28.2.24

Ausgestellt

Hätte man es anders machen können? Womit hätte man beginnen müssen? Was wäre gewesen, wenn ...? Schon kleine Veränderungen der Handlung hätten weitreichende Folgen nach sich gezogen. Hätte man an jenem Nachmittag im Atelier noch etwas länger nach geeignetem Material gesucht, wäre einem im Malereigeschäft der zwielichtige Journalist wohl nicht mehr über den Weg gelaufen. Aber mit solcherlei Überlegungen machte man es sich zu einfach. Die Begegnung mit Hunziker wäre ja auch aktiv in andere Richtungen zu lenken gewesen. Zum Beispiel, indem man sich nicht hätte verleiten lassen durch die Aussicht auf kulinarische Freuden in angenehm ländlicher Umgebung. Man hätte einen Mangel an Zeit und Musse leicht vorschieben können mit Hinweis auf die hektische Abschlussphase des Hochschulsemesters. Dazu hätte man die Absichten des Artikelschreibers vorausahnen müssen, was mit etwas Konzentration und sich Erinnern an frühere Begegnungen mit diesem Menschen möglich gewesen wäre. Sass man aber einmal mit ihm beim Wein, wurde es schon schwieriger, die fatale Wendung zum eigenen Versagen zu verhindern. Man hätte nicht so viel Wein trinken dürfen. Die Bestellung einer zweiten Flasche wäre wohl mit etwas Nachdruck zu verwehren gewesen. So, in noch einigermassen nüchternem Zustand, wäre einem Hunzikers seltsame Geschichte über die Vertauschung der Schicksale von Augst und Basel als das vorgekommen, was sie war: ein Ablenkungsmanöver. Man sollte eingelullt werden vor dem eigentlichen Angriff, der auf die Preisgabe von Informationen aus dem Innern des Instituts abzielte. Spätestens dann, und damit war man beim Kern der Sache angelangt, hätte man die Geistesgegenwart und auch den Mut aufbringen müssen, den Fiesling damit zu konfrontieren, dass man seine unlauteren Absichten durchschaue und jede weitere Auskunft verweigere, weil sie ja nur dazu dienen würde, seine Vorurteile zu bestätigen, genauso wie diejenigen seiner tumben Leser.

Härri hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Nachricht über seinen Fehltritt im Institut so schnell verbreiten würde. Da-ra Baek musste es Aurelia erzählt haben, nur so war zu erklären, weshalb sofort alle Bescheid wussten und nun dem gemassregelten Kollegen auf die je eigene Weise begegneten. Mit zurückhaltendem Mitleid (der Transhumanist Miles), offener Neugier (die jüngsten Kolleginnen Arjeta und Helen), solidarischer Entrüstung (der bald pensionierte Bildhauer-Kollege Paul) oder heimlicher Schadenfreude (die beiden Performance-Frauen Aurelia und Ksenjia). Für Härri war es ungewohnt und unangenehm, so im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Am liebsten hätte er gar nicht geantwortet, wenn er auf die Geschichte angesprochen wurde, aber nachdem er feststellen musste, dass Schweigen in beliebige Richtungen interpretiert wurde, gab er sich Mühe, seine Worte so zu wählen und zu dosieren, dass sie zur Beruhigung beitrugen. «Den Ball flach zu halten», darum hatte ihn Da-ra gebeten, und er wollte sich daran halten, weil es schliesslich auch in seinem Interesse lag.
Da-ra bestellte ihn in der Sache noch einmal zu sich, als sie Kenntnis bekommen hatte von der schriftlichen Anfrage eines Vertreters der Volkspartei an die Augster Regierung. Was bereits Hunziger angetönt und Da-ra Baeck befürchtet hatte, war also eingetreten. Die schriftliche Anfrage des Volksvertreters mit Namen Dürig trug den Titel: «... betreffend mit Steuergeldern alimentierte Genderwahnsinn-Veranstaltungen an der Kunsthochschule Augst» und strotzte von suggestiven und offen verächtlichen Fragen. Ob Titel und Inhalt des betreffenden Moduls als Aprilscherz zu verstehen seien, und falls ja, was daran lustig sein solle. Da-ra war schockiert über den primitiven Tonfall. Härri versuchte sie zu beruhigen. «Der ist bekannt für seine Tiraden. Ein Populist, der sich dem Stammtisch einer behaupteten Mehrheit der Bevölkerung anbiedert. Er stellt Fragen, die von der Regierung gar nicht beantwortet werden können. Ob der Regierungsrat es als sinnvoll erachte, wenn sich die vom Steuerzahler finanzierten Angestellten der Hochschule «dem Gendergaga widmen» ... Mann! Was sollen die darauf schreiben?»
«Ja, schon. Aber dann verlangt er, dass detaillierte Kostenrechnungen zu allen Veranstaltungen der letzten vier Jahre aufgestellt werden sollen. Wer soll das machen?»
Härri konnte auf seine Erfahrung aus der Zeit zurückgreifen, als er das Institut geleitet hatte. Er machte sich bezüglich der Finanzen keine Sorgen.
«Die Gelder kommen von allen vier Vertragskantonen, und über das Budget verfügt der Hochschulrat. Es handelt sich um eine Globalbudget, wie du ja weisst. Der Regierungsrat nimmt sicher keinen Einfluss auf die schulinterne Verteilung der Finanzen. Diese inhaltliche und wirtschaftliche Autonomie der Hochschule ist übrigens durch die Verfassung garantiert. Wozu sich Dürig wenigstens ein bisschen hätte schlau machen können.»
Da-ra Baeck hatte noch immer Zweifel.
«Dann hoffen wir mal, dass es zu keinen Komplikationen kommt. Mir liegt wirklich viel daran, dass die Abschlussausstellung ein Erfolg wird.»
Härri versprach, seinen Teil dazu beizutragen.

Mitten in den Vorbereitungen erreichte ihn eine Nachricht von Bruno, der ihn bat, zurückzurufen. Härri war aufgeregt. Wozu hatte sich sein Sohn nun entschieden? Da er seit dessen Besuch in Augst nichts mehr gehört hatte, war er, ohne eingehender darüber nachdenken zu wollen, von der schlimmstmöglichen Wendung ausgegangen. Dass nämlich Bruno das Studium gegen jede Vernunft kurz vor dem Abschluss abgebrochen hatte, um sich in irgendeinem Startup als Selfmade-Programmierer zu verwirklichen.
Die Tage anfangs August waren nicht mehr so heiss, und als er nun an einem lauen Abend vor dem Haus sass und Bruno auf dem Bildschirm erschien, musste er ins Haus wechseln, um ihn richtig sehen zu können.
«Bruno! Wie geht’s?», fragte er.
«Hallo Papa. Ich habe das Diplom.»
Härri sass da, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Keinen Ton brachte er heraus.
«Papa?» Bruno war erschrocken über die heftige Reaktion seines Vaters. «Das sind doch gute Nachrichten für dich, oder? Das wolltest du doch?»
Härri fand langsam zu sich zurück.
«Das ist ... Ja! Das ist sehr gut! Aber ich wollte gar nicht ... also, schon, aber ...
Jetzt lachte Bruno, befreit.
«Natürlich wolltest du das! Dass ich, verdammt nochmal, vernünftig sein und das Ding nach Hause bringen soll, oder?»
«Ja, so sind Eltern nun mal», musste Härri zugeben. «Aber was hat dich dazu gebracht? Hat schliesslich doch die Kunst gewonnen?»
Bruno winkte ab.
«Nein, nein. Die Termine haben sich einfach verschoben bei Neocarbon. Zuerst sollte ich schon im Juli anfangen, und da hätte ich die Prüfungen und Schlusspräsentationen nicht machen können. Nun fange ich am ersten September an dort, und so hat’s einfach gepasst. Der Batza ond des Weckle, wie die Oma sagte.»
Härri konnte eine leise Enttäuschung nicht verheimlichen.
«Dann ist es dir also ernst mit diesem CO2-Ding? Die Kunst hängst du an den Nagel?»
«Ja. Papa, ich will etwas machen, etwas bewirken. Die Klimaerwärmung ist kein Spass. Und wenn ich gesehen habe, was in der Kunst dazu gemacht wurde rings um mich herum – und es haben sich ja viele damit beschäftigt, auch ich! Aber alles auf der symbolischen, metaphorischen Ebene. Im besten Fall sollte das die Augen öffnen, die Welt neu sehen machen. Aber wir brauchen zum Beispiel eine neue Landwirtschaft, und den Bauern musst du nicht mit Kunst kommen.»
Härri dachte an die Armeen von Traktoren, mit denen sie in Frankreich und Deutschland in den vergangenen Wochen die Städte belagert hatten, und wie der französische Präsident fast verprügelt worden war bei der Landwirtschaftsschau. Er wusste nicht, womit man den Bauern überhaupt kommen konnte.
«Na, dann bin ich mal gespannt, was du bei denen erleben wirst. Was ihr bewirken könnt.»
Und als er merkte, wie falsch das klang, korrigierte er sich.
«Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute für den Start bei der Firma. Und natürlich gratuliere ich dir auch für dein Diplom. Das feiern wir dann noch.»
«Ja, ja», sagte Bruno. «Ich habe hier schon mit Kollegen gefeiert gestern. Heute muss ich früher schlafen gehen. Hast du dich schon bei Sofia gemeldet?»
Härri versprach, dies bald nachzuholen und verabschiedete sich von Bruno.
Er schaute auf die Uhr und rechnete nach, wie viel Uhr es in New York war im Moment. Vier Uhr nachmittags. Sofia wäre wohl noch bei der Arbeit, aber probieren konnte man es ja. Sonst würde er es wieder verschieben und vergessen.
Und tatsächlich zeigte sich Sofia nach ein paar Wiederholungen des akustischen Signals auf dem Display. Im ersten Moment erkannte er sie nicht, weil er das Bild im Kopf hatte, das Bruno ihm beschrieben hatte. Von einer aufgebrezelten Bankerin in luxuriöser Umgebung. Was er sah, konnte er nicht einordnen. Sofia war ungeschminkt und wirkte zerzaust, als ob er sie geweckt hätte. Als sie ihr Handy hingestellt und sich gesetzt hatte, meinte er im Hintergrund eine altmodischen Küche zu erkennen, wie man sie in studentischen Wohngemeinschaften antreffen kann.
«Papa?» Sie hatte eine belegte Stimme und musste sich zuerst räuspern. «Hallo, Papa, was verschafft mir die Ehre?»
Härri überspielte seine Verblüffung und Verlegenheit, indem er laut drauflosplauderte:
«Sofia, Liebes, wie geht’s dir? Ich habe gerade mit Bruno telefoniert und er hat mir befohlen, dich anzurufen. Hatte ich aber sowieso vor. Hast du überhaupt Zeit? Bist du nicht an der Börse? Wo ... wo bist du überhaupt?» Er spürte, wie sich sein Nacken schmerzhaft verspannte. Es gab eine Pause. Sofia redete mit jemandem im Hintergrund und drehte sich dann wieder ihm zu.
«Ich habe frei genommen. Bin bei bei einer Freundin, in Broocklyn. Meine Wohnung wird gerade neu gemacht. Kann ich nicht hin im Moment.»
Härri war nervös. Diese kurzen, knappen Auskünfte, der müde Tonfall, das war nicht die Sofia, die er kannte. Aber kannte er sie überhaupt noch? Wann hatte er ihr zum letzten Mal gegenübergestanden, sie in den Arm genommen?
«Aber, geht’s dir gut?» fragte er vorsichtig.
«Ja ... es geht. Es ist alles etwas kompliziert», sagte sie.
«Was ist kompliziert? Lässt du die Wohnung renovieren? Bruno hat mir erzählt, die sei ganz toll. Mit Aussicht auf den East River und so.»
Härri ahnte, dass etwas mit ihrer beruflichen Arbeit schiefgelaufen sein könnte, aber er getraute sich nicht, danach zu fragen. Und Sofia liess es bei Andeutungen.
«Ja. Die war cool, die Wohnung. Aber ich muss mich neu orientieren. Weiss noch nicht genau, wohin es mich verschlägt. Aber, kommt schon gut ... irgendwie.»
Härri schluckte. Ganz kurz war er versucht, ihr von seiner Situation zu erzählen, merkte aber sofort, wie unmöglich das war.
«Ja, hoffentlich geht alles gut», sagte er deshalb nur. Und dann:
«Vielleicht komme ich im Herbst mal für ein paar Tage nach New York.»
Sein Herz klopfte wie verrückt. Was sagte er da? Das hatte er nie vorgehabt. Nur ihre Stimme hatte das mit ihm gemacht. Und das zaghafte «irgendwie».
Sofia wirkte nicht gerade begeistert von seiner Idee, sie zu besuchen.
«Wegen mir musst du nicht kommen, Papa, ich kam bisher auch klar. Sehr gut sogar. Aber du darfst natürlich kommen, wenn du das willst.»
Sie tönte jetzt wieder normaler.
«Dann können wir zusammen ins Whitney Museum gehen. Und du erklärst mir die Kunst, wie früher. Aber ich muss jetzt Schluss machen, wir müssen noch einkaufen gehen. Mach’s gut, Papa. Schlaf gut.»
Aber an Schlaf war nicht zu denken nach dieser aufwühlenden Begegnung. Er holte sich ein Bier und ging nach draussen. Stand lange am Ufer und schaute zwischen langen Schlucken auf den gleichgültigen Fluss.


