit der er damals, als er noch an die Authentizität dieser Texte glaubte, experimentiert hatte. Er trug auf Reisen für den Notfall eine Taschenlampe auf sich, und bemühte sich sorgfältig, dass sie jederzeit genügend geladene Batterien enthielt. Licht zu haben, jederzeit Licht ins Dunkel bringen zu können, war ihm wie der Inbegriff der Zivilisation vorgekommen, von der aus man sich Ausflüge ins Lichtlose leisten und sich dort – mit wohligem Gruseln – sogar für eine Weile einrichten konnte. Gewisse Tätigkeiten liessen sich aber ohne Licht gar nicht verrichten: Lesen, schreiben, zum Beispiel. Und kompliziertere Dinge wie den Fotoapparat von Staub befreien oder die wund gelaufenen Stellen an den Füssen versorgen.

Die Zeit vor fünfhundert Jahren war viel dunkler als unsere. Erasmus muss von Kindsbeinen an daran gewöhnt gewesen sein, sich um Licht zu kümmern. Er wusste um dessen Unabdingbarkeit in manchen Situationen, aber auch um die Wirkungen, die Helligkeit auf unsere Seele und den Geist ausüben. Im Übergang zwischen Jugend und Erwachsenwerden, im Kloster von Stein, stahl er sich zwischen den streng geregelten Tätigkeiten, zu denen auch, eingerahmt von der letzten Abendandacht und der Frühmesse, ein paar Stunden Schlaf gehört hätten, seine private und verbotene Arbeitszeit beim Licht einer Kerze oder Öllampe und schrieb das erst viel später gedruckte Pamphlet «Gegen die Barbaren», seine Klage gegen geistige Dunkelheit, gegen das Verbot der «heidnischen» Literatur und die Unterdrückung des kritischen Lernens. Lucubratio heisst auf lateinisch die Arbeit bei Nacht, bei künstlichem Licht, und lucubratiuncula nannte Erasmus später zuweilen in scherzhaftem Diminutiv seine Werke.

Der Film war ganz eingedreht, also musste ich die metallene Kapsel öffnen. Lebhaft erinnerte Erfahrungen bewahrten mich davor, dazu die Fingernägel zu gebrauchen. Ich tastete stattdessen nach der Schere, setzte sie mit leicht geöffneten Spitzen am Rand des Kapseldeckels an und versuchte, ihn wegzudrücken. Zuerst widerstand er meiner Anstrengung, aber als ich die Kapsel etwas gegen den Spalt hin zusammenpresste, flog der Deckel davon und klingelte in der Dunkelheit zu Boden. Ich zog den Film sorgfältig aus seinem Behälter, der nun leicht klaffte, und achtete darauf, dass er sich dabei nicht entrollte, indem ich ihn mit der linken Hand so umschloss, dass ich möglichst nur die Kanten berührte. Es war erstaunlich, wie sich meine Hände in absoluter Dunkelheit erinnerten. An den Fingern meiner Rechten steckte die Schere, gleichzeitig konnte ich mit ihnen den schmalen Anfangsteil des Films ertasten, der abzuschneiden war. Dabei spürte ich am Rand des Zellulosestreifens eine Kruste – ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass der Film mit der Korrosion des Blechs der Hülle reagiert hatte. Man würde sehen, dachte ich, und begann damit, den Film in die Spule einzuführen. Er liess sich problemlos weitertransportieren, ausser zweimal, wo er wegen der Kruste am Rand steckenblieb. Ich konnte die Widerstände aber wegpulen, dann lief es wieder. Schliesslich spürte ich die leere Metallspule an meinen Daumen. Ich ertastete die Schere und schnitt sie vom Film ab, verdrehte die Räder aus Plastik noch ein paarmal gegeneinander, damit auch das Filmende sicher versorgt war. Dann griff ich nach dem Deckel der Dose, setze ihn auf das Gewinde und erkundete mit leichter Drehung, ob er geradesass und sich leicht zuschrauben liess. Als der Behälter dicht verschlossen war, konnte ich das Licht anschalten. Wie auch früher immer zögerte ich einen Moment und überlegte, ob ich an alles gedacht hätte. Dann machte ich hell.
Der Filmstreifen war nun sicher in seinem lichtlosen Behälter untergebracht. Ich hatte frische Chemikalien besorgt um ihn zu entwickeln und zu fixieren. Zusehen dabei, wie die latenten Negativbilder langsam auftauchen, kann man nicht. Obwohl ich die nötigen Manipulationen unzählige Male vollzogen hatte in meinen jungen Jahren, wollte ich sichergehen und las auf einem Beipackzettel nochmals nach. Neben der Wichtigkeit frischer Entwickler- und Fixierlösung wurde sorgfältiges und ausgiebiges Wässern zwischendurch und am Schluss betont. Um auch hier sicher zu gehen, spülte ich die Dose zum Schluss viermal, wobei ich die Anzahl der Kippbewegungen von drei auf vierundzwanzig steigerte. Dann durfte ich die Dose öffnen. Aufgeregt nahm ich die Spule heraus und sah sofort, dass sich Bilder auf dem Film befanden. Als das obere Rad abgedreht war, liess ich den Film vorsichtig in den Plastikkübel mit Wasser fallen, dem ich ein paar Tropfen Benetzungsmittel zugefügt hatte. Dann konnte ich nicht widerstehen, packte das eine Ende des Streifens und hob ihn hoch. Meine Augen suchten und fanden die zwei Bilder des Grabes sofort, obwohl sie als Negativ sehr abstrakt aussahen. Aber das feine, gegen das Fussende leicht zusammenlaufende Rechteck des Sarges war gut zu sehen. Beim Kopfteil, um das es mir wegen des Schädels ja ging, war das eine Bild durch die Korrosion angefressen. Ich liess den Film zurück ins Wasser gleiten und holte eine Lupe.

24.6.25

Rausch

Wenn ich wüsste, was ihn damals umtrieb. Die Schule, dieses seltsame, elitäre Männerbiotop, langweilte ihn fast durchgehend. Selten engagierte er sich mehr als für ein knappes Weiterkommen nötig war, wie jenes eine Mal, als er zum Erstaunen des Lehrers und der Klassenkameraden einen fulminanten Vortrag über die Verwendung von Drogen in der islamischen Kultur hielt. Wobei er sich auf die Medizin konzentrierte, die in dem Buch, auf das er sich hauptsächlich bezog, den geringeren Teil ausmachte. Aber er hielt es für besser, die hedonistischen und mystisch-transzendenten Motive der orientalischen Haschisch- und Opium-Esser nicht ins Zentrum seiner Ausführungen zu rücken, da er damals schon seine ersten Erfahrungen mit halluzinogenen Substanzen gemacht hatte, wovon einzelne Menschen in seiner Umgebung auch Kenntnis hatten.
Ausserhalb der Schule schuf er sich eine Parallelwelt, die ihn zunehmend beschäftigte und ausfüllte, oft auch in Atem hielt. Da er Geld brauchte für die stetig anwachsende Plattensammlung und die Aufrüstung seiner Musikanlage einerseits, andererseits zur Finanzierung der Trips an den Wochenenden, hatte er mit einem frühmorgendlichen Job begonnen: er putzte in einem der Gebäude der Basler Börse von halb sechs bis etwas nach sieben Uhr morgens. Seine Tour war eigentlich auf drei Stunden angesetzt, aber er legte sich ins Zeug und schaffte es in der Hälfte der Zeit. Auf dem anschliessenden Weg in die Schule traf er am Rheinsprung öfter mal auf den Lateinlehrer, der wohl seinen Wohnort kannte und sich wundern mochte, weshalb J aus dieser Richtung kam. Aber er sagte nichts dazu. So war das damals, man liess sich gegenseitig in Ruhe.

