12.5.24

Semesterbeginn

Härri war zwar auf den Semesteranfang wieder zurück in Augst, aber die Zeitverkürzung auf der Heimreise, von West nach Ost, machte ihm schwer zu schaffen. Tagelang war er bis in den Nachmittag zu nichts zu gebrauchen und am Abend zwang er sich, noch hellwach, mit den Augstern zu Bett zu gehen, mit Hilfe einer Tablette gegen den Jetlag. Ashley hatte ihm das Medikament besorgt. Immerhin hielten ihn seine Beschwerden davon ab, sich dauernd mit der Vorstellung zu beschäftigen, wie Sofia in Sträflingskleidern aussehe. Mit wem sie die Zelle zu teilen habe und wie ihr Alltag aussehe. Ob sie mit ihren Entzugserscheinungen klarkomme, das Anstaltsessen vertrage und so weiter und so fort. Sehr geholfen hatte ihm der Zustand, in dem er sein Haus vorfand. Die Küche war aufgeräumt und sauber, sein Bett war neu bezogen und man hatte offensichtlich gründlich gelüftet. Das Einzige, was bei ihm Stirnrunzeln ausgelöst hatte, als er heimkam, war der kleine Teller mit verdünnter Milch und darin aufgeweichten Brotbrocken hinter dem Haus gewesen. Schon kurz darauf bestätigte sich seine Ahnung, dass die Jungen eine streunende Katze angefüttert hatten. Es war ein rötlich getigerter Kater, der nur kurz von seinem Teller aufsah, als er ihn ansprach. Und kaum liess Härri einmal die Haustüre angelehnt, als er draussen Holz für den Ofen holte, marschierte das Tier selbstbewusst ins Innere und zeigte auch in seinem sonstigen Verhalten, dass es nicht zum ersten Mal hier war. Härri warf es hinaus.
In seinem Inneren war kein Platz für die Bedürftigkeit eines anderen Wesens. Er wusste nicht, wo sein Mitleid für Sofia in Selbstmitleid überging, und hasste sich dafür. Er durfte nicht anfangen zu trinken. Als Noah und Milena vorbeikamen, um ihm die Schlüssel zurückzubringen, merkte er, wie schwer es ihm fiel, sich auf andere Menschen einzulassen. Auch ihnen blieb es sicher nicht verborgen, aber Noah wusste, worum es ging und verhielt sich für seine Verhältnisse sehr zurückhaltend und schonungsvoll. Sie hatten ihm Futter für das Tier mitgebracht, das sie «Stray» nannten.
Härri fuhr einmal in sein Atelier, um zu sehen, ob die angefangenen Bilder etwas bewirken würden. Vielleicht liesse sich an die Lust zum Zeichnen und Malen anknüpfen, die ihn im Studio seines Freundes in New York kurz gepackt hatte. Aber sein Geist blieb stumm, als er vor den Leinwänden stand. Immerhin rührte er sie nicht an. Er hoffte, dass nach ein paar Tagen mit dem Jetlag auch seine Unlust verschwinden würde, die Studenten und Kolleginnen zu sehen. Den Gedanken an Da-ra verscheuchte er, bevor er richtig auftauchen konnte.
Drei- oder viermal war er nun seit seiner Heimkehr ins Institut gefahren, jedesmal bei Regen. Wenigstens war es deutlich wärmer als in New York. Als er an einem Morgen im alten Gebäude auf der Insel ankam, war wieder eine ähnliche Nervosität zu verspüren wie damals, als die Studenten das Plakat an die Fassade gehängt hatten. Es ging um Ähnliches. Die propalästinensischen Protestaktionen an den amerikanischen Universitäten waren auf die Schweiz übergeschwappt und die Hochschulleitung befürchtete, die Studenten könnten auch an ihrer Institution auf die Idee kommen, das Gelände oder gar die Gebäude zu besetzen. Mit klug formulierten und zeitlich sorgfältig abgestimmten Statements hatte die Direktorin bisher eine Eskalation verhindern können. Härri musste der Meinung seiner Kolleginnen zustimmen, dass sie «es gut machte». Sie konnten die Vorbereitungen auf die Modulprüfungen äusserlich ungestört vornehmen. Härri bemühte sich, blieb aber innerlich unbeteiligt.
