26.5.24

Standversuche

«Hey, watch where you’re goin’, dude!»
Der Obdachlose rieb sich die Stelle am Bein, wo er vom Schuh des schnell dahingehenden Mannes getroffen worden war. Dieser wurde durch den Schmerzensruf aus seiner Versenkung gerissen und hielt inne, ohne sich umzudrehen. Ein weisser, wirrer Haarschopf über dem hochgeschlagenen Kragen der Jacke, die Hände in deren Taschen vergraben. Er stand und schwankte leicht vor und zurück, wie wenn er überlegen würde, ob er umkehren sollte. Der Obdachlose bekam es mit der Angst zu tun.
«Oh, oh, oh, I didn’t say nothin’, it’s okay, man!»
Jetzt drehte sich der Mann tatsächlich um. Der Obdachlose zog panisch die mageren Beine an sich und umklammerte seine Knie mit beiden Armen. Er riss die Augen auf und suchte im Gesicht des Mannes, was er zu erwarten habe. Zu seinem Erstaunen sah er keinen Angreifer vor sich. Der Ausdruck des Mannes war schmerzverzerrt, als ob er einen noch viel gewaltigeren Tritt bekommen hätte. Seine Wangen waren feucht. Hatte er geweint? Nun rang er sich ein Lächeln ab und kam näher. Der Obdachlose bleib in seiner Haltung sitzen, voller Misstrauen.
«Sorry ... sorry ... sorry ...», murmelte der Mann vor sich hin, kramte dann aus seiner Hosentasche einen zerknüllten Zwanzig-Dollar-Schein und hielt ihn dem am Boden Sitzenden hin.

Härri war seit ein paar Tagen wieder in New York. Auf die Frage, wann genau er angekommen war, hätte er überlegen müssen, weil sein Tag-Nacht-Rhythmus völlig aufgelöst war. Nach der Ankunft hatte er sich so schlecht gefühlt, dass er in einer Apotheke um Rat fragte. Eine freundliche junge Frau mass seinen Blutdruck und stellte eine mässige Erhöhung fest. Er solle zum Arzt gehen, meinte sie. Dazu wenig Salz essen, keinen Alkohol trinken und sich viel bewegen. Was er nun tat. Er hatte keinen Plan, wohin er gehen wollte, sondern liess sich von den Bewegungen seiner Füsse leiten. Die führten ihn von der Orchard Street durch Chinatown in Richtung Süden. Widerwillen packte ihn, als er wieder über die mit kindisch bunten Farben bemalten Asphaltflächen ging. Auch in Augst gab es das, ein verdammter Irrtum! Es zog ihn ans Wasser, zum East River Greenway, der, wie er wusste, alles andere als grün war. Eine lärmige Galerie unter dem FDR Drive, aber mit tollen Ausblicken auf die beiden Hängebrücken. Und mit einer Menge Menschen, die sich in diesem merkwürdigen städtischen Raum auf vielerlei Weisen vergnügten. Spielend, lesend, musizierend, tanzend. Es gab einen Prediger mit spärlichem Publikum, und gleich daneben ein Openair-Gym mit Dutzenden von Geräten, die von schwitzenden, in glänzende Outfits gehüllten Menschen in Bewegung gehalten wurden. Der Frühling war weit fortgeschritten und die Sonne heizte die Stadt auf den Tag über, aber hier im Schatten war es angenehm. Die Betriebsamkeit um ihn herum und seine schnelle Gangart hielten Härri davon ab, zu lange an einem Gedanken hängenzubleiben.
Nach seinem Weggang vom Institut hatte er schon auf der Heimfahrt beschlossen, wieder nach New York zu gehen. In der Nähe von Sofia zu sein, erschien ihm als das einzig Sinnvolle, was ihm im Moment einfiel. Er hatte zuhause nachgeschaut, ob er mit seiner Aufenthaltsbewilligung nochmals einreisen könne. Soviel er verstand, sprach nichts gegen einen erneuten Aufenthalt von bis zu neunzig Tagen, also buchte er einen einfachen Last-Minute-Flug für den übernächsten Tag. Erst danach und ohne Hoffnung erkundigte er sich bei seinem Freund, ob die Wohnung an der Orchard Street noch immer frei sei. Zu seiner Überraschung war sie es. Er sagte niemandem, was er vorhatte. Noah war misstrauisch, versprach aber, wieder zum Haus zu schauen.