Als J seine ersten LSD-Trips einwarf, waren sie noch relativ teuer. Für einen kleine Tablette, die in einem illegalen Labor produziert worden war, zahlte er fünfzehn bis achtzehn Franken, was viel Geld war. Damit konnte man sich fast eine Langspielplatte kaufen. Dazu musste er lernen, dass man nicht wissen konnte, wie viel LSD sie enthielten, weil oft andere Stoffe beigemischt waren. Manche Pastillen liessen sich halbieren oder sogar vierteln, wobei die Verteilung der Substanz darin nicht gleichmässig war, weil sie nicht in einer professionellen Fabrikation hergestellt wurden. Nur ab und zu bekam er etwas aus den Labors der Sandoz. Da hatte er einen guten Freund, Hanspeter, genannt Hampe, der dort Laborant war. Hampe starb später leider an einer Überdosis, als das Heroin kam. Aber auf solchen Wegen wurden chemische Stoffe aus der Sandoz herausgeschmuggelt. Das war sehr reines LSD in Form kleiner, durchsichtiger Plättchen, die wie ein Stück Film aussahen und sich gut teilen liessen. Zudem fielen insgesamt die Preise, so dass die Einnahme für eine «Reise» schliesslich auf etwa fünf Franken kam.
J hat sich auch illegal betätigt. Was in seiner Stadt, in Basel, aus den Chemielabors kam, war nur sehr unregelmässig verfügbar. Da ging es wie gesagt um den Gelegenheitsklau von Laboranten, die dort gearbeitet haben. Wo aber regelmässig und in genügender Menge LSD-Trips hergestellt wurden, vor allem 1968, das war im Umkreis der amerikanischen Soldaten in Deutschland. Und der nächstgelegene Ort, wo es ein grosses Umfeld von amerikanischen Kasernen gab, war Heidelberg. Da fuhr man hin. J bevorzugte die Eisenbahn. Er kannte Leute, die machten das mit einem dicken Auto, z. B. Heinz mit seinem Chevy Impala. Der war natürlich sehr auffällig, wenn er zurückkam an die Grenze. Mit einem Riesenauto und drei, vier verwegenen Typen drin, ziemlich dumm war das. J hat sich mit einem Deutschen zusammengetan, den er gut kannte. Sie fuhren nach Heidelberg, füllten die Tabletten in einen Filzstift oder einen Caran d’Ache-Bleistift und steckten die in ihre Taschen. Da kamen die Polizisten nicht so schnell drauf. Oder was sie manchmal auch machten: den Stoff einpacken und dann in der Deutschen Bahn im Papierkorb verstauen. Denn sie wurden öfter mal gefilzt. Wenn man wie J lange Haare hatte, schauten die Beamten genau hin, weil sie ahnten, dass da was lief. Und sie wussten natürlich, dass in den Zügen aus dem Frankfurter Raum oder aus Heidelberg Drogen transportiert wurden. Wenn man es also über die Grenze geschafft hatte, wurde verteilt. Es war kein Gewinngeschäft, sie empfanden und bezeichneten es nicht als Dealen, sondern man hat vier, fünf, oder sechs Stück für sich behalten und die restlichen zwanzig mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis verkauft. Auf der Gasse. Die «Klagemauer» auf dem Barfüsserplatz war dafür beliebt, und das Café Oasis in der Greifengasse, das es heute nicht mehr gibt.
Die gekauften Portionen wurden geteilt und dann zusammen eingenommen. J und seine Freunde trafen sich an einem ruhigen Ort, spazierten zum Beispiel auf die Muttenzer Höhe, manchmal auf das Bruderholz. Oder man ging zu jemandem nachhause, wo es eine gute Musikanlage und genügend Schallplatten gab. Jemand kochte Tee und vielleicht wurde noch eine Pfeife geraucht, je nach den Leuten, die da zusammenkamen. Es handelte sich um Zweier, Dreier- Vierer-, selten auch Fünfergrüppchen. Im Wald und in der Natur konnten es bis zu zehn Personen sein. Meistens wusste jemand Bescheid, ob man die Tabletten teilen konnte oder ob man eine ganze nehmen musste, weil das LSD gestreckt war. Obwohl die Zusammensetzung der jugendlichen Gruppen immer wieder wechselte, fühlte es sich für J an wie eine verschworene Gemeinschaft, wie etwas Neues, ganz Anderes im Vergleich zu seinem Zuhause und zur Schule. Man entwickelte eine eigene Sprache für das, was man tat und erlebte. Und die Trips warfen einen um.

Er wollte sehen und hören. Ich weiss nicht, warum er sich bei seinem ersten Versuch das Kommende wie Kino vorstellte, oder wie den Besuch einer Oper. Man kennt halt nichts anderes: Er, als Beobachter und Zuhörer, als feste Bewusstseinsinsel im Zuschauerraum. Dort, auf der Bühne – und um ihn herum auch die nachbarliche Umgebung, die Logen mit gleichzeitig Teilnehmenden – findet «das Geschehen» statt, das, «was gespielt wird». Als der Rausch einsetzte, wollte er sich noch eine Weile an seine Erwartung klammern. Objektiver Beobachter bleiben, der später davon erzählen, das Erlebte irgendwie festhalten könnte. Aber es erwies sich als unmöglich, ja es schien sogar, als ob sein Widerstand – wogegen? was, wer trieb die Dynamik an? – sich auswirkte wie Böen, die in ein an sich schon lebhaftes Feuer bliesen. Hören und Sehen verging «ihm», oder vielmehr, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung blähten sich auf und vervielfältigten sich dermassen, dass es «ihn» nicht mehr gab. Jedenfalls nicht so, wie er sich kannte. Ich erinnere mich, dass ihm die Bäume eine wichtige Rolle spielten und mit ihnen eine Mischung aus Ehrfurcht und ästhetischem Genuss verbunden war. Dass sie in den Farben eines «schwarzen Regenbogens» leuchteten – es war mittlerweile Nacht geworden –, war noch ihre harmloseste Eigenheit. Sie waren in ständiger Bewegung, stürmten immer wieder als rauschende Horde in irgendeine Richtung, blieben dann stehen, oft ganz schräg. Ein allwissender Beobachter hätte vielleicht feststellen können, dass dies nur für diesen halluzinierenden Jungen so stattfand, und zwar dann, wenn er den Kopf bewegte. Die Bewegungen der Bäume waren furchtbar erschreckend und lustig. Ihre Wurzeln verbanden sich miteinander, Seh- und Hörnerven, mit denen sie alle zusammen «sahen und gesehen wurden», «horchten und gehört wurden». Die Blätter, Millionen in «schwarzem Neon» leuchtender und wie Glasröhren glöckelnder Aug-Ohren – man sah und hörte sie, man war sie, sie sahen-hörten sich und alles, sie erschufen das Gesehene und hörten das Erschaffene. Der Hügel, auf dem sich die kleine Gruppe der Berauschten befand, war zu einem Schiff von ungeheuren Ausmassen geworden. Die Stadt, deren Lichter aus der Flussebene heraufleuchteten, war ein Meer, gewoben aus edelsteinfarbigen Wellen, wobei diese Zuordnungen, zum Hügel, zur Stadt, völlig aufgehoben waren und erst post festum angestellt werden konnten. Er fuhr tatsächlich auf einem inselgrossen Schiff, auf dem Meer, dass sich in seiner Tiefe mit dem Weltall vereinte. Und er war Schiff, Meer, Weltall.

Die Dauer eines Trips war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die Dosierung wurde 1970, 1971 noch schwieriger, als der Handel kommerzialisiert und damit auch kriminell wurde. Auf einmal traf J Typen auf der Strasse, vor denen er Angst haben und notfalls davonrennen musste. LSD wurde rücksichtslos gestreckt oder mit anderen Stoffen versetzt. Beliebt war es zum Beispiel, ein wenig LSD mit viel Amphetamin oder damit verwandten Stoffen zu mischen, die eine aufputschende Wirkung hatten und auch halluzinogen wirken konnten. So wurden negative Nebenwirkungen verstärkt und es kam vermehrt zu Horrortrips, bei denen die Leute durchdrehten. Und auch ihm passierte das einmal. Wobei er es selbst gar nicht als Horrortrip erlebte, aber wie ihm danach erzählt wurde, habe er «sehr psychotisch» gewirkt. Für ihn war es einfach eine starke Erfahrung gewesen. Angstzustände hatte er sonst kaum je. Er erklärte es sich mit seiner Grundkonstitution. Wenn man einen Hang zur Paranoia hatte, wurde der verstärkt. Er erlebte Dealer, die auf dem Trip mit riesigen Augen herumliefen, panisch um sich schauten und immer meinten, die Polizei sei da. Ihre dauernde Wachsamkeit und Angst in nüchternem Zustand vereinten und verstärkten sich unter Drogen zum Horror vor dem Monster.
Kombiniert wurde der Konsum von LSD oft mit Rauchen von Haschisch, oder mit Kiffen. Und später mit Amphetamin und allen möglichen anderen Drogen. Wenn wieder etwas Neues kam, war es schlau, zuerst nur ganz wenig einzunehmen. Oder sich umzuhören und nachzufragen bei denen, die es schon versucht hatten. Von vielem musste man ganz die Finger lassen. Das Zeug hatte lustige, oft auch zynische, irreführende Namen. Einmal tauchten Tabletten auf, die relativ teuer waren und so stark in ihrer Wirkung, dass man sie vierteln konnte. Die hiessen «Peace Trips», dabei waren sie mit Strychnin versetzt. Und dann gab es die «Heidelberger Fürze», da war das LSD mit Amphetamin, mit Speed, angereichert. Dazwischen gab es eher poetische Namen wie den «Sunshine Trip», der von recht guter Qualität war. Die Tabletten hatten ihr je eigenes Design und verschiedene Farben. Etwas Besonderes waren die Fliesspapiere, worauf das LSD getröpfelt wurde, meist in reiner Qualität, weil es direkt aus den Labors kam. Diese Papiere hat man dann zerschnitten. Sie waren nicht geeignet für den Transport, weil die Droge in dieser Form flüchtig war.
Aber die Entwicklung insgesamt war verstörend. Immer öfter wurden in Js Umfeld Drogenmischungen gespritzt. Das war gefährlich, und ihm wurde klar, dass er da nicht mitmachen wollte. Er kannte Leute, die sich wahnsinnige Cocktails in die Venen pumpten. Einige überlebten das nicht oder nur noch drei, vier Jahre lang. Es war brutal und machte ihn sehr traurig. Zwei gute Freunde blieben auf der Strecke, weil ihr Herz irgendwann nicht mehr mitmachte. Und als dann noch das Heroin dazukam, zwischen 1970 und 71, wurde es noch schlimmer. Alles veränderte sich.

