Die Gefühle zu benennen, half ein wenig. Mit-Gefühl. Schmerz, Scham. Trauer war nicht angebracht, dann lieber Zorn, denn unwiederbringlich war nichts in diesem Fall, ausser vielleicht die Illusion der Unschuld eines Kindes. Immer schon hatte der Rückzug auf den Part eines Beobachters geholfen, der sich im Innern des Körpers einen sicheren Ort ausdachte, von wo aus er seine Betrachtungen anstellte. Vergleiche zog und einordnete, wie zum Beispiel das Geschehen, in das dieser Körper im Moment involviert war. «Es ist wie ...», kommentierte es der Beobachter, und baute damit bescheidene, aber wirkungsvolle Dämme gegen innere Überschwemmungen. Die Sicherheitsprüfung vor dem Einlass in den Gerichtssaal «war wie» das Prozedere am Flughafen, bevor man in die Wartezone vor den Gates gelassen wurde. Der mit Eichenholz getäferte Gerichtssaal, das Gericht selbst mit seinem Personal, den Ritualen und seiner spezifischen Sprache «waren wie» ihre Entsprechungen in den Legal-Drama-Filmen, die eine eigene Sparte beanspruchten und von denen man einige berühmte Beispiele gesehen hatte, zum Teil sogar mehrmals. Nichts, aber auch gar nichts halfen diese kunstvollen Konstruktionen des Beobachters gegen den plötzlichen Anblick von Sofias zartem Nacken. Schneller als ein Atemholen waren die Dämme aufgeweicht. Die Gefühle breiteten sich aus wohin sie wollten und man wusste nicht mehr, wer man war.
Von Ashley erfuhr Härri, wie Sofia es geschafft hatte, in das Gerichtsgebäude zu gelangen, ohne von der Meute der Medienvertreter gefressen zu werden. Einer ihrer Anwälte hatte es übernommen, den Spiessrutenlauf beim Hauptportal vor und nach der Verhandlung zu absolvieren und dabei wohlformulierte Statements abzugeben. Zusammen mit dem andern Verteidiger und begleitet von zwei Angestellten des Gerichts war Sofia dann sehr knapp vor der Verhandlung durch einen Hintereingang geschleust worden, vor dem nur wenige Presseleute warteten, die man habe abwimmeln können. Ashley meinte, dass sie insgesamt grosses Glück gehabt hätten. Der Aufmarsch und das Interesse sei wegen dem Verfahren gegen den ehemaligen Präsidenten der USA, das gleichzeitig nur einige hundert Meter entfernt an der Centre Street stattfand, deutlich geringer gewesen als sie befürchtet hatte.
Während dem Plädoyer des Staatsanwalts, welches die Schlussphase der Verhandlung einleitete, sass Härri mit gesenktem Kopf an seinem Platz im hinteren Teil des Saals. Seine Hände steckten zusammengepresst zwischen den Knien. Er versuchte, sich auf die Worte zu konzentrieren und zu verstehen, was sie bedeuteten. Bei der ersten Hälfte der Rede war ihm dies nicht gelungen, weil es um die technischen Details von Sofias Verfehlungen ging, auch um das Zusammenspiel und die Verwicklungen mit den Aktionen ihres Kumpans, die in einem separaten Verfahren zu einem späteren Zeitpunkt abgehandelt werden sollten. Jetzt gerade änderte der Staatsanwalt seinen Ton und begann Sofias Kooperation mit den Behörden infrage zu stellen, die, wie Härri wusste, ein wichtiges Argument zu ihrer Verteidigung und zu Gunsten einer milden Bestrafung darstellte. Er war wieder ganz aufmerksam. Sofia habe, so die Anklage, ihren Kollegen aus Rache ans Messer geliefert, weil sie sich von ihm übervorteilt gewähnt habe. Es sei ihr nicht um Kooperation aus Reue und zur Wiedergutmachung ihrer Taten gegangen, sondern um banales Heimzahlen nach einem Streit um die Beute. Hart und formell war die Sprache, mit der das Plädoyer abgeschlossen wurde.
«Her actions were calculated, contributing to her personal gain at the expense of others. We must uphold the rule of law and ensure that such egregious violations are met with appropriate consequences. We urge the court to impose a sentence that reflects the seriousness of these offenses and deters similar conduct in the future.»