Er packte, dann musste er warten. Der Kater spürte seine Unruhe und suchte Nähe, was er nur mit Mühe ertrug. Er las keinerlei Nachrichten und hoffte, dass niemand vom Institut auf die Idee käme, ihn aufzusuchen. Es kam niemand, was ihn wiederum enttäuschte und wütend machte. Er stellte sich vor, wie Da-ra mit Aurelia und Xenjia sprechen, dann mit der Direktorin und den zwei Inspektoren zusammensitzen würde. Wie man seine Kündigung beschloss, verschriftlichte und ihm zusandte. Er realisierte, dass er diese Möglichkeit im vergangenen Jahr fast vollständig ausgeschlossen hatte. Wenn er daran gedacht hatte, spielte er die Folgen herunter. Die kaum planbare, prekäre wirtschaftliche Lage, die er von früher kannte. Das Hoffen auf Aufträge und Verkäufe, die Suche noch Sponsoren. Die Angst vor Ideenmangel und Flauten in der Schaffenskraft. Die Einsamkeit im Atelier. Und die mangelhafte Altersvorsorge, alles Dinge, die sich mit dem ausschliesslichen Künstlerdasein verbanden. Am meisten schmerzte ihn der Gedanke, den Kontakt zu den Studierenden zu verlieren. Nun, wo es passiert war, griffen die Sorgen mit spitzen Krallen nach seinem Geist. Sie jagten ihn hin und her zwischen Trauer über den Verlust und einem unbändigen Zorn, wenn er daran dachte, wem dafür die Schuld zu geben war. Er erinnerte sich an Beschimpfungen und Drohungen in zotiger Sprache, die er einst auf der Bühne herausgeschrien hatte und ertappte sich bei Phantasien, in denen er in einer nächtlichen Aktion das Institut anzündete. Er träumte, er sei ein zottiges Ungeheuer, das mit Riesenschritten durch die Stadt stampfte und alles unter seinen Füssen zermalmte. Dann wieder wurde er von eisernen Ringen gequält, die sich um seine Glieder und seine Stirn schlossen und durch fremden Zauber immer enger wurden. So erwachte er vor seiner Abreise mit rasenden Kopfschmerzen.
Als er in der New Yorker Wohnung angekommen war, nahm er über die App Kontakt zu Sofia auf. Per Mail teilte er ihr mit, er sei wieder im Land. Wann er sie besuchen könne. Es vergingen Tage, bis die Antwort kam. Diese war aber freundlich und sehr ausführlich. Härris Gemüt heiterte sich zum ersten Mal seit «den Vorfällen» wieder auf. Er könne sie nur an Feiertagen oder samstags und sonntags besuchen, jeweils zwischen halb neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags. Er dürfe ihr absolut nichts mitbringen. Es sei lediglich möglich, bis zu dreissig Dollars Cash in den Besuchsraum zu bringen und damit etwas aus den Automaten zu kaufen, die dort aufgestellt seien. Seine Wertsachen müsse er in einem Schliessfach lassen. Er dürfe keine khakifarbene Kleidung tragen, und umarmen oder sonstwie berühren dürften sie sich nur am Anfang und Ende des Besuchs. Ansonsten ginge es ihr den Umständen entsprechend gut. Sie führe den Entzug weiter, jetzt unter regelmässiger Überwachung durch eine Ärztin. Und sie habe sich für verschiedene Kurse angemeldet, unter anderem für Yoga, was ihr sehr helfe.
Härri musste warten mit seinem Besuch bis zum nächsten Wochenende. Ausser seinen ausgedehnten Spaziergängen hatte er nichts vor und auch keine Idee, was er mit sich und seiner Zeit anfangen könnte. Er verspürte nicht die geringste Lust, in ein Museum zu gehen oder irgendeine Sehenswürdigkeit für Touristen zu besuchen. Im Atelierraum seines Freundes versuchte er es wieder mit Zeichnen, aber es erwies sich als unmöglich. Er ertrug sein Gekritzel nicht und konnte sich nicht einmal zurückhalten, gleich zu zerreissen, was auf dem Papier sichtbar wurde. Er durchforstete die Bibliothek, zog wahllos Bücher heraus ohne dabei auf Titel oder Autor zu achten. Schlug sie irgendwo in der Mitte auf und begann zu lesen, brach oft gleich wieder ab, weil irgendein Satz oder ein Wort seinen Widerwillen hervorrief. Bei einem blieb er länger hängen, weil die Geschichte von einem Künstler handelte, der sich «Harry» nannte. Als er merkte, dass dieser in Wirklichkeit eine Frau war, die eigentlich Harriet hiess, war er enttäuscht. Er las noch einige Seiten weiter. Die Künstlerin brachte mehrere Männer dazu, ihre Werke in deren Namen zu vermarkten. Er versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn Da-ras Installationen damals in der Ausstellung in Bregenz unter seiner, Härris, Autorschaft gezeigt worden wären. Wenn er im Rampenlicht gestanden hätte, aber wegen ihrer Arbeiten. Was eine Frau, eine Künstlerin von so einem Arrangement haben sollte, begriff er nicht. Er klappte das Buch zu und schob es zurück zwischen die anderen. Erst jetzt las er den Namen der Autorin und den Titel: Siri Hustvedt: The Blazing World.