1.6.25

Trotz

In Js Schädel, wie er damals funktionierte, können wir nicht mehr hineinsehen. Auch ich nicht, dessen Jugendform J einst war. Seine inneren Dialoge sind mir verschlossen, ich kann sie nur ableiten aus der Art, wie ich heute innerlich mit mir selbst und meinen Projektionen spreche, von dieser Sprechweise allenfalls die Lebenserfahrung subtrahieren. Im Grunde bleibt es Erfindung. Erst recht dann, wenn es um seine Gefühlswelt geht, die ich mir aus heutiger Sicht immer etwas dumpf, verwirrt und trotzig vorstelle. Starken Schwankungen unterworfen, die er meinte, hinnehmen zu müssen, ohne sie direkt beeinflussen zu können. Dann lieber die schmerzhaften wegschieben, sich ablenken mit irgendeiner Aktion. Fussball spielen mit Freunden zum Beispiel. Rauchen, irgendein Zeug einwerfen und schauen, was passiert. Manchmal, selten, half auch zeichnen oder, seit er die Kamera hatte, auch fotografieren. Vielleicht ist mir seine innere Bildwelt noch am ehesten zugänglich. Langeweile war immer gefährlich gewesen, blieb es eigentlich bis heute. Js Trotz, gegen die Eltern, die Lehrer, überhaupt gegen alle Erwachsenen, aber auch gegenüber Gleichaltrigen, überschritt kaum je die Schwelle zwischen innerlichem Groll und widerständiger Aktion. Schämte er sich dafür, oder ist Scham mein heutiges Gefühl, das mich immer noch leise anrührt, wenn ich «an ihn» denke?

«Die Leute werden bockig», war die Diagnose einer Kulturwissenschaftlerin in einer kürzlich gesehenen Fernsehsendung. Es ging um Schuld und Eigenverantwortung. Ihre Bemerkung zielte auf Menschen, die angesichts der Folgen von Klimaerwärmung, Rückgang der Artenvielfalt und Vermüllung des Planeten mit Plastik trotzig sagen: «Was solls, ich kann das auch nicht ändern. Ich will mein Leben leben. Und wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich mir trotzdem ein dickes Auto, fliege im Urlaub in der Welt herum und geniesse es. Jetzt erst recht!»
Man erinnert sich an die drei autofreien Sonntage 1973, an die Bilder der fröhlich zweckentfremdeten Autobahnen in der Schweiz, die aufgrund der verordneten Autofreiheit von picknickenden, spielenden, Rollschuh und Velo fahrenden Familien besetzt wurden. Der Krieg im Nahen Osten hatte mit einer schockartigen Verknappung und darauffolgender Preiserhöhung den Ölmarkt durchgeschüttelt und den Industrienationen ihre Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Ländern klargemacht. Autofreie Sonntage und Appelle an die Vernunft der Bürger sollten die autobasierte Mobilität einschränken und so eine schlimmere Notlage abwenden. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise war es in der Schweiz noch möglich, die Unterschriften zusammenzubekommen für eine Initiative, die dauerhaft jeden zweiten Sonntag vom Autoverkehr befreien wollte. Sie kam nochmals zwei Jahre später zur Abstimmung und wurde trotzig abgelehnt. Eine deutlich nachhaltigere Auswirkung hatte die Krise in Deutschland, wo mit dem VW Golf ein leichtes Auto populär wurde, das nur die Hälfte des Benzins pro hundert Kilometer verbrauchte, die der seit dem Zweiten Weltkrieg dominierende Käfer benötigt hatte.

Was man als Trotzalter bezeichnet ist eigentlich das üblicherweise zwischen eineinhalb und knapp vier Jahren auftretende Autonomiebestreben von Kleinkindern. Die Äusserungen reichen vom Aussprechen des ‘Nein, ich will nicht / Doch, ich will das!’ bis zu tobsuchtartiger Verweigerung, Verhinderung, Störung, Durchkreuzung der Pläne und Anordnungen der Erwachsenen, meistens der Eltern.

Und was ist das? Im Wallis musste ein Dorf evakuiert werden, weil der Gipfel des Hausbergs drohte, auseinanderzubrechen. Jahrtausendelang hatte nie auftauendes Eis den brüchigen Fels zusammengehalten, nun musste man befürchten, dass er unter seinem eigenen Gewicht kollabieren und aufs Dorf herunterstürzen könnte. Die Bewegung des Gipfels wurde sorgfältig überwacht, eine Zeit lang schien es so, als würden die Gesteinsmassen in kleinen Portionen abbrechen und sich auf ihrem Weg nach unten verteilen, sodass das Dorf unbeschadet davonkäme. Dann aber wurde klar, dass sich der grösste Teil auf einem Gletscher staute, der zwischen Gipfel und Tal eine Terrasse bildete. Diese wurde durch das zunehmende Gewicht in Bewegung versetzt, nach unten natürlich, was zu immer grösseren Abbrüchen und Murgängen führte. Die Hoffnung der evakuierten Bewohner, die sich zwischendurch zur Vorstellung gesteigert hatte, sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren, wurde am Nachmittag vor Auffahrt zunichtegemacht, als sich der Gletscher mit einem lauten Krachen vom Felsen losriss. Die Eismassen wurden beim tausend Meter tiefen Sturz verflüssigt, mischten sich mit dem nachstürzenden Geröll zu einem riesigen gelbgrauen Ungetüm – man konnte nicht sagen, wo die Wolke in Murgang überging und umgekehrt. Das Dorf wurde verschluckt und die Masse wälzte sich noch ein Stück weit den Gegenhang hinauf. Als sich der Staub gesetzt hatte, wurde ein ockerfarbiger Schuttkegel sichtbar, der den Schutzwald und die meisten Häuser unter sich begraben hatte. Er staute bald den Fluss am Talgrund zu einem See, der die wenigen bisher verschonten Häuser überschwemmte. GLEICHZEITIG – TROTZdem – bewegten sich zur gleichen Zeit endlose Autokolonnen im Schritttempo auf ihrem Weg in den Kurzurlaub nach Süden und stauten sich mehrere Tage vor der Tunnelröhre. Die Autos in der Kolonne wogen im Durchschnitt doppelt so viel wie der erste VW Golf von 1974. Die vermehrte Sicherheit, welche die Vergrösserung den Insassen der SUVs verspricht - mittlerweile der Hälfte der Autos in der Schweiz –, geht bei einem Unfall auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, und der verringerte CO2-Ausstoss könnte bei vernünftigem Durchschnittsgewicht noch viel geringer sein. Worum geht es also? Man schaue sich nur die Schnauzen der Fahrzeuge an: trotzig aggressive Grimassen! Platz da, jetzt komme ich!

Contumacia, das lateinische Wort, hat eine ambivalente Bedeutung: es kann trotzigen Eigensinn meinen, aber auch den heldenhaften Widerstand gegen Tyrannen. Das Adjektiv contumax bedeutet trotzig, halsstarrig. Zusammen mit dem Wort für Silbe, syllaba, wird es im übertragenen Sinn zu sperrig, unpassend, sich nicht ins Metrum einfügend. Verwandt sind contumacia und contumax mit tumere, tumidus und tumor, die neben anderen Bedeutungen das Anschwellen eines menschlichen Gesichts im Zorn, vor Stolz oder Wollust bezeichnen können.
Erasmus’ Wahlspruch war (con-)cedo nulli = «Ich weiche niemandem», was trotzig tönt. Der Vorwurf, er drücke damit Sturheit und Überheblichkeit aus, wurde ihm wiederholt gemacht. Er lavierte und behauptete in seinen Erwiderungen, der Spruch beziehe sich auf den Gott Terminus, ja sei eine Äusserung dieser Symbolfigur, und nicht seiner selbst. Terminus hat nach dem Mythos den Spruch geäussert, als sein Tempel demjenigen Jupiters weichen sollte. Erasmus behauptete, sein Spruch beziehe sich auf die Deutung des Terminus als Tod, der auch niemandem weiche. Er hat sich Terminus, als Bild einer Büste des Gottes, die auf einen Grenzstein aufgesetzt ist, als ‘Brand’, als ‘Marke’ gewählt, die er auf Drucken, Gedenkmedaillen und als Siegel verwendete. Terminus wäre auch als Beschützer der Grenzen, als Vollender von Aufgaben und Lebensabschnitten lesbar gewesen. Aber Erasmus setzte ihn gleich mit dem Tod, indem er den griechischen Spruch «hora telos makrou biou» = «Bedenke das Ende eines langen Lebens» daneben setzen liess, dazu den lateinischen «mors ultima linea rerum» = «Der Tod ist die letzte Linie der Dinge». Interessant ist auch, wie Erasmus zu dem Symbol gekommen war.
Er hatte von einem ehemaligen Schüler, einem englischen Prinzen, einen Siegelring mit einer antiken Gemme aus Karneol geschenkt bekommen. In den Stein war der Kopf von Dionysos geschnitten, kein Terminus. Erasmus hat diesen Kopf aber als Terminus uminterpretiert (er gab an, ein Antikenkenner habe in dem Kopf Terminus erkannt, was Unsinn war) und sich ausdrücklich in Anlehnung an diesen Ring ein Petschaft machen lassen, das Terminus zeigt und dessen Namen trägt, dazu den Spruch «Cedo nulli». Schon das erregte Anstoss bei konservativen Theologen. Allerdings wäre der Kopf des Dionysos, als heidnischer Gott des Weins und des Rausches, noch anstössiger gewesen als Schutzpatron eines Geistlichen, der Erasmus trotz Dispens des Papstes ja blieb. Terminus war unverfänglicher. Dennoch wurde Erasmus deswegen angegriffen. Reagiert hat er mit dem Hinweis, es ginge nicht um den antiken Gott, sondern um ein ‘Memento Mori’, also um das Motto, man solle sich seiner Sterblichkeit immer bewusst bleiben.
So war sein Trotz. Der eines eher ängstlichen, harmoniebedürftigen Geistes. Wenn es hart auf hart kam, hieb er nicht auf den Tisch mit geschwollenen Zornesadern wie sein Gegenspieler Luther. Sein Trotz äusserte sich in manchmal endlosen Repliken. Er argumentierte und zündelte einfach immer weiter, am liebsten in gedruckter Form.

