Es war der grosse Tag von Mariette Hayoz, der Sekretärin und Pförtnerin im alten Akademiegebäude. Für einmal musste sie nicht um Sichtbarkeit kämpfen, sondern wurde bestürmt in ihrer gläsernen Loge am Ende des Korridors im Erdgeschoss. Sie hatte in allen Stockwerken Tische mit Getränken und kleinen Brötchen aufgestellt, denn niemand von den Neuankömmlingen sollte zusätzlich zu seiner Aufregung auch noch einen leeren Magen in die Aufnahmeverfahren mitbringen müssen, die sich über zwei Tage hinziehen würden und aus Befragungen, Gruppengesprächen, Präsentationen sowie einer praktischen Prüfung bestanden. Die Dossiers waren schon vor Wochen eingereicht worden. Frau Hayoz leitete Umherirrende an den richtigen Ort, tröstete Weinende oder still vor sich Hinbrütende, die vermeintlich oder tatsächlich in einem Teil des Assessments versagt hatten. Sie half den Dozierenden beim Herrichten und Umbauen der Räume und trug ihnen diskret ihre Sachen hinterher. Sie lenkte den Hauswart an die Stellen, wo nur er helfen konnte und sorgte mit ihrem heiteren und fürsorglichen Wesen überall dort für Entspannung, wo sie Aufregung und Ärger wahrnahm.
Auch Härri fühlte sich angespannt. Er war sehr früh aufgestanden und hatte sein Fahrrad zeitig bestiegen, musste aber nochmals umkehren, weil er die Liste der Prüflinge vergessen hatte. Als er sie auf seinem grossen Tisch suchte, strich ihm der Kater um die Beine und wurde unsanft weggeschubst. Fast hätte er ihm einen Tritt gegeben. Er fand das Papier nach längerem Stöbern und machte sich zum zweiten Mal auf den Weg. Selbstverständlich hätte er von Hayoz leicht eine Kopie bekommen können, aber sein Stolz liess es nicht zu, sie heute um so etwas zu bitten. Er wollte gut vorbereitet «in die Schlacht ziehen». Unterwegs zur Brücke kam ihm dieser Ausdruck in den Sinn und er musste unwillkürlich den Kopf schütteln über sich. Die Sitzung mit Aurelia und Ksenjia, in der sie um Themenformulierungen für den praktischen Teil gerungen hatten, war anstrengend gewesen. Schwierig. Kommunikation voller Spitzen und Haken, mit einem doppelten Boden, gezimmert aus manipulativen Andeutungen und impliziten Appellen. Wenn es dabei nicht auch lustig, absurd-witzig zugegangen wäre, hätte er wohl nicht bis zum Ende durchgehalten. Er traute den beiden nicht. Dabei waren sie während dieser zwei Tage aufeinander angewiesen. Erschreckt hatten ihn Äusserungen, aus denen seiner Ansicht nach ein fahrlässiger Unernst sprach, eine zynisch anmutende Lust, mit der Situation und den Beteiligten des Aufnahmeverfahrens zu spielen. Vielleicht hatte er ja früher auch so geredet. «Die jungen Menschen aus ihrer Komfortzone locken» war so ein Satz gewesen, den auch er in verschiedenen Variationen in den Mund genommen hatte. Warum wurde ihm jetzt so unbehaglich zumute, wenn er ihn von andern zu hören bekam? Wenn er den Ausdruck mit seinen eigenen Kindern in Zusammenhang brachte – vorgestellt in dem Alter, das Studienanwärter im Schnitt mitbrachten – oder wenn er ihn auf Noah und Milena bezog, dann spürte er heftigen Widerwillen gegenüber der Anmassung, dem Machtanspruch, der sich darin verbarg.
Als er sein Fahrrad beim gedeckten Parkplatz an den Pfosten kettete, erneuerte er seinen Vorsatz für die zwei Tage. Wachsam wollte er sein, ein wenig misstrauisch, sich selbst und den Kolleginnen gegenüber.
Auf dem Weg durchs Gebäude traf er Da-ra Baek an, die ihn in ihrem Büro kurz sprechen wollte.
«Es sind zwei Herren der Aufsichtsbehörde im Haus», teilte sie ihm mit. «Ich wollte dir das sagen, bevor du sie antriffst. Sie werden da und dort bei Präsentationen und Gesprächen dabei sein. Aber sie sind auch wegen dir da. Ich dachte, das solltest du wissen.»
Härri war sehr erstaunt.
«Wegen mir? Weshalb? Hat das etwas zu tun mit ...?»
«Mit der Probefrist, die dir von der Direktorin gesetzt worden ist, ja», bestätigte Da-ra. «Sie läuft bald ab. Man hat ihnen wohl den Auftrag gegeben, nochmals nachzuschauen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Sie waren schon bei mir.»
Härri war verärgert.
«Und, ist alles in Ordnung?»
Er schob das Kinn vor und sah sie herausfordernd an.
«Bitte reg’ dich nicht auf!», bat ihn seine Chefin. «Es ist mir wichtig, dass das Verfahren gut abläuft. Da braucht es wieder Kooperation. Entgegenkommen von allen. Ihr habt zusammen vorbereitet, Aurelia hat mir berichtet. Das habe gut funktioniert.»
Was die wohl erzählt hat, fragte sich Härri. Aber dann dachte er, vielleicht hat sie so wenig Empathie, dass sie Meinungsverschiedenheiten gar nicht registriert.
«Ja, unsere Themen haben wir jedenfalls hinbekommen», sagte er.
Da-ra sah ihn prüfend an. Sie war barfuss und trug Rot. Schön siehst du aus, verdammt, dachte Härri. Er musste weiter, weg aus ihrer Nähe.
«Also», sagte er, «packen wir’s!», und drehte sich von ihr ab.
«Viel Glück, Lukas», sagte sie, als er sich in der offenen Tür nochmals umdrehte.
Es begann damit, dass Aurelia zu ihm und einer Gruppe von Prüflingen stiess, die sich in der Mittagspause auf einem Zwischengeschoss eingerichtet hatten. Sie sassen auf den Heizungsradiatoren vor dem grossen Fenster und assen ihr Mitgebrachtes oder die Brötchen von Hayoz. Härri hatte sie gerade begrüsst und ihnen einen guten Appetit gewünscht, als Aurelia schnaufend von unten auf dem Treppenabsatz ankam. Sie hatte die Haare frisch und leuchtend rosarot gefärbt, die Lippen im gleichen Ton geschminkt und war so bunt gekleidet wie ein Papagei.
«Ach, süss!», flötete sie, noch etwas ausser Atem. «Ihr hockt da wie Vögelchen auf der Stange. Ich bin Aurelia. Ich weiss nicht, ob ich mir eure Namen werde merken können. Wahrscheinlich nicht.»
Was für eine Begrüssung! Härri war es peinlich.
«Wir sehen uns nachher», versuchte er abzulenken und zog Aurelia am Ärmel. «Komm, wir müssen noch schauen, ob der Raum bereit ist.»
Als die zukünftigen Studierenden mit ihrer Zeichnungsprüfung beschäftigt waren – sie hatten ein Modell, das sie mit den Mitteln ihrer Wahl so porträtieren sollten, dass man «seine Persönlichkeit erkennen» sollte – gingen er und Aurelia zwischen den Staffeleien hin und her. Härri achtete darauf, dass er nicht zu lange bei einer Person stehen blieb, um sie nicht zu verunsichern. Wenn es ihm offensichtlich erschien, dass jemand steckengeblieben war und nicht weiterwusste, sprach er ein paar aufmunternde Worte, die sich auf den Prozess bezogen.
«Es hilft, einfach so zu tun, als wüsste man, wie es geht», sagte er zum Beispiel. Oder: «Keine Bange, es gibt kein richtig oder falsch bei dieser Aufgabe.» Er dachte von solchen freundlich geäusserten Bemerkungen, dass sie von den zwei im Hintergrund sitzenden älteren Herren nicht als unerlaubte Hilfestellung interpretiert werden konnten. Wie Statler und Waldorf aus der Muppetshow hocken sie da, dachte er. Im gleichen Moment stiess Aurelia einen tiefen Seufzer aus.
«Ach, wie bin ich froh, dass ich nicht mehr zeichnen muss!», posaunte sie durch den Raum.
Härri war sauer auf Aurelia nach diesen zwei Vorfällen. Eigentlich wollte er sie zur Rede stellen, aber sie schien es zu ahnen und ging ihm in der Pause und nach Abschluss der Prüfung aus dem Weg.
Am nächsten Morgen standen drei Einzelbefragungen auf dem Programm, die er mit Aurelia und Ksenjia zusammen in einem kleinen Vorbereitungs- und Bibliotheksraum durchzuführen hatte, diesmal in der Spinnerei. Mit dem Ortswechsel war die Absicht verbunden, den zukünftigen Studierenden beide Standorte des Instituts vorzustellen. Der Raum war in einem giftigen Gelbgrün gestrichen, was Härri heute unangenehm auffiel. Es gab ein grosses Fenster, das von zwei diagonalen Stahlstreben durchkreuzt wurde. Draussen drückte die Sonne durch eine dichte, weissgraue Wolkendecke. Kopfweh-Licht, dachte Härri. Er konnte nicht verhindern, dass sich die zwei Frauen auf das Sofa setzten, das mit einem zerwühlten, dunkelgemusterten Tuch bedeckt war. Aurelia, wie zufällig unter einem Poster von Marilyn Monroe, heute mit einer gestrickten Jacke, regenbogenfarbig gestreift. Um ihren Hals hatte sie ein Duzend Ketten gehängt, aus Acrylglasperlen in Leuchtgelb. Die Haare hielt sie sich zurück mit einem Reif, von dem kleine, rosafarbige Katzenöhrchen abstanden. Ksenjia, wirkte brav und fast altjüngferlich daneben. Streng gerade geschnittene Fransen über hoher weisser Stirn, die sie fast immer in angestrengte Falten legte. Sie trug dunkelbraune Manchesterhosen, darüber ein grünlich-braunes Strickjäckchen. Nur ein schmales Band, das dicht um ihren drahtigen Hals geschlungen war, hatte eine auffällige rote Farbe. So sass das Paar nebeneinander, in Erwartung des ersten Kandidaten. Härri stellte einen drehbaren Bürostuhl den Frauen gegenüber, auf die andere Seite des Clubtischchens, das die Mitte einnahm. Dann nahm er sich einen zweiten und setzte sich im rechten Winkel zu ihnen.
Die Gespräche mit den zwei jungen Frauen, die zuerst dran waren, verliefen ruhig. Nur einmal musste Härri die Fragen wieder zurück zur Kunst und zur Ausbildung lenken, als Ksenjia nach Einstellungen und Haltungen zu fragen begann, die seiner Meinung nach nichts mit dem Studium zu tun hatten. Aurelia hatte auch gleich nachgehakt, als sie die Gelegenheit sah, über Feminismus zu reden. Dagegen hätte Härri nichts gehabt, wenn nicht beide ihre Fragen derart suggestiv gestellt hätten, dass den Kandidatinnen nur die Wahl blieb, das ihnen Untergeschobene zu bestätigen oder aber dumm dazustehen.
Vor dem dritten und letzten Anwärter rissen sie die Fenster auf um zu lüften. Härri holte frisches Mineralwasser vom Spender draussen im Gang, dann besprachen sie die vergangenen Anhörungen.
Als der dritte und letzte Kandidat hereinkam, knisterte es von Beginn an im Raum. Es war ein junger Mann mit russischen Wurzeln. Sehr kurzer Haarschnitt über einem ebenmässigen, hübschen Gesicht, das einen einstudiert wirkenden, gelangweilten Ausdruck zur Schau stellte. Er trug einen Hoodie in Altrosa, dazu braunviolette Hosen aus einem feinen Leder. Die sorgsam gepflegten Nägel hatten dieselbe Farbe. In seinem rechten Ohrläppchen steckte ein geschwärztes Metallrohr. Er flätzte sich auf den Stuhl und drehte das eine Bein um das andere. Die Bewegungen von Kopf, Hals, Schultern und Armen waren weich, fliessend. Er machte oft eine beidhändige Geste mit den Handrücken voran, was seine Fingernägel zur Geltung brachte.