Härri verbrachte seine Tage in der Spinnerei, wo die Abschlussausstellung gleich dreier Institute eingerichtet wurde. Die Kunst musste die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten mit den Designern und der Kunstvermittlung teilen, was zu Revierkämpfen geführt hatte. Schliesslich konnte man sich aber einigen, nachdem die Direktorin ein jährliches Rotationsprinzip bei den begehrtesten Ausstellungshallen vorgeschlagen hatte. Härri war zufrieden mit der Verteilung, die für die Hängung von «Flachware» ideal war. So hatten sie in Hamburg alles genannt, was bildartig daherkam und bei traditioneller Präsentationsweise Wände benötigte. In der Halle, welche der Malerei zugewiesen wurde, hatten früher grosse Spinnmaschinen gestanden. Am Boden, einem reizvollen Flickenteppich aus Zementüberzügen in verschiedenen Grau- und Ockertönen, konnte man ihre ehemaligen Standorte noch ablesen, ebenso wie diejenigen von Zwischenwänden und Transportschienen. Die über dreissig Meter lange Decke war quer unterteilt durch vier wuchtige Stahlträger, die sich auf je zwei weiss gestrichene Säulen stützten. Zwischen den Trägern verteilten die Bänder des Sheddachs ein schönes, indirektes Licht nach unten. Die Abstände zwischen Stützen und Wänden liessen viel Spielraum, um die mobilen Zwischenwände nach Gutdünken der Ausstellungsmacher zu platzieren.
Dies war auch das erste, was Härri mit seinen Studentinnen und Studenten in Angriff nahm. Sie hatten ihre Bildauswahl als Ausdrucke im Massstab eins zu zwanzig mitgebracht, und gemeinsam probierten sie nun im Modell verschiedene Anordnungen aus. Dabei wollte Härri sowohl auf eine gewisse Gerechtigkeit bei der Zumessung von Raum als auch auf für Besucher spannende Abfolgen beim Begehen der Ausstellung achten. Thea war der anerkannte Star unter den Absolventinnen. Ihr war bereits eine Auszeichnung des Kantons in Aussicht gestellt, sie brachte auch die grössten Formate in die Präsentation. Und die besten Bilder, wie Härri fand. Er war darum froh, dass der Vorschlag, ihr einen prominenten Platz in der Mitte der Ausstellung zu überlassen, von ihren Kolleginnen eingebracht wurde und er sich zurückhalten konnte. Als sie sich im Modell auf eine vorläufige Hängung geeinigt hatten, wurde vereinbart, dass zuerst die Wände gestellt, dann die Bilder an den zugewiesenen Orten daran angelehnt und bis zu einem gemeinsamen abschliessenden Rundgang nicht montiert würden. Zwei Tage vor der Eröffnung der Ausstellung, kurz vor der Lunchpause, waren sie so weit.
Theas Bild, das er einst als «krank» bezeichnet hatte, wurde nun auch aufgehängt. Es war nicht ihr bestes, aber immerhin auch sehr schön geworden, wie Härri fand. Dominiert vom Kontrast zwischen den kühlen Tönen des Hintergrunds – eine türkisfarbene Fläche, die man nur am oberen Rand des Bildes als Himmel interpretieren konnte, darin schwebend Theas Lieblingsbäume, die Zedern, mit Wurzeln, die wie die Tentakel von Quallen hin und herwogten – und den warmen Farben in der Kleidung der Frauen. Dem leuchtenden Karminrot einer Bluse, oder dem Scharlachrot eines Balls, der einen Schweif hinter sich herzog wie ein Komet. Die blaubestrumpften Beine der Tänzerin, mit denen Thea so gehadert hatte, waren nun sehr schlicht und auf eine souveräne Art abstrakt gehalten. Härri gefiel auch, wie die Anspielungen auf Hexentanz-Bilder, die in dem Werk deutlich zu sehen waren und auf die er beim ersten Sehen allergisch reagiert hatte, nun vieldeutig daherkamen, ohne dass die Idee verraten wurde, die Thea offenbar wichtig war. Vor allem, wie die zu einem Zopf verdrehten Haare der kauernden Frau in den Baum übergingen, den sie auf dem Kopf trug, das war grossartig gemacht. Die dreistöckige Krone der Zeder erinnerte an die Explosionswolken einer Atombombe, und der Gesichtsausdruck der Frau zeigte ironisch die Konzentration, die für eine solche Kopfgeburt nötig war.
Thea überprüfte die Hängung nochmals mit der Laser-Wasserwaage und trat dann neben Härri. Er sah sie an und wartete darauf, dass sie etwas sagen würde, aber sie hatte nur Blicke für das Bild und nickte dazu ganz leicht mit dem Kopf.
«Na?», fragte er, «zufrieden?»
Sie blies die Backen auf und stiess einen langen Seufzer aus.
«Erleichtert!»
Er wollte ihr die Hand hinstrecken für ein Abklatschen, aber sie schob seinen Arm weg und umarmte ihn.
«Danke!» wiederholte sie mehrmals, bevor sie sich von ihm löste und nach draussen ging.

Am Abend der Vernissage, am fünfzehnten August, versammelte sich bei sehr warmen Temperaturen ein bunte, vielgestaltige Gesellschaft auf dem Areal der Spinnerei. Härri kam es so vor, als seien die Farbkontraste invertiert, die noch vor zehn, fünfzehn Jahren eine solche Veranstaltung geprägt hatten. Nicht mehr dominierten die sich intellektuell gebenden Künstler und Designerinnen in uniformem Schwarz, worin vereinzelte Farbtupfer von Punks, Drags und Bohémiens für dekorative Effekte gesorgt hatten. Nein, nun war es genau umgekehrt. Es war ein Galaabend für die LGBTQAI+-Menschen, deren überdurchschnittliche Vertretung an der Kunsthochschule noch deutlicher zur Sichtbarkeit gebracht wurde als im Alltag. Die schwarzen Minimalisten fielen auf in diesem karnevalesken Treiben. Es umgab sie die Aura einer selten gewordenen Spezies aus vergangenen Epochen. Auch Härri hatte länger als sonst überlegt, wie er sich kleiden sollte für den Anlass. Er hatte schliesslich resigniert vor allzu komplizierten Überlegungen und sich für dunkelblaue Sommerjeans und ein weisses T-Shirt entschieden, was der Ausstattung entsprach, in der ihn alle kannten.
Da-ra Baeck war, soweit Härri erkennen konnte, die Einzige, die ganz in Weiss erschienen war. Sie stand bereits in der Nähe des Eingangs zur grössten Ausstellunghalle, wo eine kleine Bühne mit Verstärker-Anlage aufgebaut war. Da sich der Zeitpunkt der offiziellen Eröffnung näherte, holten sich die Besucher noch etwas zu trinken an einer der Buden, die an den Rändern des Vorplatzes aufgestellt waren, und bewegten sich plaudernd an den Ort, wo sie die Begrüssungsreden erwarteten.
Härri war wohl nicht als Einziger gespannt darauf, wie die Direktorin der Hochschule, noch mehr aber, wie Da-ra Baeck auf die Ereignisse der letzten Wochen Bezug nehmen würden. Die Begrüssung der Direktorin war so, wie er erwartet hatte: sehr allgemein, langweilig und floskelhaft. Auf die Plakataktion ging sie nur ganz kurz ein, indem sie auf die Werte der Hochschule verwies, unter denen das Prinzip der freien Meinungsäusserung höchste Priorität geniesse. Dass die weisse Fahne mit dem Cease-Fire-Spruch einige Tage habe hängen dürfen, stellte sie als erfolgreich ausgehandelten Kompromiss zwischen Studentenschaft und Hochschulleitung dar. Den Vorwurf der Zensur auf dem Transparent überging sie einfach.
Als Da-ra Baeck die Bühne betrat, staunte Härri über ihre Wirkung. Die Besucher, welche die Bühne bereits vorher umstanden hatten, traten näher heran und viele, die während der Begrüssung der Direktorin noch auf dem Platz verteilt weitergeplaudert hatten, stellten sich nun in den hinteren Reihen dazu. Es wurde auffallend still. Da-ra hatte sich sorgfältig vorbereitet, sie hielt einen kleinen Stapel von Notizen in der Hand. Ein Student richtete das Mikrofon auf ihre Höhe ein, dann begann sie zu sprechen.
Zuerst ging es ihr darum, die Besucher willkommen zu heissen und sie einzustimmen auf eine, wie sie betonte, wunderbar vielstimmige, engagierte und Mut machende Ausstellung junger KünstlerInnen. Sie gratulierte diesen zum Abschluss ihres Studiums und verdankte die grosse Arbeit aller Beteiligten an der Präsentation der Werke, die auch dieses Jahr wieder in den grosszügigen Räumen der Spinnerei durchgeführt werden könne. Nach dieser allgemeinen und durchaus konventionellen Einleitung wurde ihre Rede zunehmend pointierter.
«Eigentlich hätte der neue Name des Instituts Kunst am heutigen Abend der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Er wurde jedoch, wie Sie wissen, durch eine bedauerliche Indiskretion vorzeitig der Presse zugespielt. Einer Presse, die uns, unserem Institut und ganz allgemein der aktuellen Kunst gegenüber weder offen noch freundlich eingestellt ist.»
Härri, der sich etwas im Hintergrund aufgestellt hatte, meinte zu spüren, wie er von allen Seiten angestarrt wurde, traute sich aber nicht, es durch Drehen des Kopfs zu überprüfen. Am liebsten wäre er jetzt weggelaufen, aber auch das ging nicht. Also stand er starr und blickte zu Rednerin.
Diese war nun dabei, die Bedeutung der neuen Bezeichnung «Art Gender Planet» zu erklären. Er kannte den Text, konnte sich aber nicht auf dessen Bedeutung konzentrieren. Es war wie eine schon mal gehörte, fremd gebliebene Melodie, die gegen seine Ohren plätscherte.
« ... weil wir an der Zukunft einer postkolonialen Gesellschaft mitgestalten wollen. Dies wird uns nur gelingen, wenn wir die unterschiedlichsten Denksysteme zusammenzubringen und die Werte des Lebens zu schützen und zu pflegen lernen».

21.2.24

Zuwiderhandlung

Gleichzeitig mit dem Abschluss der Prüfungen Mitte Juli wurde das Sommerwetter unbeständig und unberechenbar. Auf drückend heisse Tage folgten immer wieder heftige Gewitter. Zum Glück blieb Augst von den anderswo niedergehenden Hagelschlägen verschont und der doch recht häufige und ausgiebige Regen sorgte dafür, dass die Rasenflächen in Gärten und Parks nicht schon im Juli braun wurden wie im Jahr zuvor.
Härri genoss die freien Tage zwischen dem Abschluss der Prüfungen und den Vorbereitungen für die Ausstellung. Thea, die Studentin, in deren Begleitung er am meisten Zeit und Geduld investiert hatte, war für ihre hervorragenden Leistungen mit Bestnoten und einem Preis ausgezeichnet worden. Härri war stolz auf sie, und ein klein wenig auch auf sich, denn er wusste um seinen Anteil am Erfolg der jungen Frau, die so oft an sich gezweifelt hatte. Thea sah es übrigens auch so. Sie wollte im Ausland weiterstudieren, eine für sie typische und passende Entscheidung, die allerdings bei vielen, die sie kannten, Kopfschütteln auslöste. Härri hatte sie ein sehr schönes Bild aus der Serie ihrer kleinen Formate geschenkt, und das hing nun in seinem Haus über dem alten Sofa. Er schaute es oft an und war ein bisschen neidisch auf die Kraft und die malerische Qualität, die ihm da begegneten. Vielleicht war es auch diesem Bild zu verdanken, dass er nach langer Zeit wieder einmal in sein Atelier in der Lagerhalle am Südrand der Stadt ging um ein paar Leinwände zu präparieren.
Weil er nicht alles Material dazu fand – das weisse Pigment und die Kreide waren verklumpt – musste er nochmals in das Malereigeschäft fahren. Dort traf er Jörg Hunziker, einen alten Bekannten aus der Zeit, als die Kinder noch klein gewesen waren und Carmela und er anderthalb Jahre in Italien gelebt hatten. Härris Frau hatte in ihrer Heimatstadt Asti ein Haus geerbt, das knapp bewohnbar war. Dort wurden sie von Jörg zwei- dreimal besucht und er half ihnen sogar bei ihren Versuchen, das Haus zu renovieren, wie sich Härri erinnern konnte. Auch jetzt war er offenbar mit der Erneuerung eines Hauses beschäftigt, das am Rand des badischen Dorfs Riehen stand. Er hatte es sich gekauft, aus Steuergründen, wie er sagte.
«Kommst du mich besuchen?», fragte er. «Ich kann dich in dem Häuschen noch nicht bewirten, es ist völlig ausgekernt und ich habe nur eine Matratze am Boden. Aber ich kann dir zeigen, wie es wird und wir können im «Hirschen» zusammen Schneckensüppchen essen. Du magst doch Schnecken?»
Und als Härri bejahte, fügte er hinzu:
«Riehen ist ein verschlafenes Nest. Ein Strassendorf. Aber der Weisswein vom Hügel ist trinkbar und die Schnecken, oder auch Speck und Sauerkraut sind ausgezeichnet.»
Jörg war Journalist und schrieb für die Lokalzeitungen. Auch führte er seit jüngerer Zeit einen Blog, auf dem er Kommentare zum Zeitgeschehen publizierte. Die Liebe zu gutem Essen und alkoholischen Getränken sah man ihm an. Sein Bauchumfang war medizinisch gesehen gefährlich, jedoch bewegte er sich mit erstaunlich jugendlichem Elan. Sie machten ab für den nächsten Tag.