Härri hatte eiskalte Füsse. Eine Strafe, welche «die Schwere dieser Straftaten widerspiegelt», das konnte sechs Jahre bedeuten! Er hob den Kopf und sein Blick kreuzte sich mit dem Ashleys, die neben ihm sass und ihm nun aufmunternd zunickte.
«Ihr Anwalt ist gut», flüsterte sie ihm zu. «Der macht das schon.»
Vielleicht lag es einfach daran, dass Härri lieber hören wollte, was zur Verteidigung seiner Tochter gesagt werden konnte. Jedenfalls erschien ihm das jetzt folgenden Plädoyer logischer aufgebaut und vor allem auch rhetorisch viel besser gestaltet als das vorangegangene. Sofias Anwalt zerpflückte die Rache-These der Anklage mit einem klar dargelegten Ablauf der Kommunikation Sofias sowohl mit ihrem Kollegen als auch mit den Behörden. Anhand von Zitaten aus ihrem Mailverkehr und von Zeugenaussagen ihrer Arbeitskollegen konnte er die Skrupel belegen, welche die Angeklagte bei der Belastung des Mittäters geplagt hatten. Zudem seien die wesentlichen Erkenntnisse über dessen illegale Tätigkeiten schliesslich durch seine Selbstanzeige zustande gekommen, von der er sich in seiner ausweglosen Situation eine Strafmilderung erhoffe. Eine Entscheidung, zu der die hier Angeklagte im Übrigen nicht unwesentlich beigetragen habe.
Härri meinte aufatmen zu können, als der Anwalt geendet hatte. Zu seinem Schrecken fragte die Richterin aber den Staatsanwalt, ob er von seinem Recht auf ein rebuttal, auf eine letzte Entgegnung, Gebrauch machen wolle, da gewisse Auszüge aus dem Mailverkehr der Angeklagten bisher nicht Gegenstand der Verhandlungen gewesen seien. Dieser verzichtete aber mit einem herablassend wirkenden Kopfschütteln auf das Angebot. Nun wurde die Angeklagte gefragt, ob sie ein Schlusswort sprechen wolle.
Sofia erhob sich und antwortete mit klarer Stimme: «Yes, Your Honor.»
Härri war so aufgeregt, dass er einen Moment die Hände vors Gesicht schlug. Dann besann er sich darauf, worum ihn Sofia gebeten hatte, setzte sich gerade hin und lauschte den Worten seiner Tochter.
Sie schilderte in knappen Zügen, wie sie bei ihrer Tätigkeit und im Umfeld der Börse in einen Strudel von Konkurrenzdenken, Renommiersucht und Gier geraten sei. Dabei habe sie dauerhaft und zunehmend sowohl ihre eigenen Grenzen überschritten als auch diejenigen korrekter Geschäftsführung. Bei der Suche nach Entlastung habe sie sich leider in ihrem Umfeld an die falschen Personen gehalten. Die Aufdeckung ihrer Verfehlungen mit all ihren Folgen betrachte sie als Chance, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen.
Es war dieser Satz, der Härri daran hinderte, dem letzten kurzen Rest ihrer Rede noch zu folgen. Was sollte aus Sofia werden, fragte er sich. Sie hatten in den letzten Tagen nur einmal über die mögliche Zukunft gesprochen. Dabei hatte Sofia deutlich gemacht, dass ihr die Weiterführung ihres Berufs in der bisherigen Form wohl für immer versperrt bleiben würde. Aber was konnte sie anfangen?
Als sich die Menschen um ihn herum erhoben und allgemeines Stühlerücken, Husten und Reden quer durch den Saal ertönte, realisierte er, dass die Pause vor dem Urteil gekommen war. In den hohen Gängen hallten die Stimmen unangenehm. Ashley redete auf ihn ein, er konnte aber nur die Hälfte verstehen. Offenbar fand sie, es sei «gut gelaufen». Als sie merkte, dass er nicht richtig zuhören konnte, ging sie weg, um ihm einen Becher mit Wasser zu besorgen.
«Ms. Martini, having reviewed the evidence presented and considering your cooperation with the authorities ...», begann die Richterin, nachdem sie den Saal wieder betreten und sich alle Menschen darin erhoben und wieder gesetzt hatten. Nun war Sofia die Einzige in dem grossen Raum, die stand. Härri nahm nochmals alle seine verbliebenen Kräfte zusammen, um ja nicht das eigentliche Urteil zu verpassen. Und da kam es schon:
«You are hereby sentenced to three years in federal prison, to be followed by ...»
Vom Rest bekam er nur noch ein Datum mit, January 8th. Er nahm an, dass es den Haftantritt festlegte. Man wollte keinen Härtefall schaffen mit einem Termin vor Weihnachten, dachte er. Er würde also wohl seine Tochter ins Gefängnis begleiten können. Begleiten müssen. «Three years ... drei Jahre ... drei Jahre ...», rotierte es in seinem Gehirn.
Weder Härri noch Sofia wollte sich die Fernsehberichte von CNBC, Bloomberg und CNN ansehen. Auch das Lesen der Zeitungsartikel – neben den Plattformen der Finanzwelt, The Wall Street Journal und Financial Times, kommentierten auch die New York Times den Fall – überliessen sie Ashley, die sensibel genug war, mit Zurückhaltung darüber zu berichten, was man da zu lesen bekam. Nur einmal konnte Härri nicht umhin, die Headline einer der Zeitungen zu erhaschen, die wegzuräumen Ashley vergessen hatte.
«WALL STREET BROKER SENTENCED – A Tale of Greed and Regret», stand da. Als er darunter den Text mit dem vollen Namen seiner Tochter beginnen sah, hörte er sofort auf zu lesen.
Er konnte das nicht. Ashley wollte Sofia zusammen mit ihrem Vater zu ihren Eltern einladen über Weihnachten. Sie hatte den Vorschlag gemacht und daraufhin die Wohnung für Besorgungen verlassen. Er musst mit Sofia reden.
«Das schaffe ich nicht», begann er. Sie hatte sich nach dem Frühstück auf einen Sessel verzogen, mit angezogenen Beinen, und tüpfelte auf ihrem Tablet herum. Ohne aufzuschauen antwortete sie:
«Ich weiss.»
Ihre kurzen Haare waren wieder verstrubbelt, sie war barfuss, trug graue Jogginghosen und ein viel zu weites, weisses T-Shirt, ohne BH. Erst jetzt wandte sie ihm den Kopf zu und sah ihn fragend an.
«Und, was schlägst du vor?»
Härri zog die Schultern hoch und liess sie wieder fallen.
«Keine Ahnung, du kennst die Fergusons besser. Kann man die Einladung ausschlagen? Magst du alleine hingehen? Oder machen wir beide was zusammen? – Ich weiss es nicht ... Scheissweihnachten!»
Sofia hob herausfordernd das Kinn.
«Es wäre praktischer gewesen, wenn ich schon vorher hätte in den Knast gehen müssen, meinst du?»
Härri war zusammengezuckt.
«He, nein! Sag’ doch nicht sowas!»
Sofia stand auf, warf das Tablet achtlos auf den Sessel und trat ans Fenster. Härri sah von hinten, wie sie nervös mit ihren Zehen spielte. Dann begann sie ruhig und bestimmt zu sprechen.
«Wir machen es so: Die Familiensause bei Fergusons am fünfundzwanzigsten lassen wir beide aus. Ashley wird das verstehen, ich kann das auch nicht. Da werden ihre Brüder kommen, beides erfolgreiche Anwälte ... es ist unmöglich. Und das Mitleid ihrer Eltern ertrage ich nicht. Nicht jetzt. Wir zwei reservieren an Christmas Eve einen Tisch bei irgendeinem netten Asiaten, wir können auch noch ins Kino gehen danach. Aber wahrscheinlich bin ich zu kaputt und zappelig, und will dann nur noch heim. Wir schauen. Ashley wird bei Freunden sein am vierundzwanzigsten, das hat sie mir schon gesagt.»
Härri trat neben sie. Er war sehr erleichtert.
«So machen wir’s!»
Mit Sofias Plan war Weihnachten zu überstehen gewesen. Ashley hatte die Absage verständnisvoll hingenommen und vom Besuch bei ihren Eltern ein grosszügiges Paket mit Leckereien zurückgebracht. Vom Truthahn und seiner Füllung zehrten sie mehrere Tage. Härri und Sofia waren am Heiligen Abend wie abgemacht auswärts asiatisch essen gegangen und auf dem Heimweg in ein heftiges Schneegestöber geraten, sodass sie mit völlig durchnässten Schuhen zuhause ankamen. Dabei hatte sich Härri einen lästigen Schnupfen geholt. Er hoffte, dass Sofia davon verschont bliebe, denn die Symptome ihres Entzugs waren schon heftig genug und der gefürchtete Termin ihres Haftantritts, Montag der achte Januar, kam schnell näher.
Zu Härris grossem Erstaunen kam sie trotz allem auf den Wunsch zurück, den sie – wie lange war das her? Ewigkeiten! – den sie einst geäussert hatte anlässlich eines ihrer Video-Telefonate: dass sie mit ihrem Vater ins Whitney Museum gehen wolle. Als sie noch ein Kind war, hatte sie Härri oft in Museen mitgenommen, und sie brachte dafür immer viel mehr Geduld auf als ihr Bruder. Vor allem aber hatten sie bei solchen Besuchen endlose Gespräche geführt. Über das, was sie vor Augen hatten, dann zunehmend «über alles». Beide erinnerten sich sofort wieder an diese «Über-Alles-Gespräche», als sie nun durch die hellen Ausstellungsräume schlenderten. Und wieder sprachen sie zunächst über die Bilder und Objekte, die sie sahen. Härri erstaunte es nicht, dass auch hier die Anwendung künstlicher Intelligenz in einer künstlerischen Position als besondere Attraktion verkauft wurde. Im Gegensatz zu ihm kannte Sofia die amerikanische Künstlerin, die hier zusammen mit einem Kollegen ausstellte. Allerdings hatte sie sie als Komponistin und Musikerin kennengelernt und nicht gewusst, dass sie auch mit Bildern arbeitete. Die Serien von rothaarigen Geschöpfen, die alle «irgendwie» der Künstlerin glichen, überzeugten sie nicht.
«Ja, verstehe ich», meinte Härri. «Dabei hatte sie wahrscheinlich die Möglichkeit, das Programm mit ihren eigenen Daten zu trainieren. Für normale Benutzer ist das noch nicht möglich, das ist aufwändig und teuer. Ich kann’s nicht gebrauchen ...»
Sofia wechselte plötzlich das Thema.
«Erinnert mich an Pipi Langstrumpf irgendwie ... Papa, weisst du noch, meine Pipi-Phase? Ich bin mal abgehauen, wollte die Welt erobern ...»
«Du bist mehrfach abgehauen!», korrigierte sie Härri. «Das war ein Riesenstress für mich. Mama war immer auf mich sauer, sie fand, ich hätte nicht aufgepasst.»
Sie waren längst in anderen Räumen, auf einem anderen Stock, aber sie sahen nicht mehr, was um sie herum war. Sofia redete und redete. Wie sie bei Spaziergängen mit ihm vorausgerannt und an eine Weggabelung gekommen sei. «Links oder rechts? – Äne däne disse ... links!» Was für ein Glücksgefühl das gewesen sei, ein Rausch. Ganz selber entscheiden zu können, mit der diffusen Ahnung, damit etwas Ungeheures auszulösen. Die Welt auf dem Kopf, das Chaos!
Härri hörte zu. Sie wussten beide, warum sie ihm dies gerade jetzt in Erinnerung rief.
Gegen Abend des siebten Januars sass Härri in der Wohnung seines Freundes an der Orchard Street im Dunkeln. Es hatte den ganzen Tag nicht mehr geschneit und war wärmer geworden, sodass sich der Schnee in schwärzlichen Sulz verwandelte und die Gullys verstopfte. Die Essbuden, welche auf der einen Seite den Gehsteig und auf der anderen die Hälfte der Fahrbahn einnahmen, standen zum Teil im Wasser. Trotzdem gab es einige unverdrossene Gäste, die sich dort Burger und Bier servieren liessen.
Härri hatte für den nächsten Tag eine Tasche gepackt. Im Moment schrieb er eine Mail an Da-ra Baeck um ihr mitzuteilen, dass er pünktlich auf den Semesteranfang wieder zurück sein werde. Den Flug hatte er schon umgebucht.