Ist Trotz Ausdruck von und gleichzeitig Mittel gegen Ambivalenz? Trotz schafft scheinbar klare Verhältnisse, nach innen und nach aussen. Da man eigentlich nur trotzig sein kann gegen etwas konkretes oder jemanden konkreten, wird durch Trotz eine klare Trennung gezogen zwischen mir und dem Anderen. Oder zwischen uns und den Anderen.
Ist das Trotz? Oder Resilienz? Wenn der Gemeindepäsident des verschütteten Dorfes sagt: «Auch wenn das Dorf unter einem grossen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen.»

16.5.25

Rutschpartie

Der gute E. Für einen Chorherrn und Professbruder war es unüblich, ja fast schon unschicklich, auf die Kutsche beim Reisen zu verzichten und selbst ein Pferd zu besteigen. Er hatte aber die zwei Reittiere, eines für sich und eines für seinen Lübecker Schüler und Bediensteten, tapfer erstritten von der Herrin von Verre, die, wie er noch immer hoffte, seine Mäzenin werden und ihm ein unbeschwerteres Leben in den kommenden Jahren sichern sollte. Für den Weg von Paris zu ihrem Schloss südlich von Calais hatte sie ihm aber zuerst ein so geringes Reisegeld zukommen lassen, dass es nicht einmal für einen Fussmarsch gereicht hätte. Dazu kam ihr Bote mit nur einem Reittier an, einem ehemaligen Mietpferd, das sie unverschämt billig hatte kaufen lassen. Es lahmte und sein struppiges Fell zeugte von jahrelanger schlechter Behandlung. E weigerte sich unter diesen Umständen, dem Ruf der Fürstin Folge zu leisten und bat seinen Freund Batt, der ihr als Sekretärin diente, für den Antritt seines Dienstes mehr zu fordern. Mit angemessenem Reisegeld und zwei akzeptablen Pferden machte sich E schliesslich im Januar 1499 mit seinem jugendlichen Begleiter auf den Weg nach Norden. Dass er auf seiner ersten längeren Reise zu Pferd in die schlimmsten Winterstürme seit Menschengedenken geraten würde, wusste er zu Beginn der kommenden vier Tage nicht. An seinen Freund Montjoy schrieb er später:
Endlich sind wir da! Und dazu mit heiler Haut, obwohl sich alle Götter des Himmels und der Unterwelt gegen uns verschworen hatten. Was für eine grässliche Reise, die Taten von Herkules und Odysseus waren ein Dreck dagegen! Juno hat den Windgott gegen uns aufgehetzt – sie hasst die Dichter wirklich! – und der wütete gegen uns mit allem, was ihm zur Verfügung stand: schneidende Kälte, Schnee, Hagel, wolkenbruchartiger Regen, Nebel. Kurz: mit geballter Gewalt! In der ersten Nacht machte nach langem Regen ein plötzlich einsetzender Frost die Wege ganz holperig. Eine Unmenge Schnee kam dazu, dann Hagel, dann Regen, der sofort zu Eis wurde, sobald er den Boden, die Pflanzen oder unsere Kleider berührte. Unsre Mäntel wurden steif wie Baumrinde. Die Erde wurde von einer dicken Eiskruste überzogen, die aber nicht glatt war, sondern nur so starrte von scharfen Spitzen und Buckeln. Die Bäume waren dick glasiert. Sie bogen sich unter dem Gewicht, vielen wurden die Äste abgerissen, die Stämme gespalten oder sie lagen gar ganz entwurzelt da. Wir trafen alte Bauersleute, die schworen, so etwas in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen zu haben. Unsere Pferde mussten sich durch tiefe Schneemassen kämpfen, dann wieder durch vereistes Gebüsch. Der Boden unter ihren Hufen war bösartig und gefährlich. Bald rutschen sie unversehens nach irgendeiner Seite aus, bald brachen sie durch die scharfkantige Oberfläche und holten sich blutende Wunden an den Fesseln.
Wie meine Stimmung dabei war? Die eines verdatterten Reiters auf einem verdatterten Pferd! An der Bewegung der Ohren erkannte ich seine Angst, die sich auf mich übertrug und mir das Herz puppern liess. Ich musste an Bellerophon denken, wie er von Pegasus abgeworfen worden war, und verwünschte meine Vermessenheit, mit der ich mich und meine ganze Wissenschaft einem armen stummen Tier anvertraut hatte.
Sed audi quiddam, quod tu credes ex veris Luciani narrationibus petitum, ni mihi ipsi Batto teste accidisset. – Aber höre nun etwas, von dem du glauben würdest, es sei direkt den «Wahren Geschichten» Lucians entnommen, wenn es mir – Batt ist mein Zeuge! – nicht selbst passiert wäre.

Wir stellen uns also vor: eine Filmszene. Eine Mischung aus Fellini, Tarkowski und Angelopoulos. Zuerst White out, die ganze Leinwand weiss, dazu das Heulen und Sausen des Sturmwinds. Als man sich schon fragt, ob nichts weiter passiere, kollert von links ein abgerissener schwarzer Ast ins Bild, bleibt zitternd hängen, bis ihn der Wind kippt und er wieder aus dem Bild gefegt wird. Da wieder alles weiss ist, merkt man zuerst nicht, dass die Kamera ganz langsam nach oben schwenkt und sich eine Art Horizont vom oberen Bildrand gelöst hat, gegenläufig zur Kamerabewegung nach unten sinkend. Eine Hügellinie, über der es – man fragt sich, wie es möglich ist – noch weisser ist. Darauf ein paar schwarze Brosamen. Nichts geschieht, dann Schnitt. Die Brosamen sind zu schwarzen Fetzen geworden, die sich langsam voneinander lösen und sich nun als zwei Pferde und zwei Menschen erkennen lassen. Die Reiter tragen weite schwarze Mäntel, die wie Fahnen im Wind ausschlagen. Die Männer sind offenbar abgestiegen und versuchen sich mit Gesten zu verständigen. Der Lärm des Sturms ist noch lauter geworden. Die Pferde haben sich dicht aneinandergedrängt und dem Wind ihre Hinterteile zugedreht. Schnitt. Nahaufnahme des Gesichts des einen Reiters, von dem man aber nur die zusammengekniffenen Augen und die spitze Nase sieht. Er trägt eine Mütze mit Ohrenklappen, die er tief in die Stirne gezogen hat, der Mund ist von einem Schal bedeckt. Ein Fausthandschuh schiebt sich von unten ins Bild, der Mann zieht sich den Schal nach unten und bewegt den Mund. Man hört, dass er seinem Begleiter etwas zurufen will, die Worte sind aber abgerissen und unverständlich. Die Kamera schwenkt und folgt seinem Arm, den er ausstreckt und mit dem er auf etwas zeigt. Erst jetzt lässt sich die Topografie der Umgebung lesen. Die Männer stehen auf einer Hügelkuppe, davor senkt sich eine weite Mulde. Weit entfernt ist im Nebel ein Schloss in der Senke zu erkennen, seitlich führt eine Pappelallee darauf zu, dahinter, als dunkler verschwommener Streifen, ein Wald. Schnitt. Man sieht den Mann, der versucht hat, sich verständlich zu machen, aus Sicht des Begleiters, dessen Kopf und Schultern im verlorenen Profil von links ins Bild ragen. Der Blick der Kamera geht über die Kuppe des einen Pferdes hinweg. Der Mann mit der Kappe hat uns den Rücken zugedreht. Man sieht, wie er unter den Sturmböen schwankt und Halt sucht, indem er sich mit seiner Rechten auf einen krummen Stock stützt. Mit der anderen Hand zeigt er auf das Schloss, dreht dem Begleiter nun den Kopf zu und versucht wieder, etwas zu sagen. Wegen der Drehung rutscht er plötzlich aus und verschwindet nach unten aus dem Bild. Schnitt. Der Mann sitzt auf seinem Hintern, den Mantel wie eine Schleppe um sich ausgebreitet. Jetzt wird er vom Wind erfasst und den Hang hinunter davongetrieben. Man hört einen Schrei. Ist er Ausdrucks seines Schreckens, oder ein Jauchzer? Er wird schnell kleiner und kleiner, aber man erkennt noch, dass er den Stock nun mit beiden Händen hält und als Steuerruder und Bremse benutzt. Dann ist er so klein geworden, dass man ihn nicht mehr sieht.