Das Süppchen schmeckte wunderbar und hatte auch eine perfekte Farbe, wie Jörg fand.
«Es muss schön gelb sein und ohne Grauton, was schnell passieren kann, wenn die Schnecken nicht sauber sind oder wenn sie noch Pilze hineintun, was ich für völlig überflüssig halte.»
Er bestellte noch ein Flasche Weisswein. Sie sassen unter einer der Rosskastanien auf dem mit feinem Kies bestreuten Platz vor dem «Hirschen» und genossen die Wärme, die jetzt genau richtig war und sie wohlig umhüllte. Alle Tische waren besetzt, hauptsächlich von Augstern, die mit dem Auto hergefahren waren, und die Gespräche um sie herum plätscherten an Härris Ohren. Er lehnte sich behaglich zurück. Jörg hatte eine seltsame Betrachtung der Region begonnen und sich dabei in Erfinderlust geredet. Härri versuchte sich auf das zu konzentrieren, was er zu hören bekam.
«Die Planung und Gründung von Städten waren doch oft von Zufällen bestimmt. Oder ausgelöst durch spontane Einfälle der Personen mit Macht. Nehmen wir mal an, die römischen Einwohner von Augst hätten sich von den Überfällen der Alemannen im vierten Jahrhundert zermürben lassen. Wären ein paar Jahrhunderte später wieder Opfer geworden der mordenden und plündernden Magyaren, die nicht einmal ihren Bischof verschont hätten. Dessen Nachfolger hätte den weiter rheinabwärts gelegenen Militärstützpunkt für sicherer und zukunftstauglicher befunden. So wäre Basel heute die grösste, kulturell und wirtschaftlich bedeutendste Stadt der Nordwestschweiz, und nicht Augst. Das Münster – ein etwas anderes Münster als wir es kennen – stünde in Basel. Augst hätte keine Brücken, dafür Basel einige. Die Universität, die Museen, die Pharmaindustrie, das Fussballstadion ... alles in Basel!»
Härri musste lachen ob der Vorstellung.
«Ja, du lachst? Aber es wäre möglich gewesen, leichter, als du denkst! Es gäbe vielleicht einen Kanton Basel. Auch die Landesgrenzen könnten ganz anders verlaufen. Hier wären wir vielleicht noch in der Schweiz, dafür wären Inzlingen und das rechte Rheinufer bis Rheinfelden badisch, wer weiss. Unser Kanton Augst wäre wohl Teil des Aargaus.»
Härri wollte protestieren, aber Jörg liess ihn nicht zu Wort kommen.
«Ja, doch! – Augst wäre ein Dorf, vielleicht mit einem Römermuseum. Die Rheininsel von Schilf überwachsen, das Wasser der alten Rheinschlaufe dahinter seicht und verkrautet. Ein Vogelreservat allenfalls. Übungsplatz für Stehpaddler ...»
Härri überlegte, ob ihm das gefallen würde ... Was wäre, wenn ...?
Seine Blase drückte. Als er aufstand, um im Gasthaus aufs Klo zu gehen, spürte er den Wein in Kopf und Gliedern. Im Westen glühte der Himmel zwischen schwarzen Wolkentürmen. Erst jetzt bemerkte er, dass das Personal begonnen hatte, die Gäste nach drinnen zu bitten. Mit besorgten Blicken nach oben klappten sie Tische in die Senkrechte, räumten Sonnenschirme und Stühle zusammen und brachten sie unter das ausladende Vordach. Als er von der Toilette zurückkam, sass auch Jörg schon in der Gaststube. Er blickte auf, als Härri an den Tisch trat, und erhob sich. «Ich muss auch. Und nachher will ich dich etwas fragen ...»
Härri nahm Platz und versuchte sich zu konzentrieren. Der Lärm störte ihn, und dann auch der auftauchende Gedanke an die Weisung der Direktorin. Er traf sich da mit einem Journalisten, von dem er wusste, dass er politisch eher rechts tickte und dem «Kunstkuchen» sicher kritisch wenn nicht verachtend gegenüberstand. Ihm und seiner Kunst gegenüber hatte sich Jörg zwar immer wohlwollend und wie es schien, aufrichtig interessiert gezeigt. Aber Härri ahnte, dass sich dieses «etwas-fragen-Wollen» wohl auf die Aktion der Studenten beziehen würde, denn das Plakat, und vor allem der Zensur-Vorwurf darauf, hatte die Lokalpresse bereits beschäftigt. Er musst also aufpassen.
Aber es ging gar nicht um die Plakataktion. Als sich Jörg wieder auf seinem Stuhl eingerichtet hatte, holte er aus.
«Ich habe da einen Tipp bekommen, dass die von der Volkspartei ihre Vertreter im Parlament damit beauftragt haben, der Fachhochschule auf die Finger zu schauen. Mit Recherchen und darauf Bezug nehmenden Anfragen an die Regierung. Und da ist eure Abteilung natürlich ein gefundenes Fressen.»
Härri musste sich wegen der Durchkreuzung seiner Erwartung zuerst einmal neu orientieren.
«Was meinst du damit? Warum sollen wir besonders interessant sein für die Völkler?»
«Es geht die Vermutung um, dass es bei euch besonders schlimm sein soll mit dem, was sie «Gender-Gaga» nennen. Dass sich das Institut ein neues Leitbild und gar einen neuen Namen zulegen will, in dem das nach aussen demonstriert werden soll. Mir wurde ein Verzeichnis mit Veranstaltungen zugespielt, und ich muss sagen ...»
Jörg wiegte bedeutungsschwer seinen Schädel. Härri war auf der Hut.
«Was musst du sagen? Was passt euch nicht?»
Jörg protestierte.
«Ich bewerte gar nichts, ich bin Journalist. Ich beschreibe nur, und stelle fest. Wenn da Module ausgeschrieben werden, in denen es um «queer-feministisches Hexenwissen» gehen soll, ich bitte dich!»
Er kramte sein Mobiltefelfon aus der Tasche und suchte nach etwas. Als er es gefunden hatte, las er vor:
«Wir werden mit wahlverwandten W.I.T.C.H.es verschiedener Generationen hexendiffamierende Mythen verkehren, Theorie und Praxis miteinander amalgamieren und Schutzkreise ziehen gegen die Mächte des Beherrschens, Bemeisterns und Disziplinierens».
Härri kannte den Text, er stammte von Aurelia Wittmann und Da-ra Baek, die sich die Leitung des Moduls teilten. Jörg redete sich in Fahrt.
«Ich meine: «Schutzkreise ziehen»? In der Hochschule? Da fragen sich doch die Normalbürger: Geht’s noch? Was kommt als nächstes? Die Fahrt auf dem Besen zum Bocksberg als Performance?»
Härri war unbehaglich zumute. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken so zu ordnen, dass er den Zeitungsfuchs nicht durch unbedachte Äusserungen in seinen Stammtischansichten bestärkte. Auch er hatte sich ja, seit Da-ra Baeck die Leitung übernommen hatte, wiederholt gefragt, wie das von einer weiteren Öffentlichkeit aufgenommen würde, was im Institut gesagt, geschrieben und in Veranstaltungen präsentiert wurde. Aber wenn er Jörg so sprechen hörte, konnte er sich schon die gedruckte Version vorstellen, mit suggestiven Fragen im Titel und massenhaften Zitaten in Abführungszeichen. Er fühlte sich also genötigt, sein Institut zu verteidigen, ja sogar das, was er still für sich die «Hexenfraktion» nannte.
«Du darfst das nicht mit dem Bierernst der Völkler anschauen, da steckt auch eine gehörige Portion Ironie drin. Ursprünglich waren Hexen ja Frauen, die sich ausserhalb der gesellschaftlichen Norm bewegten, oder unkonventionelles Wissen besassen in so existenziellen Bereichen wie der Kräuterheilkunde oder Geburtshilfe. Damit haben sie an der Macht der Männer gekratzt.»
«Ja, weiss ich doch», unterbrach in Jörg. «Aber was willst du damit sagen?»
Härri liess sich nicht drausbringen.
«Man hat sie dann als böse und gefährlich abgestempelt. Sie stünden mit dem Teufel in Verbindung, würden sich sogar von ihm vögeln lassen und solchen Stuss. Unter Folter hat das jede zugegeben, und dann konnte man sie verbrennen.»
Jörg schnippte mit den Fingern ungeduldig gegen sein Weinglas. Härri machte weiter.
«Es hat lange genug gebraucht, das aufzudecken, und das haben vor allem Frauen geleistet. Die feministischen Hexen gehen einfach noch einen Schritt weiter in ihrer Selbstermächtigung, übrigens schon seit den 1970er-Jahren. Sie besetzen den Begriff der «Hexe» neu.»
«Soso, Herr Feminist», spöttelte Jörg. «Und wozu, bitte, soll das gut sein? Weshalb, um Himmels Willen, bringt sich die Bewegung in die Nähe von Hokuspokus und Zauberei? Damit machen sie es doch dem gesunden Männerverstand sehr einfach!»
Das musste Härri zugeben. Er geriet ins Schlingern.
«Ja, das habe ich jetzt auch manchmal befürchtet ...»
Und anstatt seinen Bogen zu schliessen und Jörg zu erklären, dass diese Umdeutung des Hexen-Worts mit Punk zu vergleichen sei, mit einem trotzigen Scharade-Spiel, bei dem man sich die zerrissenen Klamotten freiwillig überziehe und so dem Establishment um die Ohren tanze, im Fall der Feministinnen halt dem Patriarchat, fand er sich unversehens in einer Schilderung der Präsentation wieder, bei der ihn die Studentin am Übersteigen ihres Kunstwerks gehindert hatte. Mit der Begründung, man müsse den Raum darum und darüber respektieren.
«Schutzkreise», schnaubte Jörg, «da hast du’s!»
Und obwohl Härri spürte, dass er auf eine falsche Schiene geraten war, holte er nun seinerseits das Handy hervor und zeigte dem Journalisten ein Foto des Plakats mit dem Awareness-Konzept, bei dessen Aufhängung er der Studentin geholfen hatte. Dieser war ganz gierig auf das Bild und wollte es zugeschickt bekommen, was Härri immerhin von sich wies. Er beging aber noch einen weiteren Fehler, wie er später reumütig einsehen musste, indem ihm im weiteren, hitzigen Gespräch die neue, noch nicht abgesegnete Bezeichnung des Instituts entschlüpfte: «Art Gender Planet».
Als sie schliesslich vom Wirt freundlich aber bestimmt zum Aufbruch aufgefordert worden waren, Härri sich verabschiedet und durch den Regen rennend die letzte S-Bahn zurück nach Augst erreicht hatte, liess er sich mit einem tiefen Seufzer auf die Zugbank fallen. Er hatte Kopfschmerzen und ahnte Ungemach.

Er wurde vor die Direktorin zitiert, noch bevor er Hunzikers Artikel in der Augster Zeitung selbst gelesen hatte. Dara Baeck war auch dabei sowie ein Mann aus dem Hochschulrat. Es galt also ernst, und Härri war ein wenig aufgeregt. Man liess ihm Zeit, zuerst den Text durchzulesen. Schon beim Titel hatten sie mächtig aufgedreht, wie er befürchtet hatte:
«Zensur und «queer feministisches Hexenwissen» an einer Augster Hochschule». Jörgs reisserische Story begann mit der Plakataktion der Studenten. Offenbar war er von der Gruppierung offenherzig mit Informationen ausgestattet worden, denn der Bericht war sehr detailliert. Dann kam er in der zweiten Hälfte auf das neue Leitbild und den Namen des Instituts, der zu Härris Erschrecken zitiert wurde. Zwar bezog sich Hunziker nur immer wieder auf «eine gut unterrichtete Quelle», aber durch weitere Andeutungen machte er deutlich, dass jemand aus der Leitungscrew mit ihm gesprochen hatte. Nach dem Zwischentitel «War die Wahl der neuen Institutsleiterin richtig?» wurde insinuiert, dass es innerhalb des Instituts verschiedene Fraktionen gebe und dass vor allem «alteingesessene» Dozenten Mühe hätten mit einem Kurs, der sich an «queer-feministischem Hexenwissen» orientiere.
Die Buchstaben begannen vor Härris Augen zu flimmern und er schaute auf, bevor er ganz zu Ende war mit Lesen.
«Ihnen ist schon klar, weshalb Sie hier sind?», fragte ihn die Direktorin. Und ohne seine Reaktion abzuwarten, fuhr sie fort.
«Wir gehen davon aus, dass Sie das waren, der mit dem Journalisten gesprochen hat. Seine Kenntnis des neuen Institutsnamens, die Bezugnahme auf «alteingesessene» Dozenten, die Anspielungen auf Auseinandersetzungen im Vorstand ...?
Sie machte eine bedeutungsschwere Pause und sah ihn fragend an.
«Waren Sie es?
«Ja», sagte Härri ohne zu zögern.
«Sie haben damit gegen meine ausdrückliche Weisung verstossen. Was haben Sie sich nur dabei gedacht?»
Härri begann langsam. Er überlegte sich jedes Wort.
«Ich hätte nicht mit ihm reden sollen, ja, das war ein Fehler. Vor allem die Information über den Namen, «Art Gender Planet», hätte ich ihm nicht geben sollen. Das ist mir herausgerutscht, weil wir das Institut intern manchmal jetzt schon so bezeichnen. Damit habe ich aber nicht gegen Ihre Weisung verstossen, sondern gegen die von Frau Baeck. Wir hatten eine Sperrfrist für den Namen vereinbart, und die läuft – oder jetzt halt: lief – bis zur Eröffnung der Abschlussausstellung.»
Er wandte sich Da-ra Baeck zu, die ihn unverwandt anblickte.
«Es tut mir leid, Da-ra. Wirklich. Das war blöd von mir.»
Die Direktorin wartete einen Moment, ob Härri eine Antwort von seiner Institutschefin bekäme, aber als diese stumm blieb, fuhr sie fort.
«Mir geht es vor allem um den Vorfall mit dem Plakat an der Fassade. Ich hatte an jener Krisensitzung über Mittag darauf hingewiesen, dass ein lautes Medienecho unseren Semesterabschluss massiv beeinträchtigen würde und hatte deshalb Kontakte von Mitarbeitenden zur Presse ausdrücklich untersagt.»
Nun wollte Härri doch etwas zu seiner Verteidigung sagen.
«Über diesen Vorfall habe ich mit dem Journalisten gar nicht gesprochen. Kein Wort. Er hat das alles in einen Topf geworfen.»
«Und woher hat er dann diese Informationen?» fragte die Direktorin in scharfem Ton.
«Ich nehme an, von den Studenten selbst. Das dürfte nicht schwierig gewesen sein ...», meinte Härri, und wollte nochmals betonen, dass er darüber mit Hunziker nicht geredet habe.
«Wie dem auch sei», schnitt ihm die Direktorin das Wort ab. «Wir haben entschieden, Sie zu verwarnen. Unter Androhung der fristlosen Entlassung im Wiederholungsfall. Damit ist eine weitere Zuwiderhandlung gegenüber Anweisungen Ihrer Vorgesetzten gemeint. Wir setzen Ihnen dafür eine Bewährungsfrist bis zum Abschluss der Aufnahmeverfahren im nächsten Frühjahr. Die schriftliche Verfügung werden Sie per Post und eingeschrieben zugestellt bekommen.»
Nachdem er von dem Mann aus dem Hochschulrat über sein Einspracherecht informiert worden war, wurde Härri verabschiedet. Da-ra Baeck hatte bis zu diesem Zeitpunkt kein Wort von sich gegeben. Nun sagte sie:
«Komm in einer halben Stunde bitte noch in meinem Büro vorbei.»
Als Härri wieder draussen im Korridor stand, wollte er ein Fester aufreissen, aber es war zugeschraubt. Er stürmte die Treppe hinunter, grusslos vorbei an Frau Hayoz in ihrer Loge, ab ins Freie. Er war aufgebracht. Wütend auf die Direktorin, auf Da-ra. Auf Hunziker, dieses Arschloch. Wütend auch auf sich selbst. Beschämt.
Wieder zurück im Haus, in Da-ra Baeks Büro, hatte er sich ein wenig beruhigt. Es war ihm zu warm für einen Kaffee, er bekam ein grosses Glas Mineralwasser. Weil er nicht wusste, womit er beginnen sollte, wiederholte er, dass es ihm leidtue.
«Ich nehme deine Entschuldigung an, Lukas. Aber ich muss dir auch sagen, dass ich die Verwarnung richtig finde. Das darf nicht wieder vorkommen. Du weisst, wo diese Zeitung steht, wie Hunziker und seine Leute denken. Wenn die von der Volkspartei nun im Parlament Druck gegen uns machen – und das werden sie –, dann müssen wir unbedingt den Ball flach halten. So sagt man doch?»
«Ja, ich weiss, was du meinst.»
«Mit Leuten, die ihre Meinung schon gemacht haben, kannst du nicht über so schwierige Dinge reden wie es aktuelle Tendenzen in der Kunst und Kunstvermittlung nun mal sind. Und wenn sich die Diskussion in die Medien verlagert, verlierst du immer», belehrte ihn Da-ra.
Härri liess es geschehen. Er fand auch, sie habe recht. Er war auf Hunzikers Trick hereingefallen, seine Recherche für die heisse Story als Gespräch unter alten Freunden zu tarnen. Bei Schneckensüppchen und Weisswein – pah!
Da-ra hatte den Tonfall gewechselt, als sie ihm in die Augen schaute und leise sagte:
«Ich muss wissen, wo du stehst, Lukas. Es geht nicht, dass du gegen uns arbeitest ...»
«Wen meist du mit «uns?», fragte Härri. «Die Hexenfraktion?»
Und als ihn Da-ra mit gerunzelter Stirn anstarrte, fuhr er schnell fort.
«Ich habe euch verteidigt gegenüber dem Journi, ehrlich! Uns verteidigt, eigentlich. Versuchte ihm zu erklären, was mit solchen ironischen Umdeutungen bewirkt werden soll. Er hat so getan, als würde er verstehen. Ich war einfach naiv, und ein wenig angesäuselt, muss ich zugeben.»
Da-ra hatte sich wieder entspannt. Sie lächelte sogar, als sie sagte:
«Hexenfraktion, sag mal ... Auf jeden Fall: Halte dich fern von Journalisten und Politikern von jetzt an. Das ist ernst, Lukas!»
Er versprach es und verabschiedete sich. Freute sich auf den Heimweg den Rhein entlang.

16.2.24

Ceasefire

DA-RA BAEK – Als ich hier anfing, hat mich Härri sehr freundlich und kompetent eingeführt, indem er mir die Abläufe erklärte, mich mit allen MitarbeiterInnen bekannt machte und mir die Gebäude und die Infrastruktur im Detail erklärte. Er wusste auch gut Bescheid über die politische Landschaft, über Hochschulpolitik genauso wie über diejenige von Stadt, Kanton und Bund. Er erklärte mir die komplizierten Beziehungen zwischen den Institutionen und der Öffentlichkeit. Wie es sich gehört, hatte ich mich über meine zukünftigen MitarbeiterInnen im Netz erkundigt. Über Härri war einiges zu finden. Interviews, Ausstellungsbesprechungen, Galerien, mit denen er zusammengearbeitet hat. Allerdings gibt es aus den letzten zwei, drei Jahren kaum mehr Einträge. Eher zufällig stiess ich auf ein altes Video, das ihn bei einem Auftritt mit einer damals berühmtberüchtigten Undergroundband zeigt. Ich habe es mehrmals angeschaut, weil ich eine Verwandtschaft gesehen habe zu dem, was ich mir einst auf den Strassen von Seoul zugemutet hatte. Eine Aufgabe, die man für sich erfand, um erfahrenen Schmerz umzudeuten.
Mein Überfall auf Lukas war sicher ein Fehler, wenn man es mit dem so genannten gesunden Menschenverstand betrachtet. Erst recht aus der Sicht der Führungsseminare, die ich schon besucht habe. Dort wurden erotische Beziehungen zwischen Vorgesetzten und MitarbeiterInnen als problematisch wenn nicht gar unprofessionell (was als das Schlimmste galt!) angesehen. Aber das ist eine stark verkürzte Sicht auf das Leben, die letztlich nur den Zweck hat, Komplikationen zu vermeiden und den Apparat gut geschmiert am Laufen zu halten. Arbeitsrechtlich verboten sind solche Beziehungen nicht. Warum habe ich das getan? Weshalb dieser Übergriff? (Denn das war es. Allerdings ist mir Lukas physisch klar überlegen und ich habe ihn weder mit einer Waffe bedroht noch gefesselt. Er war zuerst verblüfft, ja, erschrocken vielleicht, aber er musste in der Folge keine Angst haben. Er wurde weder verletzt noch wurden seine Körpergrenzen missachtet. Ein Abbruch war ihm jederzeit möglich.) Ich habe ihm gegenüber angedeutet, dass seine Behausung am Fluss etwas mit mir gemacht habe. Eine Erinnerung wurde reaktiviert, an eine Erfahrung der Ohnmacht, deren Auflösung ich noch immer suche. Vielleicht kann ich es ihm irgendwann erklären, später. Auch die Verbindung, die ich zwischen unseren frühen Performances sehe. Die Verwandlung von Schmerz in Schmerzlust. Ob er das verstehen wird? Er wird es vielleicht als feministisches Konzept sehen, und ich weiss noch nicht, wie er zum Feminismus steht. So, wie ich ihn einschätze, ist er sicher skeptisch. Ein Macho da und dort. Ein attraktiver Mann auf jeden Fall. Charmeur, wenn er will. Ich mag seinen Humor. Ob der Vorfall negative Konsequenzen auf unsere Zusammenarbeit haben wird? Ich hoffe nicht. Die Transformation des Instituts ist auch so eine Gratwanderung. Aber ich traue Lukas zu, dass er das trennen kann und kooperativ bleiben wird. Und sonst kommt es eben so, wie es kommen muss. Bereuen werde ich mein Verhalten nicht.

