DA-RA – Solche Vorfälle sind sehr ärgerlich. Wir mussten die zwei Prüfungsanlässe wiederholen, weil Lukas im einen Fall davongelaufen ist und im zweiten abgebrochen hat. So fehlte auch bei beiden Protokollen seine Unterschrift. Zum Glück hat er zwei sorgfältig abgefasste Berichte hinterlassen, denn für die Situation, in der er sich befindet – es sollte ja mit dem Abschluss der Prüfungen auch über die Beendigung seiner Probezeit beschlossen werden – ist es nicht gerade förderlich, dass er nach den spektakulären Auftritten verschwunden ist. Niemand weiss, wo er sich aufhält, und er beantwortet keinerlei Nachrichten, von niemandem. Otto Ulich kennt seine Frau und hat sie kontaktiert. Sie meinte, wir müssten uns keine Sorgen machen und sie hat auch nicht vor, eine Vermisstenmeldung aufzugeben. Ich konnte die Direktorin bisher davon abhalten, die Kündigung auszusprechen. Lukas’ Berichte habe ich gelesen und mit den Beteiligten gesprochen, auch mit den zwei Inspektoren. Es ergab ein zwiespältiges Bild der Situationen. Aurelia und Ksenjia beharrten darauf, dass bei der Befragung des russischen Studenten alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Als ich aber diesen fragte, ob er verstanden habe, warum der Dozent davongelaufen sei, antwortete er mit verblüffender Offenheit, fast ein bisschen frech, er und «die beiden Ladies» – so nannte er sie – hätten ein bisschen geschäkert. Vielleicht habe der Professor ja etwas mit denen und sei eifersüchtig geworden. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass ein solches «Geschäker», falls es denn stattgefunden habe, unangebracht sei in einem Aufnahmeverfahren, ja überhaupt im Umgang zwischen Dozentinnen und Studenten. Er nahm das zu Kenntnis, fand aber, die Atmosphäre sei von den beiden Frauen definiert worden. Sie hätten ihn zum Beispiel nach seiner sexuellen Orientierung gefragt, auf eine Art, die nichts mit Kunst zu tun gehabt habe. Kurz zusammengefasst kann ich sagen, dass hier wohl Lukas’ Bericht der Wahrheit nahekommt.
Zur Präsentation der zwei Studenten, bei der Xenjia, Arjeta und die beiden Herren der Aufsicht dabei waren, hat Lukas ebenfalls einen Bericht abgegeben, in dem er seine Äusserungen und die der andern wörtlich wiedergegeben hat. Ich habe das überprüft, es deckt sich mit den Aussagen derer, die dabei waren. Hier teile ich deren Einschätzung, Lukas habe überreagiert. Er hat die Phantasie des Studenten, sich mit Benzin zu übergiessen, anzuzünden und auf die Leinwand zu stürzen, um «das ultimative Bild» zu malen, wörtlich genommen. Als ob es sich dabei um die Ankündigung eines Suizids gehandelt hätte. Ich habe mit dem jungen Mann gesprochen und nicht den Eindruck gehabt, dass er sich und seine Äusserung in der Präsentation wirklich ernst nahm. Er sagte, er habe nach der Frage der Dozentin, wie weit sie gehen würden für die Kunst, und nach dem lauten Schrei seines Kollegen, das Gefühl gehabt, er müsse nun «etwas Krasses liefern». Von Selbstverletzung in der Kunst ab den 1960er-Jahren, von Günter Brus über Kira O’Reilly bis Marina Abramović, hatte er keine Ahnung. Ich gebe Lukas insofern recht, dass wir keinen Wettbewerbsdruck in diese Richtung aufbauen sollten, dass man sich in selbstzerstörerischer Weise für die Kunst aufopfert. Aber im vorliegenden Fall scheint der Student nur seinem Eindruck gefolgt zu sein, er müsse etwas Sensationelles sagen, ohne dass es für ihn eine reale Bedeutung hatte. Das gibt uns sicher Gelegenheit, über die Form solcher Befragungen nochmals nachzudenken, auch über konkrete Fragestellungen und ihren Sinn. Aber wie gesagt, Lukas’ Reaktion mit dem dramatischen Abbruch der Übung war unnötig, übertrieben und vor allem ärgerlich in den Folgen. Er hat Glück gehabt, dass die zwei Inspektoren durch den unvermittelten Schrei des anderen Studenten so erschreckt wurden. Sie haben nämlich deshalb die Veranstaltung als «etwas fragwürdig» bezeichnet, was wiederum mir im Gespräch mit der Direktorin half, Lukas zu verteidigen. Ich habe beschlossen, ihn zu beurlauben, zumindest bis wir wissen, wo er steckt und wie es ihm geht. Schliesslich ist da noch die Geschichte mit seiner Tochter, die sicher eine untergründige Rolle spielt. Man wird sehen.