2.2.25

Schlussfeiern

In den letzten zwei Tagen vor den Frühlingferien, am Ende des Schuljahrs, das für mich zum Ende meiner Schulzeit werden sollte, war an einen geordneten Unterricht nicht mehr zu denken. Damals begrüsste ich das ausbrechende Chaos, es passte zu den Umständen, in die ich mich gebracht hatte. Die vier Abschlussklassen zogen durch die Schulgebäude, die maturi, wie sie von manchen Lehrern der Anstalt genannt wurden. Singend und gröhlend, als wilde Horden brachen sie in die Klassenzimmer ein, grotesk verkleidete Jünglinge, die sich demonstrativ an keine Regel mehr hielten. Die eingesteckte weisse Nelke schien sie dazu zu berechtigen. Einige hatten die Hochzeitsfräcke ihrer Väter ausgegraben – ich meinte, Mottenkugeln zu riechen –, die Nadelstreifenhosen waren um den Bauch zu weit oder endeten eine Handbreit über den Knöcheln. Zylinder und Melonen standen den einen erstaunlich gut und machten sie zu Gentlemen, die sie vielleicht schon bald sein würden. Andere sahen aus wie trottelige Figuren aus den Slapstick-Stummfilmen. Es gab auch solche, die mit dieser altbackenen Tradition nichts zu tun haben wollten. Die daherkamen wie sonst, in Jeans und Pulli. Oder sich als Hippies gebärdeten. Einen sah ich, mit dunklen, halblangen Haaren und Schnurrbart, der trug auch einen Zylinder, über den Schultern aber einen Poncho, wie ihn peruanische Hirten tragen. Darunter eine weite Manchester-Hose, deren Enden nachlässig in Lederstiefel gestopft waren. Wie ein mexikanischer Wegelagerer aus einem Westernfilm sah er aus. Aber alle, so schien mir, strahlten diese unerschütterliche Genugtuung aus, etwas Bedeutsames erreicht zu haben. Und ich kann mich gut erinnern, wie ich, als einer dieser Haufen kostümierter Jungmänner sich für die Darbietung eines Liedes vor uns Viertklässler aufstellte, mich so klar als nicht dazugehörig empfand, dass sich in meinen Kummer ein trotziger Stolz mischte. Ja, ich war wieder durchgefallen und würde diese uraltehrwürdige Schule verlassen, an der man den Schülern – Schülerinnen gab es erst in einer Klasse eine Handvoll – mit schöner Regelmässigkeit einredete, dass sie dereinst zur Elite der Gesellschaft gehören würden. Ich wollte Fotograf werden, eine Lehre beginnen.
Später, im Pausenhof, verfolgte ich wie alle den abschliessenden Höhepunkt des Rituals. Von der hölzernen Terrasse eines kleinen barocken Wirtschaftsgebäudes, das quer zum Schulhaus der Unterstufe stand und den südlichen vom nördlichen Teil des Hofs trennte, warfen die Maturanden ihre Hefte und Schulbücher hinunter. Einige hatten vorgesorgt und die Lehrmittel bereits in Einzelblätter zerlegt, andere zerrissen sie theatralisch erst jetzt, angefeuert von den Jubelrufen der unter ihnen herumwuselnden Unterstufenschüler, die versuchten, die herabschaukelnden Fetzen aufzufangen. Wenn eine Abschlussklasse keine Munition mehr hatte, war die nächste dran, die meist schon ungeduldig darauf wartete, die schmale Holtreppe hochzustürmen und die Belege ihrer über Jahre angesammelten Gelehrsamkeit in einer grossen Geste der Verachtung in den Schulhof regnen zu lassen. Ich weiss noch, wie ich mich fragte, ob sie denn nun alles im Kopf gespeichert hätten, was auf dem zerknüllten und zerrissenen Papier stand, das die Pflastersteine knöcheltief bedeckte. Ich bückte mich nach einem lateinischen Wörterbuch, an dessen zäher Bindung der frühere Besitzer offenbar gescheitert war und es deshalb am Stück hinuntergeworfen hatte. Da es noch fast unversehrt war, steckte ich es in die Schultasche, denn ich hatte mein Exemplar beim Austritt abgeben müssen. Und Latein war das einzige Fach gewesen, das ich zum Schluss noch mochte – wegen des Lehrers.
Ein anderer, der Mathelehrer, trat in dem Moment hinter mich und stupste mich an. Ich erschrak, weil ich meinte, er würde mich wegen des Buches zur Rede stellen. Aber er wollte sich nur von mir verabschieden, auf seine grobe Art. Trotzdem war ich fast ein wenig gerührt, als er sagte:
«Ich wünsche dir alles Gute. Schade, du bist ein intelligenter Kerl, warst aber immer ein fauler Siech. Wenn du eine Lehre machen willst, wirst du an die Säcke müssen. Ich hoffe, du packst das!»
Weil das Gymnasium keine genügend grosse Aula besass um die gesamte Schule einschliesslich der Angehörigen der maturi zu beherbergen, wurde die offizielle Schlussfeier in der nahen St. Martinskirche abgehalten. Wieder abgehalten, muss man sagen. Denn zwei Jahre lang hatte man diese grosse Feier ausgesetzt und stattdessen einen schlichten Anlass im engen Rahmen abgehalten, weil die antiautoritäre Stimmung nach 1968 auch auf die Schüler des Humanistischen Gymnasiums übergeschwappt war und dazu geführt hatte, dass die Rede des Rektors mehrfach durch ironischen Applaus und durch Zwischenrufe unterbrochen worden war, und von der Empore verdächtig würzige Gerüche in den Kirchenraum geweht waren. Ein Skandal! In dem Jahr, als ich die Schule verliess, war diese Feier wieder in geordnete Bahnen zurückgelenkt worden, und ich hätte sie eigentlich auslassen können. Ich ging aber trotzdem hin und hörte mir die Reden, die Musik und die Liste mit den Studienrichtungen an, welche die Maturanden einzuschlagen gedachten. Medizin und Jura standen zuvorderst, gefolgt von Geschichte, Germanistik, Theologie, solches Zeug. Mich interessierten die wenigen Abweichler, die zum Schluss kamen: einer wollte Zeichenlehrer werden, ein anderer zum Film, immerhin.

29.10.24

Zeitvertreib auf der Reise

Der Mann auf dem Pferd lehnt sich weit nach vorne. Ächzend versucht er, sein rechtes Bein über den Hinterzwiesel des Sattels zu schieben. Die Müdigkeit liess den Schwung zu früh enden, sodass er einen Moment in grotesker Stellung am heissen Tierleib hängt. Nun setzt sich das Pferd auch noch in Bewegung, was der ordinario aber zum Glück gesehen hat. Der Reiseführer stellt sich dem Tier in den Weg und packt es dicht neben dem Maul am Zaumzeug. So kann sich der Mann heruntergleiten lassen. Als er seinen rechten Fuss auf den Boden gesetzt hat, muss ihm dabei geholfen werden, den andern aus dem Steigbügel herauszudrehen.
«Gratias
Der Dank tönt, als werde er mit dem letzten Schnauf ausgestossen. Dazu hebt der Mann die Schultern und lässt sie resigniert wieder fallen, begleitet die Geste mit einem entschuldigenden Lächeln hin zu seinem Helfer. Der beobachtet ihn ungerührt, ordnet dann aber eine Pause an.
Nachdem der Mann etwas getrunken und gegessen hat, kommt er zur Ruhe und kann nachdenken.

«More, Morus ... Moria! Mori encomion ... Moriae encomion, id est: Mori laus, stultitiae laus. Das Lob des Morus, das Lob der Torheit! Wir hätte beide unsere Freude daran! Wen die Verspieltheit des Vorhabens stört, soll daran erinnert werden, dass ich damit an Vorbilder grosser Autoren anschliesse. Hat nicht Homer in grauer Vorzeit seine «Batracho-Myo-Machia», seinen «Froschmäusekrieg» geschrieben, Vergil seine «Mücke» und Ovid die «Nuss»? Von Glaukon gibt es ein «Lob der Ungerechtigkeit», von Favorinus eines «des viertägigen Fiebers». Synesus hat die Glatzköpfigkeit auf das Podest gehoben, Lukian die Fliegen und andere Schmarozer. Von Seneca gibt es gar eine «Koloquinte» auf den Kaiser Claudius, was nichts weniger meint als dessen Verwandlung in einen Kürbis, anstatt, wie in einer ordentlichen Apotheose üblich, in einen Gott. Lukian und Apuleius haben Eselsromane geschrieben – letzerer einen ziemlich gewagten – und irgendwer, den Hieronymus erwähnt, das «Testament des Schweines Grunnius Corocotta». Also bitte, werft mir nicht vor, ich würde nur Schachfiguren auf dem Brett hin- und herschieben, oder mein Steckenpferdchen reiten. Nein, mein Spiel soll ernsthafte Einsichten vermitteln, jedoch ohne den geneigten Leser zu langweilen. Und so könnten wir beginnen:
Die Dummheit stellt sich vor.
Ihr Vater ist der Reichtum, ihre Mutter die Nymphe Jugend. Geboren wurde sie auf der Insel der Glückseligen, als Säugling gestillt von zwei Nymphen-Ammen, von der Bacchus-Tochter Methe, was Trunkenheit bedeutet, sowie von der Pan-Tochter Apaedia, welche die Beschränktheit verkörpert.
Die Dummheit, oder Torheit, hat ständige Begleiter, eigentliche Trabanten, die da sind:
Philautía, die Eigenliebe,
Kolakía, die Schmeichelei,
Léthe, das Vergessen,
Misoponía, die Vermeidung von Anstrengung,
Hedoné, das Vergnügen,
Ánoia, der Wahnsinn.
Dazu gesellen sich noch zwei «Götterknaben»:
Kõmon, die Ausgelassenheit, und
Négreton Hypnon, der Tiefschlaf.