Die Wohnung passte ihm, obwohl sie nicht gross war. Das grössere Zimmer war als Atelier eingerichtet. Es hatte eine Galerie mit einem grossen Matratzenbett, ein riesiger Tisch auf Böcken stand vor einer Fensterfront, deren oberer Teil mit Milchglas versehen war. Am Tag war das Licht sogar jetzt, mitten im Winter, ausgezeichnet zum Arbeiten. Die vielen Zeichnungen an den Wänden gefielen ihm zum grössten Teil nicht, aber sie weckten die Lust, an seinen Kampf-Bildern weiterzumachen. Zunächst aber, morgen ...
Morgen würden sie nach Connecticut fahren, nach Danbury. Es war nicht weit, zwei Stunden etwa mit Ashleys Wagen, bis zur dortigen Federal Correctional Institution. Im Namen des Gesetzes korrigiert werden sollte seine Tochter, die sich pünktlich zu melden hatte als sentenced inmate um 2 PM, an der Loge des Haupteingangs. Ashley wollte früh losfahren und den Weg entlang der Küste über Norwalk nehmen, wo sie noch einen Lunch zu sich nehmen könnten. Härri war sich sicher, dass er keinen Bissen hinunterbringen würde. Er hatte im umfangreichen Arsenal der Spirituosen seines Gastgebers eine halbvolle Whiskeyflasche gefunden, konnte sich aber nach dem zweiten Glas zusammenreissen. Als er die Leiter zur Galerie hochkletterte, war er froh, nicht mehr getrunken zu haben. Er fiel in einen unruhigen Schlaf.
Sofia war in einem schlimmen Zustand. Es war ihr die ganze Zeit schlecht und Ashley musste unterwegs zweimal notfallmässig anhalten deswegen. Nachdem sie sich übergeben hatte, fror sie fürchterlich, zitterte und schlotterte wie eine Schiffbrüchige, die man eben aus dem kalten Meer gezogen hat. Härri zerriss es das Herz, sie so zu sehen. Immerhin war sie in der Lage in Norwalk einen Tee zu trinken und ein paar Kekse zu essen, und konnte das für den Rest der Fahrt auch bei sich behalten. Härri hatte nichts essen können, wie er erwartet hatte. Nur Ashley futterte sorgfältig kauend einen Fitness-Teller mit viel Salat, als müsste sie für ihre beiden armen Passagiere etwas Gesundes tun.
Die Strafanstalt war ein grosser Komplex auf einer sanften, bewaldeten Anhöhe zwischen zwei Seen. Der Haupteingang erinnerte Härri von aussen an den eines grossen Spitals. Kaum waren sie drinnen, war aber klar, dass es sich um ein Gefängnis handelte. Sie wurden sorgfältig und gründlich überprüft, von freundlichen afroamerikanischen Angestellten. Diese versorgten Härri und Ashley auch mit Informationsbroschüren zu den Regeln betreffend Besuche sowie die Kommunikation zwischen inmates und der Aussenwelt. Härri sah von weitem Insassen in khakifarbenen Uniformen. Immerhin nicht orange, dachte er. Sie wurden, zusammen mit zwei weiteren verurteilten Frauen und ihren Begleitern, in einen Besucherraum geführt, wo sie eine halbe Stunde Zeit bekamen sich zu verabschieden.
Da sass er nun. Auch in dieser Situation war es wie in der Gerichtsverhandlung schwierig, nicht an Filme zu denken. Was sollte man noch sagen, was fragen? Was anraten?
«Mama kommt dich sicher bald einmal besuchen ...»
Das war nicht das Richtige gewesen, denn jetzt begann Sofia zu weinen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit dem rechten Arm und wurde geschüttelt wie von einem Krampf. Ashley kniete sich daneben und redete leise auf sie ein. Härri stellte sich hinter sie und begann sanft ihren Nacken zu massieren. Ganz langsam entspannte sie sich und nahm den Arm herunter. Sie hielt das Gesicht nach oben gerichtet, mit geschlossenen Augen. Härri senkte seine Stirne auf ihre.
«Mach’s gut, Eumele», murmelte er leise.

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