Just in der Nacht auf den letzten Unterrichtstag am fünfzehnten Juni fiel es einer Gruppe von Studenten noch ein, ein riesiges Transparent an der Fassade des alten Akademiegebäudes anzubringen. Der schwarze Schriftzug auf dem Leintuch war weithin lesbar:
CEASEFIRE NOW
Was mit feinerer Schrift obendrüber geschrieben stand, ebenfalls auf englisch, schmerzte die Leitungspersonen von Hochschule und einzelnen Instituten, aber auch einige Dozenten und Assistenten viel mehr:
You teach us critical thinking, but then censor the outcome?
Härri wusste zuerst einmal nicht, worauf sich diese in eine rhetorische Frage gepackte Kritik bezog. Von dem Plakat hatte er schon am frühen Morgen von Noa erfahren, der auf dem Weg zur Berufsschule bei ihm vorbeigeschaut und aufgeregt von der Neuigkeit berichtet hatte. Er fand die Initiative der Studenten «mega». Wie er so früh davon unterrichtet sein konnte, blieb sein Geheimnis. Als Härri in der Akademie ankam – er war eingeteilt als Aufsicht und Begleiter in einer der Modulschlussprüfungen – realisierte er das Ausmass der Unruhe, die der Vorfall im Haus auslöste. Die Hochschuldirektorin hatte kurzfristig über Mittag einen Informationsanlass in der Aula angeordnet, zu dem die Institutsleitungen zusammen mit ihren Vorständen zu erscheinen hatten.
Immerhin gab es Sandwiches und Mineralwasser, worüber besonders die froh waren, die noch den ganzen Nachmittag und bis in den Abend hinein mit Prüfungen beschäftigt sein würden. Die Direktorin war gut vorbereitet, informierte kurz und knapp und gab abschliessend verbindliche Weisungen heraus.
Die Studentengruppe hatte zuerst vorgehabt, ein Plakat in der Eingangshalle aufzuhängen, wozu sie die Bewilligung sogar eingeholt und erhalten hatten. Als die Direktorin jedoch das bereits fertige Plakat sah, musste sie die Erlaubnis wieder zurückziehen, weil die Studenten die umstrittene, in der Zwischenzeit aber völlig unmöglich gewordene Losung «From the River to the Sea» auf die zusammengenähten Leinwände geschrieben hatten.
Als nun unter den anwesenden Vertretern der Studenten ebenso wie vonseiten junger Assisiteninnen Gemurmel und Gemurre entstand, wurde die Direktorin deutlich.
«Ich bin nicht bereit, die unterschiedlichen Verwendungen und Bedeutungen des Slogans in diesem Zusammenhang zu diskutieren. Man kann in dieser Diskussion nur verlieren. Und ich habe mich um die Wirkung zu kümmern, die das Anbringen eines solchen Plakats in unserem Gebäude hätte. Wir könnten nämlich weder unsere Prüfungen noch unsere Schlussausstellung in Ruhe durchführen, weil wir Presseleute und Lokalpolitiker im Haus hätten, die uns dann in den Medien durch den Kakao ziehen würden.»
Es gelang ihr schliesslich, die Zwischenrufe zu unterbinden und die Geschichte zu Ende zu berichten. Man habe sich schliesslich mit der Gruppe der Studierenden auf den Slogan «CEASEFIRE NOW» geeinigt, der unverfänglicher sei und sich sogar auf beide aktuelle Kriege beziehen liesse. Leider sei nun aber das Plakat in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aussen an der Fassade zur Stadt hin angebracht worden, womit die Abmachung klar unterlaufen sei. Aber sie fände es klüger, das Ding jetzt ein paar Tage hängen zu lassen. Mit dem Vorwurf der Zensur könne sie leben. Unterricht fände ja keiner mehr statt und damit seien auch nur noch die Studenten im Haus, die Prüfungen zu absolvieren hätten. So könne man das Plakat bald durch den Hausdienst entfernen lassen, ohne dass es zu Widerstandsaktionen komme.
Wieder gab es laut geäusserte Einwände und Fragen. Die Direktorin ging aber nicht mehr darauf ein, sondern gab folgende Anweisung:
«Es kann sein, dass Journalisten oder Politiker auftauchen, die Auskünfte erfragen und die Geschichte ausschlachten wollen. Ich fordere Sie alle dringend auf, keine Informationen irgendwelcher Art zu dem Vorfall nach aussen abzugeben, sondern die Personen allenfalls an mich zu verweisen. Ausserdem unterlassen Sie bitte jeglichen Kommentar dazu in den sozialen Medien. Solche werden die StudentInnen ohnehin anbringen, aber von den Mitarbeitenden will ich sowas nirgendwo sehen. Ich erinnere Sie daran, dass diese Zurückhaltung im Interesse aller ist, die einen geordneten und ruhigen Abschluss des Jahres erleben möchten. Bitte geben Sie diese Weisung mündlich an ihre KollegInnen weiter. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und Ihre Geduld und wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen bei Ihren Aufgaben.»
Als die versammelten Menschen nun aufstanden und sich auf den Weg zu ihren Arbeitsorten machten, wurde es laut. Rings um Härri diskutierte man heftig über die vermuteten Anliegen der Studenten, über Bedeutung und Wirkung der politischen Slogans und über Mut oder Hasenfüssigkeit der Leitung. Er näherte sich Da-ra Baeck von hinten, die alleine und ziemlich eilig in die Richtung ihres Büros durch den Korridor schritt.
«Da-ra!», rief er, und als sie anhielt und sich zu ihm umdrehte, merkte er, dass er gar nicht wusste, was er hier, unter diesen Umständen von ihr wollte. Also fragte er sie, was ihm zuerst in den Sinn kam.
«Waren da auch unsere beteiligt? Weisst du etwas?»
Sie sah ihn mit leicht schräg gestelltem Kopf an. Sie durchschaute ihn, das war ihm klar.
«Spielt das eine Rolle?», fragte sie. «Wir sollten uns jetzt auf die Prüfungen konzentrieren und dann auf die Ausstellung. Das gut machen, was wir können, nicht?»
Und dann, als er nichts sagte: «Läuft es gut bei euch bisher?»
Er antwortete nicht auf die Frage, sondern gab sich einen Ruck.
«Wir sollten dann schon mal reden ...» Er sagte es leise und spürte dabei, wie seine Arme an den Schultern hingen. Da-ra trat überraschend einen Schritt auf ihn zu und für einen Moment bildete er sich ein, ihre Gesichtszüge würden weicher.
«Das werden wir, Lukas. Aber nicht jetzt. Jetzt gehen wir zu unseren Studentinnen und holen sie aus ihrer Komfortzone.»
Sie benützte seinen Ausdruck und brachte ihn damit zum Lachen.

Er hatte jetzt keine Lust, mit dem Lift zu fahren, aber als er im Dachgeschoss ankam, war er erstaunt, wie sehr er atmen musste. Im Zwiespalt darüber, ob er sich über Da-ras Antwort freuen oder ärgern sollte, war er die Treppen beinahe hochgerannt. Und als er nun einen Moment innehielt um sich zu erholen, sah er vor dem Fenster eine Ecke des Transparents. Ceasefire. Eine Feuerpause ohne vertragliche Festlegung. War dies der Zustand, der zwischen ihm und Da-ra nun offenbar herrschte? Sie waren nicht im Krieg gegeneinander, aber der Gedanke an ein nur vorübergehend gebändigtes Feuer war nicht ganz abwegig.
Vor dem Atelier, in dem seine Prüfung stattfand, sah er, dass es vom Plakat draussen an der Fassade auch eine auf Papier gedruckte Fassung gab. Sie hing gleich dreifach, sowohl an der Tür als auch links und rechts davon an der Wand. Die anwesenden Studenten und Studentinnen schien es nicht zu kümmern. Sie sassen auf den Heizungsradiatoren im Gang und assen ihre Salate aus Plastikboxen. Nur eine stand bei der Tür und war damit beschäftigt, ein weiteres Poster mit Klebeband anzuheften. Da es sich immer wieder zusammenrollte und sie zu wenig Hände hatte, um es zu bändigen, half ihr Härri dabei. Als es endlich gerade angeklebt war, sah er, dass er es vom letzten Tag der Offenen Tür her kannte. Es war das Awareness Concept einer kleinen Gruppe junger Menschen, die sich dieses Themas angenommen hatten. Er blieb davor stehen und las halblaut:
«Wir leben in einer mehrheitlich weissen, heteronormativen Gesellschaft und kein sozialer Raum ist frei von gesellschaftlichen Machtverhältnissen.»
Er wandte sich der Studentin zu, die das Plakat mitgebracht hatte und noch immer neben ihm stand.
«Stimmt. Es ist sicher gut, wenn wir uns dieser Machtverhältnisse bewusst sind, gerade während den Prüfungen. Ich hoffe nicht, dass ihr irgendeine unserer Interventionen und Urteile als Übergriff erleben werdet.»
Sie nahm freundlich zur Kenntnis, was er sagte, und so gingen sie beide hinein um den andern beim Umstellen von Stühlen und Bänken zu helfen. Es musste Platz geschaffen werden für eine Installation, die in Kürze präsentiert und beurteilt werden sollte. Dafür waren auch Aurelia sowie der Bildhauer Paul Segesser da. Die Plakatkleberin war, wie Härri jetzt feststellte, als Vertreterin der Studentinnen Mitglied ihrer Jury. Er selbst war in dieser Prüfung zugezogener Experte und kannte deshalb weder sie noch die Studentin, die ihre Arbeit verteidigen musste, aus seinem Unterricht oder einem Mentorat. Immerhin hatte er sich ihre Namen gemerkt.
Zeynep hiess die junge Frau, die geprüft wurde. Sie trug ein Kopftuch, eine rote Bluse, die nach Härris Empfinden zu weit offenstand, und schwarze Hosen aus Kunstfaser mit Bügelfalten. Man umstand das textile Objekt, das sie in fleissiger Handarbeit gefertigt hatte. Es bestand aus einer etwa vier Meter langen, an beiden Enden spitz zulaufende Wurst aus weissem Baumwollstoff, darauf aufgenäht fingerlange Dornen, aus dem gleichen Material und ebenso gestopft. Der stachelige Wurm war in der Mitte verknotet und die beiden Enden anschliessend miteinander verdreht worden. Eigentlich fand Harry das am Boden liegende Objekt recht schön. Nicht sehr originell, aber ästhetisch ansprechend, wenn man berücksichtigte, dass das Material später durch etwas Glänzendes, grell Rotes ersetzt werden sollte, von dem die Studentin eine Probe mitgebracht hatte.
«Ich wollte mit dem Knoten und dieser Verdrehung – wie ein Zopf – einen Teppichklopfer nachbilden. Ich habe dann von Hand die Stacheln angenäht, damit das so bedrohlich aussieht. Aggressiv irgendwie ...»
Härri litt. Manchmal wäre es besser, man sagte als Künstler nichts zu seinem Werk, dachte er. Jetzt bekam er den Teppichklopfer nicht mehr aus seinem Kopf, der ihn an überforderte Eltern und heulende Kinder denken liess, oder an frustrierte Hausfrauen auf der Schwäbischen Alb, die im Garten hinter dem Haus die Wut über ihr Schicksal an Orientteppich-Imitationen ausliessen. Er wollte die Situation retten, die Banalität wieder wegjagen mit einer Assoziation, die ihm überlegen schien.
«Das Ding erinnert mich an die Dornenkrone», sagte er und ging davon aus, dass sein Angebot dankbar aufgenommen würde. Aber Zeynep sah ihn nur mit gerunzelter Stirn an und schien nicht zu verstehen. Und Aurelia seufzte hörbar und sah ihn fast schon zornig an. Er verstand. Wie konnte er nur, schien sie zu denken. Einer Studentin, von der er wissen musste, dass sie eine Muslima war, dieses Motiv aus der christlichen Ikonografie zur Verortung ihres Werks anbieten? Er liess sich nicht beirren. Zur näheren Erläuterung seiner Assoziation wollte er mit einem grossen Schritt über das Objekt auf die andere Seite gelangen, wurde dabei aber von der jungen Frau mit überraschender Heftigkeit am Ärmel gepackt und zurückgerissen.
«Nicht darübersteigen!», rief sie laut, und ihre Stimme war auf einmal klar und bestimmt.
«Ich habe beim Prozess für dieses Objekt Regeln aufgestellt. Daran habe ich mich immer gehalten. Die Zahl der Stacheln, auch die der Stiche, mit denen sie angenäht sind, gehören zu einem System. Der Knoten hat eine magische Struktur, zur Heilung von ... von einem Trauma. Und man darf nicht darübersteigen. Der Raum um das Objekt muss respektiert werden. Auch der darüber!» Härri hatte seinen Schritt längst zurückgenommen und war verstummt. Zeynep sprach nun ausschliesslich zu ihrer Mentorin Aurelia, die ihr mit strahlendem Lächeln und Dauernicken anzeigte, wie gut sie verstand. So gut, dass sie an ihrer Stelle erklären konnte, wie das Werk zu interpretieren sei.
«Ich sehe, dass es hier eben gerade nicht um dieses Stoffding geht, jedenfalls nur zu einem geringen Teil. Wir haben es mit einem existenziell bedeutsamen Ritual zu tun, mit altem Wissen eigentlich. Hier entwickelt sich eine künstlerische Praxis, von der diese Präsentation – als Performance – ein Teil ist.»
Und indem sie Härri fixierte, schloss sie mit den Worten: «So sehe ich das.»