Juan half ihm, da herauszukommen, indem er etwas von ihm verlangte. Er wollte unbedingt von Härri in die Lithografie eingeführt werden, obwohl ihm dieser gesagt hatte, dass es kaum mehr für Resultate reichen würde, die er in der Semesterpräsentation zeigen könne. Da die aktuellen politischen Ereignisse im Nahen Osten den jungen Mann aber sehr beschäftigten und von seinem Studium ablenkten, musste Härri froh sein, dass er überhaupt Interesse an einem kunstbezogenen Thema zeigte. Zudem besass die Beschäftigung mit dieser Technik das Potenzial, Juan wieder für die Malerei zu gewinnen, dachte Härri. Und ihn selbst würde es ablenken. Alina und Zhara wünschten bei der ersten Einführung auch dabei zu sein um entscheiden zu können, ob sie die Lithografie zu einem späteren Zeitpunkt aufnehmen sollten.
So kehrte Härri Schritt für Schritt wieder in einen Zustand zurück, den man arbeitsfähig nennen konnte. Es verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung, dass die Druckwerkstatt wieder im Hauptstudium gebraucht wurde, und nicht nur in gelegentlichen wahlpflichtigen Workshops, die er sonst anbieten durfte. Dass es die Werkstatt mit ihrer tonnenschweren Ausrüstung überhaupt noch gab – historische Handpressen und jüngere, umgebaute Offsetmaschinen, ein paar Kubikmeter Kalksteine sowie Kästen voller Zubehör für die Malerei auf Stein, die Ätz- und Druckvorgänge –, und dass dies alles nicht verschenkt oder für einen symbolischen Preis ins Ausland verkauft worden war, konnte er seiner Beharrlichkeit anrechnen. Andere fanden: seiner Sturheit oder gar seiner Rückwärtsgewandtheit, eine Einschätzung, die er nicht teilte.

Er stand, umgeben von seinen drei interessierten Coachees, am grossen Trog aus Klinker und hielt den oberen der zwei Steine in wirbelndem Schwung. Der untere war sehr schwer, etwa acht Zentimeter dick bei einer Fläche von einem halben Quadratmeter. Er hatte ihn mit einem kleinen Handstapler hergeschafft, dessen Gabel sorgfältig auf die Höhe des Holzgestells über den Trögen eingestellt und ihn dann hinübergeschoben, immer darauf bedacht, seinem Rücken nicht zu viel Gewicht oder eine unbedachte Bewegung zuzumuten. Dies zu beherzigen, bat er auch eindringlich seine Schützlinge. Daraufhin hatte er den Stapler zur Seite gestellt, die Ärmel hochgekrempelt und den Stein mit der Brause gründlich benetzt. Die letzte Zeichnung, die er damit gedruckt hatte, war noch deutlich zu sehen. Farblos zwar, aber dunkler als der Rest des Steins, und das Wasser abstossend. Es war eine phantastisch überhöhte Abwandlung eines der Holzschnitte aus der «Reise in den Westen» gewesen, die er für seinen Freund Noah gemacht hatte. Er streute von dem groben, grünen Karborund-Sand auf den Stein, goss einen Becher Wasser dazu, vermischte und verteilte die dunkel gewordene Sauce auf der Fläche. Holte dann einen Stein aus dem Regal, mit dem er gerade noch ohne Stapler hantieren konnte, hievte ihn auf den grösseren und begann ihn auf dem Schleifbrei in Drehung zu versetzten. Das Hantieren tat ihm gut.
Er musste seine Stimme erheben, um den Gesang der Steine zu übertönen.
«Ihr seht den Mittelpunkt des Steins gut, wenn er so gedreht wird. Man muss aufpassen, dass er nie über den Rand des unteren Steins hinausgerät.» Er hielt inne.
«Alina, komm, du kannst hier gleich übernehmen. Ihr anderen zwei holt eure Steine und sucht euch einen zweiten, etwas kleineren zum Schleifen.»
Es war anstrengend, wenn man noch wenig Übung hatte. Der obere Stein konnte ins Eiern geraten und seitlich abstürzen, oder er klebte fest, weil man zu wenig Wasser genommen oder zu lange am Stück geschliffen hatte. Auch bedurfte es immer einer besonderen Kraftanstrengung, bis ein gleichmässiger Drehschwung wieder hergestellt war. Aber es bereitete auch Freude, vor allem, wenn man Fortschritte feststellte.
Als sie die Steine fertig geschliffen hatten, sassen sie in der Werkstatt zwischen den Pressen und Maschinen. Zhara hatte sich beim Eintreten mit dramatischer Geste die Nase zugehalten und das Fenster aufgerissen, weil es, wie sie sagte, «nach Kotze» stinke. Härri hatte am Vortag neuen Gummi arabicum angesetzt, den man für den Ätzvorgang brauchte. Der Geruch nach Buttersäure war nicht stark und er hatte sich so daran gewöhnt, dass er ihn nicht mehr wahrnahm.
Seine Laune hatte sich aufgehellt und er freute sich darauf, ihnen ein paar grundsätzliche Dinge über die Lithografie zu erzählen. Dabei schloss er an ihre Diskussionen um die Frage an, ob künstlerische Techniken und Medien aus der Zeit fallen könnten.
«Ihr werdet schnell sehen, dass das Grafikprogramm, das wir am meisten benutzen, von Lithografen entwickelt wurde», begann er seine Ausführungen. «Es gibt unzählige Parallelen, und man kann in beide Richtungen profitieren von den Erfahrungen, die man in einem Medium macht».
Da sei als erstes die klare Trennung vom Akt des Zeichnens und Malens, der in der Lithografie immer mit Schwarz auf den gräulichen bis ockerfarbigen Stein ausgeführt werde, von dem der Farbentscheidung. Es brauche einen neuen Stein für jede der Farben, die in Schichten übereinander gedruckt würden. Das Denken in Ebenen erleichtere in beiden Systemen eine rationale Planung der Bildidee. Dazu komme die Verwendung von Schablonen und Masken, einer grossen Auswahl an Zeichen- und Malwerkzeugen, deren Bezeichnungen im Computerprogramm denjenigen aus der Lithografie entlehnt seien.
Juan war von der Tatsache begeistert, dass die Lithografie eine so prominente Rolle in der Plakatkunst gespielt hatte. Härri zeigte ihm einen ganzen Kasten voller Bücher dazu und Juan begann gleich Ideen zu entwickeln, die er umsetzen wollte. Die beiden jungen Frauen waren noch skeptisch.
«Die Infrastruktur, die es dafür braucht, ist schon heftig», fand Alina. «Mir ist immer wichtig, dass ich etwas auch zuhause machen kann. Oder halt in einem kleinen Atelier, wie ich es mir leisten kann.»
Härri konnte das verstehen, es war ihm als Student gleich ergangen.

Carmela meldete sich bei Härri. Sie hatte in der Zeit, als sie den kleinen Bruno versorgen und vorwiegend zuhause bleiben musste, einen Familienrat eingeführt, auf dessen regelmässige Durchführung sie lange Zeit eisern beharrte. Als Bruno in die Pubertät kam, war diese familieninterne Einrichtung eingeschlafen. Sofia war damals siebzehn und schon recht vernünftig. Sie war es, die sich wieder daran erinnerte und eine Versammlung verlangte, wenn sie sich besonders heftig ob ihrer Familie «nervte» und meinte, sich für sie schämen zu müssen. Nun ging die Initiative von Carmela aus, die einen Familienrat per Video vorschlug um Sofias Situation zu besprechen. Sie hatte die naive Vorstellung, alle vier könnten daran teilnehmen.
«Videoschaltungen mit Insassen sind weder vorgesehen noch erlaubt», musste Härri sie korrigieren. «Man kann sich per Mail mit ihr austauschen, am besten mit einer speziellen App, mit der man auch Fotos und Postkarten schicken kann. «Mailmate» heisst die. Ich habe sie schon ausprobiert, es funktioniert. Alles um ein, zwei Tage verzögert halt, wegen der Kontrolle.»
Carmela reagierte schockiert.
«Was? Wird alles gelesen was sie schreibt? Und was wir schreiben ...?»
«Ja, natürlich!» Jetzt war Härri irritiert. «Was denkst du denn? Sie sitzt im Gefängnis, Carmela. Ohne Kontrolle könnte sie ja mit krummen Geschäften weitermachen, oder mit uns zusammen einen Ausbruch planen ...»
«Paperlapapp!», unterbrach in seine Exfrau. «Dann machen wir halt den Familienrat zu dritt, und berichten ihr später darüber. Kannst du das organisieren, mit Bruno zusammen? Habt ihr beide das Programm?»