Tuntig fand ihn Härri. Dabei gefiel ihm, was der Junge erzählte. Über die unterschiedlichen Kulturen seines Herkunftslandes und der friedlichen Schweiz. Von seiner Motivation, Kunst zu studieren, seinem Interesse für Film und Theater. Auch für Malerei. Seine Einschätzung des noch immer vorherrschenden Akademismus in Russland beeindruckte Härri. Ein kluger Kopf!
Dann aber drängten sich seine beiden Kolleginnen vor. Ihre Blicke und Körperhaltungen waren ganz anders als bei den jungen Frauen vor der Pause. Sie rutschten vor und zurück auf ihrem Sofa, rissen die Augen auf, stellten beim Reden die Köpfe schräg. Lachten sich zwischendurch zu, wenn der junge Mann etwas bestätigt hatte, was sie gerne von ihm hören wollten. Es fehlte noch, dass sie sich abklatschten. Härri konnte es nicht glauben: die beiden flirteten schamlos mit dem Prüfling, der dies längst bemerkt hatte und nun ein raffiniertes, dandyhaftes Spiel aufzog. Je begeisterter das Gebaren der Frauen, desto ölig-schläfriger wurde seines. Während ihre Stimmen in der Tiefe raunten um gleich darauf in ungeahnten Höhen zu zwitschern, wurde seine immer leiser, gleichmütiger und abwesender, der Blick immer müder. Folgerichtig bewegten sich die Fragen der Frauen – Härri hatte es aufgegeben, er schaute und hörte betreten zu – nun in Richtung ihres Lieblingsthemas, der Sexualität. Wie durch einen Vorhang hörte Härri Aurelias Frage:
«Wenn du dich einer Gruppe zuordnen würdest, wäre das pansexuell, nicht wahr?»
«Nein», antwortete der junge Mann.
«Ah, interessant». Aurelia bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verstecken. «Und warum nicht?»
«Weil ich nicht an Sexualität glaube», antwortete er kühl.
Härri stand auf, murmelte eine Entschuldigung und verliess den Raum. Er konnte sich gerade noch zurückhalten, die Tür zuzuschlagen.
In der darauffolgenden, längeren Pause, als sich Härri aus dem Automaten im Dozentenzimmer einen Kaffee in den Becher laufen liess, gingen die zwei Kolleginnen wie Furien auf ihn los. Sie kümmerten sich nicht darum, dass ringsum bald alle Gespräche verstummten und man ihnen betreten zuhörte.
«Sag mal, hast du sie noch alle?», fauchte ihn Ksenjia an. «Du kannst doch nicht einfach davonlaufen, wie sieht denn das aus?»
Auch Aurelia schimpfte: «Und wann und wie gedenkst du nun die Besprechung zu machen? Du hast ja den Schluss gar nicht mitbekommen, das war nämlich hochinteressant, was Juri da noch gesagt hat.»
Härri hatte seinen Entschluss schon gefasst. Er werde von seinem Recht Gebrauch machen, einen eigenen Bericht zu schreiben zu der Befragung. Und sich für ausserstande erklären, eine Beurteilung abzugeben.
Aurelia wusste, was dies bedeutete. Die Befragung musste wiederholt werden. Sie war ausser sich.
Aber es kam noch schlimmer. Härri hatte sich etwas beruhigt und fühlte sich imstande, seine letzte Aufgabe des Tages zu erfüllen. Es ging um die Präsentationen zweier Anwärter, beides Männer, die in einem Dialog ihr Verständnis von Kunst darlegen und diskutieren mussten. Dies sollte vor je einem ausgewählten Werk aus den Dossiers geschehen. Sie hatten sich bereits in einem der grossen Atelierräume eingerichtet, der eine vor einem grossen Bildschirm, auf dem er einen Film zeigen wollte, der andere vor einer bemalten Bahn aus Leinwand, die an einem Deckenbalken aufgehängt war und sich nach einem Bogen auf dem Fussboden wie ein Teppich fortsetzte. Die Zusammensetzung der Dozenten hatte mit den Medien zu tun, in denen die angehenden Künstler arbeiteten. Härri war für die von der Decke hängende Malerei zuständig, Arjeta für die technischen Qualitäten des Films. Und weil dieser eine Performance zeigte, war auch Ksenjia wieder dabei. Sie behandelte Härri wie Luft, was ihn weniger störte als die beiden alten Herren, die sich wieder im Hintergrund einrichteten.
Zuerst drehte sich die Diskussion um die konkreten Werke und Härri begann sich fast schon wohlzufühlen. Er insistierte auf Genauigkeit in der Wahrnehmung dessen, was auf der Leinwand zu sehen war und erkundete durch weitere Fragen, wie offen und selbstkritisch der Kandidat sein Werk zu sehen vermochte. Dieser machte seine Sache gut, wie er fand. Auch beim andern ging man zuerst von einer Werkbetrachtung aus, die sich allerdings schnell auf die Person des jungen Künstlers fokussierte, weil er auch Protagonist der dokumentierten Performance war, die Härri im Übrigen langweilig fand. Er hatte das Gefühl, sehr ähnliche Stücke schon dutzendfach gesehen zu haben, aber dazu musste er zum Glück nichts sagen.
Er wusste nicht, wie es geschehen konnte. Es war eigentlich abgemacht gewesen, dass man die zwei Prüflinge auch danach fragen werde, wie weit sie für die Kunst gehen würden. Darunter hatte Härri die Frage nach ihrer Bereitschaft zur Professionalität verstanden, ob sie unter anderem dazu bereit seien, ausschliesslich Kunst zu machen und dafür eine prekäre wirtschaftliche Situation in Kauf zu nehmen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Als nun aber Ksenjia die Frage an den Performer stellte, mit dem sie sich vorher ausführlich über den Mut zur «Selbstentäusserung» unterhalten hatte, holte dieser tief Luft und setzte zu einem markerschütternden Schrei an. Alle zuckten erschrocken zusammen, und selbst Ksenjia riss die Augen auf. Dann aber klatschte sie begeistert in die Hände.
«Wow, was für eine Kraft!» stiess sie bewundernd hervor. Dann richtete sie sich an den Maler.
«Und du, wie weit würdest du gehen für die Kunst?»
Und als ob nichts dabei wäre, setzte dieser zu einem minutenlangen Monolog an. Er habe sich schon ein paarmal überlegt, was das ultimative Bild wäre, das er auf die Leinwand bringen könnte. Dabei sei seine Phantasie folgende: Er richte ein grosses Hochformat ein, einen Meter zwanzig breit und zwei Meter dreissig hoch, mit einer klassischen Grundierung. Dieses lege er auf den Boden. Dann stelle er sich davor, übergiesse sich mit Benzin und zünde sich an. Lege sich brennend auf die Leinwand ...
Härri unterbrach ihn, kreideweiss im Gesicht. Er versuchte, seiner Stimme Festigkeit und Ruhe zu verleihen.
«Ich hoffe, dass du das nie tun wirst.»
Dann wandte er sich an seine Kolleginnen, und in Gedanken auch an die beiden Männer der Aufsicht, die er in seinem Rücken wusste.
«Als Mitglied des Vorstands von «Art Gender Planet» breche ich die Veranstaltung an dieser Stelle ab. Wir haben heute Fehler gemacht, und ich entschuldige mich im Namen des Instituts dafür. Wir sollten gewisse Grenzen weder verwischen noch überschreiten. Dazu gehört ein klarer, transparenter und bewusster Umgang mit dem Machtgefälle, das in Aufnahme- und Prüfungsverfahren besonders deutlich wird. Junge Menschen sollten sich in unserer Institution zu eigenständigen Personen entwickeln und nicht zu Handlungen oder Äusserungen verführt werden, die ihnen nicht guttun, oder die gar gegen die Menschenwürde verstossen.»
Arjeta, Ksenjia und die beiden Kandidaten standen wie angewurzelt da, niemand brachte einen Ton heraus. Die zwei alten Männer hatten gemerkt, dass etwas Aussergewöhnliches im Gange war. Sie erhoben sich und kamen näher.
Da richtete sich Härri ein letztes Mal an den jungen Maler.
«Du kannst nichts dafür. Bitte entschuldige. Ich gehe davon aus, dass ihr darüber informiert werdet, wie es weitergeht.»
Dann drehte er sich um, verliess den Raum, dann das Gebäude.
Am übernächsten Tag war er aus Augst verschwunden.

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