In der anschliessenden Besprechung der Jury, bei der die Studentin nicht anwesend war, wollte sich Härri zuerst zurückhalten. Aber es wurde schwierig. Sein Kollege Paul erklärte sich für die Beurteilung des Werks nicht zuständig. Er habe sein Leben lang als Bildhauer mit Stein und Metall gearbeitet, sehe daher in textilen Objekten immer das Formlose, Unkontrollierbare, und damit nicht Gestaltbare.
«Ich konnte auch mit Oldenburgs weichen Objekten nie etwas anfangen, und das ist keine gute Voraussetzung, um ein Urteil zu fällen. Bei Performances bin ich sowieso überfordert, bei Ritualen erst recht, ehrlich gesagt.»
Als nun Aurelia ihre Einschätzung wiederholte und sowohl Zeyneps Auftritt als auch ihr Objekt in den weiten Zusammenhang der Geschichte der Performance stellte, wurde es Härri zuviel.
«In meinen Augen ist das Suggestion. Wenn es so wäre, hätte die junge Künstlerin doch wohl von Anfang an deutlich gemacht, wie sie mit ihrem Werk verstanden werden wollte. Und ihre Bemerkungen zu den Regeln, zu den Zahlen, dem Knoten und so weiter, auch das Verbot, darüber zu steigen, – wenn es denn ernst gemeint ist, und nicht ironisch – erscheint mir ein bisschen gruselig, ehrlich gesagt. Ich halte es für eine Form von Aberglauben. Sowas sollte man nicht bestärken.»
Nun wurde Härri mit Nachdruck zurechtgewiesen. Nicht nur Aurelia, die während der Präsentation zu verstehen gegeben hatte, dass sie weder seine Meinung teilte noch seine Intervention billigte, holte nun zu einer langatmigen Argumentation aus. Auch die andern stimmten weitgehend darin überein, dass der Begriff Aberglaube immer aus der Perspektive der Macht eines vorherrschenden Glaubens dazu benützt worden sei – und wie man sehe, noch immer benützt werde – um abweichende religiöse Inhalte und Praktiken zu diffamieren und letztlich zu «überschreiben», was auf ihre Auslöschung abziele.
Damit hatten sie recht, wie er zugeben musste. Trotzdem blieb sein Gefühl, dass man der Studentin keinen Dienst tue, wenn man sie in ihrem sonderbaren Verhalten bestärke, dieses gar stilisiere zu einer besonders wertvollen, schützenswerten künstlerischen Praxis. Er fand, die Integration aller möglichen Äusserungen, Meinungen, Lebensformen und Kulturen in den Mainstream der Institution erfolge oft vorschnell, unter dem Diktat der diversity genannten Vielfalt. Bevor Empfindungen von Fremdheit, Sonderbarkeit, Abwegigkeit überhaupt zugelassen und geäussert worden seien.
Er stimmte aber in der Schlussrunde einer sehr wohlwollenden Beurteilung von Zeyneps Arbeit zu. Ceasefire, dachte er wieder, als sie endlich fertig waren.

12.2.24

Nachbeben

Härri hatte kaum geschlafen. Was gestern geschehen war, kam ihm so unwirklich vor, dass er es vermied, daran zu denken. Es war kurz nach sechs, als er sich mit einem doppelten Kaffee vors Haus setzte und die Tasse auf das verrostete Gartentischchen neben der Bank stellte. Er stand nochmals auf und ging zum Briefkasten um die Zeitung zu holen. Die Sonne hatte sich soeben über den hügeligen Horizont rheinaufwärts erhoben und tauchte die Türme im Osten der Stadt in goldenes Licht. Die Altstadt gegenüber, sogar der Münsterturm, lagen noch im Schatten. Auf dem Weg war nur ein älterer Mann mit seinem Hund zu sehen, dazu eine Gestalt, die sich joggend entfernte. Härri suchte blinzelnd das Ufer ab. Der Eisvogel war nicht zu sehen, dafür ein Reiher, der bewegungslos, mit gestrecktem Hals auf einem Pfosten stand und auf Beute wartete.
In der Zeitung, die er wieder auf Papier las, schlug er die Seite des Feuilletons auf und legte sie halb auf seinen Schoss, halb auf das Tischchen. Zwischen Schlucken aus der Kaffeetasse versuchte er, den Artikel zu lesen. Er war ein langsamer Leser, vor allem am Morgen, und musste die Sätze oft mehrmals lesen. Zuerst überflog er die Zeilen, um dann nochmals im Text zurückzugehen und die Wörter, Sätze und Abschnitte wirken zu lassen. Die Wahl der Wörter, ihr Klang, die Reihenfolge und überraschende Formulierungen interessierten ihn, lenkten ihn aber auch ab vom Zusammenhang.
Heute war es anders. Vom Inhalt des Gedruckten hatte er nach zwei Abschnitten so wenig mitbekommen, dass er nochmals von vorne begann. Er war sehr irritiert, als er zuoberst eine ihm völlig unbekannte und wie er meinte, neuen Überschrift las. Auch die Zwischentitel, die er nun schnell überflog, schienen ausgetauscht zu sein, ja sie bezogen sich auf ein Thema, von dem er sicher war, dass er nicht vor ein paar Minuten bereits darüber gelesen hatte. Er zwang sich ruhig zu bleiben und die ganze Seite durchzulesen. Als er fertig war, stellte er fest, dass er nicht hätte sagen können, wovon der Autor – oder war es eine Autorin? – geschrieben hatte. Auch die Titel waren ihm wieder gänzlich neu, wie er mit inzwischen starkem Herzklopfen feststellte. Er legte die Zeitung zusammen, nahm die Tasse und ging hinein, um sich noch einen Kaffee zu machen. Dabei redete er sich ein, dass er noch nicht ganz wach sei und dieser Zustand schon vorbeigehen werde. Am besten, man achtete nicht darauf!

Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, klappte den Laptop auf und begann die letzten Einträge in der Gruppenunterhaltung mit seinen Studentinnen durchzusehen. Da wurde ihm deutlich, dass es nicht vorbei war. Er sah sich die Fotos und kurzen Filme an, die in den letzten Tagen neu dazugekommen waren. Es waren nicht viele, so dass er schnell bei älteren, ihm gut vertrauten Beiträgen landete. Als Administrator der virtuellen Gruppe fühlte er sich verpflichtet, zu allem, was die Teilnehmenden zum Projekt beisteuerten, einen wertschätzenden Kommentar abzugeben, weshalb er die kurzen Texte alle auswendig kannte. Umso verblüffter und zunehmend erschrockener las er deshalb, was da zwischen den Bildern geschrieben stand. Ein Geist, ein Hacker war in die Geschichte eingedrungen und hatte Texte eingefügt, die er noch nie gelesen hatte, die auch keinen Sinn machten. Oder einen völlig verdrehten! Er las sich die absurden Bemerkungen laut vor, um sich zu vergewissern, dass es nicht die richtigen waren. Verschob die schier endlose Reihe der Bilder und Kommentare hoch und runter, kehrte wieder zu denen zurück, die er gerade eben angesehen hatte. Und schon wieder war alles anders! Er spürte, wie sich Panik in seinem Körper ausbreitete. Das Blickfeld war eingeschränkt, der Nacken verspannte sich. Die Luft brannte kalt in der Nase und sein Puls raste. Er griff sich aus dem Papierabfall ein paar Blätter, dazu den erstbesten Stift, und begann, Kommentare wortwörtlich abzuschreiben. Dazu zeichnete er eine Skizze des Bildes, auf den sich der Text bezog. Bald schrieb er ganze Unterhaltungen ab, vom ursprünglichen Beitrag bis zu den Antworten und Reaktionen, die sich meist direkt aufeinander bezogen. Systematisch wollte er das Abgeschriebene mit dem vergleichen, was er auf dem Bildschirm sah. Vor allem mit dem, was er sehen würde, wenn er nach einem Moment des Wegschauens wieder zurückkehrte. Denn der Kobold, oder was immer das war, was ihn da narrte, schien die Lücken zu nutzen, die sich aus den Wechseln seiner Aufmerksamkeit ergaben. Von den Abschnitten weiter oben zu denen weiter unten, vom Abgeschriebenen zu dem, was der Bildschirm zeigte. Immer fahriger schrieb er ab – seine Schrift sah grauenhaft aus –, und immer schneller wollte er zu eben erst Gelesenem zurückkehren, um wenigstens einmal wieder etwas zu entdecken, was ihm bekannt vorkam. Umsonst! Auch das, was er gerade eben auf dem Papier hatte festhalten wollen, erschien ihm fremd, neu, zusammenhangslos. Immerhin konnte er für kurze Momente feststellen, dass es dasselbe war, wie auf dem Bildschirm, aber wenn er seine Aufmerksamkeit nur ein wenig davon löste, war schon wieder alles verrutscht. Er musste eine Pause machen, legte Stift und Papier weg – er hatte inzwischen einen ganzen Stapel vollgeschrieben! – und lehnte sich zurück. Atmete bewusst ein paarmal tief ein und aus. Dabei liess er den Gedanken zu, dass etwas mit seinem Gehirn nicht stimmte. Eine Streifung? Die Andeutung eines Schlaganfalls? Er versuchte, vernünftig darüber nachzudenken. Die Aufregung war sicher nicht gut in einem solchen Fall, dachte er. Also beendete er das Programm und beschloss, abzuwarten. Ging hinüber zur Couch und legte sich hin. Döste eine Weile.
Als er wieder aufstand, schaute er auf die Uhr. Es war halb neun, er fühlte sich ruhig und traute sich zu, zum Computer zurückzukehren. Als er den Chat geöffnet hatte, sah er sofort, dass der Spuk vorbei war. Die Kommentare waren wieder vertraut, antworteten stimmig aufeinander und wichen auch nicht ab von seinen krakeligen Transkripten, die er schliesslich beschämt, aber erleichtert zum Altpapier legte.
Er liess das Programm nach Artikeln suchen mit Begriffen wie "Verlust des Kurzzeitgedächtnisses", "Verlust der Lesefähigkeit" und ähnlichem. Was er zu lesen bekam, war erschreckend, weil es mit Schlaganfällen oder Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer zu tun hatte. Erst als er sich zugestand, das Adjektiv "vorübergehend" hinzuzufügen, stiess er auf eine Bezeichnung für das Erlebte, die ihn einigermassen beruhigte und von der er hoffte, dass sie auch stimmte. Ein Artikel trug den Titel: "Vorübergehende Amnesie: Wenn das Gedächtnis Pause macht". Das gefiel ihm. Es gab sogar einen medizinischen Namen mit der entsprechenden fachlichen Abkürzung dafür: «Transiente globale Amnesie», TGA. In den meisten Fällen bleibe eine Episode von TGA einmalig im Leben. Einige Patienten könnten sich, anders als er dies bei sich feststellte, nicht mehr an die Zeit des Vorfalls erinnern, wobei sie während dieser Phase weder die zeitliche und räumliche Orientierung verlören noch Schwierigkeiten beim Erkennen von Personen hätten. Kurze Zeit nach dem Vorfall liessen sich mit bildgebenden Methoden kleine weisse Flecken im Gehirn feststellen, die auf Läsionen hindeuteten. Diese Symptome verschwänden aber relativ schnell wieder und es blieben keine erkennbaren Folgen zurück.
Trotzdem musste er sich eingestehen, tief erschüttert zu sein. Nun gab es zwei Fälle von Kontrollverlust, über die er mit niemandem würde reden können. Nach dem gestrigen, der nach einem Moment des Schocks und der Passivität schliesslich zu unbändiger Lust geführt hatte, war der heutige nur peinigend. Sein Gehirn hatte eine Organstörung erfahren. Etwas in seinem Innern war durcheinandergeraten, was er aber als Attacke von aussen erfuhr. Als Durcheinander in der Welt, das sein Ich verwirrte. Während des Anfalls hatte er für einige Momente wirklich geglaubt, jemand habe sich in die virtuelle Plattform eingeschlichen und ihn in Echtzeit mit willkürlich eingegebenen Texten genarrt.
Sein Vater kam ihm in den Sinn, bei dem er Zeichen einer schleichend zunehmenden Demenz beobachtete. Auch der alte Mann erlebte die Irritationen des eigenen Gehirns als Störungen im Aussen, ausgehend von anderen. "Sie haben wieder ein grosses Durcheinander gemacht!" klagte er zuweilen, wenn er mit Wochentagen, Anlässen und Terminen nicht mehr klarkam. Dann beschwerte er sich über die in seinen Augen schlecht informierten Pflegerinnen, die Abmachungen verwechselten oder vergässen. Die ihn mit Falschinformationen verwirrten und schlecht organisiert seien. Jetzt, wo er kaum mehr ass und immer schwächer wurde, waren von ihm solche Klagen nicht mehr zu hören. Hatte er sich damit abgefunden, dass die Zeit willkürliche Sprünge machte und die Welt nicht mehr zu verstehen war? War er am Sterben? Härri nahm sich vor, ihn bald zu besuchen.

Der Vater aber wartete seinen Entschluss nicht ab und starb eine halbe Woche später. Man teilte es ihm aus dem Heim in Beinwil telefonisch mit. Friedlich eingeschlafen sei er, dem Anschein nach am frühen Morgen zwischen vier und fünf Uhr. Härri rief im Institut an und sagte seine Teilnahme an der Präsentation einer Studentin ab. Dann fuhr er mit dem nächsten Zug nach Lenzburg und von dort mit der S-Bahn an den See. Durch die wiederholten Gewitter der letzten Tage war es kühler geworden, aber die Luft war noch immer sehr feucht, und als er nach einem halbstündigen Marsch den Hügel hinauf beim Heim ankam, klebte ihm das Hemd am Rücken. Er hatte unterwegs Zeit gehabt darüber nachzudenken, was alles getan werden musste. Mit seinem Bruder und der Schwester Kontakt aufzunehmen war das Erste, wobei sie die Mitteilung von Vaters Tod bereits von der Administration bekommen hatten. Er war froh, dass sein Vater, noch bei klarem Verstand, einer Feuerbestattung zugestimmt hatte, denn begraben werden sollte er nach dem Wunsch seiner schon verstorbenen Frau – Härris Mutter – in deren Familiengrab auf dem Gottesacker in Ulm. So sollte die Überführung der Überreste über die Grenze kein allzu grosses Problem werden. Aber das musste mit den Geschwistern besprochen und organisiert werden, ebenso wie die Räumung des Zimmers, die Meldung des Todesfalls an Ämter, Bank und Versicherungen, und weiteres mehr. Härri merkte, wie ihn solche Gedanken ablenkten von seiner inneren Unruhe, von der er nicht hätte sagen können, ob sie mit Trauer etwas zu tun hatte.
Er meldete sich an im Büro des Stockwerks, auf dem sich das Zimmer befand. Man begrüsste ihn mit leise ausgesprochenen Worten der Anteilnahme. Eine Pflegerin hatte sogar Tränen in den Augen, so dass er sich fragte, ob er ein schlechtes Gewissen haben müsste. Man führte ihn in das Zimmer mit Seeblick, in dem er schon so viele Stunden verbracht hatte. Für ihn war da noch kein Leichnam, der Vater hatte schon längere Zeit so ausgesehen, wenn er schlief. Die gelbliche Gesichtshaut über den Schädelknochen gespannt, die Nase so spitz, die Augenkugeln in ihren Höhlen ruhend, hinter nicht ganz geschlossenen Lidern. Der Mund leicht geöffnet. Man hatte ihm ein Leichenhemd angezogen, das sehr schön aussah und ihm gut stand. Die Hände waren locker aufeinandergelegt. Härri legte seine darauf, beugte sich über das Kopfkissen und gab dem Toten einen Kuss auf die Stirn. Sie war noch nicht so kalt wie er erwartet hatte.