Auf der Reise von Italien nach England, im Sommer 1509, sei ihm die Idee zum «Lob der Torheit» gekommen, schreibt Erasmus in seinem Vorwort, das eine Widmung an Thomas More enthält und diesen wie in einem Brief direkt anspricht. Der Freund habe zwar mit der Dummheit nicht das Geringste zu tun, aber die Vorfreude auf das Zusammentreffen mit ihm sowie die Nähe seines Namens zur griechischen Bezeichnung der Dummheit, Moría, habe ihn, Erasmus, dazu inspiriert ein Lob auf diese menschliche Hauptschwäche zu schreiben. Dabei solle sie, die Dummheit, ausführlich zu Wort kommen, ihre Vorzüge also gleich selbst anpreisen.
Erasmus reiste zu Pferd, was bei seiner immer prekären Gesundheit – er neigte zu Nierensteinen, die ihn plagten – und der eher zarten Konstitution erstaunt. Er kam nach mehrjährigem Italienaufenthalt von Rom, wo er das verlockende Angebot eines Kardinals, für ihn zu arbeiten und bei ihm in Luxus zu wohnen, mit einiger Mühe ausschlug. Seine englischen Freunde hatten ihn nach London gerufen, weil Heinrich VII. im Frühling dieses Jahres gestorben war und sie für ihn im Umfeld des neuen, jungen Königs Heinrich VIII. glanzvolle Karrieremöglichkeiten sahen. Erasmus reiste über Mailand nach Como. Es könnte sein, dass er sich dort einem der regelmässig zwischen Mailand und Lindau verkehrenden «Ordinari» des Transportdienstes der «Lindauer Boten» anschloss und ihn als Reiseführer bezahlt hat, denn dass er ganz alleine reiste, ist angesichts der damit verbundenen Gefahren unwahrscheinlich. Die Reise von Mailand nach Lindau, über eine Strecke von dreihundertfünfundzwanzig Kilometer, dauerte wohl etwa zwei Wochen, die für ihn sehr anstrengend waren. In Como wurde ein Schiff bestiegen, das bei günstigem Wind rund einen Tag brauchte um den Comersee der Länge nach von Süden nach Norden zu durchsegeln. Ins nördliche Seeende mündet die Mera, deren unterer Teil noch gegen leichte Strömung schiffbar ist und sich bald wieder zu einem kleinen See öffnet, dem Lago die Mezzola. An dessen oberem Ende erst setzte man die Reise zu Pferd fort. Durch das Tal der Mera führte sie zum Städtchen Chiavenna. Von da an stieg der Weg kontinuierlich um achtzehnhundert Höhenmeter, auf einer Strecke von knapp vierzig Kilometern, bis zur Passhöhe des Splügen. Der Abstieg auf der anderen Seite führte durch die Viamalaschlucht. «Schlechte Strasse» war sie wegen ihres zunehmenden Verfalls seit dem dreizehnten Jahrhundert genannt worden. Der Bischof von Chur hatte weiter östlich mit der «Oberen Strasse» über den Septimerpass eine kürzere Konkurrenzroute favorisiert und in einem Machtpoker mit den regionalen Kräften immer mehr ausgebaut. Als Erasmus über den Splügenpass ritt, war aber diese Variante, die so genannte «Untere Strasse», seit gut einer Generation wieder zu Hauptroute geworden. Die Gemeinden Thusis, Masein und Cazis hatten sich 1473 zusammengetan, um den Einfluss des Churer Bischofs einzudämmen. Sie liessen den alten Römerweg über den Splügen erneuern und bauten in der Viamalaschlucht eine imposante steinerne Brücke mit zwei Jochen, die «Punt da Tgiern». Sie steht heute nicht mehr.
Über Chur gelangte Erasmus dann nach Fussach, zur Mündung des Rheins in den Bodensee, wo er sich vom Lindauer Boten trennte, der über den See sein Ziel Lindau per Schiff erreichte. Erasmus zog auf der linken Seeseite weiter, immer auf Pferderücken, nach Konstanz und von dort quer durch den Schwarzwald nach Strassburg. Rheinabwärts führte ihn seine Weiterreise in die Niederlande. Man könnte sich vorstellen, dass er dazu auf einem grossen Floss als Passagier mitfuhr. Wo er den Rhein verliess, ist unklar. Jedenfalls machte er noch kurz Halt in Antwerpen und Löwen, wo er Verleger und alte Freunde traf, bevor er dann über den Kanal nach England übersetzte. Ende August 1509 erreichte er London, von wo er drei Jahre zuvor nach Italien abgereist war. Nach ermüdenden sechs bis sieben Wochen, von denen er einen grossen Teil im Sattel verbracht hatte, konnte er sich erholen und die Gastfreundschaft von Thomas More und dessen Familie geniessen. Er machte sich sogleich daran, den unterwegs konzipierten ironischen Text aufzuschreiben: Moriae encomium – Das Lob der Torheit.

30.5.24

Pfirsiche

SOFIA – Papas Besuch war schwierig für mich. Ihn so zu sehen, fand ich wirklich hart. Es war so sichtbar, dass es ihm schlecht ging, dass ich automatisch in der coolen Ecke landete. Dabei bin ich noch gar nicht so stabil, wie ich mich ihm gegenüber geben musste. Sein Mitgefühl tut schon gut, aber wenn er ins Jammern gerät und eigentlich vor allem sich selbst leidtut, das kann ich nicht brauchen, nicht im Moment jedenfalls. Das finanzielle Desaster, das ich mir mit meinen illegalen Aktionen eingebrockt habe, belastet mich sehr. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich das stemmen soll. Es kommen harte Jahre auf mich zu. Ich besuche einen Kurs zu solchen Themen, berufliche Wiedereingliederung und Neuorientierung, unter erschwerten Bedingungen, so ungefähr. Das wird geleitet von einem Mann und einer Frau, sie aus der Wirtschaft, er Psychologe und Coach, glaube ich. Bis jetzt passt mit das, sie machen es gut, finde ich. Sehr harte und direkte Ansagen, aber viel Erfahrung und gute Connections. Aber ich habe noch immer starke Symptome vom Entzug, ich schlafe schlecht, habe sehr oft Kopf- und Gliederschmerzen. Kommt dazu, dass meine Co-Inmate Gloria mich stark herausfordert. Sie ist an sich lieb, aber eine dieser sich selbst bemitleidenden Frauen, von denen ich Papa erzählt habe. Sie behauptet, sie könne nichts für die Scheisse, die sie zusammen mit einem Cousin ihrer Grossmutter angetan hat. Sie um alles Geld betrogen, und ihr Kumpel hat die alte Frau dann noch fast totgeschlagen. Ich habe ihr gesagt, ich wolle von dieser Geschichte nichts mehr hören. Obwohl sie gut erzählen kann, oft sind ihre Geschichten zum Kugeln. Sie holt mich ganz schön aus meiner Bubble mit ihrer Art und mit dem, was sie mir sonst noch so alles berichtet. Auch sie war auf Drogen und versucht den Entzug, mit manifesting, diesem «Ganz-fest-dran-glauben-dann-wird-es-wahr-Unsinn. Aber sie kommt nun auch mit mir zusammen in die Gesprächsgruppe. Nachts ist sie eine Nervensäge. Zuerst quasselt sie endlos, und dann, wenn sie meint, ich schlafe, macht sie geräuschvoll an sich rum, mühsam. Aber was will man, es gibt sicher Schlimmere, und ich habe mich ja selbst in diese Situation gebracht.
Was mir nach Papas Besuch total eingefahren ist: ich habe plötzlich realisiert, dass er gar nicht wissen kann, ob sie ihn wirklich rausgeschmissen haben. Ich musste sofort Bruno schreiben deswegen. Ich bat ihn, mit Papa zu reden, weil er näher dran ist. Geografisch und auch von der Erfahrung her mit solchen Kunstinstitutionen. Ich vermute, Papa könnte kämpfen. Das heisst, falls ihm überhaupt gekündigt wurde. Diese Prüfungssituationen, bei denen er abgebrochen hat oder davongelaufen ist, waren wohl nicht über alle Zweifel erhaben, wenn auch nur schon die Hälfte so ablief, wie er das erlebt und erzählt hat. Er könnte sicher rekurrieren gegen seinen Rauswurf. Ich weiss nicht, wann er das nächste Mal hier auftauchen wird. Hoffentlich kann ihn Bruno umstimmen und vielleicht auch unterstützen.

Härris Lebensgeister und damit auch die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, kehrten langsam und auf merkwürdigen Pfaden zurück. Weil er sich bemühte, gesund zu essen, hielt er in den Lebensmittelläden der Lower Eastside ständig Ausschau nach Obst und Gemüse. Dabei entdeckte er die ersten Pfirsiche aus Florida. Pfirsiche waren seine Lieblingsfrüchte, also kaufte er sich eine grosse Tüte voll und verteilte sie zuhause auf zwei tönerne Schalen, die sein Freund auf einem Schaft stehen hatte, wahrscheinlich in Mexiko gekauft, wie Härri vermutete. Die Früchte sahen so schön aus, dass er Lust bekam, sie zu malen. Er fand zwei alte englische Aquarellkästchen im Atelier und machte sich ans Werk. Es war sehr schwierig, das Spiel zwischen Rot- und Grüntönen, dazu die Bandbreite zwischen Licht und Schatten ohne Brechung und Eintrübung der Farben zu erreichen. Als es ihm zum ersten Mal gelang, sahen die Pfirsiche eher wie Äpfel aus, weil der Glanz des feinen Samts auf der Haut der Früchte noch fehlte. Auf dem Netz suchte er nach «Pfirsichen in der Malerei». Von Cézanne fand er eines, dessen Titel von Pfirsichen sprach, aber die Früchte sahen aus wie alle anderen Äpfel des Meisters. Weil er sich das so angewöhnt hatte in seiner Arbeit am Institut, suchte er gezielt nach weiblichen Künstlerinnen, die Pfirsiche gemalt hatten, und gab ein: «peaches women artists painters». Und auf einmal wurde es so aufregend, dass er alle seine Sorgen vergass. Aus einem Gemälde, das ihm unter den vielen Bildern ins Auge sprang, und zwar gleich in mehrfacher Ausführung, blickte ihm Sofia als Zehnjährige entgegen. «Girl with Peaches» hiess es, und war, wie er gleich bemerkte, wegen seines Inhalts in die Auswahl geraten. Gemalt hatte es 1887 der russische Maler Valentin Aleksandrovich Serov. Härri hatte ihn nicht gekannt. Das Bild mit der kleinen Sofia – in Wirklichkeit hatte das Mädchen Vera Mamontova geheissen – wurde in Kommentaren als Serovs bestes Werk bezeichnet, was Härri durchaus bestätigen konnte. Er schickte es sofort mit einem Gruss an seine Tochter. Für seine Arbeit taugten die Pfirsiche nicht als Vorbilder. Sehr schön gemachte gab es bei der italienischen Malerin Fede Galizia, die um Sechzehnhundert einige Stillleben mit den gesuchten Früchten geschaffen hatte. Und schliesslich fand er das Bild, das ihm für seine weiteren Ideen am meisten brachte: «Peach Packing, Spartanburg County», 1938 gemalt von einer Malerin aus den Südstaaten, Wenonah Bell. Darauf waren einige stark abstrahierte Frauenfiguren mit dem Abpacken von Pfirsichen beschäftigt. Härri hatte in der Zwischenzeit eine Episode aus dem chinesischen Roman gesucht und wieder gelesen, in der Sun Wukong von den unsterblich machenden himmlischen Pfirsichen nascht. Diese Szene wollte er in eines seiner grossen Bilder einbauen und dazu musste er eine Menge Pfirsiche darstellen können, die auf dem Gemälde recht klein und trotzdem überzeugend zu malen waren. Bell war das mit sparsamen Mitteln sehr gut gelungen, wie er anerkennend feststellte. Er fertigte eine Serie von Skizzen an und vergass völlig die Zeit darüber, bis sein Laptop sich mit Signaltönen meldete. Es war Bruno, via Skype. Härri zögerte einen Moment, dann drückte er den grünen Knopf.
«Hallo, Papa», begrüsste ihn sein Sohn. Er trug einen gepflegten Bart, darunter sah Härri ein fein blau-weiss gestreiftes Hemd. Bruno hatte seinen Stil gewechselt.
«Grüss’ dich, Bruno», sagte Härri. «Gut siehst du aus.»
Bruno ging nicht darauf ein, sondern legte gleich los in unüberhörbar vorwurfsvollem Ton.
«Sag’ mal, was machst denn du für Sachen? Sofia hat mir geschrieben, du seist wieder in New York. Abgehauen, weggelaufen von deinem Institut, weil es dort irgendwelche Schwierigkeiten gab? Und niemand wisse, wo du bist, nicht mal Mama, hat sie geschrieben.»
Härri hatte keine Lust, sich seinem Sohn gegenüber zu rechtfertigen. Trotzdem erzählte er ihm in groben Zügen, was passiert war und weshalb er nach New York gegangen sei.
«Sie haben mir gekündigt, und ich muss mich jetzt neu orientieren. Zudem wollte ich in Sofias Nähe sein.»
Bruno gab sich mit seinen Erklärungen nicht zufrieden.
«Sofia hat mir von deinem Besuch berichtet. Das tönte nicht danach, als ob du ihr viel hättest helfen können, ehrlich gesagt. Sie muss jetzt zuerst einmal freikommen vom Gift, dazu kannst du kaum beitragen.»
«Aber sie hat sich gefreut, dass ich sie besucht habe», entgegnete Härri trotzig.
«Ja, sicher. Aber sie hat auch gesagt, sie sei erschrocken gewesen, wie schlecht du ausgesehen hättest. Und dass sie Angst gehabt habe, du würdest im Selbstmitleid absaufen.»
Härri schluckte.
«Ich weiss. Sie hat mich in den Hintern getreten deswegen. Hat sie auch recht damit. Aber ich gebe mir Mühe, habe mich wieder etwas gefangen. Glaub’ ich jedenfalls. Ich trinke nicht. Und ich zeichne wieder.»
«Das ist sicher mal was», antwortete Bruno. «Aber jetzt der Reihe nach. Du sagst, dir sei gekündigt worden. Hat man dir das so gesagt? Hast du das schriftlich? Sofia hat geschrieben, du seist nach dem Abbruch der Prüfungsveranstaltung gleich weggelaufen, ohne noch mit jemandem zu reden. Und du würdest auch alle Kontaktversuche deiner Chefin wegdrücken. Stimmt das?» Härri nickte.
«Warum kämpfst du nicht, weshalb rennst du weg?», fragte Bruno.
Härri dachte nach, dann begann er eine längere Rede.
Zuerst sei da nur der Impuls gewesen, wegzurennen, das stimme. Das Institut mit seinen Ritualen, die Entwicklung, die es genommen habe, seine Abhängigkeit, die ihm durch die Anwesenheit der zwei Inspektoren so überdeutlich vor Augen geführt worden sei, und dann dieses Getue seiner Kolleginnen und der Studienanwärter, die um Aufmerksamkeit buhlten, dies alles sei ihm auf einmal so zuwider gewesen, dass er einen unkontrollierten Wutanfall habe befürchten müssen. Es stimme auch, dass er nicht sicher wisse, ob ihm gekündigt worden sei. Er gehe aber davon aus, dass seine Chefin und die Direktorin genug von ihm hätten. Dass er ihnen zu viel Ärger und Aufwand verursache im Verhältnis zu dem, was er mit seiner Malerei beitragen könne zu «Art Gender Planet». Und er habe ja unter einem klaren Ultimatum gestanden: dass er sich nicht mehr querstellen dürfe gegen Anordnungen der Leitung. Das aber habe er mit seinem Verhalten eindeutig wieder getan, und auch zusätzlichen Aufwand verursacht im ohnehin schon anspruchsvollen Programm der Aufnahmeverfahren. Er nehme aber seinen Rauswurf zum Anlass, über seine Rückkehr zur Kunst, zur ausschliesslichen Arbeit an der eigenen Kunst, nachzudenken. Darum habe er den Kontakt zum Institut blockiert, und eigentlich überhaupt zu allen ausser Sofia.
Bruno zeigte Verständnis, ermunterte ihn aber dennoch, sich den Leuten am Institut zu stellen, schon nur, um die Geschichte abzuschliessen.
«Das hindert dich doch nicht, deinen Entschluss durchzuziehen und wieder ganz in die Kunst zu gehen, oder? Und vielleicht könntest du in Zukunft als Gast-Künstler Workshops oder Artists-Talks am Institut machen, ohne in dieser Abhängigkeit zu stecken, die dich so stört. Ich würde mich an deiner Stelle melden bei dieser ... wie heisst sie? ... Da-ra Baeck, genau.»
Nachdem Härri versprochen hatte, darüber nachzudenken, fragte er seinen Sohn über Hamburg und seine Firma aus. Bruno erzählte begeistert von der Zusammenarbeit in seinem Team, das mit einer Ausnahme, einem Physiker in Härris Alter, sehr jung sei. Viel und zunehmend zu reden gebe bei ihnen die rasche Entwicklung im Bereich der CO2-Abscheidung und anschliessenden Speicherung in unterirdischen oder unterseeischen geologischen Formationen. Und die damit verbundene Frage, ob die Firma an ihrer Spezialisierung auf die Pyrolyse festhalten solle. Härri konnte zu dem Thema wenig sagen. Er staunte, wie viel Bruno schon darüber zu wissen schien. Aber dann kam ihm die Zeitverschiebung in den Sinn und dass sein Sohn sicher längst hätte schlafen gehen sollen. Sie verabschiedeten sich, und Härri kehrte zurück zu seinen Pfirsichen.
Bruno hatte mit seinem Rat, Härri solle mit Da-ra Baeck Kontakt aufnehmen, einen Haken in sein Fleisch gebohrt, den er nicht mehr loswurde. Am nächsten Morgen rechnete er aus, wann Da-ra nach dem Arbeitstag noch in ihrem Büro sein müsste, bevor sie nach Hause ging. Zur gegebenen Zeit schickte er ihr eine Anfrage für ein Video-Telefonat, mit wild klopfendem Herzen. Zurück kam eine kurze schriftliche Nachricht.
«Gerne! In ca. einer Stunde?»
Also wollte sie von zuhause aus anrufen. Er schrieb «OK» zurück.