XENJIA – So etwas habe ich noch nie erlebt! Bricht der Typ einfach die Veranstaltung ab, bei der er nur ein Begutachter von dreien ist. Als ob er der Chef wäre. Gut, er ist im Vorstand und damit Teil der Leitung. Aber das ist Aurelia auch, und ich fand es schräg und irgendwie auch beleidigend, dass er da «im Namen des Instituts» eine Entschuldigung ausgesprochen hat, für die es meiner Meinung nach gar keinen Anlass gab. Er hat damit uns andere blossgestellt. Aurelia ist so sauer, dass sie gar nichts mehr dazu sagen will. Härri hat ganz einfach keine Ahnung von Performance. Und genau das sind eben solche Präsentationen. Die Bewerberinnen und Bewerber wissen das sehr genau. Sie schlüpfen in eine Rolle und legen los. Das schützt sie und gibt ihnen die Möglichkeit, über sich hinauszugehen. In jedem Theaterworkshop in den Schulen wird das gelehrt und praktiziert. Ich frage mich, in welcher Welt Härri lebt. Er hat doch, wie man berichtet, selbst als junger Mann auf der Bühne gestanden, in einer Underground-Band. Ich habe nur einen der Filme gesehen, aber da hat er ganz schön herumgeschrien und Faxen gemacht wie ein Schachtelteufel. Warum denn jetzt diese übertriebene Empfindlichkeit, diese kitschige Empathie mit jungen Leuten, die das gar nicht brauchen? Der Schrei war doch gut, ein vitales Zeichen von Energie. Und was der andere Junge von sich gab, die Selbstverbrennung als künstlerischer Akt, na ja ... Nicht wahnsinnig originell, aber irgendwie logisch in der Situation. Vielleicht wollte er unserer etwas pathetischen Frage – wie weit würdest du gehen ...? – auch ironisch entgegentreten. Mich hat es jedenfalls überhaupt nicht erschreckt, weil ich es eben als Äusserung aus einer Rolle heraus verstand, und nicht als authentische Selbstkundgabe.
Die Befragung mit dem einzelnen Studenten, mit diesem Juri, war etwas anderes. Da hat sich Härri daran gestossen, dass wir, Aurelia und ich, mit ihm «geflirtet» hätten, anstatt ihn auf eine neutrale Weise zu interviewen. Das ist natürlich ein starker Vorwurf. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass da etwas in der Luft lag von Anfang an. Schon wie der hereinkam, wie er sich bewegt, sich auf dem Stuhl geräkelt hat. Aurelia hat mir da einen Blick zugeworfen, so dass ich gedacht habe: Ohoh! Aber ich will das nicht auf sie abschieben, ich fand ihn auch scharf. Wir haben uns dann bemüht, neutral zu bleiben und die angemessene Distanz zu wahren. Meine ich jedenfalls. Und die Genderfrage zu stellen, ist doch mittlerweile ganz normal. Aurelia hätte sie offen stellen sollen, ja, und nicht die Zuordnung suggerieren, die ihr am nächsten steht: pansexuell. Das fand ich ungeschickt. Und seine Antwort – «er glaube nicht an Sexualität» – war wohl auch ein Zeichen, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte. Sei’s drum.
Jetzt scheint Kollege Härri abgetaucht zu sein. Ich werde nicht schlau aus dem. Einmal ist er offen und an allem interessiert, was um ihn herum läuft. Ist lustig, charmant. Hat gute Ideen und wirkt jünger, als er ist. Dann wieder mimt er den Oppositionellen und kapselt sich ab, wenn ihn die Umgebung ins Unrecht versetzt. Aber ich fänd’s eigentlich schade, wenn er nicht mehr zurückkäme. Irgendwo braucht es auch ihn. Diversity!
OTTO ULICH – Das ist ja eine schöne Aufregung, die da rund um die Aufnahmeverfahren entstanden ist. Und jetzt ist Lukas auch noch spurlos verschwunden, so dass nicht einmal seine Exfrau Carmela weiss, wo er sich aufhält. Nun, grundsätzlich hat er nur von seinem Recht Gebrauch gemacht, dem Abschluss eines Verfahrens die Unterschrift zu verweigern, das nach seinem Dafürhalten nicht nach Vorschrift ablief. Und er hat damit auf einer ordnungsgemässen Wiederholung bestanden. Ob es in Wahrheit zu den von ihm monierten Grenzüberschreitungen gekommen ist, bleibt für mich auch nach Sichtung der Äusserungen aller Beteiligten unentscheidbar. Im ersten Fall handelte es sich um das Hineintragen von unangebrachten, erotisch konnotierten Verhaltensweisen in einen Prozess zur Aufnahme von Kandidaten im Hochschulkontext, was, wenn es so ablief, wie es Lukas schilderte und wie es vom Kandidaten teilweise bestätigt wurde, tatsächlich eine Regelwidrigkeit darstellen würde. Ob man deswegen das ganze Interview für irregulär erklären und wiederholen musste, sei dahingestellt. Im zweiten Fall zeigt sich noch stärker die Interpretationsbedürftigkeit der Situation. Dabei sind die entscheidenden Fragen, ob erstens der junge Mann zu einer Äusserung verführt oder gar genötigt wurde, die er bei gründlichem Nachdenken nicht gemacht hätte. Und zweitens geht es um die Ernsthaftigkeit respektive die Authentizität dieser Aussage. Ob man sich also mit Lukas Sorgen machen musste um den Kandidaten, oder ob das Bild der Selbstverbrennung eher als reine Phantasie oder ironische Reaktion auf die doch provozierende Frage aufzufassen sei. Ich neige zur Ansicht, dass die Art und Weise, wie solche institutionellen Veranstaltungen betrachtet werden, sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verschoben hat, so dass es zwischen älteren und jüngeren Dozenten zu quasi historisch bedingten Konflikten kommen kann. Lukas scheint die Präsentation als Dialog zwischen autonomen, im Idealfall authentisch kommunizierenden Subjekten aufzufassen, in dessen Kontext es nicht zu Verführung und Verstellung kommen sollte, während Xenjia, mit der ich darüber sprach, ganz selbstverständlich von einem performativen Setting ausging, das von spielerischem Rollenverhalten geprägt ist und auch ironisch gebrochen werden kann. Man könnte sagen, dass aus Lukas’ Sicht auf einer Metaebene über Kunst und deren Auffassung gesprochen werden sollte, während Xenjia die Situation selbst als Kunst verstand, was selbstredend viel grössere Freiheiten impliziert. Ein an sich interessanter, potenziell produktiver Konflikt. Ich hoffe, und gehe eigentlich davon aus, dass Lukas ins Institut zurückkehren und man gemeinsam eine Lösung finden wird.
MARIETTE HAYOZ – Ich mache mir grosse Sorgen um Lukas. Ich versuche seit ein paar Tagen, seit jenen Vorfällen, ihn zu erreichen. Zum Glück wusste ich, dass Otto Ulich seine Frau gut kennt, und so konnten wir mit ihr Kontakt aufnehmen. Sie hat uns ein Stück weit beruhigt. Lukas sei nicht einer, der sich was antue. Und auch wenn er sehr aufgebracht sei, besänftige er sich nach kurzer Zeit wieder. Er sei schon früher, als sie noch mit ihm verheiratet war, manchmal für einige Zeit unauffindbar geblieben und dann plötzlich wieder aufgetaucht.
