Das Jahr hatte zu warm begonnen und damit den Trend vom Vorjahr weitergeführt. Wetterrekorde von Monat zu Monat. Es regnete oft ausgiebig, der Rheinpegel lag seit dem vergangenen November permanent dicht bei der Hochwassermarke. Die Höhenwinde machten laut den Experten viel grössere Schlaufen als früher, und ihre Muster blieben oft wochenlang bestehen, was wiederum Ketten von Südwestwindlagen zur Folge hatte. Am Südhang der Alpen staute sich die feuchte Luft und der erzwungene Aufstieg sorgte dort für grosse Schneemengen. Augst dagegen hatte noch kaum Flocken gesehen diesen Winter. Härri musste seinen Holzvorrat kaum antasten.
Otto Ulich war wieder einmal im Land. Der Hofhistoriker, wie ihn Härri manchmal nannte. Trotz der Meinungsverschiedenheiten, die sie bezüglich Ausrichtung und Zukunft des Instituts hatten, mochte er Ottos analytischen Verstand, und es imponierte ihm die feine Ironie, mit der dieser sich die Welt vom Leibe hielt. Einst hatte er das auch gekonnt, heute erschien es ihm kaum mehr möglich.
Sie hatten eine Serie von Arbeitssitzungen abgemacht, ein paar nur zu zweit, weitere zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fachbereichen. Mit Aurelia und Ksenija aus der Performance, Miles und Arjeta von IT, einmal auch mit Paul dem Bildhauer, der zum letzten Mal vor seiner Pensionierung dabei war. Da-ra wollte dann und wann dazu stossen, «wenn es ihr Terminkalender zuliesse». Es ging einerseits um die Sichtung und Beurteilung von Textarbeiten aus den Modulprüfungen, andererseits um die Festlegung von Themen und Aufgabenstellungen für das im März bevorstehende Verfahren zur Aufnahme neuer Studierender.
Zunehmend zu diskutieren gab die Verwendung von künstlicher Intelligenz – oder von Sprachmodellen, wie Otto Ulich geduldig aber beharrlich korrigierte – bei der Verfassung von Texten. Man hatte die Erklärung angepasst, mit der die Studierenden bestätigen mussten, ob und in welchem Grad sie ihre Arbeit selbstständig geschrieben hatten, aber das half nur wenig. Ein Problem war zum Beispiel, dass man bei fremdsprachigen Studierenden nun noch weniger wissen konnte, wo sie mit ihren Kenntnissen in den beiden offiziell zugelassenen Sprachen Deutsch oder Englisch standen. Es wurde also noch schwieriger, sie zum Weiterlernen zu bewegen. Ein weiteres bestand darin, dass die Deklaration, wann und wo genau ein Chatbot verwendet worden war, meistens sehr allgemein formuliert war. Otto Ulich war allerdings ein sehr genauer Leser, der an konkreten sprachlichen Eigenheiten erkannte, wenn ganze Passagen aus einer Antwort des Sprachmodells übernommen worden waren. Er zeigte es den Kollegen an Beispielen, die, wenn sie allzu dreist oder ganz einfach dumm waren, die Runde erheiterten.
«Typisch für die Antwort guter Modelle in einem vieldeutigen und komplexen Kontext ist ihre antrainierte Vorsicht in den Aussagen», erklärte Ulich. «Sie verwenden dabei häufiger relativierende Formulierungen wie den Konjunktiv, oder Wendungen in der Art von «es könnte zum Beispiel sein, dass ...» Und dies an Stellen, wo jemand, der gut recherchiert hat, direkter ist in seinen Behauptungen.»
Ulich kramte in dem Stapel von Papieren, die er vor sich liegen hatte, und fuhr dann lachend fort:
«Noch klarer ist die unbearbeitete Übernahme vom Chatbot-Text, wenn ein neuer inhaltlicher Abschnitt so beginnt: Natürlich, hier sind Beispiele für ...» – Oder das hier: Ja, es gab schon in den 1970er-Jahren eine Kunstbewegung, die ... Oder, besonders süss: Guter Punkt! Es ist tatsächlich so, dass ... Man sollte wenigstens nicht vergessen, die freundliche Einleitung wegzustreichen, mit welcher die Programmierer die Illusion eines menschlichen Gegenübers schaffen.»
Es blieb kontrovers, wie mit solch offensichtlicher Unselbständigkeit in der Beurteilung umzugehen sei. Da- ra, die bei einer dieser Sitzungen dabei war, plädierte für Zurückhaltung mit Abzügen bei der Note, da dafür meist eine eindeutige Beweislage fehle. Dafür solle man mit den betreffenden Studierenden das Gespräch suchen und sie in klaren Worten auf die Wirkung ihres Tuns hinweisen. Das Ziel sei letztlich, sie zu einem verantwortlichen Umgang mit der Technologie zu bewegen. Dagegen konnte niemand etwas haben, auch Härri nicht. Aber er fand die absurden Texte erfrischend, die da entstanden, und die verwirrende Vieldeutigkeit der Situation hatte gerade angefangen ihm zu gefallen, als Da-ra mit ihrer politisch korrekten Einordnung die Diskussion beendete. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, dass sie gerade etwas verpassten.
Er wollte mit Otto darüber reden, als sie an einem Morgen zu zweit an den Themenformulierungen arbeiteten, aber es gelang ihm nicht, seine vagen Ideen so zu formulieren, dass er dem gewandten Redefluss seines Kunsthistoriker-Kollegen gewachsen war. Dem fehlte aber vielleicht einfach das Sensorium fürs Absurde. Härri wollte ihm am Beispiel von Bildtiteln seines früheren Lehrers Fässler zeigen, welche Art von Themen er für kreativitätsfördernd hielt. Er hatte eine ganze Liste mitgebracht und gehofft, dass er damit ein produktives gemeinsames Brainstorming anstossen könne. Er durfte sie Otto zumindest vorlesen.
Es muss also keiner als der enden, der er heute ist
Entrücktheit für Fortgeschrittene
Vom Glück und seinen Glasknochen ...
Die Avantgarde von hinten
Wenn das Böse siegt, ist dann endlich Ruhe?
Anpfiff zur Biografie
Aber sein Kollege blieb ungerührt und hielt ihm einen Vortrag über die Geschichte der Bildtitel in der Kunst der Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, was Härri im Moment gar nicht interessierte. Sie einigten sich auf ein paar in seinen Augen laue Formulierungen und er nahm sich vor, Aurelia und Ksenija um Hilfe zu bitten, obwohl ihm das schwerfallen würde. Er wusste, dass ihn die beiden Frauen nicht mochten. Aber eine Nase fürs Poetische und Absurde hatten sie.
Die versuchte Zusammenarbeit mit Ulich war aber nicht ganz umsonst gewesen. Als sie schon fast fertig waren, erzählte dieser von seiner kranken Katze, mit der er zum Tierarzt gehen müsse. Härri konnte nicht umhin, seinerseits vom Streuner zu berichten, den er wohl nicht mehr so leicht loswerde. Er sei nie der Katzentyp gewesen, schob er nach. Da setzte sich Otto nochmals und fragte:
«Kennst du den Film von Kurosawa: «Madadayo»? «Noch nicht» heisst er auf Deutsch, es war sein letzter. Ich meine, wir haben ihn in der Mediathek. Den musst du dir anschauen, könnte dir gefallen. Es geht um einen pensionierten Professor und um seinen zugelaufenen Kater. «Nora» nennt er ihn, «Streuner» auf Japanisch, wie dein «Stray».
«Es ist nicht «mein Stray»», entgegnete Härri. Aber er versprach, den Film zu holen.
Er konnte sich dazu überwinden, regelmässig zweimal pro Woche sein Atelier aufzusuchen. An seinen grossen Bildern weiterzuarbeiten, traute er sich noch nicht zu, aber er malte kleine Kartons mit ganzen Völkerscharen von Figuren, die er direkt aus der Farbe entwickelte. Er kratzte ihre Konturen in die feuchte Substanz, die er mit Pinselstielen und Stiften verdrängte bis auf den weissen Grund, entwickelte in der gleichen Weise das Licht und den Glanz. Die Tiefen trieb er zu höchster Intensität, indem er sie mit allen dunklen Pigmenten sättigte, die ihm zur Verfügung standen. Beim Farbauftrag versuchte er sich von jeglicher Einschränkung zu befreien. Neben seinen Pinseln und Spachteln verwendete er, was ihm gerade in die Finger geriet: Stücke zerbrochener Plastikbecher, Kartonabfälle, alte Putzschwämme, Kork- und Seifenstücke. Damit zog er die Farbe über die Flächen, tüpfelte, strichelte, zerwühlte sie. Kratzte sie weg, um sie an anderen Orten wieder abzustreifen.