Zum Begräbnis fuhr er mit dem Zug. Er musste recht früh aufstehen, um die Trauerfeier zu erreichen, die auf dreizehn Uhr angesetzt war auf dem Hauptfriedhof von Ulm. Die Bahnverbindungen liessen ihm kaum Zeit zum Umsteigen in Zürich, dann im bayerischen Hemmingen. Aber er konnte sich nicht beklagen, denn wie er wusste, sass Bruno seit halb sechs Uhr früh im Zug von Berlin nach Ulm. Es hatte ihn gerührt, dass sein Sohn darauf bestand, an die Beerdigung des Grossvaters zu kommen, obwohl es mit grossem Aufwand und allerlei Umstellungen in seinem Terminplan verbunden war. Sofia war in New York und Carmela, seine Exfrau, in Italien. Die konnten nicht kommen. Als Härri vom Taxifahrer auf dem Hügel über der Stadt ausgeladen wurde, war es fünf vor eins. Als hätte man nur noch auf ihn gewartet, wurde die Türe nach seinem Eintreten geschlossen. Ihm schien, als würden ihn einige missbilligende Blicke treffen, als er sich in eine der hintersten Bänke setzte. Aber vielleicht überlegten die Leute nur angestrengt, in welcher Beziehung er wohl zum Verstorbenen stünde, weil er schon so lange nicht mehr in seiner alten Heimat gewesen war. Etwa dreissig Menschen hatten sich in dem hohen Raum aus Backstein versammelt, der hier «Aussegnungshalle» genannt wurde. Vorne stand ein Farbfoto des Auszusegnenden inmitten von Blumenarrangements. Ein Cellist hatte sich daneben auf seinem Stuhl eingerichtet, das Instrument schon zwischen den Beinen. Die Pfarrerin sprach eine kurze Begrüssung, dann begann der Musiker mit einer Suite von Bach, die Härri zu kennen meinte. Er musste später nachsehen: es war das Präludium der ersten Suite in G-Dur. Sie wurde ruhig und unprätentiös gespielt, sehr rein und mit weichem Klang. Es war nichts daran auszusetzen. Zeit, um diskret umherzuschauen, wer alles da war. Einige kannte er nicht. Frühere Kollegen aus der Textilfabrik in Laichingen, nahm er an. Freunde, mit denen der Vater sich zum Kartenspiel getroffen hatte oder früher Segeltouren unternommen. Vielleicht deren Kinder schon, denn der Verstorbene war ja weit über achtzig geworden.
Er sah: sein Bruder war da mit seiner Familie. Ebenso seine Schwester, mit ihrem zweiten Mann und den gemeinsamen Kindern. Daneben Bruno, sein Sohn.
Der Lebenslauf des Verstorbenen wurde von der Pfarrerin nacherzählt, aufgrund von Notizen des älteren Bruders, wie Härri annahm. Die schweizerische Herkunft wurde betont, sein Mut, in jungen Jahren auszuwandern und das Glück in der Textilindustrie der Schwäbischen Alb zu versuchen. Der Aufstieg zum leitenden Ingenieur, die Liebesgeschichte mit einer Hiesigen, die glücklichen Familienjahre mit drei Kindern, die alle etwas Rechtes geworden waren. Und zuletzt der herbe Schicksalsschlag mit dem allzu frühen Tod der geliebten Frau. Dezent wurde angedeutet, wie schwer der Zurückgebliebene unter diesem Verlust gelitten hatte. Versöhnlich wurde hinzugefügt, er sei im Land seiner Herkunft bis zum Tod vorbildlich gepflegt worden.

Als dieser Teil der Feier zu Ende war, hob ein Friedhofsangestellter mit Dienstmütze die Urne aus ihrem Gestell, um den gemeinsamen Gang zum Grab einzuleiten. Zusammen mit der Frau Pfarrer führte er den Zug der Gäste an, in gemessenem Schritt. Erst jetzt konnte Härri Verwandte und Bekannte begrüssen, die er seit einiger Zeit nicht mehr besucht hatte. Auf diese Tatsache wurde er hingewiesen: Di han mir scho lang nemme dehana gseha...
Der Friedhof war schön angelegt in einem terrassierten Park. Man hielt in der Nähe eines kleinen Lochs in der Erde, dessen Ränder mit einer Matte aus Kunstrasen verkleidet waren. Schwierig sich vorzustellen, dass hier Erde zu Erde zurückkehren sollte. Es erinnerte an eine chirurgische Öffnung im Boden, hatte etwas Obszönes, fand er. Daneben stand auf drei Beinen der übliche Behälter mit einem Schäufelchen und der Erde, die man später ins Loch werfen durfte. Wenn einem diese Geste zu grob vorkam, gab es auch Blumen in einem Kupferkessel.
Über dem Friedhof kreiste während der ganzen Zeremonie ein Polizeihelikopter. Er konnte nichts mit ihnen zu tun haben, trotzdem wurden die Blicke immer wieder nach oben gelenkt und einige tauschten leise ausgesprochene Vermutungen darüber aus, was die lästige Riesenhummel über den Köpfen wohl suche. Die Pfarrerin musste ihre Stimme erheben um Bezug zu nehmen auf ihre Lesung des Korintherbriefs von Paulus über die Liebe, mit der sie die Trauernden schon in der Halle hatte aufmuntern wollen. Als die Urne mit der Asche seines Vaters in das Loch im Kunstrasen hinuntergelassen wurde, – ein Akt, der vom behandschuhten Angestellten in ihm angemessen erscheinendem Zeitlupentempo verrichtet wurde – musste Härris Schwester sehr weinen. Ihre Gesichtszüge zerflossen in verzweifelter Trauer und viele wandten den Blick ab. Auch er.
Beim Vaterunser betete er seit einiger Zeit nicht mehr mit, wenigstens äusserlich. Er merkte aber, wie tief dieser Text in ihm verankert war seit der Kindheit. Er stellte sich Begräbnisrituale anderer Religionen vor, – jüdischen Gesang, muslimische Gebete, das Füttern des Toten bei den Buddhisten – wodurch ihm nun auch das hier Aufgeführte so fremd vorkam, dass der Gedanke mitzumachen absurd wurde. Die Behauptung der Zeremonienmeisterin, der Tote werde weiterleben in einer anderen Welt, bei Gott, machte es ihm noch leichter. Er hatte sich in den letzten Tagen fast zärtlich an seinen Vater erinnert, aber als Mensch hatte er sich aus seiner Sicht aufgelöst. Einerseits physisch in einem chemischen Prozess, in diesem Fall durch Verbrennung bei zwölfhundert Grad. Andererseits als Person in einem Vorgang der Projektion, der Verschiebung in Erinnerungen und Geschichten. In aufbewahrte Dinge, Texte und Bilder, deren Bedeutung nach drei bis vier Generationen verblassen und schliesslich verschwinden würde.
Er bildete sich ein, das gleichmütige Dastehen der alten Linde, unter der die Urne begraben wurde, gebe ihm recht.

Als sie später in einem Café neben dem Münsterplatz ein verspätetes Mittagessen einnahmen – die Schwester hatte den «Leichenschmaus» organisiert –, setzte sich Härri neben seinen Sohn, der bald wieder zurück nach Berlin fahren musste. Er wollte sich nach Sofia erkundigen, denn er wusste, dass Bruno sie über den Tod des Grossvaters informiert hatte. «Sie ist speziell drauf», fand Bruno. «Ich glaube, sie macht unglaublich Geld. Kann sich eine Wohnung leisten wie im Film, mitten in Manhattan. Im fünfzehnten Stock, mit Blick auf den East River. Sie ist mit dem Handy rumgegangen und hat mir alles gezeigt. Wahnsinn!»
Härri war unruhig geworden.
«Was meinst du mit «speziell drauf»?
«Ich weiss nicht recht, ich will ihr nicht unrecht tun. Aber sie wirkte speedy, überdreht. Und ist total aufgebrezelt, perfekt geschminkt, gestylte Frisur. Sie hat endlos teure Markenklamotten und Taschen, auf Gestellen wie im Laden. Quadratmeterweise Schuhe. Ein dickes Auto. Das hab’ ich nicht gesehen, hat sie aber erzählt von.»
«Ist sie mit jemandem zusammen?», traute sich Härri zu fragen.
«Keine Ahnung, hat sie nicht gesagt. Hab’ ich auch nicht gefragt.»
«Muss ich mir Sorgen machen?»
Bruno zuckte mit den Schultern.
«Machst du dir ja eh schon. Aber dann würde ich mich auch wieder mal melden bei ihr. Kann nicht schaden.»

8.2.24

Begehren

Das allsommerliche, von grossen Menschenmassen vollzogene Schwimmen im Rhein war eine Besonderheit der Stadt. Während man noch vor knapp zwei Generationen die Nase gerümpft hätte bei der Vorstellung, sich den Fluten des völlig verschmutzten Flusses anzuvertrauen, war dies nun dank vielfältiger Massnahmen zur Säuberung des Abwassers sowie der so genannten Renaturierung von Uferzonen zu einer Art Volkssport geworden. Menschen aus der ganzen Region wurden davon angezogen. Mit Schwimmsäcken für den Transport von Kleidung und Wertsachen ausgerüstet pilgerten die Badenden auf den Uferwegen rheinaufwärts zu den geeigneten Einstiegplätzen, wo sie sich auf den Treppenstufen zwischen Uferweg und Kiesstrand geduldig in die Schlangen einreihten, dann im knietiefen Wasser angekommen einen Moment zögerten, in die Kühle einzutauchen, bis sie sich von den hinter ihnen Wartenden durch Zurufe zum Sprung ins Nass animieren liessen. Die ungenierte Zurschaustellung der Körper in Badekleidung wurde am rechtsrheinischen Ufer stillschweigend geduldet. Dort waren auch die Beschaffenheit der Uferbänke sowie die Strömungsverhältnisse besser zum Schwimmen geeignet als auf der Gegenseite, wo nur die wenigen Unerschrockenen anzutreffen waren, die sich auch im Winter in den Fluss wagten. So kam es, dass an warmen Tagen, vor allem am Wochenende, ein nicht enden wollender Strom von Menschenkörpern vor Härris Haus vorbeizog und dabei eine vielstimmige Wolke aus Geplauder und Gelächter über die Umgebung breitete.
Mit der Kunstmesse war es noch wärmer geworden, und der Semesterunterricht in seiner Hochschule hatte aufgehört. Es begann die Zeit der Vorbereitung auf die Kolloquien und Schlussprüfungen der Module, und damit eine Phase der Beschränkung von Härris Aufgaben auf die intensive Begleitung weniger Studierender, auf die er sich immer freute. Er hoffte, in den kommenden Wochen vermehrt zum Zeichnen zu kommen und hatte dafür seinen Tisch aufgeräumt. Da sich das Haus an solchen Tagen stark aufheizte, waren die Läden geschlossen und er hantierte im Halbdunklen. Obwohl er nichts anhatte als ein paar alte Shorts, spürte er, wie sich der Schweiss in seinem Rücken sammelte. Er überlegte, ob er nochmals kühl duschen sollte, als es an der Türe klopfte. Er meinte, es sei Turetti, der ihn zum Schwimmen überreden wolle und bereitete sich auf dem Weg durch den Flur darauf vor, ihm eine Absage zu erteilen. Doch hinter dem geriffelten Glas der Tür sah er die Silhouette einer Frau. Für einen Moment überlegte er, ob er nochmals ins Zimmer zurückgehen und sich ein T-Shirt holen sollte, doch nun war er schon hier und öffnete. Vor ihm stand, in einem dunkelblauen Badekleid, Da-ra Baek.
Was folgte?
Wie man es auch anstellte: man konnte das heftige, ja, gewalttätige Begehren dieser Besucherin nicht vorbehaltlos und ausschliesslich auf sich beziehen, auch wenn es zur zweifellos aufregendsten sexuellen Begegnung geführt hatte, an die man sich erinnern konnte. Die Vorgeschichte, die Umstände, das turbulente Ereignis der körperlichen Vereinigung, und vor allem ihr Verhalten und ihre Äusserungen danach weckten Zweifel, ob man überhaupt gemeint gewesen war.
Härri, wieder allein, blieb lange unter der Dusche. ‘Der Kater leckt seine Wunden’ – er wusste nicht, woher dieser Satz kam, der in seinem Kopf drehte. Er stellte sich vor den Spiegel und wischte mit dem Handballen einen Bogen in den Film aus Kondenswasser. Erst jetzt, wo er sie sah, begann ihn die Bissmarke an seiner Schulter zu schmerzen. Sie blutete kaum. Er vermied es, sich in die Augen zu schauen und wandte sich ab.
Er war so verblüfft gewesen, sie vor sich stehen zu sehen, noch dazu in diesem Aufzug, dass er keinen Ton herausbrachte. Sie war überraschend klein ohne die gewohnten Plateausohlen. Ihr Körper zeichnete sich ab unter dem noch feuchten Kunstfaserstoff des Badkleids. Kleine, flache Brüste, Rundungen an Hüfte und Bauch, unter dem sogar die Behaarung zu erahnen war. Endlich wollte er sie fragen:
«Was ...?»
Aber sie hielt ihm den Zeigefinger vor den Mund und sah ihn durchdringend an: schwarze Halbmonde, darüber die scharf geschnittenen Lidfalte, darüber dunkelbuschige Brauen, zuoberst die silberweiss gefärbte Haare. Sie roch nach Sonnencrème, darunter, ganz schwach, nach Rheinwasser.
Das war nicht die normale Da-ra, etwas war in sie gefahren. Ihre Hände und Lippen waren plötzlich überall, sie zog ihn energisch hinüber zum alten Sofa, dabei zerriss sie das Gummiband seiner Hose, die ihn stolpern und hinfallen liess. Sofort war sie über ihm, es schien sie nicht zu kümmern, dass sich seine Erregung erst später ins Geschehen einmischte. Er konnte sich erinnern, dass ihm einmal das Wort «unangemessen» in den Sinn kam, – er hörte es geschrien in seiner Punk-Stimme – und ihn dieser Ausdruck aufgeilte. Da-ra suchte Druck in jeder Berührung, sie bremste ihn in seinen Bewegungen und wollte pressen und gepresst werden. Er verlor das Gefühl für die verstreichende Zeit, und sie bestätigte später, als es vorüber war, dass es ihr gleich gegangen sei. Sonst hatte er kaum die Möglichkeit, etwas zu sagen. Sie redete.
Sie war schon einmal hier, bei seinem Haus gewesen, gegen Ende des letzten Winters. Aurelia hatte ihr verraten, wo Härri wohnte, er war aber nicht zuhause. Es war neblig gewesen, fast windstill, und das Wasser wärmer als die Luft. Und so stiegen überall kleine Dampfsäulen aus dem Rhein, wie Wattebäusche habe es ausgesehen. Bada yeongi nenne man das in Korea, «Meeresrauch». Da sei es über sie gekommen. Sie hatte das schon einmal gesehen, in ihrer Jugend, an einem See in Korea. Auch sein Haus erinnerte sie in Form und Grösse, vor allem aber durch seine Verbindung zum Wasser an die Fischerhäuser damals, die auf Stelzen standen, manche auch im Uferwasser schwammen. Als er fragte, ob sie als Mädchen dort in den Ferien gewesen sei, wollte sie nichts mehr dazu sagen. Stattdessen fragte sie ihn, ob er die Filme von Kim Ki-duk kenne.
Sie begann zu frösteln, also schickte er sie in die Dusche, holte den Schwimmsack mit ihren Kleidern aus dem Eingang und setzte einen Tee auf. Als er die Läden aufklappte, sah er, dass die Sonne tief stand, aber er unterliess es, auf die Uhr zu schauen.
Wieder angezogen, war sie zurückverwandelt in die Da-ra Baeck, die er kannte. Er beantwortete ihre Frage nach den Filmen. Er hatte nur einen gesehen, und davon war ihm vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben, nur ein Bild eigentlich. Ein junger Mönch, der sich einen Mühlstein mit einem Seil an den Hüften befestigt hatte und diesen übers Eis zog. Sein Oberkörper war nackt, und als ob der Mühlstein nicht genug wäre, schleppte er eine bronzene Statue mit sich. Die Stoffschuhe an seinen Füssen liessen ihn immer wieder ausrutschen und hinfallen. Da-ra schien ihm nicht zuzuhören. Sie war schon weiter.
«Das bleibt besser unter uns.», sagt sie in sachlichem Ton und schaute ihn fragend an. Härri nickt nur. Etwas anderes wäre ihm auch nie in den Sinn gekommen. Und es würde wohl bei diesem einen Mal bleiben, dachte er, schon ein wenig bedauernd.

Als es zu dämmern begann und nur noch vereinzelte Menschen den Uferweg entlangspazierten, holte sich Härri eine Bierdose aus dem Kühlschrank, dazu seinen Laptop, und setzte sich draussen auf die Bank, von der aus er auf den Rhein schauen konnte. Die Hauswand in seinem Rücken gab die Hitze des Tages ab und wärmte ihn. Als er die kalte Dose an seine Lippen drückte, merkte er, dass er noch immer ihren Geschmack im Mund hatte. Er nahm mehrere grosse Schlucke ohne zu atmen.
Schon mehrmals hatte er das Internet nach Informationen über Da-ra Baek abgesucht. Erst wenige ihrer Werke hatte er mit eigenen Augen gesehen. Ein Ensemble komplexer Turm-Skulpturen mit Lichtern im Arsenale von Venedig, ein riesiges, silbern glänzendes, aufblasbares Flugzeug und eine laborartige Sciencefiction-Installation in der South Bank von London. Er gab ihren Namen ein, dazu den Filter «Bilder», und erschrak, als sie ihn aus mehreren Porträts anschaute. Wer war sie? Was suchte sie?
Unter den vielen Bildern, die ihren Erfolg als international gefeierte Künstlerin zur Schau stellten gab es ein paar wenige aus ihren Anfängen als Performerin. Verwackelte, unscharfe Stills aus improvisierten Videos: Da-ra Baek in einem monströsen Kostüm, in den Farben von blutigem Fleisch. Unzählige Gliedmassen und Tentakel aus ausgestopftem Stoff hängen an ihr herunter, ihre Arme bewegen die zwei längsten von innen. Sie tanzt oder schreitet durch die Strassen von Seoul, ein anderes Mal von Tokyo, begleitet von den Blicken verständnislos dreinschauender Geschäftsleute, Touristen, Polizeibeamter. Härri konnte sich die Rührung nicht erklären, die ihn ergriff beim Anblick ihrer offenen, schwarzen Haare und der roten Schuhe, die sie zum Kostüm passend ausgesucht hatte. «Sorry I’m suffering» nannte sie die Vorführung, die sie an zwölf aufeinander folgenden Tagen auf sich nahm. Der Mönch aus Kim Ki-duks Film kam ihm wieder in den Sinn, der Mühlstein, die viel zu schwere Statue, das Hinfallen auf dem Eis. Selbst gemachtes Leiden. War es das? Sich selbst Leiden auferlegen, um zu verstehen? Um sich auf den Weg der vier edlen Wahrheiten des Buddhismus zu machen, die da sind erstens: die edle Wahrheit über das Leiden. Zweitens: die edle Wahrheit über die Ursache des Leidens, nämlich den Durst, das Begehren nach den Sinneslüsten, dem Dasein und der Selbstzerstörung? Um dann zur Erkenntnis der dritten und vierten Wahrheit zu gelangen, dass das Leiden beendet werden kann und welche Übungen dazu auszuführen sind? Es durchfuhr in wie ein Blitz, und hastig tippte er seinen Namen in das Fenster der Suchmaschine, verlangte nach «Bildern». Und plötzlich war er sicher, dass auch sie ihn im Netz gesucht hatte. Dass sie auf das verschwommene und verwackelte Video gestossen war, das seinen Auftritt in einem schmuddeligen Club in der deutschen Provinz zeigte.

4.2.24

Nichts ist für immer

Turetti – Es gibt Tage, da machen Härri und ich einen kleinen Ausflug. Er mit seinem E-Bike und ich auf meinem Scooter. Auf meiner «Wolke». Härri hat dem mal so gesagt. Ich auf meinem fahrbaren Untersatz erinnere ihn an den Affenkönig, der auf seiner Wolke über die Meere braust. Fand ich gut. Wobei: so schnell bin ich auch nicht. Aber schnell genug, würd’ ich sagen. Ich habe so einen Tuning-Chip, den ich am Lenker anstecke, einen Booster. Den kann ich schnell verschwinden lassen, wenn ich von den Bullen angehalten werde. Wobei die das in der Zwischenzeit auch kennen ... Aber jedenfalls, auf einer dieser Spazierfahrten, flussabwärts in Richtung des Kraftwerks ... Das ist eine Gegend übrigens, die mir gut gefällt. Nicht so aufgeräumt, wie die Uferwege auf der anderen Seite, wo die Reichen ihre Häuser und Wohnungen haben. Hier gibt’s viele alte Garagen, Lagerhallen, verlassene Geleise und so. Da wird viel gesprayt, Tags und Grafittis – geiles Zeug zum Teil. Kommen wir also zu einer kleinen Fressbude. Dort gibt es richtig leckere Brötchen, und brauchbares Bier. Habe ich Härri gezeigt, und der mochte das dann auch. Wir also: holen uns dort, was wir brauchen und suchen uns einen Platz zum Chillen. Als Lukas auf eine der Bänke am Ufer zusteuert, denke ich: Au nein, bitte nicht die! Aber es ist keine andere frei. Scheisse! Da steht dick und feist, und schon von weitem gut sichtbar drauf: «NÜT ISCH FÜR IMMER». Hab’ ich doch draufgemacht, mit der Spraydose. Ich habe eine mit einem Weiss, das alles schön zudeckt, brauchst du nur einmal drüber. Härri jetzt natürlich – der ist ja ein Augenmensch, der sieht immer alles –, macht Sprüche. So:
«Da war ein Philosoph mit der Spraydose unterwegs», sowas in der Art. Und ich Blödmann wurde wahrscheinlich rot, oder habe ein paar Ticks abgezogen, in einem Rhythmus, dass der gleich Verdacht geschöpft hat.
«Von dir?», hat er gefragt. Und ich musste es zugeben. Dem Härri kann ich nichts vormachen, der merkt das sofort. Und dann, klar, die Standpauke. Als ob er mein Papi wäre. «Du weisst schon, ...Niäniäniä ...? Darfst dich niemals erwischen lassen!», und so weiter. Und dann die Horrorgeschichte von einem Studenten, dem sie die Tags der halben Stadt angehängt hätten. Und er musste sein Leben lang Schulden abzahlen, blabla. Mit der Story ist mir auch der Street-Coach schon gekommen, als sie mich das erste Mal erwischten. Ich musste aber nichts zahlen, war wohl noch zu jung.
Aber ich habe dem Härri dann dort auf der Bank auch eine erzählt, ein wahre. Von dem Graffitti-Künstler in Charkiw. Härri hat schon gemeint, ich rede vom Banksy. Der hat dort auch ein paar Sachen gemacht, ja. So eine Turnerin. Und ein Kind, das einen Judokämpfer flachlegt. Ist schon gut gemacht im Style. Aber ich meinte nicht den. Banksy kann den Krieg dort besuchen als Touri und dann wieder abhauen. Nein, ich meinte den andern, er nennt sich Hamlet. Oder Gamlet, die Ukrainer können ja das H nicht aussprechen. Der lebt dort, habe ich dem Härri erzählt, und der will eben auch dortbleiben. Ist sogar im Militär! Wirklich wahr! Lukas wollte dann weiter, weil ich irgendetwas Krasses gerufen habe und der Typ von der Bude zu uns rübergeglotzt hat. Wir haben unsere Dinger dann gestossen, weil, ich musste ihm das noch fertig erzählen. Der Hamlet malt in seiner Uniform, richtig mit schusssicherer Weste und so. Sein Stil ist speziell, alles mit Pinsel und Farbe. Und nur schwarzweiss. Wirkt gut von Weitem, finde ich. Hab’ ein Video davon gesehen. Die Untertitel waren rumänisch, weiss der Geier warum. Jetzt sage ich das schon wieder! «Weiss der Geier». Das habe ich von Härri, das heisst: ist von seiner Mutter, die hat das immer ... Er musste lachen, als ich das sagte, und ich hab’s gar nicht gemerkt, dass ich das von ihm aufgeschnappt hatte. Jedenfalls, Deepl hat das sofort gemerkt mit dem Rumänisch, und sauber übersetzt. Der Kommandant von dem Hamlet, oder Gamlet, hat ihm befohlen er solle malen! Um seine Kameraden im Schützengraben aufzumuntern. Ob die das überhaupt mitbekommen würden, hat der Härri gefragt. Und ich so: Na klar! Krieg ist endlose Warterei, nicht wie in den Filmen. Der postet seine Filmchen und die Kollegen schauen das dann, wenn’s wummst und kracht um sie herum. Er hat mich übrigens auf die Idee gebracht zu meinem Spruch auf der Bank. Es gibt einen von ihm, so einen kryptischen, der wurde berühmt. Ist ganz kurz auf Ukrainisch, nur wenige riesige Buchstaben, schwarz auf einer weissen Ruinenwand: CHAS CHUYE NAS – ‘DIE ZEIT HÖRT UNS’. Komischer Satz. Aber gut, irgendwie.
Dann wurde es blöd. Lukas, plötzlich ganz ernst, begann über die beiden Kriege zu reden. Er fand es schlimm, dass man nicht weiss, wie lange das noch dauern wird. Finde ich ja auch, aber ich schiebe das halt eher weg als er. Er fing dann an vom Ersten Weltkrieg, weil sie da auch im Schlamm verfault sind in den Gräben. Und viele wurden wahnsinnig wegen dem dauernden Beschuss mit schwerem Geschütz. Vom Chaplin-Film hat er erzählt, den kannte ich nicht. Haben wir dann später mal zusammen geschaut. Der ist hammer! Wie er den ganzen Kriegsmist in etwas Lustiges verwandelt hat, ohne die armen Kerle zu verarschen, die da eingestampft wurden. Und den Film hat Chaplin ja noch während dem Gemetzel gemacht. Respect! Von einem Schriftsteller hat Lukas noch erzählt, ebenfalls in Charkiw. Auch der will dort nicht weg. Ist halt seine Stadt. Ich würde auch nicht abhauen von hier, glaube ich. Also der schreibt Tagebücher, und die kamen jetzt immer wieder in Härris Zeitung. Er schreibe mega, fand er. Könne sehr genau beobachten und so Dinge beschreiben, die andere nicht sehen. Das gefällt Härri natürlich. Wenn einer von Blechen schreibt, die in einer Ruine vom Dach herunterhängen. Im Wind hin und her baumeln und so komische Geräusche machen dabei, dass man an einen Song denken muss, den man kennt. Aber in einer Story kam auch der Hamlet – oder eben: Gamlet – vor mit seinem Spruch. Das stimmte also, was ich ihm erzählt habe.
Wir sind dann wieder aufgestiegen und weitergefahren. Als wir zuhause waren bei ihm, kam er dann nochmals mit dem Tagebuchschreiber. Der traf einmal einen ukrainischen Offizier, und der hat sich geweigert, den Namen des russischen Zombiepräsidenten auszusprechen. Er sagte nur immer: «die Kreatur». Und solange die lebe, würde dieser Krieg niemals aufhören. Und dann habe der Offizier noch gefunden, es müsse doch jemanden geben, der die Skills habe, «die Kreatur» umzubringen. Ich weiss nicht. Vielleicht gibt es auch in meinem Game Monster, die nie jemand besiegen kann. Aber der Spruch heisst ja: «Nichts ist für immer».