Er kam bei seinen Ausflügen mehrfach beim Trainingsraum einer Taiji-Schule vorbei. Einmal war es bereits gegen sechs Uhr abends und er sah, dass die Eingangstüre offenstand. Ohne zu überlegen trat er ein und ging die zwei Treppen hoch, wo er zu einer kleinen Empfangsloge kam. Einem jungen Chinesen mit hellblond gebleichten Haaren, der hinter der Theke sass, erklärte er, dass er zwar seit Jahren Taiji ausübe, aber nach einer längeren Pause wieder ein paar Instruktionen brauche. Die Einzelstunde beim Meister koste dreihundert Dollar, sagte der junge Mann trocken. Als Härri antwortete, er wolle es sich überlegen, wurde ihm gesagt, dass der Meister auf mehrere Wochen ausgebucht sei. Er habe aber eben eine Absage bekommen und so gebe es diese Woche einen freien Termin. Donnerstagabend, 8:00 PM. Härri glaubte ihm nicht, sagte aber trotzdem zu.
Der Meister war anders als alle, die Härri bisher kennengelernt hatte. Ein sehr sanfter, etwas schwabbelig-weicher älterer Herr aus Südchina, der ebenso sprach, wie er aussah. Sobald er aber Härri zu korrigieren begann und ihm Übungsteile vormachte, wurde unter der Weichheit des Mannes die Körperspannung eines wilden Tiers sichtbar. Härri konnte kaum etwas machen, da wurde er schon unterbrochen.
«Man sieht, dass sich Ihr Körper erinnern will an die Formen, die er gekannt hat. Aber Ihr Geist ist verwirrt durch tausend Gedanken. Das ist schlecht für Taiji, und auch für Ihre Gesundheit.»
Härri ahnte, was jetzt kommen würde. Eine Lektion «stehender Pfahl». Aber er durfte gegen Schluss auch wieder Bewegungsfolgen ausführen und kam mit Hilfe des freundlichen Alten zur Ruhe. Es gelang ihm, die Schwere der letzten Zeit auf die Gravitationskräfte schrumpfen zu lassen, die seinen Körper über Beine und Füsse am Boden festhielten. Die Daueranspannung in seinen Rücken- und Nackenmuskeln, die der Meister als «Schildkrötenpanzer» karikierte, wurde Übung für Übung mehr aufgeweicht. Zurück blieben am Schluss Wärme und eine wohlige Müdigkeit.
Auf dem Heimweg ass er in einer kleinen Bude einen Salat und trank dazu einen halben Liter Grüntee. Zuhause angelangt, duschte er lange und schlief, trotz dem Tee, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein paar Stunden am Stück, tief, fest und traumlos.
Der Tag seines Besuchs im Gefängnis war näher gerückt. Zur Sicherheit ging er am Morgen des Vortags zum Grand Central Terminal, studierte den Fahrplan der Metro-North Railroad und kaufte das Ticket. Danach war für diesen Tag nichts mehr zu tun. Es war schon wieder frühsommerlich warm, entsprechend waren die Menschen angezogen, mit kurzärmeligen T-Shirts, kurzen Sommerhosen, Schildmützen gegen die Sonne, alles grellbunt und verziert mit Sprüchen und Logos in grotesken Schriftzügen. Härri entschied sich spontan zu einem Spaziergang über die Manhattan Bridge nach Brooklyn, wo er besonders viele Graffitis zu sehen hoffte. Er bestieg die Metro an der Midtown-Station und fuhr bis zum East Broadway. Als er den Fusspfad auf der Rampe zur Brücke betrat, sah er, dass etwas im Gange sein musste. Überall waren Polizeibeamte, auf der Fahrbahn solche mit Motorrädern, auf dem Fussweg die Fahrradabteilung und die martialisch Ausgerüsteten, mit Schildern, Helmen und gepanzerten Anzügen. Härri fragte eine schwarze Frau, die zuschaute und die er für eine Einheimische hielt, nach dem Grund für den Aufmarsch.