Schreibt man «Gerne», mit einem Ausrufezeichen, wenn man mit einem Angestellten das Kündigungsgespräch vereinbart? Eine schwer zu beantwortende Frage, auch wenn man eine Stunde Zeit hat dafür. Aber gelten in einem Chatraum dieselben Regeln bezüglich des formellen schriftlichen Austauschs wie beim Schreiben von Mails oder betriebsbezogenen Mitteilungen? Wie konnte man sich auf ein Gespräch vorbereiten, dessen Gegenstand die eigene Kündigung durch die Arbeitgeberin sein würde, ohne vorher zu wissen, ob das Verdikt überhaupt beabsichtigt oder schon beschlossen war? Die eigene Ohnmacht wurde einem so vor Augen geführt, man war gezwungen, die Voraussetzungen des Gesprächs zuerst durch eigenes Fragen abzutasten. Oder dann darauf zu warten, von der anderen Seite darüber belehrt zu werden, wie es um die eigene berufliche Existenz stand. Von diesem Gegenüber, dessen Macht und Anziehungskraft man sich mit soviel Anstrengung vom Leibe halten wollte. Durch Rationalisierung und Abstraktion. Aber es half alles nichts, immer wieder brach durch alle Abschrankungen, was und wer dieses Gegenüber war: eine Frau, die man begehrte. Da ... ra! Die man nicht begehren, nicht lieben sollte, weil man in einem hierarchischen Arbeitsverhältnis zu ihr stand. Weil sie die gefeierte, erfolgreiche Künstlerin war, während man selbst künstlerisch in einer Sackgasse steckte. Und weil sie nach einer ersten stürmischen Vereinigung gesagt hatte, es solle die letzte bleiben, wenigstens vorläufig. Konnte man aus dem Gespräch etwas ganz anderes machen als die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch seine Chefin, oder – sehr unwahrscheinlich – dessen Neuausrichtung? Den Spiess umdrehen und seinerseits kündigen? Seine Liebe, sein Begehren erklären? Einem Gesicht auf dem Bildschirm?

Er duschte, bürstete sich die Haare und zog frische Kleider an. Kam sich dabei lächerlich vor. Als der Signalton zu hören war, zwang er sich, einen Moment mit dem Antippen des virtuellen Knopfes zu warten. Als sie dann erschien, war sie mehr als ein Gesicht. Er wusste sofort, wo sie sass. Sie hatte sich einen Sessel in die Nähe der geöffneten Terrassentür gestellt. Sie trug eine weisse Bluse und hatte Gel in den Haaren. Härri blieben die geplanten Worte im Hals stecken.
«Lukas! Ich bin froh, dich zu sehen», sagte sie, und es klang ehrlich. «Wo bist du? – Nein, sag’ nichts! ... »
Sie suchte mit den Augen seine Umgebung ab.
«Du bist in New York! Ich habe es mir halb gedacht ...»
Wahrscheinlich hatte sie das Wasserreservoir auf einem der Dächer gesehen, durch das Fenster in seinem Rücken.
Härri brachte noch immer kein Wort heraus. Dann holte er tief Luft und sagte:
«Da-ra ... Jetzt wo ich nicht mehr am Institut bin, wo ihr mir gekündigt habt, meine ich, kann ich es dir ja sagen ...»
Er dachte mit aller Kraft an ihr Badekleid, an ihren Körper im letzten Sommer, und als er sah, dass sie den Mund öffnete, wollte er sagen: Ich liebe dich, Da-ra. Ich will dich, Da-ra.
Aber er brachte nur heraus:
«Ich wünschte, du wärst hier ...» Es klang heiser und er musste husten.
Da-ra hatte den Mund wieder zugeklappt und sah ihn mit grossen Augen an.
Sie schob ihr Gesicht näher an die Kamera, wodurch es verzerrt wurde. Daran konnte er sich noch immer nicht gewöhnen. Was würde sie sagen?
Staunend sah er zu, wie sie zu lächeln begann, und dann in ein Lachen ausbrach, das immer lauter, befreiter wurde. Sie steckte ihn an damit. Zuerst lachte er verlegen, weil er nicht sicher war, ob sie sich über ihn lustig machte. Dann war es ihm gleichgütig. Wann hatte er das letzte Mal gelacht?
Plötzlich hörte Da-ra auf und setzte sich gerade hin. In ihren Augen glitzerte es, und er wusste nicht, ob es vom Lachen kam.
«Lukas, Lukas ...» murmelte sie. «Wer bist du?»
Dann war ihre Stimme wieder laut und klar zu hören.
«Hör mir zu! Ich habe dir nicht gekündigt, niemand hat das. Du bist im Urlaub.»
Sie blickte ihn an und wartete auf seine Reaktion. Härri verschwand aus ihrem Blickfeld, weil er aufstehen musste. Er atmete schwer und in seinen Ohren rauschte es. Da-ra wartete geduldig.
Härri ging in die Küche und öffnete den Eisschrank. Weil er nicht mehr wusste, was er hatte herausnehmen wollen, stand er solange davor, bis das Warnsignal ertönte. Erst dann griff er nach der Wasserflasche und einem der Pfirsiche, von denen er zu viele gekauft hatte. Das Da-ra noch auf ihn wartete, hatte er vergessen.
Die Strasse war schon in blauen Schatten getaucht und nur die Dachaufbauten in der Nachbarschaft wurden noch durch rotes Licht der untergehenden Sonne gestreift, als Härri wieder bei seinem aufgeklappten Laptop vorbeikam. Was hatte er in der Zwischenzeit gemacht? Was war in seinem Kopf vorgegangen? Er wusste es nicht mehr. Einmal hatte er im Badezimmer die Tabletten gegen den Bluthochdruck gesucht und eine genommen. Dann sich hingelegt, daran konnte er sich erinnern. Er sah, dass ihm Da-ra eine lange Textnachricht hinterlassen hatte, aber er fand noch nicht die Kraft, sie zu lesen. Er ging ins Atelier und setzte sich an den Tisch, auf dem seine Zeichnungen und Aquarelle lagen, in unterschiedlich hohen Stapeln sortiert. Den mit dem Pfirsichdieb-Motiv zog er zu sich und blätterte ihn langsam durch. Zwei Arbeiten zerriss er und warf die Papierstücke in die Kiste mit dem Altpapier. Die andern stellte er als Reihe auf, indem er sie an verschiedene Objekte anlehnte, die auf dem Tisch herumstanden, Flaschen, Büchsen, Schachteln, eine kleine Bronzefigur. Er nahm ein leeres Blatt und begann zu zeichnen. Da-ra als Boddhisatva Guanyin. Morgen lese ich deine Botschaft, versprach er.

«Hallo Lukas! Ich habe sicher noch eine Viertelstunde gewartet, aber dann musste ich gehen. Und du hast offenbar Zeit gebraucht, um die Nachricht zu verdauen. Wenn du wirklich geglaubt hast, dass wir dir gekündigt hätten, kann ich das verstehen. Jetzt kannst du selber entscheiden, was du machen willst. Ob du wieder ins Institut zurückkehren willst und wie bisher weiter arbeiten mit uns. Aber vielleicht willst du dich ja wieder ganz der Malerei widmen. Ich merke selber, wie schwer es ist, die beiden Welten zusammenzubekommen. Nicht nur wegen der zeitlichen Belastung, es sind auch zwei Arten des Arbeitens, auch des Denkens und Fühlens, die oft nicht zusammenpassen. Ich weiss noch nicht, wie lange ich das so weitermachen werde (das unter uns ;-). Du hast etwas gesagt, worüber ich noch am Nachdenken bin: «Ich wünschte, du wärst hier.» So, wie du es gesagt hast, tönte es, als hättest du noch mehr sagen wollen. Dass du mich liebst? Oder mich willst – mich begehrst, sagt man so? Oder beides? Natürlich willst du jetzt wissen, wie es bei mir steht, umgekehrt. Als du plötzlich verschwunden warst, habe ich gemerkt, dass du sehr fehlst. Es ging aber eine Weile, bis ich zugeben konnte (natürlich, mir gegenüber, ich habe mit niemandem darüber gesprochen!), dass du mir fehlst, und nicht «dem Institut». Seit ich dich damals im Sommer «überfallen» habe und wir so sehr (!) Liebe machten, habe ich mir einfach verboten, mich in dich zu verlieben. Und auch dir habe ich das untersagt, als ob ich auch über deine Gefühle Chefin wäre. Das kommt mir jetzt so lächerlich vor! Also, jetzt ganz «offiziell», auch wenn das ein blöde Form ist, so in einem Chat: Ich liebe dich, Lukas! Ich will dich, ich begehre dich (so ein komisches Wort, aber in der Kunst ist es ja sehr wichtig, das «Begehren» ;-)
Und, das Beste kommt erst: Ich komme bald, in etwa drei Wochen, nach New York!! Ich hoffe jetzt ganz fest, dass du dann noch dort sein wirst!? Ich kann eine Ausstellung machen in meiner dortigen Galerie. Nichts Riesiges, aber ich freue mich darauf. Und wenn du solange im Big Apple ausharren könntest, wäre das supergrossartig! (Der Urlaub ist leider unbezahlt, da konnte ich nichts machen, und ob das noch in deine Aufenthaltsbewilligung passt ... Hast du 90 Tage?)
So, ich glaube, eine so lange Nachricht habe ich noch nie geschrieben in einem Chat. Ich grüsse dich, mein lieber Lukas, mein liebster Härri. Vielleicht kündigst du nun ja mir, aber ich hoffe, nur als Mitarbeiter. Und vielleicht machen wir in Zukunft auch mal ein Kunstprojekt zusammen, wer weiss? Bitte rufe mich bald wieder an, oder ich versuche es einfach auch in den nächsten Tagen. Wir haben so viel zu erzählen!
Ich umarme dich, bleib gesund!
Deine Da-ra