Ich bin nicht wirklich beruhigt. Er kam an jenem Abend zu mir in die Loge und hat sich verabschiedet, als sei es endgültig. «Das war’s», hat er gesagt. «Ich habe genug, und sie werden mich sowieso rausschmeissen nach dem, was passiert ist.» Er hat mir erzählt, dass er aus einer Veranstaltung hinausgelaufen sei und eine zweite abgebrochen habe. Dass es ihm sehr leidtue, uns dadurch zusätzliche Arbeit aufzuhalsen. Aber er habe nicht anders gekonnt.
Es war etwas mühsam, die Befragung und die Präsentation zu wiederholen, aber die Kandidaten haben gut kooperiert und wir haben das innerhalb des nächsten Tages hinbekommen. Formell ist also alles in Ordnung. Ob Lukas’ Verhalten die von ihm befürchteten Folgen hat, weiss ich nicht. Frau Baek hat ihm – etwas eigenmächtig, denke ich – einfach unbezahlten Urlaub gewährt auf unbestimmte Zeit. Ich hoffe wirklich sehr, dass es ihm gut geht und dass er sich bald melden wird.
NOAH – Wo ist Härri? Vor zwei Tagen war er noch hier, aber extrem schief drauf wieder mal. Ich habe ihn besucht, um zu sehen wie es ihm geht. Wollte auch schauen, ob er brav zu Stray schaut. Weiss man ja nie, er mag Katzen immer noch nicht. Aber dem ging’s gut. Er hat sich eingenistet, als ob ihm die Bude gehören würde. Härri findet das natürlich nicht so toll, aber er war nicht deswegen schlechter Laune. Hat irgendwas gefaselt von «Jetzt bin ich gefeuert», oder so. Kapier’ ich nicht. Ich hatte das schon vergessen, aber sie haben ihm ja mal ein Dings gestellt, ein Ultimatum. Weil er mit diesem Blödmann von Journi gequatscht hat über den bescheuerten neuen Namen seines Instituts, und der hat das dann gleich an die ganz grosse Glocke gehängt, was nicht so gut ankam bei Härris Chefin. Jetzt ging es um die Aufnahmeprüfungen, wie ich verstanden habe. Er wollte nicht herausrücken, was da genau war. Irgendwas mit zwei seiner Kolleginnen, die sich wie Teenies aufgeführt hätten, und die Show von zwei Neuen, die aus dem Ruder gelaufen sei. Da habe er eingreifen müssen. Und dann sei er abgehauen. Krass, ey! Sowas machen doch eher kleine Jungs, oder solche wie ich, zuerst Scheisse bauen und dann davonrennen. Hab’ ich ihm auch so gesagt. Geh doch hin, entschuldige dich und dann ist alles wieder in Ordnung, wirst sehen. Aber er wollte nichts davon hören. Er fing auf einmal davon an, ob ich nochmals auf das Haus aufpassen könne und auf «das Tier», das sagte er wirklich so. Wo er denn hingehen wolle, fragte ich. Da hat er mich einfach geblockt. Nada, keinen Ton, Alter! Da habe ich gemerkt, dass es ihm echt dreckig geht, das war so strange. Aber wohin sollte er denn gehen? Zu seiner Ex nach Italien? Glaube ich nicht. So wie er von ihr erzählt hat, ist sie nicht die, bei der man sich ausheulen kann. Hat er Freunde? Keine Ahnung. Wenn sie ihn wirklich rausgeschmissen haben, muss er halt wieder Kunst machen wie früher. Er war dort ja mal stark, ein Winner. Vielleicht kann man nicht beides machen, Kunst und dieses ganze Hochschulzeug. Oder man müsste dort der Chef sein, der von niemandem rumkommandiert wird. Vielleicht muss er nur mal für ein paar Wochen auf lonely cowboy machen, ein bisschen rumziehen mit hochgeklapptem Kragen, um sich wieder als Kerl zu fühlen. Kann ja sein. Ich halte hier mal die Stellung, mit Milena und dem Kater natürlich. Warten wir, bis er wieder ankurvt.

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