29.1.24

Frühling

Das Wetter hatte schon seit Anfang des Jahres verrückt gespielt. Viel zu warm waren die ersten zwei Monate gewesen, und vor allem zu trocken. Im März dann schwankten die Temperaturen in so wilder Folge, dass man beim Verlassen des Hauses nie wissen konnte, ob man richtig angezogen war. Am Dreizehnten sassen die Augster im T-Shirt am Rhein und tranken Bier oder Spritz. Der Monat hatte seinen Charakter mit dem des April getauscht, der sich darauf ausdauernd und regelmässig kühl präsentierte. An den wenigen Tagen mit guter Fernsicht zeigten die Jurahöhen sogar weisse Kappen. Man war also gespannt gewesen auf den Mai. Doch so anhaltenden Regen hatte niemand erwartet. Die Höhenwinde schleppten Girlanden von Atlantiktiefs nach Europa, die sich grau und schwer auf das Land setzten und ihre aus dem Ozean aufgesaugten Wassermassen fahrenliessen. Der Rheinpegel stieg und blieb auf Rekordhöhe. Man musste froh sein um jede Pause im Dauerregen.
Härri hatte sich schon im Januar dazu entschlossen, sein altes Fahrrad durch eines mit Elektromotor zu ersetzen. Nun hatte er endlich vom Händler die Mitteilung erhalten, sein neues Fahrzeug sei abholbereit. Schon nach der kurzen Fahrt vom Industriegebiet im Quartier Herten, wo der Fahrradladen stand, bis zu seinem kleinen Haus war er aber völlig durchnässt worden. Deshalb beschloss er, sich zuerst geeignete Regensachen zu kaufen und die geplanten Erkundungsfahrten auf später zu verschieben. Bis zum alten Akademiegebäude auf der Rheininsel war es nicht weit, da konnte er zu Fuss gehen. Er hatte daran gedacht, einen Schirm mitzunehmen, musste aber den Kampf mit dem Wind schon aufgeben, als er aus dem schmalen Tunnel kam, der den Uferweg unter dem Kopf der Oberen Rheinbrücke hindurchführte. Er trat nochmals zurück ins Halbdunkel der Betonröhre, um den Schirm zusammenzuklappen. Die Böen hatten bereits die Bespannung eingerissen. Leise fluchend machte er sich wieder auf den Weg ins Freie. Der Wind donnerte in seinen Ohren.
Er war auf dem Weg, sich mit Lena Richards zu treffen, einer jungen Wiener Slam-Poetin. Aurelia, seine Kollegin in der Institutsleitung und Verantwortliche für den Bereich Performance, hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht, als er ihr von seinen Plänen zur Frühlings-Projektwoche erzählte. Er wollte schon lange etwas machen zu Werktiteln in der bildenden Kunst. Das Thema musste einen interessieren, wenn man Schüler von Werner Fässler gewesen war, der noch jetzt, wo er sich als Professor in Hamburg hatte pensionieren lassen, mit unversiegbarer anarchistischer Phantasie Serien von Bildtiteln erfand, die sich in Härris Gedächtnis einbrannten und ihn mit Neid erfüllten. Weil er erlebt hatte, wie Fässler seine Titel sowohl hinterher setzte als sie auch im Voraus wie ein Motto für eine noch im Unbestimmten schwebende Bildidee festlegte, hatte er den Plan gefasst, einen Workshop durchzuführen zum Wechselspiel zwischen Wort und Bild. Er hatte zuerst gezögert, die Projektwoche zu zweit zu planen und durchzuführen, weil er den damit verbundenen Mehraufwand scheute. Als sich aber herausstellte, dass Lena seit einem Jahr in Zürich wohnte und schon für die Zeit der Vorbereitung nach Augst kommen wollte – Aurelia bot ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung an – und zudem am Telefon sehr wach und sympathisch getönt hatte, willigte er ein.
Das alte Gebäude der Akademie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf den solideren westlichen Teil der Rheininsel Gwerd gebaut worden, mit der repräsentativen viergeschossigen Fassade gegen Süden, gegen die Altstadt. Die unteren zwei Stockwerke wirkten wuchtig, ein Mauerwerk aus ockerfarbigen Kalkstein-Bossen, das an norditalienische Paläste erinnerte. Darüber zwei klassizistisch anmutende, sehr hohe Etagen mit Bogenfenstern zwischen Halbsäulen und -pfeilern, nach aussen hin unterbrochen durch je zwei halbrunde Nischen, in denen steinerne Musen standen. Hier war der Stein hell, glatt behauen und gelblich. Beide oberen Stockwerke schlossen mit einem mehrfach gegliederten breiten Sims ab. Das Dach, schiefergedeckt, deutete links und rechts einen Turm nur an, dazwischen lagen in einer langen Reihe die Fenster der Ateliers und des Aktsaals. Härri liebte den Anblick des Gebäudes, hielt heute aber den Kopf gesenkt unter der Kapuze, als er die Klinke an der schweren Eichentüre des Hauptportals hinunterdrückte. Sie öffnete sich wie von Geisterhand nach aussen und er trat einen halben Schritt zurück als sei er ein Teil des Mechanismus.
Lena stand vor der gläsernen Loge und unterhielt sich mit Mariette Hayoz, der Sekretärin, Pförtnerin und guten Seele des Instituts. Als er eingetreten war und im Halbdunkel des Eingangs seine Schuhe über den Putzteppich zog, hielt er Lena zuerst für Aurelia. Sie hatte die gleiche rundliche Statur und ebenfalls lange gerade Haare, die allerdings grüne Strähnen hatten und nicht pinkfarbene, wie er beim Nähertreten feststellte. Und als sie sich ihm zuwandte und ihn mit starkem wienerischem Akzent begrüsste, erkannte er ihr jugendliches Alter. Er schätzte sie auf höchstens fünfundzwanzig.
Sie wollte zunächst die Ateliers der Studentinnen sehen, das gefiel ihm. Er führte sie in einen der grossen Räume. Sie trafen darin nur zwei Studenten an, die andern schienen das verlängerte Wochenende mit dem ersten Mai am Montag noch weiter auszudehnen. Zwischen den einzelnen Arbeitszonen standen weiss gestrichene Stellwände, für die je zwei grosse Spanplatten zu einem schmalen Kasten zusammengefügt waren. Im Zwischenraum konnte man Leinwände und andere Bildträger lagern. Neben den vom Institut zur Verfügung gestellten einfachen Möbeln aus Vierkant-Stahlrohren standen allerlei Tische, Kommoden, Kästen und Sitzmöbel herum, eine Flohmarktmischung, welche offensichtlich von den Studierenden organisiert und mitgebracht worden war.
«Die Individualität der Menschen, die hier arbeiten, kann man gut sehen. Toll!», fand Lena. «Wieviel Ordnung oder Unordnung jemand braucht. Die Materialien, Themen ...»
Sie deutete auf zwei aneinanderstossende Ateliers. Das eine sah aus wie ein Bilderlager. Alles war verstellt mit vollgemalten Leinwänden, beschichtet mit einem dichten Gewebe aus weissen und roten Krakeleien. Der Boden war übersäht mit Farbspritzern und zeigte eine ähnliche Struktur wie die Bilder. Tadellos aufgeräumt war der Tisch, auf dem eine schwarze Schneidunterlage aus Kunststoff, ein Stapel Skizzenhefte und ein Laptop, ebenfalls schwarz, sorgsam rechtwinklig ausgerichtet waren. In der anderen Koje verschwand die Tischplatte unter einem Durcheinander aus Computerausdrucken, Kabeln, Leim- und Farbtuben, Filzstiften, zerknüllten Taschentüchern und gebrauchtem Geschirr. In der Mitte lag ein dickes Buch mit dem Titel «FEMINISM and Pornografy». Um dieses Thema schien sich auch die Auslegung von Bildern zu drehen, welche an die weisse Wand gepinnt waren: diverse Vulven und erigierte Penisse, Sexspielzeuge. Dazu kleine Plastikbeutel, in denen Haare, Knochenfragmente, Stofffetzen und getrocknete Früchte und Blüten zu erkennen waren.
Härri musste lachen.
«Ja, da hast du eine unserer Konfliktlinien erkannt! – Schau ...!»
Er zeigte auf ein Brett über dem Durchgang zwischen den beiden Arbeitsplätzen, auf dem ein paar Töpfe mit hängenden Zimmerplanzen standen. Auf der Kante des Bretts klebte ein Stück Abdeckband, auf das mit Filzstift geschrieben war: «Welcome to male territory - Testosteronia!»
Lena klopfte mit den Fingerknöcheln an eine Stellwand.
«Ich liebe das! Und wir sind schon mitten im Thema, oder? Wort und Bild ...»
«Genau!», bestätigte Härri. «Und: Kunst und Aktivismus.»
Er hatte sich im Internet umgesehen nach Videos von Lenas Auftritten und war beeindruckt gewesen von ihrer Präsenz und ihrem Wortwitz. Er musste sich eingestehen, dass sie auf der Bühne besser war als er damals, in seiner Undergroundband. Irritiert und fasziniert war er gewesen vom Kippmoment in einem ihrer Stücke, in dem sie flapsig begann und sich über die tausende von Gelegenheiten lustig machte, bei denen man sich für etwas schämen konnte. Den Hintergrund bildeten die idealisierten Bilder, die von Influenzerinnen als Norm verbreitet wurden und den Durchschnitts-Followerinnen den Alltag zu Hölle machten. Sie plauderte über ihre vielfältigen Versuche der Selbstoptimierung, als sie plötzlich, gegen Ende ihrer Nummer, den Tonfall wechselte, und von Ironie zu Ernst. Sie sprach über Dinge, deren sich zu schämen sie nicht länger bereit sei und erzählte von einem Erlebnis in einem Wellness-Hotel, wo sie – oder die Ich-Slam-Poetin, das war für Härri nicht mehr klar – während einer Massage einen sexualisierten Übergriff erlebte. Auch das Publikum schien schockiert, und das Klatschen war, nach sehr lebhaften Zwischenapplausen und -lachern, zum Schluss auffallend verhalten. Härri hatte sich vorgenommen, sie während der Projektwoche bei Gelegenheit darauf anzusprechen, denn die Frage, wieviel Distanz zur eigenen Geschichte nötig sei in der künstlerischen Arbeit, beschäftigte ihn bei der Begleitung seiner Studentinnen zunehmend. Damit hing für ihn auch die andere Frage zusammen, über die sie sich im Kollegium nicht einig waren: wie direkt und in welcher Form sich die Kunst zu gesellschaftspolitischen Fragen äussern solle. Er war gespannt auf die Zusammenarbeit mit Lena.
Er hätte nicht gedacht, dass es so lustig werden könnte in ihrer Projektwoche. Lena sprudelte nur so von Ideen und hielt die neun Studentinnen und zwei Studenten unermüdlich auf Trab. Es wurde viel gelacht. Sie hatte deutlich weniger Hemmungen als er, den jungen Leuten dreinzureden, die gleich alt oder gar älter waren als sie. Auch mit konkreten Vorschlägen und Ideen hielt sie nicht zurück, und Härri beobachtete erstaunt, wie dankbar diese aufgenommen wurden. Vor allem aber waren Lenas Humor und ihr Sinn fürs Absurde erfrischend, wobei letzterer ihm mehr zusagte als den Studentinnen, die manchmal irritiert reagierten und die krudesten Ideen der Slam-Künstlerin ignorierten.
In der Mitte der Woche gesellte sich noch der IT-Spezialist Miles Kellner für einen Tag zu ihnen. Er hatte sich als Springer für verschiedene Workshops angeboten, um bei Bedarf den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Form von Sprach- und Bildgeneratoren anzuleiten. Härri hatte er dazu überreden können, diese Form des Zusammenspiels von Text und Bild in sein Programm aufzunehmen, und Lena war sofort begeistert gewesen, als er sie darüber informierte.
«Wenn dein Fässler Bildtitel im Voraus setzt, dann macht er doch nichts anderes, als seine Phantasie mit Prompts zu füttern», fand sie, und Härri musste ihr recht geben.
Nun sassen sie alle vor der Leinwand und liessen sich von Miles zeigen, was mit diesen Mitteln möglich war. Härri hatte ihm drei Bilder von Fässler ausgesucht, die witzige und für den Meister typische Titel trugen. Miles forderte den Chatbot auf, die Art und Weise, oder den Stil der Titelgebung zu analysieren und anschliessend einen Titel für ein viertes Bild Fässlers vorzuschlagen, von dem er den Originaltitel für sich behielt. Das hochformatige Bild zeigte ein Sammelsurium von Gegenständen auf einer Tischplatte, die schwindlig schräg die Fläche beherrschte: ein roter Damenschuh, ein altmodischer Telefonhörer mit abgerissenem spiraligem Kabel, eine groteske Maske. Ein phallisches braunes Ding, eventuell ein Sexspielzeug, der untere Teil einer bemalten Leinwand, schief angelehnt an etwas ausserhalb des Bildes. Dazu viele kleine Klekse und Zeichen, Buchstaben vielleicht. In Sekundenschnelle erschien auf dem Bildschirm der Vorschlag des Bots:
«Ein möglicher Titel im Sinne von Fässlers Ansatz könnte sein: ‘Menükarte für das letzte Abendmahl’.»
Ein kurzer Moment lang herrschte verblüffte Ruhe, dann brach Gelächter aus und ein wildes Durcheinander von Fragen, Ausrufen der Verwunderung, Vorschlägen für weitere Eingaben in das System. Man einigte sich darauf, dem Chatbot die Vermutung vorzulegen, Fässler habe zuweilen die Titel als Ausgangspunkt für bildnerische Umsetzungen vorausgesetzt. Er solle unter dieser Annahme ein paar Vorschläge machen, witzig-ernst und absurd-tiefgründig. À la Fässler eben. Was der Computer ausspuckte, sorgte wieder für Heiterkeit und Erstaunen. «Die Melancholie des Dauerläufers – Marathon auf dem Möbiusband» war ein Vorschlag, «Das Flüstern der Bücher – eine Bibliothek kurz vor Schliesszeit» ein anderer. Miles fand, die Studentinnen könnten doch gleich mit bildnerischen Umsetzungen der vom Sprachmodell gelieferten Titel beginnen. Aber weder Härri noch Lena war entgangen, dass es nicht allen wohl war bei dem Gedanken. Man wollte wenigstens im Ansatz verstehen, was man eben erlebt hatte und den Chatbot nicht gleich als «Tool» behandeln, das nicht weiter hinterfragt werden müsse. Also versuchte Miles eine Erklärung.
Die Sprachmodelle gingen, wie man sicher auch schon gehört habe, vom einzelnen Wort aus. Sätze und dann längere inhaltliche Aussagen würden also Wort für Wort zusammengesetzt. Dafür müsse man wissen, wie die Wörter von den Modellen dargestellt und codiert würden. Zahlenreihen würden dafür verwendet, hunderte, wenn nicht tausende von Zahlen für nur ein einziges Wort. Solche Reihen nenne man Vektoren, die, in einem vieldimensionalen Raum, die häufigsten und damit wahrscheinlichsten Relationen zu anderen Wörtern darstellten.
Härri verstand nur halb, was er da hörte. Da er annahm, es gehe auch den andern ähnlich, fragte er nach.
«Kannst du das an einem Beispiel zeigen?»
«Ja, es gibt eine einfache Analogie. Ist nicht von mir, sondern von einem Blogger. Wir kennen die räumliche Codierung von Orten auf der Weltkugel. Washington DC befindet sich bei 38.9 Grad Nord und 77 Grad West. In einer Vektorschreibweise könnte man das ausdrücken als [38.9, 77]. Mit Hilfe dieser Zahlenreihe lässt sich nun eine räumliche Beziehung Washingtons zu anderen Städten herstellen: [38.9, 77], also Washington, liegt näher bei [40.7, 74] – New York – als bei [51.5, 0.1] – London – oder [48.9, -2.4] – Paris. Bei den zwei europäischen Städten sieht man auch gleich an ihrem Vektor, dass sie relativ nahe beieinander liegen.»
«Cool», meinte Lena. «Hast du das alles auswendig gelernt?»
«Ich habe das schon so oft erklärt, irgendwann musste ich nicht mehr auf dem Handy nachschauen.»
«Aber wie geht es dann weiter?» wollte ein Student wissen. «Die Titelvorschläge, die wir da bekommen haben, benötigen ja viel mehr Informationen über mögliche Bedeutungszusammenhänge der Wörter. «Marathon auf dem Möbiusband» zum Beispiel. Da muss beim Wort «Marathon» ja zuerst einmal geklärt sein, ob es sich um den Ort in Griechenland oder um eine davon abgeleitete Sportart handelt. Und wenn das richtig entschieden ist, muss die physische Realität der Laufdisziplin für eine Verwendung des Worts in der Metapher aufgegeben werden. Marathonläufe finden ja auf Strassen statt, und auf einem Möbiusband zu laufen wäre sowieso schwierig ...»
«Ausser in der Schwerelosigkeit und mit magnetischen Schuhen!» flachste Miles. «Nein, du hast natürlich recht. Die aktuellen Sprachmodelle arbeiten mit Vektorräumen von Hunderten oder gar Tausenden von Dimensionen. Und die Wörter werden zwischen den verschiedenen Ebenen zigmal hoch und runter geschickt, dabei mit immer differenzierteren Wenn-dann-Beziehungen versehen. Was wir uns gar nicht vorstellen können, ist für Computer kein grundsätzliches Problem, nur eines der Rechenleistung.»
«... und der Energie, die das frisst!», warf Thea ein, die schon bei Miles’ Vorschlag protestiert hatte, man solle doch die Titel des Chatbots gleich als Anstoss für eigene Bilder nehmen. Lenas Idee wurde schliesslich von allen akzeptiert. Sie teilten die Titel der Maschine per Los unter sich auf, einigten sich auf ein kleines, quadratisches Format und eine kombinierte Technik aus Collage und Acrylmalerei. Zudem machten sie aus, die Umsetzung bis zur Kaffeepause um drei fertigzustellen. Und an wen das Bild weitergegeben werden sollte zur Betitelung.
Als Härri in der Pause vom Klo zurückkam, sah er Lena und Miles auf der pinkfarbenen Treppe unter dem Fenster sitzen. Sie waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Offenbar erläuterte ihr Miles seine transhumanistische Philosophie, denn jetzt gerade hielt er ihr seine linke Hand entgegen. Am Ringfinger haftete eine kleine Handvoll Büroklammern – sein bewährter Trick. Härri schaute um sich, Thea war nicht zu sehen. Er fand sie schliesslich im benachbarten Raum in ihrer Atelierkoje. Sie machte sich Notizen in ein Skizzenbuch.
«Na?», sprach er sie an. «Ist nicht so deine Sache?»
«Doch. Ich find’s schon interessant. Aber es ist auch spooky. Dieses Pseudo-Gespräch: «Bitte machen Sie dies, bitte analysieren Sie jenes ...Und dann geht es sofort los, schneller als jeder Mensch antworten würde. Antworten könnte. Und warum siezt Miles die Maschine überhaupt? Und lobt sie für Antworten, die ihm passend erscheinen? Das ist doch der reine Anthropomorphismus! Ist das einfach Miles? Sein Transhumanist-Ding?»
«Nein, ich glaube nicht. Ich habe ihn auch schon danach gefragt. Er sagt, er mache das aus Erfahrung. Die Maschine gebe qualitativ bessere Antworten, wenn man freundliche und höfliche Prompts eingebe. Er vermutet, und das sage auch die aktuelle Theorie, die Vektoren würden dann eher in Zusammenhänge führen, wo eine gewisse formelle Höflichkeit normal sei. Man bekomme so eher Antworten aus der Welt der Wissenschaft und des seriösen Journalismus.»
Sie schwiegen eine Weile. Dann stand Thea auf und sagte:
«Ich gehe jetzt raus, ich muss nachdenken. Und es hat aufgehört zu regnen. Kommst du mit?»
«Nein, das geht nicht, ich kann jetzt nicht davonlaufen. Aber geh du ruhig. Nachdenken schadet nie.»
Als sie gegangen war, stand er noch am Fenster. Man konnte jetzt zwei Lagen von Wolken erkennen. Die unteren sahen aus wie dreckige Polierwatte nach dem Silberputz. Sie zogen mit grosser Geschwindigkeit von West nach Ost und gaben in ihren Lücken den Blick frei auf eine zweite, viel höher gelegene Schicht, die sich quer und langsamer dazu bewegte. Für einen kurzen Moment blitzte die Sonne auf und überzog die Welt mit blendenden Reflexen. Er ging zurück zu den andern.