Er hatte Reproduktionen an die Wände gehängt, die er einst in eine «Schmuddelmappe» verbannt hatte, Bilder von Symbolisten: Moreau, Böcklin, Ensor, von Stuck, Čiurlionis, Dora Hitz. Er suchte in seinen Ölskizzen etwas Loderndes, Flimmerndes zu erzeugen, das ihn auf einmal anzog in dieser Malerei, die ansonsten den Mangel aufwies, zu plump, zu direkt auf die grossen Gefühle zu zielen, mit spektakulären Effekten. Er fand dafür die Bezeichnung «Kitsch» noch immer treffend, auch wenn sie – angesichts der unzähligen Brechungen und Ironisierungen in der Kunst der Moderne und Postmoderne – längst für obsolet erklärt worden war, und in der Arbeit mit den Studierenden kaum mehr zu gebrauchen . Die Vorbehalte, die er gegenüber den Anregungen an den Wänden hatte, halfen ihm, zu etwas Eigenem vorzustossen. Und wenn ihm dies in seinen Kartons schon nur ansatzweise gelang, ging er mit wiederhergestelltem Selbstvertrauen zurück in den Alltag der Akademie. Er trug dann etwas Innerliches mit sich, zu dem er in schwierigen Momenten Zuflucht nehmen konnte. Und als ob sie es gespürt hätte, rief ihn in diesen Tagen seine Zürcher Galeristin an, zum ersten Mal seit über anderthalb Jahren. Ob sie sich wieder einmal treffen könnten. Damit meinte sie: ob er endlich wieder male.
Mit Da-ra Baek traf er sich zu einem Mittagessen. Sie hatte ihn unverhofft gefragt, und er war froh, dass es nach einem seiner Morgen im Atelier geschehen war, sonst hätte er sicherlich unter einem Vorwand abgesagt.
Sie sassen sich in dem veganen Restaurant an der Forumstrasse gegenüber und hatten sich zwei Salatschalen bestellt, sie mit Reis, er mit Couscous. Mit Wasser stiessen sie an, worauf Da-ra mit leicht zur Seite gedrehtem Gesicht trank. Das rührte ihn. Sie hatte es ihm damals auf ihrer Terrasse erklärt, es sei ihr anerzogen worden als eine Geste des Respekts gegenüber einer älteren Person, der man als jüngere den Anblick des Trinkens nicht zumuten dürfe.
Da-ra fragte ihn zuerst aus über den Fortgang der Prüfungsvorbereitungen und der Beurteilungen eingegangener Dossiers von Studiumsanwärtern. Erst beim Tee kam sie auf seine New-York-Reise zu sprechen und wollte wissen, wie es ihm ergangen sei. Sofia erwähnte sie nicht, aber es war klar, dass sie mit ihrer Frage auch die Verhandlung meinte. Härri antwortete zögerlich und sehr zurückhaltend. Er konnte aus ihrem Gesicht nicht ablesen, welches Motiv hinter ihrer Frage steckte, und sich selbst traute er nicht, was die Steuerung seiner Gefühle betraf. Er versuchte es mit einem trockenen Bericht über die administrativen Abläufe, die mit Sofias Verurteilung verbunden waren.
«Sie befindet sich jetzt in der Federal Correction Institution in Dunbury, Connecticut», schloss er. «Für drei Jahre. Vielleicht wird dann ein Teil der Strafe auch in Hausarrest oder Freiheit mit Auflagen umgewandelt.»
Da-ra sass längere Zeit schweigend da. Plötzlich erschien ihr Knie über der Tischkante. Sie kümmerte sich nicht darum, wo sie sich befand, hatte das Bein hochgezogen und den Fuss auf die Stuhlfläche gestellt. Dann umfasste sie mit beiden Händen seine Rechte, zusammen mit dem Glas, mit dem er gespielt hatte. Sie sah ihm in die Augen und sagte dann ruhig:
«Ich höre dich.»