«Sie demonstrieren wieder für Palästina», sagte diese. «Die Behörden haben nach den letzten Krawallen versprochen, sich in Zukunft zurückzuhalten und verhältnismässig zu reagieren. Jetzt wollen wir mal sehen ...»
Was sie meine, ob er über die Brücke auf die andere Seite nach Brooklyn gehen könne, wollte Härri wissen.
«Dann würde ich mich aber sputen, Sir. Gleich wird es hier eng werden, man hört sie schon kommen.»
Tatsächlich konnte man nun die rhythmischen Rufe der Demonstranten hören, dazwischen eine plärrende Megaphon-Stimme. Zu verstehen war nichts. Härri machte sich auf den Weg nach drüben.

Er war früh aufgestanden am nächsten Morgen, um den Zug kurz nach acht Uhr nicht zu verpassen. Er kam mit leichter Verspätung in Norwalk an, so dass den Anschluss nach Dunbury gerade noch erwischte. Am Bahnhof nahm er ein Taxi, das ihn zur Federal Correctional Institution brachte. Als er vor dem Hauptportal ausstieg, überfiel ihn die Erinnerung an den Tag, als er Sofia mit Ashleys Hilfe hierhergebracht hatte, noch mitten im Winter. Sein Herz klopfte wild, als er durch die Drehtür ging. Er musste sich zuerst einen Becher Wasser von einem der Spender holen, bevor er sich beim Empfang melden konnte. Es lag ein Geruch nach Kantine-Küche in der Luft, von dem ihm übel wurde.
Man war auf ihn vorbereitet. «You’re the father?», fragte die dunkelhäutige Beamtin hinter der Theke, als er Sofias Namen genannt hatte. Dann begann ein Verfahren, das an die Abfertigung an einem internationalen Flughafen erinnerte. Er musste seine Sachen in eine Plastikschale legen und in einem Schliessfach zurücklassen, wobei er freundlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er dreissig Dollars in bar für den Konsum aus den Automaten mitnehmen dürfe. Nach dem Durchschreiten eines Detektorportals wurde er abgetastet. Man informierte ihn mündlich und durch Abgabe eines Merkblatts über die Regeln während seines Besuchs. «Handshaking, embracing and kissing will be permitted ONLY at the beginning and at the end of the visit.»
Dann wurde er in den Besuchsraum geführt, in dem sich schon einige Besucher und Insassen an Tischen gegenübersassen. Noch bevor er sich setzen konnte, sah er, wie Sofia von einer Wächterin hereingeführt wurde und sich auf ihn zu bewegte. Sie hatte die Haare sehr kurz geschnitten und trug die khakifarbene Anstaltskluft, Hose und Jacke, beides etwas zu gross. An den Füssen Gummi-Clogs in gleicher Farbe. Nun stand sie vor ihm, und er hatte weiche Knie.
«Hallo, Papa», sagte sie mit fester, klarer Stimme. «Ist dir nicht gut? Komm, setz dich.»
Sie fasste ihn am Arm und wollte ihn zu seinem Stuhl führen wie einen alten Mann. Er riss sich zusammen, stellte sich ihr in den Weg und breitete die Arme aus. Ohne ein Wort zu sagen, umarmten sie sich. Sofia roch nach einem billigen Dusch-Gel.
Als sie sich gegenübersassen, hatte er sich wieder in der Hand. Und wenn er sie nun so sah und sprechen hörte – ruhig und gefasst, selbstsicher –, schämte er sich für seine Schwäche, die sie ihm offenbar ansah.
«Du siehst müde aus. Warst du krank? Schaust du zu dir?»
«Sie haben mich rausgeschmissen ...», brachte er heraus.
Sofia konnte es nicht glauben.
«Was? Wo? Aus der Akademie?»
Er erzählte ihr die ganze Geschichte ohne Punkt und Komma, es musste aus ihm heraus. Als er allzu eifrig wurde, kam ein Beamter in ihre Nähe.
«Would you please speak more quietly, Sir?»
Erst nach mehr als einer Stunde merkte Härri, dass er Sofia noch gar nicht gefragt hatte, wie es ihr gehe. Ja, dass er sie noch nicht einmal richtig angeschaut hatte. Er wollte ihre Hände ergreifen, aber sie zog sie zurück.
«Das dürfen wir nicht, Papa.», sagte sie sanft. Sie sprach wie zu einem Kind.