Härri versprach, bei Bruno nachzufragen und dann ein Video-Meeting einzurichten. Er werde zuerst sie und den Sohn bitten, passende Termine anzukreuzen. Typisch Carmela, dachte er verärgert. Sie zettelt etwas an, durchziehen können es dann die andern.

CARMELA - Der Familienrat per Video und nur zu dritt war natürlich nicht das Wahre, aber immerhin haben wir es hinbekommen. Lukas hatte sich aufgeregt über die Umstände, die durch die Technik verursacht wurden, und auch dadurch, dass Bruno und ich getrödelt hatten mit der Angabe möglicher Termine. Eigentlich ärgerte er sich über mich, weil ich ihm diese Aufgabe zugeschoben habe. Aber Herrgott, ich war lange Zeit die, welche als Einzige dafür gesorgt hat, dass wir miteinander reden, wenn es nicht mehr anders ging. Wenn die Kacke schon am Dampfen war, fand Lukas meist noch lange, es sei alles in bester Ordnung. Der Besuch in New York mit der Verhandlung und Verurteilung hat ihn aber schon sehr erschüttert, das merkt man. Am Schlimmsten war für ihn sicher der Abschied in der Anstalt gewesen. Ich nenne es so, auch wenn Lukas und Bruno darauf bestehen, dass es ein Gefängnis sei, in dem Sofia eingesperrt ist. Aber ich habe mir es im Internet angeschaut. Für amerikanische Verhältnisse ist das schon fast ein offener Vollzug, was sie dort machen. Mit Programmen zur beruflichen Wiedereingliederung, Drogenentzug, Yoga- und Kunstkursen und so weiter. Lukas behauptet, Sofia sei gleich von mehreren Substanzen abhängig und habe schon vor der Schlussverhandlung versucht, damit aufzuhören, unter schweren Entzugserscheinungen. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Unsere Sofia? Aber Lukas wird sich das schon nicht ausgedacht haben. Er steckt in einem Zwiespalt, so sehe ich das, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Zuerst einmal hat er einfach Mitleid mit seiner Tochter, die immer sein Augenstern gewesen war. Es ist schon fast grotesk, wie sehr er sich mit Sofia identifiziert. Er würde sicher draufgehen, wenn man ihn drei Jahre lang einsperrte, aber sie? Sie war immer stärker, als Lukas es ihr zutraute. Und unter dem Mitgefühl ist da so eine Art Triumph zu spüren, er merkt das selbst gar nicht. So ein: «Ich hab’s ja immer gedacht, und auch gesagt ...» Er hatte immer gegen Sofias Weg gestänkert. Er sei nicht gegen die Wirtschaft, behauptete er jeweils. Aber er wollte unterschieden haben zwischen «produktiver» und «spekulativer» Wirtschaft. Und zum zweiten gehörte für ihn natürlich die Börse. In unserer Familienkonferenz erklärte er Bruno und mir im Detail, wofür Sofia angeklagt wurde. Er wusste wirklich Bescheid, hatte sich also die Mühe genommen, zu verstehen. Darin ist er gut, das muss ich ihm lassen. Und wenn es stimmt, was er uns erklärt hat, beruhte das Betrugssystem von Sofia und ihrem Kollegen tatsächlich in erster Linie auf Spekulation. Und auf ihrem Insiderwissen, das sie nie so hätten einsetzen dürfen. An Lukas’ Ausführungen hat man auch gemerkt, wie er vom Raffinement beeindruckt war, mit dem Sofia das durchgezogen hat. Von ihrer Energie, die da allerdings ins Kriminelle gekippt war. Auch so ein Zwiespalt.
Ich habe Sofia geschrieben, mit dieser App, die Lukas uns angegeben hat. Eine Antwort ist noch nicht gekommen. Ich werde bald einmal in die USA reisen, um von ihr selbst zu hören, wie sie alles erlebt hat und wie es ihr jetzt geht. Und ich muss auch das Finanzielle regeln mit diesen Fergusons, die ja eine Hälfte der Kaution hinterlegt haben, aus Gründen, die ich noch nicht durchschaue.

BRUNO - «Familienrat» ... Das ist so ein Härri-Martini-Familiending. Für mich war es damals etwas, was die grosse Schwester im Bündnis mit den Eltern durchdrückte. Mit dreizehn fand ich das voll peinlich, und ausdrücklich gegen mich gerichtet. Sich «gemeinsam» an den Tisch zu setzen, – schon das! – und dann tragen alle so eine «Wir-müssen-reden-Miene» zur Schau. Boah! Ich habe es wohl deshalb verpasst, Papa rechtzeitig einen Termin anzugeben, er war richtig sauer deswegen. Aber ich habe auch viel um die Ohren mit meiner neuen Stelle. Ich musste eine einigermassen günstige Wohnung finden in Hamburg, was sehr schwierig war. Mit Unterstützung durch die Firma habe ich eine gefunden, in Finkenwerder. Ist ganz nett dort, halt manchmal laut wegen dem Flugplatz. Aber ich bin schnell in der Firma in Altona. Mit dem Fahrrad, dank der Fähre, die von Rüschpark rüber fährt zum Teufelsbrücker Platz. Ich habe gut angefangen, darf ich sagen. Papa hat es umgehauen, dass ich jetzt in Hamburg lebe. Er wollte mir eine Tonne guter Tipps geben, aber es ist ja gut dreissig Jahre her, dass er dort studiert hat. Und es ist auch nicht gerade der Künstler-Groove, in dem ich mich jetzt dort bewege. Ich muss zugeben, zuerst habe ich etwas gefremdelt bei Neocarbon. Man muss nicht Krawatte tragen bei der Arbeit, aber doch gebügeltes Hemd, Jacke, saubere Schuhe. Gepflegter Haar- und Bartschnitt. So in der Art. Für Sofia war das natürlich völlig normal an der Börse. Aber jetzt: die Gefängniskluft wird ihr Ego kränken, nehme ich an. Es ist ja schon krass, was sie mir noch vor Kurzem vorgespielt hat, als sie mich per Handy in ihrer Wohnung herumführte und mit ihren Klamotten, den Taschen und Schuhen, den Fotos vom SUV prahlte. Aber eben, da wusste ich auch schon, dass etwas nicht stimmte. Wir haben dann während den Verhandlungen noch ein- zweimal telefoniert. Da hat sie mir dann erzählt, was sie alles genommen hat, um den Job und ihre kriminellen Projekte durchzustehen: Speed, Pilze, Schmerz- und Schlafmittel. Und natürlich Koks. Völlig wahnsinnig! Sie ist eigentlich schwer krank. Papa hat erzählt, dass sie den Entzug versucht. Ich wünsche ihr wirklich, dass sie es schafft. Papa hat mir leid getan in unserer Konferenz. Ich glaube, Mama geht es auch irgendwie nahe, aber sie lässt sich kaum etwas anmerken. Sie ist immer gleich so pragmatisch drauf, so mit: «Das wird schon, Sofia ist stark!» und solchen Sprüchen. Papa muss dann seine emotionale Betroffenheit, die wirklich echt ist, quasi verteidigen gegen sie. Immer wieder diese alten Muster bei uns. Wenn Papa dann so ganz bei «seiner» Sofia ist, rücke ich fast automatisch näher zu Mama. Blöd, eigentlich. Aber es hängt wohl damit zusammen, dass wir als Babys hauptsächlich von einem Elternteil grossgezogen wurden, sie von Papa und ich von Mama. Und vier Jahre Unterschied machen eben auch was aus. Sofia ist noch Millenial, ich bin ein früher Zoomer.
Papa hat Andeutungen gemacht, dass es manchmal «schwierig» sei bei ihm an der Kunstakademie. Ich weiss nicht so recht, was er damit meinte. Ich glaube, es ist politisch ziemlich aufgeladen alles. Ich habe ihn gefragt, ob er noch selbst zum Malen komme. Darauf hat er immerhin geantwortet, dass es ihn wieder mehr interessiere als auch schon. Mama hat natürlich gleich nachgedoppelt und ihn «ermuntert», wieder vermehrt «sein Ding» zu machen. Solche Ratschläge kommen bei ihm nicht gut an, was ich verstehen kann. Ist auch so ein Doppel-Dingsbums ... wie sagt man? Doppelbindung, glaube ich. Jemand sagt dir: »Mach dein Ding!» Wenn du den Befehl befolgst, machst du eben nicht dein Ding, weil es ja von aussen kommt. Machst du aber aus Trotz nicht das, was du eigentlich wolltest ... Echt mühsam. Darin war sie schon immer Weltmeisterin, unsere Mama.

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