Als er später über diese kleine Äusserung nachdachte, wurde er zornig. Im damaligen Moment hatte sie ihm die Tränen in die Augen getrieben und er hatte sich zurückhalten müssen, damit er nicht aufsprang und irgendetwas Verrücktes tat, was hinterher zu bereuen gewesen wäre. Nun fragte er sich, was Da-ra sich eigentlich einbilde. Konnte sie wissen, dass sie ihn schon an Guanyin erinnert hatte? (Natürlich nur an deren Darstellungen!) An die Boddhisattva, «welche die Laute der Leidenden auf dieser Welt hört»? Pff! Er brauchte ihr Mitgefühl nicht! Wer war sie schon? Eine erfolgreiche Künstlerin, gut. Aber für ihn war sie in erster Linie die Chefin an diesem Institut, eine Administratorin. Zugegeben, sie konnte ihn rausschmeissen, bis zum Ablauf der Probefrist sogar besonders leicht (mit einem wegwischenden Winken der Hand, die über dem aufgestellten Knie baumelte, er sah es vor sich). Nie mehr, schwor er sich. Nie mehr sollte sie ihn bei den Eiern packen, bei seinem Selbstmitleid. Und schon gar nicht bei seinem Begehren!
Unruhig ging er im Erdgeschoss seines Hauses hin und her. Für einmal regnete es nicht, aber es war schon am frühen Nachmittag finster. Er riss das Fenster auf und atmete die kühle, feuchte Luft ein, als er die kurzen Begrüssungslaute des Katers hörte. Er kam vom Uferweg aufs Haus zu und als er Härri im Fenster erblickte, stellte er den Schwanz senkrecht, trippelte manieriert auf ihn zu und blinzelte zum Zeichen friedvoller Annäherung. Er war triefend nass, aber Härri konnte das Fenster nicht schnell genug schliessen und bis er ein gebrauchtes Frotteetuch geholt hatte, war der Stubenboden kreuz und quer überzogen mit Pfotenspuren.
«Jetzt bist du mir was schuldig», brummte Härri und besah sich das Muster. Dabei überlegte er, wie er das Tier einmal zur Grundierung einer Leinwand beiziehen könnte. Er rubbelte es mit dem Tuch trocken, zur Strafe etwas grob. Aber den Kater störte es nicht, er schnurrte laut vernehmlich, und Härri stellte erstaunt fest, dass sein Fell nur äusserlich nass gewesen war.
Den Film von Kurosawa, empfohlen von Otto Ulich, sah er sich zusammen mit Milena und Noah an. Er hatte seinen kleinen Beamer aufgestellt dazu und projizierte direkt auf die Wand gegenüber dem Sofa. Die jungen Leute beschwerten sich zuerst, dass das Bild «schlaff» sei im Vergleich zu einem Plasma-Bildschirm, aber nach kurzer Zeit hatten sie sich daran gewöhnt. Vielleicht genossen sie auch die Grösse des Bildes.
Milena fand die Geschichte des alternden Professors furchtbar traurig. Noah durfte sie ein wenig trösten. Er sah in der Geschichte mit dem zugelaufenen Kater eine gute Gelegenheit, Härris Abneigung gegen Katzen als unnötig, ja unberechtigt hinzustellen. Dass der Kater von Professor Uchida ebenfalls «Streuner» hiess, hielten Noah und Milena für «ein Zeichen». Härri schrieb ihren Eifer dem schlechten Gewissen zu, darüber, dass er nie gefragt worden war, ob er ein Haustier wolle.
Härri gefiel der Film. Am besten die Episode, in der die Studenten bei ihrem Professor einbrechen in der Nacht, nachdem er ihnen erzählt hat, dass er sein Haus nicht abschliesse. Sie wollen ihm beweisen, wie fahrlässig dies sei, aber als sie sich mit der Taschenlampe durchs Haus tasten, sehen sie, dass ihr Professor noch viel verrückter ist, als sie gedacht hatten. Sie treffen auf handgeschriebene Pappschilder, von denen sie mit «Liebe Einbrecher» angesprochen und durch die Räume geleitet werden. Zum Spass lassen sie sich auf das merkwürdige Leitsystem ein und müssen dabei immer wieder innehalten, um nicht laut herauszuprusten. Nach einem letzten Schild öffnen sie eine Tür und stehen auf einmal wieder im Freien, auf einer kleinen Gasse, die verstellt ist mit allerlei Blechmüll. Natürlich verursachen sie grossen Lärm, als sie hindurchstolpern, und müssen schliesslich fliehen vor einem Polizisten, der sie gehört hat. Zu ihrem Erstaunen hat der Professor alles gemerkt. In der nächsten Vorlesung zieht er sie gnadenlos auf mit ihrem missglückten Streich.
Als der Film fertig war, wollte Noah von Härri wissen, ob er auch manchmal seine Studenten «verarsche». Er fand den Gedanken lustig und wurde ganz aufgeregt.
«Hnf! Mmmh! Die meinen ja, der Alte sei total doof und gaga. Und dann zeigt er’s ihnen aber. Das vergessen sie nie mehr, oder? Voller Lerneffekt!»
Härri meinte, so ein Erlebnis könne sicher einschneidend sein und die Studenten vielleicht vorsichtiger werden lassen in der Einschätzung anderer Menschen. Aber man könne solche Tricks sicher nicht zum Prinzip machen bei der Erziehung.
«Mein Professor in Hamburg, Fässler, war so ein Trickster. Er wollte unsere Widerstandskraft wecken, indem er pausenlos sarkastische Sprüche klopfte und unsere Bilderideen heruntermachte, die er eigentlich gut fand. Die er manchmal sogar klaute. Er hatte die Theorie, dass im Kunstmarkt nur die Starken überleben, also hat er auf uns rumgehauen ...»
Milena war entrüstet.
«Bööh, so ein blöder Macho! Wieso bis du dortgeblieben?»
«Er war ein guter Maler», antwortete Härri, «ein unerschöpflicher Erfinder! Und er konnte sehr lustig sein. In seltenen, kurzen Momenten war er auch ein guter Lehrer.»
«Warum kümmerst du dich eigentlich um Noah?», wollte sie plötzlich wissen. «Ihr seid manchmal fast wie Papa und Sohn ...»
Härri schaute zu Noah hinüber, der ihn verlegen angrinste.
«Ja, warum eigentlich?», begann er dann. «Es hat vielleicht mit Bruno zu tun, mit meinem Sohn. Als er da war, wollte ich wieder malen. Ich war dran im Arrangement zwischen meiner Frau und mir. Ich hatte Sofia als Baby und Kleinkind aufgezogen, nun war Carmela an der Reihe. Sie war damit einverstanden, aber es fiel ihr sehr schwer. Von mir hat Bruno wenig gehabt, und ich kannte ihn nie so gut wie Sofia. Als er später dasselbe studieren wollte wie ich, hat mich das sehr gefreut, aber es hat uns komischerweise nicht einander nähergebracht. Ich hielt mich sehr zurück mit Kommentaren und Ratschlägen, so sehr, dass ich mich kaum nachzufragen getraute, wie es ihm geht.»
Er machte eine Pause.
«Alter, was habe ich damit zu tun?», wollte Noah wissen.
«Du bist eben nicht mein Sohn», meinte Härri. «Aber ich kann ... Es ist wie ein Nachholen von etwas, was ich mit Bruno gerne erlebt hätte. Es ist entspannter, wenn man nicht in allem verantwortlich ist für einen jungen Menschen. Und wenn die Jungen sich nicht dauernd wehren und sich lösen müssen aus ihrer Verstrickung. Wie Grosseltern mit ihren Enkeln, oder Patenkinder mit ihren Paten.»
«Und Lehrer mit ihren Schülerinnen?», fragte Milena lauernd.
«Das ist kompliziert», fand Härri. «Da kommen wieder Abhängigkeiten dazu, und nicht nur in eine Richtung. Und das ganze Gender- und Geschlechtsding.»
«Hast du mal was gehabt mit einer Studentin?», bohrte sie weiter.
«Nein», antwortete er. «Aber eigentlich geht mir deine Frage zu weit.»

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