«Du lässt dich hängen, ich habe dich noch nie so gesehen. Was ist es? Trauerst du wirklich deinem Job als Lehrer nach? Damit hast du doch immer wieder gehadert. Vielleicht hättest du nie mehr den Mut gefunden, wieder ganz auf die Kunst zu setzen Jetzt musst du, oder?»
Härri gab zu, dass da was dran war.
«Du scheinst eine Riesenwut auf diese Frau zu haben», fuhr Sofia fort. «Aus ihrer Sicht hat sie aber sicher recht und musste dich entlassen. Du hast es ihr einfach gemacht, indem du abgehauen bist.»
Härri schluckte und schaute zum Fenster.
«Ich musste», sagte er dann. «Ich hätte sonst etwas Dummes angestellt. Ich hänge an ihr ...
Der letzte Satz war ihm herausgerutscht.
Sofia hielt den Kopf schräg und musterte ihn aufmerksam.
«Was heisst das: Du hängst an ihr?», fragte sie. «Bist du verliebt in sie? Ich habe gemeint, du hasst sie?
«Ja, ich ... Nein! Ich weiss es nicht, es ist kompliziert. Und es tut mir so weh, dich hier zu wissen, und ...»
Sein Ton war klagend. Sofia unterbrach ihn.
«Entschuldige, Papa, aber ich brauche dein Mitleid nicht. Du kannst mich da nicht herausholen, und Mitgefühl zu zeigen, ohne dass man für den anderen etwas tun kann, ohne dass man Macht hat, schadet mehr als dass es hilft. Ich erlebe hier viele Frauen, die sich selbst bedauern. Wenn man sie fragt, warum sie hier seien, sind alle unschuldig verurteilt worden, grässlich! Oder ihr Lover war schuld, die schlimme Kindheit. Selbst wenn es stimmen würde, es bringt nichts, weil du dich so zum Opfer machst. Ich will kein verdammtes Opfer sein, Papa! Ich habe Scheisse gebaut und stehe dazu. Jetzt will ich was aus dieser Erfahrung machen. Der Sinn steckt nicht von selbst im Leben drin, den muss man hineinkneten.»
Härri sperrte Augen und Ohren auf. Wie redete sein Kind mit ihm?
«Ich hole mir einen Caffè Latte vom Automaten. Nimmst du auch einen?», sagte sie und erhob sich. Er gab ihr Geld und sah ihr dann nach. Ihr Gang war völlig anders als während der Zeit der Schlussverhandlung.
«Bist du schon ganz freigekommen von dem ganzen Zeug, das du genommen hast?», fragte er, als sie zurückkam und die Becher abstellte.
«Medizinisch gesehen, ja. Wobei ich noch zwei Medikamente nehmen muss, die jetzt langsam heruntergefahren werden. Aber im Körper steckt diese Erinnerung, die wird noch lange bleiben, vielleicht für immer. Es ist wie bei den Alkis, nur so ein bisschen trocken geht nicht. Ich werde mich fernhalten müssen von Situationen, auch von Menschen, die das Bedürfnis triggern. Yoga ist super!»
Die Wächterin, welche Sofia hergebracht hatte, stand plötzlich neben ihrem Tisch. Es seien bald zwei Stunden um, sagte sie. Ob Sofia den Besuch verlängern wolle. Das habe aber weitere zwei Besuchspunkte zur Folge.
«Ich glaube, es ist gut, oder?» sagte Sofia und sah dabei ihren Vater fragend an.
Härri nickte. Beide tranken ihre Becher leer und standen auf.
«Jetzt dürfen wir nochmal, oder?» fragte Härri und als Sofia ihn anlachte, nahm er sie in die Arme.

Als der Zug in der Abendsonne dem Long Island Sound entlangschaukelte, dachte Härri beschämt an ihren Satz zurück: «Ich brauche dein Mitleid nicht!» Er ergänzte, was sie vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte: « ... und dein Selbstmitleid schon gar nicht!» Er versuchte sich an das zu erinnern, was Sofia über Mitgefühl gesagt hatte, wenn man keine Macht darüber habe, etwas zu verändern. Ein Satz aus seiner Schulzeit kam ihm in den Sinn:
«Jedes Ding hat zwei Griffe. An dem einen kann man es tragen, an dem andern nicht.»
Er wusste nicht mehr, von welchem antiken Philosophen dieser Satz stammte und auch nicht, wie er auf seine Situation anzuwenden war. Er hatte keine Lust, auf dem kleinen Bildschirm seines Handys nachzuschauen und verschob es auf später. Er schloss die Augen und holte das Bild hervor, wie Sofia zum Automaten gegangen war. Daran wollte er sich halten.

Keine Kommentare: